Love and Doubt - M. L. Winter - E-Book

Love and Doubt E-Book

M.L. Winter

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Beschreibung

Zwei gebrochene Herzen, gefangen in Misstrauen und Verachtung Die 23-jährige Isa Campbell führt mit ihrer kleinen Tochter Lucy ein harmonisches Leben in Davenstedt, Hannover. Alles läuft perfekt, bis zu dem Tag, als Lucys Erzeuger auftraucht – den Isa eigentlich niemals wiedersehen wollte. Liam MacMurphy, CEO eines Imperiums, hätte auf ein Zusammentreffen mit Isa ebenfalls gerne verzichtet, aber er hat keine Wahl. Sie hat ihm wissentlich seine Tochter vorenthalten. Das wird er ihr niemals verzeihen. Unmissverständlich macht Liam ihr klar, dass er ein fester Bestandteil in Lucys Leben sein will. Isa wird das jedoch unter keinen Umständen zulassen. Zu tief sitzt sein Verrat. Eine Einigung der beiden scheint aussichtslos. Doch dann stimmt Isa widerwillig zu, mit Lucy zwei Monate bei Liam in seiner Heimat Schottland zu bleiben. Schnell entpuppt sich die Zeit mit Liam als eine Reise in die Vergangenheit. Gute Erinnerungen kämpfen gegen die schlechten. Und dann sind da noch die alten Gefühle, die unter der Oberfläche brodeln … Kann es einen Ausweg aus alten Konflikten geben? Und vielleicht sogar eine zweite Chance für ihre Liebe?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Danksagung
Über die Autorin

 

 

 

 

 

 

Love and Doubt

 

Eine zweite Chance für die Liebe?

 
 
 

 

M. L. Winter

 

 

E-Mail: [email protected]

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen.

 

 

 

 

 

 

1. Auflage, April 2022

Copyright M. L. Winter

Umschlaggestaltung: Kristina Licht

Lektorat und Korrektorat: Lektorat Rohlmann und Engels

2. Korrektorat: Lektorat Papiervogel

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten.

Mit Ausnahme der Verwendung in einer Rezension darf kein Teil dieses Buches ohne Genehmigung in gedruckter oder elektronischer Form reproduziert, gescannt oder verteilt werden.

Die Figuren und Handlungen sind frei erfunden. Geschilderte Örtlichkeiten können von realen Schauplätzen inspiriert sein, beinhalten aber oftmals auch fiktive Angaben.

Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Familie kann man sich nicht aussuchen ... Aber ich habe es mit meiner verdammt gut getroffen.

Kapitel 1

 

»Noch nicht einmal heute schaffen sie es, pünktlich zu sein.« Der Atem entweicht geräuschvoll meinem Mund, während ich vor dem Eingang der Kirche warte. Diese Familie macht mich verrückt. Von Mama und Emelia bin ich ja nichts anderes gewöhnt, aber von meiner verantwortungsvollen großen Schwester hätte ich das nicht gedacht. Auch nicht von Papa. »Die lassen sich aber mächtig Zeit.« Ich sehe zu meiner kleinen Tochter. Lucy strahlt mich mit ihrem Gesichtchen an und meine Anspannung verpufft auf der Stelle. Egal welch ein Chaos um mich herum passiert, ein Blick auf meinen Spatz und alles ist gut. »Es ist ja noch nicht arg spät. Sie kommen bestimmt gleich.« Ich setze mich auf die Bank. Den Buggy drehe ich so, dass Lucy mir gegenübersitzt. Ich denke an die Zeremonie und kann nicht glauben, dass meine kleine Tochter heute schon getauft wird. Es kommt mir eher so vor, als hätte ich sie erst vor Kurzem geboren. Diese Erinnerung ist sehr lebhaft in meinen Gedanken verankert. Niemals werde ich es vergessen. In dieser Nacht hatte es wie verrückt geschneit. Wer nicht unbedingt auf die Straße musste, blieb zu Hause. Aber ausgerechnet diesen Tag hatte sich meine kleine Lucy ausgesucht, um uns kennenzulernen. Die Geburt war alles andere als leicht, vor allem habe ich die Schmerzen unterschätzt. Es fühlte sich an, als würde ich von innen heraus zerrissen werden. Schnell hatte ich meine Belastungsgrenze erreicht und konnte nicht mehr. Aber die Ärztin drängte mich dazu, weiterzupressen. Am liebsten hätte ich ihr entgegengeschrien, dass sie es doch selbst machen soll, aber ich schluckte meinen Ärger hinunter. Sie versuchte schließlich nur, mir zu helfen. Tränen strömten über meine Wangen. Und dann geschah es: Die Sonne zwängte sich zwischen die dicken grauen Wolken hindurch und schien durch das Fenster. Ich spürte auf einmal neue Energie durch meinen Körper strömen und presste. Mama hielt meine Hand und sprach mir gut zu, Papa wartete derweil draußen. So gut es ging, unterstützte ich Lucy auf ihrem Weg, aber die Kleine ließ sich Zeit. Ich war fix und fertig, doch als ich dieses kleine Wunder endlich in meinen Armen hielt, war es die ganzen Anstrengungen und Schmerzen wert. Mich überkam ein unbeschreibliches Glücksgefühl und ich wollte Lucy nie wieder loslassen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In meinem Rücken höre ich Geschirr klappern. Die evangelische Kirche ist auch gleichzeitig das Gemeindehaus. Jeder ist eingeladen, um hier zusammenzukommen und über Gott und die Welt zu diskutieren. Mir gefällt das. Hier ist es nicht wie in einem verstaubten Museum, auch wenn die Inneneinrichtung mit ihren uralten Gefäßen und Steinfiguren das vermuten lässt. Lucys Kuscheltier-Löwe fällt aus dem Buggy. Ich bücke mich, um ihn aufzuheben. Sofort streckt sie ihre Fingerchen danach aus. Und kaum ist er wieder wohlbehalten in ihren Händen, spielt sie weiter. Das kurze Zeitfenster nutze ich, um meine beste Freundin anzurufen. Beim zweiten Freizeichenton hebt sie schon ab. »Moin, meine Süße. Mit dir hätte ich jetzt nicht gerechnet.« »Hi, Maggie«, sage ich fröhlich. »Du meinst, weil in einer halben Stunde die Taufe losgeht? Ach, alles gut.« Ich höre sie am anderen Ende der Leitung lachen. »Was haben sie denn mit dir gemacht? Ich hätte gewettet, du bist ein reines Nervenbündel.« »Nö, wieso denn? Meine Familie hat die Ruhe weg, da habe ich sie schon lange.« »Wie soll ich das denn jetzt verstehen?« »Ich bin mit Lucy bei der Kirche. Und nun rat mal, wer nicht.« »Nicht wahr! O Mann. Du hättest ihnen sagen sollen, dass der Gottesdienst schon um 9 Uhr losgeht. Dann wären sie jetzt zumindest pünktlich«, witzelt Maggie. »Jepp, das hätte ich machen sollen. Aber jetzt ist es zu spät«, grummle ich. »Sie kommen bestimmt gleich.« »Falls nicht, kannst du dich schon mal ins Auto setzen und nach Davenstedt kommen. Dann nehme ich dich als Lucys Patin und meine Schwestern haben Pech.« Langsam werde ich doch etwas genervt, weil sie noch nicht da sind. Dabei hatten wir vereinbart, uns um 10.15 Uhr vor dem Eingang zu treffen. »Ich wäre wirklich verdammt gerne bei Lucys Taufe dabei«, holt mich Maggie aus meinen Gedanken. »Hast du noch mal mit deinem Chef gesprochen?« »Keine Chance«, brummt Maggie. »Weil dieser Kerl kein Privatleben hat, dürfen seine Angestellten auch keins haben.« Ich fühle mit meiner Freundin. »Also hat sich die angespannte Situation noch nicht gelegt?« »Es ist sogar noch schlimmer geworden.« Maggie seufzt. »Selbst nach knapp einem Jahr hält sich dieser Bubi immer noch für den Größten und lässt es auch jeden spüren.« Ich schüttle den Kopf. »Mit Ende zwanzig ist er aber schon lange kein Bubi mehr.« »So lange er nicht anfängt, sich wie ein Erwachsener zu benehmen, werde ich nicht aufhören, ihn so zu nennen.« »Punkt für dich«, stimme ich meiner Freundin zu. »Dann gehe ich mal davon aus, dass die Geschäftsleitung ihn noch nicht durchschaut hat?« »Leider nicht. Obwohl er bei seiner Einstellung so viele Versprechungen gemacht hat und bisher keine davon einhält. Nicht mal neue Kunden hat er an Land gezogen.« Schweigen macht sich breit. Ich sehe mich um, ob meine Familie vielleicht doch endlich mal auftaucht. Was natürlich nicht der Fall ist. Im nächsten Moment höre ich, wie Maggie schwer in den Hörer atmet. »Alles okay mit dir?« »I-ich musste nur gerade an etwas denken«, kommt es zögerlich über ihre Lippen. »An deinen Chef?« »Werd jetzt bitte nicht sauer, aber ich dachte gerade an Liam.« Ich spanne mich automatisch an. »Wieso das denn?« Dieser Kerl ist wirklich der Allerletzte, an den ich jetzt denken will. »Meinst du nicht, Lucy sollte ihren Papa kennenlernen?« »Wozu? Es ist ja nicht so, dass sie etwas verpassen würde.« Selbst in meinen Ohren klang das gerade schnippisch. »Sorry, ich wollte dir nicht die Stimmung vermiesen.« »Schon okay. Liam habe ich längst unter der Kategorie: Jugendsünden, aus denen man lernt, abgeschrieben.« »Es ist trotzdem irgendwie traurig. Eure Liebesgeschichte war wirklich einmalig.« »Im Gegensatz zum Beziehungsende.« Ich schnaube in den Hörer. Als hätte Maggie einen Schalter angeknipst, sehe ich ihn plötzlich vor mir. Er war nicht nur sexy, charmant und aufmerksam, er schien auch sein Herz am rechten Fleck zu haben. Doch die Realität sah ganz anders aus. »Stimmt, euer Ende war schon eher klischeehaft: der Chef, der mit seiner Sekretärin fremdgeht.« Auch sie atmet schwer in den Hörer. Als ich es herausfand, brach für mich eine Welt zusammen. Ich habe diesen Mistkerl wirklich geliebt. Konnte mir sogar eine gemeinsame Zukunft mit ihm vorstellen, obwohl wir uns erst so kurz kannten. Schnell verbanne ich diese Empfindungen aus meinem Bewusstsein. Ich will mir nicht die Laune durch trübe Gedanken an meinen Ex verderben lassen. »Ich bin immer noch hin- und hergerissen, ob du deinem Vater nicht doch die Identität von Liam hättest sagen sollen«, höre ich Maggie sagen. »Dein Vater wäre schnurstracks nach Schottland und hätte dem Kerl Manieren beigebracht.« »Das wollte ich eben nicht, weswegen ich meiner Familie auch nur gesagt habe, dass er kein Interesse an einem Kind hat und wir deshalb den Kontakt abgebrochen haben. Du bist die Einzige, die die Wahrheit kennt. Außerdem ist das Kapitel für mich durch. Ich will weder an diesen Mistkerl denken, noch werde ich zulassen, dass er jemals von Lucy erfährt.« »Und wenn sie irgendwann einmal nach ihrem Vater fragt?« »Ich hoffe, dass dieser Tag noch sehr weit in der Zukunft liegt. Aber wenn sie es wirklich wissen will, dann werde ich ihr die Wahrheit sagen.« Ich hebe meinen Blick Richtung Parkplatz. »Na endlich … Paps VW fährt gerade vor.« »Siehst du. Hab ich dir doch gesagt«, zieht mich Maggie auf. »Jaja. Ich werde nie wieder an deinen Worten zweifeln.« Ich grinse. »Das hoffe ich auch mal stark für dich.« Ich höre Maggie kichern. »Dann habt einen ganz tollen Tag.« »Das werden wir. Danke!«, versichere ich. »Wir telefonieren später.« »Machen wir. Ganz viel Spaß und drück die kleine Lucy von mir.« Ich lege auf, verstaue das Handy in meiner Tasche und stehe auf. Emelia erscheint als Erste in meinem Blickfeld. Ihr blondes Haar wippt bei jeder Bewegung auf und ab. Sie trägt ein knielanges Kleid in Dunkelrosa und mit Spitzenapplikationen. Als Nächstes kommt Zhara. Sie trägt das gleiche Modell wie Emelia. Nur ist das Kleid von Zhara türkis, was perfekt zu ihren dunklen Haaren passt. Ich seufze innerlich. Noch nicht einmal heute hat sie auf das Glätten verzichtet, dabei hat sie von Natur aus eine so schöne Lockenpracht, ebenso wie Emelia. Ich bin die Einzige, der man künstlich nachhelfen muss. »Schön, dass ihr auch endlich mal auftaucht«, sage ich anstelle einer Begrüßung. »Die Schuld liegt nicht bei mir.« Zhara hebt abwehrend ihre Hände. »Sag das unsrer kleinen Schwester, die das Bad über zwei Stunden belegt hat.« »Ey, was kann ich denn dafür. Schminken und Styling ist ein langwieriger Prozess. Das geht nicht gerade mal zwischen Tür und Angel.« Zhara und ich wechseln einen vielsagenden Blick.

 

***

 

Punkt 11 Uhr beginnt der Gottesdienst. Heute werden noch zwei weitere Babys getauft. Olivia und Marvin. Olivia ist sechs Monate und ihre Eltern arbeiten beide für eine Versicherung. Marvin ist sieben Monate. Seine Mutter ist Kassiererin und sein Vater ist in der Buchhaltung einer mittelständigen Firma tätig. Beide Elternpaare sind sehr nett. Ich winke ihnen zu, bevor ich meine Aufmerksamkeit geradeaus zu Charlotte richte, die sich mit ihrem kleinen schwarzen Hefter vor den Altar stellt. Ich grinse. Mir kommen die ersten Wochen in den Sinn, als sie in unsere Gemeinde kam. Vorher hatten wir noch nie eine Pfarrerin, was mächtig für Furore sorgte. Vor allem bei den älteren Gemeindemitgliedern, die erst wenig begeistert waren und die Gottesdienste mieden. Aber mit der Zeit hatte es sich gelegt und die Predigten sind so gut besucht wie noch nie. »Guten Morgen. Wir sind hier alle zusammengekommen, um drei neue Gemeindemitglieder willkommen zu heißen. Beginnen werden wir mit Lucy Campbell. Isa, würdest du bitte mit dem Täufling und den Taufpaten nach vorne kommen?« Charlotte lächelt mir beruhigend zu. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich ihrer Aufforderung Folge leiste und mit Lucy zum Taufbecken gehe. Den genauen Ablauf haben wir gestern besprochen. Ich werfe einen raschen Blick zurück. Emelia und Zhara sind bereits dicht hinter mir. Ein Glück. Mit den beiden fühle ich mich gleich viel sicherer. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Obwohl es ja heute um meine Tochter geht.Wir stellen uns auf unsere Positionen und ich wechsle einen Blick mit meinen Schwestern. Für meine Tochter könnte ich mir keine besseren Patinnen wünschen. Emelia hat nicht nur ein außergewöhnliches Gespür für Stil und Geschmack, sie ist auch sehr emphatisch. Sie setzt sich für andere ein und urteilt nie vorschnell. Ich bin überzeugt, mit ihr könnte Lucy viel Gutes bewirken. Und sieht man mal von dem Ordnungsfimmel meiner großen Schwester ab, kann meine Tochter auch einiges von Zhara lernen. Zum Beispiel, dass man niemals aufgibt, wenn es schwierig wird und dass man seine Träume verwirklichen kann. Charlotte gibt mir mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass ich näher kommen soll. Ich halte meine Tochter so, dass ihr Kopf über dem Taufbecken schwebt. Sie bleibt ganz ruhig in meinem Arm. Mir fällt ein Riesenstein vom Herzen. Ich dachte schon, sie würde wie wild zappeln und ich hätte meine liebe Mühe, sie in dieser Position zu halten. Charlotte nimmt den Wasserkrug zur Hand und hält ihn gerade über Lucys Schopf, als ein lautes Knarzen die Stille unterbricht. Ich drehe meinen Kopf wie alle anderen Richtung Tür. Ein hochgewachsener Mann kommt herein. Sofort nehme ich Lucy wieder hoch. Ungläubig starre ich ihn an. Es dauert einige Herzschläge, bis ich diesen Anblick verarbeitet habe. Seine dunkelbraunen Haare sind kürzer als in meiner Erinnerung. Je näher er kommt, umso unregelmäßiger geht mein Atem. Instinktiv drücke ich Lucy fester an meine Brust. Verdammt. Wie hat er mich bloß nach all der Zeit finden können? Ich sehe in sein Gesicht, das keine Regung zeigt, und spüre, wie ich langsam die Fassung verliere. Er hat hier überhaupt nichts verloren. Schnell suche ich eine Möglichkeit, Lucy vor ihm in Sicherheit zu bringen. Zuerst muss meine Tochter außer Reichweite, bevor ich diesem Kerl entgegentreten kann. Doch alles, was ich sehe, sind die bunten Milchglasfenster an beiden Seiten des Saals. Es gibt nur einen Weg aus der Kirche hinaus und der führt direkt an ihm vorbei. Ich versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf keinen Fall will ich hier eine Szene machen, obwohl alles in meinem Inneren danach schreit, diesem Liam MacMurphy die Augen auszukratzen.

Kapitel 2

Ohne etwas zu sagen, halte ich Zhara Lucy entgegen. Meine große Schwester zögert, nimmt dann aber meine Tochter in ihre Arme. Ich sehe die vielen Fragezeichen auf ihrem Gesicht, aber gerade fehlt mir die Zeit, es ihr zu erklären. Entschlossen trete ich diesem Kerl entgegen. Er ist mittlerweile stehen geblieben. Bei jedem Schritt, den ich mache, spielen meine Hormone ein bisschen mehr verrückt. Ich erinnere mich an die Zärtlichkeiten, die wir ausgetauscht haben, und wie sicher ich mich in seiner Gegenwart gefühlt habe. Tja, er wusste eben ganz genau, welche Knöpfe er bei mir drücken musste. Spielte den strahlenden Ritter auf einem weißen Ross überaus perfekt. Und ich blöde Kuh fiel auch noch voll darauf herein. Schnell verbanne ich diese Gefühle. Ich bin schließlich nicht mehr dieses naive Mädchen von damals. Heute bin ich eine stolze Mama. Kämpferisch trete ich ihm entgegen. Leider habe ich vergessen, wie groß er ist. Ich reiche ihm bloß bis zum Kinn, weswegen ich zwei Schritte zurücktrete, damit ich ihm ins Gesicht sehen kann. »Was willst du hier?«, frage ich ohne Umschweife. Liam verzieht keine Miene. »Ich würde doch niemals die Taufe meiner Tochter verpassen wollen«, verkündet er in fast akzentfreiem Deutsch. »Auch wenn du alles dafür getan hast, sie vor mir zu verstecken.« Ein Raunen geht durch die Kirche und lässt die Schutzmauer, die ich mir mit meiner Notlüge errichtet habe, langsam in sich zusammenfallen. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Das ist alles bloß ein schlechter Traum, aus dem ich gleich aufwachen werde. Um es zu beschleunigen, kneife ich mir in den Oberschenkel. Mich durchzuckt ein spitzer Schmerz, der mir unmissverständlich zu verstehen gibt, dass ich nicht träume. Ich war felsenfest davon überzeugt, diesen Arsch niemals wieder gegenüberstehen zu müssen. Dass er jetzt so einfach hier auftaucht, macht mich wütend. Ich fühle mich verletzt und ausgenutzt. Diese Empfindungen sind immer noch so heftig, als wäre es gerade erst passiert. Ich hebe meinen Blick und sehe Liam an. Dieser aufgeblasene Blödmann verzieht keine Miene. Woher weiß er überhaupt von Lucy? Doch anstatt ihm genau diese Frage zu stellen, höre ich mich selber sagen: »Verpiss dich!« Boah, Isa, das war jetzt echt erwachsen.Und was macht dieser arrogante Kerl? Er grinst mir höhnisch ins Gesicht. Wow, eine erste Reaktion von ihm. Er macht schon seinen Mund auf, aber Charlotte ist schneller. »Planänderung. Wir beginnen mit der Taufe von Olivia und dann geht es mit Marvin weiter. Isa, regelt draußen eure Angelegenheiten und dann starten wir einen neuen Versuch.« Ich nicke ihr dankend zu. Mein Blick wandert weiter zu Lucy. Gerne würde ich sie in meine Arme schließen, aber in dieser Situation ist es besser, wenn sie bei Zhara bleibt. Resigniert wende ich mich ab und marschiere Richtung Tür. Dabei vermeide ich es tunlichst, jemanden anzusehen. Schwere, dumpfe Schritte folgen mir. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es sich dabei um Liam handelt. Kaum lasse ich den Raum hinter mir, schreite ich zielstrebig auf den Aufenthaltsraum der Kirche zu. Mehrere Vierer- und Sechsertische stehen bereit, doch im Augenblick kann ich mich nicht ruhig irgendwo hinsetzen. »Ich bin gleich wieder da«, nuschle ich. Mit Tunnelblick gehe ich quer durch den Raum bis hinüber zur verglasten Schiebetür. Meine Hand schließt sich um die kalte Klinke aus Edelstahl und ich drücke sie nach unten. Schnell ist die Tür auf und ich trete hinaus in den Hinterhof. Hohe Büsche trennen das Grundstück von den umliegenden Häusern. Das Gemeindehaus besteht komplett aus Backsteinen mit vereinzelten Fenstern aus buntem Milchglas. Tief atme ich die frische Luft ein und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Liam nach allem wiederzusehen, ist nicht leicht. Damals glaubte ich, mit ihm einen besonderen Menschen gefunden zu haben. Alles schien plötzlich möglich zu sein … Bis hin zu diesem Glücklichsein bis ans Ende unseres Lebens. Zwar hatte ich vor Liam bereits Beziehungen, jedoch hätte ich mir nie vorstellen können, einmal so intensiv für einen anderen Menschen zu empfinden. Natürlich gab es diese körperliche Anziehungskraft, aber mit Liam fühlte es sich tiefgründiger an. Als wäre ich vollständig. Ein Gefühl wie Geburtstag, Ostern und Weihnachten in einem, obwohl selbst diese Beschreibung meinen Empfindungen von damals nicht gerecht werden kann. Plötzlich ist der Schmerz wieder so präsent, aber auch die Zuneigung, die mich damals mit ihm verbunden hat – auch wenn seine Gefühle für mich nur Show waren. »Ich kann nicht behaupten, dass ich mich freuen würde, dich wiederzusehen.« Leicht zucke ich zusammen. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass er nicht drinnen auf mich warten würde. Er gönnt mir noch nicht einmal eine kurze Verschnaufpause. Ich straffe die Schultern. Entschlossen drehe ich mich um und erwidere: »Dito!« Seine Augenbraue zuckt nach oben, was mich noch mehr aufregt. »Du kannst gerne verschwinden. Ich garantiere dir, niemand wird dich aufhalten«, gehe ich sofort in Angriffsstellung. »Glaub mir, das würde ich sehr gerne, aber was ich will, spielt schon längst keine Rolle mehr.« »Komisch. Ich dachte, es geht einzig und allein um deine egoistischen Bedürfnisse.« »Wäre dem so, hätte ich keine Tochter, von der ich erst gestern erfahren habe.« »Ich bedaure dich später«, erwidere ich spitz. »Wie ich auf dich hereinfallen konnte, bleibt mir ein Rätsel.« Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Wie kann er es bloß wagen? »Du solltest dringend mal mit jemanden über deine Wahnvorstellung reden. Ich geh jetzt wieder rein und du verschwindest und lässt dich gefälligst nie wieder hier blicken.« Ich will an ihm vorbeigehen, aber er stellt sich mir in den Weg. »Warum hast du mir nicht von Lucy erzählt? Du weißt, wie sehr ich Unehrlichkeit verabscheue.« »Weil es dich nichts angeht!« »Meine Tochter geht mich also nichts an?« »Du bist nicht ihr Vater.« Er stößt ein tiefes Brummen aus. »Dafür sieht sie mir aber verflixt ähnlich.« »Du willst es wohl nicht verstehen was? Lucy ist meine Tochter. Sie braucht keinen Vater wie dich.« »Wie mich? Was soll das bedeuten?« Erneut zuckt seine Augenbraue nach oben. Dieser Kerl macht mich wahnsinnig. »Schöner Schein, aber nichts dahinter«, erkläre ich. »Dito.« Ich versuche, mich nicht von ihm aus dem Konzept bringen zu lassen, und frage: »Wie hast du von Lucy erfahren?« Das interessiert mich brennend. »Privatdetektiv«, antwortet er mit einem Schulterzucken. »Privat- was?« »Stell dir vor, dein plötzliches Verschwinden hat mich nicht kaltgelassen.« Sein Tonfall ist ruhig, ohne jegliche Reue oder Schuldgefühl. »Nachdem ich es wusste, habe ich mich sofort um einen Flug gekümmert. Adam hat den Jet, kommt aber morgen früh.« »Wohin?« »Hierher.« »Weshalb sollte dein Bruder hierherkommen?«, frage ich ungläubig. »Du meinst wohl, ich würde gleich nach der Taufe wieder abreisen. Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich werde nicht so schnell aus Davenstedt verschwinden.« »Was soll das bedeuten?« »Isa, kommst du? Lucy ist gleich an der Reihe.« Zhara steht am Eingang der Schiebetür und mustert uns wachsam. Wir müssen ein interessantes Bild abgeben. Beide haben wir das Kinn vorgeschoben und sehen uns entschlossen an. Die Spannung ist förmlich greifbar, sie schwebt zwischen uns. Eine falsche Bewegung und sie explodiert. Ich zwinge mich, als Erste den Blickkontakt zu unterbrechen. Hier ist weder der richtige Ort noch die richtige Zeit, dieses Gespräch mit ihm fortzusetzen.

 

Liam

 

Ich sitze nicht weit vom Taufbecken entfernt, neben mir zwei Elternpaare, die jeweils ein Kind im Arm halten. Ich nicke ihnen zur Begrüßung zu, wende mich aber im nächsten Augenblick dem Szenario zu, das sich vor mir abspielt. Isa hält die kleine Lucy über das Taufbecken, dessen Sockel und Bauch aus Backsteinen bestehen. Die Pfarrerin geht hinüber zum Altar. Vorhin habe ich mich hauptsächlich auf das Kind und Isa konzentriert, weswegen es mir nicht in den Sinn kam, dass die vierte Frau vor mir, ich schätze sie auf Mitte bis Ende 20, der Pfarrer sein könnte. Aber ich finde das gut. Schon viel zu lange war dieser Beruf eine reine Männerdomäne. Sie nimmt einen Krug aus blauem Porzellan zur Hand und geht mit großen Schritten zurück zum Taufbecken. Wieder an ihrem Platz senkt sie das Gefäß und lässt das Wasser langsam über den Kopf von Lucy laufen. Die Kleine zappelt, bleibt aber sonst ruhig. Man hört es leise plätschern, während sich das Wasser in dem Becken aus Gusseisen vereint. Stolz überkommt mich. Nur zu gut erinnere ich mich an die Taufe von Merle. Sie hatte noch nicht einmal einen Tropfen Wasser abbekommen und bereits wie am Spieß geschrien. Das hielt sie auch konsequent die ganze Zeremonie durch. Erst draußen an der frischen Luft konnte Adam seine Tochter beruhigen. »Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.« »Amen«, ertönt es einstimmig. Auch ich sage es kurz darauf. Ich sehe, wie Isa die Kleine wieder aufrecht in ihre Arme nimmt. Die Pfarrerin reicht ihr ein Tuch, mit dem sie Lucy vorsichtig über den Kopf tupft. »Ich frage dich, Isa, willst du Lucy im christlichen Glauben erziehen?« »Ja!«, bestätigt sie mit fester Stimme. Als Erwiderung nickt die Pfarrerin. »Ich richte nun meine Frage an die beiden Taufpaten. Wollt auch ihr Lucy im christlichen Glauben erziehen?« »Ja, das wollen wir«, sagen sie fast synchron. Nun bei Lucys Taufe zu sein, ist seltsam. Vor allem weil ich nie darauf aus war, einmal in meinem Leben Vater zu werden. Es ist, als würde ich das alles bloß träumen. Als wäre es eine Halluzination, die einfach nicht wahr sein kann. Aber schaue ich auf die kleine Miniausgabe von mir, habe ich den deutlichen Beweis, dass dieser Umstand sehr real ist. »Lucy, wir heißen dich in unserer Mitte willkommen«, spricht die Pfarrerin. Es wird applaudiert und mir wird warm ums Herz. Nie hätte ich es mir verziehen, wenn ich diesen besonderen Moment im Leben von Lucy verpasst hätte. Meiner Tochter. Verdammt, bis vor wenigen Stunden wusste ich noch nicht einmal, dass sie existiert. Als ich es erfuhr, stand für mich fest, dass ich nach Davenstedt muss. Es war wie ein innerer Instinkt. Erst als ich im Flugzeug nach Hannover saß, schlugen die Emotionen wie ein Hammer auf mich ein: die Angst darüber, jetzt Verantwortung für einen kleinen Menschen zu tragen, und auf der anderen Seite Freude bei dem Gedanken, eine Tochter zu haben. Doch schnell gingen meine Empfindungen in eine andere Richtung. Zorn und Verachtung überkamen mich, als ich an Isas Verrat dachte. Ich beiße die Zähne fest zusammen. Diese falsche Schlange steht stocksteif da und betrachtet mich wie irgendein ekliges Insekt. Das weckt meinen Unmut. Wie kann man nur so abgebrüht sein? In meinem Leben sind mir bereits die unterschiedlichsten Menschen begegnet – was bei meiner Arbeit nicht ausbleibt –, daher dachte ich, dass mich nichts mehr überraschen könnte. Aber Isa hat mir das Gegenteil bewiesen. Sie hat mit meinen Gefühlen gespielt und mich hinters Licht geführt. Fuck, sie hat mir bewusst meine Tochter vorenthalten. Das werde ich ihr nie verzeihen. Mit halbem Ohr höre ich zu, wie die Pfarrerin den Segen spricht, woraufhin sich im Anschluss die Ersten erheben. Ich stehe ebenfalls auf, als die junge Pfarrerin direkt auf mich zukommt. »Ich würde gerne mit Ihnen und Isa in meinem Büro sprechen.« »Und wieso?« »Weil ich denke, dass das nötig ist.« Ihr autoritärer Tonfall lässt keinen Widerspruch zu. Ich bin gespannt, was das zu bedeuten hat.

 

Isa

 

»Nun gut, ihr zwei. Es war kaum zu übersehen, dass ihr viel Zorn, aber auch Enttäuschung in euch tragt. Als Pfarrerin dieser Gemeinde und weil ich dich, Isa, seit einem halben Jahr besser kenne, würde ich mich gerne als Vermittlerin anbieten.« Charlotte deutet mit der Hand zu ihrem Schreibtisch in Hexagon-Form. Entschlossen gehe ich darauf zu. Unsere Schritte werden von dem königsblauen Teppich verschluckt. Charlotte nimmt neben mir Platz, Liam sitzt mir direkt gegenüber. »Ich fasse es einfach nicht, dass du mir einen Detektiv auf den Hals gehetzt hast!«, platzt es aus mir heraus. »Du hättest mir viel Zeit und Geld ersparen können, wenn du mir von Anfang an gesagt hättest, dass du nicht direkt in Hannover wohnst.« Fassungslos schüttle ich den Kopf. Ich habe mir damals nichts weiter dabei gedacht, als ich ihm erzählte, dass ich aus Hannover komme. Der Ort war ihm ein Begriff, weswegen ich nicht aufklärte, dass es sich bei meiner Heimat eigentlich um einen Vorort davon handelt. »Lucy ist meine Tochter und ich will an ihrem Leben teilhaben«, reißt mich Liam unsanft aus meinen Gedanken. »Das kannst du gleich vergessen!«, gebe ich zurück. Wenn es um meine Tochter geht, hört der Spaß auf. Schon schlimm genug, dass ich auf seinen Charme hereingefallen bin. Der Sturz in die Realität danach war umso schmerzvoller. Niemals werde ich zulassen, dass er Lucy emotional so verletzt, wie er es bei mir getan hat. »Ich entscheide zum Wohl meines Kindes und garantiere dir, dass es bei dieser einmaligen Begegnung bleiben wird!« »Ach ja?«, fragt er gelangweilt. »Darauf kannst du Gift nehmen. Und nun fahr wieder heim.« Ich zeige mit meinem Finger zur Tür. »Was ist, wenn ich das nicht will?« »Tja … dein Pech.« Ich sehe ihn unverwandt an. »Wenn du meine Tochter weiterhin vor mir versteckt hältst, verspreche ich dir, dass ich das Sorgerecht für Lucy einklagen werde.« »Das wagst du nicht!«, keuche ich. Als Reaktion zieht er eine Augenbraue nach oben. »Fahr zur Hölle«, knurre ich. »Okay, genug. Normalerweise höre ich erst zu, bevor ich einschreite, aber um die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen, solltet ihr erst einmal tief Luft holen. Vor allem du, Isa.« Ohne auf Charlottes Worte zu reagieren, funkelt mich Liam weiter böse an. »Du hast mich von Anfang an verarscht.« Sein Mund formt sich zu einer schmalen Linie. »Wie kommst du denn auf diesen Mist?«, gifte ich zurück. »Spiel ruhig das brave Mädchen, aber ich weiß es besser.« »Was weißt du besser?« Er brummt genervt. »Du hast mit mir gespielt.« »Wag es bloß nicht, mich hier als die Böse hinzustellen.« Ich hebe drohend meinen Zeigefinger in seine Richtung. »Habe ich etwa einen Nerv getroffen?«, spottet er. »Tz. Das hättest du wohl gern.« Er atmet tief ein. »Ich bin Lucys Dad und will Teil ihres Lebens sein.« Ich sehe in sein ausdrucksloses Gesicht. »Wie oft denn noch? Du wirst niemals ein Teil ihres Lebens sein!«, sage ich und versuche dabei, ruhig zu bleiben. »Sie ist genauso meine Tochter wie deine.« »Du bist zwar der Erzeuger, aber nicht ihr Vater. Wir kommen hervorragend ohne dich aus und so wird es auch bleiben.« »Lucy ist zur Hälfte eine MacMurphy. Was kannst du ihr schon bieten?« »Geld kann keine Liebe ersetzen.« »Was weißt du denn von Liebe?«, schleudert er mir entgegen. Er nimmt den Mund ganz schön voll. »Ich würde dir raten, nicht gegen mich zu agieren.« »Sonst was?«, bohre ich nach. »Du kennst doch den Einfluss, den ich habe. Wenn du Lucy weiterhin vor mir versteckt halten willst, werde ich meine Verbindungen nutzen und das alleinige Sorgerecht erkämpfen. Und dann siehst du Lucy so schnell nicht wieder.« »Stopp!«, sagt Charlotte. »Eure Emotionen kochen gerade ziemlich über. Ich schlage vor, ihr beruhigt euch erst einmal, bevor noch weitere Worte fallen, die ihr hinterher bereuen werdet.« Charlotte hat recht, aber ich kann unmöglich noch länger in einem Raum mit dieser Pestbeule sein. Mehr als deutlich spüre ich, wie sehr mir die Auseinandersetzung zusetzt. Meine Hände zittern wie Espenlaub und mein Herz schlägt heftig gegen meine Brust. Ich bin im Moment viel zu emotional und kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich in diesem Zustand keine erwachsene Unterhaltung führen kann. Besser, ich reagiere mich erst einmal ab. Ein ausgedehnter Spaziergang wäre gerade genau das Richtige. »Du willst nur helfen, das weiß ich Charlotte, aber ich kann das jetzt nicht. Ich muss das alles erst einmal für mich verarbeiten«, sage ich, um meine verwirrenden Gefühle in Worte zu fassen. »Du kannst mich jederzeit anrufen.« »Danke dir.« Ich nicke Charlotte zu, bevor ich mich in Bewegung setze und an Liam vorbeigehe. Dabei sehe ich ihn nicht an. Meine Hand umschließt den Knauf der Tür, als mich seine Stimme innehalten lässt. »Ich schlage dir vor, gut über meine Worte nachzudenken. Du weißt ganz genau, dass ich immer das bekomme, was ich will. Egal, wie viel Zeit und Geld es kostet. Das wird bei Lucy nicht anders sein«, prophezeit er und ich verlasse, ohne mich umzudrehen, den Raum.

Kapitel 3

 

Nachdem mir Emelia eine SMS geschickt hat, dass sie Lucy mit nach Hause genommen haben, sitze ich jetzt im Wohnzimmer meines Elternhauses. Meine Gedanken rasen wild durcheinander, aber ich kann keinen Muskel in meinem Körper bewegen. Angst nimmt von mir Besitz. Ich kann das nicht glauben. Das ist alles ein böser Scherz. Es darf nicht sein Ernst sein.

Ein süßlicher Geruch steigt mir in die Nase, als Mama sich neben mich setzt. Ihre Nähe beruhigt mich normalerweise, aber gerade bin ich so angespannt, dass meine Schultern bereits anfangen zu schmerzen. Ich hebe meinen Blick. Paps steht gegenüber am Fenster. Er hat seine Anzugjacke ausgezogen und die Ärmel seines grauen Hemdes nach oben gekrempelt. Sein Blick ist nach draußen gerichtet. Zhara kommt ins Wohnzimmer. Sie trägt nun eine Jogginghose mit gelbem T-Shirt. Sie lässt sich neben Mama aufs Sofa plumpsen.

»Wo ist Lucy?«, frage ich.

»Sie hält ihr Mittagsschläfchen, nachdem sie einen großen Teller von Mamas selbstgemachtem Karottengemüse verputzt hat«, höre ich eine Stimme sagen. Emelia betritt ebenfalls das Wohnzimmer. Sie trägt noch ihr Kleid, nur die Haare hat sie zu einem Dutt zusammengebunden. Der Klang ihrer nackten Füße hallt vom Parkett wider, als sie an mir vorbeigeht und sich auf einen Sessel hockt. Nun kommt auch in Paps Bewegung. Er verlässt seinen Platz am Fenster und kommt auf uns zu. Er legt seine Hand auf die Kopfstütze von Emelias Sessel und seine blau-grauen Augen ruhen auf mir. »Nachdem jetzt alle anwesend sind«, beginnt Paps. »Isa, ich glaube du musst uns einiges erklären.«

Langsam nicke ich mit dem Kopf.

»Hast du nicht gesagt, dass er sich null für Lucy interessiert hat und ihr deswegen den Kontakt abgebrochen habt?« Zharas Stirn liegt in Falten.

»Das sah in der Kirche aber ganz anders aus«, wirft Mama ein.

»Er hat es ja so hingestellt, als hätte er gerade erst von Lucy erfahren«, sagt Papa.

»Nun ja …«

»Isabella Campbell, das ist jetzt nicht dein Ernst.« Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn die eigene Mutter einen mit vollem Namen anspricht. »Hast du den Verstand verloren? Also so haben dich dein Vater und ich nicht erzogen!«

»Es tut mir ja leid, dass ich euch nicht die Wahrheit gesagt habe. Aber ich hatte nie geplant, dass er ein Teil im Leben meiner Tochter sein wird.« Schnell füge ich hinzu: »Ich werde es wieder in Ordnung bringen, das verspreche ich.«

Mit großen Augen sieht mich Mama an. »Was soll das denn bedeuten?«

»Er will das Sorgerecht für Lucy, wenn ich sie ihm weiter vorenthalte.«

Kaum sind die Worte heraus, bereue ich, sie so ungefiltert gesagt zu haben. Ich hätte erst betonen müssen, dass Liam überhaupt kein Familientyp ist und in Nullkommanichts wieder das Weite suchen wird. Dann würde ich jetzt nicht in vier erschrockene Gesichter blicken. Mama hat die Hand auf ihren Mund gelegt, Emelias Handy rutscht aus ihren Fingern und bleibt neben ihr auf dem Polster liegen. Paps’ Hand krampft sich um die Kopfstütze des Sessels und Zhara ist alle Farbe aus dem Gesicht gewichen.

»Das werde ich niemals zulassen!«, donnert Paps auch schon los. Eine andere Reaktion hatte ich bei ihm auch nicht erwartet.

Um die Situation zu entschärfen, sage ich: »Ich denke ja, dass es nur sein gekränkter Stolz war, der ihn zu dieser Schnapsidee getrieben hat. Morgen wird er wieder zur Vernunft kommen und zurück nach Ullapool fliegen.« Zumindest versuche ich, mir das einzureden.

»Und wenn nicht?« Zhara sieht mich zweifelnd an.

Ich zucke mit den Schultern. Daran will ich gerade überhaupt nicht denken.

»Sein Verhalten dir gegenüber ist unentschuldbar – keine Frage –, allerdings hättest du ihm von Anfang an von Lucy erzählen müssen.«

Auch wenn es mir nicht gefällt, stimmt es. Nur durch meine Unehrlichkeit stecken wir jetzt in diesem Schlamassel.

»Weißt du«, fährt Paps fort, »ich kann seine Reaktion in der Kirche verstehen. Hätte mir eure Mutter eure Existenz verschwiegen, wäre ich auch aus der Haut gefahren.«

»Ach, ja. Wärst du das?«, flötet Mama und sieht Paps intensiv an.

Wären wir in einem Zeichentrickfilm, würden rosa Herzen zwischen ihnen hin- und herfliegen.

Unsere Eltern lernten sich mit Anfang zwanzig in einer Kneipe kennen. Paps stammt ursprünglich aus New York und wollte hier in Hannover eigentlich nur einen Kumpel besuchen, lernte aber Mama kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Obwohl sich der Anfang ihrer Geschichte schwierig gestaltete: Paps konnte so gut wie kein Deutsch und Mama verstand im Gegenzug kein einziges englisches Wort. Oft hat uns Mama erzählt, wie sie sich in der ersten Zeit mit Gesten und Wörterbuch unterhalten mussten. Ganz anders als bei Liam und mir, schießt es durch meinen Kopf. Durch Paps sind wir bereits von Kindesbeinen an zweisprachig aufgewachsen, weswegen es zwischen Liam und mir nie eine Sprachbarriere gab.

Ich schließe die Augen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Es bringt nichts, über die Vergangenheit nachzudenken. Die Sache mit Liam und mir ist Geschichte. Punkt, aus!

Ich sehe wieder meine Eltern an, die sich immer noch schmachtend betrachten. Sie sind bereits über dreißig Jahre verheiratet und verhalten sich ab und an schlimmer als Teenager. Es muss schön sein, von seinem Partner so sehr geschätzt und geliebt zu werden. Bis vor einem Jahr und sechs Monaten habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als diese Verbindung zu einem Mann zu spüren. Einem Mann, mit dem ich zusammen durchs Leben gehen kann und der mich von ganzem Herzen liebt. Doch dieser Zahn wurde mir erfolgreich gezogen.

»Wenn du willst, werde ich morgen mit ihm reden, so von Mann zu Mann«, schlägt Paps vor. »Zuerst müssen sich die Gemüter beruhigen.«

»Danke für das Angebot, aber ich muss das alleine mit ihm klären.«

»Weißt du denn, wo er wohnt?«, will Mama wissen.

»Noch nicht, aber mit der tatkräftigen Unterstützung meiner großen Schwester dürfte das kein Problem sein«, sage ich.

»Ich werde mich sofort darum kümmern.« Zhara steht auf und holt ihr Handy aus der Tasche. Sie verlässt das Wohnzimmer und ich höre sie bereits mit jemandem sprechen. Es hat schon seine Vorteile, wenn man eine stellvertretende Hotelmanagerin als Schwester hat.

»Du hättest mir sagen können, dass Lucys Dad kein anderer als Liam MacMurphy ist.«

»Was? Du kennst diesen ungehobelten Kerl?« Mama ist nicht die Einzige, die über diese neue Info überrascht ist.

»Wie sollte ich nicht?« Papa sieht uns der Reihe nach an. »Er ist nicht nur in seiner Heimat eine große Nummer. Er pflegt Geschäftsbeziehungen in der ganzen Welt, spricht mehrere Sprachen fließend, weswegen es wenig verwunderlich ist, dass er als Schotte so gut deutsch sprechen kann. Sein Werdegang ist beeindruckend.«

»Hast du eine Reportage gesehen oder warum weißt du so viel über ihn?« Mamas Stirnrunzeln vertieft sich.

»Nichts dergleichen.« Entschieden schüttelt Paps den Kopf. »Aber im Internet habe ich viele Artikel über ihn gelesen.«

»Die musst du mir nachher zeigen«, bestimmt Mama. »Und da du ja so gut über diesen Liam Bescheid weißt, dann erzähl doch mal, was macht diesen Kerl so besonders, dass es sogar Artikel über ihn gibt?«

Papa muss nicht lange überlegen. »Er ist der CEO einer Firma, die erfolgreich im Import und Export tätig ist.«

»Bedeutet was?«, hakt Mama nach.

Bevor Papa antworten kann, sage ich: »Seine Firma kauft Rohstoffe, verarbeitet sie weiter und bietet sie anschließend bei Händlern an.«

»Klingt ja echt spannend«, prustet Emelia los.

»Du hast ja keine Ahnung«, widerspreche ich. »Wusstest du, dass eine einzige Schraube bei Ferrari mitunter mehrere hundert Euro kosten kann?«

Überrascht reißt Emelia ihre Augen auf.

»Hier kommt seine Firma ins Spiel. Benötigt ein Händler zum Beispiel irgendwelche Schrauben, die woanders unverschämt teuer sind, wendet er sich an Liam. Der streckt seine Fühler in der ganzen Welt aus und schafft es so, erstklassige Ware zu einem fairen Preis zu erhalten.«

»Und damit kann man so viel Geld verdienen?«, fragt Mama.

»Das ist nicht alles. Seine Firma stellt auch Materialien selbst her und verkauft sie weltweit.«

»Du kennst dich aber erstaunlich gut in seinem geschäftlichen Hintergrund aus«, stellt Paps fest.

Was soll ich darauf erwidern? Liam hat mir schließlich damals alles darüber erzählt. Er sprach mit solch einer Leidenschaft, dass es selbst in meinen Ohren nach etwas klang, das ich gerne selbst machen würde.

Ich muss darüber nachdenken, wie meine Bustour verlaufen wäre, wenn ich ihm damals nicht bei den Highland Games in Perth begegnet wäre. Mein Herz wäre auf jeden Fall nicht gebrochen worden, das steht außer Frage. Allerdings hätte ich dann jetzt nicht meinen kleinen Spatz. Ohne Lucy kann ich mir mein Leben gar nicht mehr vorstellen. Daher werde ich alles daransetzen, sie vor Liam zu beschützen. Sobald Zhara seine Adresse weiß, kann sich dieser Kerl auf etwas gefasst machen. Ich bin fest entschlossen, ihn davon zu überzeugen, dass es besser für ihn ist, wenn er uns in Zukunft in Ruhe lässt.

Kapitel 4

Vergangenheit

 

Sterling

 

»Guten Morgen, Miss Campbell. Es ist genau 8 Uhr.«

»Danke.«

Ich lege den Hörer zurück aufs Telefon und gähne geräuschvoll. Noch im Halbschlaf lasse ich mich in die Kissen fallen und starre an die weiße Zimmerdecke. Wie gerne würde ich die Augen schließen und mich in dieses kuschelige Laken einwickeln wie in einen Kokon. Aber das geht leider nicht. Meine dreiwöchige Bustour durch Schottland hat einen strikten Zeitplan. Um spätestens 9.30 Uhr ist Abfahrt. Ein lauter Seufzer entweicht meiner Kehle.

»Es hilft ja alles nichts, also raus aus den Federn, Isa«, motiviere ich mich und stehe auf. Ich gähne herzhaft und strecke dabei meine Arme ganz weit nach oben. Meine Beine fühlen sich an, als wären Gewichte an ihnen befestigt, während ich zum Badezimmer schlurfe. Auf halbem Weg fällt mir allerdings ein, dass ich mein Tablet vergessen habe. Ich hole es vom Sideboard und schalte die Musik auf Zufallswiedergabe.

Der cremefarbene Teppich unter meinen nackten Füßen fühlt sich flauschig an, als ich nun zum Bad gehe. Das Tablet lege ich neben das Waschbecken und gehe weiter zur Dusche. Schnell liegen meine Schlafsachen auf dem Boden und warmes Wasser rinnt meinen Rücken hinunter. Das tut gut und entspannt meine Muskeln, die nach einem ganzen Tag im Bus angefangen hatten zu schmerzen. Nur langsam werde ich wach. Ich bin einfach keine Frühaufsteherin. Obwohl acht ja eine gute Zeit ist. Aber ich war gestern so aufgeregt wegen der Reise und was mich wohl alles erwarten wird, dass ich die halbe Nacht wach gelegen habe. Ich unterdrücke ein erneutes Gähnen, damit ich kein Wasser in den Mund bekomme. Das fehlt gerade noch: Frau unter der Dusche ertrunken.

Doch das Wasser und die Musik vertreiben die Müdigkeit und so singe ich keine halbe Stunde später lautstark den Song Out of hell mit.

Gut gelaunt gehe ich zurück ins Hauptzimmer. Meinen Trolley schiebe ich zum Bett, umfasse den schwarzen Henkel und hebe ihn hinauf. Schnell habe ich den Reißverschluss geöffnet und schlage den Stoffbezug in Dunkellila zurück. Ich wühle mich auf der Suche nach etwas Bequemem durch Jeans, Shirts, Unterwäsche, Socken und Schuhe. Meine Wahl fällt auf ein buntes Tunika-Top und eine weiße, dreiviertellange Stoffhose, die sich leicht auf meine Haut legt. Fix habe ich den Koffer wieder verschlossen und hebe ihn mit einer geschmeidigen Bewegung zurück auf den Boden. Die Musik schalte ich aus und verstaue das Tablet im Innenfutter meiner Umhängetasche. Ein letztes Mal sehe ich mich um, bevor ich das Hotelzimmer verlasse und nach unten zu meiner Reisegruppe gehe.

 

***

 

Auf der Busfahrt nach Perth, wo heute die Highland Games stattfinden, erklärt unser Guide Jacob alles, was es darüber zu wissen gilt.

»Jedes Jahr werden bis zu einhundert Wettkämpfe dieser Art veranstaltet … Laut Überlieferung veranlasste der schottische König Malcom der Dritte vor gut neunhundert Jahren, dass seine Soldaten ihre Kräfte in den unterschiedlichsten Disziplinen messen mussten. Die stärksten kamen in seine königliche Leibgarde.«

»Meint ihr, Reden ohne Punkt und Komma ist auch eine dieser Disziplinen? Dann dürfte unser Mister Hafer ganz weit vorne mit dabei sein«, sagt Jasper.

Sofort bekommt er von seiner Frau den Ellenbogen in die Seite. »Sprich doch noch lauter. In Paris haben sie dich noch nicht gehört.«

»Ah, du spielst auf diese wunderbare Stadt an, wo wir letztes Jahr unseren 49. Hochzeitstag verbracht haben.« Jasper nimmt Frans Hand und haucht ihr einen Kuss auf den Handrücken.

»Die Vorstellung gefällt mir ja, jeden Hochzeitstag mit einer Busreise zu feiern«, schwärmt Maggie neben mir.

Obwohl wir uns erst seit gestern kennen, hat die Chemie sofort zwischen uns gestimmt. Normalerweise bin ich eher schüchtern und zurückhaltend, aber Maggies offene Art hat bei mir bewirkt, dass ich mich sofort wohl mit ihr fühlte.

Ich lächle meine neue Freundin an und erwidere: »Aber im Gegensatz zu Fran und Jasper gibt es für dich doch nur ein Land, das du dann immer und immer wieder besuchen würdest.«

»Was soll ich sagen? Schottland ist eben magisch. Du wirst es schon selbst erleben.«

»Erst einmal muss ich diese Busreise überstehen.« Ich rutsche auf dem Sitz in eine bequemere Position. »Es ist erst der zweite Tag, aber ich kann kaum noch auf meinem Hintern sitzen.«

Ein Räuspern, das wie ein Donnerschlag klingt, hallt durch die Lautsprecher. Sofort richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf unseren Guide.

Bereits seit ich ihn das erste Mal gesehen habe, versuche ich, sein Alter zu schätzen. Ich vermute, er ist Mitte bis Ende vierzig. Auch heute trägt er diese hässliche braungrüne Flickenjacke. Die schwarze Stoffhose geht ja noch, doch mit seinen grauen Wuschelhaaren sieht er wie ein zerstreuter Professor aus. Dieser Eindruck wird durch seine Hornbrille verstärkt. Ursprünglich stammt Jacob aus einem kleinen Dorf in Rheinlandpfalz und verwirklichte seinen Traum, in Schottland zu leben und zu arbeiten. Dieser Typ ist schon eine Marke. Nicht nur, dass er mit Händen und Füßen spricht, er wirft auch dermaßen mit Zahlen und Fakten um sich, dass mir hinterher der Kopf qualmt.

Der Bus fährt einen holprigen Weg entlang, was unseren Guide dazu veranlasst, sich am Kopfteil des Sitzes festzukrallen, um nicht auf dem Boden zu landen. Diese kleine Verschnaufpause tut gut. Ich kann ja verstehen, dass er uns so viel wie möglich über Schottland erzählen will, aber ich für meinen Teil würde gerne zwischendurch einfach nur aus dem Fenster sehen und diese herrliche Landschaft genießen. Ich mag Geschichte, aber ab und an brauche auch ich mal eine Pause.

Leider erreichen wir für meinen Geschmack viel zu schnell wieder eine gepflasterte Straße.

»So, wo war ich gerade?«, beginnt er mit seinem Monolog. »Ach ja, bei den einzelnen Aufgaben. Heutzutage gibt es noch das Hammerwerfen, Tauziehen und Ringen. Auch ist der Steinweitwurf sehr beliebt. Dabei schleudert man einen 13 bis 25 Kilogramm schweren Stein über eine fast fünf Meter hohe Stange. Doch die Königsdisziplin der Highland Games ist und bleibt das Baumstammwerfen.«

Während er in Einzelheiten erklärt, was alles beim Baumstammweitwurf beachtet werden muss, schweift mein Blick nach draußen. Ich bin aufgeregt. Bisher kannte ich die Highland Games bloß aus Reportagen. Ich bin gespannt, was mich alles erwarten wird. Es wird bestimmt einmalig toll. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Kapitel 5

Vergangenheit

 

Perth

 

Es ist fast Mittag, als wir den Schauplatz erreichen, wo die Highland Games bereits seit Stunden stattfinden. Spannung liegt in der Luft, als der Bus hält und wir kurz darauf ins Freie treten. Kleine Kieselsteine knirschen unter meinen Schuhen. Wie von selbst wollen sich meine Beine in Bewegung setzen, aber ich zwinge mich dazu, brav stehen zu bleiben, bis unser Guide das Startsignal gibt.

Als es dann endlich so weit ist, laufe ich mit zügigen Schritten neben Maggie her, die es anscheinend auch nicht mehr aushält. Wir folgen einem Waldweg. Der Boden ist matschig, aber von oben scheint die Sonne auf uns herab. Egal wohin ich sehe, überall stehen Buchen, Kastanien- und Ahornbäume. Einige tragen bereits ihr Herbstgewand, während andere noch in einem satten Grün strahlen. Ich atme tief durch und habe sofort diesen typischen Waldgeruch in der Nase: erdig und moosig.

Dass hier tatsächlich die Highland Games stattfinden sollen, ist schwer vorstellbar, es sei denn, die Wettkämpfe spielen sich zwischen Sträuchern und Bäumen ab – wovon ich allerdings nicht ausgehe. Ich will gerade fragen, ob wir hier überhaupt richtig sind, als ein Schild uns den Weg weist. Wir folgen den Pfeilen aus Holz, und je weiter wir kommen, umso lauter höre ich fröhliche Stimmen und rhythmische Musik, erzeugt von Trommeln und mindestens einem Dudelsack.

Der Wald lichtet sich und wir treten ins Freie. Mit diesem Anblick hätte ich nach diesem Spaziergang niemals gerechnet. Vor uns erstreckt sich eine riesige Grasfläche. Müsste ich schätzen, wäre sie mindestens zwei Fußballfelder groß. Bäume in unterschiedlichen Formen und Größen umrahmen das komplette Areal in einigen Metern Abstand. Erstaunt beobachte ich das Treiben vor meinen Augen. Das Ganze erinnert eher an ein großes Stadtfest als an einen Wettkampf, wo die Stärksten gegeneinander antreten. Viele Familien mit Kindern sind hier. Einige machen sogar auf dem kleinen Hügel vor dem Spielfeld ein Picknick, andere feuern ihre Favoriten an. Es gibt Verkaufsstände, die nicht nur Essen und Trinken anbieten. Das Zentrum des Ganzen ist zum Teil mit hohen blauen Netzen abgeteilt.

Fasziniert beobachte ich, dass nicht nur die Teilnehmer Kilts mit Karomustern tragen, sondern auch die Musiker. Ein junges Mädchen hebt ihre Drumsticks und lässt sie gegen die Trommel schlagen. Sie scheint den Takt vorzugeben, denn in der nächsten Sekunde stimmen die Musiker mit ihren Instrumenten ein. Die Atmosphäre ist fantastisch. Egal ob Jung oder Alt, alle scheinen sich hier versammelt zu haben.

»Diese Veranstaltungen sind unglaublich beliebt«, erklärt Jacob.

Da kann ich ihm nicht widersprechen, wenn ich die Menschenmasse so betrachte.

»Obwohl es hier keine festen Sitzplätze gibt, wurden in den letzten Jahren acht offene Faltpavillons mit Bänken rund um das Gelände aufgestellt.

---ENDE DER LESEPROBE---