Love Me Tender - Constance Debré - E-Book

Love Me Tender E-Book

Constance Debré

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Beschreibung

Eine steile Karriere, angesehene Familie, Ehemann und Kind – Constance Debré hat all das und wendet sich davon ab. Sie entschließt sich zu einem Leben, das schon viele Männer vor ihr gewählt haben: Sie scheidet ihre Ehe, widmet sich ausschließlich dem Schreiben, verzichtet auf die materiellen Sicherheiten einer festen Wohn- oder Arbeitsstelle und geht mit immer anderen Frauen ins Bett. Doch anders als so viele Männer will sie den Kontakt zu ihrem Kind nicht abbrechen – das erwirkt ihr Ex-Mann, nachdem er von ihrer Homosexualität erfahren hat. In einem langwierigen Sorgerechtsstreit kämpft sie um ihren Sohn, der sich immer weiter von ihr entfernt. Während sie auf die finale Entscheidung des Familiengerichts wartet, taumelt Debré zwischen einer Vielzahl von Gefühlen: Angst vor dem Verlust des Sohnes neben Akzeptanz für dessen Entscheidung, dem Verlangen nach unverbindlichem Sex und dem Bedürfnis nach engeren Verbindungen, einer tiefen inneren Leere und zugleich einer nie zuvor gekannten Freiheit. Ohne Zurückhaltung und in prägnanten Sätzen ringt die Autorin um Antworten auf Fragen von Mutterschaft, Identität und Liebe und geht dabei hart ins Gericht mit gesellschaftlichen Normen, Glaubenssätzen, bürgerlichen Institutionen und nicht zuletzt mit sich selbst.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Love Me Tender

CONSTANCE DEBRÉ

LOVE ME TENDER

Roman

Aus dem Französischen von Max Henninger

Inhalt

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Teil II

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Teil III

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Denn Vater kann man ohne Mutter sein.

– Aischylos, Die Orestie

Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir nicht aufhören können, einander zu lieben? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum nicht ein für alle Mal auf die Liebe pfeifen, die sogenannte, in all ihren Formen, auch dieser? Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen? Das sehe ich nicht ein. Ich frage mich, wer sich das ausgedacht hat, wann das zustande gekommen ist, ob es sich um eine Modeerscheinung, eine Neurose, einen Tic oder eine Form von Wahnsinn handelt, welche wirtschaftlichen Interessen und politischen Motive dahinterstecken. Ich frage mich, was man vor uns verbirgt, was man mit dieser großen Erzählung von der Liebe eigentlich von uns will. Ich werfe einen Blick auf die anderen und sehe nur Lügen, nur Verrückte. Wann machen wir Schluss mit der Liebe? Warum gelingt das nicht? Ich muss es wissen. Ich stelle mir diese Frage.

Ich gehe jeden Tag schwimmen, habe Muskeln an Rücken und Schultern, kurze braune Haare, vorne etwas grau, auf dem linken Arm eine Tätowierung, den Ausschnitt eines Bildes von Caravaggio, eine zweite Tätowierung auf dem Bauch, Hurensohn als zarter Schriftzug, ich bin groß und schlank, mit kleinen Brüsten, rechts ein Ohrring, ich trage Jeans, Leinenhosen, weiße oder schwarze T-Shirts, im Sommer Männerhemden, eine alte Lederjacke, keinen BH, Schuhe von Converse oder Church, ich schlafe in Boxershorts aus grauer Oxford-Baumwolle, ich schminke mich nicht, putze mir dreimal am Tag die Zähne, benutze kein Deo, schwitze wenig, manchmal aber gern, als Parfum trage ich Habit Rouge, manchmal würde ich lieber wechseln, aber den Frauen gefällt es, also bleibe ich dabei, ich rieche auch nach Chlor, wegen dem vielen Schwimmen, abends rauche ich Marlboro Light, ich trinke wenig, nehme keine Drogen, ich lebe in Paris, in einer Einraumwohnung in der Nähe von Denfert-Rochereau, ich habe keine Möbel außer einer Doppelmatratze, die ich im Discounter auf der Rue Saint-Maur gekauft habe, ein Brett und zwei Böcke, zusammen 17,90 Euro bei Bricorama auf der Avenue de Flandre, ich mag keinen Nippes, hab keine Töpfe, kein Besteck, nur Pappteller, um nicht abwaschen zu müssen, ich hab kein Geld, weil es mir scheißegal ist, weil ich lieber schreibe als arbeite, ich denke nie daran, dass ich 47 bin, ich stelle mir vor, dass ich schlagartig altern werde, es sei denn, ich sterbe vorher, wie meine Mutter, abgesehen davon, dass ich meinen Sohn nicht mehr sehe, läuft alles gut, mein Sohn ist acht, dann neun, dann zehn, dann elf, er heißt Paul, er ist großartig.

I

1

Es war vor drei Jahren. Wir sind im Café Flore, draußen, auf der Rue Saint-Benoît. Es ist Sommer. Ich tauche meine Pfefferchips in Ketchup. Ich habe ein Club Sandwich bestellt, er ein Croque Monsieur. Er, das ist mein Ex. Mein erster Liebhaber und bis auf Weiteres der letzte. Wir sind sogar noch verheiratet, da wir uns nie haben scheiden lassen. Zwanzig Jahre waren wir zusammen. Vor drei Jahren habe ich ihn verlassen. Er heißt Laurent. Unser achtjähriger Sohn Paul ist immer eine Woche bei ihm und eine bei mir, das haben wir einvernehmlich geregelt und es gab nie Probleme damit. Seit einigen Monaten bin ich auf Frauen umgestiegen. Das ist es, was ich ihm sagen will, der Sinn dieses gemeinsamen Abendessens. Das Flore habe ich aus Gewohnheit vorgeschlagen. Dort haben wir uns mit zwanzig getroffen und anschließend viel Zeit verbracht. Ich wohne immer noch im sechsten Arrondissement, bin dort aufgewachsen und habe fast nie woanders gewohnt. Aber ich gehe nicht mehr ins Flore. Ich arbeite nicht mehr in der Kanzlei, ich schreibe ein Buch. Ich hab das Finanzamt am Hals, Ärger mit den Behörden, keine Kohle mehr. Das ist natürlich ärgerlich, aber ohne Bedeutung. Ich sag es ihm geradeheraus: Ich hab jetzt was mit Frauen. Falls er noch Zweifel hatte angesichts meiner kurzen Haare, meiner neuen Tätowierungen, meines neuen Looks. Ein bisschen wie vorher, aber natürlich härter. Es ist nicht so, als sei ihm nie der Verdacht gekommen. Wir hatten vor zehn Jahren schon mal ein kurzes Gespräch darüber. Quatsch, was denkst du, hab ich ihm damals gesagt. Liebesgeschichten, sage ich ihm jetzt. Bettgeschichten wäre zutreffender. Er sagt: Für mich zählt, dass du glücklich bist. Das klingt nicht überzeugend, aber es passt mir, ich antworte nicht. Er rührt sein Croque Monsieur kaum an, zündet sich eine Zigarette an, winkt den Kellner herbei, bestellt noch mal Champagner. Sein neues Lieblingsgetränk, bekommt ihm besser, meint er, kein so schlimmer Kater. Die Rechnung, er zahlt, wir gehen. Statt dass wir am Boulevard Saint-Germain auseinandergehen, begleitet er mich Richtung Seine. Vor meiner Haustür verhält er sich, als würden wir gleich gemeinsam raufgehen, als seien wir nicht seit drei Jahren getrennt, als hätte ich ihm nicht gerade gesagt, was ich ihm gesagt habe. Ich sag ihm Nein, er antwortet: Wie du willst.

Am nächsten Tag schreibt er mir: War nett gestern, was machst du heute Abend? Ich dachte, wir hätten alles geklärt. Vielleicht hat er nachgedacht und will noch mal drüber reden. In drei Jahren sind wir uns kaum über den Weg gelaufen, das war gut so. Aber ich verabrede mich noch mal mit ihm. Zweifellos rede ich mir ein, ich sei ihm das schuldig. Er holt mich im Taxi vor der Haustür ab, hat sich herausgeputzt, hat in einem Restaurant außerhalb des Viertels einen Tisch reserviert, ein recht schicker Terrassenplatz, im Hof eines bestimmten Hotels. Der Bedienung gegenüber verhält er sich wie ein Stammgast, bestellt einen teuren Wein, wie ein Feinschmecker oder ein Typ, der für seine Frau den Mann spielt. Vielleicht ist das seine neue Masche und er will mir zeigen, wie er jetzt mit Frauen umgeht, probiert sich an mir aus. Er hat sich treffen wollen, aber er hat mir offenbar nichts zu sagen, stellt mir nicht eine Frage, kein Wort über gestern, kein Wort über ihn oder mich, wir sprechen über Reisen, fremde Länder, Bücher, die wir gelesen haben, es ist wie ein Date, das nicht recht vorankommt. Er möchte, dass wir zu Fuß nach Hause gehen, ich achte auf den Abstand unserer Körper, nicht zu nah und nicht zu fern, ganz so, als sei nichts. Der Marais, die Seine, Notre-Dame – wie ein chinesisches Paar in den Flitterwochen. Wieder bringt er mich bis zur Tür, wieder will er mit hochkommen, mich küssen, und wieder wirkt er überrascht, als ich Nein sage.

Im Oktober spreche ich das Thema Scheidung an. Seit dem Sommer bin ich mit einer Frau zusammen. Sie ist jung und es stört sie, dass ich verheiratet bin. Sie setzt mich unter Druck, macht mir Szenen, schließlich gebe ich nach. Sie hat ja recht, es ist nicht gesund, ich spreche von meinem Ex und er nennt mich noch seine Frau. Ich versuche mich mit Laurent auf einen Kaffee zu verabreden, einmal, zweimal. Er sagt, er habe keine Zeit, weicht mir aus. Zum Schluss schreibe ich ihm eine E-Mail: Ich möchte, dass wir uns scheiden lassen, klare Verhältnisse für alle, komm doch mal zum Abendessen, damit wir darüber reden können. Ich drück dich. Er antwortet: Hör auf, du machst mich ganz heiß. In dem Moment finde ich das lustig. Ein bisschen irre, aber lustig.

Vierzehn Tage später, gegen Allerheiligen, nach den Ferien, sagt er mir, mit Paul sei etwas nicht in Ordnung. Dass er ihn noch eine Woche bei sich behalten werde. Er sagt, Paul könne mich nicht ausstehen, er wälze sich auf dem Boden, er hasse mich. Ich gehe hin. Mein Sohn wälzt sich auf dem Boden. Er hasst mich.

Zu diesem Zeitpunkt stelle ich keinerlei Zusammenhang zwischen den Ereignissen her, zwischen Vater und Sohn. Vielleicht hat Laurent ja recht, vielleicht kann Paul mich nicht ausstehen und es ist meine Schuld, vielleicht habe ich etwas falsch gemacht. Ich versuche zu verstehen, was ich getan oder falsch gemacht habe. Ich habe ihm in letzter Zeit weniger Aufmerksamkeit geschenkt, das stimmt. Ich war immer da, aber etwas abgelenkt. Ich schrieb an meinem Buch. Wenn man schreibt, hat man für niemanden Zeit. Außerdem habe ich mich mit Frauen getroffen. Anfangs hab ich ihm nichts davon erzählt. Zum Schluss hab ich es ihm aber doch gesagt. Nicht gleich bei der ersten Frau, auch nicht bei der zweiten, der dritten ist er aber begegnet und mochte sie. Er meinte, wir könnten mit ihr in den Urlaub fahren, dass das nett wäre. Ich hatte mich gerade von ihr getrennt, hab ihm Nein gesagt, hab es erklärt. Ich hab ihn gefragt, ob er etwas geahnt habe, ob es ihn störe. Er hatte etwas geahnt, es störte ihn nicht. Wir sind raus gegangen, er hat mir die Hand gereicht und wir haben einen Diabolo getrunken bei La Palette, unten im Haus, die Stimmung war gut. Wir haben uns meistens gut verstanden, er und ich, fällt mir jetzt auf. Wir haben weitergemacht wie vorher, eine Woche war er bei mir und ich habe mich mit ihm beschäftigt, eine Woche war er bei seinem Vater und ich habe mich mit Frauen beschäftigt. Ich war immer achtsam. Alles lief gut. Das weiß ich. Manche Dinge weiß man einfach.

Ab Allerheiligen ist Paul bei seinem Vater, ich sehe ihn nicht mehr und spreche nicht mehr mit ihm. Ich versuche mich mit Laurent zu verabreden, doch er lehnt ab oder antwortet nicht. Er meldet sich nicht. Keine Nachricht, nicht ein Wort. Eine Woche folgt auf die andere, aus den Wochen werden Monate. Ich schalte keinen Richter ein, will keinen Ärger machen. Eines Tages hab ich es satt, mehr als sonst, und gehe zu ihm, zu den beiden. Laurent macht mir auf, sagt nichts, geht ins Wohnzimmer. Paul liegt in seinem Bett, die Decke über den Kopf gezogen, der Kopf im Kissen vergraben. Laurent ist nebenan und raucht. Ich spreche Paul an. Er regt sich nicht, sieht mich nicht an, antwortet mir nicht. Ich versuche es in jedem Ton, frage ihn, wie es ihm geht, versuche, ihn zum Lachen zu bringen, spreche von anderen Dingen, fordere ihn auf, mir zu sagen, was los ist, ich sage zu ihm: Hopp, wir gehen unten eine Cola trinken! Er macht die Augen nicht auf, keinerlei Geste, er ist angespannt, stumpf und schwer wie ein Stein. Zum Schluss rege ich mich auf und schimpfe: Jetzt reicht es aber, steh auf und zieh dich an, komm mit mir runter, fünf Minuten. Er steigt aus dem Bett, geht ins Wohnzimmer zu seinem Vater, versteckt sich hinter ihm, er zittert und schreit, zeigt mir den Stinkefinger. Laurent weist mich zur Tür und ruft: Jetzt verpiss dich! Ich sehe ihn an und sage mir, dass er stärker ist als ich, körperlich. Es ändert nichts, dass wir die gleiche Größe haben, auch die gleiche Kleidergröße, dass wir den gleichen Raum einnehmen und auf gleicher Höhe sprechen, der Unterschied zwischen Mann und Frau ist eine Frage des Gewichts und der Muskeln. Ich blicke Laurent an und sehe, dass er genau dasselbe denkt, ich blicke auf Paul, der hinter seinem Vater steht, ich erkenne, dass ich nichts tun kann, ich sage mir, dass das eine Sache zwischen den beiden ist, eine kleine Verrücktheit unter Männern, ich zucke mit den Schultern und gehe.

Beim Chinesen, wo wir immer noch was trinken gehen, erzähle ich die Geschichte meinen Freunden aus dem Schwimmbad. Dominique und Ming sagen, das sei Irrsinn, ich müsse etwas unternehmen, mit seinen Eltern reden, zur Polizei gehen. André sagt: Vergiss es, mach dir keine Sorgen, dein Sohn wird sich schon wieder beruhigen. Er habe mit seiner Tochter etwas Ähnliches erlebt, nach der Trennung, später habe sich alles wieder eingerenkt.

Der Herbst geht zu Ende, es wird Winter, dann Frühling. Die ganze Zeit über warte ich, dass sich die Angelegenheit klärt, ich sage mir, dass sie bald genug davon haben werden, versuche, mit Laurent zu sprechen und Paul zu treffen. Ich erreiche nichts, es ist, als hätte ich die Berliner Mauer vor mir. Ich habe Paul schon sechs Monate nicht mehr gesehen. Ein befreundeter Anwalt, der auf Familienrecht spezialisiert ist, bietet mir seine Hilfe an. Unentgeltlich, da ich völlig pleite bin. Zu Beginn des Sommers reicht er für mich eine Scheidungsklage ein und beantragt Sofortmaßnahmen, damit ich Paul wie früher jede zweite Woche treffen kann. Ich sage mir, dass ich ihn schlimmstenfalls die Hälfte der Ferien und an den Wochenenden haben werde, wie ein Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat.

Die Anhörung wird für Ende Juli angesetzt. Ein Jahr nach der Szene im Flore. Am Vortag erhalte ich die Anträge von Laurent, die er selbst aufgesetzt hat und die von seinem Anwalt unterzeichnet sind. Er beantragt das alleinige Sorgerecht, mir soll es entzogen werden. Er beschuldigt mich des Inzests und der Pädophilie an meinem achtjährigen Sohn, sowohl unmittelbar als auch über Dritte. Er spricht von meinen homosexuellen Freunden, bei denen man sich fragen müsse, ob sie nicht pädophil seien. Er verweist auf ein Foto von meinem Sohn und einem meiner schwulen Freunde auf einer Terrasse, an einem Tag, als wir eine Grenadine trinken waren, und auf ein Schild mit der Aufschrift Jagdrevier, das ich auf einem Feld aufgelesen habe und das auf meinem Schreibtisch steht, neben Pauls Tür. Er zitiert Passagen aus einigen Büchern in meiner Bibliothek: Bataille, Duvert, Guibert. Er reimt sich was zusammen, schuldigt an und sät Zweifel. Mein neunjähriger Sohn schreibt einen Brief an das Gericht, in dem er erklärt, dass es menschlich nicht zumutbar sei, mit mir zu leben, dass sein Vater sage, ich sei verrückt, und er dasselbe denke. Er sagt, er wolle mich nicht mehr sehen.

Die Anhörung dauert eine Viertelstunde. Laurents Anwalt liest Passagen aus Verrückt nach Vincent vor, als sei ich der Erzähler von Hervé Guibert, als sei Paul der Junge, mit dem der Erzähler schläft. Die Richterin starrt auf die Tätowierung, die aus meinem Ärmel herausragt, fragt mich, warum ich ein Buch schreibe und worüber, warum ich meinem Sohn von meiner Homosexualität erzählt habe, sie sagt, dass solche Dinge Kinder nichts angehen, und dass wir hier nicht über Recht sprechen würden, sondern über Moral, dass ich das verstehen könne, ich sei doch intelligent.

Einige Tage später erlässt die Richterin ihren Beschluss. Sie bestellt einen Psychiater, der uns drei einschätzen soll. Sie gibt ihm sechs Monate Zeit, um sein Gutachten vorzulegen. Wie immer bei der Justiz ist das eine Richtfrist, es kann ein Jahr dauern, zwei Jahre, auch drei. In der Zwischenzeit hat Laurent das alleinige Sorgerecht. Ich habe nur ein Besuchsrecht, eingeschränkt und unter Betreuung, oder Mediation, wie es in der Rechtssprache heißt. Eine Stunde alle zwei Wochen bei einem Verein, in einem sogenannten Begegnungsraum nicht weit von der République, wo Pädagogen die Termine zwischen Paul und mir beaufsichtigen werden, wie sie das (aber keineswegs immer) bei einer Mutter auf Crack oder einem gewalttätigen Vater tun würden. Sofern sich die Parteien nicht anderweitig einigen können, heißt es, und bis Klarheit erlangt worden ist. So spricht Frau C., Familienrichterin am Landgericht Paris. Ich lege Berufung ein, wodurch jedoch keine der Maßnahmen ausgesetzt wird, der Beschluss und seine vorläufige Vollstreckung gelten weiter. Ich bekomme erst in zwei Jahren eine Anhörung. Zwei Jahre sind wie tausend Jahre. Zwei Jahre sind nie.

2

Welches Verbrechen würdest du begehen? Eine Frage, die man sich gern stellt unter Anwälten. Welches Verbrechen würde etwas über uns aussagen, könnte Grundlage eines Urteils über uns sein? Bei diesem Spiel durfte man nur ein Verbrechen wählen. Marie entschied sich für den Mord mit einer kleinen Damenpistole, mir gefiel die Idee des Glücksspielbetrugs, der gezinkten Karten, aber nichts war meiner Meinung nach besser als ein waschechter Überfall: Hände hoch! Geld in die Taschen und ab.