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Als sie das erste Mal eine Frau küsst, ist sie zurückhaltend, verunsichert. Doch mit jedem weiteren Kuss findet sich die Protagonistin in Play Boy immer mehr in ihr neues Leben ein. Nach Jahrzehnten der Ehe mit ihrem Mann und der Erziehung des gemeinsamen Sohnes trennt sie sich von dem vermeintlichen Familienidyll. Und mit jedem Möbelstück, das sie hinter sich lässt, jedem Hemd, das sie entsorgt, legt sie Schicht um Schicht die heterosexuellen Prägungen ab. Sie führt erste Beziehungen mit Frauen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, lernt auf andere Weise zu lieben, blickt mit neuen Augen auf ihr Aufwachsen innerhalb einer renommierten französischen Familie als Kind zweier verarmter Drogenabhängiger; auf ihren Beruf als Strafverteidigerin und die Ehe mit ihrem Ex-Mann – um im Kern eine neue Körperlichkeit zu entdecken: den Körper als Ausweg aus gesellschaftlichen Standards und als Medium der Empfindungen, um Lust zugleich zu bereiten und zu empfangen. Mit sprachlicher Wucht und entwaffnender Ehrlichkeit bricht Constance Debré mit den Tabus über Geld, Ehe, Sex, Lust und Häuslichkeit.
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Constance Debré
Roman
Aus dem Französischen
von Max Henninger
Erster Teil
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Zweiter Teil
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Dritter Teil
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Ich hab mich nicht mal getraut, die Zunge zu benutzen, als ich zum ersten Mal eine Frau geküsst hab. Das war nach Laurent. Ich wusste schon, wie es geht, aber eben nur theoretisch. Beim zweiten Mal hab ich mir dann Mühe gegeben und bin richtig weit rein mit der Zunge. Sie war Model, das hat mir geschmeichelt, wie es auch einem Typen geschmeichelt hätte. Es lief gut zwischen uns. Ich war noch unsicher, aber das legte sich langsam. Nur ging es nie weiter. Besser gesagt, die Frauen gingen mit mir nie weiter. Heten, die ihre Sexualität ein Stück weit infrage stellten, dann aber gleich wieder aufgaben. Frauen wie ich, nur jünger. Mit Agnès ist es anders. Sie ist fünfzig, verheiratet, hat Kinder. Eine gestandene Frau. Ich bin auch verheiratet und habe einen Sohn, aber meine Geschichte ist mit ihrer nicht zu vergleichen. Erstens habe ich Laurent verlassen. Und zweitens ist es einfach nicht dasselbe. Eigentlich merkwürdig, dass ich so auf sie stehe. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich sie besonders schön finde. Ihr Vorname gefällt mir nicht. Ich spreche ihn nie aus.
Ich zeige den Beamten meine Karte. Ich trinke einen Kaffee aus dem Automaten. Ich rauche eine Zigarette. Ich lege meine Robe an. Ein Freund erzählt mir von seinem Fall. Eine Gerichtsschreiberin grüßt mich. Touristen, die gerade aus der Sainte-Chapelle kommen, fragen mich: Where are the toilets? Ich hoffe, sie wissen die vollgeschissene Wand zu schätzen und die Graffitis: Araber lutschen fette Schwänze. Ich stamme aus gutbürgerlicher Familie, falls das noch nicht deutlich geworden sein sollte. Ich hab sogar ein paar Herzoginnen im Stammbaum, auf der mütterlichen Seite. Deshalb rede ich so. Adelige reden so. Sie lieben es. Ich auch. Was sich hier nicht vermittelt, ist der snobistische Tonfall. Den hab ich nämlich offenbar ebenfalls. Vielleicht reden wir Großbürger so, weil wir uns so verdammt langweilen. Es ist wie bei den Armen. Den wirklich Armen. Denen aus den Banlieues oder egal woher. Wir lassen unseren Frust an der Sprache aus. Das verschafft ein wenig Erleichterung. Während wir darauf warten, dass etwas passiert. Ich stoße die gepolsterte Tür des Gerichtssaals auf. Der Gerichtsdiener sieht gut aus. Homo und auch noch arabisch. Mal was anderes als die üblichen Jungs von der Sonderschule. Er lässt mich als erste auftreten. Ich trage mein Plädoyer vor. Betäubungsmittelgesetz, mein Klient hat Hasch gedealt. Wenn man das dealen nennen kann. Ich lasse mir Zeit. Nähere mich dem Zeugenstand. Die Richter hören mir zu. Ich komme noch näher. Was ich vortrage, ist kein Plädoyer, sondern eine Erzählung. Ich erzähle, was sie hören wollen. Der gute Junge. Die gute Schule. Die gute Familie. Selbst die Staatsanwaltschaft fordert nur eine Bewährungsstrafe. Beim Bürgertum werden sie schwach, die Richter. Und so hab ich Agnès kennengelernt. Als Verteidigerin ihres Sohnes. Natürlich ist er freigekommen. Bürgerliche fahren nicht ein.
Man nennt mich Maître, nicht Madame. Ich übe einen Männerberuf aus, bei dem man eine Robe trägt, wie ein Kleid. Es gibt sogar eine Art phallischen Überschlag, den man Rabat nennt und an dem ich während der Anhörungen herumfummle. Normalerweise tragen Frauen die Robe mehr schlecht als recht. Sie sind zu klein. Ich nicht. Außerdem ist Schwarz schön. Mit dem Weiß des Umschlags hat es was von spanischem Adel. Ich darf sogar eine Epitoge aus Hermelinfell tragen. Eigentlich ist es Kaninchenfell. Sieht trotzdem edel aus. Dieser Job passt zu mir. Niemand sieht die dreckigen Jeans, die ich unter der Robe trage, niemand fragt sich, wo ich mich herumtreibe, wenn ich nicht in der Kanzlei bin, niemand widerspricht mir, wenn ich ein Plädoyer formuliere, niemand überwacht, was ich tue, denke, erzähle. Ich liebe die Schuldigen, die Pädophilen, die Diebe, die Vergewaltiger, die Bankräuber, die Mörder. Bei den Unschuldigen und den Opfern weiß ich nicht, wie ich sie verteidigen soll. Was mich fasziniert, ist nicht die Schuld, sondern zu sehen, wie tief ein Mensch abstürzen kann. Ohne ein Wort zu sagen und ohne eine Miene zu verziehen. So abzustürzen, erfordert besonderen Mut. Eine miese Kindheit, Alkoholikereltern und das perspektivlose Leben in Armut genügen nicht. Ein guter Anfang, Ja, aber nicht genug. Ich liebe sie alle, aber ich halte sie auf Abstand. Ich bin nicht hier, um sie zu retten. Wenn sie zwanzig Jahre einsitzen, ist das nicht mein Problem. Wenn sie eine schreckliche Kindheit hatten und in widerlichen Gefängnissen krepieren, geht mich das nichts an. Ich mache es wie alle, ich sichere mir meinen Anteil. Sie haben ihr Leben und ich meins. Ich sehe sie an und lasse sie im Dreck stecken. In ihrem Dreck, ich hab meinen eigenen. Der ist nicht schlimmer als ihrer, aber auch nicht besser. Das Wichtigste ist, gut zu argumentieren. Ich halte gute Plädoyers. Das ist nicht sehr schwierig und übrigens eines der wenigen Dinge, von denen ich was verstehe. Autofahren gehört auch dazu. Alles andere kann ich nicht gut. Es scheint mir nicht so wichtig, und ich lege auch nicht viel Wert darauf, etwas zu können. Mein Job ist natürlich nicht großartig. Sogar ziemlich mittelmäßig. Aber immerhin entkomme ich dem Büroleben, hab keinen Chef und verdiene einigermaßen. Mit Geld hatte ich schon immer Probleme. Geld verdienen stresst mich. Erst wenn ich arm bin und den Gerichtsvollzieher am Hacken hab, fühl ich mich, als sei ich dort, wo ich hingehöre.
Ich mochte sie sofort. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht wegen ihres Auftretens. Ihrer Art, Jeans zu tragen. Ich mochte sie einfach. Ich hab nicht weiter drüber nachgedacht. Ich hab sie übrigens gesiezt. Dann war sie eines Tages im Urlaub und fing an, mir zu schreiben. Einfach so, ohne Anlass und ohne irgendwas Besonderes mitzuteilen. In dem Moment hab ich gedacht, dass es eine richtige Liebesgeschichte werden könnte zwischen ihr und mir. Wie mit einem Mann. Eine richtige Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Und mit Sex natürlich.
Langeweile ist die Grundlage des Ehelebens. Des Lebens als Paar oder vielleicht sogar des Lebens überhaupt. In diesem Punkt waren wir uns einig, Laurent und ich. Er raucht. Das ist seine Hauptbeschäftigung. Seine grundlegendste Beziehung zur Welt. Gar nicht so dumm. Vor der Geburt unseres Sohnes haben wir unsere Langeweile zu zweit noch ausgiebig genießen können. Dieses Leben, in dem wir die gleichen Jeans trugen und ich ihm seine Hemden klaute. Da war etwas zwischen uns. Wir hatten die gleiche Größe, zogen das Gleiche an, und wir langweilten uns auf dieselbe Weise. Eine gute Grundlage. Fünfzehn Jahre blieb das so. Weder gut noch schlecht. Ganz ruhig. Wie im Bombenkeller. Ficken und Liebe sind in solchen Geschichten Nebensache. Das gab es natürlich auch, aber es stand nicht im Mittelpunkt. Was im Mittelpunkt stand, war eine grundlegendere Übereinkunft. Sie war der Grund, warum wir uns nicht aufregten in den Momenten, in denen unsere Liebe nachließ. So was war uns egal. Was uns gefiel, war, jeden Morgen zusammen aufzustehen und sich zu sagen, dass es nicht angeht, sich so zu langweilen. Wir fanden es amüsant. Es hat ganz gut funktioniert. Erst als wir zu dritt waren, hat es nicht mehr funktioniert. Wegen dem Essen, denke ich. Diese Einkäufe am Samstag, um den Kühlschrank mit all dem Fraß zu füllen. Die viele Zeit, um etwas zuzubereiten, das man am Ende doch nur wieder ausscheißt. Das Essen und alles andere. Der Urlaub, die Gegenstände, all das. Es gab keinen Platz mehr für die Leere. Laurent war zufrieden. Alle anderen waren auch zufrieden. Ich hab gemerkt, wie die Leute plötzlich mit mir zu reden begannen. All das Gerede, in das sie mich wieder hineinziehen wollten. Ihre dumme Freude. Sie haben sich gefreut für mich. Vor allem diejenigen, die mich seit der Kindheit kannten. Sie haben aufgeatmet vor Erleichterung und sich gesagt, meine Tomboy-Phase sei jetzt vorbei. Deswegen bin ich gegangen.
Sie ist zehn Jahre älter als ich. Sie hat eine Karriere, eine Wohnung im vierzehnten Arrondissement und ein Haus auf dem Land. Sie ist Eigentümerin. Sie kauft auf eBay. Fährt mit dem Bus. Samstags geht sie ins Kino, sonntags zum Brunch. Sie mag Emmanuel Carrère, trägt niemals Turnschuhe. Außer im Sommer und dann aus Leinen. Abends trinkt sie Wein, Weißwein oder leichten Rotwein, aus der Region. Ihre Cousinen vom Land schicken ihr Rezepte. Sie liest Elle und auch Le Monde. Bei besonderen Anlässen geht sie demonstrieren. Sie wählt links. Von der Politik ist sie sehr enttäuscht, aber Wählen findet sie wichtig. Sie hat nie im Ausland gelebt und spricht kaum Englisch. Sie hat immer in der gleichen Firma gearbeitet. Sie findet, dass sie nicht genug Geld verdient, möchte aber nicht, dass darüber geredet wird. Sie hat nicht viele Freunde, ein paar wohlhabendere, die sie ein wenig einschüchtern. Aber das sind keine richtigen Freunde. Sie geht nie aus. Ab und zu hat sie ein Arbeitsessen, trinkt ein wenig zu viel. Sie ist immer vor Mitternacht zu Hause. Manchmal ist sie ein wenig traurig und weiß nicht, was sie tun soll, also wartet sie, bis es vorübergeht. Ich beschloss, dass das, was zwischen ihr und mir passieren könnte, das Wichtigste in meinem Leben sein würde. Wer sie war, spielte dabei keine Rolle.
Ich hab mir einen gebrauchten Roller gekauft. Ich miete eine Zweizimmerwohnung im sechsten Arrondissement. In dieser Gegend hab ich mehr oder weniger immer gewohnt. Jedenfalls musste es in der Nähe der Schule sein, auf die mein Sohn geht. Alle zwei Wochen hole ich ihn auf dem Roller ab und bringe ihn wieder bis zum Schultor. Er hält mir seinen Helm hin, tschüss Schatz, tschüss Mama, es ist verrückt, wie groß er ist, und wie ganz er selbst, er braucht neue Turnschuhe. Danach gehe ich mit ein paar anderen Eltern ins Café. Ich höre ihnen zu, wie sie über die Wohnungen reden, die sie alle gerade kaufen. Sie sehen nicht glücklich aus. Die Typen langweilen sich und die Frauen finden sich zu alt. Sie reisen alle an dieselben Urlaubsorte. Treffen sich in Megève, Biarritz, im Sommer in Griechenland. Vielleicht würde ich es auch so machen, wenn ich Kohle hätte. Manchmal möchte ich ihnen sagen, dass sie sich umsonst ärgern. Dass sie besser nicht mehr daran denken sollten. Dass sie sehr gut leben könnten, ohne eine Wohnung zu kaufen, ohne sich mit den Badezimmerfliesen zu beschäftigen, und dass sie den Sommer auch in Paris verbringen könnten. Urlaub ist so langweilig. Als ich ausgezogen bin, hab ich fast alles weggeworfen. Ich hab zwei Jeans mitgenommen, meine Jacke, ein Bett für meinen Sohn, ein Sofa für mich. Das war’s. Das Besteck und Geschirr, die Waschmaschine und die Möbel hab ich dem alten Vermieter überlassen, der Rest meiner Garderobe und der ganze andere Scheiß kam auf den Sperrmüll. Mir ging es gleich besser. Ich gehe runter und kaufe mir ein Sandwich, wenn ich Hunger hab. Ich mag das Oliva von Cosi. Oder das Vier-Spieße-Menü vom Japaner, mit Krautsalat und Wahlgetränk. Meistens liefern sie innerhalb von fünfzehn Minuten.
Wir treffen uns jeden Sonntag im Jardin des Plantes. Wir gehen ein wenig spazieren und in ein Café. So hat es angefangen. Zwischen den Straußen und den Yaks, zwischen ihrem Marktbesuch und ihrem Brunch.
Den ersten Schritt hat sie gemacht. Schweigend und lächelnd hat sie mich zur Begrüßung an sich gedrückt, ohne ein Wort zu sagen. Lange. Matte, weiche Berührung ihrer Lederjacke. Ihr kleiner Körper an meinem. Braun, mit moschusartigem, süßlichem Geruch. Dem salzigen Geruch der Erde. Leder. Ihr Parfum und unter dem Parfum der Duft ihres Körpers, leicht zu erkennen, einzuordnen, einzufangen.
Wir haben einen Kaffee getrunken, dann einen zweiten. Sogar einen dritten, später, als es kalt wurde. Wir haben unser Treffen in die Länge gezogen. Ich hab sie ein Stück begleitet, zu Fuß.
Sie hat die Hände in die Taschen gesteckt. Beim Gehen hab ich ihren Arm ergriffen, oberhalb des Ellbogens. Ihre Schlankheit unter dem Mantel. Die Feinheit von Frauenknochen. Ungewohnt, wenn man nur Typen kennt.
Da ist dieser Moment beim Abschied, als ich sie halte, sie spüre. Ich weiß nicht, ob es Verlangen ist. Ich weiß nicht, wie es wäre, sie zu küssen.
Sie hat angeboten, dass wir uns duzen könnten. Monate später hab ich mich dann getraut.
Sie nimmt meine Einladung zum Abendessen an. Fragt mich, ob ich verliebt sei. Sie sagt, sie habe jemanden kennengelernt. Ich weiß nicht, ob sie mich meint. Wenn sie über Liebe spricht, spricht sie von Typen. Sie sagt, sie habe sich geduscht vor unserem Treffen.
Manchmal ärgere ich mich, nicht mehr gewagt zu haben. Ein- oder zweimal erlaube ich mir Wut oder Ungeduld. Sie sagt nichts, sie ist nicht beleidigt.
Sie kommt das erste Mal zu mir. Sie lächelt, spricht wenig, sieht mich an. Sie sagt, ich sei schön, will mein Bett sehen. Ich rühre mich nicht. Sie steht auf, zieht ihren Mantel an, ich stehe auch auf, sie bindet sich langsam den Gürtel des Mantels um. Sie geht nicht, sondern sieht mich an, scheint auf eine Geste zu warten, ich traue mich nicht. Genau das ist es, was ich ihr sage: Ich traue mich nicht.
Ich nähere mich ihr zur Verabschiedung, spüre mit meinem Daumen die Wölbung ihrer Brust unter dem Mantelfilz. Die Berührung ist so leicht und so kurz, dass ich mir nicht sicher bin. Ich schließe die Augen, doch, das war ihre Brust.
Ich hab nie wirklich verstanden, warum die Leute so einen Horror vor drogenabhängigen Eltern haben. Meine Schwester und ich hatten trotzdem viel Spaß. Vor allem nach dem Tod meiner Mutter. Wir hatten tolle Momente mit unserem Vater, seinen Psychiatern, der Feuerwehr und so weiter. Zum Beispiel das Mal, als wir uns den Tag der Wohnungsübergabe falsch gemerkt hatten. Wir waren gerade vorgefahren mit Müllsäcken, dem Staubsauger und einer Flasche Reinigungsmittel, als wir die englischen Vermieter am Fenster sahen. Sie hatten direkt wieder angefangen zu qualmen beim Anblick ihrer Einzimmerwohnung. Völlig versifft, und Papa wortlos und besoffen auf dem Sofa. Meine Mutter war anders. Sie war spektakulär. Alle haben sie angehimmelt. Junge, Alte, Kinder, Hunde, Reiche, Arme, die Schönen und die Hässlichen. Sie konnte alles von ihnen verlangen. Es funktionierte ausnahmslos. Wenn wir im Auto von der Polizei angehalten wurden, hat sie zwei Worte gesagt, und die Typen sind rot angelaufen und haben uns weiterfahren lassen. Irre. Wenn ich also an meine Kindheit denke, denke ich daran, wie ich meine Mutter ansehe. An meinen Vater und mich, wie wir beide sie ansehen. Bei meiner Schwester ist das anders. Sie erinnert sich nicht so gut. Sie war klein, als unsere Mutter starb. Was sie mitbekommen hat, waren die dreckigen Jahre, als meine Eltern kein Geld mehr für Heroin hatten und wieder angefangen haben zu trinken. Daran erinnert sich meine Schwester gut. Heroin war nicht dreckig. Es hat nur dazu geführt, dass sie eingepennt sind und ihre Kippen Brandlöcher auf dem Bettzeug hinterlassen haben. Die Medikamente kamen später. Das war eine große Spezialität meines Vaters. Aber das Beste war das Opium. Die Pfeifen, die Lampe, der Geruch. Das war, als ich richtig klein war. Saigon-Ambiente. Meine Schwester und ich haben neulich erst wieder darüber gesprochen. Sie meinte, unsere Eltern seien völlig verrückt gewesen. Ich dagegen verstehe das normale Leben nicht.
