Love to fly: Gefühle mit Gegenwind - Katie Coffee - E-Book

Love to fly: Gefühle mit Gegenwind E-Book

Katie Coffee

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Beschreibung

Eine Reise in die Karibik, verbotene Gefühle und ein Geheimnis, das alles verändert. Als die Affäre mit ihrem Chef und damit auch ihr Job ein jähes Ende finden, fällt Alicia in ein Loch aus Geldsorgen und Zukunftsängsten. Kurz entschlossen fliegt sie in die Karibik, um sich dort mit einem heißen Millionär abzulenken. Doch schon im Flugzeug begegnet sie Ben, der sich viel zu schnell in ihr Herz schleicht. Das Fliegen ist Bens Leidenschaft und Berufspilot zu werden, ist sein größter Traum. Sich diesen zu erfüllen, würde jedoch sein gewohntes Leben auf den Kopf stellen. Eine Reise in die Karibik soll ihm helfen, seine Prioritäten neu zu setzen. Dass er dort Alicia näherkommt, war allerdings nicht geplant. Je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto überzeugter ist er, dass Alicias Millionär gefährlicher ist, als sie ahnt. Aber kommt diese Erkenntnis vielleicht schon zu spät? Wenn du Liebesromane mit viel Herz, einer Prise Spannung und einem sommerlichen Setting magst, wirst du die Geschichte von Alicia und Ben lieben. Das Buch bildet den Auftakt der Trilogie Love to fly, ist aber in sich abgeschlossen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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LOVE TO FLY

GEFÜHLE MIT GEGENWIND

KATIE COFFEE

Copyright: © 2023 Katie Coffee

Katie Coffee

c/o TEXTWERKSTATT

Sabrina Cremer

Körfken 80

44227 Dortmund

[email protected]

Cover: Nina Hirschlehner (nh-buchdesign.com)

Lektorat: Sabrina Cremer (textwerkstatt.org) und Jil Aimée Bayer (jil-aimee.com)

Korrektorat: Nina Krönes (lektorat-zeilenkleid.de)

Kapitelzierden: shutterstock.com

Buchsatz: Sabrina Cremer (textwerkstatt.org)

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren oder die anderweitige Verwendung ist nur mit schriftlicher Genehmigung von Seiten der Autorin gestattet.

Dieser Roman ist fiktiv. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

INHALT

Triggerwarnung

1. Alicia

2. Ben

3. Alicia

4. Alicia

5. Ben

6. Alicia

7. Ben

8. Alicia

9. Ben

10. Alicia

11. Ben

12. Alicia

13. Ben

14. Alicia

15. Ben

16. Alicia

17. Ben

18. Alicia

19. Ben

20. Alicia

21. Ben

22. Alicia

23. Alicia

24. Ben

25. Alicia

26. Ben

27. Alicia

28. Ben

29. Alicia

30. Ben

31. Alicia

32. Ben

33. Alicia

34. Ben

35. Alicia

36. Ben

37. Alicia

38. Ben

39. Alicia

40. Ben

41. Alicia

42. Ben

43. Alicia

44. Alicia

45. Ben

46. Alicia

47. Alicia

48. Ben

49. Alicia

Epilog

So geht es weiter …

Danksagung

Über die Autorin

Triggerwarnung

Kennst du schon …

TRIGGERWARNUNG

Dieses Buch enthält Elemente, die potenziell triggern können. Am Ende des Buches findest du deshalb eine Triggerwarnung. Aber Achtung, diese kann Spoiler für das gesamte Buch enthalten.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!

Deine Katie

Für alle, die an sich zweifeln.

EINS

ALICIA

Als ich in das Taxi stieg, war ich mir sicher, Christian würde seine Frau für mich verlassen.

Kichernd lehnte ich mich gegen seine Schulter. »Was für ein wundervoller Abend.« Die Worte klangen aus meinem Mund eine Spur länger und schwammiger als üblich. Musste an den fünf Gin Tonic und einer ganzen Menge Shots liegen, die ich in den letzten Stunden getrunken hatte.

Christian lächelte mich von der Seite an. »Auch wundervolle Abende müssen einmal zu Ende gehen. Und du musst dringend ins Bett.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, gähnte ich bereits.

Er war so fürsorglich. Einem Impuls folgend küsste ich ihn auf den Mund und er erwiderte den Kuss hungrig. Provokant ließ ich meine Hand zu seinem Schritt gleiten, doch kurz vor dem Ziel hielt Christian mich am Handgelenk fest. »Nicht hier«, flüsterte er in mein Ohr, was mich schon wieder zum Kichern brachte.

»Wie lange dauert die Fahrt noch?«, fragte ich den Taxifahrer ungeduldig.

Der murmelte etwas von einer Umleitung, einer Baustelle und viel Verkehr im Zentrum von Hannover. Erneut sah ich zu Christian. Dieses Mal versuchte ich möglichst verführerisch mit den Wimpern zu klimpern. Ich rückte nah zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr, was ich mit ihm vorhatte, sobald wir im Hotel ankamen.

Er lächelte nur.

»Wir müssen noch kurz woanders anhalten«, erklärte Christian dem Fahrer nach einer Weile. Er beschrieb ihm den Weg, doch schon nach zwei Sätzen schaltete mein Gehirn auf Durchzug. Ich vertraute Christian, obwohl er mir kaum einen Grund dafür gegeben hatte. Schon mehrmals hatte er mir versprochen, er würde seine Frau für mich verlassen. Bisher hatte er jedes Mal eine Ausrede gefunden, und doch hoffte ich noch immer, dass er sich eines Tages für mich entscheiden würde. Vielleicht heute Abend?

Meine Freundin Minnie sagte mir ständig, er würde mich nur benutzen. Ich sei nur ein Püppchen an seinem Arm. Aber sie hatte keine Ahnung von unserer besonderen Verbindung, von der Liebe zwischen uns. Es fühlte sich echt an. War es nicht das, was zählte? Echte Gefühle.

»Christian, ich liebe dich«, sagte ich, ohne darüber nachzudenken. Ich wiederholte den Satz, als würde das unsere Beziehung realer machen. Diese Worte auszusprechen, fühlte sich richtig an. Ich wollte ihm sagen, was er mir bedeutete. Dass er alles für mich war.

»Du bist betrunken.«

In diesem Moment kam das Auto zum Stehen und Christian öffnete die Tür. »Ich bin nur eine Sekunde weg. Ich schulde einem Freund einen kleinen Gefallen.« Seine Hand ruhte auf der Innentasche seines Jacketts. Es ging um Geld. Wie immer bei Christian. Allein sein Anzug schrie: Ich habe Kohle, reiß mich auf!

»Lass dich nicht von kleinen Blondinen anquatschen. Ich warte hier.« Wieder versuchte ich mich an einem koketten Augenaufschlag. Dieses Mal klappte es besser, glaubte ich zumindest.

»Können Sie die Musik lauter drehen?«, fragte ich den Fahrer, nachdem Christian in der Bar verschwunden war, neben der wir gehalten hatten.

Mein Kopf war wie in eine Nebeldecke gehüllt, in der sich die rationalen Gedanken verloren. Ich wippte zur Musik und sang sogar ein bisschen mit – was ich in nüchternem Zustand niemals getan hätte. Christian hatte recht: Ich war betrunken. Trotzdem war das, was ich ihm gesagt hatte, wahr.

Was konnte er hier bloß wollen? In dieser Bar war ich noch nie mit ihm gewesen. Von außen sah sie schick aus, wie ich mit einem raschen Blick aus dem Fenster feststellte. Vielleicht würde ich ihn fragen, ob wir das nächste Mal hier Cocktails trinken könnten. Bei dem Gedanken, wie ich an Christians Arm in die Bar stolzieren würde, musste ich grinsen. Mit ihm an meiner Seite kam ich mir mächtig vor. Als bedeutete ich etwas in dieser Welt. Ich war nicht mehr die kleine Rechtsanwaltsfachangestellte, die in einer billigen Dachwohnung lebte und gerade so ihr Essen bezahlen konnte. Mit Christian fühlte ich mich luxuriös und wertgeschätzt.

Unwillkürlich musste ich an die Blicke meiner Kollegen denken, als ich heute Abend auf der Sommerfeier der Kanzlei aufgetaucht war. Drei Männer hatten versucht mit mir zu flirten. Doch ich hatte sie alle abblitzen lassen, denn ich hatte nur Augen für Christian gehabt. Wie könnte ich auch nicht? Wenn er in seinem edlen Anzug vor mir stand und mit seiner tiefen, energischen Stimme sprach, vibrierte mein ganzer Körper und mein Herzschlag geriet aus dem Takt.

Während seiner Ansprache zur Eröffnung der Feier war ich so gefesselt gewesen, dass ich fast meiner Kollegin Ivonne das Glas aus der Hand geschlagen hätte. Zum Glück hatte sie es mir nicht übel genommen. Sie wusste von Christian und mir und hatte nur verständnisvoll gelächelt. Wo war sie gewesen, als wir gegangen waren? Hatte ich mich überhaupt von ihr verabschiedet? Ich wusste es nicht mehr.

Die Tür neben mir ging auf und kühle Abendluft wehte ins Innere des Wagens, sodass sich auf meinen Unterarmen eine Gänsehaut bildete. Da steckte Christian schon den Kopf ins Taxi. Bei seinem Anblick flatterte mein Herz aufgeregt. Neben ihm stand ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Seine Lippen verzogen sich zu einem süffisanten Lächeln, während er mich musterte. Er hob ein Whiskeyglas an seinen Mund und winkte mir leicht zu.

Christian stellte mir den Mann vor, doch der Name blieb zwischen der lauten Musik, die aus der Bar dröhnte, und meinem alkoholisierten Verstand hängen. Ich tat so, als hätte ich alles verstanden und lallte ein knappes »Hallo«, ohne den Mann anzusehen. Stattdessen lagen meine Augen auf Christian. Der andere Kerl war unbedeutend.

»Fahren wir jetzt endlich?«

Christian nickte und verabschiedete sich von dem Fremden, der ihm wiederum sehr vertraut schien. Wie ein alter Freund. Wieder einmal fiel mir auf, wie wenig ich von Christian wusste, obwohl ich ihn seit drei Jahren kannte. Vielen seiner geschäftlichen Kontakte war ich schon begegnet, aber Freunde hatte er mir nie vorgestellt. Denn sein Privatleben spielte sich woanders ab, bei ihm zu Hause, mit seiner Frau. Dort hatte ich nichts verloren. Noch nicht.

Einen Moment später saß Christian wieder neben mir im Taxi und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Sein Grinsen ließ mich hoffen, dass er heute nicht so schnell wieder verschwinden würde.

Wir fuhren zu dem Hotel, das mittlerweile fast mein zweites Zuhause geworden war. Noch nie war Christian mit zu mir gekommen. Anfangs hatte er auf diese Weise Abstand wahren wollen, heute war es wohl einfach Gewohnheit. Auch bei ihm war ich noch nie gewesen. Zwar kannte ich seine Adresse, aber er hatte mich nie zu sich eingeladen. Der Gedanke verursachte einen leichten Stich in meiner Brust.

Im Hotelzimmer angekommen, fackelte Christian nicht lange. Innerhalb von Sekunden hatte er mir die Handtasche vom Arm genommen, das enge Kleid ausgezogen und mich mit dem Rücken aufs Bett gelegt.

»Du fühlst dich perfekt an, weißt du das?«, flüsterte er nah an meinem Ohr. Sein Atem kitzelte mich und ich musste kichern.

Ich erwartete gar nicht, dass er mit mir schlief, dafür waren wir beide viel zu müde. Für einen Blowjob reichte meine Kraft allerdings. Das war wohl auch Christians Plan gewesen, denn er setzte sich aufs Bett und zog mich zu sich. Ich schenkte ihm ein laszives Lächeln, bevor ich ihn mit dem Mund verwöhnte.

Nicht eine Sekunde dachte ich darüber nach, dass ich dabei leer ausging. Ich hatte mich daran gewöhnt, die zweite Geige zu spielen. Egal, was Christian von mir wollte, ich würde es tun. Selbst wenn ich später auf dem Bett lag und mich fragte, ob es richtig gewesen war.

Was auch immer andere darüber sagen mochten, für mich war das, was Christian und ich teilten, eine echte Beziehung. Er war alles, was ich hatte. Ich brauchte ihn. Und eines Tages würde er dasselbe über mich sagen. Die Hoffnung, dass er heute neben mir einschlafen und nicht zu seiner Frau zurückkehren würde, hatte ich noch nicht aufgegeben.

Nachdem er gekommen war, tätschelte Christian mir zufrieden den Kopf und zog sich wieder an. Ich wischte mir über den Mund und ließ mich erschöpft auf das Bett sinken. Christian war schon dabei, sich das Hemd zuzuknöpfen.

»Willst du nicht etwas bleiben?« Bittend sah ich ihn an und versuchte, mich aufzusetzen. Ein unerwartet starker Schmerz in meinem Kopf ließ mich prompt zurück in die Kissen sinken. Auf einmal drehte sich das Zimmer und mir wurde schlecht.

»Ruh dich aus, Kleines. Schlaf morgen etwas länger.« Er schenkte mir noch ein Lächeln, bevor er ging. »Wir sehen uns im Büro.«

Ich nickte mit geschlossenen Augen und hörte nur, wie die Tür ins Schloss fiel. Um den Schwindel zu bekämpfen, schob ich einen Fuß vom Bett und stellte ihn auf den Boden. Nach einer Weile traute ich mich wieder, die Augen zu öffnen, und tatsächlich hatte das Zimmer aufgehört, sich zu drehen. Die Übelkeit war leider geblieben.

In Gedanken nahm ich mir vor, das nächste Mal nach zwei Drinks aufzuhören oder auf Wasser umzusteigen.

Während ich so dalag, tauchten nach und nach Bruchstücke des Abends in meinem Kopf auf, die offenbar nur darauf gewartet hatten, dass ich mich hinlegte. Ich hörte Ivonnes Stimme neben mir, die undeutliche Worte von sich gab.

»… an deiner Stelle vorsichtiger … wenn er dich fallen lässt … wird er ganz bestimmt …« Hatte sie das wirklich gesagt? Oder war es bloß das, was mein benebelter Verstand aus ihren Worten gezaubert hatte? Hatte mein Gehirn womöglich meine größte Angst genommen und sie in Ivonnes Stimme verpackt? Schlagartig wurden meine Gedanken klarer.

Die Blicke meiner Kollegen erschienen mir rückblickend auf einmal nicht mehr anerkennend, sondern mitleidig. Dabei wussten sie nicht, was zwischen Christian und mir lief. Bis auf Ivonne wusste niemand auf der Arbeit, dass ich mit unserem Chef schlief. Das hielten wir geheim, obwohl es mir schwerfiel. Natürlich gab es Gerede, weil ich manchmal länger als nötig in seinem Büro blieb. In Gegenwart der anderen verhielten wir uns allerdings immer professionell.

Die mitleidigen Blicke bildete ich mir sicher nur ein. Mein Verstand spielte mir einen Streich. Ich entschied, dass es nicht anders sein konnte, und schüttelte den Kopf.

Was war dann passiert? Wie war ich von der Feier ins Taxi gekommen? So sehr ich mich anstrengte, ich konnte mich nicht daran erinnern. Also gab ich schließlich auf.

Ich zog die Decke über mich und versuchte endlich einzuschlafen. Wo war Christian wohl gerade? Schon zu Hause? Bei ihr? Schlüpfte er in diesem Moment zu ihr ins Bett, küsste sie auf die Stirn und sagte ihr, dass er sie liebte?

Tränen sammelten sich in meinen Augen. Ich schob sie auf die Kopfschmerzen, als sie schließlich über meine Wangen liefen.

Erschöpft und allein lag ich in dem Hotelzimmer, das Christian nutzte, um mit mir zu schlafen, wenn ihm danach war. Aber eines Tages würde er sich für mich entscheiden. Das musste er. An diesem Gedanken hielt ich mich fest, während der Schlaf mich langsam auf seine Seite holte.

ZWEI

BEN

Es war schon nach Mitternacht, als ich Feierabend hatte. Gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Henry ging ich in Richtung der Straßenbahn, die uns aus dem Stadtzentrum raus und in den Norden Hannovers bringen würde. Der Tag war so heiß gewesen, dass es draußen noch immer angenehm warm war.

»Du hättest echt nicht so lange machen müssen. Wir wissen alle, dass morgen dein großer Tag ist.« Henry sah mich kopfschüttelnd an. Wir kannten uns seit der Schule und schon damals hatte er sich mehr um mich gesorgt als nötig. »Zumindest kannst du uns nicht vorwerfen, wir hätten dich festgehalten. Sebastian hat dir dreimal gesagt, dass du nach Hause gehen sollst.«

Sebastian war unser Kollege. Gemeinsam arbeiteten wir in einer Bar im Stadtzentrum. Die beiden, um sich ihr BWL-Studium zu finanzieren, und ich für meine Pilotenausbildung. Auf das Trinkgeld heute Abend wollte und konnte ich nicht verzichten.

»Ich werde heute Nacht eh nicht schlafen können«, erklärte ich mit einem schiefen Grinsen.

»So nervös? Komm schon, du schaffst das doch locker.«

Ich verzog das Gesicht. »Wer weiß, wie der Prüfer drauf ist. Außerdem fühlt es sich komisch an. Wie bei der Fahrprüfung, nur viel schlimmer.«

»Ach, mach dir keinen Kopf. Schon damals hast du dir völlig umsonst Sorgen gemacht.«

»Kann eben nicht jeder so cool mit so was umgehen wie du.«

»Kann eben nicht jeder so cool sein, ein Flugzeug zu steuern.« Er grinste und ich musste lachen. »Aber mal ehrlich, was wäre das Schlimmste, was passieren könnte? Dass du durchfällst? Dann wiederholst du die Prüfung eben.«

Und zahlte diesen wahnsinnigen Preis noch einmal? Das würde schwierig werden. Aber den Gedanken behielt ich für mich. Ich war einfach verdammt dankbar, dass Henry mich nach all der Zeit immer noch unterstützte. Er hatte keine Ahnung, wie sehr er mich mit seinen Worten aufbaute.

Ich seufzte. »Manchmal wünschte ich, jeder würde das so locker sehen wie du.«

Die Straßenbahn war zu dieser Zeit zum Glück nahezu leer. Das war der Vorteil, wenn man arbeitete, während andere schon lange Feierabend hatten. Ein Nachteil war, dass das Privatleben darunter litt.

»Meinst du deine Eltern?«

»Auch.«

»Tanja?«

Wir setzten uns, doch Henrys Blick wurde forschender. »Habt ihr euch schon wieder deswegen gestritten?«

Unnötigerweise sah ich mich in dem leeren Waggon um. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich Henry von unseren Beziehungsproblemen erzählte. Nein, eigentlich waren es keine Probleme, eher Uneinigkeiten.

»Nein. Aber …« Ich biss mir in die Wange und entschied mich dafür, es Henry zu erzählen. »Du weißt, dass ich sie über alles liebe. Ich habe nur immer das Gefühl, sie will nicht, dass ich Pilot werde.«

Henry nickte. »Hast du sie mal darauf angesprochen?«

»Nein.« Aus einem bestimmten Grund nicht. Und zwar, weil ich wusste, dass es nichts bringen würde. Wir würden bloß wieder streiten. Geholfen wäre damit niemandem.

»Dann solltest du das tun. Am besten direkt nach deiner Prüfung. Damit sie sieht, dass du es ernst meinst.«

»Vorausgesetzt, ich bestehe.« Ich lächelte schief, aber Henry schüttelte nur den Kopf.

»Hast du jemals irgendetwas nicht bestanden?«

»Nicht, dass ich wüsste«, murmelte ich. Und doch war diese Prüfung etwas völlig anderes als das Bestehen des Führerscheins oder unsere Abi-Klausuren. Ich hatte so viel Geld in diese Ausbildung gesteckt, dass ich es mir schlichtweg nicht leisten konnte, am entscheidenden Tag zu versagen.

»Und wenn du bestehst?« Henry grinste mich an. »Dann bist du Pilot und fliegst bald um die ganze Welt.«

Ich lachte. »Nicht ganz. Wenn ich bestehe, habe ich gerade einmal meine PPL in der Tasche. Die Privatpilotenlizenz«, fügte ich hinzu, weil mein Kumpel mich fragend ansah. »Jetzt tu nicht so, als hätte ich dir das nicht schon hundertmal erzählt. Oder hast du etwa nicht zugehört?«

»Selbstverständlich habe ich zugehört«, protestierte Henry, doch sein Grinsen verriet ihn. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Seit Jahren lag ich allen um mich herum mit der Fliegerei in den Ohren. Dass jemand mal nicht genau hinhörte, war verständlich. »Also bist du dann Privatpilot?«

Wieder musste ich lachen. »So in etwa. Zumindest kommt anschließend erst der wirklich heftige Teil. Die Instrumentenflugberechtigung, die ich brauche, um darauf meine Verkehrspilotenlizenz aufzubauen. Mit ein bisschen Glück kriege ich ein Stipendium bei einer Partnerflugschule in Amerika.«

»Okay, wow, und ich dachte, du wärst fertig, wenn du morgen bestehst.«

»Schön wär’s.«

»Versteh mich nicht falsch, ich weiß, dass du auch das schaffen wirst.« Sein Blick verunsicherte mich. »Ich bin mir nur nicht sicher, ob deine Beziehung das überleben wird.«

Ich wusste genau, was er meinte, obwohl ich es am liebsten verdrängt hätte. Als ich Tanja damals eröffnet hatte, dass ich meine Pilotenausbildung beginnen würde, war sie strikt dagegen gewesen. Am liebsten hätte sie mich wohl dazu gebracht, einen normalen Job anzunehmen und dafür zu sorgen, dass wir uns bald ein Haus bauen konnten. Stattdessen hatte ich einen Großteil meiner Ersparnisse in das Fliegen gesteckt.

Bis heute fragte ich mich, ob ich mehr auf ihre Wünsche hätte eingehen sollen. Ob ich zu egoistisch gehandelt hatte. Doch ich konnte meinen Kindheitstraum nicht so leicht aufgeben und hoffte, sie würde das eines Tages verstehen. Vielleicht würde sie ihre Meinung ändern, sobald ich meine Lizenz hatte und nicht mehr nur vor mich hin träumte.

Das mit Amerika hatte ich ihr allerdings bisher verschwiegen. Ich wollte sie nicht anlügen, aber es kam mir klüger vor, die Sache anzusprechen, sobald meine Prüfung in trockenen Tüchern war. Dann würde ich es ihr sagen und gemeinsam würden wir eine Lösung finden, die nicht das Ende unserer Beziehung bedeutete. Das mussten wir einfach.

Nur fünf Minuten später wurde meine Haltestelle ausgerufen. Henry wünschte mir noch viel Glück, vergaß jedoch nicht anzumerken, dass ich das nicht brauchen würde. Dann stieg ich aus und lief zu unserer Wohnung.

Wie immer versuchte ich so leise wie möglich zu sein, während ich die Tür aufschloss und meine Schuhe auszog.

Es hatte verdammt gutgetan, mich mit Henry zu unterhalten, wenn auch nur kurz. Meine Freundschaften hatte ich in letzter Zeit viel zu sehr vernachlässigt, genau wie meine Beziehung. Während Henry die Sache gelassen sah und verstand, dass meine Ausbildung viel Zeit kostete, war es Tanja nicht egal. Erst heute Morgen hatte sie mir vorgehalten, ich würde unsere gemeinsame Zukunft zerstören. Ihr ging die Ausbildung zu langsam und manchmal fühlte es sich an, als würde sie von mir verlangen, mich zwischen meinem Traum und meiner Liebe zu ihr zu entscheiden. Ich verstand ihre Bedenken, aber das Fliegen aufzugeben bedeutete, dass ich einen Teil meines Herzens aufgab, das Ziel, auf das ich seit meiner Kindheit hingearbeitet hatte. Und ich wusste nicht, ob ich das konnte.

Vorsichtig schob ich die Schlafzimmertür auf. Wie erwartet lag Tanja bereits im Bett und schlief. Sie musste morgen früh zur Arbeit. Deshalb versuchte ich, sie nicht zu wecken, als ich neben sie unter die Decke schlüpfte. Glücklicherweise hatte sie einen tiefen Schlaf.

Gleichmäßig atmend lag sie neben mir und sah so friedlich aus, dass ich es nicht wagte, mich zu rühren. Ihr Atem blies eine Haarsträhne vor und zurück und ich verspürte den Drang, sie ihr aus dem Gesicht zu streichen. Das könnte sie jedoch aufwecken, also behielt ich meine Hand bei mir.

Trotzdem konnte ich den Blick nicht von ihr lösen. Sie sah so hübsch aus. Das fiel mir jedes Mal auf, wenn ich nachts nach Hause kam und sie bereits schlief. In diesen Momenten füllte sich mein Herz mit all den Gefühlen, die ich für sie empfand und die leider im Verlauf des Tages in den Hintergrund gerückt waren.

Acht Jahre waren wir mittlerweile zusammen und hatten so viel gemeinsam erlebt, dass es sich beinahe unwirklich anfühlte. Ich wollte mir keine Zukunft ohne sie vorstellen.

Allein der Gedanke an meine bevorstehende Prüfung trübte diesen Moment. Wenn Tanja bloß verstehen könnte, wie viel mir diese Ausbildung bedeutete. Dass ich das Fliegen brauchte, um glücklich zu sein, aber genauso auch sie.

Ich konnte nicht aufhören, vor mich hin zu grinsen. Peter, der Besitzer der Flugschule, stand am Vorfeld und winkte wie verrückt, was die Euphorie in mir weiter ansteigen ließ. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie er mit meinem Fluglehrer Tom einschlug. Dann lenkte ich das Flugzeug an ihnen vorbei und rollte zu dem Platz, den das Follow-me-Fahrzeug mir zugewiesen hatte.

Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber es kam mir vor, als wirkte selbst der Hallenwart fröhlicher als sonst, während er mir mit seinen Kellen zu verstehen gab, dass ich das Flugzeug anhalten konnte.

Meine Finger zitterten vor Anspannung, während ich den Motor ausschaltete. Ein letztes Mal drehten sich die Propeller, dann verstummte das Dröhnen, während Aufregung und Stolz in mir um die Oberhand kämpften.

Erst nach wenigen Sekunden wendete ich mich zu Herrn Kramer, meinem Prüfer, um und sah ihn einen Daumen nach oben recken. Nur langsam sickerte die Erkenntnis, was gerade passiert war, in mein Bewusstsein.

Kramer legte eine Hand auf meinen Arm und sagte etwas zu mir, doch durch die dichten Kopfhörer erklang es viel zu leise, als dass es die Freudenschreie in meinem Inneren hätte übertönen können.

Endlich hatte ich das geschafft, was ich mir immer gewünscht hatte: Ich war Pilot.

Noch immer völlig neben mir, zog ich mir die Kopfhörer von den Ohren. Da standen auch schon meine Fluglehrer Peter und Tom neben dem Flugzeug. Ein Blick auf den Prüfer reichte Peter, um in Jubel auszubrechen.

»Ich wusste, dass du es schaffst.« Er griff nach Toms Arm. »Weißt du noch, was ich zu dir gesagt habe? Dieser Junge hat das Fliegen im Blut. Und ich hatte recht.«

Stolz schlug ich mit ihm ein, während ich aus dem Flieger stieg. Peter und Tom liefen schon voraus ins Gebäude der Flugschule, das sich auf dem Gelände des Hannover Flughafens befand. Hinter uns rollte in diesem Moment ein Urlaubsflieger am Vorfeld vorbei und für einige Sekunden war es so laut, dass ich nur an Toms Mimik erkennen konnte, dass er lachte.

Die Schulungsflieger starteten auf denselben Pisten wie die großen Maschinen, wir funkten mit demselben Turm. Das machte es anfangs zwar etwas kniffliger, aber so lernten wir es gleich richtig und hatten später keine Probleme, allein große Flughäfen anzufliegen.

Ich blieb mit dem Prüfer ein Stück zurück. Noch immer konnte ich nicht ganz fassen, was gerade passiert war. Ich war meinem Traum ein Stück näher gekommen. Nein, ich hatte einen riesigen Sprung auf mein Ziel zugemacht.

»Das war wirklich beeindruckend«, sagte Kramer zu mir, als wir die Türen erreichten und das Dröhnen der Boeing-Maschine verklungen war. »Was hast du mit der Lizenz vor?«

»Ich will Berufspilot werden. Eines Tages, wenn ich das Geld zusammenhabe.« Ja, das liebe Geld. Aber selbst dieser Gedanke ließ mich nicht davor zurückschrecken, es zu versuchen.

Der Prüfer wechselte noch ein paar Worte mit Peter, doch das hörte ich nicht mehr, denn die Mitarbeiter des Vorfelds und die anderen Piloten kamen auf mich zugelaufen, um mir zu gratulieren. Und ich war so froh, dass mein Herz beinahe vor Glück überquoll.

»Herr Kramer meinte, du seist der beste Pilot gewesen, den er je geprüft hat«, sagte Peter zu mir, als ich mich wieder ihm zuwandte.

»Er übertreibt sicher.«

»Man hat schon vieles über Paul Kramer gesagt. Er sei streng, ungerecht, zu hart, aber noch nie hat jemand behauptet, er würde übertreiben.« Peter zwinkerte mir zu. »Und das will etwas heißen.«

Das ganze Lernen hatte sich also gelohnt. All die Nächte, die ich durchgemacht hatte, und jede Schicht in der Bar. Die Theorie, die Flugstunden, jede Landung, die ich geübt hatte, bis sie perfekt saß. All das war nicht umsonst gewesen.

»Und? Was hast du heute noch so vor? Du wirst sicher deinen Erfolg feiern.« Dass Tom mich so voller Stolz ansah, ließ mein Herz aufgehen. Ich schuldete ihm mehr, als ich je würde zurückzahlen können. Er war mein liebster Fluglehrer gewesen. Manch einer hätte ihn verbissen oder perfektionistisch genannt, aber er hatte mich immer wieder angespornt, es noch besser zu machen.

»Ich werde wohl mit meiner Freundin anstoßen.«

»Du hast eine Freundin?« Das kam von Martina, Peters Frau. Gemeinsam führten sie die Flugschule. »Die habe ich hier aber noch nie gesehen. Bring sie doch mal mit.«

Ich lächelte schwach. Tanja mitbringen? Lieber würde sie vor ein Auto springen, bevor sie herkam, geschweige denn in ein Flugzeug stieg.

»Ich werde sie mal fragen«, wich ich aus und wechselte schnell das Thema.

Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, aber dass Tanja auf meine Nachricht nicht antwortete, versetzte mir einen tiefen Stich. Hatte sie es vergessen?

Als ich heute Morgen losgegangen war, hatte sie noch im Bett gelegen. Offenbar hatte sie heute Urlaub. Komisch, dass ich nichts davon gewusst hatte. In dem Moment hatte ich geglaubt, sie hätte sich vielleicht wegen meiner Prüfung freigenommen.

Diese Hoffnung brannte noch immer in meinem Inneren, als ich die Wohnungstür aufschloss und den Flur betrat. Womöglich hatte sie etwas für mich vorbereitet, eine Überraschung. Vielleicht hatte sie endlich erkannt, wie viel mir die Pilotenausbildung bedeutete.

Doch als ich Tanja stumm am Herd stehen und in einem kleinen Topf rühren sah, wusste ich, dass nichts davon der Fall war. Sie hatte weder etwas vorbereitet noch ihre Meinung über das Fliegen geändert. Sie sah mich nicht einmal an, während ich meine Tasche abstellte und zu ihr ging. Allein das tat mehr weh, als ich mir eingestehen wollte.

»Hey.« Ich nahm ihren Arm und wollte sie zu mir ziehen, aber sie drehte sich weg. »Was ist los?«

Sie zuckte mit den Schultern, doch ich spürte die Kälte, die von ihr ausging. »Was soll schon sein? Abgesehen davon, dass du unseren Jahrestag vergessen hast.«

O Gott!

Ich griff mir an den Kopf. Verdammt, daran hatte ich wirklich nicht gedacht. Diese Jahrestage konnte ich mir nie merken. Deshalb hatte ich mir den Termin extra in den Kalender eingetragen … und dann nicht nachgesehen. Verflucht, wie konnte ich das bloß vergessen?

»Das hab ich total verpeilt. Tut mir so leid.« Ich griff nach ihren Händen, aber sie zog sie im selben Moment weg. »Wir holen das nach und gehen in dein Lieblingsrestaurant. Wir werden den ganzen Tag für uns haben. Ich gehe mit dir shoppen. Was hältst du davon?« Ich wollte sie zu mir ziehen und küssen, doch Tanja machte einen Schritt zurück. Sie war beleidigt. Und sie sah enttäuscht aus. Verdammt, ich hatte sie verletzt. Die ganze Zeit hatte ich bloß die Prüfung im Kopf gehabt.

»Bitte sei nicht traurig. Ich … Du hast bestimmt nicht mehr dran gedacht, aber ich hatte heute meine Prüfung. Und weißt du was?« Ich konnte das Lächeln nicht zurückhalten, das sich wie automatisch über meine Lippen legte.

Als Tanja das Gesicht jedoch wieder zu mir drehte, war ihr Blick nicht erfreut, sondern kühl, beinahe traurig. »Lass mich raten: Du hast bestanden. Wow. Glückwunsch.« Die Worte trieften nur so vor Sarkasmus. Für einen Moment fühlte es sich an, als würde sie mir das Herz aus der Brust reißen und mit ihren spitzen Absätzen ein Loch hineinbohren. »Wie hätte ich das bloß vergessen können. Dein Fliegen.«

Ich war wie erstarrt. Als würde mich die Enttäuschung, die die Worte in mir auslösten, betäuben. Aber ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen. Ihr Frust war nur verständlich. Ich kannte sie lange genug, um zu wissen, wie viel ihr Jahrestage bedeuteten. Trotzdem schmerzte es und in meinem Inneren schrie eine Stimme, dass nicht nur ich einen Fehler gemacht hatte. Doch ich schluckte die Emotionen herunter.

»Wie wär’s damit: Wir fahren gleich in die Stadt! Wir könnten etwas essen gehen und dann in diesen Laden, den du so gern magst. Was hältst du davon?« Ich grinste sie so siegessicher an, dass sie nicht ablehnen konnte.

DREI

ALICIA

Ein Fluch lag mir auf den Lippen, als ich erneut auf das Display meines Handys sah. Noch immer keine Nachricht von Christian.

Normalerweise reichte eine eindeutige SMS von mir, damit er mich anrief, vor allem wenn er sich gerade im Büro befand und nicht Gefahr lief, von seiner Frau erwischt zu werden.

Enttäuscht schob ich das Handy zurück in meine Handtasche. Offenbar würde ich zuerst einen Abstecher ins Büro machen müssen, bevor ich unser Mittagessen holte.

Auf dem Weg vom Hotel zur Straßenbahn kam ich an dem Einkaufszentrum vorbei, in dem ich regelmäßig neue Dessous kaufte, um sie Christian bei unseren nächtlichen Treffen zu präsentieren. Er liebte die Abwechslung und ich bot sie ihm nur zu gern. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass eine der Schaufensterpuppen neu eingekleidet war. Sie trug einen blutroten Spitzen-BH und einen Tanga, der mehr freilegte, als er verdeckte, außerdem einen niedlichen schwarzen Hüftgürtel und Strapse mit edlen Verzierungen. Bei dem Anblick musste ich einfach stehen bleiben.

Es kostete mich nur eine Sekunde, um abzuwägen, ob ich vor dem Treffen mit Christian noch etwas anprobieren konnte. Für heiße Spitzenunterwäsche war immer Zeit. Selbst wenn ich zu spät kam, konnte ich immer noch mit der Tüte vor Christians Nase herumwedeln und er würde mir alles verzeihen.

Ich betrat den Laden, griff zielgenau nach drei verschiedenen Sets, inklusive dem aus dem Schaufenster, und machte mich auf den Weg zur Umkleidekabine. Kaum hatte ich den Vorhang zugezogen, zückte ich mein Handy und machte ein paar Spiegel-Selfies.

Statt des Kleides von der Feier hatte ich am Morgen eine weiße Bluse und einen schwarzen Bleistiftrock angezogen, die ich mitgenommen hatte. Für die Fotos öffnete ich zwei Knöpfe mehr als nötig und zog den Rock so hoch wie möglich, ohne dass es gewollt wirkte.

Kurz überlegte ich, ob ich eines der Bilder Christian schicken sollte, entschied mich jedoch dagegen. Stattdessen würde ich ihm ein Bild meiner neuen Dessous senden.

Das Set aus dem Schaufenster sah wunderschön an mir aus. Es betonte meinen schlanken Körper und ließ Brüste und Po ein wenig größer wirken. Elegant drehte ich mich vor dem Spiegel, bevor ich erneut ein paar Schnappschüsse aufnahm.

Gerade wollte ich mich lasziv auf dem in der Umkleide stehenden Hocker rekeln, da wurde plötzlich der Vorhang aufgerissen. »Du kannst nicht ewig schmollen, Tanja. Komm, probiere das …«

Vor Schreck schrie ich auf und versuchte, die nötigen Stellen mit meiner Bluse zu verdecken.

In der Öffnung stand ein junger Mann, der mich ebenso schockiert ansah, wie ich mich fühlte. Seine meerblauen Augen glitten für einen kurzen Moment an meinem Körper herab und ließen sofort eine Gänsehaut auf meinen Armen entstehen.

Da tauchte hinter ihm eine Frau auf, die mit offenem Mund zwischen ihm und mir hin und her blickte. Wahrscheinlich seine Freundin.

Als er sich endlich gefangen hatte, überschlug er sich beinahe vor Entschuldigungen und zog den Vorhang schnell wieder zu.

Am liebsten hätte ich laut geschimpft und ihm sonst was an den Hals gewünscht, aber ich verkniff mir die bissigen Kommentare, die mir auf der Zunge lagen. Er war attraktiv mit seinen dunklen Locken und den großen blauen Augen, die mich intensiv gemustert hatten. Irgendwie hatte es sich gut angefühlt, wie er mich angesehen hatte.

Rasch schüttelte ich über diesen Gedanken den Kopf und entschied, es erneut bei Christian zu versuchen. Dieses Mal schickte ich ihm ein Foto von mir in der Unterwäsche. Als er auch darauf nicht reagierte, breitete sich ein mulmiges Gefühl in meinem Magen aus. Was er wohl gerade Wichtiges tat? Vielleicht hatte er ein Meeting oder sprach mit einem Mandanten. Ich sollte mir wohl keine Sorgen machen. Doch ich konnte dieses nagende Gefühl nicht so leicht abstellen, das mir sagte, dass etwas nicht stimmte.

Mir blieb nichts anderes übrig, als das Handy in meine Tasche zu stecken und mich wieder anzuziehen.

Während ich den Vorhang meiner Kabine zur Seite schob, hielt ich Ausschau nach dem gut aussehenden Kerl und seiner Freundin. Zum Glück war keiner von beiden mehr zu sehen. Die hatten sich nach dem Vorfall sicher schnell vom Acker gemacht.

»Mit Kreditkarte bitte«, sagte ich zu der Kassiererin und hielt stolz Christians Karte in die Höhe. Schnell tippte sie etwas in ihre Kasse und ich konnte die Karte durch den Schlitz ziehen.

»Oh, da scheint etwas schiefgelaufen zu sein. Die Kasse hat Ihre Kreditkarte nicht akzeptiert.«

Mir blieb beinahe das Herz stehen und meine Hände wurden feucht. Das konnte nicht wahr sein. So etwas Unangenehmes. »Ich probiere es noch einmal.«

Wieder zog ich die Karte durch den Schlitz und dieses Mal funktionierte es. Mir entfuhr ein erleichtertes Seufzen.

»Tut mir leid, manchmal spinnt das Gerät ein wenig.« Die Kassiererin grinste. »Möchten Sie vielleicht an unserem Gewinnspiel teilnehmen? Sie können eine Reise in die Karibik gewinnen. Heute ist der letzte Tag, an dem Sie teilnehmen können.«

Warum nicht? Ich füllte den Flyer aus, den sie vor mir auf den Tresen legte. Zwei Reisen wurden verlost sowie diverse Dessous-Pakete. Verlockend klang es schon, dem trüben Wetter in Deutschland zu entkommen und ein paar Tage in der Karibik zu verbringen. In Gedanken lag ich bereits gemeinsam mit Christian am Strand und bräunte mich in der karibischen Sonne.

Als ich in der Straßenbahn den letzten freien Platz ergatterte und mich gerade setzte, klingelte mein Telefon. Enttäuscht stellte ich fest, dass es nur meine Schwester war. Christian hatte sich noch immer nicht gemeldet. Stattdessen erzählte mir Kaja von ihrer anstehenden Einweihungsparty und bestellte mich für heute zu sich nach Hause.

Widerspruch war zwecklos. Meine Schwester stellte keine Fragen, sie gab Anweisungen, die man besser befolgte, wenn man sich nicht ihrem Zorn aussetzen wollte.

»Du bist also um sechzehn Uhr bei mir und suchst mit mir mein Outfit aus. Danach muss ich zum Friseur und heute Abend telefonieren wir noch mal wegen der Deko, die bis dahin hoffentlich angekommen ist. Dieser blöde Paketdienst!«

Ich nickte, obwohl sie es nicht sehen konnte, weil ein »Ja klar« in ihrem Redeschwall untergegangen wäre.

Mein nächster Stopp war die Kanzlei, in der ich arbeitete. Christian würde schon auf mich warten, da war ich mir sicher. Nachdem ich ihn begrüßt hätte, würde ich unser Mittagessen besorgen und heute Abend würden wir gemeinsam essen gehen. Es würde perfekt werden. Er würde das Kleid anhimmeln, das ich mir extra für den Anlass gekauft hatte, und nach dem Essen würde ich mit ihm auf unser Hotelzimmer verschwinden, wo er es mir langsam auszog. Auch meine neuen Dessous würde er lieben. Bei dem Gedanken musste ich grinsen.

Kaum war ich durch die Eingangstür gegangen, kam mir schon Ivonne entgegen.

»Alicia!«, rief sie von weitem. Sie hatte die nervige Angewohnheit, immer zu kreischen, wenn sie sprach. Davon abgesehen war sie eine fleißige Mitarbeiterin. Sie schleppte meine Akten, holte mir meinen Lieblingskaffee von Starbucks und tat alles, was ich ihr auftrug, weshalb ich das Gekreische lediglich mit einer leichten Grimasse quittierte.

»Chris… äh, wir sollten woanders hingehen«, unterbrach meine Kollegin sich selbst und zog mich in ein leeres Zimmer. Sie hatte etwas an sich, das jeden um sie herum nervös werden ließ.

Ivonne war die Einzige im Büro, die über Christian und mich Bescheid wusste. Ich hatte es ihr vor einem halben Jahr erzählt, weil ich ihr vertraute und es für eine gute Idee hielt, zumindest eine Kollegin auf meiner Seite zu haben. Damals hatte sie geschworen, es niemandem zu verraten. Und daran hatte sie sich bisher gehalten.

Die anderen hatten natürlich ihre Vermutungen, aber Christian war es wichtig, unsere Affäre geheim zu halten.

»Christian hat einen wichtigen Termin. Er lässt dir ausrichten, dass er dich nicht hier treffen kann. Du sollst in die Südstadt kommen.« Sie reichte mir einen Zettel mit einer Adresse darauf.

Insgeheim freute ich mich darüber, den Tag nicht in der Kanzlei verbringen zu müssen. Nur warum konnte er mir das nicht persönlich sagen?

»Was ist das für ein Termin?« Meine Stimme klang spitzer als beabsichtigt. »Ich meine, er hat mir nichts davon gesagt …«

Ivonne runzelte die Stirn. »Mehr weiß ich leider auch nicht.« Dann lächelte sie wieder, als sei die Angelegenheit damit erledigt. Für mich war sie das allerdings ganz und gar nicht.

Schon wollte Ivonne an mir vorbei gehen und den Raum verlassen, da stellte ich mich ihr in den Weg. »Hat er gesagt, warum ich da hinkommen soll?«

Sie schüttelte den Kopf. »Kein Wort. Er hat ganz geheimnisvoll getan.« Meine Kollegin zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Ihre Worte ließen mein Herz für einen Moment aufflattern, weil sich in mir die Hoffnung regte, dass Christian endlich seine Frau verlassen hatte. Doch schnell wurde die Euphorie durch dumpfen Realismus abgelöst. Ich sollte mich nicht zu früh freuen.

Widerwillig ließ ich Ivonne schließlich hinaus.

Was hatte Christian so Bedeutsames zu tun, das nicht wichtig genug war, um es mir persönlich zu sagen? Und warum hatte er mir nicht einfach geschrieben? Um das herauszufinden, würde ich wohl in die Südstadt fahren müssen.

Hoch erhobenen Hauptes verließ ich das Zimmer und stolzierte an meinen Kollegen vorbei. Mein Outfit war nichts Besonderes. Ich lief jeden Tag so herum. Trotzdem spürte ich die Blicke meiner Kollegen in meinem Rücken. Instinktiv umfasste ich den Griff meiner Einkaufstüte etwas fester. Ich hatte nicht daran gedacht, dass alle anhand der Aufschrift sofort den Inhalt erahnen konnten. Aber jetzt war es zu spät, um die Dessous in meine Handtasche zu stopfen. Deshalb straffte ich die Schultern und lief weiter, ohne die Blicke zu beachten, die mir folgten.

»Wir sehen uns später«, rief ich Ivonne im Vorbeigehen zu. Die setzte nur ihr breites Puppen-Grinsen auf und winkte mir zu, bevor ich auf die Straße hinaustrat. Während ich in die nächste Straßenbahn stieg, tippte ich die Adresse, die Ivonne mir gegeben hatte, in mein Handy. Irgendwie kam sie mir bekannt vor, aber den Gedanken schob ich schnell beiseite.

Stattdessen dachte ich darüber nach, was passiert sein könnte. Was konnte Christian dazu veranlasst haben, Ivonne zu informieren, jedoch nicht auf meine Nachrichten zu reagieren? Vielleicht war er beschäftigt. Ja, ganz sicher war er das. Möglicherweise war ihm etwas dazwischengekommen und er hatte keine Zeit gehabt, mich zu informieren. Ganz logisch kam mir das zwar nicht vor, aber ich hatte keine andere Wahl, als vorerst den Anweisungen meines Navis zu folgen.

Als ich vor dem Haus stand, zu dem Christian mich zitiert hatte, war ich nicht mehr so sicher, ob es tatsächlich eine gute Idee war, hier aufzutauchen. Es war ein niedliches Einfamilienhaus mit einem gepflegten Vorgarten. Die seitlich an den Fenstern befestigten Vorhänge ermöglichten mir einen Blick auf den gemütlichen Wohnbereich.

Auf dem Klingelschild stand Christians Nachname. Verdammt, das war sein Zuhause. Eisig lief es mir den Rücken hinunter. Ich hätte die Adresse sofort erkennen sollen. Zwar hatte er es nie direkt gesagt, aber ich wusste, dass ich nicht herkommen durfte. Denn hier führte er das Vorzeigeleben mit seiner Frau und die durfte niemals etwas von mir erfahren. Was also sollte ich heute hier? Was war passiert, dass Christian mich zu sich eingeladen hatte? Hatte er sich vielleicht endlich von seiner Frau getrennt?

Hoffnung flammte in mir auf. Die Hoffnung, dass unsere Geheimnistuerei ein Ende hatte. Dass er sich endlich für mich entschieden hatte. Hatte er Ivonne vielleicht beauftragt, mich herzuschicken, um mich zu überraschen? Ein Grinsen stahl sich auf meine Lippen und Wärme breitete sich in mir aus. Sicher hatte Christian eine romantische Geste geplant.

Oder? Die kleine Flamme in mir erlosch. Prompt nagten wieder die Zweifel an mir. Etwas passte hier nicht.

Unsicher schnappte ich mir mein Handy und rief ihn an. Nach all der Zeit war es unwahrscheinlich, dass er sich endlich dazu entschlossen haben sollte. Sollte das Ganze ein Missverständnis sein, wäre meine Beziehung zu Christian damit vorbei, da war ich mir sicher. Aber was, wenn er mich brauchte? Wenn etwas passiert war?

Wieder ging er nicht ran. Warum ging er nicht an sein verdammtes Telefon?

Mit zitternden Knien stieg ich die Stufen zur Haustür hoch. Ich atmete tief ein und fasste die Papiertüte, in der sich meine neuen Dessous befanden, ein wenig fester. Dann drückte ich endlich auf den Knopf neben der Tür.

Das Klingeln klang so schrill in meinen Ohren, dass ich erschrocken zusammenzuckte. Dann hörte ich die klappernden Geräusche von Absätzen auf Parkett und in diesem Moment wusste ich, dass es ein Fehler gewesen war, herzukommen.

Ich wollte weglaufen, wollte ungeschehen machen, dass ich geklingelt hatte. Doch es war zu spät, denn die Tür öffnete sich bereits.

VIER

ALICIA

In der Tür stand eine Frau, die wie Christian um die vierzig sein musste. Sie trug einen eleganten Bleistiftrock und dazu eine hübsche Bluse. Ihr Make-up saß perfekt und auch ihre Figur war nicht schlecht.

Das konnte nicht seine Ehefrau sein, entschied ich. Das war unmöglich. Christian hatte immer von einer unattraktiven Frau gesprochen, die ihm nicht das geben konnte, was er brauchte. Vielleicht war sie nur seine Haushaltshilfe. Innerlich lachte ich kalt auf. In diesem Outfit? Niemals.

Wie festgewachsen stand ich auf der Fußmatte vor der Tür, nicht in der Lage, auch nur einen Mucks von mir zu geben, während mein Herz zu einem Eisblock erstarrte. Was hatte ich bloß getan? Wie konnte ich so naiv sein?

Fragend sah mich die Frau an, bevor sie ihren Blick zu der Tüte in meiner Hand schwenkte. Der Inhalt war unverkennbar und wieder fragte ich mich, warum ich die Unterwäsche nicht einfach in meine Handtasche gestopft hatte.

Ich wollte etwas sagen, mir irgendeine Ausrede ausdenken, warum ich hier aufgetaucht war. Da erklang bereits Christians Stimme aus dem Inneren des Hauses. »Wer ist denn da, Schatz?«

O Gott, er kam zur Tür. Nein, nein, nein, das darf nicht wahr sein. Bitte lass das einen Albtraum sein, aus dem ich gleich erwache, flehte ich stumm.

Warum war ich hier? Was tat ich hier? Was hatte Ivonne sich dabei gedacht? Aber wenn er ihr doch gesagt hatte, dass ich herkommen sollte? Wieso überhaupt, wenn seine Frau da war? Warum hatte ich ihr blind vertraut?

Während es in meinem Hirn ratterte und sich mein Herz verkrampfte, erschien genau der Mann im Eingangsbereich, den ich liebte, und mein Albtraum nahm seinen Lauf.

Bevor ich irgendetwas erklären konnte, war er schon bei der Tür. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt, als er mich anschrie. »Was tun Sie denn hier?«

»Ich … ich dachte …« Mir fehlten die Worte. Nichts, was ich sagen wollte, erschien mir logisch. Außer vielleicht der Tatsache, dass ich mich um ihn gesorgt hatte. Dass ich ihn vermisst und nach Strohhalmen gegriffen hatte, um ihn zu sehen. Aber das konnte ich nicht vor seiner Frau sagen.

Christian wandte sich an seine Frau, die ihn misstrauisch beäugte. Zuzusehen, wie er ihr sanft über die Arme strich, versetzte mir einen schmerzhaften Stich. »Schatz, ich kann dir das alles erklären. Sie ist die Angestellte, von der ich dir erzählt habe, und schon lange hinter mir her, aber ich habe sie immer abgewiesen. Ist doch so, Frau Fuchs?«

Ich nickte, weil ich keinen Ton herausbekam, und senkte den Kopf. Was sollte ich sonst tun? Meine ganze Welt brach in diesem Moment in sich zusammen.

»Ich werde dafür sorgen, dass das nicht noch einmal passiert. Das verspreche ich dir.«

Dann drehte er sich wieder zu mir um. »Verschwinden Sie von hier und kommen Sie nicht wieder. Wir sind fertig!« Damit knallte er mir die Tür vor der Nase zu.

Wie erstarrt stand ich vor Christians verschlossener Eingangstür und konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Mit jeder Sekunde, die verstrich, breitete sich die eisige Leere weiter in meinem Brustkorb aus und vor meinem inneren Auge fielen all meine Pläne wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Am liebsten hätte ich die Zeit zurückgedreht und mich dagegen entschieden, zu ihm zu fahren, hätte all das ungeschehen gemacht.

Mit zitternden Beinen drehte ich mich um und versuchte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne mit meinen Absätzen umzuknicken.

Kaum hatte ich es zur Haltestelle geschafft, ließ ich mich auf einen leeren Sitz fallen. Noch immer steckte mir der Schock in den Knochen. Ich war nicht in der Lage, auch nur eine Träne zu weinen, obwohl ich mich danach fühlte. Vielmehr hatte sich ein taubes Gefühl in meinem Inneren breitgemacht. Ein Gefühl der Ohnmacht, das mich von der Welt um mich herum abschnitt.

Mindestens drei Straßenbahnen fuhren an mir vorbei, ohne dass ich Anstalten machte, aufzustehen und einzusteigen. Ich saß bloß da und erlebte das Geschehene vor meinem inneren Auge immer wieder. Alles, was ich je gewollt hatte, war, Christian glücklich zu machen. Ich wollte für ihn die perfekte Frau sein. Diejenige, für die er seine Ehefrau verließ, um sich ein neues Leben aufzubauen. Doch heute hatte ich einen Fehler gemacht, der alles zerstören würde.

Eigentlich sollte ich gerade an meinem Schreibtisch sitzen und wichtige Fälle vorbereiten. Aber dorthin konnte ich nicht zurück. Nicht jetzt, wo das Kartenhaus, das mein Leben gewesen war, in sich zusammenbrach. Alle würden sofort erkennen, was passiert war. Sie würden ihre eigenen Schlüsse ziehen. Ich konnte ihre bohrenden Blicke bereits spüren. Nein, arbeiten würde ich heute sicher nicht mehr.

Die ganze Zeit über fragte ich mich, warum Ivonne mir gesagt hatte, Christian würde auf mich warten, wenn das offensichtlich nicht der Fall war. Warum hatte sie mich zu ihm nach Hause geschickt, wenn sie gewusst hatte, dass er mit seiner Frau dort war? Erneut zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen und ich unterdrückte ein trockenes Schluchzen.

Sie hatte mich in eine Falle gelockt. Das war die einzig logische Erklärung, doch allein der Gedanke daran stieß mir sauer auf.

Nein, Ivonne war meine Freundin. Niemals hätte sie so etwas absichtlich getan. Ich musste nur mit ihr sprechen, dann würde sich alles aufklären. Das würde ich auch Christian erklären. Und er würde mir glauben. Und mir verzeihen. Und alles wäre wie früher. Ganz bestimmt, es musste so sein.

Warum nur hatte ich so ein schlechtes Gefühl bei der Sache?

Endlich stand ich auf und stieg in die nächste Straßenbahn ein. Ich entschied, direkt meine Schwester aufzusuchen, obwohl ich viel lieber zu meiner Wohnung gefahren wäre und mich in mein Bett geschmissen hätte. Aber dann hatte ich es zumindest hinter mir.

Schnell schrieb ich ihr eine SMS, woraufhin sie mich sofort über die Punkte auf ihrer To-do-Liste informierte, die wir abarbeiten mussten. Typisch, sie erstellte für alles Pläne und war immer auf alles vorbereitet. Als würde sich ein roter Faden durch ihr ganzes Leben ziehen.

Umso weniger überraschend war es gewesen, dass Manu und sie vor einiger Zeit in das kleine Reihenhaus am Stadtrand gezogen waren. Am liebsten wäre ich im Boden versunken, als sie es auf ihrer Geburtstagsparty vor all ihren Freunden verkündet hatte. Meine kleine Schwester, die bereits viel mehr erreicht hatte als ich. Wie gerne hätte ich mich für sie gefreut und mit ihren Freunden gejubelt, doch ich sah nur die mitleidigen Blicke, die mir mal wieder zeigten, wie sehr ich mein Leben in den Sand gesetzt hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---