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Wenn prickelnde Emotionen und eine unerwartete Liebe den perfekten Cocktail ergeben. Schon bei ihrer ersten Begegnung ahnt Lynn, dass ihr neuer perfektionistischer Chef Danny sie nicht leiden kann. Als Barkeeperin wagt sie im Summer Dream einen Neustart und gerät dabei regelmäßig mit Danny in Streit. Mit der Zeit erkennt sie jedoch, dass sie mehr für ihn empfindet, als sie sollte, und fragt sich, was sie wirklich vom Leben will. Seine Bar ist Dannys Neuanfang und die einzige Chance auf das Leben seiner Träume, das er vor sieben Jahren aufgeben musste. Deshalb soll dieses Mal alles perfekt sein. Nur leider muss er mit einer Frau arbeiten, die ihn zur Weißglut bringt, alte Wunden aufreißt und ihn viel zu tief berührt. Doch schon bald ist Lynn sein kleinstes Problem, denn seine Vergangenheit holt ihn ein und er steht kurz davor, alles zu verlieren, was ihm wichtig ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Copyright © 2024 by Katie Coffee
Covergestaltung: Constanze Kramer, coverboutique.de
Bildnachweise: ©Daniel - stock.adobe.com, freepik.com, rawpixel.com
Lektorat: Julia Friesen, lektorat-zeilenkiste.de
Korrektorat: Melina Polichronidis
Kapitelzierden: canva.com
Alle Rechte vorbehalten.
Sämtliche Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren oder die anderweitige Verwendung ist nur mit schriftlicher Genehmigung von Seiten der Autorin gestattet.
Dieser Roman ist fiktiv. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Dieses Buch enthält Elemente, die potenziell triggern können. Auf der letzten Seite findest du deshalb eine Triggerwarnung. Aber Achtung, diese kann Spoiler für das gesamte Buch enthalten.
Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen.
Deine Katie
Für Richard,
weil du mein Danny bist.
1. Lynn
2. Danny
3. Lynn
4. Danny
5. Lynn
6. Danny
7. Lynn
8. Danny
9. Lynn
10. Danny
11. Lynn
12. Danny
13. Lynn
14. Danny
15. Lynn
16. Danny
17. Lynn
18. Danny
19. Lynn
20. Danny
21. Lynn
22. Danny
23. Lynn
24. Danny
25. Lynn
26. Danny
27. Lynn
28. Danny
29. Lynn
30. Danny
31. Lynn
32. Danny
33. Lynn
34. Danny
35. Lynn
36. Danny
37. Lynn
38. Danny
39. Lynn
40. Danny
41. Lynn
Cocktailrezept
Love to fly: Gefühle mit Gegenwind
Danksagung
Über die Autorin
Triggerwarnung
Ich hatte die Route genau berechnet. Die Bar, in der ich mich als Thekenkraft beworben hatte, lag in Döhren, im Süden Hannovers, ganze zwei Kilometer von Mikes Wohnung entfernt. Weil ich wusste, dass er immer diese Straßenbahn nahm, um zur Arbeit zu fahren, würde ich ab dem Hauptbahnhof den Bus nehmen. Das würde ziemlich genau zehn Minuten länger dauern, aber bevor ich meinem Ex über den Weg lief, nahm ich das in Kauf. Allein der Gedanke daran, ihm zu begegnen, vielleicht sogar mit ihm reden zu müssen, sorgte für ein flaues Gefühl in meinem Magen. Nicht weil ich nicht bereits über ihn hinweg war, sondern weil ich solche erzwungen höflichen Gespräche hasste, die doch für beide Seiten bloß unangenehm waren.
Blöderweise war das Bewerbungsgespräch an einem Dienstagnachmittag. Da war Jonas immer mit seinen Kumpels in Döhren Bowlen gegangen. Jonas war ebenfalls ein Ex-Freund, dem ich auf keinen Fall über den Weg laufen wollte. Also würde ich zwei Stationen früher aus dem Bus steigen und die restliche Strecke zu Fuß zurücklegen. So konnte ich einen großen Bogen um die Bowlinghalle machen.
Trotz der Umstände war meine Wahl auf diese Bar gefallen, denn die meisten anderen der Stadt verband ich entweder mit vergangenen Dates oder mindestens ein Ex-Freund besuchte sie regelmäßig. Von der Bar Summer Dream hatte ich noch nie gehört, außerdem lag sie außerhalb des Stadtzentrums, was bedeutete, dass sie die wenigsten Partygänger ansteuern würden.
Ich war also eine Stunde vor dem Termin in die Bahn gestiegen und nahm in diesem Moment, zwanzig Minuten nach vier, den Bus. Zum Glück erkannte ich unter den anderen Fahrgästen kein bekanntes Gesicht, insbesondere keinen Ex-Freund, der mich hätte in Verlegenheit bringen können. Bisher lief alles nach Plan.
Am Telefon hatte der Besitzer der Bar reserviert, aber freundlich geklungen. Er schien nicht sonderlich gesprächig, hatte jedoch all meine Fragen zu meiner Zufriedenstellung beantwortet. Der Job würde wohl entspannt werden. Ich dürfte meine eigene Kleidung tragen, nur nichts Buntes, hatte er gesagt, am besten Schwarz. Da mein Kleiderschrank allerdings kein schwarzes Kleidungsstück hergab, hatte ich mich heute für eine weiße Bluse und eng anliegende blaue Jeans entschieden. Bunt war das definitiv nicht. Außerdem war es nur ein Bewerbungsgespräch, nicht schon mein erster Arbeitstag. Wenn er etwas daran auszusetzen hatte, würde ich mir eben schwarze Kleidung zulegen, obwohl das normalerweise nicht mein Geschmack war. Ich mochte freundliche, warme Farben.
Zwei Haltestellen später stieg ich aus dem Bus. Für alle Fälle hatte ich mir eine dünne Jacke mitgenommen, aber bei den sommerlichen Temperaturen heute würde ich die wohl nicht brauchen. Die Sonne war sogar so stark, dass sich in meinem Dekolletee erste Schweißperlen bildeten.
Um nicht Jonas zu begegnen, nahm ich den geplanten Umweg. Zwanzig Minuten blieben mir noch, genug Zeit, um einmal um den Block zu laufen und anschließend die Bar anzupeilen. Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter für mein Organisationstalent.
Dann passierte alles auf einmal.
Zuerst hörte ich das Geräusch von Rollen auf dem Asphalt. Gleichzeitig setzte ich einen Fuß auf die Straße. Dass das ein Fehler gewesen war, erkannte ich erst, als mich daraufhin eine harte Schulter in der Seite traf und zu Boden riss.
Ich brauchte einen Moment, um zu registrieren, dass ich auf der Straße lag und mein Ellbogen verdammt wehtat. War das Blut auf meiner Bluse? Ach du Scheiße! Ich schnappte nach Luft, während mein Herzschlag sich beschleunigte.
Prüfend drehte ich meinen Arm so, dass ich die Wunde sehen konnte. Nur ein Kratzer. Ein Glück! Nichts Ernstes. Auch sonst schien noch alles dran zu sein. Ich würde den Sturz überleben. Erleichtert atmete ich auf.
Da erschien eine Hand in meinem Blickfeld.
Zuerst bemerkte ich den breiten Ring, den die Person am Mittelfinger trug. Dann die vielen Armbänder in verschiedenen Farben und das Tattoo an der Innenseite des Handgelenks.
Ich erstarrte.
Den Arm kannte ich.
Ein Blick in das Gesicht des Mannes bestätigte meine Vermutung, die ehrlicherweise mehr als das gewesen war. Diese Hand kannte ich zu gut, um sie vergessen zu können. In meinem Bauch flatterte es.
Mist! Warum war ich nur keinen größeren Bogen gelaufen? Dann hätte ich mir diese Begegnung erspart.
Mit einem steifen Lächeln begrüßte ich meinen Ex vom Boden aus.
Natürlich hatte Mike mich sofort erkannt. Das halbe Grinsen auf seinen Lippen sprach Bände. Fast ein Jahr waren wir zusammen gewesen, bevor er mit mir Schluss gemacht hatte. Das war mittlerweile drei Jahre her, und doch kam es mir vor, als wäre es gestern gewesen. Sofort spielte mein dämlicher Kopf Szenen aus unserer Beziehung ab. Wie wir uns damals kennengelernt hatten … und wie er mich verlassen und ich tagelang geheult hatte.
Deshalb ging ich ihm aus dem Weg. Ihm und all den anderen Kerlen, die mich in der Vergangenheit abserviert hatten. Auf diese Erinnerungen konnte ich gut verzichten.
»Alles noch dran? Tut mir echt leid, ich habe dich zwischen den Autos nicht gesehen.«
Widerwillig nahm ich seine Hand und ließ mir von ihm aufhelfen. Dabei kam ich ihm so nah, dass mir sein Duft in die Nase schoss. Frisch und ein wenig hölzern, der Geruch, der mich damals zum Seufzen gebracht hatte. Ich erschauderte. Heute wollte ich bloß vor ihm weglaufen.
»Ja, alles super. Danke. Ich werde dann …«
Bevor ich verschwinden konnte, hatte er mich am Arm gepackt und meinen Ellbogen in seine Richtung gedreht. Dass er dabei kurz meine Bluse musterte, musste ich mir eingebildet haben. Als würde Mike auch nur einen weiteren Gedanken an mich verschwenden.
»Ein ganz schön mieser Kratzer.« Zerknirscht presste er die Lippen aufeinander, während er meinen Ellbogen begutachtete. Sanft strichen seine Finger über meine Haut. Entgegen meinen Vorsätzen stellten sich die Härchen meines Unterarms bei seiner Berührung auf. Wie auf Knopfdruck strömten die Erinnerungen wieder auf mich ein. An damals. An meine Zeit mit ihm. Ein warmes Prickeln entstand in meiner Brust und ließ mein Herz schneller schlagen. Liebevoll war er auch da gewesen, und fürsorglich.
Doch das hatte ihn nicht daran gehindert, einen Schlussstrich unter unsere Beziehung zu setzen, nach gerade einmal zehn Monaten.
»Geht schon.« Ich schenkte ihm ein möglichst beruhigendes Lächeln, das ich nicht fühlte, und wand meinen Arm aus seinem Griff. Seine Hände auf meiner Haut pflanzten mir Bilder in den Kopf, die dort nicht hingehörten. »Ich habe es eilig, also …«
»Wo musst du denn hin? Vielleicht kann ich dich mitnehmen.«
Mein Blick fiel auf das Skateboard zu seinen Füßen. Ich hätte es mir denken können. Skateboardfahren war seine Leidenschaft und diese Straße eine seiner Lieblingsstrecken nach Feierabend.
Aber zu ihm aufs Board zu steigen, mich an seine Brust zu lehnen und seine Hand auf meinen Seiten zu spüren, war wohl das Letzte, was ich gerade gebrauchen konnte. Damals hatte mich das Gefühl wahnsinnig angemacht. Doch genau das war der Punkt.
»Es ist nicht weit. Das schaffe ich locker zu Fuß.« Ich versuchte, das Gespräch mit einem Lächeln zu beenden, aber Mike schien gar nicht daran zu denken, aufzugeben.
»Ich fühle mich echt mies, weil ich dich so umgefahren habe. Ich hätte vorsichtiger sein sollen.«
Das hätte er wohl. Und ich hätte wissen müssen, dass mein Ex diese Strecke hin und wieder mit seinem Skateboard entlangfuhr. Mit einem leisen Seufzen strich ich mir den Staub von der Jeans.
»Was für ein Zufall, dass ich ausgerechnet dich umfahre.« Er lachte nervös. Ja, nervös. Ich hatte mich nicht verhört. Nun blickte er mich auch noch mit seinen großen blauen Augen flehend an und sah dabei so aus wie an dem Tag, als wir uns kennengelernt hatten. Mein Herz schlug einen Purzelbaum, obwohl ich mich dafür am liebsten geohrfeigt hätte.
»So groß ist der Zufall nicht, wenn man bedenkt, dass du nur ein paar Straßen weiter wohnst.«
Er grinste. »Das weißt du noch?«
Selbstverständlich wusste ich das noch. Genau wie die Uhrzeit, zu der er immer aufstand, sich die Zähne putzte und das Haus verließ. Ich kannte den Namen der Bäckerei, bei der er sich jeden Morgen seinen Kaffee und ein Croissant holte, und die Haltestelle, an der er auf seine Straßenbahn wartete. Ich erinnerte mich an seine Lieblingsbar und das Restaurant, in dem er sich Pizza bestellte, wenn es auf der Arbeit spät geworden war.
»So lange ist es noch nicht her.« Meine Wangen wurden heiß. Nervös zupfte ich an meiner Bluse herum, tat so, als würde ich Staub abklopfen, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen.
»Stimmt.« Aus dem Augenwinkel fing ich seinen Blick auf und erkannte das Glitzern darin. So hatte er mich damals angesehen, als wir frisch verliebt gewesen waren. In meinem Bauch kribbelte es. »Wie geht’s dir denn so?«
Wieso fragte er mich das? Allein mit diesen Worten brachte er meine Hormone völlig aus dem Gleichgewicht. Schon jetzt konnte ich mein Herz nicht daran hindern, wie verrückt in meiner Brust zu flattern. Dabei sollte ich nicht so auf ihn reagieren. Er war mein Ex-Freund, und das nicht ohne Grund.
»Gut! Ich habe eine Weiterbildung zur Barkeeperin gemacht und bin unterwegs zu einem Bewerbungsgespräch.« Schnell biss ich mir auf die Zunge, um nicht noch mehr Details über mein Leben zu verraten. Seine Anwesenheit fühlte sich viel zu vertraut an.
»Wow.« Er lachte, ein helles, freundliches Lachen, das mir damals unheimlich gefallen hatte. »Das passt gar nicht zu dir.«
Ach was?
»Ich hatte Lust auf etwas Neues.« Das war nicht ganz die Wahrheit, aber auch keine Lüge.
»Bist du in einer Beziehung?«
Das hatte er nicht wirklich gefragt. Automatisch galoppierte mein Herz bei seinen Worten los.
Verdammt, er sollte einfach weiterfahren und mich in Ruhe lassen.
Ich schüttelte den Kopf. »Du?« Die Frage war raus, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte. Offenbar war ich zu nervös, um klar zu denken.
»Nein.« Sein Lächeln war so süß wie damals. Es hatte mich dazu gebracht, mich auf ihn einzulassen, als er mich im Club angesprochen hatte. Dem Club, den ich seitdem mied. »Ehrlich gesagt musste ich heute Morgen an dich denken.«
»Wirklich?« Das Wort kam etwas hysterischer aus meinem Mund, als mir lieb war. Ich biss mir auf die Unterlippe. Warum zum Henker musste er an mich denken?
»Ich habe mich daran erinnert, wie wir morgens immer auf dem Weg zur Arbeit zu Heiser gegangen sind.«
Gequält lächelte ich.
»Irgendwie habe ich deine Gesellschaft vermisst.«
Nein, das passierte nicht wirklich. Er versuchte nicht …
»Würdest du vielleicht die Tage etwas mit mir trinken gehen? Wir könnten reden und vielleicht … wäre es wie damals.«
Wie damals?
Ich schluckte.
»Du weißt, dass ich nicht an Zufälle glaube. Ganz sicher war es kein Zufall, dass ich heute Morgen an dich denken musste und ausgerechnet dich nach der Arbeit mit meinem Skateboard erwische.« Wieder dieses niedliche Lächeln, das mich damals zum Schmelzen gebracht hatte. »Hast du heute früh auch an mich gedacht? War es vielleicht wirklich ein Zeichen?«
Ja, ich hatte an ihn gedacht. Als ich die Route geplant hatte, die die Wahrscheinlichkeit, auf ihn zu treffen, minimieren sollte. Aber er wirkte so hoffnungsvoll, dass ich ihm das nicht sagen konnte.
»Ehrlich gesagt, ja, ich habe an dich gedacht.« Mein Herzschlag geriet aus dem Takt. Dieses Mal allerdings nicht deshalb, weil er mich nervös machte, sondern weil ich das Gefühl hatte, einen riesigen Fehler zu begehen. Doch es war zu spät, um meine Worte zurückzunehmen.
Sofort hellte sich sein Gesicht auf. »Wir sollten Nummern tauschen.«
Dass ich seine Nummer noch immer eingespeichert hatte – nur für den Fall –, sagte ich ihm nicht, während ich so tat, als würde ich sie in mein Handy tippen.
Wir verabredeten uns für Freitagabend. Er würde mich abholen und wir würden etwas trinken gehen, wir würden reden und vielleicht würde zwischen uns wieder der Funke überspringen, der damals da gewesen war. So hatte er es gesagt. Dann hatte er es wieder ein Zeichen genannt, dass wir uns getroffen hatten.
Ein Zeichen. Verwirrt und mit unendlich vielen Fragen im Kopf machte ich mich wieder auf den Weg. Es war nur ein Treffen. Ein belangloses Treffen, aus dem mehr werden konnte, wenn wir wollten.
Aber viel Zeit blieb mir nicht, um mir darüber Gedanken zu machen. Denn mittlerweile war es fünf Minuten nach fünf und ich würde zu spät zu meinem Gespräch kommen.
»Sie ist zu spät.« Kopfschüttelnd sah ich auf meine Armbanduhr, dann zu meinem Kumpel Luke, der mir bei dem Gespräch zur Seite stehen würde. Ich wusste, dass er eigentlich sichergehen wollte, dass ich den richtigen Barkeeper einstellte. Aber das würde er nie zugeben.
»Es ist gerade einmal fünf nach. Du siehst es mit der Uhrzeit doch sonst auch nicht so eng.« Sein Grinsen ließ mich mit den Augen rollen.
»Jede vernünftige Person kommt zu einem Bewerbungsgespräch zehn Minuten zu früh«, erwiderte ich trocken. Ungeduldig tippte ich mit dem Zeigefinger auf meinen Unterarm.
»Entspann dich, vielleicht steckt ihre Bahn fest oder sie musste einer alten Frau über die Straße helfen.«
»Vielleicht kommt sie gar nicht mehr.« Wie sehr ich mir wünschte, dass das der Fall war. Ich hatte absolut keinen Bock auf dieses blöde Gespräch. Als wir die Stellenanzeige ins Internet gestellt hatten, hatte ich erwartet, dass sich zwanzig Leute darauf bewerben würden, und ja, ich geb’s zu, ich hatte mir erhofft, dass es alles Männer sein würden. Wenn ich mir den Barkeeper hätte aussuchen dürfen, der neben mir an meiner Bar arbeiten würde, hätte ich mich definitiv nicht für eine Frau entschieden.
Nicht weil Frauen keine guten Cocktails mixten. Allerdings sorgten sie für Probleme. Und ich hatte bereits schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht. Sehr schlechte.
»Auf dem Bewerbungsfoto hat sie süß ausgesehen.«
Das war wohl der Grund, warum Luke sie eingeladen hatte. Das oder die Tatsache, dass anscheinend niemand den Job wollte. Womöglich lag es an den miesen Arbeitszeiten oder an dem recht niedrigen Gehalt. Doch wir hatten die Bar gerade erst geöffnet und konnten uns noch keine teuren Mitarbeiter leisten.
Mein ursprünglicher Plan war es gewesen, den Job allein zu schmeißen, aber schon bald war mir klar geworden, dass ich ohne einen zweiten Barkeeper nicht weit kommen würde. Deshalb hatten wir die Anzeige online gestellt.
Wieder warf ich einen Blick auf die Uhr. »Wir hätten noch warten sollen. Am Wochenende hätten sich bestimmt ein paar Leute beworben.«
»Warum machst du dir solche Sorgen? Findest du sie etwa attraktiv?« Mein Freund wackelte vielsagend mit den Augenbrauen.
Ich schnaubte. »Wegen des Gesprächs mache ich mir keine Sorgen. Nur wegen der Zukunft meiner Bar.«
»Noch ist es unsere Bar, mein Freund. Und das wird sie auch bleiben, wenn du nicht etwas tust, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken.« Er zwinkerte mir zu. Genervt verdrehte ich die Augen, während ich ein Glas zurück ins Regal stellte. »Aber weißt du, was die beste Art ist, um Kundschaft anzulocken? Du stellst eine heiße Frau an die Bar.«
»Ist klar.« Ich schnappte mir ein weiteres Glas aus der Spülmaschine. »Warum stellen wir sie nicht gleich in einem kurzen Röckchen vor die Tür und lassen sie Flyer verteilen?«, fügte ich mit sarkastischem Unterton hinzu.
»Vielleicht überrascht sie dich ja mit ihren Barkeeper-Fähigkeiten.«
Gerade wollte ich eine spitze Bemerkung hinterher schießen, als die Ladentür aufging und eine junge Frau den Raum betrat. Sichtlich außer Atem blickte sie von Luke zu mir und wieder zurück.
Ich erkannte eine Schramme an ihrem Ellbogen. Das Blut war frisch. War doch ein Unfall schuld an ihrer Verspätung? Weitere Verletzungen konnte ich jedoch nicht ausmachen. Stattdessen fiel mir ihr Outfit auf. Ich hatte ihr gesagt, sie solle in Schwarz kommen. Das hatte sie anscheinend nicht für nötig gehalten. Denn die weiße Bluse und die blauen Jeans waren definitiv nicht schwarz.
Trotzdem blieben meine Augen ein wenig zu lange an ihrem Dekolleté hängen, von dem die Bluse recht viel zeigte. Ja, sie hatte eine gute Figur. Und ja, vielleicht würde ihr Lächeln den einen oder anderen Kunden verzaubern. Aber allein der Gedanke, sie deshalb einzustellen, stieß mir sauer auf.
Ihr Blick fing meinen auf und ein breites Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
»Ich bin Lynn«, stellte sie sich vor und streckte mir enthusiastisch ihre Hand entgegen, die ich widerwillig schüttelte.
Luke schien hin und weg von ihr, bekam den Mund gar nicht mehr zu vor Staunen. Als hätte er noch nie eine attraktive Frau gesehen.
Attraktiv? Okay, sie sah nicht schlecht aus, minimal über dem Durchschnitt, aber mehr auch nicht. Vielleicht musste ich Luke daran erinnern, dass seine Frau tausendmal hübscher war.
»Es tut mir so, so leid, dass ich zu spät bin. Wissen Sie, mir ist unterwegs ein kleiner Unfall passiert.« Sie lachte und deutete auf ihren Ellbogen, der mir schon zuvor aufgefallen war. »Da habe ich auch den Kratzer her. So ein Kerl hat mich einfach umgefahren.«
»Ach was? Und dir geht’s wirklich gut? Soll ich dich ins Krankenhaus fahren?«
Lukes Sorge war wohl etwas übertrieben in Anbetracht des winzigen Kratzers an ihrem Ellbogen. Wahrscheinlich war sie schlicht vor Schreck gestolpert und hatte sich dabei auf den Hintern gesetzt. Ein kurzer Blick auf ihr Hinterteil bewies mir meine Theorie. Dort war ein runder Fleck Staub zu erkennen.
Leider hatte Luke meinen Blick – von dem ich geglaubt hatte, er sei diskret gewesen – bemerkt und zog offensichtlich seine eigenen Schlüsse, denn er grinste mich vielsagend an.
Ich verkniff mir ein entrüstetes Schnauben und wandte mich ab. Statt weiter zuzuhören, wie Lynn erklärte, es sei nichts gewesen, und Luke darauf bestand, sich ihren Ellbogen anzusehen, schnappte ich mir ein Glas und eine Flasche Rum und begann, einen Cocktail zu mixen.
»In Ordnung, wenn du nicht willst«, sagte Luke nach einer Weile. »Aber übrigens, du brauchst uns nicht zu siezen. Ich bin Luke und das ist Danny.«
Beim Klang meines Namens hob ich kurz den Kopf. Lynn lächelte mich so breit an, dass ich ihre Zähne sehen konnte. Das mit dem Freundlichsein hatte sie offensichtlich drauf. Aber wie sah es mit den Cocktails aus?
Während Luke Lynn weiter über den Unfall ausfragte und sie ihm erzählte, der Kerl sei ihr Ex-Freund gewesen, bereitete ich zwei Cocktails vor.
»Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Er …«
Ich stellte die beiden Gläser auf den Tresen vor dem Hocker, auf dem Lynn mittlerweile saß, und unterbrach damit das Gespräch der beiden.
Ihr Blick glitt von einem Glas zum anderen und dann zu mir, ein großes Fragezeichen in den Augen. Sie neigte den Kopf.
»Was sind das für Cocktails?«, fragte ich mit fester Stimme.
Aus dem Augenwinkel sah ich Luke den Kopf schütteln. Sollte er doch. Er musste ja nicht mit ihr an der Bar stehen.
Lynn bedachte die beiden Gläser mit einem skeptischen Blick, dann zog sie eins zu sich und roch daran. Anschließend roch sie am zweiten.
»Du kannst gern probieren.« Ich hätte die Cocktails auch so erkannt, aber ich wollte nicht zu viel von ihr verlangen.
»Zum Glück bin ich nicht mit dem Auto da.« Sie lachte, während sie einen Strohhalm zwischen die Lippen nahm und kurz daran sog.
Ohne dass sie es sehen konnte, wackelte Luke neben ihr mit den Augenbrauen in meine Richtung, aber ich ignorierte ihn. Für ihn war das alles Spaß. Aber für mich war es der Ernst des Lebens. Und ich würde mir das Geschäft sicher nicht kaputtmachen lassen, weil sie keine Ahnung hatte, was sie tat.
»Ist das so was wie ein Einstellungstest?«, fragte sie und griff nach dem zweiten Glas.
»Ja.«
Luke verdrehte die Augen. Wieder ignorierte ich seine Reaktion.
Nachdem sie auch den zweiten Cocktail getestet hatte, stellte sie das Glas ab und hob einen Zeigefinger an ihr Kinn, als würde sie intensiv über den Inhalt nachdenken. Dann probierte sie ein zweites Mal von jedem Getränk.
»Ein ziemlich dämlicher Einstellungstest, wenn man bedenkt, dass es bei dem Job darum geht, Cocktails zu mixen, nicht sie zu trinken«, fiel mir Luke in den Rücken.
Lynn lachte. »Ach, da habe ich schon Schlimmeres erlebt. Einmal habe ich mich bei einer Bank als Empfangsdame beworben und der Kerl hat mir im Gespräch doch allen Ernstes gesagt, ich könne anfangen, wenn ich den BH für ihn ausziehen würde.«
»Ist nicht wahr. Was für ein Schwein!« Entrüstet schüttelte Luke den Kopf.
»Ich bin natürlich gegangen. Oder als ich mich vor zwei Jahren bei einem Friseur beworben habe, da sollte ich ihm zeigen, wie ich die Haare mit einem Kehrblech zusammenkehren kann.« Sie verdrehte die Augen. »Natürlich nur deshalb, weil er mir so perfekt auf den Hintern starren konnte.«
»Männer können echt dreist sein.«
War das das Einzige, was Luke dazu zu sagen hatte?
»Du hast also schon in einer Bank und bei einem Friseur gearbeitet? Oder hast du dich dort nur zum Spaß beworben?«, hakte ich nach.
Zu meiner Überraschung nickte Lynn. »Stimmt, ich habe ziemlich genau vier Monate als Friseurin gearbeitet und fast ein Jahr bei einer Bank.«
»Und als Barkeeperin?« Ich ahnte, was sie sagen würde.
»Noch nie. Die Weiterbildung habe ich letzten Monat beendet. Aber die Ausbildung hat mir großen Spaß gemacht. Ich freue mich auf den Job.«
»Was hast du vor der Weiterbildung gemacht?«, bohrte ich weiter.
»Da habe ich bei einer Firma für Drogerieartikel im Online-Marketing gearbeitet. Ein …« Sie räusperte sich. »… ein guter Freund hat mir den Job damals besorgt, aber das war nicht das Richtige für mich.«
»Wie lange hast du dort gearbeitet?«
»Zehn Monate.« Sie lächelte, als wäre es nicht schlimm, dass sie offenbar in keinem Job länger als ein Jahr durchgehalten hatte.
»Dann hast du in kurzer Zeit viele verschiedene Ausbildungen absolviert, richtig?« Warum zum Teufel sollte jemand so etwas tun? Warum sollte jemand sich die Mühe machen, so viele Berufe zu testen – und dann auch noch in so völlig unterschiedlichen Berufsfeldern?
»Genau. Ich konnte immer genug Geld beiseitelegen, um die Weiterbildungen zu bezahlen. Es war nur noch nicht das Richtige dabei.« Wieder dieses zuckersüße Lächeln, das mir irgendwie suspekt war. Das konnte unmöglich ihr Ernst sein.
Weil Luke wohl gemerkt hatte, dass mich Lynns Antworten nicht überzeugten, riss er das Wort an sich, bevor ich ihr eine direkte Absage erteilen konnte. »Und? Kannst du die Cocktails erkennen?«
»Hmmm, ich glaube, einer von beiden ist ein Caipirinha, richtig?«
»Welcher?«
Wieder drückte sie einen Finger an ihr Kinn und sah sich die Cocktails genau an. Jeder vernünftige Barkeeper hätte den Caipirinha sofort erkannt.
Zu ihrem Glück zeigte sie auf das richtige Glas. Ich nickte. »Und der andere?«
»Ein Mojito?« Sie lächelte.
Glück gehabt. Wirklich großes Glück.
»Was ist in einem Mojito drin?«
»Oh, Moment.«
Bildete ich mir das nur ein oder schielte sie fragend in Lukes Richtung?
»Stell dir vor, der Laden ist voll, ich bin damit beschäftigt, eine große Bestellung wegzutragen, und eine Frau lehnt sich an den Tresen, um einen Mojito zu bestellen. Meinst du, du kannst dann sagen: ›Einen Moment, ich muss erst darüber nachdenken, wie der gemacht wird?‹« In meiner Stimme schwang ein genervter Unterton mit. Ich hatte vorgehabt, professionell zu bleiben, aber sie machte es mir nicht unbedingt leicht. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mir diesen Tag anders vorgestellt hatte. Allein der Gedanke fraß sich schmerzhaft in meine Eingeweide. Mein Neustart hätte völlig anders laufen sollen.
»Ich lerne schnell. Die Rezepte habe ich innerhalb weniger Tage drauf.« Sie deutete auf die Tafel mit den Tipps des Abends, die neben ihr auf dem Tresen stand. »Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass diese Drinks in meiner Ausbildung nicht gelehrt wurden. Die muss ich also ohnehin lernen.«
»Das sind meine speziellen Kreationen, natürlich kamen die dort nicht vor. Trotzdem wäre es hilfreich, zumindest die Basics zu kennen.«
»Wie wär’s, wenn ich mir heute Abend alle Cocktails auf der Karte anschaue und mir die Rezepte einpräge, und morgen komme ich wieder und mache dir jeden Cocktail, den du dir wünschst.« Sie hob eine Augenbraue und sah mich herausfordernd an.
Eins musste ich ihr lassen, sie gab nicht so schnell auf.
»Okay.«
»Und wenn ich alle Cocktails hinbekomme, habe ich den Job.« Mit einem siegessicheren Funkeln in den Augen lehnte sie sich zu mir vor.
Wie von selbst verzogen sich meine Lippen zu einem amüsierten Grinsen. »Einverstanden.«
»Ist er attraktiv?«
Ich hatte geahnt, dass sie das fragen würde, und doch musste ich bei den Worten meiner besten Freundin lachen. Weil Claire gestern Abend keine Zeit zum Telefonieren gehabt hatte, holten wir das nun nach. Währenddessen war ich unterwegs zu Danny und Lukes Bar und machte einen noch größeren Umweg als am Tag zuvor.
»Er ist ganz süß. Aber er ist mein Chef, Claire. Und er sah nicht so aus, als wäre er sonderlich begeistert davon, mich einzustellen.« Von der ersten Sekunde an hatte ich seine Abneigung mir gegenüber gespürt. Als hätte er keine Lust auf das Gespräch gehabt.
Ebenfalls sofort aufgefallen waren mir seine tiefbraunen Augen und dieser abschätzige, aber intensive Blick, mit dem er mich gemustert hatte. Ja, Danny war attraktiv. Und seine unnahbare Art machte ihn nur unwiderstehlicher. Aber nein, ich würde mich nicht an ihn heranmachen. Ich würde eine vorbildliche Barkeeperin abgeben und mich in keine Berufseskapaden hineinreiten. Nicht nach dem, was das letzte Mal passiert war.
»Ich meinte ja auch nicht, dass du dich an ihn ranschmeißen sollst. Ich bin auch Single, falls du es vergessen haben solltest.« Claire und mein zukünftiger Chef? Allein die Vorstellung sorgte für einen bitteren Geschmack in meinem Mund. »Außerdem hast du doch jetzt deinen Mike.«
Ich seufzte. Noch immer war ich nicht sicher, ob unser geplantes Date eine gute Idee war.
»Du meintest, da sei noch ein Kerl gewesen?«, hakte Claire weiter nach.
»Genau, Luke. Aber der hatte eindeutig einen Ring am Finger, also bereits vergeben.«
»Dann bleibt also nur dieser Danny. Wie wär’s, wenn ich die Tage ganz zufällig in der Bar vorbeikomme und …«
»Claire, noch habe ich den Job nicht in der Tasche.« Ich ließ eine Frau mit Kinderwagen vor mir zwischen den geparkten Autos hindurchlaufen, bevor ich die Straße überquerte.
»Aber du hast dir doch alle Rezepte gemerkt, oder nicht?«
Das hatte ich. Sogar geträumt hatte ich von ihnen. Das hieß jedoch nicht, dass Danny sein Wort halten und mich einstellen würde. Womöglich würde ihm doch noch ein Grund einfallen, mich nach Hause zu schicken.
Gerade wollte ich das Claire mitteilen, als ich auf der anderen Straßenseite ein bekanntes Gesicht entdeckte. Automatisch verlangsamte ich meine Schritte. Denn nicht nur kannte ich den Mann, er sah mich auch direkt an.
In Gedanken verfluchte ich mich für meine Dummheit. Ich war so in mein Gespräch mit Claire vertieft gewesen, dass ich falsch abgebogen war. Jetzt befand ich mich auf genau der Route, die Jonas jeden Nachmittag auf dem Heimweg nahm. Und das wurde mir nun zum Verhängnis.
Meine Beziehung mit Jonas hatte vor eineinhalb Jahren ein jähes Ende gefunden, als er mir eröffnet hatte, er würde auf meine Kollegin Mona stehen. Kurz darauf waren die beiden ein Paar geworden, weshalb mein Arbeitsplatz keine exfreie Zone mehr gewesen war und ich mir einen neuen Job hatte suchen müssen. Im Nachhinein war ich den beiden sogar ein wenig dankbar dafür, denn so hatte ich dem langweiligen Alltag in der Bank den Rücken gekehrt.
Trotzdem gehörte Jonas seitdem zu den Personen, denen ich aus dem Weg ging.
Jemand anderes wäre an meiner Stelle womöglich bereits aus der Stadt gezogen, doch das hätte ich nicht gekonnt. Hier in Hannover war mein Leben, hier waren meine Freunde, meine Familie. Mir einen neuen Job zu suchen, war etwas völlig anderes, als in eine Stadt zu ziehen, in der ich niemanden kannte und auf mich allein gestellt wäre.
Außerdem hätte Claire ohnehin so lange auf mich eingeredet, dass ich am Ende geblieben wäre.
»Lynn? Bist du noch da?«
Da erst fiel mir auf, dass ich stehen geblieben war und Jonas anstarrte. Der lächelte und hob die Hand, ging jedoch weiter. Sein Lächeln erinnerte mich an damals, als ich ihn an einer Bushaltestelle kennengelernt hatte.
Ich schüttelte mich. Nun sah ich schon Gespenster. Unmöglich konnte ich diesem Kerl hinterhertrauern.
»Ja, ich bin noch da. Ich …« Ich schluckte. »Du wirst es nicht glauben, aber ich bin gerade Jonas über den Weg gelaufen.«
»Unmöglich! Nicht bei deiner durchdachten Route.«
Offensichtlich musste ich meine Strecke überdenken. Vielleicht sollte ich eine Station weiter fahren und die zehn Minuten mehr in Kauf nehmen, wenn ich dafür eine exfreie Strecke zurücklegen könnte.
Zumindest würde ich mich heute dank des ungeplanten Schwenkers nicht verspäten, da er mich auf einen kürzeren Weg geführt hatte. Im Gegenteil, ich war sogar eine Viertelstunde zu früh dran, als ich schon die Bar vor mir sah.
»Bin da. Wir telefonieren nachher noch mal, ja?«
Ich versprach Claire, alles zu geben, und schob die Tür der Bar auf. Mein Puls beschleunigte sich. Wenn ich den Job wollte, durfte ich heute nicht versagen.
Zu meiner Überraschung stand niemand hinter dem Tresen und auch der restliche Raum war leer. Die Stühle hingen noch auf den Tischen, was um diese Uhrzeit nicht verwunderlich war, und ein Besen lehnte an der Bar. Anscheinend war gerade jemand dabei gewesen, den Boden zu fegen.
Ich legte meine Tasche auf einem Hocker ab und ließ meinen Blick weiter durch den Raum schweifen.
Die Bar war gemütlich. Das war mir direkt aufgefallen, als ich sie gestern betreten hatte. Obwohl es draußen noch hell war, schien nur wenig Licht durch die kleinen Fenster herein. Zusätzlich schluckten die dunklen Ledersessel und die Holztische die Lichtstrahlen. Der Tresen stand gegenüber der Tür, an der Wand dahinter hingen Regale mit Flaschen darauf, die von bunten Lichtern angestrahlt wurden. Alles war recht einfach gehalten, verbreite jedoch eine angenehme Ruhe.
Hier würde ich hoffentlich bald viel Zeit verbringen. Ich würde Cocktails mixen und die Kundschaft bedienen. Letzteres hatte ich zwar bisher noch nie getan, aber ich war zuversichtlich, dass ich es gut meistern würde. Wie sonst auch, wenn ich den Berufszweig gewechselt hatte.
Meine Mutter sagte mir oft, ich solle mich endlich auf einen Job festlegen, doch bisher hatte ich nicht den Beruf gefunden, der mir gefiel. Oder der mich nicht an einen Ex-Freund erinnerte.
Vielleicht hätte ich nach Danny rufen oder mich bemerkbar machen sollen, doch stattdessen trat ich um die Bar herum und sah mir die Flaschen an, die in dem hohen Regal standen. In Gedanken ging ich noch einmal die Rezepte durch, die Danny abfragen würde.
Gerade hatte ich die Hand gehoben, um nach einem Gin zu greifen, als ich ein Geräusch hörte. Mitten in der Bewegung erstarrte ich.
Da war es wieder. Es kam von einer Tür hinter dem Tresen, die wohl ins Lager führte. Doch es klang nicht danach, dass jemand Kisten verrückte oder mit Flaschen hantierte.
Nein, es klang, als würde die Hüfte einer Person gegen die einer anderen klatschen und dieser in regelmäßigen Abständen ein Stöhnen entlocken – ein weibliches Stöhnen. Verdammt, wenn ich gerade meinen zukünftigen Chef beim Sex erwischt hatte, konnte ich das mit dem Job sicher vergessen. Warum hatte ich mir bloß nicht mehr Zeit gelassen? Warum musste ich unbedingt eine Viertelstunde zu früh in die Bar stürmen?
Das Stöhnen wurde lauter und ich wäre am liebsten aus dem Laden geflüchtet. In dem Moment traf ich mit dem Handgelenk ein Glas, das im Regal stand. Mit einem lauten Klirren schlug es gegen das Glas daneben und beinahe wären beide heruntergefallen und zerbrochen, doch ich konnte sie noch rechtzeitig festhalten.
Meine Erleichterung dauerte nicht lange an, denn das Klatschen und Stöhnen hatte aufgehört und nur Augenblicke später ging die Tür zum Lager auf.
Bei Dannys Anblick blieb mir der Mund offenstehen.
Er hatte definitiv gerade etwas anderes getrieben, als Kisten zu bewegen. Sein volles braunes Haar stand in alle Richtungen ab, als hätte jemand mit den Händen darin herumgewühlt. Wenn mich nicht alles täuschte, war da Lippenstift auf seinem Hals. Während er durch die Tür trat, stopfte er sich den letzten Rest seines T-Shirts in die Jeans. Dass ich dabei für einen Moment die braungebrannten Bauchmuskeln darunter erkennen konnte, schien er nicht zu merken.
Als Danny mich sah, fuhr er sich durch die Haare. »Du bist zu früh.« Er schluckte merklich.
»Tut mir leid, ich …«
Eine dunkelhaarige Frau in einem kurzen Kleid tauchte hinter ihm auf. Ihr Lippenstift war verschmiert und ihre Haare lagen ihr unordentlich auf den Schultern, aber sie grinste Danny bloß vielsagend an, während sie an uns vorbei aus der Bar stolzierte. Mir schenkte sie nicht einmal einen Blick.
Noch nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, standen wir da und sahen uns stumm an. Ich, weil ich keine Ahnung hatte, ob ich diejenige war, die sich entschuldigen musste, oder er. Und er wahrscheinlich, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Womöglich überlegte er gerade, wie er mich am elegantesten rausschmeißen konnte, noch bevor er mich überhaupt eingestellt hatte.
»Ich werde einfach so tun, als hätte ich nichts gesehen«, erklärte ich schnell. »Das wird nicht noch einmal passieren, das schwöre ich. Das nächste Mal …«
»Oh, das kann ich nicht garantieren.« War das ein Grinsen auf seinen Lippen? Und warum hob er jetzt herausfordernd eine Augenbraue?
»Wie bitte?«
»Ich kann nicht garantieren, dass das nicht noch einmal passiert. Ich werde sicher nicht auf Sex verzichten, nur weil ich eine Barkeeperin einstelle. Sollte das für dich allerdings ein Problem sein …«
»Nein, nein, nein, kein Problem. Ich habe gar kein Problem damit. Solange du pünktlich zu meiner Schicht fertig bist und deine Freundin weggeschickt hast.« Ich lächelte so freundlich wie möglich, während ich mich insgeheim fragte, ob er kein Zuhause hatte, wenn er seine Bar dafür nutzen musste.
»Sie ist nicht meine Freundin.«
»Ach so.«
Wieder hob er einen Mundwinkel.
»Was?«
»Gar nichts.« Er schnappte sich zwei schwarze Schürzen aus dem Schrank und reichte mir eine. »Dann wollen wir mal sehen, was du draufhast.«
Diese blöden Sprüche konnte er sich echt sparen. Vor allem, wenn er sie so aussprach, als würde er davon ausgehen, dass ich nichts hinbekam.
»Und du meinst nicht, dass du vorher …« Ich räusperte mich. »… im Lager aufräumen müsstest?« In den zwei Sekunden, die er gebraucht hatte, um durch die Tür zu kommen, hatte er unmöglich mehr tun können, als sich seine Hose hochzuziehen und das T-Shirt über den Kopf zu werfen – sollte er das überhaupt ausgezogen haben.
Okay, jetzt hatte ich Bilder im Kopf, die dort nicht hingehörten.
»Lass das ruhig meine Sorge sein.« Seine Augen blitzten schelmisch, was mich verwirrte und gleichzeitig ein seltsames Kribbeln in meinem Magen verursachte. Das musste aufhören. So schnell wie möglich. »Mach mir einen Blowjob.«
Was?
Für einen Moment starrte ich ihn nur mit großen Augen an. Hatte er das gerade wirklich gesagt?
»Wie bitte?«
Seine Mundwinkel zuckten verräterisch. »Ich meine natürlich den Shot. Was dachtest du denn?«
Oh!
Meine Wangen brannten. Nein, ich hatte mir bei seinen Worten nicht vorgestellt, wie er sich vor mir die Hose auszog.
»Okay, einen Moment.«
Danny seufzte. »Nein, nicht einen Moment. Du hast genau dreißig Sekunden.« Er zog doch tatsächlich eine Stoppuhr aus einer Schublade und drückte den Knopf.
Völlig überfordert und mit den Gedanken ganz woanders griff ich nach dem Baileys, von dem ich mir zum Glück gemerkt hatte, dass er hinter mir im Regal stand. Um den Kaffeelikör zu finden, brauchte ich einen Tipp von Danny, der nach einer Weile auf eine Flasche weiter oben deutete.
Wie sollte ich da bitte herankommen?
Danny schob mir einen Hocker zu, auf den ich rasch kletterte.
Insgesamt brauchte ich über drei Minuten, aber Danny segnete den Shot ab. Eine Pause gönnte er mir jedoch nicht.
»Jetzt einen Mai Tai.«
Sofort lief ich zum Rum und schnappte mir unterwegs eine Limette aus dem Obstkorb. Dannys unzufriedenes Schnauben ignorierte ich, als ich offenbar zu lange brauchte, um die Frucht aufzuschneiden.
Was erwartete er bitte? Er hatte mir nichts erklärt, mich ins kalte Wasser geschmissen und wollte jetzt, dass ich die Cocktails in Rekordzeit mixte? Am liebsten hätte ich ihm die verdammte Limette an den Kopf geschmissen, meine Schürze auf den Boden geworfen und ihm gesagt, er könne mich mal.
Aber mit seinen kritischen Blicken weckte er meinen Ehrgeiz. Ich hatte all diese blöden Rezepte auswendig gelernt und würde einen Teufel tun, jetzt zu kapitulieren, nur um ihm damit das zu geben, was er wollte.
Sie war langsam, aber sie stellte sich nicht schlecht an. Und sie kannte jedes Rezept, das musste ich ihr lassen. Ein bisschen gemein war es schon, wie ich sie hin und her scheuchte. Doch das gehörte nun einmal zum Job. An einem Samstagabend würde es nicht weniger stressig für sie werden.
Wenn ich ehrlich war, hatte ich gehofft, in der Zwischenzeit würde sich noch jemand auf die Anzeige bewerben, aber bisher war keine weitere Nachricht eingegangen. Deshalb war Lynn nach wie vor meine einzige Chance. Außerdem hatte ich ihr versprochen, ihr den Job zu geben, wenn sie alle Rezepte auswendig kannte. Was auch immer mich in dem Moment geritten hatte.
Mittlerweile hatten sich fünf Cocktails und zwei Shots auf dem Tresen gesammelt und Lynn sah nicht aus, als würde sie aufgeben wollen. Immer wenn sie fertig war, hob sie den Kopf und blickte mich herausfordernd an. Als handelte es sich um einen Wettkampf. Wie sie sich anstrengte, war schon süß. Nur deshalb ließ ich sie noch einen sechsten Cocktail zubereiten.
Dass Lynn mich vorhin mit Jessica erwischt hatte, war nicht geplant gewesen. Für gewöhnlich schlief ich kein zweites Mal mit einer Frau – und schon gar nicht in meiner Bar. Aber als sie heute Morgen im Summer Dream aufgetaucht war und mich so offensichtlich angebaggert hatte, hatte ich nicht Nein sagen können.
Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass Lynn sich ausgerechnet den heutigen Tag aussuchte, um eine Viertelstunde zu früh aufzukreuzen. Glücklicherweise hatte sie die Sache gut aufgenommen, zumindest glaubte ich das. Allerdings hätte ich auch nichts dagegen gehabt, wenn sie empört aus der Bar gestapft wäre. Notfalls hätte ich Luke überredet, die erste Zeit einzuspringen.
»Noch einen?«
Ich hatte nicht gemerkt, dass sie mit dem nächsten Cocktail bereits fertig war. Schnell stoppte ich die Uhr in meiner Hand.
Etwas unter einer Minute. Gar nicht schlecht.
Neugierig schielte Lynn auf das Display. Als sie die Zahl sah, grinste sie. Sie war ein wenig außer Atem, ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus. Daran würden wir noch arbeiten müssen. Nach ein paar Wochen mit mir in der Bar würde ihre Ausdauer schon deutlich besser sein.
Gerade rechtzeitig biss ich mir auf die Zunge, bevor ich ihr diese Information mitteilen konnte. Das konnte sie zu leicht falsch verstehen.
Lynn neigte den Kopf. »Ist was?«
»Ehrlich gesagt, ja.«
Sie hob die Augenbrauen.
»Die Cocktails sind alle gelungen, aber du bist immer noch zu langsam.«
»Was erwartest du von mir? Die meiste Zeit bin ich damit beschäftigt, die Flaschen zu suchen. Du hast mir nicht einmal gezeigt, wo die Messer liegen.«
Zähneknirschend gab ich ihr recht. »Trotzdem solltest du daran arbeiten, wenn du hierbleiben möchtest.«
»Das heißt, ich habe den Job?«
Ich seufzte. Was hatte ich denn für eine Wahl? Ich konnte unmöglich mein Wort brechen. Außerdem hatte sie sich ganz gut angestellt und ich hatte keine anderen Bewerber, die ich ihr vorziehen konnte.
»Unter einer Bedingung.«
Sie runzelte die Stirn.
»Du bist mit meinen Regeln einverstanden.« Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Arbeitsfläche und verschränkte die Arme vor der Brust.
Lynn fuhr sich durchs Haar. »Was für Regeln?«
»Regel Nummer eins: Mach keins meiner Gläser kaputt. Falls doch, ziehe ich den Betrag von deinem Gehalt ab.« Sie hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. »Regel Nummer zwei: Du hältst, wenn nötig, bis sechs Uhr morgens durch, ohne zu meckern.« Ihre Mundwinkel zuckten, aber sie nickte. »Und Regel Nummer drei: Kein Sex am Arbeitsplatz.«
»Das gilt dann für uns beide?«
Verärgert schnaubte ich. Wie konnte jemand so nervig sein? »Ja, das gilt für uns beide.«
»Und das vorhin, das war …«
»Mit ›kein Sex am Arbeitsplatz‹meine ich nicht, dass …« Ich räusperte mich. »… dass die Räumlichkeiten nicht für sexuelle Aktivitäten genutzt werden dürfen. Ich meine, dass wir weder mit einem Gast noch mit einem Kollegen etwas anfangen.«
»Aha.« Ich konnte ihr ansehen, dass sie sich ein Grinsen verkniff. Keine Ahnung, was es da zu grinsen gab. »Also hast du noch nie die Nummer eines attraktiven weiblichen Gasts angenommen?«
»Angenommen, ja. Aber dann in den nächsten Mülleimer geworfen. Denn Arbeit und Privates vermischt man nicht.« Weil mir das Thema nicht gefiel, deutete ich auf die Cocktails, die Lynn zubereitet hatte. »Welches ist dein Lieblingscocktail?«
Sie runzelte die Stirn. »Keine Ahnung. Ich trinke eigentlich alles.«
»Niemand trinkt eigentlich alles. Du musst doch irgendeine Sorte besonders mögen. Süß, sauer, bitter, stark, fruchtig?«
Dass sie so intensiv überlegen musste, überraschte mich.
»Du gehst wohl nicht oft Cocktails trinken, was?«
»Doch, schon, aber …« Sie biss sich auf die Unterlippe.
»Aber was?«
»Aber normalerweise bin ich zu faul, um die Karte durchzusehen. Ich bestelle meist das, was die anderen nehmen.« Lynn verdrehte die Augen. Dabei hatte ich mich nicht aufdrängen wollen. Genau genommen ging es sogar ums Geschäft.
»Ich frage bloß, weil ich mit dir auf deinen neuen Job anstoßen will, bevor wir anfangen. Und ich habe gehofft, dass du einen davon magst.« Ich deutete wieder auf die Test-Cocktails, deren Eiswürfel so langsam schmolzen. Ungern würde ich die Getränke in den Ausguss kippen, auch wenn wir vor der Arbeit definitiv jeweils nicht mehr als eins trinken sollten. Ich konnte nur hoffen, dass Luke endlich auftauchte und mir beim Rest half.
Automatisch warf ich einen Blick auf die Uhr. Er hätte schon seit einer halben Stunde da sein sollen. Zumindest hatte ich ihn gestern darum gebeten, um mit der Neuen nicht allein sein zu müssen.
Ich zuckte mit den Schultern und hob die Hände. »Aber wenn es dir egal ist, dann nimm einfach irgendeinen.«
Rasch griff ich nach dem Mai Tai, denn so langsam hatte ich das Gefühl, ich war zu nüchtern für diesen Abend. Bildete ich es mir nur ein oder sah Lynn mich die ganze Zeit so komisch von der Seite an? Das kam mir sicher nur so vor. Weil ich nämlich nicht gut mit Frauen konnte. Wenn sie Kundinnen waren, konnte ich professionell sein, wenn ich sie in einem Club aufriss, um mit ihnen zu schlafen, konnte ich charmant sein, aber dieses Zwischending hatte ich nie besonders gut hinbekommen.
Ich war schon beim dritten Schluck, als Lynn noch immer unschlüssig vor den Gläsern stand.
»Welche Geschmacksrichtung magst du am liebsten?«, fragte ich wieder.
»Ähm … Der sieht schön aus.« Sie griff nach dem Tequila Sunrise und ich hätte sie einfach trinken lassen sollen. Aber ich wollte nicht glauben, dass sie mir diese leichte Frage nicht beantworten konnte.
Bevor sie das Glas vom Tresen nehmen konnte, schob ich es weg.
»Du weißt wirklich nicht, welche Geschmacksrichtung du magst?«
In ihren Augen lag ein großes Fragezeichen und auf ihrer Stirn bildete sich eine Falte. »Ist das so wichtig?«
»Ja, ist es. Du bist Barkeeperin, du wirst den Gästen Vorschläge machen müssen.« Genau das war der Grund. Es störte mich, weil sie so keine gute Barkeeperin sein konnte.
