Ludwig Bechsteins Märchenbuch -  - E-Book

Ludwig Bechsteins Märchenbuch E-Book

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Beschreibung

ACHTUNG: Dies ist die usprüngliche Fassung, sie ist nicht für Kinder geeignet. Ludwig Bechsteins Märchensammlung erschien ab 1845. Hier finden Sie die unveränderte Text- und Bildfassung der 69. Auflage. Das unspünglich in Frakturschrift erschiene Buch wurde zu leichteren Lesbarkeit auf aktuelle Schriften konvertiert. Enthalten sind die folgenden Märchen: Vom tapferen Schneiderlein, Vom Schwaben, der das Leberlein gegessen, Die verzauberte Prinzessin, Der Schmied von Jüterbog, Hänsel und Gretel, Das Rotkäppchen, Das Rebhuhn, Die Goldmarie und die Pechmarie, Der goldene Rehbock, Das Nußzweiglein, Der alte Zauberer und seine Kinder, Gevatter Tod, Der Mann ohne Herz, Die beiden kugelrunden Müller, Hans im Glück, Die drei Federn, Die sieben Raben, Das Tränenkrüglein, Die schöne junge Braut, Die Kornähren, Vom Hühnchen und Hähnchen, Die drei Hochzeitsgäste, Der Hase und der Fuchs, Gott überall, Der beherzte Flötenspieler, Der kleine Däumling, Der Wettlauf zwischen Hase und Igel, Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack, Siebenschö, Des kleinen Hirten Glückstraum, Das Märchen vom Schlaraffenland, Schneeweißchen, Das Dornröschen, Zitterrinchen, Aschenbrödel, Der Wacholderbaum, Bruder Sparer und Bruder Vertuer, Das Gruseln, Das Kätzchen und die Stricknadeln, Die sieben Geislein, Der weiße Wolf

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ludwig Bechsteins Märchenbuch

Ludwig Bechsteins MärchenbuchImpressumVom tapferen SchneiderleinVom Schwaben, der das Leberlein gegessenDie verzauberte PrinzessinDer Schmied von JüterbogHänsel und GretelDas RotkäppchenDas RebhuhnDie Goldmarie und die PechmarieDer goldene RehbockDas NußzweigleinDer alte Zauberer und seine KinderGevatter TodDer Mann ohne HerzDie beiden kugelrunden MüllerHans im GlückDie drei FedernDie sieben RabenDas TränenkrügleinDie schöne junge BrautDie KornährenVom Hühnchen und HähnchenDie drei HochzeitsgästeDer Hase und der FuchsGott überallDer beherzte FlötenspielerDer kleine DäumlingDer Wettlauf zwischen Hase und IgelTischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem SackSiebenschönDes kleinen Hirten GlückstraumDas Märchen vom SchlaraffenlandSchneeweißchenDas DornröschenZitterrinchenAschenbrödelDer WacholderbaumBruder Sparer und Bruder VertuerDas GruselnDas Kätzchen und die StricknadelnDie sieben GeisleinDer weiße Wolf

Ludwig Bechsteins Märchenbuch

Impressum

Ludwig Bechsteins Märchenbuch erschien von 1845 - 1857 im Verlag von Georg Wigand, Leipzig.

Die Märchen wurden gesammelt von Ludwig Bechstein, die Zeichnungen entstanden als Holzschnitte nach Originalen von Ludwig Richter. Die hier vorliegenden Texte sind der 69. Auflage entnommen.

2021 digitalisiert und herausgegeben von Frank Kemper, [email protected]

© 2021 Frank Kemper

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 9783755734574

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand, Norderstedt

Vom tapferen Schneiderlein

Es war einmal ein Schneiderlein, das saß in einer Stadt, die hieß Romadia; das hatte auf eine Zeit, da es arbeitete, einen Apfel neben sich liegen, darauf setzten sich viele Fliegen, wie das Sommerszeiten so gewöhnlich, die angelockt waren von dem süßen Geruch des Apfels. Darob erzürnte sich das Schneiderlein, nahm einen Tuchlappen, den es eben wollte in die Hölle fallen lassen, schlug auf .den Apfel und befand im Hinsehn, daß damit sieben Fliegen erschlagen waren. Ei, dachte bei sich das Schneiderlein, bist du solch ein Held?!

Ließ sich stracklich einen blanken Harnisch machen und auf das Brustschild mit goldenen Buchstaben schreiben: Sieben auf einen Streich. Bald zog das Schneiderlein, mit seinem Harnisch angetan, umher auf Gassen und Straßen, und die es sahen, vermeinten, der Held habe sieben Männer auf einen Streich gefällt und fürchteten sich.

Nun war in demselben Lande ein König, dessen Lob weit und breit erschallte, zu dem begab sich der faule Schneider, der gleich nach seiner Heldentat Nadel, Schere und Bügeleisen an den Nagel gehängt, trat in den Hof des Königspalastes, legte sich alldort in das Gras und entschlief. Die Hofdiener, so aus- und eingingen, den Schneider in dem reichen Harnisch sahen und die Goldschrift lasen, verwunderten sich sehr, was doch jetzt, zu Friedenszeiten, dieser streitbare Mann an des Königs Hof tun wolled. Er deuchte sie ohne Zweifel ein großer Herr zu sein.

Des Königs Räte, so den schlafenden Schneider gleichfalls gesehen, taten solches Sr. Majestät, ihrem allergnädigsten Könige, zu wissen, mit dem untertänigsten Bemerken, daß, so sich kriegerischer Zwiespalt erhebe, dieser Held ein sehr nützlicher Mann werden und dem Lande gute Dienste leisten könne. Dem König gefiel diese Rede wohl, er sandte alsbald nach dem geharnischten Schneider und ließ ihn fragen, ob er Dienste begehre? Der Schneider antwortete, eben deshalb sei er hergekommen und bat die königliche Majestät, wo Höchstdieselbe ihn zu brauchen gedächte, ihm allergnädigst Dienste zu verleihen. Der König sagte dem Schneiderlein Dienste zu, verordnete ihm ein stattliches Losament und Zimmer und gab ihm eine gute Besoldung, von der es, ohne etwas zu tun, herrlich und in Freuden leben konnte.

Da währte es nicht lange Zeit, so wurden die Ritter des Königs, die nur eine karge Löhnung hatten, dem guten Schneider gram und hätten gern gewollt, daß er beim Teufel wäre, fürchteten zumal, wenn sie mit ihm uneins würden, möchten sie ihm nicht sattsam Widerstand leisten, da er ihrer sieben allewege auf einen Streich totschlagen würde, sonsten hätten sie ihn gern ausgebissen, und so sannen sie täglich und stündlich darauf, wie sie doch von dem freislichen Kriegsmann kommen möchten. Da aber ihr Witz und Scharfsinn etwas kurz zugeschnitten war, wie ihre Röcklein, so fanden sie keine List, den Helden vom Hofe zu entfernen, und zuletzt wurden sie Rates miteinander, alle zugleich vor den König zu treten und um Urlaub und Entlassung zu bitten, und das taten sie auch.

Als der gute König sah, daß alle seine treuen Diener um eines einzigen Mannes willen ihn verlassen wollten, ward er traurig, wie nie zuvor und wünschte, daß er den Helden doch nie möge gesehen haben; er scheute sich aber doch, ihn hinwegzuschicken, weil er fürchten mußte, daß er somit all seinem Volke von ihm möchte erschlagen und hernach sein Königreich von dem stracklichen Krieger möchte besessen werden. Da nun der König in dieser schweren Sache Rat suchte, was doch zu tun sein möge, um alles gütlich abzutun und zum besten zu lenken, so ersann er letztlich eine List, mit welcher er vermeinte, des Kriegsmannes (den niemand für einen Schneider schätzte) ledig zu werden und abzukommen. Er sandte zugleich nach dem Helden und sprach zu ihm, wie er (der König) wohl vernommen, daß ein gewaltigerer und stärkerer Kampfheld auf Erden nimmer zu finden sei, denn er (der Schneider). Nun hauseten im nahen Walde zwei Riesen, die täten ihm aus der Maßen großen Schaden mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen im Lande umher, und man könne ihnen weder mit Waffen noch sonstwie beikommen, denn sie erschlügen alles, und so er sich es nun unterfangen wolle, die Riesen umzubringen und brächte sie wirklich um, so solle er des Königs Tochter zur ehelichen Gemahlin und das halbe Königreich zur Aussteuer erhalten, auch wolle der König ihm hundert Reiter zur Hilfe gegen die Riesen mitgeben. 

Auf diese Rede des Königs ward dem Schneiderlein ganz wohl zu Mute, und deuchte ihm schön, daß es sollte eines Königs Tochtermann werden und ein halbes Königreich zur Aussteuer empfangen; er sprach daher kecklich, er wolle gern dem Könige, seinem allergnädigsten Herrn, zu Diensten stehen und die Riesen umbringen und sie wohl ohne Hilfe der hundert Reiter zu töten wissen. Darauf verfügte er sich in den Wald, hieß die hundert Reiter, die ihm auf des Königs Befehl dennoch folgen mußten, vor dem Walde warten, trat in das Dickicht und lugte umher, ob er die Riesen irgendwo sehen möchte. Und endlich nach langem Suchen, fand er sie beide unter einem Baume schlafend und also schnarchend, daß die Äste an den Bäumen, wie vom Sturmwind gebogen, hin- und herrauschten.

Der Schneider besann sich nicht lange, las schnell seinen Busen voll Steine, stieg auf den Baum, darunter die Riesen lagen und begann den einen mit einem derben Steine auf die Brust zu werfen, davon der Riese alsbald erwachte, über seinen Mitgesellen zornig ward und fragte, warum er ihn schlüge? Der andere Riese entschuldigte sich bestens so gut er es vermochte, daß er mit Wissen nicht geschlagen, es müßte denn im Schlafe geschehen sein; da sie nun wieder entschliefen, faßte der Schneider wieder einen Stein und warf den andern Riesen, der nun auffahrend über seinen Kameraden sich erzürnte und fragte, warum er ihn werfe?

Der aber nun auch nichts davon wissen wollte. Als beiden Riesen nun die Augen nach einigem Zanken vom Schlafe wieder zugegangen waren, warf der Schneider abermals gar heftig auf den andern, daß der es nun nicht länger ertragen mochte und auf seinen Gesellen, von dem er sich geschlagen vermeinte, heftig losschlug; das wollte denn der andere Riese auch nicht leiden, beide sprangen auf, rissen Bäume aus der Erde, ließen aber doch zu allem Glücke den Baum stehen, darauf der Schneider saß, und schlugen mit den Bäumen so heftig aufeinander los, bis sie einander gegenseitig tot schlugen.

Als der Schneider von seinem Baume sah, daß die beiden Riesen einander tot geschlagen hatten, ward ihm besser zu Mute, als es ihm jemals gewesen, er stieg fröhlich vom Baume, hieb mit seinem Schwerte jeglichem Riesen eine Wunde oder etliche, und ging aus dem Walde hervor zu den Reitern. Die fragten ihn, ob er die Riesen entdeckt oder ob er sie nirgends gesehn habe? „Ja,“ sagte der Schneider, „entdeckt und gesehen und alle zwei totgeschlagen habe ich, und sie liegen lassen unter einem Baume.“ Das war den Reitern verwunderlich zu hören, sie konnten und wollten es nicht glauben, daß der eine Mann so unverletzt von den Riesen sollte gekommen sein und sie noch dazu totgeschlagen habe, ritten nun selbst in den Wald, dies Wunder zu beschauen und fanden es also, wie der Schneiderheld gesagt hatte. Darob verwunderten sich die Reiter gar sehr und empfanden einen grauslichen Schrecken, es ward ihnen auch noch übler zu Mute, denn vorher, da sie fürchteten, der Sieger werde sie alle umbringen, wenn er ihnen feind würde; sie ritten heim und sagten dem König an, was geschehen sei.

Da nun der Schneider zum Könige kam, seine Tat selbst anzeigte und die Königstochter samt dem halben Königreich begehrte, gereute dem König sein Versprechen, das er dem unbekannten Kriegsmanne gegeben, gar übel, denn die Riesen waren nun erwürgt und konnten keinen Schaden mehr tun; er dachte darüber nach, wie er des Helden mit Fug abkommen möchte und war nicht im mindesten gesonnen, ihm die Tochter zu geben. Er sprach daher zum Schneider, wie er in einem andern Walde leider noch ein Einhorn habe, das ihm sehr großen Schaden tue an Fischen und Leuten; dasselbe solle er doch auch noch fangen, und so er dieses vollbringe, wolle der König ihm die Tochter geben. Der gute Schneider war auch das zufrieden, nahm einen Strick, ging hin zu jenem Walde, allwo das wilde Einhorn hauste und befahl seinen Zugeordneten draußen vor dem Walde zu warten, er wolle allein hineingehen und allein die Tat bestehen, wie er die gegen die zwei Riesen auch allein und ohne andere Hilfe bestanden. Als der Schneider eine Weile im Walde umherspaziert war, ersieht er das Einhorn, das gegen ihn daher rennt mit vorgestrecktem Horn und will ihn umbringen. Er aber war nicht unbehende, wartete bis das Einhorn gar nahe an ihn heran kam, und als es nahe bei ihm war, schlüpfte er rasch hinter den Baum, neben dem er zu allernächst stand, und da lief das Einhorn, das im vollen Rennen war und sich nicht mehr wenden konnte, mit aller Hast gegen den Baum, daß es ihn mit seinem spitzen Horn fast durch und durch stieß, und das Horn unverwandt darin stecken blieb. Da trat der Schneider, als er das Einhorn am Baume fest zappeln sah, hervor, schlang ihm den mitgenommenen Strick um den Hals, band es an den Baum vollends fest, ging heraus zu seinen Jagdgesellen und zeigte ihnen seinen Sieg über das wilde Einhorn an. Darauf ging das Schneiderlein zum König, tat demütiglich Meldung von der glücklichen Erfüllung des königlichen Wunsches und erinnerte bescheidentlich an das königliche zweimalige Versprechen. Darob warde der König über die Maßen traurig, und wußte nicht, was zu tun sei, da der Schneider der Tochter begehrte, die er doch nicht haben sollte. Und begehrte noch eins an den Kriegsmann. Dieser solle nämlich auch das grausame Wildschwein, das in einem dritten Walde lief und alles verwüstete, einfangen; und so er auch dieses vollbringe, dann wolle der König ihm die Tochter ohne allen Verzug geben, wolle ihm auch seine ganze Jägerei zur Hilfe beiordnen. 

Der Schneider zog, nicht ganz sonderlich erbaut von des Königs abermaligem Begehren, mit seinen Gesellen zum Walde hinaus und befahl ihnen, als der Forst erreicht war, draußen zu bleiben. Des waren die Jäger gar herzlich froh und zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon öfter dermaßen empfangen, daß ihrer viele das Wiederkommen auf immer vergessen hatten, und sie alle nicht mehr begehrten, ihm nachzustellen, dankten daher dem Schneider sehr aufrichtig, daß er sich allein in die Fahrnis wage und sie in Nummero Sicher dahinten lasse. Der Schneider war noch nicht lange in den Wald getreten, so wurde das Wildschwein seiner ansichtig und stürzte auf ihn zu mit schäumendem Rachen und wetzenden Hauern und wollte ihn gleich zu Boden rennen, so daß sein Herz erzitterte und er sich schnell nach Rettung umsah.

Da stand zum Glück eine alte verfallene Kapelle in dem Walde, darin man vorzeiten Ablaß geholt, und da der Schneider nahe dabei stand und die Kapelle ersah, sprang er mit einem Satz hinein, aber auch der  Türe gegenüber mit einem Luftsprung durch ein Fenster, darin keine Scheiben mehr waren, wieder heraus, und alsbald folgte ihm die Wildsau, die nun in der Kapelle rumorte; der  Schneider aber lief flugs um das Häuslein herum, wischte vor an die Türe, warf sie eilends zu, und sperrte so das grausame Gewild in das Kirchlein, ging dann hin zu den Jagdgesellen und zeigte ihnen seine Tat an. Die kamen hin, befanden die Sache also wahr und richtig und ritten heim mit großer Verwunderung, dem König Bericht erstattend. Ob nun die Nachricht vom abermaligen glückhaften Sieg des heldenhaften Kriegsmannes den König mehr froh oder mehr traurig gemacht, das mag ein jeglicher, selbst mit geringem Verstand, leichtlich ermessen, denn der König mußte nun dem Schneider die Tochter geben, oder fürchten, daß dieser seine Heldenkraft, davon er drei so erstaunliche Proben gegeben, gegen ihn selber wenden dürfte. Doch ist wohl zweifelsohne, hätte der König vollends gewußt, daß der Held ein Schneider wäre, so hätte er ihm lieber einen Strick zum Aufhenken, denn seine Tochter geschenkt. Ob nun aber der König einem Manne ohne Herkunft und ohne Geburt, außer der von seiner Mutter, seine Tochter mit kleiner oder mit großer Bekümmernis, gern oder ungern, gebe, danach fragte das Schneiderlein gar wenig oder gar nicht, genug, er war stolz und froh des Königs Tochtermann geworden zu sein.

Also wurde die Hochzeit nicht mit allzu großer Freudigkeit von königlicher Seite begangen, und aus einem Schneider war ein Königseidam geworden, ja ein König.

Als eine kleine Zeit vergangen war, hörte die junge Königin, wie ihr Gemahl im Schlafe redete, und vernahm deutlich die Worte: „Knecht, mache mir das Wams - flicke mir die Hosen -  spute dich - oder ich - schlage dir das Ellenmaß über die Ohren!“ Das kam der jungen Königsgemahlin sehr verwunderlich vor, sie merkte schier, daß ihr Mann ein Schneider sei und bat ihren Vater, er möge ihr doch von diesem Manne helfen. Solche Rede durchschnitt des Königs Herz, daß er habe seine einzige Tochter einem Schneider antrauen müssen, er tröstete sie auf das Beste und sagte, sie solle nur in der künftigen Nacht die Schlafkammer öffnen, so sollten vor der Türe etliche Diener stehen, und wenn sie wieder solche Worte vernähme, sollten diese Diener hineingehen und den Mann geradezu umbringen. Das ließ sich die junge Frau gefallen und verhieß also zu tun.

Nun hatte der König aber einen Waffenträger am Hofe, der war dem Schneider hold und hatte des Königs untreue Rede gehört, er verfügte sich daher eilend zu dem jungen König und eröffnete ihm das schwere Urteil, das über ihn soeben ergangen und bat ihn, er möge seines Leibes sich nach besten Kräften wehren. Dem sagte der Schneider-König ob seines Warnens großen Dank, und er wisse wohl, was in dieser Sache zu tun sei. Wie nun die Nacht gekommen war, begab sich zu gewohnter Zeit der junge König mit seiner Gemahlin zur Ruhe und tat bald, als ob er schliefe. Da stand die Frau heimlich auf und öffnete die Tür, worauf sie sich wieder ganz still niederlegte. Nach einer Weile begann der junge König wie im Schlafe zu reden, aber mit heller Stimme, daß die draußen vor der Kammer es wohl hören könnten: „Knecht, mache mir die Hosen, - bletze mir - das Wams, oder ich will dir das Ellenmaß über die Ohren schlagen. Ich - habe Sieben auf einen Streich - tot geschlagen -- zwei Riesen hab' ich tot geschlagen - das Einhorn hab' ich gefangen - die Wildsau hab' ich auch gefangen - sollt' ich die fürchten, die draußen vor der Kammer stehen?“ 

Als die vor der Kammer solche Worte vernahmen, so flohen sie nicht anders, als jagten sie tausend Teufel, und keiner wollte der sein, der sich an den Schneider wagte.

Und so war und blieb das tapfere Schneiderlein ein König all sein Lebtag und bis an sein Ende.

Vom Schwaben, der das Leberlein gegessen

Als unser lieber Herr und Heiland noch auf Erden wandelte, von einer Stadt zur andern, das Evangelium predigte und viele Zeichen tat, kam zu ihm auf eine Zeit ein guter einfältiger Schwab und fragte ihn: „Mein Leidengesell, wo willst du hin?“ Da antwortete ihm unser Herr Gott: „Ich ziehe um und mache die Leute selig.“ So sagte der Schwab: „Willst du mich mit dir lassen?“ - „Ja,“ antwortete unser Herrgott, „wenn du fromm sein willst und weidlich beten.“ Das sagte der Schwab zu. Als sie nun miteinander gingen, kamen sie zwischen zwei Dörfer, darinnen läutete man. Der Schwab, der gern schwätzte, fragte unsern Herrgott: „Mein Leidengesell, was läutet man da?“ Unser Heiland, dem alle Dinge wissend waren, antwortete: „In dem einen Dorfe läutet man zu einer Hochzeit, in dem andern zum Begräbnis eines Toten.“ — „Gang du zum Toten!“ sprach der Schwab, „so will ich zur Hochzeit gehen.“

Darauf ging unser Herrgott in das Dorf und machte den Toten wieder lebendig, da schenkte man ihm hundert Gulden. Der Schwab tat sich auf der Hochzeit um, half einschänken, einem Gast um den andern und auch sich selbst, und als die Hochzeit zu Ende war, da schenkte man ihm einen Kreuzer. Das war der Schwab wohl zufrieden, machte sich auf den Weg und kam wieder zu unserm Herrgott. Alsbald, wie der Schwab diesen von weitem sah, hob er sein Kreuzerlein in die Höhe und schrie: „Lug, mein Leidengesell! Ich hab' Geld; was hast denn du?“ trieb also viel Prahlens mit seinem Kreuzerlein. Unser Herrgott lachte seiner und sprach: „Ach, ich hab' wohl mehr als du!“ tat den Sack auf und ließ den Schwaben die hundert Gulden sehen. Der aber war nicht unbehend, warf geschwind sein armes Kreuzerlein unter die hundert Gulden und rief: „Gemein, gemein! Wir wollen alles gemein miteinander haben!“ Das ließ unser Herrgott gut sein.

Nun als sie weiter miteinander gingen, begab es sich, daß sie zu einer Herde Schafe kamen, da sagte unser Herrgott zum Schwaben: „Gehe, Schwab, zu dem Hirten, heiße ihn uns ein Lämmlein geben und koche uns das Gehänge und Geräusch zu einem Mahle.“ - „Ja!“ sagte der Schwab, tat, wie ihm der Herr geheißen, ging zum Hirten, ließ sich ein Lämmlein geben, zog's ab und bereitete das Gehänge zum Essen. Und im Sieden da schwamm das Leberlein stets empor; der Schwab drückt's mit dem Löffel unter, aber es wollte nicht unten bleiben, das verdroß den Schwaben über alle Maßen. Er nahm deshalb ein Messer, schnitt das Leberlein, dieweil es gar war, voneinander und aß es.

Und als nun das Essen auf den Tisch kam, da fragte unser Herrgott, wo denn das Leberlein hingekommen wär? Der Schwab war aber gleich mit der Antwort bei der Hand, das Lämmlein habe keins gehabt. „Ei,“ sagte unser Herrgott, „wie wollte es denn gelebt haben ohne ein Leberlein?“ Da verschwur sich der Schwab hoch und teuer: „Es hat bei Gott und allen Gottesheiligen keins gehabt!“ Was wollte unser Herrgott tun? Wollte er haben, daß der Schwab still schwieg, mußt' er wohl zufrieden sein.

Nun begab es sich, daß sie wiederum miteinander spazierten, und da läutete es abermals in zwei Dörfern. Der Schwab fragte: „Lieber was läutet man da?“ — „In dem einem Dorfe läutet man zu einem Toten, in dem andern zur Hochzeit,“ sagte unser Herrgott. „Wohl,“ sprach der Schwabe.

„Jetzt gang du zur Hochzeit, so will ich zum Toten!“ (vermeinte, er wolle auch hundert Gulden verdienen). Er fragte den Herrn weiter: „Lieber, wie hast du getan, daß du den Toten auferwecket hast?“ — „Ja,“ antwortete der Herr, „ich sprach zu ihm, steh auf im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Da stand er auf.“ — „Schon gut, schon gut!“ rief der Schwab: „nun weiß ich's wohl zu tun!“ und zog zum Dorfe, wo man ihm den Toten entgegentrug. Als der Schwab das sah, rief er mit heller Stimme: „Halt da!  Halt da! Ich will ihn lebendig machen, und wenn ich ihn nit lebendig mache, so henkt mich ohne Urteil und Recht.“ 

Die guten Leute waren froh, verhießen dem Schwaben hundert Gulden und setzten die Bahre, darauf der Tote lag, nieder. Der Schwab tat den Sarg auf und fing an zu sprechen: „Steh auf im Namen der heiligen Dreifaltigkeit! Der Tote aber wollte nicht aufstehen. Dem Schwaben ward angst, er sprach seinen Segen zum andern und zum dritten Male; als aber jener Tote sich nicht erhob, so rief er voll Zorn: „Ei, so bleib liegen in tausend Teufels Namen!“ Als die Leute diese gottlose Rede hörten und sahen, daß sie von dem Gecken betrogen waren, ließen sie den Sarg stehen, faßten den Schwaben und eilten demnächst mit ihm dem Galgen zu, warfen die Leiter an und führten den Schwaben hinauf.

Unser Herrgott zog fein gemachsam seine Straße heran, da er wohl wußte, wie es dem Schwaben ergehen werde.

Er wollte doch sehen, wie der sich stellen würde, kam nun zum Gericht und rief: „O guter Gesell, was hast du doch getan? In welcher Gestalt erblick' ich dich?“ Der Schwab war blitzwild und begann zu schelten, der Herr, hätte ihn den Segen nicht recht gelehrt. „Ich habe dich recht belehrt,“ sprach der Herr. „Du aber hast es nicht recht gelernt und getan, doch dem sei, wie ihm wolle. Willst du mir sagen, wo das Leberlein hinkommen ist, so will ich dich erledigen!“ — „Ach!“ sagte der Schwab, „das Lämmlein hat wahrlich kein Leberlein gehabt! Wes zeihest du mich?“ — „Ei, du willst's nur nicht sagen!“ sprach der Herr. „Wohlan, bekenn' es, so will ich den Toten lebendig machen!“ Der Schwab aber fing an zu schreien: Henket mich, henket mich!

So komm' ich der Marter ab. Der will mich zwingen mit dem Leberlein und hört doch wohl, daß das Lämmlein kein Leberlein gehabt hat! Henket mich nur stracks und flugs!“ 

Wie solches unser Herrgott hörte, daß sich der Schwab eher wollte henken lassen, als die Wahrheit gestehn, befahl er, ihn herabzulassen, und machte nun selbst den Toten lebendig.

Als sie nun miteinander wieder von dannen zogen, sprach unser Herrgott zum Schwaben: „Komm her, wir wollen miteinander das gewonnene Geld teilen und dann voneinander scheiden, denn wenn ich dich allewege und überall sollte vom Galgen erledigen, würde das mir zu viel.“ Er nahm also die zweihundert Gulden und teilte sie in drei Teile. Als solches der Schwab sah, fragte er: „Ei, Lieber, warum machst du drei Teile, so doch unser nur zween sind?“ - „Ja,“ antwortete unser lieber Herrgott, „der eine Teil, der ist mein; der andere Teil der ist dein, und der dritte Teil, der ist dessen, der das Leberlein gegessen hat.“ Als der Schwab solches hörte, rief er fröhlich aus: „So hab' ich's bei Gott und allen lieben Gottesheiligen doch gegessen!“ Sprach's und strich auch den dritten Teil ein und nahm also Urlaub von unserm Herrgott.

Die verzauberte Prinzessin

Es war einmal ein armer Handwerksmann, der hatte zwei Söhne, einen guten, der hieß Hans, und einen bösen, der hieß Helmerich. Wie das aber wohl geht in der Welt, der Vater hatte den bösen mehr lieb, als den guten.

Nun begab es sich, daß das Jahr einmal ein mehr als gewöhnlich teures war und dem Meister der Beutel leer ward. Ei, dachte er, man muß zu leben wissen. Sind die Kunden doch so oft zu dir gekommen, nun ist es an dir höflich zu sein und dich zu ihnen zu bemühen. Gesagt, getan. Früh morgens zog er aus und klopfte an mancher stattlichen Tür an; aber wie es sich denn so trifft, daß die stattlichsten Herren nicht die besten Zahler sind, die Rechnung zu bezahlen hatte niemand Lust. So kam der Handwerksmann müde und matt des Abends in seine Heimat, und trübselig setzte er sich vor die Türe der Schenke ganz allein, denn er hatte weder das Herz mit den Zechgästen zu plaudern, noch freute er sich sehr auf das lange Gesicht seines Weibes. Aber wie er dasaß in Gedanken versunken, konnte er doch nicht lassen hinzuhören auf das Gespräch, das drinnen geführt ward. Ein Fremder, der eben aus der Hauptstadt angelangt war, erzählte, daß die schöne Königstochter von einem bösen Zauberer gefangen gesetzt sei und müsse im Kerker bleiben ihr Lebelang, wenn nicht jemand sich fände, der die drei Proben löste, die der Zauberer gesetzt hatte. Fände sich aber einer, so wäre die Prinzeß sein und ihr ganzes herrliches Schloß mit all seinen Schätzen. Das hörte der Meister an zuerst mit halbem Ohr, dann mit dem ganzen und zuletzt mit allen beiden, denn er dachte: mein Sohn Helmerich ist ein aufgeweckter Kopf, der wohl den Ziegenbock barbieren möchte, so das einer von ihm heischte; was gilt's, er löst die Proben und wird der Gemahl der schönen Prinzeß und Herr über Land und Leute. Denn also hatte der König, ihr Vater verkündigen lassen. - Schleunig kehrte er nach Haus und vergaß seine Schulden und Kunden über der neuen Mär, die er eilig seiner Frau hinterbrachte. Des andern Morgens schon sprach er zum Helmerich, daß er ihn mit Roß und Wehr ausrüsten wolle zu der Fahrt, und wie schnell machte der sich auf die Reise! Als er Abschied nahm, versprach er seinen Eltern, er wolle sie samt dem dummen Bruder Hans gleich holen lassen in einem sechsspännigen Wagen; denn er meinte schon, er wäre König. Übermütig wie er dahinzog, ließ er seinen Mutwillen aus an allem, was ihm in den Weg kam. Die Vögel, die auf den Zweigen saßen und den Herrgott lobten mit Gesang, wie sie es verstanden, scheuchte er mit der Gerte von den Ästen, und kein Gelier kam ihm in den Weg, daran er nicht seinen Schabernack ausgelassen hätte. Und zum ersten begegnete er einem Ameisenhaufen; den ließ er sein Roß zertreten, und die Ameisen, die erzürnt an sein Roß und an ihn selbst krochen und Pferd und Mann bissen, erschlug und erdrückte er alle. 

Weiter kam er an einen klaren Teich, in dem schwammen zwölf Enten. Helmerich lockte sie ans Ufer und tötete deren elf, nur die zwölfte entkam. Endlich traf er auch einen schönen Bienenstock; da machte er es den Bienen, wie er es den Ameisen gemacht hatte. Und so war seine Freude, die unschuldige Kreatur nicht sich zum Nutzen, sondern aus bloßer Tücke zu plagen und zu zerstören.

Als Helmerich nun bei sinkender Sonne das prächtige Schloß erreicht hatte, darin die Prinzessin verzaubert war, klopfte er gewaltig an die geschlossene Pforte. Alles war still; immer heftiger pochte der Reiter. Endlich tat sich ein Schiebfenster auf, und hervor sah ein altes Mütterlein mit spinnewebfarbigem Gesichte, das fragte verdrießlich, was er begehre. „Die Prinzeß will ich erlösen,“ rief Helmerich, „geschwind macht mir auf.“ „Eile mit Weile, mein Sohn,“ sprach die Alte; „morgen ist auch ein Tag, um neun Uhr werde ich dich hier erwarten.“ Damit schloß sie den Schalter. 

Am andern Morgen um neun Uhr, als Helmerich wieder erschien, stand das Mütterchen schon seiner gewärtig mit einem Fäßchen voll Leinsamen, den es ausstreute auf eine Wiese. „Lies die Körner zusammen,“ sprach es zu dem Reiter, „in einer Stunde komme ich wieder, da muß die Arbeit getan sein.“ - Helmerich aber dachte, das sei ein alberner Spaß und es lohne sich nicht sich darum zu bücken; er ging derweil spazieren, und als die Alte wiederkam, war das Fäßchen so leer wie vorher. „Das ist nicht gut,“ sagte sie. Darauf nahm sie zwölf goldene Schlüsselchen aus der Tasche und warf sie einzeln in den tiefen dunkeln Schloßteich. „Hole die Schlüssel herauf,“ sprach sie, „in einer Stunde komme ich wieder, da muß die Arbeit getan sein.“ Helmerich lachte und tat wie vorher. - Als die Alte wiederkam und auch diese Aufgabe nicht gelöst war, da rief sie zweimal: „Nicht gut! nicht gut!“ Doch nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn die Treppe hinauf in den großen Saal des Schlosses; da saßen drei Frauenbilder, alle drei in dichte Schleier verhüllt. „Wähle, mein Sohn,“ sprach die Alte, „aber sieh dich vor, daß du recht wählst. In einer Stunde komme ich wieder.“ Helmerich war nicht klüger, da sie wiederkam, als da sie wegging; übermütig aber rief er aufs Geratewohl: „Die zur Rechten wähl' ich“ — Da warfen alle drei die Schleier zurück; in der Mitte saß die holdselige Prinzeß, rechts und links zwei scheußliche Drachen, und der zur Rechten packte den Helmerich in seine Krallen und warf ihn durch das Fenster in den tiefen Abgrund. 

Ein Jahr war verflossen seit Helmerich ausgezogen war, die Prinzeß zu erlösen, und noch immer war bei den Eltern kein sechsspänniger Wagen angelangt. „Ach,“ sprach der Vater, „wäre nur der ungeschickte Hans ausgezogen statt unseres besten Buben, da wäre das Unglück doch geringer.“ „Vater,“ sagte Hans, „laßt mich hinziehen, ich will's auch probieren.“ Aber der Vater wollte nicht, denn was dem Klugen mißlingt, wie führte das der Ungeschickte zu Ende?

Da der Vater ihm Roß und Wehr versagte, machte Hans sich heimlich auf und wanderte wohl drei Tage denselben Weg zu Fuß, den der Bruder an einem geritten war. Aber er fürchtete sich nicht und schlief des Nachts auf dem weichen Moos unter den grünen Zweigen so sanft wie unter dem Dach seiner Eltern; die Vögel des Waldes scheuten sich nicht vor ihm, sondern sangen ihn in Schlaf mit ihren besten Weisen. Als er nun an die Ameisen kam, die beschäftigt waren ihren neuen Bau zu vollenden, störte er sie nicht, sondern wollte ihnen helfen, und die Tierchen, die an ihm hinaufkrochen, las er ab ohne sie zu töten, wenn sie ihn auch bissen. Die Enten lockte er auch ans Ufer, aber um sie mit Brosamen zu füttern; den Bienen warf er die frischen Blumen hin, die er am Wege gepflückt hatte. So kam er fröhlich an das Königsschloß und pochte bescheiden am Schalter. Gleich tat die Türe sich auf, und die Alte fragte nach seinem Begehr. „Wenn ich nicht zu gering bin, möchte ich es auch versuchen die schöne Prinzeß zu erlösen,“ sagte er. „Versuche es, mein Sohn,“ sagte die Alte, „aber wenn du die drei Proben nicht bestehst, kostet es dein Leben.“ „Wohlan, Mütterlein,“ sprach Hans, „sage, was ich tun soll.“ Jetzt gab die Alte ihm die Probe mit dem Leinsamen.