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Thomas Manns Erzählung "Luischen" entfaltet ein bitteres Gesellschaftsbild, das zwischen Tragik und Groteske schwankt. Im Mittelpunkt steht der Rechtsanwalt Christian Jacoby, der seine Frau Amra abgöttisch liebt, während sie ihn mit offener Verachtung behandelt und eine Affäre mit dem jungen Komponisten Alfred Läutner pflegt. Die ganze Stadt weiß von diesem Verhältnis, nur Christian bleibt blind vor Hingabe. Als Amra ein großes Gartenfest veranstaltet, wird die Demütigung öffentlich: Läutner trägt ein Lied vor, das in spöttischer Anspielung auf Amra und ihre Untreue die Gäste amüsiert und Christian bloßstellt. Mann zeigt mit psychologischer Schärfe, wie Liebe und Treue durch Spott und gesellschaftliche Oberflächlichkeit zerstört werden. Die Erzählung ist eine eindringliche Satire über Ehe, Moral und die Grausamkeit öffentlicher Demütigung, die den Leser zugleich erschüttert und fesselt.
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Seitenzahl: 29
Veröffentlichungsjahr: 2026
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An Richard Schaukal
Es giebt Ehen, deren Entstehung die belletristisch geübteste Phantasie sich nicht vorzustellen vermag. Man muß sie hinnehmen, wie man im Theater die abenteuerlichen Verbindungen von Gegensätzen wie Alt und Stupide mit Schön und Lebhaft hinnimmt, die als Voraussetzung gegeben sind und die Grundlage für den mathematischen Aufbau einer Posse bilden.
Was die Gattin des Rechtsanwaltes Jacoby betrifft, so war sie jung und schön, eine Frau von ungewöhnlichen Reizen. Vor – sagen wir einmal – dreißig Jahren war sie auf die Namen Anna, Margarethe, Rosa, Amalie getauft worden, aber man hatte sie, indem man die Anfangsbuchstaben dieser Vornamen zusammenstellte, von jeher nicht anders als Amra genannt, ein Name, der mit seinem exotischen Klange zu ihrer Persönlichkeit paßte wie kein anderer. Denn obgleich die Dunkelheit ihres starken, weichen Haares, das sie seitwärts gescheitelt und nach beiden Seiten schräg von der schmalen Stirn hinweggestrichen trug, nur die Bräune des Kastanienkernes war, so zeigte ihre Haut doch ein vollkommen südliches mattes und dunkles Gelb, und diese Haut umspannte Formen, die ebenfalls von einer südlichen Sonne gereift erschienen und mit ihrer vegetativen und indolenten Üppigkeit an diejenigen einer Sultanin gemahnten. Mit diesem Eindruck, den jede ihrer begehrlich trägen Bewegungen hervorrief, stimmte durchaus überein, daß höchst wahrscheinlich ihr Verstand von Herzen untergeordnet war. Sie brauchte jemanden ein einziges Mal, indem sie auf originelle Art ihre hübschen Brauen ganz wagerecht in die fast rührend schmale Stirn erhob, aus ihren unwissenden, braunen Augen angeblickt zu haben, und man wußte das. Aber auch sie selbst, sie war nicht einfältig genug, es nicht zu wissen; sie vermied es ganz einfach, sich Blößen zu geben, indem sie selten und wenig sprach: und gegen eine Frau, welche schön ist und schweigt, ist nichts einzuwenden. Oh! das Wort »einfältig« war überhaupt wohl am wenigsten bezeichnend für sie. Ihr Blick war nicht nur thöricht, sondern auch von einer gewissen lüsternen Verschlagenheit und man sah wohl, daß diese Frau nicht zu beschränkt war, um geneigt zu sein, Unheil zu stiften … Übrigens war vielleicht ihre Nase im Profile ein wenig zu stark und fleischig; aber ihr üppiger und breiter Mund war vollendet schön, wenn auch ohne einen anderen Ausdruck, als den der Sinnlichkeit.
