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"Lukas – Eine deutsche Erzählung" war der erste Teil einer deutschen Geschichte der Nachkriegszeit, geschrieben entlang der Biographie eines 1943 Geborenen. Die Erzählung endet 1962. Im vorliegenden Band erlebt der Leser das Land aus der Perspektive der Titelfigur im Jahrzehnt nach dem Bau der Berliner Mauer. Als Sechzehnjähriger hatte Lukas Bekanntschaft mit dem politischen Strafrecht der DDR gemacht. Nach anderthalb Jahren Haft sucht er jetzt einen Weg, doch noch zum Abitur zu kommen und zu studieren. Mehr als drei Jahre ist er als Hilfsarbeiter tätig. Blut, Gedärm und Fäulnis prägen seine Arbeitswelt in einem Anatomischen Institut. Parallel darf er die Abendoberschule besuchen. Er wird zum Studium der Tiermedizin zugelassen, fühlt sich jedoch im gesellschaftlichen System der DDR weiterhin fremd, denkt immer wieder über Möglichkeiten zur Flucht nach. Die politische Entwicklung in Deutschland und der Welt verfolgt er aufmerksam. Die Kuba-Krise, die "Spiegel"-Affäre, der Vietnam-Krieg, der Mord an den Kennedy-Brüdern, der "Prager Frühling", die Ostverträge der Bundesregierung sind die großen Themen des Jahrzehnts, die zur Parteinahme auffordern. In der Auseinandersetzung der Systeme steht er auf der Seite des Westens. Personenkult um Ulbricht, Selbstherrlichkeit des Politbüros, Unterdrückung jeglicher Kritik, blindes kulturpolitisches Wüten nähren Lukas' Ablehnung des Systems immer aufs Neue. Der Selbstmord des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission, das Berufsverbot für Professor Robert Havemann, das Verbot einer ganzen Jahresproduktion von DEFA-Filmen durch das 11. Plenum, das Auftrittsverbot für Wolf Biermann, die Sprengung der Leipziger Universitätskirche stehen für die selbstmörderische Borniertheit der DDR-Führung. Und dennoch gibt es für Lukas privat das richtige Leben im falschen. Verbotene Bücher, Theater, Westfernsehen, gleichgesinnte Freunde, ausgelassenes Studentenleben und die Liebe bestimmen seinen Alltag viel mehr als der politische Druck. Der Leser lernt mit ihm die Nylonmäntel, den Kampf um die Levi's Jeans, die Vita Cola, die DEDERON-Hose, den "Präsent 20"-Anzug, die DDR-Fußball-Oberliga, das Skatspiel, die Exquisit-Läden, den Intershop und noch viel mehr kennen.
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Seitenzahl: 921
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Nichts währt ewig und nur weniges ist wirklich wichtig.
Kopf abschneiden und Fliesen scheuern; Willkommen daheim!; Werden sie Hilfsarbeiter!; Du siehst die Weste, nicht das Herz; Blut, Gedärm und Fäulnis; Ein mazerierter Pinguin; 300 Mark Gehalt; Die Kartoffeln sind knapp.; „Maß halten!“; Margit ist weg
Der andere Walter; Ein Sandmännchen auf dem Barhocker; Franctireurs!; Eine Flucht über den Harz; Ein Mädchen spielt Skat; FDJ-Aktion „Ochsenkopf“; Nato-Plane und Levi’s-Jeans; Das alte Bildermuseum; Deutschlandfunk und Karl-Heinz Köpcke; Immer neue Fluchtgeschichten; Der Internationale Frühschoppen
Fliegenmaden und Ackerwinde; Gewerkschaftsgruppenkassierer-Stellvertreter; Zeltplatz „Himmelreich“; Herumstrolchen im Grenzgebiet; Peter Fechter verblutet im Todesstreifen; Klassenkampf über 55-Yards
Die Volkshochschule; Yvette; Ein Konzertbesuch wird verlängert; Richard III. in der Bosestraße; Die Kuba-Krise; Ein unbeleuchtet geparkter Armeelastwagen
Die Spiegel-Affäre; Futter für Rambolds Hühner; Heu machen; Cola aus Miltitz; Hausverkauf zum Einheitswert; Hilfsmasseur Rüdiger, Lyonel Feininger, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner; Die Großmarkthalle; Feuerzangenbowle verlängert; Und wieder Karin
Der VI. Parteitag; „Millionenschmidt“; Ehrerbietung mit Motorroller; Im „Stresemann“ zum Tanznachmittag; Jutta
Messe in Leipzig: Behelfstaxis und „Messegold“; Ein neues Hotel namens „Deutschland“; Ein Scheiterhaufen für Kakerlaken; Alte Kirchen haben dunkle Gläser
Arbeiten die Westdeutschen besser? Ein Traum von einem Fahrrad; Die Čezeta aus Böhmen; Klassenkampf auf dem Eis; Die Partei und die Literatur; Faust-Inszenierung in der Bosestraße
Freiheit und wahre Gerechtigkeit; Mainelken aus Sebnitz; Flaggen an den Fenstern; Illuminierter Kampf; Achtung, Achtung, wir rufen Kräuterhexe; Klaus Amplers größter Sieg; Wanderer zwischen den Welten; Handball-Deutschland
Russisches Wunder; Hemden aus Nylon; Schutzstreifen und Kontrollstreifen; Er war ein Berliner; Сердечный привет Nikita!
Der ewige Walter; Eine indische Entkleidung; Der “Brezel-Käfer“; Eine tollkühne Entscheidung; Das NöSPL; „Weltgericht über Globke“
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Twist in Masserberg; „Turner auf zum Streite“; Vom Autofahren; Fußball beim „Rest von Leipzig“; Das Leben genießen
Leipziger Buchmesse; Hennessy in der fünften Etage; Knitterfreie Beinkleider; Ein chinesischer Brief; Fuhrparkerweiterung
Vom Sinn des Lebens; Die Puppe und die Rathaus-Emma; Überraschungsmannschaft in Leutzsch; Ein neuer Kanzler; Die Affäre Hofé
„Ein großartiger Wahltag“; Geschichte polemisch; Attentat auf Kennedy; Christa Wolfs Himmel; Weihnachtsbesuch aus West-Berlin
Eine neue Staatsbürgerschaft; Ein neuer SPD-Vorsitzender; Ein neuer Boxweltmeister; Havemann oder ein revisionistischer Angriff; Zum ersten Mal Vater; Das Café Intermezzo; Wer nicht alles gibt, gibt nichts! Twist auf Ost-Berlins Straßen; Westmusik und Ostpropaganda
Stuckdecken streichen; Das erste eigene Auto – und was für eins!; Schäfchenwolken zum Abitur; Ausflug zum Fuchsturm und eine späte Versuchung; Aufnahmeprüfung und Eignungsgespräch
Freundschaft per Vertrag; Die goldgedeckte Ost-Mark; Eheschließung; Flucht aus Wismar; Eine Nacht in Frankfurt (Oder), Das Restaurant Szeged; Letzter Halt Oberlausitz
Der Vietnamkrieg beginnt; Das Messemännchen kommt; Die Stasi hört mit; Bausoldaten in der NVA; Otto Grotewohl stirbt; Der “Tunnel 57“; Butter gegen Freiheit; Chruschtschow wird gestürzt; Die chinesische Bombe ist da
Eines schönen Tages...; Vom Hilfsarbeiter zum Facharbeiter; Ulbricht am Nil, Bildungssystem vereinheitlicht; 800 Jahre Leipziger Messe; Die Wunschkind-Pille; Eine Boulevard-Zeitung für Leipzig; Hennessy, Johnnie Walker und die Folgen
Kotflügel aus Meisterhand; Die erste Tochter; „Panorama“, Chris Howland und Kuhlenkampff; Satchmo in Leipzig; MiGs über Westberlin; Ein Verein wird gegründet
Verbotene Literatur wird getauscht; Flucht am Drahtseil und Flucht im Fernsehen; Zum Abschied ein Hühnerauslauf; Auf den Seen bei Malchow; Politschulung im Märkischen Sand; Mauervisite endet mit Festnahme
Petit Fleur an der Parthe; Fontane im Oderbruch; Kartoffelernte im Kollektiv; Ein Bett im Pferdestall; O quae mutatio rerum; Unerlaubtes Entfernen; Friedrich II. verschwunden
Ein Professor im Zweireiher; Ein Sekretär wider Willen; Anatomie mythologisch; Ein gewisser Uljanow; Ein umstrittener Nobelpreis; Die Leipziger Beatrevolte
Die Drahtharfe; Freitod an der Leipziger Straße; Das 11. Plenum: 99,86 % für die Stadtverordneten, Siegreicher Oktobersturm, Sex-Propaganda und verherrlichtes Banditentum, Verbotene Filme und verbotene Bücher, Versäumnisse eines Ministers, Die Monotonie des yeah, yeah, yeah
Das Familienrecht erneuert; Den Volkswirtschaftsrat aufgelöst; Die Arbeitswoche verkürzt; Ein Mathematikstudium beendet; Aschearbeiter oder Landbriefträger?; Zwischen „Hochstein“ und „Ring-Café“
Brief an die Werten Genossen; Die Schlächterei Morgenstern vergessen; Ein angeblicher KZ-Baumeister und ein wirklicher Kolonial-Söldner; Merci Chérie; Der Redneraustausch findet nicht statt
Grün-Weiß in Bautzen, Schwarz-Gelb in Glasgow; Der ewige 353er; Wie lang ist Ascaris?; Eine Nacht auf der Ofenbank; Frank Beyers Spuren
Biochemie in Lederhosen; Ein doppelter Faust; Ein schöpferisches Überholmanöver; Vom NöSPL zum ÖSS; 91 Salutschüsse über dem Rhein
Geburtsstunde der APO; Sinai in 6 Tagen; Gärtner ohne Hacke und Spaten; Diabolos im Buchdeckel; Barcroft-Kurve und Stickstoffkreislauf; Auf Kohlen sitzen; Chateaubriand im Astoria
Some flowers in your hair; Drum links zwei, drei...; Soldaten in Turnschuhen; Nachtübung mit Folgen
Vier Jubiläen, ein halbes Hähnchen und ein gerodeter Waldstreifen; Neue Geldscheine; Mehrwert einmal anders; Ein neuer Mann in Prag; Ein neues Strafgesetz in Ostberlin; Zweimal Deutschland in Grenoble; Kuhstall in zwei Schichten
Ein Volksentscheid; „Enteignet Springer!“; Realisten verlangen das Unmögliche; Himmelfahrt einer Kirche
Und wieder ein Kennedy; Auf dem Weg zur industriemäßigen Landwirtschaft; Die 11. Feuerbach-These; Russisch gentlemanlike; Vinylchlorid in Bitterfeld; Deux Chevaux in Misdroy; Aufbruch in Prag
Gräben graben; Im Versandhaus kaufen; Sich ideenreich kleiden; Eine Einstellung und keine Hose; Die Leipziger „Blechbüchse“; Die Leber pathologisch gesehen; „Besonders wertvoll“ oder doch nicht?
Ein Stück Machtwechsel in Bonn; Zu Fuß über den Check Point? Deutsch-Sowjetische Freundschaft gebrüllt; Schüsse am Ussuri; Revanche auf dem Eis; Zwei Staaten – eine Nation?; Die Blaue Lola im Keller; Dialektik mit Reiner Kunze
Der Strobel-Peter und der Schnabl; Die Partei weiß es auch nicht; Kostenlos zur Ostseewoche; Eine Flasche Kadarka zuviel; The ‚Eagle’ has landed!; Vorwärts ins dritte Jahrzehnt; „Waschen, Trocknen, Tragen“; Eine Kuckucksuhr zum Geburtstag
Ziegel stapeln; Ein Diplom wird verlangt; Beim Tierarzt im Kohrener Land; Ein Kanzler am Fenster; „Der tausendjährige Lenin“
Gesamtdeutsche Denkpause; Ein Hochstapler als Ordinarius; Das Jahrhundertspiel von Mexiko; Der Anfang vom Ende in Leutzsch; Unverletzlich oder unverrückbar? Drei Zimmer in der Uckermark; Drahtglas in den Fenstern
Netzplantechnik in Bernburg; Frauentag im Halbschlaf; Kniefall in Warschau; Zum dritten Mal Vater; Gasherd gebraucht; Ein Frühjahr am Templiner See; Ulbricht im Schlafrock
Vorzeitige Entlassung aus der Uckermark; „Jedem seine Wohnung!“; Noch einmal Kaakstedt; Ein Abkommen über das „betreffende Gebiet“; Lagebetrachtung auf der Steilküste
„Schneiden Sie den Kopf ab und bringen sie ihn runter ins Labor“, sagte Herr Rambold. „Wir brauchen Gehirne für den Präparierkurs“. Lukas hatte sich nicht verhört. Mit diesem Auftrag begann sein erster Arbeitstag als Gehilfe in der Anatomie. Vor ihm lag auf einer Art Sägebock ein toter schwarzer Schäferhund auf dem Rücken. Seine Beine ragten unnatürlich gestreckt in die Höhe. „Womit soll ich das denn machen?“ „Na mit der Säge natürlich, stelln se sich nich so an! Nebenan im Tötungsraum steht ein Instrumentenschrank. Darin finden sie alles, was sie brauchen. Und den Hals möglichst lang am Kopf dranlassen! Achten sie auf die Kanüle, die in der Karotis steckt.“ Chefpräparator Rambold hinkte ächzend aus dem Sektionssaal. Die große Glastür fiel hinter ihm krachend ins Schloss.
Lukas ging durch die große zweiflügelige Schiebetür in den Nebenraum. „Was hatte Herr Rambold gesagt? Tötungsraum? Was hat es denn damit auf sich? Hier ist doch schon alles tot, oder etwa nicht?“ Die kleine Halle hatte einen Fußboden aus gelben Ziegeln. Die Wände waren weiß gefliest. Von der Decke hingen an Drahtseilen zwei robuste eiserne Haken herab. Sie gehörten zu elektrischen Aufzügen, die auf einer Schiene bewegt und in den benachbarten Sektionssaal gezogen werden konnten. Als einziges Möbelstück stand in einer Ecke ein zweitüriger Holzschrank. Das Riffelglas seiner Türen war gesprungen und an den Ecken ausgebrochen. Der Schrank barg ein Sammelsurium aus Ketten, Seilen, Fleischerhaken, Schlachtermessern, einem Beil, einem großen Fuchsschwanz und einer Bügelsäge. Lukas entschied sich für den Fuchsschwanz.
Der Hund war steif, sein Fell war feucht, aus seiner Nase tropfte ein rötliches Sekret, das auf dem Steinfußboden schon eine kleine Pfütze gebildet hatte. „Ich kann doch nicht einfach die Säge ansetzen als wäre das ein Stück Holz. Vielleicht wird mir schlecht, wenn das Blut tropft oder ich kippe gar um. Das ist mir im Krankenhaus ja auch schon passiert. Ob das überhaupt die richtige Arbeit für mich ist? Und kann ich das tote Tier so einfach anfassen?“ Er dachte an die Gruselgeschichten über die Gefährlichkeit von Leichengift, die unter seinen Kinderfreunden im Umlauf gewesen waren. „Warum gibt es hier für solche Arbeiten keine Handschuhe?“
Schließlich fasste er sich ein Herz. Das scharfe Sägeblatt erfüllte seine Aufgabe und im Handumdrehen hatte er den Hals des Tieres durchtrennt. Die große Messingkanüle hatte er nicht beschädigt. Sie steckte noch in der „Karotis“, was auch immer das für ein Gebilde sein mochte. Er legte den Hundekopf, dem ein beißender Geruch entströmte, in eine hölzerne Schale und trug ihn hinunter in den Keller, ins Labor von Chefpräparator Rambold. Der saß an einem langen hölzernen, mit Linoleum bezogenen Arbeitstisch und montierte ein Vogelskelett. „Stellen sie den Kopf rüber ins Nasslabor. Ich entnehme das Gehirn später. Wenn Kollege Patz heute Nachmittag ein paar große Hunde aus dem Hundepuff mitbringt, sagen sie mir Bescheid. Die müssen auch injiziert werden. Das zeige ich ihnen, damit sie das dann selber machen können. Und jetzt scheuern sie den Sektionssaal und den Tötungsraum mit B 3. Übermorgen sezieren wir ein Pferd vor den Studenten. Der Chef will einen sauberen Saal sehen! Der muss jederzeit tipptopp sein!“
Lukas machte kehrt und verließ das Labor. Dass er mit dem Wort „Hundepuff“ nichts anzufangen wusste, gab er nicht zu erkennen. „Da werde ich Herrn Patz fragen und auch wo ich das Scheuerpulver finde.“ Walter Patz war der andere Anatomiegehilfe des Instituts. Er war 69 Jahre alt, gelernter Buchdrucker und schon seit den frühen vierziger Jahren hier beschäftigt. „Der ‚Hundepuff’ ist die Kleintierklinik“, klärte der ihn in der Mittagspause auf. „Dort werden jeden Tag Hunde eingeschläfert, die krank sind oder die die Leute nicht mehr haben wollen. Ich fahre nachmittags mit dem Handwagen rüber und hole sie ab. Und die besten verwenden wir auf dem Präpariersaal. Wenn ich mal nicht da bin, müssen sie das machen.“
Am Ende seines ersten Arbeitstages war Lukas erschöpft und völlig durchgeschwitzt. Er hatte die Fliesenwände des Sektionssaales mit Seifenlauge von Fliegendreck und eingetrockneten Blutspritzern befreit, den großen Sektionstisch und gut zwanzig hölzerne Präparatetabletts gescheuert, die Waschbecken und Armaturen auf Hochglanz poliert und zum Schluss die Fußböden mit dem Schrubber bearbeitet. Das vom Chefpräparator verordnete Scheuermittel für den Boden hieß nur in dessen breitem sächsischem Dialekt „B3“. Laut Beschriftung auf der Verpackung handelte es sich um den schon 1929 von der Firma Henkel auf den Markt gebrachten Reiniger für Industrie und Handwerk mit dem Namen „P3“. Den gab es auch in einer chlorbasierten, desinfizierend wirkenden Variante und mit dieser hatte es Lukas hier zu tun.
Er streute das Pulver mit der bloßen Hand aus und beim Scheuern stieg ihm beißender Chlorgeruch in die Nase. Am Ende spritze er den Fußboden mit dem Wasserschlauch ab, schob die Wasserpfützen in den Abfluss und hoffte, dass die nächste Scheueraktion nicht so bald fällig wäre. Die große Uhr im Sektionssaal zeigte an, dass in einer Viertelstunde Feierabend war. Er meldete Herrn Rambold die Erledigung seines Auftrages und der verabschiedete ihn mit den Worten: „Heute fangen wir nichts Neues mehr an, die zehn Minuten schenke ich ihnen. Morgen ist der obere Kühlraum dran und danach scheuern sie das weiße Haus.“ „Das kann ja heiter werden“, dachte Lukas, dessen rechte Hand von dem ätzenden Scheuerpulver feuerrot war und brannte. „Und was meint der denn nun wieder mit dem ‚Weißen Haus’?“
Im Umkleideraum der Anatomiegehilfen traf er seinen Kollegen schon in Zivil an. „Das müssen sie sich gleich abgewöhnen“, sagte der. „Sie sehen ja aus, als hätten sie eine Adolf-Hennecke-Schicht gefahren, total verschwitzt. Wir faulenzen hier nicht, aber wir machen uns auch nicht kaputt. Bestarbeiter können sie hier nicht werden. Rambold ist ein Antreiber, dem geht es sowieso nie schnell genug. Das werden sie bald merken.“ Lukas nahm Handtuch und Seife aus seinem Schrank, um sich zu duschen. Im Keller des Instituts gab es zwei Bäder, ein Damen- und ein Herrenbad. Das waren bis an die Decke geflieste Räume mit einer außergewöhnlich großen Badewanne, die zwei oder gar drei Personen Platz geboten hätte. Eine gesonderte Dusche war nicht vorhanden und auch eine Halterung für den Brausekopf fehlte über der Wanne. „Wenn ich hier bleibe, bringe ich so ein Ding an“, dachte Lukas.
*
Dass er auf der Stelle eines Anatomiegehilfen in diesem Institut gelandet war, hatte sich eher zufällig ergeben. Bei seiner Entlassung aus dem Torgauer Gefängnis am 27. März 1962 hatte man ihn verpflichtet, sich umgehend beim Rat der Stadt Leipzig in der Abteilung Inneres zu melden. Dort würden die notwendigen Schritte zu seiner Wiedereingliederung in die Gesellschaft geregelt, hatte der Anstaltsleiter gesagt. Dass es nicht einfach werden würde, nach einer politischen Haft wieder Fuß zu fassen, gar eine akademische Ausbildung anzustreben, war ihm klar. Sein ursprünglicher Plan, nach der Entlassung umgehend in den Westen zu gehen, war am 13. August des vergangenen Jahres mit dem Bau der Mauer geplatzt.
Als er anderthalb Jahre nach seiner Verhaftung wieder zu Hause angekommen war, hatte ihn eine sehr schöne Überraschung erwartet. Vor der Wohnungstür standen mehrere Blumensträuße, dazwischen ein buntes Pappschild mit der Aufschrift „Herzlich Willkommen daheim!“. Die Verhaftung der drei Oberschüler hatte sich damals in Windeseile im Haus und im ganzen Viertel herumgesprochen. Eine Nachbarin hatte seiner Mutter berichtet, dass sie von der Sache auch im RIAS gehört hätte. Über Widerstandsaktionen gegen das Regime und Akte politischer Willkür in der DDR berichtete der westliche Rundfunk regelmäßig. In West-Berlin tätige Organisationen wie der „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ erfassten diese Vorgänge durch geheime Informanten und machten sie bekannt. Das gehörte zu den alltäglichen Aktionen im kalten Krieg, der 1962 einem gefährlichen Höhepunkt entgegensteuerte.
Kaum hatten Lukas und die Mutter die Wohnung betreten, war Herr Adolf O., der Untermieter der Mutter, aus seinem Zimmer gekommen. In seinem Wiener Tonfall rief der alte Mann laut: „Grüß Gott! Welch eine Freude, dass sie endlich wieder daheim sind! Gratuliere, dass sie sich von diesen Schurken nicht ihren Schneid haben abkaufen lassen. Sie werden ganz gewiss noch das Ende dieses Regimes erleben. Ich bete jeden Tag zu meinem Herrgott dafür.“
Um während der Abwesenheit des Sohnes etwas Ablenkung zu haben, hatte die Mutter ein weiteres Zimmer vermietet. Adolf O. hatte zwar versucht, ihr nach Lukas’ Verhaftung beizustehen, aber seine ausschließlich von Abscheu gegen den Staat gespeisten Tiraden waren für sie kein rechter Trost. So hatte sie ihr Schlafzimmer an zwei junge Mädchen vermietet, die aus dem Eichsfeld gekommen waren, um ihr Glück in der Großstadt Leipzig zu suchen. Sie arbeiteten in der Baumwollspinnerei in Plagwitz, die, wie alle VEB-Betriebe, unter chronischem Arbeitskräftemangel litt. Mit den beiden Untermieterinnen hatte die Mutter keinerlei Probleme. Herrnbesuche kamen in jenen Jahren sowieso nicht infrage und die Mädchen erfüllten die Vorstellungen ihrer Vermieterin von Ordnung und Sauberkeit in jeder Hinsicht.
Eine der beiden stammte aus Ostpreußen. Sie war bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Der Vater war gefallen, die Mutter hatte sie in den Kriegswirren verloren. Sie hatte zu Lukas’ Mutter Vertrauen gefasst und nannte sie ihre „Pflegemutti“. Für drei Mietparteien war die Wohnung nach Lukas Rückkehr auf Dauer zu eng und nach ein paar Wochen hatten die Untermieterinnen eine andere Bleibe gefunden. Der herzliche Kontakt zwischen Pflegemutti und Pflegetochter Renate blieb ein Leben lang bestehen.
Der Tag, an dem man Lukas und seinen Freund Rüdiger aus dem Torgauer „Jugendhaus“, wie das Gefängnis etwas euphemistisch genannt wurde, entlassen hatte, war ein Dienstag. Den Rest der Woche wollte er nutzen, sich wieder an das Leben in Freiheit zu gewöhnen. Am Montag sollte die Suche nach einer Tätigkeit, wenn möglich einer Berufsausbildung, mit seiner Meldung bei der Abteilung Inneres beginnen. Gern hätte er zusammen mit seinem Freund Rüdiger die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit genossen, aber dessen Eltern waren inzwischen nach Halle verzogen. So machte er sich allein auf den Weg.
Schon das Verlassen der Wohnung war ein jetzt ein Erlebnis. Anders als in den vergangenen 18 Monaten bestimmte er den Zeitpunkt des Aufbruchs, öffnete er die Tür und hatte er den Schlüssel zu dieser Tür in der Tasche. Stundenlang lief er durch Leipzig, suchte Straßen, Plätze, Winkel und Flecken auf, mit denen ihn Erinnerungen verbanden. Er besuchte das Grab des Vaters auf dem Südfriedhof, lief durch die Parkanlage des Universitätsklinikums, suchte das Stationsgebäude auf, in dem sein Vater gestorben war. Fast drei Jahre waren seit dem vergangen und mehr als die Hälfte dieser Zeit hatte er im Gefängnis verbracht. „Gut, dass Vater das nicht miterleben musste. Womöglich hätte er sich Vorwürfe gemacht, nicht viel früher die Entscheidung zum Verlassen der DDR gefällt zu haben“, dachte Lukas.
Lange grübelte er, ob er den Versuch unternehmen sollte, wieder Kontakt mit seiner Bernburger Freundin Margit aufzunehmen. Im Sommer 1960 hatte er sie zum letzten Mal gesehen. Da hatte er seinen Großvater besucht. Es waren die letzten Sommerferien im Haus der Großeltern, dem Paradies seiner Kinderjahre, gewesen. Wenige Tage vor seiner Verhaftung am 8. Oktober war der geliebte Großvater gestorben. Lukas hatte das Haus in der Parkstraße geerbt. Es war jetzt an zwei Familien vermietet, die schon Ansprüche auf Reparaturen angemeldet hatten. Bald würde er hinfahren müssen, um zu prüfen, ob die Mieteinnahmen von 80 Mark pro Monat für das ganze Haus samt Garten die Unterhaltskosten decken würden.
Vorher musste er Margit schreiben und erklären, warum er damals plötzlich verschwunden war, gerade als sie sich ineinander verliebt hatten. Die Radtour mit ihr entlang des Saaleufers in jenem letzten Bernburger Sommer war ihm noch in lebendiger Erinnerung. Auf einer Uferwiese, durch Buschwerk von Blicken geschützt, war er Margit so nahe gewesen, wie noch keinem Mädchen zuvor. Sie hatten Pläne für die Zukunft gemacht. Margit war auch bereit gewesen, mit Lukas in den Westen zu gehen. Aber das war nun schon lange her. Vielleicht war sie noch vor dem Mauerbau mit ihren Eltern rüber gegangen, vielleicht hatte sie längst einen neuen Freund.
In der Absicht, den durch die Haft erlittenen Bildungsrückstand wettzumachen, besuchte Lukas in den ersten Wochen nach seiner Entlassung die Leipziger Museen, das Völkerschlachtdenkmal, die städtischen Kirchen und wiederholt Aufführungen im Schauspielhaus und in der Oper. Anders als früher nahm er Prospekte und Programme nicht nur mit, sondern beschäftigte sich intensiv damit, prägte sich deren wichtigste Inhalte ein und legte einen Sammelordner an. Die Mutter bemühte sich um die gesellschaftliche Wiedereingliederung ihres inzwischen erwachsenen Sohnes, indem sie gemeinsame Mittag- oder Abendessen mit Bekannten und Freunden arrangierte. Bevorzugtes Lokal war der „Thüringer Hof“.
Am Montag seiner zweiten Woche in Freiheit ging Lukas ins Rathaus, um der Verpflichtung zur Meldung bei der Abteilung Inneres nachzukommen. In herablassendem Ton fragte ihn einer der drei anwesenden Mitarbeiter: „Was haben sie jetzt vor? Wann nehmen sie eine Tätigkeit auf?“ Lukas erklärte, dass er sich eine Lehrstelle suchen und nach Abschluss der Lehre auf der Volkshochschule das Abitur machen wolle. „Lehrstellen gibt es im Frühjahr nicht, das wissen sie doch. Die Lehrausbildung beginnt im September. Sie haben keine Veranlassung wählerisch zu sein. Zur Volkshochschule können sie nicht einfach gehen wie es ihnen gefällt. Darüber entscheidet ihr Betrieb. Sie brauchen dafür eine Delegierung. Suchen sie sich umgehend eine Stelle als Hilfsarbeiter und teilen sie uns mit, wo sie spätestens ab Mai arbeiten werden.“
Das waren also jetzt die gültigen Spielregeln. Beim Nachdenken über mögliche Lehrberufe hatte sich Lukas für den eines Autoschlossers entschieden. „Vielleicht kann ich als Hilfsarbeiter in einem Kfz-Betrieb anfangen und ab September dort eine Lehre beginnen.“ An technischen Dingen interessiert, hatte er lange Zeit vor, nach dem Abitur ein Ingenieurstudium aufzunehmen. Erst auf der Oberschule war die Medizin ins Blickfeld gerückt. Davon musste er sich jetzt verabschieden. Der Passus im Einzelvertrag seines Vaters, der ihm eine Ausbildung nach eigenem Wunsch garantiert hatte, war mit seiner Verurteilung hinfällig geworden. Und die eben erst errichtete Mauer würde wohl nicht so bald wieder abgerissen werden. Das erträumte Medizinstudium an einer westlichen Universität konnte er abschreiben.
Den ersten Versuch unternahm er in einem nahe gelegenen Kraftfahrzeug-Instandsetzungsbetrieb in der Waldstraße, von dem es hieß, dass er vor dem Krieg ein Opel-Autohaus gewesen sei. Der Büromensch, dem er sein Anliegen vortrug, ließ in abblitzen. Nein, freie Stellen hätten sie nicht und eine Lehrstelle im Herbst könne er auch nicht in Aussicht stellen. Auch spätere Nachfragen seien zwecklos. Ähnlich erging es ihm in zwei weiteren Betrieben. Es schien ihm, als löse die Erwähnung der Haft schlagartig die Ablehnung aus. Wahrscheinlich musste er sich damit abfinden, dass der Zugang zu dem gefragten Beruf des Autoschlossers für ihn versperrt war.
Er grübelte über Alternativen nach. Irgendetwas an frischer Luft vielleicht, in einer Gärtnerei oder auf dem Friedhof? Die großartige Anlage des Leipziger Südfriedhofs kam ihm in den Sinn, das Blütenmeer der Rhododendronbüsche, das ihn bei der Beerdigung des Vaters im Mai vor drei Jahren so beeindruckt hatte. Oder vielleicht eine Arbeit als Tierpfleger im Zoo, den er von vielen Besuchen seit seinen Kindertagen gut kannte?
„Vielleicht solltest du mal Herrn Professor Hussel aufsuchen“, schlug die Mutter vor. „Der war doch der Vorgänger deines Vaters im Ministerium in Berlin. Er ist jetzt an der Leipziger Fakultät und zu Vaters Beerdigung hatte er mir gesagt, dass wir uns an ihn wenden könnten, wenn wir einmal Hilfe brauchten.“ Lukas zögerte. Dieser Professor hätte doch sicher kein Verständnis für einen politischen Übeltäter, warf er ein. „Versuchen solltest du es. Dein Vater hat ihn als außergewöhnlich klugen Mann geschätzt. Er sei zwar ein hundertprozentig regimetreuer Genosse, aber einer, der sich seine fachliche Überzeugung nicht würde abkaufen lassen. Seine Stelle im Ministerium hat er wohl verloren, weil er sich unsinnigen Beschlüssen nicht gebeugt hat. Und im Krieg war er Offizier. Das würde man ihm noch immer anmerken.“
Lukas bekam noch in der gleichen Woche einen Termin in des Professors Institut in der Semmelweisstraße 4. Im Sekretariat in der zweiten Etage musste er ein paar Minuten warten. Mit dem akademischen Milieu von zu Hause her zwar vertraut, hatte er einen leibhaftigen Professor bisher aber noch nicht kennengelernt. „Das sind Leute mit einem ungeheuren Wissen“, dachte er. „Die kann man mit solchen persönlichen Anliegen doch eigentlich nicht belästigen. Die haben Wichtigeres zu tun.“ Er spürte, wie er unsicher wurde. „War es ein Fehler, Vaters ehemaligen Kollegen damit zu behelligen?“ Da fiel sein Blick auf ein gerahmtes Gedicht von Wilhelm Busch,das neben der Tür zum Chefzimmer hing. Er las:
Schein und Sein
Mein Kind, es sind allhier die Dinge,
Gleichwohl, ob große, ob geringe,
Im wesentlichen so verpackt,
Daßman sie nicht wie Nüsse knackt.
Wie wolltest du dich unterwinden,
Kurzweg die Menschen zu ergründen?
Du kennst sie nur von außenwärts,
Du siehst die Weste, nicht das Herz.
Dass ein solches Gedicht vor der Tür des Professors hing, gefiel ihm. Neben seiner Wissenschaft hatte der offensichtlich Sinn für das Menschliche und dass es Verse von Wilhelm Busch waren, sprach auch für seinen Humor. „Doch gut, dass ich mich bei ihm angemeldet habe“, dachte er und da öffnete sich auch schon die Tür. Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit markant geschnittenem Gesicht und kurzem, gescheiteltem Haar reichte ihm die Hand. „Du bist der Lukas, wir haben uns auf der Beisetzung deines Vaters gesehen. Ihr wohnt also jetzt in Leipzig. Womit kann ich dir helfen?“
Lukas schilderte in knappen Sätzen was sich seit dem Tode seines Vaters ereignet hatte. Als er auf die Gründe für seine Inhaftierung zu sprechen kam, unterbrach ihn der Professor. Mit einer Handbewegung wischte er die Sache gleichsam vom Tisch. „Was tut und was denkt man nicht alles als junger Mann. Das lässt sich in unserer Gesellschaft wieder gerade rücken. Zeig, dass du etwas leisten willst und dann ist das alles bald vergessen. In welche berufliche Richtung willst du denn gehen?“ Als Lukas von seinem ursprünglichen Wunsch sprach, Medizin zu studieren, bekam er zur Antwort: „Dann ist es doch am besten, du beginnst eine Arbeit an unserer Fakultät. Wenn du dich bewährst, kannst du dich für ein Tiermedizinstudium bewerben und nach dem Physikum in die Medizin wechseln. Hier an der Fakultät kann ich dich ein wenig unterstützen.“
Dieser Vorschlag versetzte Lukas in regelrechte Euphorie. Er hätte seine berufliche Entwicklung dann doch wieder selber in der Hand. Auf die Frage, was er jetzt unternehmen solle, um sich für eine Arbeitsstelle an der Fakultät zu bewerben, griff der Professor zum Telefon: „Herr Kollege, sie haben doch eine Stelle als Anatomiegehilfe zu besetzen.“ Und nach einer kurzen Pause: „Gut, dann schicke ich ihnen den jungen Mann runter.“ Zu Lukas gewandt sagte er: „Melde dich in der Anatomie bei Professor Schröder im Erdgeschoss des Hauses. Gibt dir Mühe, ich werde ein Auge auf dich haben. Wenn es Schwierigkeiten geben sollte, melde dich bei mir.“
In Hochstimmung stieg Lukas die breiten steinernen Treppen hinunter. Veterinär-Anatomisches Institut stand auf dem Schild neben einer großen verglasten Tür. Auf sein Klingeln öffnete die Sekretärin, eine dunkelhaarige, streng blickende Frau mittleren Alters. „Haben sie einen Termin?“ „Herr Professor Hussel hat mich bei Herrn Professor Schröder angemeldet.“ „Wird ja immer schöner“, brummte die Sekretärin halblaut. „Jetzt lassen sich die jungen Leute schon durch einen Professor anmelden. Warten sie hier!“ Sie verschwand hinter einer weiteren mit Riffelglas versehenen Tür in einem langen Gang und kam nach wenigen Augenblicken zurück. „Kommen sie“, befahl sie barsch. „Hier ist ihr von Professor Hussel angekündigter Besucher“, rief sie vor einer geöffneten Tür in den Raum hinein.
Lukas trat in einen schmalen, mit einem Schreibtisch und einem Bücherschrank möblierten Raum. Er hatte einen älteren Herrn erwartet, aber dieser Professor war noch jünger als jener, den er eben erst kennengelernt hatte. Anfang dreißig schätzte er. Lukas trug sein Anliegen vor, auch dass Professor Hussel eine Arbeit als Anatomiegehilfe empfohlen hatte, um ihm die Chance auf ein Tiermedizinstudium zu eröffnen. „Gut“, sagte Professor Schröder, „der Chef ist nicht da, aber er wird nichts dagegen haben. Schauen sie sich im Institut um. Sie werden mit Hunden, Katzen, Pferden, Rindern et cetera zu tun bekommen. Die sind aber alle tot. Und es riecht hier auch nicht nach 4711. Sie werden mit Blut, Gedärm und Fäulnis zu tun haben. Wenn sie das aushalten, sind sie unser Mann, dann fangen sie am zweiten Mai bei uns an. Ich übergebe sie jetzt unserem Chefpräparator Rambold. Das wird ihr direkter Vorgesetzter sein. Der führt sie durch ihren künftigen Arbeitsbereich.“
Herr Rambold war ein eher kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren. Sein dunkles Haar trug er straff nach hinten gekämmt mit einem scharf gezogenen Seitenscheitel. Sein Gesichtsausdruck war verschlossen. In einer Hand hielt er einen Gehstock. Lukas war von dem weichen Druck seiner Hand überrascht. Sie fühlte sich an, als hätte sie lange in heißem Wasser gelegen. Der Präparator hatte ein Hüftleiden, das ihm das Gehen sehr erschwerte. Dennoch ging er nicht langsam, sondern bewegte sich auf seinen knarrenden orthopädischen Schuhen mit einer Geschwindigkeit fort, die auch ein Gesunder zügig genannt hätte.
Mit einem kleinen Fahrstuhl ging es in den Keller. Der erste Raum, den Lukas zu sehen bekam, hieß Mazerationsraum. Mit dem Begriff konnte er nichts anfangen. Er sah drei große, mit Gas beheizbare Kessel und zwei gemauerte, mit Fliesen ausgelegte Wasserbecken. Vor dem großen, in einen Garten weisenden Fenster gab es einen langen, sehr stabilen Holztisch, an dem zu Lukas Verwunderung ein Fleischwolf angebracht war. „In diesem Raum werden die abgefleischten Skelette in warmem oder kaltem Wasser mazeriert und gebleicht. Sie werden hier häufig zu tun haben.“
Auf die Frage, was er sich unter dem Mazerieren vorzustellen habe, streifte der Präparator einen Ärmel hoch und griff bis zum Ellenbogen in eines der mit einer schwarzen Brühe gefüllten Wasserbecken. Heraus zog er ein paar stabähnliche, pechschwarze Knochen. „Die sind von einem Pinguin. Nehmen sie die mal in die Hand.“ Ein infernalischer Geruch stieg aus dem aufgerührten Becken auf. Lukas ekelte sich, aber er wollte sich hier keine Blöße geben und fasste zu. „Mazerieren heißt Ablösen des Fleisches, der Sehnen und Bänder vom Knochen. Das geschieht in diesen Kesseln und Wasserbecken. In warmem Wasser geht es schneller, in kaltem faulen die Weichteile nach und nach ab. Das riechen sie ja. Diese Pinguinkochen sind fertig, die müssen nur noch gebleicht werden.“
Die nächste Station war der Präparatekeller, ein Saal von gut 400 Quadratmetern. Hier waren in großen gemauerten Becken innere Organe und Tierkörperteile in Formalinlösung gelagert. Herr Rambold öffnete die Abdeckung eines Beckens und hob ein Bein heraus. Ein stechender Geruch trieb Lukas Tränen in die Augen. „Das ist die Vordergliedmaße von einem Kalb. Hier sind die Nerven des Plexus brachialis präpariert. Die Muskeln sind durch das Formalin fixiert. Versuchen sie mal, die Gelenke zu bewegen, das geht kaum.“ Lukas fasste das Bein mit beiden Händen und versuchte die Gelenke zu bewegen. Es ging fast nicht. Was der „Plexus brachialis“ sei, fragte er nicht, das würde er ja noch früh genug lernen. „Die Kontrolle dieser Becken wird zu ihren Arbeitsaufgaben gehören. Es darf sich kein Schimmelrasen darin bilden. Der muss abgefischt werden und dann wird konzentriertes Formalin dazugegeben.“
Vom Präparatekeller ging es in einen großen, nur schwach beleuchteten Kühlraum. An drei der vier Wände gab es regalartig in zwei Etagen angeordnete, geflieste, nach vorn offene Fächer, in denen dicht an dicht Hundeleichen lagerten. Die Köpfe der größeren Tiere hingen über die Regalkanten herab. Ihre bläulichen Zungen lugten seitwärts aus den Mundspalten hervor. Auf dem Fußboden waren überall getrocknete Blutlachen zu sehen. „Die Hunde verwenden wir im Präparierkurs“, sagte Herr Rambold. „Ihre Aufgabe wird es sein, die Tiere mit dem Lastenaufzug in den Präpariersaal zu bringen und nach dem Kurs wieder hier zu verstauen.“
Jetzt zeige ich ihnen noch den Präpariersaal, der ist im Erdgeschoss. Wir nehmen gleich den Aufzug. Sie traten in eine lichtdurchflutete Halle mit bis an die Decke reichenden breiten Fenstern. Zusätzliche Helligkeit fiel durch drei große in das Flachdach eingebaute Oberlichtfenster. Zwei breite Säulen teilten den langgestreckten Saal in eine vordere und eine hintere Abteilung. Zwischen den Säulen hing an zwei dünnen Ketten eine große Normaluhr von der Decke. Der helle Terrazzofußboden war pieksauber. Die Möblierung des Saales bestand aus einer großen Anzahl exakt aufgereihter, rechteckiger Holztische mit dunklen Terrazzo-Tischplatten. An jedem Tisch standen sechs Metallhocker mit hölzernen Sitzflächen.
„Die Präparierkurse sind immer nachmittags. Im vorderen Teil des Saales arbeiten die Studenten des ersten, im hinteren die des zweiten Studienjahres. Sie halten sich hier vorn auf. Wann immer etwas gebraucht wird, besorgen sie es. Das kann ein neuer Hund sein. Manchmal sind die in der Bauchhöhle schon verfault oder mit Tumoren übersät. Das kann ein neues Bein sein, wenn die Studenten die Nerven zerschnitten haben. Das können Stricke zum Festbinden der Präparate, Lappen zum Blut-Aufwischen oder spezielle Instrumente sein. Es gibt Kurse, da beschäftigen sich die Studenten mit den Formalinpräparaten, die sie unten im Keller gesehen haben. Die legen sie nach Tierarten sortiert auf große Holztabletts. Auch das Auffüllen der Behälter mit Desinfektionslösung ist ihre Aufgabe. Und nach Ende jedes Kurses müssen die Tische und der Fußboden um die Tische tipptopp gereinigt werden. Also alles keine schweren Aufgaben. Der Chef verlangt, dass immer alles sauber und ordentlich ist“, schloss Herr Rambold seine Erklärungen.
Er begleitete Lukas noch bis zum Ausgang. „Sie sind natürlich nicht alleine, es gibt noch einen zweiten Gehilfen, den Herrn Patz. Aber der hat andere Aufgaben als sie. Und dann haben wir noch einen jungen Mann, der zum Präparator ausgebildet wird. Das ist mein Schwiegersohn. Mit dem werden sie viel zusammenarbeiten. Der wird ihnen alles Wichtige zeigen. Na dann bis bald. Auf Wiedersehen Herr Kollege!“
„Das sah ja alles nicht gerade appetitlich aus“, dachte Lukas. „Aber ich werde mich schon daran gewöhnen und sollte hier anfangen. Immerhin bin ich dann an der Universität beschäftigt und das wird meine Chance auf ein Studium sicher verbessern. ‚Herr Kollege’ hatte der Präparator gesagt! Das sagen doch nur Ärzte untereinander. Bis es soweit ist, fließt noch viel Wasser die Pleiße hinunter.“
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Bis zum Beginn seiner Arbeit als Anatomiegehilfe hatte er noch gut drei Wochen Zeit. Dann müsste er der Mutter nicht mehr auf der Tasche liegen. Sein monatliches Gehalt würde 300 Mark betragen. Das war nicht viel, aber seinen Lebensunterhalt würde er damit schon bestreiten können. Und die Mutter arbeitete regelmäßig als Sachbearbeiterin auf den Binnenhandelsmessen. Dazu bekam sie eine Hinterbliebenenrente vom Vater. Finanzielle Sorgen mussten sie sich nicht machen.
In den ersten Tagen nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Torgau hatte Lukas nicht in die Zeitung geschaut. Die Mutter hatte die „Leipziger Volkszeitung“ und das „Sächsische Tageblatt“ abonniert. „Eigentlich reicht mir das Tageblatt. Da wird der politische Quatsch nicht so breitgetreten wie in der Volkszeitung. Aber dort sind meistens die Todesanzeigen. Deshalb nehme ich beide. Die Tagesausgabe kostet ja nur 15 Pfennige und ich brauche das Papier auch zum Anheizen der Öfen. Jetzt nahm Lukas die Zeitungen wieder zur Hand. Nach dem Frühstück blätterte er sie, eine Pfeife rauchend, durch. Die Meldungen waren ermüdend eintönig wie eh und je. „Konzernherren sehen schwarz“, „Große Truppenübung der NVA beendet“, „Schöne Reden sind kein Kampfprogramm“, „Walter Ulbricht grüßt Republik Senegal“ lauteten die Überschriften. Auffällig war, dass sehr viel über die Landwirtschaft geschrieben wurde.
Dass es Versorgungsprobleme mit Kartoffeln gab, hatte er in Torgau direkt mitbekommen. Als Koch der Gefängnisküche hatte er Kartoffeln aus seinem Vorrat als Saatkartoffeln abliefern müssen. „Jetzt die Knollen pflanzen!“ forderte so eine Überschrift auf der Titelseite. Und im Text hieß es: „Wir sind es der Republik schuldig, gewissenhaft den Kartoffelanbau vorzubereiten und möglichst schnell Kartoffeln aus der neuen Ernte auf den Markt zu bringen." Der Leser erfuhr überdies, dass die LPG „Bessere Arbeit" in Holzhausen, Kreis Leipzig-Land, die Sommergerste ausgesät hat und soeben der letzte Hafer gedrillt wird.
„Wem werden denn solche Details aus der Landwirtschaft eigentlich mitgeteilt“, fragte sich Lukas. „Ein Städter kann doch Hafer und Gerste nicht voneinander unterscheiden und wann die in den Boden müssen, weiß er schon gar nicht.“ Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ hatte am 27. März, dem Tag seiner Haftentlassung, dem Thema Pflanzkartoffeln einen Beitrag gewidmet. Stellvertretend für alle Säumigen wurde dort die Gemeinde Uenze im Kreis Perleberg gerügt. Der Rat der Gemeinde, die Gemeindevertretung und die Ständige Kommission für Landwirtschaft hätten den „Kampf um die noch fehlenden 500 dt Pflanzkartoffeln“ zu unentschlossen geführt. Inwiefern die Berichte westlicher Medien zutrafen, dass man die Kartoffelkrise durch das Pflanzen halbierter Knollen bewältigen wollte, blieb unklar. Belege für die Richtigkeit dieser Meldungen fand Lukas in den Zeitungen nicht.
Dagegen trafen westliche Berichte zu, dass es Schwierigkeiten gab, die DDR-Bevölkerung mit ausreichend Butter zu versorgen. Seit einiger Zeit war wieder eine Rationierung eingeführt worden, die 250 Gramm pro Kopf und Woche vorsah. Die Kunden mussten sich in einem Geschäft ihrer Wahl als „Butterkunden“ anmelden und dort wurde ihr Verbrauch registriert. Eigentlich hätte es dieses Problem gar nicht geben dürfen. Mehr als ein Stück Butter pro Woche brauchte man ja eigentlich nicht. In der DDR wurde aber mehr Butter gegessen als in Westdeutschland. Dort lag der Jahresverbrauch pro Person bei 8,3 kg, in der DDR dagegen bei 13 kg. Und das waren pro Kopf und Woche genau 250 Gramm. Eine weitere Steigerung musste vermieden werden.
Ein hoher Butterverbrauch galt in der propagandistischen Auseinandersetzung mit dem Westen durchaus als ein Zeichen für hohen Lebensstandard. In Wahrheit hatte er aber ganz andere Ursachen. Der notorische Mangel an industriellen Konsumgütern erzeugte einen ständigen Kaufkraftüberhang. Das Geld, das man nicht für Fernsehgeräte, Kühlschränke, Waschmaschinen oder Autos ausgeben konnte, landete dann eben auf dem Esstisch. Und da es weitgehend an Obst und Gemüse fehlte, wurden vermehrt Fleisch und Butter gegessen.
In den Medien beider deutscher Staaten war im Frühjahr 1962 von einem Appell zu hören und zu lesen, den der Wirtschaftsminister der Bundesrepublik, Ludwig Erhard, am 21. März über den Rundfunk und das Fernsehen an die Bevölkerung gerichtet hatte. Die Botschaft des Professors mit der dicken Zigarre und Vaters des westdeutschen Wirtschaftswunders lautete: „Maß halten!“ Kern des Appells war Erhards Warnung, die Lohnkosten würden der wirtschaftlichen Leistungssteigerung davoneilen und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes gefährden. Der Minister belegte seine Warnung mit eindeutigen Zahlen. Die Einkommen der Arbeitnehmer hatten sich im Jahr 1961 um satte 10,1 Prozent erhöht, während die Arbeitsproduktivität nur um 5 Prozent gestiegen war. Für den Maßhalteappell Ehrhards gab es von vielen Seiten Zustimmung. Für die Gewerkschaften waren die kräftigen Lohnerhöhungen allerdings nur der Ausdruck einer gerechtfertigten Umverteilung des Wohlstandes.
Die Zeitungen der DDR reagierten auf des westdeutschen Ministers Mahnung mit lang anhaltender Polemik. „Vizekanzler Erhard jammert über düstere Zukunft für Bonn - Neue unverschämte Angriffe gegen die westdeutschen Arbeiter“ leitete das Neue Deutschland am 23. März die Propagandakampagne ein. „Nazi-Bankier und Adenauer-Berater Pferdmenges“ steuere den Angriff auf die Arbeiter hieß es einen Tag später. Während Arbeiter oft eine 70-Stunden-Woche hätten, besäße Alfried Krupp neben seiner Villa Hügel ein privates Düsenflugzeug und finde seine geschiedene Frau jährlich mit Millionensummen ab, erfuhren die Leser am 3. April. Und so ging es noch wochenlang weiter. „Dass der Krupp ein Düsenflugzeug besitzt ist mir egal“, dachte Lukas. „Und sehr vielen Menschen auf der östlichen Seite der Mauer offenbar auch. Sonst hätte man sie ja nicht einmauern müssen. Ich würde lieber heute als morgen rübergehen.“
Kommentare, wie der vom 26. März in Karl-Eduard von Schnitzlers Propagandasendung „Der Schwarze Kanal“, schreckten in der zynischen Art seines Vortrags eher ab, als dass sie überzeugten. „Der gute Professor, ‚Vater des Wirtschaftswunders’! Kopfscheu ist er geworden. Eben noch die optimistische Zigarre und das ‚Alles-ist-gut-Lächeln’ und ‚keine Experimente’ – und nun Warnungen, Schreckschüsse, Kassandra-Rufe...“, leitete der Chefkommentator des Adlershofer Deutschen Fernsehfunks mit seinem notorisch angewidertem Gesichtsausdruck seine Suada ein. Mit ewig hasserfüllter Polemik beraubte sich der intelligente und überaus wortgewandte Schnitzler selbst jeglicher Wirkung. Sudelede hatte ihn der Kommentator des Senders Freies Berlin, Günther Lincke, 1961 getauft. Dieser Name haftete ihm bis zu seiner letzten, der 1519. Folge des Schwarzen Kanals am 30. Oktober 1989 an. Ludwig Erhards Credo vom Maß-Halten überdauerte sogar die Ära Schnitzler. Es bestimmte nicht nur seine spätere Kanzlerschaft, es wurde, wie auch sein Buchtitel „Wohlstand für Alle“ aus dem Jahre 1957, zu einem quer durch das ganze politische Spektrum bis heute gebrauchten geflügelten Wort.
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Die ersten zwei Wochen nach seiner Entlassung hatte Lukas ein wenig vertrödelt. In dem Gefühl, nach den anderthalb Jahren im Gefängnis ein wenig in den Tag hinein leben zu dürfen, hatte er seine Großmutter auf Spaziergängen mit ihrem Dackel durch das Rosental begleitet, seine Kameraden aus der Stasi-Untersuchungshaft und der Torgauer Gefängnisküche, die inzwischen auch entlassen waren, zu Hause besucht, lange Radtouren in die Leipziger Umgebung unternommen. Mehrere Male war er im Kino und im Theater gewesen. Jetzt stand Ostern vor der Tür. Danach blieb nur noch eine Woche bis zum Beginn seiner Arbeit mit Hundeleichen, mazerierten Skeletten und formalinfixierten Organen im düsteren Anatomiekeller.
Auf jeden Fall musste er zuvor noch nach Bernburg fahren, um mit den Mietern im großelterlichen Haus über deren Wünsche nach Reparaturen in ihren Wohnungen zu sprechen. Er schrieb einen Brief an Margit, in dem er den Grund für sein plötzliches Verschwinden und sein langes Schweigen andeutete. Näheres würde er ihr erzählen, wenn sie sich, wie immer, im Café Schilling in der Lindenstraße träfen. Sein Brief kam nach ein paar Tagen als unzustellbar gekennzeichnet zurück. Was bedeutete das? War Margit mit ihren Eltern nur umgezogen, hätte man seinen Brief doch nachgesandt, oder war der Umzug schon zu lange her? Aber von der Absicht ihrer Eltern, eine andere Wohnung zu suchen oder gar in eine andere Stadt zu ziehen, hatte Margit damals kein Wort gesagt. Wohl aber hatte sie angedeutet, dass auch in ihrer Familie der Gedanke, nach dem Westen zu gehen, da war. „Vielleicht haben sie rechtzeitig erkannt, dass die politische Zuspitzung um die Zukunft West-Berlins mit dessen Abriegelung enden wird und sind rechtzeitig abgehauen“ sagte sich Lukas. „Sollte das nach Katja und Birgit das dritte Mädchen sein, von dem ich durch die elenden politischen Verhältnisse in diesem Land getrennt werde? Und jetzt ist auch noch die Grenze dicht. Keine der drei werde ich je wiedersehen.“
Auf der Bahnfahrt nach Bernburg stiegen die Erinnerungen an ungezählte Ferienbesuche bei den Großeltern in ihm auf. Wie damals musste er in Könnern umsteigen. Und auch heute war er auf den letzten 20 Kilometern allein im Abteil. Bebitz, Baalberge, Friedenshall die Stationen. Aus dem Zugfenster der Blick auf den Turm der Martinskirche. Nur würde diesmal, anders als in seinen Kinderjahren, kein Großvater auf ihn warten, der ihm die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Na dann komm mein Junge, Mutter wartet schon.“ Der Weg durch die Bahnhofstraße kam ihm so fremd vor, als wäre er ihn vor Urzeiten das letzte Mal gegangen. Die schöne Parkanlage, das sowjetischen Ehrenmal, die winterlich kahle Kastanienallee der Parkstraße, Großvaters Fabrik auf der anderen Straßenseite all das nahm er kaum wahr.
Je näher er dem Haus der Großeltern kam, umso mehr wuchs in ihm ein Gefühl der Beklemmung. Als er das letzte Mal hier war, hatte er am Sterbebett seines Großvaters gestanden. Wenige Tage später war er verhaftet worden. An der Beerdigung des wichtigsten Ratgebers, Lehrers und Vorbildes seiner Kinder- und Jugendjahre hatte er nicht teilnehmen können. Und jetzt musste er über die Zukunft dieses Hauses entscheiden. Konnte er es für die Familie erhalten? War es denkbar, dass er eines Tages darin wohnen würde?
Frau Altmann, die als Untermietern schon mehrere Jahre im Haus der Großeltern wohnte, empfing ihn sehr herzlich. Sie hatte inzwischen ihren langjährigen Lebensgefährten geheiratet und hieß jetzt Frau Pfitzer. Neben Frau Altmanns früherem Wohnzimmer war dem Paar auch Großvaters Arbeitszimmer und das Gästezimmer zugewiesen worden. Sie bewohnten jetzt die gesamte obere Etage. In die untere Etage hatte das Wohnungsamt eine weitere Familie einquartiert. Die Miete für jede Etage, einschließlich Nutzung des Gartens, war vom Amt auf 40 Mark im Monat festgelegt worden.
Pfitzers luden Lukas zum Kaffee ein. Man tauschte Erinnerungen aus. Seine Gastgeber kannten ihn seit seinen Kindertagen. Man ging beinahe familiär miteinander um. Der Junge hatte auf Herrn Pfitzers Moped seinen ersten motorisierten Ausflug unternommen. Natürlich fragten sie ihn eingehend nach seinen Erlebnissen im Gefängnis. Frau Pfitzer wunderte sich, dass Lukas darüber fast heiter berichtete. „Das muss doch schrecklich für Euch gewesen sein, ihr wart doch gerade mal 16 Jahre alt!“ „Für die Älteren war es viel schlimmer“, antwortete er. „Dass sie uns eingesperrt haben, hat uns in der Ablehnung des Systems eher bestärkt. Und bis zum Mauerbau hofften wir, gleich nach der Entlassung rübergehen zu können. Die Schwierigkeiten fangen erst jetzt richtig an. Ich habe nichts weiter als einen Abschluss der zehnten Klasse, eine Lehrstelle bekomme ich auch nicht.“
Auf den eigentlichen Anlass seines Besuches kommend, stellte Lukas die Frage, ob sie denn im Haus wohnen bleiben möchten. Das täten sie selbstverständlich sehr gern, antwortete Herr Pfitzer, aber ein Problem sei die Heizung. Da müsse etwas getan werden. Am besten man ersetzte die kleinen Kohleöfen durch große Berliner Öfen. Und der Linoleumbelag in der Küche und im Bad müsste erneuert werden. Eine Reparatur an den Dachrinnen und Fallrohren stehe bald an. Auch der Verputz des Hauses müsste in den nächsten Jahren erneuert werden. Den Wunsch nach Berliner Kachelöfen äußerte auch die Familie, die das Erdgeschoss des Hauses bewohnte. „Ich muss sehen, ob ich das alles finanzieren kann“, erklärte Lukas. „Wenn nicht, muss ich über einen Verkauf des Hauses nachdenken.“ Frau Pfitzer erschrak: „Um Gottes Willen, daran wollen wir nicht Schuld sein, lieber schieben sie die Reparaturen etwas hinaus.“
Lukas’ erster Arbeitstag als Gehilfe im Veterinär-Anatomischen Institut war der 2. Mai, ein Mittwoch. Es brauchte nur wenige Tage, da hatte er seinen anfänglichen Schauder vor Tierleichen, deren Innereien, Blut, formalinfixierten Körperteilen und Organen überwunden. Sein Gehilfenkollege Walter Patz war ein freundlicher und immer zu Späßen aufgelegter alter Herr, der ihm mit größter Offenheit auch seine politische Einstellung offenbarte. „Ich bin der Walter aus Gohlis. Wir kommen bestimmt gut miteinander aus. Mit dem anderen Leipziger Walter, dem Ulbricht, haben sie ja schon ihre Erfahrungen gemacht. Mit dem bin ich zusammen zur Schule gegangen. Später war der mit einem Tafelwagen in Leipzig unterwegs, von dem herunter er Gemüse verkauft hat. So eine Art Marktschreier ist der gewesen. Der kann doch keinen Staat führen.“ „Offenbar weiß man hier schon Bescheid über meine Vorgeschichte“, sagte sich Lukas.
Mit großem Vergnügen erzählte Patz Witze über den Ersten Sekretär des Zentralkomitees: „Der Walter besucht einen großen Betrieb. Er will Kontakt zu den Werktätigen gewinnen. Man führt ihn und sein Gefolge durch die einzelnen Abteilungen. Einen Mann in graublauem Kittel spricht er an: ‚Nu, Kollege, das sieht ja alles recht ordentlich aus, die Maschinen blitzblank, so werdet ihr den Plan ganz sicher übererfüllen. Was sind sie denn hier, welche Funktion haben sie?’ ‚Ich bin Meister, Genosse Erster Sekretär.’ ‚So, na dann ernenne ich sie hiermit zum Obermeister.’ Die Gruppe geht weiter, Ulbrichts Blick fällt auf einen Mann im weißen Kittel. ‚Nu, und was sind sie hier im Betrieb?’ ‚Ich bin Ingenieur, Genosse Erster Sekretär.’ ‚Aha, sehr schön. Ich habe gehört, sie haben im letzten Jahr den Plan um 10 Prozent übererfüllt. Dafür ernenne ich sie zum Oberingenieur.’ Als sich die Besuchergruppe schon wieder auf ihre Wagenkolonne zubewegt, sieht Ulbricht einen alten Mann, der den Hof fegt. Er geht auf ihn zu und fragt: ‚Nu, und was sind sie?’ ‚Ich bin Schlesier’, antwortet der. ‚So, ich sehe, sie machen ihre Arbeit gut. Sauberkeit ist die erste Voraussetzung für die Planerfüllung. Hiermit ernenne ich sie zum Oberschlesier’.“
Dass das Erzählen derartige Witze über Ulbricht nach § 20 des Strafrechtsergänzungsgesetzes für politische Straftaten von 1957 als Staatsverleumdung verfolgt werden konnte, wusste Lukas nur zu gut. Umso mehr freute er sich über den Vertrauensbeweis, den sein Kollege ihm mit seiner Offenheit entgegenbrachte.
Zu Walter Patz Aufgaben gehörte es, die Vorlesungen technisch vorzubereiten. Für Professor Schwarze, den Direktor des Instituts, der wegen seiner leisen Vortragsweise von den Studenten das „Sandmännchen“ genannt wurde, musste hinter dem Pult eine Art Barhocker aufgestellt werden. Eine Vorlesungsstunde dauerte 45 Minuten und der alte Herr war nicht mehr imstande, so lange zu stehen. Und auf einen gewöhnlichen Stuhl konnte er sich nicht setzen, dann hätte man ihn hinter dem Pult nicht gesehen. Doppelstunden zu halten, kam für ihn gar nicht infrage. Da für den Unterricht in Anatomie vom ersten bis zum vierten Semester eine große Anzahl von Lehrstunden vorgesehen war, musste er täglich eine Vorlesung halten. Dafür hatte er sich die Zeit von elf bis zwölf Uhr reservieren lassen. Der Professor war offenbar kein Morgenmensch. Seine Frau brachte ihn täglich gegen zehn Uhr mit dem Auto, einem „Wartburg“, zum Institut.
In der viertelstündigen Pause zwischen der vorangegangenen und der nun folgenden Vorlesung in Anatomie wischte Patz die Wandtafel sauber, füllte, wenn nötig, den Kasten mit farbiger Tafelkreide nach und hing die Karten mit gezeichneten Darstellungen zum behandelten Thema auf. Welche der unzähligen anatomischen Abbildungen in der Stunde gezeigt werden sollten, schrieb der Professor auf einen Zettel, den er dem Gehilfen durch die Sekretärin übergeben ließ. Die Karten waren in einem eigenen Raum hinter dem Hörsaal untergebracht. Sie wurden in aufgerollter und mit je zwei schwarzen Bändchen verschnürter Form in Wandschränken gelagert. Zu beiden Seiten der Wandtafel gab es im Hörsaal je drei kulissenartig angeordnete Aufzüge. Die Karten hängte der Gehilfe an horizontale, mit Häkchen versehene Metallstangen. Je nach Größe passten zwei bis drei Karten nebeneinander. Mit einer Handkurbel wurden sie nach oben gezogen. Auf diese Weise war es möglich, unter Nutzung aller drei Aufzüge auf jeder Seite der Tafel sechs oder mehr Hörsaaltafeln zu zeigen.
Für Walter Patz war die Vorbereitung der Vorlesung aber nicht nur ein nüchterne Abfolge von immer wiederkehrenden Handgriffen. Er machte aus seiner Aufgabe ein regelrechtes Spektakel. In seiner Gehilfenuniform, blauer Kittel und Gummistiefel, stürmte er, ein paar Brocken Französisch rufend, in den Saal. „Mesdames et Messieurs, Qu’est-ce que c’est? Parlez vous francais?“ An diese Auftritte schon gewöhnt begrüßten ihn die Studenten oft mit tobendem Applaus, der seine schauspielerische Leidenschaft noch forcierte. Neben „Liberté, Égalité, Fraternité“ und „Moulin rouge“ kam regelmäßig das Wort „Franc-tireurs“ vor, das Lukas, mit dem Französischen durch den Schulunterricht zwar ein wenig vertraut, nicht kannte. „Das waren die Heckenschützen der Franzmänner, die uns im Ersten Weltkrieg zugesetzt haben“, erklärte ihm Herr Patz einmal auf seine Nachfrage.
Die Zuständigkeit für die Vorbereitung der Vorlesungen wollte Walter Patz mit niemandem teilen. Neben der Ehre, unmittelbar für den Chef tätig sein zu dürfen, hatte er daran ein kleines privatwirtschaftliches Interesse. Er betrieb einen Handel mit gebrauchten Lehrbüchern. Studenten, die sich nach dem Vorphysikum oder dem Physikum von ihren nicht mehr benötigten Fachbüchern trennen wollten, gaben sie ihm in Kommission. Selbst die ältesten Ausgaben pries er an als Fundgruben des Wissens auf dem Weg zum Erfolg. „Kaufen sie diesen ‚Remsen, Reihlen, Rinäcker’ und die Rätsel der Chemie fallen ihnen wie Schuppen von den Augen. Vom Sauerstoff bis zur organischen Chemie lernen sie alles und wissen am Ende mehr als ihr Prüfer.
Keiner muss mehr Angst haben vor Professor Sterbas Zoologie, wenn er diesen erstklassig erhaltenen ‚Leitfaden der Anatomie der Wirbeltiere’ sein eigen nennen darf. Kämpfe, Kittel, Klapperstück sind die Autoren. Namen die für Qualität bürgen. Denen und natürlich ganz besonders mir werden sie ewig dankbar sein, wenn sie jetzt zuschlagen. Und für diejenigen unter ihnen, die selber Professoren werden wollen, etwas ganz besonderes: Der ‚Strasburger’, das Lehrbuch der Botanik für Hochschulen, auch das Viermännerbuch genannt, weil vier Herren daran geschrieben haben. Das gibt es schon seit Kaisers Zeiten. Dies hier ist die brandneue 27. Auflage von 1958, im Westen erschienen. Mit dem kommen auch sie ganz groß heraus!“
Natürlich gelang es Patz nicht, alle Bücher an den Mann zu bringen. Und so sammelten sich über die Jahre mehr und mehr inzwischen hoffnungslos veraltete Werke an, die er in allen möglichen Ecken und Winkeln des Instituts verstaute. Noch Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst wurden immer mal wieder versteckte Bücherdepots entdeckt.
Die hergestellte Vorlesungsbereitschaft war Professor Schwarze persönlich zu melden. Walter Patz hatte daher die Erlaubnis, die Glastür zum „Chefgang“ eigenständig zu öffnen, um ihn zu seiner Lehrveranstaltung abzuholen. Dieser Gang durfte ansonsten nur von den beiden Professoren, dem Oberassistenten und von Frau Kaltofen, der Institutssekretärin, betreten werden. Das Sekretariat befand sich hinter einer ersten gläsernen Tür, die keine Klinke besaß. Besucher hatten zu klingeln. Die Mitarbeiter besaßen zwar alle einen Schlüssel, einen sogenannten Passepartout, mit dem sich alle Türen des Hauses öffnen ließen, die erste oder gar die zweite Glastür jedoch waren tabu. Keiner hätte es gewagt, sich von Frau Kaltofen beim unbefugten Betreten des Chefganges erwischen zu lassen.
Das Arbeitszimmer von Professor Schwarze lag ganz am Ende des Ganges. Walter Patz schlurfte nach hinten und hinterließ zum Verdruss von Frau Kaltofen schwarze Schleifspuren von seinen Gummistiefeln auf dem Linoleum. „Dass der Patz seine Latschen nicht anheben kann!“, stöhnte sie jedes Mal. Da der Chef schwerhörig war, musste man laut, am besten mit der Faust, an seiner Tür klopfen. Gewöhnlich ertönte dennoch kein „Herein!“. Es blieb nichts übrig, als die Tür unaufgefordert zu öffnen. „Herr Professor, es ist alles bereit, wir können zur Vorlesung gehen“, rief der 69jährige Gehilfe dann dem nur wenig jüngeren Professor zu. Unsicheren Schrittes bewegte sich Professor Schwarze im Schlepptau seines Adlatus zum Hörsaal. An der Tür nahm Patz stramme Haltung an und blieb stehen, bis der Chef das Pult erreichte, auf dem Barhocker Platz nahm und zu reden anhob.
Wenn Professor Schröder eine Stunde hielt, entfiel die Meldung über die Vorlesungsbereitschaft. Er wollte nicht vom Gehilfen abgeholt werden. Allerdings gab es bei ihm regelmäßig ein Problem, das die schwarzen Bändchen betraf, welche die aufgerollten Hörsaalkarten zusammenhielten. Der junge Professor wollte nicht, dass diese etwa 20 Zentimeter langen Bänder vorn, vom oberen Kartenrand, an dem sie befestigt waren, ins Bild herabhingen. Obwohl schon unzählige Male darauf hingewiesen, vergaß Walter Patz immer wieder, darauf achtzugeben. Professor Schröder nahm dann den rechts von der Tafel stehenden langen Bambus-Zeichenstock und versuchte die Bändchen über den Rand nach hinten zu schnippen. Bei den besonders hoch hängenden Karten gelang ihm das kaum und es war zu spüren, wie seine ansonsten stets heitere Grundstimmung in Zorn umzuschlagen drohte. Seinem Vortrag war dann aber keine Spur von Ungehaltenheit mehr anzumerken. Doch nach dem Ende der Vorlesung knurrte er den Gehilfen an: „Die Bändchen haben wieder vorne runtergehangen!“ Der bekam einen roten Kopf und versprach Besserung. In der nächsten Vorlesung hingen die Bändchen – vorn.
*
Lukas hatte sich schnell an die wiedererlangte Freiheit gewöhnt. Erinnerungen an die Zeit der Haft stellten sich kaum noch von selber ein. Bald wurde er auch nicht mehr darauf angesprochen und das war ihm recht. Er freundete sich mit Jens und Robert, zwei etwa gleichaltrigen Jungen, an. Jens wohnte im selben Haus, Robert im Gartengebäude auf dem gleichen Grundstück. An Samstagnachmittagen und sonntags fuhren sie bei schönem Wetter gemeinsam mit den Rädern zum Baden im Elster-Saale-Kanal. Manchmal spielten sie auch zusammen Skat. Mit dem quirligen Jens streifte er öfter durch die abendliche Großstadt. Sie hielten Ausschau nach Mädchen und träumten von Dingen, die sie sich von der Zukunft erhofften. Diese Zukunft lag für Jens erklärtermaßen im Westen.
Eines Tages kam er mit einem überraschenden Vorschlag: „Ich weiß, auf welchem Weg man noch immer nach drüben kommt. Wollen wir zusammen gehen?“ Lukas war elektrisiert. „Aber Berlin ist doch dicht. Wie sollen wir denn über die Mauer kommen. Da wird doch sofort geschossen.“ „Nein, der Weg führt auch nicht über Berlin, sondern über die Zonengrenze im Harz. Ich habe gehört, dass dort, wo Stromleitungen die Grenze überqueren, keine Minen verlegt sind. Wenn wir uns vorsichtig anpirschen und beobachten, in welchem Rhythmus die Posten patrouillieren, müsste es klappen. Dort gibt es ja nur einen Zaun und durch den kommen wir mit einem Bolzenschneider. Überleg es dir. Lange will ich nicht warten. Ich gehe auf jeden Fall. Ich will Goldschmied werden und den Beruf kannst du hier im Osten vergessen.“
Jens’ Vorschlag versetzte Lukas in äußerste Unruhe. Da war sie plötzlich, die Chance doch noch nach drüben zu kommen. Er würde dort sein Abitur machen und Medizin studieren können. Er würde in dem Deutschland leben, zu dem er sich hingezogen fühlte und dessen politische Ordnung schon allein durch die Millionen von Flüchtlingen aus der DDR als die bessere legitimiert war. Er hätte die Chance, die verlorenen Schulfreunde wiederzufinden. Er würde nach Katja, Birgit und Margit suchen können. Sein Onkel Heinz in Hamburg hatte ihm wiederholt zugesagt, dass er jederzeit willkommen sei.
Es gab es aber auch gewichtige Gründe gegen einen Fluchtversuch. Er würde der Mutter, die unter seiner Inhaftierung am meisten gelitten hatte, erneut großen Kummer bereiten. Gelänge die Flucht, könnte er für eine unabsehbar lange Zeit nicht mehr nach Leipzig kommen. Sie würden sich vielleicht nie mehr wiedersehen. Würden sie an der Grenze geschnappt, käme er wieder in Haft. Und da er eben erst entlassen worden war, drohte ihm eine besonders harte Bestrafung als politischer Wiederholungstäter. Die Höchststrafe von drei Jahren nach § 8 des Passgesetzes von 1954 wäre ihm dann sicher. Schließlich könnte die Sache auch tödlich enden. An der Berliner Mauer hatte es ja schon Tote gegeben. Lukas verbrachte eine schlaflose Nacht. Hatte er sich in der Finsternis schließlich dazu durchgerungen, die Sache zu wagen, rückte er im Licht des neuen Morgens von dem Plan ab. „Ich kann das der Mutter nicht antun. Die Großmutter ist schon 74 Jahre alt. Wenn sie nicht mehr ist, wäre die Mutter hier ganz allein. Ich muss es hier schaffen!“
„Schade, zu zweit wäre es einfacher“, bedauerte Jens die Absage. „Ich schreibe dir, wenn ich drüben bin.“ „Ich drück dir die Daumen, lass dich nicht erwischen. Vielleicht komme ich später nach.“ Lukas hoffte, dass Jens’ Flucht gut geht. „Wenn sie ihn kriegen, quetschen sie aus ihm heraus, wer von der Flucht wusste. Dann bin ich auch dran wegen Mitwisserschaft.“ Dabei dachte er an Helmut, den er in der Stasi-Untersuchungshaft kennengelernt hatte. Er und seine schwangere Frau waren wegen Nichtanzeige einer nur beabsichtigten Republikflucht verhaftet worden. Zwei Wochen nach Jens Verschwinden erhielt Lukas eine Postkarte aus Idar-Oberstein: „Herzliche Grüße von einem Ausflug in die Stadt der Goldschmiede und Edelsteinschleifer. Ich beginne bald meine Ausbildung. Jens.“
Da Jens nicht mehr da war, fehlte ihnen für das Skatspiel der dritte Mann. „Die Karin kann doch Skat spielen. Ich frage sie mal, ob sie Lust hat“, schlug Robert vor. „Wir können abends bei uns in der Gartenlaube spielen. Da gibt es elektrisches Licht.“ Karin war ein hübsches blondes Mädchen, das Lukas, obwohl sie im selben Haus wohnten, nur vom Sehen kannte. Sie war stets schick und erkennbar westlich gekleidet. Ihre Figur lud einen jungen Mann zum Träumen ein. Sie schien die gleichaltrigen Jungen kaum zur Kenntnis zu nehmen und Lukas kam es nicht in den Sinn, sich um ihre Bekanntschaft zu bemühen. „Da hast du sowieso keine Chancen“, sagte er sich.
Zu Lukas’ Erstaunen ging sie sofort auf Roberts Vorschlag ein und bald gab es regelmäßige Skatabende in dem kleinen Gartenhäuschen von Roberts Eltern. Die Jungen hatten bisher beim Kartenspiel selbstverständlich Bier getrunken. Dass Karin das Weintrinken in die Skatrunde einführte war zwar ein Stilbruch, aber die beiden jungen Männer fügten sich dem Wunsch der attraktiven jungen Frau ohne Widerspruch. So stand jetzt statt einiger Flaschen „Sternburg hell“ bulgarischer Weißwein der Sorte „Dimiat“ zu 3,95 DM oder, allerdings seltener, da schwerer zu beschaffen, ungarischer „Lindenblättriger“ zur Kühlung im Wassereimer. Lukas hatte bald Feuer gefangen und hoffte auf eine Gelegenheit, Karin näher zu kommen. Ihre Blicke schienen etwas zu versprechen. Seine Enttäuschung, Margit in Bernburg nicht mehr gefunden zu haben, war vergessen.
Nach dem Spiel hatten Lukas und Karin den gleichen Weg aus Roberts Gartenlaube zu ihrem Wohnhaus. Es waren nur ein paar Schritte über den dunklen Hof zum Hintereingang und die Treppe hinauf. Die Dunkelheit des Hofes für einen Annäherungsversuch zu nutzen schien ihm zu pennälerhaft. Aber wie sollte er es anstellen? Im Umgang mit Mädchen fehlten ihm seit dem Schäferstündchen mit Margit am Ufer der Saale fast zwei Jahre. Inzwischen war er achtzehn. Es war also höchste Zeit. Er musste nur mit Karin allein sein, das Weitere würde sich schon ergeben. „Hast du noch eine Zigarette“, fragte er sie, als sie in einer warmen Frühsommernacht wieder einmal auf ihrem kurzen Heimweg waren. Er hoffte, mit ihr noch einen nächtlichen Spaziergang durchs nahe gelegene Rosental machen zu können. „Nein, aber in der Wohnung habe ich welche, komm doch mit rein, da können wir noch eine rauchen.“
In der Wohnung war es still. Entweder war niemand zu Hause oder Karins Mutter schlief schon. Sie setzten sich auf ein weiches Polstersofa. Karin hatte das Radio angestellt. Es ertönte das „Bum, Bom, Bu-Bu-Bom“ des Deutschen Soldatensenders 935, der mit seinen populären Musiktiteln besonders die jungen Hörer ansprach. Auf dem Tisch lag eine orangegelbe Zigarettenschachtel einer Marke, die Lukas nicht kannte. Dass es sich um Westzigaretten handelte war der Schachtel auf den ersten Blick anzusehen. „Die ‚Senoussi’ ist die Lieblingszigarette meiner Mutter.“ Lukas erfuhr, dass ein Bruder Karins im Westen lebte. Sie sprachen über Jens’ erfolgreiche Flucht und Lukas erzählte, dass er beinahe mit dabei gewesen wäre. Das Gespräch kam auf ihre Erinnerungen an Aufenthalte in West-Berlin. Lukas schilderte den Besuch im Flüchtlingslager Marienfelde, den er 1960 bei seinem Zelturlaub mit Rüdiger in Caputh an der Havel unternommen hatte.
Mit „Zelten“ war das richtige Stichwort gefunden. Es stellte sich heraus, dass Karin eigene Erfahrungen mit dieser inzwischen auch in der DDR schon „Camping“ genannten Form des Urlaubs hatte. „Ich war schon zweimal mit dem Zelt in Dranske an der Ostsee. Das war ganz wunderbar. Es gibt keinen geregelten Tagesablauf, man kann da tun und lassen, was man will, so richtig ausschlafen und dann an den Strand, ganz spät zu Bett, die halbe Nacht quatschen, etwas trinken, rauchen, herrlich!“
Lukas griff ihre Begeisterung auf: „Wie wäre es denn, wenn wir dieses Jahr zusammen nach Caputh fahren?“ Karin schaute ihn mit einem kleinen Lächeln an. „Ich denke, dass meine Mutter etwas dagegen hätte. An der Ostsee war ich mit zwei Freundinnen. Nur wir zwei, das wird nicht gehen.“ „Dann fahren wir eben zu viert. Robert und seine Schwester würden doch bestimmt mitkommen“, schlug Lukas vor. Karin war einverstanden, die beiden zu fragen. Er wollte die Idee noch weiter ausschmücken, da hörte er, wie der Radiosprecher die Zeit ansagte. Es war schon ein Uhr in der Nacht.
