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"Lukas - Im Prinzip ja" ist der dritte Band einer Erzählung der deutschen Geschichte zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Untergang der DDR. Der Leser erlebt sie aus der Sicht eines 1943 Geborenen. Der erste und der zweite Band sind unter den Titeln "Lukas - Eine deutsche Erzählung" und "Lukas - Eines schönen Tages" im Self-Publishing Verlag Twentysix erschienen. Der vorliegende Band beginnt im Jahr 1971 mit dem Eintritt des Protagonisten als junger Assistent in ein Leipziger Universitätsinstitut und endet am 9. Oktober 1989, dem Tag der großen Leipziger Montagsdemonstration, die das Ende der DDR einläutet. Der Leser erhält Innenansichten einer sozialistischen Hochschule, erlebt mit Lukas den akademischen Arbeitsalltag, das Wirken gesellschaftlicher Organisationen und der Partei. Er folgt ihm durch den DDR-Alltag und erfährt, wie die Bewohner des Landes Diktatur und Mangelwirtschaft bestehen, trotz allem ihr richtiges Leben im falschen organisieren und sich am Ende in der Friedlichen Revolution befreien. Parallel zum individuellen Erleben beschreibt der Erzähler die verschlungenen Pfade deutsch-deutscher Politik, die großen weltpolitischen Ereignisse und ihren Einfluss auf sein Denken und Fühlen. Neben vielem anderen ist der Leser dabei als das MfS einen Bundeskanzler vor der Abwahl rettet, Erich Honecker Walter Ulbricht stürzt, die RAF mordet, ein polnischer Papst gewählt wird, Helmut Schmidt Güstrow, Erich Honecker Bonn, Ronald Reagan Berlin besucht, die Welt 1983 nur 28 Minuten vor dem Untergang steht, Michail Gorbatschow ein Neues Denken fordert, die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen siegt.
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Seitenzahl: 976
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra
Mit ganzer Kraft; Reform und Hausverbot; Fünf auf einen Streich; Das war nischt; Gibt’s irgendwas?; Chemie ist abgestiegen; Freie Fahrt für den Transit; Das aufgenötigte Akronym; Eis an den Wänden
Wie wächst ein Schwein?; Zinkers Traum; Die Iskra aus Probstheida; Schießen im Kollektiv; Per Urzeugung in den Vorstand; Collage auf rotem Tuch; Kolloquium im Pfeifenrauch
Expropriation der Komplementäre; Das Füllhorn des VIII. Parteitags; Die Connewitzer Mansarde; Das Kohrener Refugium
MfS rettet Bundeskanzler; Butterfly im Kessel; Enterprise im ZDF; Der Radikalenerlass; Ende der Mai-Offensive; Meinhof konkret; Les Humphries und Wodka verdünnt
Thälmann unter Palmen; Dat is mi eengaal; Professor mit Pömpel; Rosendahl, Meyfarth und Wolfermann; Schwarzer Tag im September; Vertrauen unerwünscht; Kontrolle im Gewand von Beratung
Dreierhopp und Schlussweitsprung; Ein Brief zum Vertrag; Ein Hotel wechselt den Namen; Neue Grenzen werden aufgezeigt; Geplantes und nicht Geplantes; Spreewaldgaststätte Bavaria; „agra“ exzessiv; Skribent und Typofix; Souvenir vom Schweinestall
Finnland emanzipiert sich; Hauptsache Durchgucken!; Ein neuer Steuermann; Reimanns Geschwister; Wenn ein Mensch lebt; Kräuterlikör auf der Brust; Ein Heine im Tor; Bahnschwellen in Flammen
Hochstimmung und Berlin-Verbot; Das Staatsoberhaupt stirbt; Stoph – der Mann für alle Fälle; Mediziner in Uniform?; Allende gescheitert; Zwei Feindstaaten in der UNO; Ein Paar Salamander-Schuh; Dreck und Devisen
Der Benzinpreis explodiert; Am Grunde der Moldau; Das „D“ muss weg!; Zehn Pfennig pro Tüte; Ein Anarchistischer Drecksack; Einkaufen erlaubt; Mit 18 volljährig; Sündenpunkte
Ständig vertreten; Des Kanzlers Fahrlässigkeiten; Ein Reservehauptmann übernimmt; Graphikrahmen kontra Schweinestall; Sparwasser... und ... Tor!; Ein Wort der Wahrheit
Wasser im Auto; Einbrecher in Washington; Vertrauensmann in der Anatomie; Akademische Laufbahn in Sicht; Holger Meins und Günter von Drenkmann; 16 Ampere sind zu wenig; Anatomentagung in Binz; Stefan Heym besichtigt den 17. Juni
Schafplazenta und Ferkeltraining; Die Geschichte vom Gasherd; Kreuzberger „Volksgefängnis“ und Terror in Stockholm; Kambodschanisches Drama
Summa cum laude verpasst; Ein getürkter Hammel; Drei Körbe in Helsinki; Der Kran im Schweinestall; Ein verrutschtes „a“; Zum ersten Mal Budapest
Eine Frage der Wahrhaftigkeit; Stützwandelemente zweckentfremdet; Eine kleine Behörde in Salzgitter; Aufbegehren in Südeuropa; Parteitag im Palast
Von Szilvásvárad bis Esztergom; Das Kreuz von Rippicha; Bei 100 überhitzt der Motor
Tragegestell und Schnuffisack; Funkmessstation P15; Ein General befiehlt vier Wochen Urlaub; Flakschießen auf Zingst; Glasmantelgeschosse; Rudi Carrell im Holzkäfig; Fliegende Feuerlöscher
Ein Preußischer Ikarus in Köln; Unerwartete Auflehnung; Hausarrest in Grünheide; Vom Regen in die Jauche?; Exodus wider Willen; Der „Hasen-Satz“
Eine Charta und ein Komitee; Eine Kinderportion auf Hiddensee; Nach Hagen, nicht nach Madras; Rudolf Bahros Alternative
Das große Entrümpeln; Bubak, Ponto und Schleyer; Feuerzauber in Mogadischu; Karl-Heinz-Köpcke in der Kreisleitung; Kaffeesurrogate, fein abgestimmt; Sechs planschende Nackte
Golfstrom in die DDR; Tod eines Kronprinzen; Sechsseitiges Extrablatt; Vierter Halswirbel beschädigt; Rennpappe in Metallic
Ein Häuptling ohne Indianer; Schiffbruch im 8. Jahr; Ein Aneurysma zerreißt, Das Drei-Päpste-Jahr; Braunkohle tiefgefroren; Ohne Devisen im Nachteil
Ein neues Schuhmodell; Umsturz am Persischen Golf; Tod der Großmutter; Ein Porzellanproblem; Das verkohlte Zylinderbüro; Neun auf einen Streich
Zwei Zentner Aluminium; Courths-Mahler mit Fleischsalat; Anna; Appell der 200.000; Der Papst in Polen; Raketenzählen; Filmreife Ballonfahrt; Cruise Missiles contra SS-20; Treppenrutschen; Geiselhaft in Teheran; „Lieber rot als tot!“; Einmarsch zu Weihnachten
Olympia ohne 57; Ein Erdölkrieg; Ein Denkmal in Danzig; Ein Besuch in Wien; Textile Oberfläche veredelt; Eine neue Parteifarbe; Pflastersteine gegen Rekruten; Explosion auf der Theresienwiese; Wie viel kostet ein Lendenfilet?; Gera und Salzgitter
Parteieinfluss gesichert?; Doppelsieg auf dem Masaryk-Ring; Zwei Kuppeln aus Stahlbeton; Der kopierte Heizer; Die ferne Schwester; Toplader ohne Schleudergang; Garnitur mit drei Sesseln; Regler falsch eingestellt; Die schöne Manon und die Sache mit Inge
Pistolenschüsse auf den Papst; Dresdener Fußball-Eklat; Das MfS spielt Weihnachtsmarkt; Hotelbau auf japanisch; Das Neue Gewandhaus
Debüt als Dachdecker; Ein Fenster aus Thüringen; Hühnerstall zu vermieten; Aufmüpfiger Morgengesang, Dentalinstrumente zweckentfremdet; Don Juan in Weimar
Doktor der Wissenschaften; Röhrchenpusten in Eisenach; Des Glückes Vater; Ein Zustand wie vor Brest-Litowsk; Berliner Appell; Deutscher Sieg in Harrogate; Koalitionsbruch in Bonn; Breschnew stirbt; Schüsse in Klosterfelde
Fünf Ausreisen und ein Flucht; Bis nundr nach Bulgarchen; Benzin nur gegen D-Mark; Noch 300 Kilometer bis Nessebar; Wir kommen aus Deutschland; Eiscreme in Burgas
Korean-Air-Lines-Flug 007; 28 Minuten bis zum Weltuntergang; Archipow hat nein gesagt; Ein Simulierter Ernstfall; Teure Tagebücher; Eine Milliarde fürs Weitermachen
Huhn, inhaliert; Fernsehen seitenverkehrt; Der „Feldherrnhügel“; Als Sekretär in Wartestellung; Juliane und das Brillenetui; Löcher im Auspuff
Fünfzehn Monate Kremlchef; 25.000 im ersten Quartal; Zwei Kirchen und ein Varietétheater; Westbesuche in Ost-Berlin; Besuchsverbot für Honecker; Ein Vertrag über Motoren; Priestermord in Warschau; Tollkühne Verteidigungsinitiative
Pinkeln in Wien; Dorr Geeschner; Vision vom Zelltechnikum; Im Schilfgürtel gescheitert; Bei Laci und Éva; Die Hütte bei Křižanow; Nacktbaden im Riesengebirge; Irrtum beiderseitig
Ein Generalsekretär lässt aufhorchen; Auferstehung mit dem „Freischütz“; Wem gehört Martin Luther? Kennen Sie Paris? Und wieder muss eine Kirche weg; 20.000 sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst; Häber und Naumann
„Der Spiegel“ ist wieder da; Einer flieht in die DDR; Kein Tag zum Feiern; Endlich Hochschullehrer; Cevapcici im Anorak
Doppeltes Spiel; Zwei neue Russizismen; Explosion in Tschernobyl; Ein törichter Vergleich; Wiedervereinigung eines Denkmals
Vertrauen unerschütterlich; Hellebarden und Zierambosse; Ausreise per Kieslaster und Surfbrett; Ein Generaloberst wirft hin; Flugzeugabsturz in Schönefeld; Grabsteingravieren numerisch gesteuert; Valutaanrechtskonto; Gekreuzte Säbel; Kordel mit Quaste; Das größte aller Laster
„burda moden“ in Moskau; Friedensflug zum Roten Platz; „Tear down this wall!“; Sozialistische Preußenrenaissance; Der Nachbar tapeziert neu; Jagd nach dem „Grenzfall“; Volksfeindliche Zensur; Ein linkes Grundsatzdokument; Zwei deutsche Tischreden
Ordentlicher Professor; Bobby Ewing in Farbe; Ein Computer ohne Drucker; Die Hälfte ist rum; Ein Urlaub geschenkt; Geteiltes Stadtjubiläum; Grüße von David Bowie; Leckts mi am Oasch!
Zweieinhalb Millionen Komsomolzen sind weg; Eine Interventionsarmee zieht ab; Die Freiheit der Andersdenkenden; Verbot einer sowjetischen Zeitschrift; Rock-Sommer in Ost-Berlin; Ein verweigerter Handschlag
Als Reisekader abgelehnt; Adrett gekleidet und nicht schwatzhaft; Die Pflicht, international zu sein; Manuela geht auch; Was ist ein dringender Reiseanlass?
5.000 Flugblätter für Liebknecht und Luxemburg; 22 Schüsse am Streckmetallzaun; „Wir wollen raus!“; Operation in St. Gallen; Wahlfälscher ertappt; Ein Generaloberst schriftstellert; Die FDJ feiert Pfingsten; Schürers Lagebericht; Tod auf dem Tian’anmen
Petra geht rüber; Lukas fährt rüber; Filmrolle und Eisernes Kreuz; Kein Tête-à-Tête für Ost-Mark; Kling, Glöckchen, Klingelingeling; Ein Wiedersehen an der Mosel
Gorbi in Bonn; Pilgern an der Pleiße; Zwei Kirchentage in Leipzig; Ein Picknick mit Folgen; Weder Ochs noch Esel; Reise in den Norden
Solidarność regiert in Polen; Die erste Montagsdemonstration; Starker Gegenverkehr in Ungarn; Knüppelorgien auf dem Nikolaikirchhof; Eine Friedensvorlesung; Das Märchen von der Menthol-Zigarette; Neues Forum zulassen; ...dass heute Ihre Ausreise... ; Gorbi hilf uns; Die Entscheidung
„Schauen Sie hinaus“, sagte der Chef der Anatomie und wies mit einer fahrigen Geste der linken Hand auf die hohen, hinter rauchgelben Stores verborgenen Fenster des Versammlungsraumes. „Alles Neubauten! Gestern noch Schrebergärten. Jetzt stehen da Neubauten. Und in der Kaufhalle gibt’s Bananen, nicht immer, aber immerhin manchmal. Dafür arbeiten wir mit ganzer Kraft. Na – vielleicht nicht mit der ganzen, ein bisschen Kraft brauchen wir auch für uns selber.“ Verdutzt schaute Lukas unauffällig in die Runde der versammelten Mitarbeiter. Wagte es der Redner, sich über den alljährlich wiederkehrenden Rummel um den Republikgeburtstag lustig zu machen?
Professor Sonnenkalb, Chef der Histologie und Embryologie, atmete mit gesenktem Blick, ein wenig übertrieben laut, ein und aus. Dr. Grobschmidts fleischige Finger trommelten leise auf die Tischplatte. Kämpferische Feierlichkeit, wie sie der Anlass der Zusammenkunft eigentlich gefordert hätte, war auf keinem der Gesichter zu erkennen. Die Ansprache Professor Schröders am sogenannten Vorabend des 7. Oktober, dem 22. Jahrestag der Gründung der DDR, wurde mit reglosen Mienen aufgenommen. Lediglich Dietmar Knabe, Biologe und Lukas’ Zimmernachbar, schaute vergnügt in die Runde. Lukas schien, als blinzle er ihm verschmitzt zu.
„Und nach Dresden kommt man seit heute auch eine Stunde schneller“, hörte Lukas den Professor sagen. „Nicht mehr diese Zuckelei auf der alten Reichsstraße Nummer 6 über Wurzen, Oschatz, Meißen. Die Autobahn zwischen Leipzig und Dresden ist heute zum Verkehr freigegeben worden. Unsere Studenten haben ja in den Semesterferien daran mitgeschippt.“ Noch einmal wies der Redner auf den fahnengeschmückten Neubaublock in der Semmelweisstraße und beendete seine Ansprache mit der Anweisung: „Und die Fahnen an unseren Fenstern kommen morgen wieder rein!“„Na endlich“, sagte Frau Grimmig, die Wortführerin der vier Reinemachfrauen des Instituts. „Dann ma ran an de Schwarzwälder Dorte, eh dor Gaffee kalt wird.“
„Schwarzwälder Torte passt ja zum Jahrestag der DDR“, flüsterte Lukas der neben ihm sitzenden leitenden MTA Thekla Nüsslein zu. Es war sein vierter Arbeitstag als wissenschaftlicher Assistent in der Anatomie. An das stundenlange Am-Schreibtisch-Sitzen hatte er sich noch nicht gewöhnt. Nach seinem Schlachthofpraktikum in Templin hatte er die letzten zweieinhalb Monate als Pflichtassistent in der tierärztlichen Praxis verbracht. Das war körperliche Arbeit in Rinder- und Schweineställen, das waren einsame Fahrten durch die Uckermark mit Stopps an idyllischen Badeseen. Jetzt hatte er sich morgens um 7 Uhr über die Anatomiebücher zu beugen, zu lesen, zu lernen, sich vorzubereiten auf die Präparierkurse, in denen er sich vor den Studenten nicht blamieren wollte.
Vor Lukas lag eine auf vier Jahre befristete Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent, für einen 27-Jährigen fast eine Ewigkeit. Und wenn kein Nachfolger für ihn gefunden würde, könnte sein Vertrag sogar noch um ein weiteres Jahr verlängert werden. Genug Zeit für ihn, eine Doktorarbeit zu schreiben und für Katharina, ihr eben begonnenes Biochemie-Studium abzuschließen. Für Tochter Luise hatten sie einen am täglichen Weg zur Universität gelegenen Krippenplatz bekommen. Der Weg in die Zukunft schien geebnet.
Seit Lukas 1965 seine Anatomiegehilfentätigkeit beendet und mit dem Studium der Veterinärmedizin begonnen hatte, war es im Zuge der 3. Hochschulreform auch am Veterinär-Anatomischen Institut zu einer Reihe von gravierenden Veränderungen gekommen. Professor Schröder war 1969 als Institutsdirektor abberufen und das Institut in zwei Fachgruppen gegliedert worden. Auch eine Reihe von personellen Veränderungen hatte es gegeben. Dr. Zinker und Dr. Leisebein waren nicht mehr da. Zinkers Ausscheiden hatte mit der 3. Hochschulreform von 1969 zu tun. Zusammen mit einigen jüngeren Wissenschaftlern der Fakultät war er in revolutionärem Eifer weit vorgeprescht. Ihr Bestreben, die Macht der Ordinarien zu brechen, eine moderne Forschung ins Leben zu rufen, kollidierte bald mit der Realität. Ziel dieser Hochschulreform war es nämlich nicht, lediglich einen wissenschaftlichen Generationswechsel durchzusetzen, um hochbegabten und ambitionierten jungen Leuten die Bahn freizumachen. Vielmehr ging es darum, Lehre und Forschung vollständig und endgültig unter die politische Führung durch die SED zu zwingen. Der erste Direktor der am 1. Oktober 1968 gegründeten Sektion Tierproduktion und Veterinärmedizin, Prof. Dr. Heinz Brandsch, hatte Zinker ein Hausverbot für alle Einrichtungen dieser Sektion ausgesprochen. Brandschs persönliche Vorstellungen über die vom VI. Parteitag geforderte „Schaffung eines einheitlichen sozialistischen Bildungssystems“ offenbarten sich in dem aberwitzig-dünkelhaften aber verbürgten Satz: „Über dem Ordinarius kommt nur noch die Sonne“. Da blieb kein Raum für eigenverantwortliches Forschen des akademischen Nachwuchses.
Für Zinker und den als Fachschuldozent an die Ingenieurschule für Veterinärmedizin nach Beichlingen gewechselten Dr. Leisebein war neues wissenschaftliches Personal eingestellt worden. Unter den Neuen waren drei Diplom-Biologen, Dr. Helga Hinze als Oberassistentin sowie Dietmar Knabe und Christel Schuster als befristete Assistenten. Dazu kam Erika Falkner, eine junge Tierärztin. Alle vier gehörten zu der von Professor Sonnenkalb geleiteten Fachgruppe. Warum die Histologie und Embryologie mit fünf, die Anatomie, die mehr als doppelt so viele Unterrichtsstunden zu bestreiten hatte, nur mit drei Lehrpersonen besetzt war, konnte sich Lukas zunächst nicht erklären.
Lukas Freund Horst, Weg- und Leidensgefährte seiner mehr als drei Jahre währenden Hilfsarbeitertätigkeit als Anatomiegehilfe, hatte eben mit dem Tiermedizinstudium begonnen, allerdings in einer einzigartigen Halbtagsvariante. Er arbeitete, sofern sein Stundenplan das zuließ, täglich einige Stunden im Institut. Als Ersatz war Harald Meinel, ein junger Veterinäringenieur eingestellt worden, der zwar keine präparatorischen Arbeiten ausführen, dafür aber zu allen möglichen organisatorischen Tätigkeiten eingesetzt werden konnte. Wie Lukas interessierte er sich für den Leipziger Fußball, war selber sportlich veranlagt und bald spielten die beiden in jeder Mittagspause und sehr oft auch nach Dienstschluss miteinander Tischtennis. Die hintere Hälfte des riesigen Präpariersaals wurde wegen stark rückläufiger Semestergrößen nicht mehr für die Kurse benötigt. Hatten in Lukas’ Semester 1967 noch 116 Studenten die Physikumsprüfung in Anatomie abgelegt, waren es 1973 nur noch 42, davon ein Drittel Ausländer. Professor Sonnenkalb hatte als Sportverantwortlicher der Gewerkschaft und ganz und gar besessener Tischtennisspieler drei Platten besorgt, die im nicht mehr benötigten Teil des Saales aufgestellt worden waren. Sie standen auch Interessierten aus anderen Einrichtungen der Universität zur Verfügung. So zählte zu Sonnenkalbs Tischtennisfreunden auch der Direktor für Kader und Qualifizierung der Karl-Marx-Universität, Dozent Dr. Kurt Renner. Die beiden Herren waren noch bis weit in ihr Rentenalter hinein einmal in der Woche an der Platte anzutreffen.
*
Lukas’ Aufgaben im Institut beschränkten sich in den ersten Monaten auf den anatomischen Unterricht. Die Hochschulreform hatte auch auf diesem Feld Spuren hinterlassen. Außer für die Tiermediziner waren jetzt auch für die Studenten der Tierproduktion Lehrveranstaltungen in Anatomie zu halten. Die erzwungene Gemeinsamkeit zwischen den beiden Fachrichtungen ging anfangs soweit, dass die Anatomievorlesungen für Tiermediziner und Tierproduzenten gemeinsam in dem zur Fachrichtung Tierproduktion gehörigen großen Hörsaal in der Johannisallee gehalten wurden. Lukas, als jüngster Assistent, musste Professor Schröder in die Vorlesung begleiten. Den Weg von der Semmelweisstraße zur Johannisallee legten sie gemeinsam im Auto des Chefs zurück. Es war ein „Wartburg“, der zum Glück ein Schiebedach besaß. So war es möglich, zehn bis zwanzig, zum Teil mehr als zwei Meter lange eingerollte Hörsaaltafeln mitzunehmen, die dann wie Fahnenmasten aus dem Autodach herausragten.
Da die künftigen Tierärzte viel mehr anatomische Details erlernen mussten als die Landwirte, hatte jede Vorlesung gleichsam zwei Ebenen. Nach der Darlegung allgemeiner Sachverhalte zu einem behandelten Organ sagte Professor Schröder: „So, die Landwirte können mal eine Zeitlang weghören. Was jetzt kommt, ist nur für die Tierärzte wichtig.“ Dieses Zwischenspiel wiederholte sich in jeder Vorlesung x-mal. Dass die von der Aufmerksamkeit entpflichteten Tierproduktionsstudenten, welche auch noch die deutliche Mehrheit der Hörer stellten, diese Intermezzi nicht durch Unruhe störten, durfte man in jenen Jahren noch erwarten.
An Lukas war es, die Hörsaaltafeln aufzuhängen. Da es in dem Saal nur Platz für jeweils zwei Tafeln gab, musste während des Vortrags deren fliegender Wechsel erfolgen. Und auch das Abwischen der Wandtafel gehörte zur Aufgabe des Vorlesungsassistenten. Professor Schröder liebte es, sich beim Beschreiben der Tafel einer Schriftgröße zu bedienen, in der wenige anatomischen Termini ausreichten, die gesamte Fläche zu füllen. An ein konzentriertes Zuhören war nicht zu denken. Lukas war permanent beschäftigt und bedauerte es, die Zeit nutzlos zu vertrödeln. Darauf angesprochen erklärte sich der Chef bereit, statt Lukas den Veterinäringenieur Meinel mit in seine Vorlesungen zu nehmen.
Lukas’ Lehraufgaben bestanden in der Betreuung der Präparierkurse und in der Durchführung von Seminaren für Tiermediziner, Agrarpädagogen und Tierproduzenten. Dazu kamen Kurse, die speziell für ausländische Studenten der Veterinärmedizin und der Landwirtschaft gehalten wurden. Die Anzahl seiner wöchentlichen Unterrichtsstunden schwankte zwischen 6 und 15 und da er vom Bewegungsapparat bis zum Nervensystem das gesamte Lehrgebiet gleichzeitig präsent haben musste, war er ordentlich gefordert.
Eine besondere Sumpfblüte im Strauß der Neuerungen durch die 3. Hochschulreform stellte die Idee sogenannter Komplexprüfungen im Physikum dar. Der zugrundeliegende Gedanke, dass ein Prüfling ein Organsystem nicht nur aus der Perspektive eines Lehrfaches beschreiben sollte, schien zunächst einmal nicht abwegig. Die Reformer erachteten es vielmehr für sinnvoller, das Zusammenwirken aller baulichen und funktionellen Aspekte in den Blick zu nehmen und damit die Fächer Anatomie, Histologie, Embryologie, Physiologie und Biochemie in einer einzigen Prüfung zu absolvieren. Die mit der ungeheuren Stofffülle medizinischer Fachrichtungen vertrauten Spezialisten hielten diese Idee jedoch für unsinnig. Eine solche Form der Prüfung würde auf Kosten der Gründlichkeit gehen. Es wäre dem Prüfling nicht abzuverlangen, für jedes Fach der Komplexprüfung den Inhalt eines bis zu 1000 Seiten dicken Lehrbuches zu erlernen, um damit wenigstens ein Mal wirklich in die ganze inhaltliche Tiefe der Disziplin hinabzusteigen.
Dass unsinnige Gedanken, entgegen dem Rat von Fachleuten, dennoch in die Tat umgesetzt werden, gehörte auch in der DDR zu den gesellschaftspolitischen Konstanten und aus der Idee der Komplexprüfungen wurde Wirklichkeit. Da nicht einmal ein einzelner Prüfer in allen fünf Physikumsfächern ausreichend Bescheid wissen kann, entschied man, dass dem Prüfling von zwei Vertretern unterschiedlicher Disziplinen auf den Zahn gefühlt werden sollte. Einem Hochschullehrer, das heißt einem Professor oder Dozenten wurde ein wissenschaftlicher Assistent aus einem anderen Fach zur Seite gestellt. Die beiden, so dachte man, würden schon in der Lage sein, ein Prüfungsthema aus allen Perspektiven zu durchdringen. Und so wurde auch Lukas die Aufgabe zuteil, nach kaum fünfmonatiger Tätigkeit in der Anatomie die drei morphologischen Disziplinen in der Komplexprüfung zu vertreten. Er wurde als zweiter Prüfer einmal dem Biochemiker Professor Kolb und ein andermal dem Physiologen Dozent Dr. Nüsslein zugeordnet.
In der Prüfung mit Professor Kolb kam er nicht ein einziges Mal zu Wort. In seiner dröhnenden Aufgeräumtheit quetschte der Professor die Kandidaten aus, ließ die kompliziertesten Strukturformeln aufschreiben, gab seiner Begeisterung über richtige Antworten wortgewaltigen Ausdruck und lachte laut über Fehler. Nicht ein einziges Mal machte er Anstalten, dem zweiten Prüfer das Wort zu überlassen. Lukas war angesichts der legendären, die Grenzen seines Faches sprengenden Belesenheit dieses Professors, die ihm den anerkennenden Spitznamen „Großer Meister“ eingetragen hatte, nicht böse, sich auf eine Beisitzerrolle beschränken zu müssen. Mit einem lauten „Nun, Herr Kollege, ich denke wir können den Kandidaten jetzt entlassen“, wendete er sich Lukas kurz zu und ohne eine Antwort abzuwarten, schrieb er die Prüfungsnote in das Studienbuch. Der Kandidat hatte mit einer Prüfung in Biochemie das Physikum in allen fünf Vorlesungsfächern bestanden.
Ein ganz anderes Erlebnis war die Prüfung mit dem Dozenten Dr. Heimo Nüsslein, Lukas’ ehemaligem Kleingartennachbar aus seiner Studienzeit. Nüsslein bediente sich auch im akademischen Umfeld einer drastischen, mitunter das Ordinäre streifenden Ausdrucksweise, war mit fast allen Menschen seines Umfeldes per du und redete auch die Studenten so an. Als starker Raucher entzündete sich Nüsslein auch in der Prüfung eine Zigarette nach der anderen, sodass der kleine Raum bald mit dichten Rauchschwaden geschwängert war. Das Ausdrücken der Kippe und das Anzünden des nächsten Glimmstängels war die Gelegenheit, das Wort an Lukas weiterzugeben, der zu dem in Rede stehenden physiologischen Sachverhalt eine passende Frage zur Anatomie stellte. Als Pfeifen- und Zigarrenraucher störte Lukas der Rauch nicht, zumal das Rauchen an allen denkbaren Orten und zu allen Gelegenheiten gang und gäbe war.
Ein Kandidat allerdings überraschte die beiden Prüfer mit einer Beschwerde. Nüsslein verkündete ihm das Prüfungsergebnis: „Na, das war nischt. Uff so leichte Fraachen kann mor mehr erwarten. Das is ne Viere.“ Darauf der Student ganz vorsichtig: „Ja, ich hätte bestimmt ein wenig mehr wissen müssen, aber der starke Rauch hat mich auch etwas gestört.“ Daraufhin explodierte Nüsslein geradezu: „Was? Du dumme Sau wagst dir auch noch, deine Dummheit hinter Ausreden zu verstecken! Raus!“ „Was für eine billige Entschuldigung für eine schwache Leistung“, hatte Lukas auf die Bemerkung des Prüflings zunächst gedacht. „So eine Vier steckt man männlich in gerader Haltung weg, auch wenn einem die Bewertung ungerecht erscheint.“ Nüssleins beleidigender Ausbruch aber war ihm unangenehm. Ein derartig geschmackloser Angriff auf einen Studenten würde sicher nicht folgenlos bleiben, vermutete er. Aber die Attacke Nüssleins hatte keine Konsequenzen. Der Student hatte offenbar nicht den Mut zu einer Beschwerde, die wohl auch damals disziplinarische Konsequenzen für den Prüfer gehabt hätte.
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Als eine schöne Herausforderung empfand es Lukas, dass er schon in seinem ersten Assistentenjahr mit dem Unterricht im Fach Morphologie bei Fernstudenten der Tierproduktion betraut wurde. Den künftigen Landwirten waren in Vorlesungen und Seminaren Grundkenntnisse über den Aufbau landwirtschaftlicher Nutztiere zu vermitteln. Dazu standen insgesamt 60 Unterrichtsstunden zur Verfügung. Ein Studiengang fand in Leipzig, ein zweiter in Jena statt. Voraussetzung, dass der auswärtige Lehrauftrag überhaupt ausgeführt werden konnte, war der Besitz eines Autos. Schließlich musste anatomisches Anschauungsmaterial mitgenommen werden, das in der Eisenbahn nicht transportiert werden konnte. Zwar verfügten sowohl Professor Schröder als auch Dr. Grobschmidt über einen PKW, doch hatten sie, zu Lukas’ Glück, wahrscheinlich keine Lust, regelmäßig nach Jena zu fahren. So bekam der anatomische Novize, der ebenfalls über ein Auto verfügte, sehr früh Gelegenheit zu selbstständiger Lehrtätigkeit.
Lukas fuhr noch immer den mittlerweile sehr klapprigen VW-Käfer seines indischen Freundes Ramesh, mit dem er schon als Student im GST-Lager in Tambach-Dietharz, im tierärztlichen Praktikum in Kohren-Sahlis, als Pflichtassistent in der Uckermark und zu seinem postgradualen EDV-Studium in Bernburg war. Der Wagen hatte inzwischen keine Stoßstangen mehr, da deren Befestigungen an der Karosserie weggerostet waren. Und auch die beiden durchgerosteten Trittbretter hielten sich nur noch mit Mühe an den Holmen fest. Ein versehentlicher Tritt und sie würden abfallen. Der Motor dieses Autos aber lief und lief und lief.
An der Unterrichtung der Fernstudenten in Jena wirkte in einem anderen Lehrfach auch Kollege Dr. S., ein älterer Oberassistent aus Lukas’ Nachbarinstitut, mit. Als der einmal sah, dass Lukas mit dem Auto angereist war, verkündete er: „Ich warte, bis Sie ihren Unterricht beendet haben und fahre dann mit Ihnen zurück. Inzwischen gehe ich mal durch die hiesigen Geschäfte, vielleicht gibt’s irgendwas.“ „Gibt’s irgendwas?“, war eine in 40 Jahren DDR unzählige Male gestellte Frage. Grund dafür war der allgegenwärtige Mangel an allem. Begegnete man etwa beim Betreten einer Kaufhalle einem Bekannten, der soeben von seinem Einkauf kam, verstand dieser die Frage sofort richtig. Er wurde nicht nach Kartoffeln, Weißkohl, Vierfruchtmarmelade oder Jagdwurst gefragt. „Gibt’s irgendwas?“ meinte Gurken, Tomaten, Erdbeerkonfitüre oder Schinken. „Hier gibt’s auch bloß nichts“, rief ihm der Kollege entgegen, der Lukas schon am Auto erwartete.
Für die Rückfahrt nach Leipzig schlug der Fahrgast vor, anstatt den schnellsten Weg zur Autobahn, die Landstraße über Bürgel zu nehmen. „Vielleicht können wir dort in einer der Töpfereien etwas erstehen.“ Jetzt stieg ein leichter Unmut in Lukas auf. „Ich bin hier nicht der Taxifahrer, der den Herrn auf Einkaufstour chauffiert“, dachte er. Er wollte auf schnellstem Wege nach Hause. Katharina hatte am Nachmittag ein Praktikum an der Uni und er musste Luise aus der Kinderkrippe abholen. „Aber nur kurz“, brummte er, „ich hab’s eilig.“ Sie hatten noch nicht die Stadtgrenze passiert, da setzte der Kollege seinem kecken Verhalten die Krone auf. Er entnahm seiner Aktentasche eine Brotbüchse und dieser ein große geschälte rohe Zwiebel, in die er, wie in einen Apfel, herzhaft hineinbiss. Befremdet schaute Lukas zu ihm hinüber. „Jeden Tag eine rohe Zwiebel und Sie werden nie krank. Sollten Sie auch mal versuchen. Der Zwiebelsaft wirkt bakterizid.“ Während S. immer weiter über die segensreichen Wirkungen roher Zwiebeln schwadronierte, breitete sich der beißende Geruch, welcher dem pflanzlichen Speicherorgan entströmte, im Auto aus. Lukas kurbelte das Fenster herunter und des Mitfahrers Gesprächigkeit ebbte langsam ab. Schweigend erreichten sie Leipzig. Die Zwiebelepisode wiederholte sich zu Lukas’ Erstaunen auf der nächsten Rückfahrt von Jena. Eine weitere Wiederholung gab es nicht. Lukas teilte dem Kollegen S. beim nächsten Jena-Besuch mit, dass er heute und die nächsten Male nach der Lehrveranstaltung noch in der Stadt zu tun hätte.
Für Fahrten mit dem privaten PKW bekam man 32 Pfennige pro Kilometer erstattet. Für die zweimal 110 Kilometer auf der Autobahn über das Hermsdorfer Kreuz wurden Lukas nach der ersten Tour 70,40 Mark Fahrtkosten überwiesen. Die verbrauchten 20 Liter Benzin der Qualitätsstufe „Normal“ (88 Oktan) schlugen an der Minol-Tankstelle mit 30 Mark zu Buche. Abzuschreiben war an dem uralten Auto nichts. Die etwa alle 10.000 Kilometer fälligen Durchsichten bei Meister Fromm in Krensitz kosteten kaum mehr als 50 Mark. Es sprach also nichts gegen die Benutzung des eigenen Autos für seine dienstliche Fahrten. Allerdings geriet er über die Abrechnung der Dienstreiseaufträge in Konflikt mit dem Verwaltungsleiter der Veterinärmedizinischen Fakultät. Der Herr Exner bat Lukas zu sich und nahm Anstoß an der gewählten Fahrtroute: „Wenn Sie nicht bis zum Hermsdorfer Kreuz kutschieren, sondern in Eisenberg abbiegen und auf der Landstraße über Bürgel fahren, ist die Strecke 13 Kilometer kürzer. Das macht hin und zurück 26 Kilometer à 32 Pfennige, das sind 8,32 Mark, die Sie einsparen können. Ich überweise Ihnen in Zukunft nur noch 62 Mark und 8 Pfennige, egal welche Route Sie wählen.“ Lukas nahm die Entscheidung des Verwaltungsleiters wortlos zur Kenntnis. Er wollte seine regelmäßigen Ausflüge nach Thüringen nicht durch Gezänk um Kilometerpfennige gefährden.
*
War das Anatomische Institut als Arbeitsstelle am Anfang für Lukas nicht gerade erste Wahl, dauerte es nicht lange, bis er begriff, dass er ein sehr gutes Los gezogen hatte. Die für einen Anfänger recht intensive Tätigkeit in der Lehre war ihm nicht zu viel, bereitete ihm eher Vergnügen. Sein Chef ließ ihm in allen Dingen freie Hand, mit den neuen wissenschaftlichen Assistenten verstand er sich gut. Dr. Grobschmidt, nach Zinkers Ausscheiden neuer Oberassistent der Anatomie, ging er, soweit es möglich war, aus dem Weg. Zu politischen Bekenntnissen nötigte ihn niemand. In dieser Hinsicht herrschte im Haus eher Windstille. ML-Seminare gehörten endlich der Vergangenheit an. Mit seinem Zimmernachbar Dietmar, soviel war schnell klar, teile er die kritische Einstellung zum politischen System.
Das galt auch für seinen Tischtennispartner, den Veterinäringenieur Harald Meinel, mit dem er sich bald näher anfreundete. Mit ihm teilte er auch die Sympathie für die Fußballer der BSG Chemie Leipzig, die im Sommer 1971 aus der DDR-Oberliga abgestiegen waren. Der unsägliche Fußballbeschluss des Verbandes von 1970, der den Betriebssportgemeinschaften jegliche Konkurrenzfähigkeit nahm, hatte sein Ziel erreicht. Die Funktionärsmachenschaften gegen den DDR-Meister von 1964 und Pokalsieger von 1966 schweißten den treuen Anhang der Mannschaft aus Leipzig-Leutzsch jedoch umso fester zusammen. Lukas und Harald besuchten jedes Heimspiel und so manches Auswärtsspiel ihrer BSG. In der Saison 1971/72 erlebten sie den sofortigen Wiederaufstieg ihrer Fußballhelden. Ein Bekenntnis zu dem ehemaligen Leutzscher Arbeitersportverein wurde mehr und mehr zum Synonym für persönliche Distanz zum herrschenden Gesellschaftssystem.
Die politische Großwetterlage schien auf eine weitere Entspannung zuzulaufen. In dem am 3. September 1971 abgeschlossenen Vier-Mächte-Abkommen über Berlin hatte die Sowjetunion die Präsenz der Westmächte in West-Berlin und die Bindungen West-Berlins an die Bundesrepublik anerkannt. Damit war der Weg frei für ein Transitabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR, das am 17. Dezember 1971 unterzeichnet wurde. Es erleichterte und vereinfachte den Transitverkehr von und nach West-Berlin für die Bürger der Bundesrepublik sowie die Westberliner. Sie hatten sich nun nicht mehr den bisher üblichen schikanösen Grenzkontrollen zu unterwerfen. Für die Einwohner der DDR brachte dieses erste auf Regierungsebene abgeschlossene Abkommen zwischen beiden deutschen Staaten keinen unmittelbaren Gewinn.
Ein Passus der Regelung aber, nach dem bei Transitreisenden außer der Feststellung ihrer Identität keine weiteren Kontrollen vorgenommen würden, regte die Phantasie nicht weniger Menschen in der DDR an. Auch Lukas erkannte sofort, dass sich damit eine neue Fluchtmöglichkeit auftat. Wem es gelänge, auf der Transitstrecke unbemerkt in den Kofferraum eines westlichen Autos zu gelangen, der hätte beste Chancen, nach drüben zu kommen. Es galt nur, einen Fluchthelfer zu finden. Der musste allerdings, sollte die Aktion doch entdeckt werden, mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen. Die Transitstrecken wurden tatsächlich zu einem Schlupfloch durch Mauer und Stacheldraht, durch das viele DDR-Einwohner entkamen, ohne das tödliche Risiko eines Grenzdurchbruchs auf eigene Faust einzugehen. Fluchthelfer waren, neben Verwandten und Freunden, Menschen, die aus politischen Motiven oder finanziellen Interessen agierten, teils allein, teils in regelrechten Fluchthilfeorganisationen. Wie viele der in den Jahren 1971 bis 1988 geglückten mehr als 83.000 sogenannten Republikfluchten über die Transitautobahnen führten, wird nie ganz geklärt werden. Aus Lukas’ näherem Umfeld waren es drei Familien, die mit ihren Kindern in PKW-Kofferräumen versteckt in den Westen gelangten. Er selber hat diesen Weg Ende der siebziger Jahre auch in Erwägung gezogen, jedoch davon Abstand genommen, da, wie man hörte, die Fluchthilfeorganisationen mehr und mehr von der Staatssicherheit der DDR durchsetzt waren. Immer häufiger wurden westliche Autos mit Flüchtlingen im Kofferraum schon an den Grenzübergängen erwartet, da die Fluchtunternehmungen verraten worden waren.
Dass sich die DDR-Oberen trotz vieler geglückter Fluchten an die Bestimmungen des Transitabkommens hielten, hatte ganz gewiss mit dessen finanzieller Ausstattung zu tun. Immerhin betrug die jährlich von der Bundesrepublik an die DDR zu überweisende Pauschalsumme für die Benutzung der Transitwege 234,9 Millionen D-Mark. Ab 1975 wurde dieser Betrag immer wieder angehoben und erreichte 1989 beachtliche 860 Millionen D-Mark. Für den notorisch unter Devisenknappheit leidenden Staat eine unverzichtbare Einnahme.
Das Neue Deutschland vom 18. Dezember meldete den Abschluss des Abkommens und informierte auch über die Summe, die als Pauschalabgeltung vereinbart worden war. Unter der Überschrift „Transitabkommen DDR-BRD wurde unterzeichnet“ teile das Blatt weiter mit: „Die Unterschriften leisteten der Staatssekretär beim Ministerrat der DDR, Genosse Dr. Michael Kohl, und der Staatssekretär im Bundeskanzleramt der BRD, Egon Bahr.“ Lukas nahm an dieser Zeitungsmeldung aus zweierlei Gründen Anstoß. Was sollte die Etikettierung des DDR-Staatssekretärs als „Genosse“? Das war die SED-interne Anrede der Parteimitglieder untereinander. Aber 15 von 17 Millionen Einwohnern dieses Staates waren nicht in dieser Partei und demzufolge nicht die Genossen des Dr. Michael Kohl. Und wer von ihnen im Widerspruch zum politischen System lebte, wollte sich nicht durch die Hintertür politisch vereinnahmen lassen. Mit Sicherheit würde eine westdeutsche Zeitung den Staatssekretär im Bundeskanzleramt nicht als „Genossen“ Egon Bahr vorstellen, auch wenn jener der SPD angehörte, deren Mitglieder sich ebenfalls Genossen nannten.
Als dreiste Anmaßung und pejorativen Übergriff empfand Lukas auch die Verwendung des Kürzels „BRD“ für die Bundesrepublik Deutschland, die seit Inkrafttreten der neuen DDR-Verfassung von 1968 immer häufiger in den östlichen Medien auftauchte. Bis in die späten sechziger Jahre hatte man den westdeutschen Staat Westdeutschland genannt, um die Bezeichnung Deutschland, die an ein fortbestehendes Gesamtdeutschland gemahnte, zu vermeiden. Die Verwendung des Akronyms BRD geschah, da war sich Lukas sicher, in der Absicht, Westdeutschland ein terminologisches Pendant zum Kürzel DDR aufzunötigen und damit die Existenz zweier gleichberechtigter Staaten zu suggerieren, obwohl oder eben weil der DDR die demokratische Legitimation von Anfang an fehlte.
In den Westmedien hatte Lukas nicht ein einziges Mal das Kürzel BRD gehört. Es war zwar schon 1949 vom Freiburger Völkerrechtler Wilhelm Grewe erstmalig gebraucht worden, doch lehnten die Regierungen des Bundes und der Länder dessen Verwendung seit 1965 ausdrücklich ab. Nach deren Auffassung bestand ja das Deutsche Reich als Völkerrechtssubjekt fort, unabhängig von der Tatsache, dass die Gebietshoheit der Bundesrepublik Deutschland vorläufig auf den Geltungsbereich des Grundgesetztes beschränkt war. In der Kurzform sollte das Land „Deutschland“ heißen. Dieses Rechtsverständnis kam auch in dem bis 1968 gültigen offiziellen Mannschaftskürzel des IOC für deutsche Sportmannschaften zum Ausdruck. Es lautete GER.
Ganz im Widerspruch zu dem Bestreben, eine gleichberechtigte staatliche Eigenständigkeit auch in solchen Abkürzungen zu demonstrieren, stand die Tatsache, dass die DDR-Automobile als Nationalitätenkennzeichen ein D zu führen hatten. Erst ab 1974 musste das weiße Oval die Aufschrift DDR tragen.
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Während Lukas’ räumliche Arbeitsbedingungen in der Anatomie geradezu luxuriös waren, er hatte vom ersten Tage an ein eigenes Zimmer, erwies sich die Wohnung in der Connewitzer Kochstraße für die Familie als überaus mangelhaft. Sie hatten für die ehemalige Dienstmädchenwohnung unter dem Dach, die sich in einem unvorstellbar verkommenen Zustand befand, 400 Mark Handgeld an einen korrupten Mitarbeiter in der Wohnraum-Vergabekommission gezahlt und gehofft, dass sich das meiste in Ordnung bringen ließe, sie für die nächsten Jahre ein solides Heim hätten. Das Drahtglas in den Fenstern, das seit dem letzten Krieg das Tageslicht dämpfte, hatte Lukas durch Fensterglas ersetzt. Die verrotteten Fensterrahmen waren durch mehrmaligen Halbölanstrich und anschließende Lackierung halbwegs wiederhergestellt. Dicht zu kriegen waren die Fenster allerdings nicht mehr. Durch fingerbreite Spalten zog es wie Hechtsuppe. An neue Fenster war auf Jahre hinaus nicht zu denken.
Von den drei Räumen war nur einer zu beheizen. Der Berliner Ofen, den sie beim Einzug in einem der Zimmer vorgefunden hatten, war völlig marode und musste abgetragen werden. Ein neuer war auch mittelfristig nicht zu beschaffen. Die beiden uralten Kanonenöfchen in den beiden anderen Räumen waren in den Schrott gewandert. Das Wohnzimmer hatte jetzt einen kleinen transportablen Kachelofen.
Mit Hilfe seines Freundes und Arbeitskollegen Horst hatte Lukas die gesamte Elektroinstallation erneuert und dabei unter Putz gelegt, die Rohre für die ehemalige Gasbeleuchtung der Wohnung entfernt und diverse Schäden am Verputz der Wände beseitigt. Viel Zeit musste er in die Instandsetzung des Fußbodens investieren, der von einem knochenharten Schorf aus aufgenagelten Linoleumresten, Schmutz und Bohnerwachs bedeckt war. Der Einsatz von Spachtel und Stechbeitel wurde durch hunderte Nägel behindert, welche die Dielen ramponiert hatten. In einem der drei Räume waren sie derartig kaputt, dass nur noch die Abdeckung des Bodens mit Hartfaserplatten half.
Statt des gusseisernen Ausgussbeckens, der ehemals einzigen Wasserstelle in der Wohnung, hatten sie in der Küche vom Betriebsklempner der Fakultät, dem Lukas durch gemeinsames Interesse am Leipziger Fußballgeschehen verbunden war, eine emaillierte Spüle installieren lassen. Im Schlafzimmer gab es jetzt ein großes Waschbecken. Das warme Wasser für beide Räume wurde von einem Gasdurchlauferhitzer bereitet. Ein gebraucht gekaufter dreiflammiger Gasherd hatte den Kohleherd ersetzt. Die schönen hölzernen Türen der Wohnung hatte Lukas mühevoll restauriert. Seine Vormieter hatten sie, wohl zur Geräusch- und Wärmedämmung, mit Kohlensäcken vernagelt. Die verwendeten dicken Nägel hatten enorme Schäden an Zargen, Zierblenden und Füllungen hinterlassen, die zuerst gespachtelt und geschliffen werden mussten. Jetzt glänzten sie in einem schneeweißen Anstrich aus Alkydharz-Lack, einem neuen Produkt des Leipziger VEB Lacke und Farben, die Kilodose für 14,50 Mark.
Soweit schien alles gut zu sein. Mit der Toilette auf halber Treppe mussten sie sich abfinden und mit dem heruntergekommenen Treppenhaus, das seit der Errichtung des Hauses keinen neuen Anstrich gesehen hatte, sowieso. Das war der Normalzustand. So oder noch schlimmer sah es in fast allen Häusern aus.
Der hereinbrechende Winter aber zeigte das wirkliche Problem dieses Wohnquartiers auf. Es war nicht annähernd ausreichend beheizbar. Wohnzimmer und Schlafzimmer hatten Außenwände. Direkt über der Wohnung ein flaches Dach ohne Isolierung. Wer auch immer zuerst nach Hause kam, Katharina aus der Uni oder Lukas aus seinem Institut, in der Wohnung empfingen ihn eisige Temperaturen. Der kleine Ofen im Wohnzimmer wurde rasch angeheizt und mit Briketts gefüttert bis das senkrecht verlaufende Ofenrohr glühte. Je nach Außentemperatur waren nach einer Stunde höchstens 10 Grad Zimmertemperatur erreicht. Die ein Jahr alte Tochter Luise wurde aus der Kinderkrippe abgeholt und dick angezogen in ihr Kinderbettchen gesetzt. Auch durch ständiges Nachlegen von Briketts brachten sie es im Wohnzimmer kaum auf über 15 Grad
Im Schlafzimmer bildete sich durch die Feuchtigkeit der Atemluft eine langsam dicker werdende Eisschicht an der nach außen weisenden Wand. Der Entschluss aus dem „warmen“ Wohnzimmer in das grimmig kalte Schlafzimmer zu gehen und in die klammen Federbetten zu schlüpfen fiel umso schwerer, je später am Abend es war. Katharina und Lukas hofften auf das Frühjahr und ahnten nicht, dass ihnen das flache, nicht isolierte Dach über ihren Köpfen Probleme entgegengesetzter Art bereiten würde.
Lukas trug täglich drei bis vier große Eimer Briketts in die dritte Etage. Die mäßige Qualität der verarbeiteten Braunkohle zeigte sich an der großen Menge erdähnlicher Asche, die jeden Morgen zu den Aschekübeln auf dem Hof zu bringen war. Im Haus wohnten auch zwei alte Damen, denen Lukas ihre Kohlen bald ebenfalls hinauftrug. Im Tragen von zwei Kohleneimern in jeder Hand sah er ein gutes Training, zumal er ja viele Stunden des Tages sitzend am Schreibtisch verbrachte. Gewöhnungsbedürftig war es, dass die beiden Damen des Nachts davon Abstand nahmen, ihre auf halber Treppe gelegenen Toiletten aufzusuchen. Stattdessen schlichen sie des Morgens mit offenen Wassereimern eine halbe Treppe tiefer, um diese auf dem Örtchen zu entleeren.
Dass für diese 70 Quadratmeter große Wohnung ganze 34,90 Mark Miete zu entrichten waren, hätte vielleicht versöhnlich stimmen können, wäre der miserable Zustand dieses Wohnquartiers die Ursache für seinen geringen Preis. Aber unsinnigerweise waren die Mieten in allen Häusern, ganz unabhängig von ihrem baulichen Zustand, so niedrig. Sie waren seit dem 20. April 1937, Hitlers 47. Geburtstag, eingefroren. Dass den Mietern die Pflicht oblag, die Hausordnung selber zu besorgen, einschließlich der Reinigung der Straße bis zu deren Mitte, war selbstverständlich. Lukas hat allerdings nie einen Mitbewohner beim Straßenreinigen gesehen und auch er selber hat diese Pflicht nur selten erfüllt.
So bequem es zunächst war, dass Lukas bei der Erledigung seiner dienstlichen Aufgaben völlig freie Hand hatte, als so heikel erwies es sich bald, dass es in der Fachgruppe Anatomie seit Dr. Zinkers Ausscheiden keine ernstzunehmende Forschung mehr gab. Dr. Grobschmidt führte zwar Messungen am Skelett und an der Muskulatur von Schlachttieren durch, aber diese empfand Lukas mehr als Vorwand, durch den der „Forscher“ die kostenlose Beschaffung von Fleisch für seinen privaten Verzehr tarnte. Ständig wurden Mastrinder oder Schlachtschweine von Forschungsgeldern des Instituts für Fleischwirtschaft Magdeburg gekauft und zerlegt. Die Fleischteile wurden gewogen und verschwanden, portionsgerecht verpackt, in einer der eigens für die private Vorratswirtschaft angeschafften Tiefkühltruhen im Institutskeller. Kotelett, Filet, Nuss und Roastbeef trug Grobschmidt unmittelbar nach der Zerlegung in den Kofferraum seines Pkw „Moskwitsch“. Diese besonders wertvollen Stücke nahm er gleich mit nach Hause. Von den weniger wertvollen Fleischteilen erhielten die Mitarbeiter ab und zu ein Stück zugeteilt, dessen Größe mit dem Grad der Gunst korrespondierte, in welcher der Beschenkte bei Grobschmidt stand. „Bei der Forschung muss auch immer etwas Deftiges für die Pfanne abfallen“, so sein Kommentar.
Lukas hatte seinen Chef schon ein paar Mal wegen eines Themas für eine Doktorarbeit angesprochen und dieser hatte ihn immer wieder vertröstet. Zu Beginn des neuen Jahres, er war jetzt schon ein Vierteljahr am Institut, wagte er einen erneuten Vorstoß. Durch den im Zuge der 3. Hochschulreform eingeführten ersten akademischen Grad eines „Diplom-Veterinärmediziners“ hatte er seine in der Pathologie begonnene und schon weit fortgeschrittene Doktorarbeit im fünften Studienjahr in eine Diplomarbeit umwandeln müssen. Jetzt wurde es höchste Zeit, etwas Neues zu beginnen. Bis zum Ende seines Assistentenvertrages musste eine ordentliche Dissertation vorgelegt werden.
Ende Januar rief ihn Professor Schröder endlich zu sich. Er bot ihm Platz in einem der zwei schon ziemlich abgenutzten Polstersessel des Chefzimmers an und setzte sich in den anderen. In merkwürdig schräger Haltung zurückgelehnt, den rechten Ellenbogen auf die wacklige hölzerne Sessellehne gestützt, die Hand unter dem Kinn und mit der Linken ausladend gestikulierend sagte er in aufgekratztem Ton: „Vita brevis, ars longa. Das Leben kurz, die Kunst ist lang. Sie wollen, ja Sie müssen nun endlich auch mit einer Doktorarbeit beginnen. Das ist klar. Ein Thema zu finden – nicht so einfach. Makroskopisch – ja alles bekannt. Grobschmidt hat Rinder vermessen. Sie könnten das bei Schweinen machen.“ Unvermittelt ließ er den Arm, der ihn eben noch stützte, fallen. Sein Oberkörper sank auf die Lehne und die rechte Hand berührte den Boden. In dieser Haltung verweilend, presste er undeutlich artikulierend und von einer schleudernden Geste seiner Linken begleitet hervor: „Den Verlauf untersuchen. Ein Schwein ist zuerst ganz klein.“ Dabei hielt er die rechte Handfläche waagerecht dicht über den Boden. Den Arm in die Höhe werfend rief er dann: „Am Ende ist es so groß. Untersuchen Sie das mal. Das ist Ihr Thema.“ Damit war Lukas entlassen. Eine weitere wissenschaftliche Anleitung durch seinen Doktorvater erhielt er bis zur Abgabe seiner Dissertation nicht.
Lukas berichtete seinem Zimmernachbarn Dietmar von der ein wenig sonderbaren Szene. „Der Chef kam mir seltsam fahrig vor. Ich dachte, dass ich wenigstens eine konkrete Fragestellung von ihm bekomme.“ „Sei froh“, meinte Dietmar, „so kannst du das Thema anpacken wie du es für richtig hältst. Mir ging es bei Sonnenkalb ähnlich. Meinen Vorschlag, einen Atlas über die Kerngebiete des Rindergehirns zu machen, hat er kommentarlos hingenommen und ich habe mir Rat dort gesucht, wo man etwas vom Thema versteht.“ Im Übrigen hast du sicher schon gemerkt, dass dein Chef manchmal etwas betütert wirkt.“ Dietmar hatte recht. Die Ansprache des Professors zum 7. Oktober hatte ihn ja auch schon irritiert. Aber das ging ihn nichts an. Er stürzte sich in die Arbeit. Jetzt ging es erst einmal darum, sich in die Wachstumsforschung einzulesen.
Als Dr. Grobschmidt von Lukas’ Thema hörte, meinte der nur: „Das ist gut, da haben wir für die nächsten Jahre ausreichend Nachschub an Schlachtschweinen. Am besten Sie machen das so wie ich bei den Rindern. Sechs bis acht anatomisch definierte Maße im Abstand von jeweils einem Monat nehmen. Mittelwerte bilden und am Ende können Sie genau sagen, wann ein Schwein so und so groß ist. Zum Schluss kaufen wir die Tiere, zerlegen sie hier und wiegen die Fleischteile.“ Grobschmidt hatte sein eigenes Vorgehen unter anderem damit begründet, dass man wissen müsse, wie lang und wie hoch ein Rind ist, um bei der Anbindehaltung von Milchkühen in Großanlagen die Maße der Standplätze zu bestimmen. Dass sich ein solch kümmerlicher theoretischer Ansatz als Forschung tarnen ließ, war für Lukas verblüffend.
Ab sofort hielt er sich jede Stunde, die er im Institut abkömmlich war, in der Deutschen Bücherei auf. Nach den einschlägigen Stichworten durchstöberte er den riesigen Katalog des Hauses, wälzte die dicken Bände der Internationalen Bibliographie der Zeitschriftenliteratur, bestellte Bücher, Zeitschriften und Mikrofilme die ihm den Weg zu einem sinnvollen Herangehen an seine Aufgabe weisen sollten. Kopien konnte die Bücherei nicht liefern. Von den Mikrofilmen hatte sich der Leser selber Abzüge herzustellen. Lukas verbrachte hunderte Stunden im Fotolabor des Instituts, um von den Filmen Abzüge auf Dokumentenpapier herzustellen. Es stellte sich bald heraus, dass systematische Verlaufsuntersuchungen zum Wachstum von Tieren auf der Basis anatomisch eindeutig definierter Maße bisher kaum durchgeführt worden sind.
Die Sichtung der humanmedizinischen Literatur zeigte, dass derartige Studien am Menschen noch seltener waren. Zwar fanden sich hier und da Wachstumskurven für die Körpergröße und das Körpergewicht, auf deren Basis Abweichungen vom Normalwachstum bei Kindern bestimmt werden konnten. Diese Graphiken basierten jedoch auf Messungen, die man an Individuen unterschiedlichen Alters vorgenommen hatte, also nicht auf Untersuchungen individueller Wachstumsverläufe. Wer sollte auch einen eben geborenen menschlichen Säugling bis in dessen Erwachsenenalter regelmäßig vermessen? Das könnte eigentlich nur ein anatomisch beschlagener Fachmann an seinen eigenen Kindern tun.
Lukas bedauerte, nicht schon früher mit dem Thema konfrontiert worden zu sein. Er hätte das Wachstum seiner Tochter von der ersten Lebenswoche an erfassen können. Aber die war inzwischen schon im zweiten Lebensjahr. Sollten Katharina und er sich für ein zweites Kind entscheiden, würde er dessen Wachstum haargenau beschreiben und veröffentlichen. Das würde, neben dem Doktortitel, eine bleibende Erinnerung an sein vierjähriges Anatomie-Intermezzo sein. Und er wäre nach über 200 Jahren der erste, der wieder etwas Derartiges täte. Der Franzose Montbeillard hatte an seinem 1759 geborenen Sohn die Körperlänge und das Körpergewicht vom 1. bis zum 18. Lebensjahr erfasst.
Nach einigen Wochen war klar, dass Professor Schröders Themenwahl für Lukas die Beschäftigung mit einem interessanten und wissenschaftlich tragfähigen Thema versprach. Er müsste die Ergebnisse seiner Messungen im Zusammenhang mit äußeren Einflüssen auf das Wachstum und mit seiner hormonellen Regulierung bringen. Es galt Geschlechtsunterschiede, die Variationsbreite der erfassten Körpermaße, die Dauer des Wachstumsprozesses und seine einzelnen Phasen herauszuarbeiten. Er müsste auf die verschiedensten Wachstumsstörungen eingehen und den Wachstumsprozess nach Möglichkeit mathematisch zu beschreiben suchen. Für seine Messungen stand ihm der Schweinebestand des Lehr- und Versuchsgutes der Universität in Oberholz zur Verfügung. In den folgenden drei Jahren fuhr er mit seinem immer klappriger werdenden VW wöchentlich zwei bis dreimal ins 12 Kilometer entfernte Gut. Anfangs half ihm Veterinäringenieur Harald Meinel, nach ein paar Monaten dessen Frau Kerstin, die, ebenfalls Veterinäringenieur, inzwischen im Institut angestellt war, bei den Messungen.
*
Der Zufall brachte Lukas wieder in Kontakt mit Dr. Theo Zinker, dem ehemaligen Oberassistenten des Instituts. In den Jahren seiner Hilfsarbeitertätigkeit hatte er von ihm manches aufmunternde Wort gehört und bald war zwischen Lukas und dem zehn Jahre Älteren ein zunehmend vertrauterer Umgang entstanden. Sie scherzten miteinander, tauschten sich über ihre Ansichten zu Alltäglichem aus, berührten immer öfter auch politisch brisante Themen und bald war sich Lukas sicher, es bei Zinker mit einem Gleichgesinnten zu tun zu haben. Das geistige Bündnis hatte seine Bekräftigung auch im gegenseitigen Austausch verbotener oder offiziell beargwöhnter Literatur gefunden. Zinker lieh Lukas den „Gang der Weltgeschichte“ des britischen Geschichtsphilosophen Arnold Toynbee und Lukas revanchierte sich mit Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Zinkers spritziger Intellekt, seine schnelle Auffassungsgabe, seine breit gefächerten Interessen und auch sein mitunter ins Skurrile gehender Humor erhoben ihn für den nach Vorbildern suchenden, bewunderungswilligen jüngeren Mann in eine Art Meisterrolle.
Katharina erwähnte einmal beiläufig, dass ihre Freundin Paula, mit der sie eine Ausbildung zur Medizinisch-technischen Assistentin absolviert hatte, jetzt mit einem Theo Zinker verheiratet sei. Der sei Tierarzt und ob Lukas ihn vielleicht kenne. Es dauerte nur wenige Wochen bis zwischen beiden Paaren eine Freundschaft entstand, die von großer gegenseitiger Sympathie und bedingungslosem Vertrauen getragen war. Zinker hatte nach seinem Ausscheiden aus der Veterinärmedizinischen Fakultät eine vielversprechende Wissenschaftlerstelle beim Forschungszentrum für Tierproduktion Dummerstorf-Rostock angenommen. Dort gab es eine in Leipzig angesiedelte Forschergruppe, die telemetrische Untersuchungen an landwirtschaftlichen Nutztieren durchführen wollte. Die Gruppe stand unter der Leitung eines Tierarztes, der zugleich einen Abschluss als Diplom-Physiker hatte. Sie war nicht nur mit den modernsten Messgeräten, sondern auch mit auffälligen, weiß lackierten Messfahrzeugen und Jeeps eines rumänischen Herstellers ausgestattet. Das waren Forschungsbedingungen, von denen ein tiermedizinisches Institut an der Universität nur träumen konnte.
Theo Zinker sprach voller Begeisterung von den Möglichkeiten, die das Forschungszentrum böte. Überschwänglich malte er sich Projekte aus, die international Aufsehen erregen würden: „Wir werden Untersuchungen zum Stress und zum Adaptationssyndrom nicht nur an Schweinen und Kühen durchführen. Wir werden an Menschenaffen arbeiten und ein Delphinarium aufbauen! Alle Daten telemetrisch gewinnen! Ich werde mein Stressmodell Hans Selye in Montreal persönlich vorstellen. Ich kann einige Lücken in seinen Überlegungen schließen. Wir haben die Chance, berühmt zu werden!“ Lukas ließ sich von Zinkers Begeisterung anstecken. „Willst du nicht zu uns kommen. Lass die Anatomie die Anatomie sein. Dort ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Bei uns spielt die Musik. Paula macht auch bei uns mit und wenn Katharina ihr Biochemiestudium beendet hat kommt sie selbstverständlich dazu. Wir brauchen gute Leute, keine Wissenschaftsbeamten. Es wird keine Grenzen mehr zwischen Arbeit und Freizeit geben. Wenn nötig, werden wir Tag und Nacht arbeiten. Und leben sollten wir in einer Kommune. Arbeiten, saufen, lieben – großartig!“
Zinker bezog Lukas in seine Überlegungen zur Auswahl geeigneter Mitarbeiter ein. „Helga Hinze würde mitmachen, aber Sonnenkalb darf das noch nicht wissen. Heiner Seidel hat leider abgesagt. Der ist mit seinem Lehrbuch über Schweinekrankheiten beschäftigt, das bald erscheinen soll. Unter den Forschungsstudenten sind ein paar gute Leute, die werde ich ansprechen. Originelle Ideen haben sowieso nur die Jungen. Als Selye sein Allgemeines Anpassungssyndrom publiziert hatte, hat man ihm ein Rieseninstitut für Stressforschung gebaut. Aber es kam nichts mehr von ihm. Er war zu alt.“ Zinker nannte den Namen eines Forschungsstudenten, von dem er besonders viel hielt. Der war auch Lukas als besonders fleißig aufgefallen. Da er häufig bis spät in die Nacht im Institut über der Literatur zu seiner Doktorarbeit saß, hatte er schon mehrfach bemerkt, dass im Labor dieses Jürgen Zander noch Licht brannte. Einmal hatte Zander sogar zu mitternächtlicher Stunde in der Anatomie geklingelt und nach etwas Rauchbarem gefragt. Zigarren qualmend waren die beiden jungen Männer ins Gespräch gekommen und Lukas erfuhr, dass sein Besucher Mitglied der SED war. „Schade“, dachte er, „das wäre bestimmt ein guter Mann, aber auch Theo würde doch sicher keinen haben wollen, der in der Partei ist.“
Als er Zinker darauf ansprach, winkte der ab. „Das spielt doch überhaupt keine Rolle. Wenn du in diesem Land etwas werden willst, dann geht es nicht mehr ohne Parteimitgliedschaft. Bis zum Mauerbau war das natürlich anders. Die alten sind alle noch ohne Parteibuch Professoren geworden. Die guten unter ihnen hätte man sonst nicht halten können, die wären in den Westen abgedriftet. Und die weniger guten wurden Professoren weil man keine anderen hatte. Aber inzwischen gibt es genug gute Kandidaten und wer sich heute politisch querstellt, wird aussortiert. Mich hat man noch zum Zweitstudium Medizin zugelassen. Das war vor dem 13. August. Hätten die das abgelehnt, wäre ich sofort abgehauen. Aber jetzt ist die Klappe zu und du musst mitspielen. Es ist denen doch völlig egal was du glaubst und denkst. Die Hauptsache ist, du fügst dich und tust so als ob. Seit der Niederschlagung des Prager Frühlings hat dieses System den Rest seiner Glaubwürdigkeit verloren. Dass sie ideologisch bankrott sind, ist denen doch selber klar. Jetzt geht es den alten Männern nur noch um den Machterhalt. Sie hoffen, dass alles noch solange hält, bis sie in die Kiste springen.“
Lukas war perplex. Eine Parteimitgliedschaft würde für ihn nie infrage kommen. Er lehnte dieses System von ganzem Herzen ab und eigentlich wähnte er sich mit Theo in dieser Haltung einig. Musste er seine Position vielleicht überdenken? War es zulässig um des beruflichen Fortkommens willen zu heucheln? Darüber müsste nachgedacht, das müsste mit Freunden besprochen werden. Mitgliedschaft in den Jungen Pionieren und in der FDJ, um zur Oberschule zu kommen oder Eintritt in die DSF und in die Gewerkschaft, um sich nicht gänzlich querzustellen – in Gottes Namen. Aber in eine kommunistische Partei, die gegen den Willen der Mehrheit des Volkes und in Moskaus Namen regiert – auf keinen Fall. Wenn man das von ihm als Voraussetzung für eine Stelle in der Forschungsgruppe verlangte, dann eben nicht. In der Anatomie ließ man ihn diesbezüglich in Ruhe und die Arbeit machte ihm immer mehr Freude.
Die Frage eines Wechsels in das Forschungszentrum löste sich bald von selber. Die Leipziger Forschungsgruppe wurde aufgelöst ehe sie richtig mit der Arbeit beginnen konnte. „Die haben unser Konzept überhaupt nicht verstanden, hatten Angst, dass wir uns ihrer Bevormundung entziehen“, meinte Zinker. „Die Zeit ist hier noch nicht reif für eine freie Forschung. Zum Glück habe ich die Medizin. Pharmakologie oder Psychiatrie, beides interessiert mich. Am Thema Stress arbeite ich dort weiter.“
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Lukas Hoffnung, in der Anatomie politisch völlig unbehelligt zu bleiben, erfüllte sich nicht ganz. An der sogenannten gesellschaftlichen Arbeit führte auch hier kein Weg vorbei. Die monatlich abgehaltenen Versammlungen der Gewerkschaftsgruppe, also aller Mitarbeiter des aus zwei Fachgruppen bestehenden ehemaligen Instituts, kannte er aus seiner Zeit als Anatomiegehilfe. Sie fanden an jedem ersten Montag im Monat um 13 Uhr statt. Hätte man vom wissenschaftlichen Personal auch verlangen können eine solche Versammlung außerhalb der Arbeitszeit zu besuchen, hätte man mit einem solchen Ansinnen bei den meisten technischen Mitarbeitern auf Granit gebissen. Bei ihnen hatte man keine Druckmittel. Personal war überall knapp und wurde an der Universität auch schlechter bezahlt als in Produktionsbetrieben. Die Leute mussten mit Samthandschuhen angefasst werden, damit sie nicht davonliefen.
Eine Gewerkschaftsgruppenversammlung hatte nicht den Charakter einer politischen Veranstaltung. Es war viel eher ein geselliges Beisammensein der Kollegen, die bei einer Tasse Kaffee ein Pflichtprogramm über sich ergehen ließen. Das vorgegebene Ziel hieß Kollektivbildung, deren Erfolg durch den möglichst regelmäßigen Erwerb des Titels „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ beglaubigt werden sollte. Die Leitung der Versammlung hatte der Gewerkschaftsgruppenvertrauensmann, kurz GGV genannt. Gesprochen wurde über gemeinsame kulturelle Unternehmungen, etwa den Besuch einer Theatervorstellung, einer Ausstellung oder eine Buchlesung. Auch die Gestaltung von Feierstunden zum 1. Mai, zum 7. Oktober oder zu Weihnachten waren ein Thema. Die Chefs nahmen die Gelegenheit der Gewerkschaftsversammlung wahr, ihre Mitarbeiter über Organisatorisches zu informieren.
Längeren Beratungsbedarf gab es bei der Festlegung des Ziels für den jährlichen Betriebsausflug. „Aber nich wieder so ewich rumlatschen wie im Wörlitzer Park“, sagte Frau Quellmalz. „Und nich wohin, wo viel Wald is. Die jungen Leute verdrücken sich nachm Gaffee im Grünen und die alten sitzen ewich in dor Kneipe rum“, ergänzte Frau Grimmig. „Wie wäre es denn mit Dresden? Das Albertinum ist doch immer eine Reise wert“, schlug Dietmar Knabe vor. Die Resonanz auf den Vorschlag war mäßig. „Ich bin dafür, mal wieder in den Spreewald zu fahren“, warf Professor Schröder ein. „Da waren wir zwar schon mal, aber so eine Kahnfahrt ist nicht so anstrengend und wir sind die ganze Zeit an der frischen Luft. Und die jungen Leute können sich dort nicht in den Wald verdrücken, da kriegen sie nämlich nasse Füße.“ Der Vorschlag fand allseits Beifall und Lukas erste Institutsausfahrt als wissenschaftlicher Assistent führte in die berühmte Flusslandschaft südöstlich von Berlin.
Da es neben dem Titel eines sozialistischen Kollektives immer auch um den eines Kollektivs der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) ging, wurde nach sogenannten Aktivitäten Ausschau gehalten, die sich gleich doppelt verkaufen ließen. Solche Möglichkeiten waren zum Beispiel der Besuch eines sowjetischen Films, die Lesung aus dem Buch eines sowjetischen Autors oder, ein Vorschlag, der regelmäßig von Professor Sonnenkalb gemacht wurde, ein Samowar-Abend. Ein Dauerbrenner auf diesem Gebiet war der Besuch der Iskra-Gedenkstätte im Stadtteil Probstheida. Die Iskra (russisch: der Funke) war eine Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, deren Federführung in den ersten drei Jahren ihres Erscheinens bei Lenin lag. Die erste Ausgabe der Zeitung war im Jahre 1900 in der Druckerei von Hermann Rauh in Probstheida bei Leipzig heimlich gedruckt worden. Der Führer der russischen Revolution war aus diesem Anlass persönlich in Leipzig gewesen. Deutsche Sozialdemokraten hatten ihm Quartier besorgt und halfen beim Transport des Blattes über die deutsch-russische Grenze. An diesen frühen Akt revolutionärer Zusammenarbeit der deutschen und der russischen Arbeiterbewegung erinnerte die Gedenkstätte. Arbeitskollektive, Schulklassen, Jugendweihegruppen, studentische Seminargruppen, sowjetische und NVA-Soldaten, Besuchergruppen aus dem sozialistischen Ausland pilgerten zum ehemaligen Standort der Druckerei in der Russenstraße 48. Lukas hat diese Kultstätte der russischen Revolution unfreiwillig dreimal gesehen, einmal als Schüler, ein zweites Mal als Student und ein letztes Mal als Assistent der Anatomie.
In den siebziger Jahren fand im Anschluss an jede Gewerkschaftsgruppenversammlung ein Luftgewehrschießen statt. Seit 1961 gab es einen von der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) sowie der FDJ organisierten sogenannten „Fernwettkampf um die Goldene Fahrkarte“. Die erklärte Absicht der Initiatoren dieses Schießwettkampfes war es, „das sozialistische Vaterland allseitig zu stärken und seinen militärischen Schutz zu gewährleisten.“ Da mussten vom Jugendlichen bis zum Rentner alle ran. Der Sportverantwortliche der Gewerkschaft hatte im Präpariersaal die entsprechenden Vorbereitungen getroffen. Zwei Kugelfangkästen waren an einer hölzernen Wand aufgehängt und aus geschätzten 5 Metern Entfernung musste jeder Mitarbeiter stehend freihändig fünf Schuss auf eine Scheibe abgeben. Auf der Scheibe waren vier Scheibenspiegel mit fünf ineinander liegenden Ringen, im Zentrum die Zehn, sowie die Silhouette eines Menschen abgebildet. Zu erreichen waren also maximal 40 Ringe. Sofern auch der Mensch getroffen war, nahm die Scheibe an einer Auslosung teil. Die Männer erfüllten ihre Schießpflicht im Handumdrehen. Den meisten machte das Schießen Spaß. Schwieriger war es bei den Frauen. Die älteren unter ihnen hatten noch nie ein Gewehr in der Hand und boten in der Schützenpose ein recht ulkiges Bild. Frau Quellmalz lehnte das Schießen rigoros ab. „Ich bin doch kein Flintenweib“, rief sie. Und leise fügte sie hinzu: „Ich habe meinen Mann im Krieg verloren. Ich fasse kein Gewehr an.“ Lukas sprang für sie ein und da er ein recht ordentlicher Schütze war, wurden auf Frau Quellmalz’ Scheibe 38 Ringe eingetragen. In der Auslosung gewann sie eine kunstlederne Herrenaktentasche.
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Zu seiner ersten gesellschaftlichen Funktion als wissenschaftlicher Assistent kam Lukas wie die Jungfrau zum Kind. Sein Chef, Professor Schröder, war mit dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft an der Sektion Tierproduktion und Veterinärmedizin persönlich befreundet. Professor Hensel war daher häufig Gast in der Anatomie. Kaum hatte ihm die Sekretärin auf sein Klingeln geöffnet, füllte des Professors lautstarke Fröhlichkeit das Haus. Lukas Dienstzimmer lag direkt neben dem seines Chefs. Beide Zimmer waren über eine gepolsterte Tür miteinander verbunden, deren geräuschdämpfende Wirkung aber nicht ausreichte, lautes Lachen oder leidenschaftliche Wortwechsel im Chefzimmer vor ihm zu verbergen. Eines Tages war nebenan wieder einmal das schallende Organ des DSF-Vorsitzenden zu hören und in dessen Rede tauchte Lukas’ Name auf. Kurz darauf wurde die Verbindungstür aufgerissen und Professor Hensel rief: „Kommen Sie mal rüber! Ich habe eine Funktion für Sie. Sie müssen ja was machen. Ohne gesellschaftliche Arbeit können Sie nichts werden. Ich kooptiere Sie in den DSF-Vorstand der Sektion.“ „Ich bin aber gar nicht in der DSF“, entgegnete Lukas. „Spielt gar keine Rolle. Ab heute sind Sie’s. Das ist gewissermaßen ein Fall von Urzeugung. Hier ist ein Aufnahmeantrag. Unterschreiben!“ Eine Woche später nahm das neue Mitglied des Vorstandes erstmals an dessen monatlicher Sitzung teil. Seine Zugehörigkeit zu diesem Gremium sollte sieben Jahre währen. Die ihm auf so drollige Weise zugefallene Funktion hat Lukas nie Verdruss bereitet. In den Leitungssitzungen war der Vorsitzende der fröhliche Wortführer, der die Zustimmung der anderen durch Zuruf einholte. Nur hin und wieder musste eines der Vorstandsmitglieder den Vorsitzenden zu einer Verteidigung des DSF-Kollektivtitels in eine Fachgruppe begleiten. Der zirzensische Charakter dieser Veranstaltungen mit Professor Hensel bekam bald einen legendären Ruf.
Zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags von Betrieben, Schulen, Universitäten und allen sonstigen Einrichtungen in den von kommunistischen Parteien geführten Ländern gehörte das Anfertigen von Wandzeitungen zu politischen Themen. Ursprünglich in der Sowjetunion erfunden, zierte dieses Agitpropmedium bald Abermillionen Wände im sowjetischen Machtbereich. Stengazeta, das russische Wort für Wandzeitung, war eine der ersten Vokabeln, die Lukas schon am Anfang seines mit der fünften Klasse beginnenden Russisch-Unterrichts lernte. In der Anatomie war es Brauch, dass die Wandzeitung jeweils von einem wissenschaftlichen und einem technischen Mitarbeiter gestaltet wurde. Ersterer verfasste gewöhnlich den Text, letzterer besorgte die graphische Gestaltung. Lukas’ Kooptation in den DSF-Vorstand legte es nahe, ihn um das Verfassen eines Textes anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft zu bitten. Frau Herdecke, eine Mitarbeiterin aus dem histologischen Labor durchstöberte auf der Suche nach bunten Bildern einige Ausgaben der „Neuen Berliner Illustrierten“ (NBI) und des sowjetischen Nachrichtenmagazins „Sputnik“. Die ausgeschnittenen Bildchen und der Text wurden zu einer Art Collage auf rotem Tuch verarbeitet. Sie zierte das Foyer der Anatomie für einige Wochen. Gelesen wurde der Text mit Sicherheit von niemandem. „Wir könnten statt meines Textes auch ein Kochrezept anbringen“, kommentierte Lukas das Werk. „Das würde ich Ihnen nicht empfehlen“, entgegnete Frau Herdecke hellsichtig. „Stellen Sie sich vor, das liest einer von der Partei. Dann war das nicht nur Ihre letzte Wandzeitung.“
Begnügte man sich bei den technischen Mitarbeitern mit zaghaften politischen Unterweisungen im Rahmen der Gewerkschaftsgruppen, wurde das wissenschaftliche Personal zusätzlich ein wenig härter rangenommen. Für die parteilosen Wissenschaftler gab es das Marxistisch-Leninistische Kolloquium. Es fand einmal monatlich an einem Montag um 16 Uhr statt. Der Leiter der Veranstaltung war nicht zu beneiden. Vor ihm saßen Zuhörer unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Dienststellung, vom nicht promovierten befristeten Assistenten bis zum habilitierten Oberassistenten. Die Bereitschaft des Auditoriums, den Ausführungen nicht nur zu folgen, sondern sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen, war unterschiedlich ausgeprägt, alles in allem aber dominierte Zurückhaltung. Eine ausdrückliche dienstliche Verpflichtung zur Teilnahme gab es nicht. Dennoch ging man zu den Kolloquien. Eine Verweigerung hätte, das war klar, eine weitere berufliche Laufbahn an der Universität unmöglich gemacht.
Für Lukas waren sie nur eine der vielen Pflichtübungen, die das politische Regime von seinen Untertanen verlangte. Völlig entspannt setzte er sich im Seminarraum in die letzte Reihe und zündete sich eine Tabakspfeife an. Das Rauchen war in jenen Jahren noch ein von der Mehrheit gebilligtes Vergnügen und für die aromatischen Schwaden seines Clan-Tabaks aus dem Intershop erntete er gewöhnlich eher Beifall. An der Diskussion beteiligte er sich nicht. Es gab schließlich keine ML-Prüfung mehr. Die Zeit, da man der fetten Selbstgewissheit eines Seminarleiters mit geheucheltem Interesse begegnen und seine unverhohlenen Drohgebärden hinnehmen musste, war Gott sei Dank vorbei. Der zähflüssige Dialog zwischen Vortragendem und Auditorium wurde hin und wieder durch Wortmeldungen von Heinrich Seidel, habilitierter Oberassistent in der Biochemie, aufgelockert. Einmal kam bei der Behandlung eines ökonomischen Themas die Sprache auf die Exquisit- und Delikat-Geschäfte, die mit Beginn der siebziger Jahre zahlreicher wurden. In seiner gewohnt prägnanten Ausdrucksweise geißelte er diese Läden: „Wenn ich die perversen Luxusreaktionen vor diesen Kaufläden sehe, wird mir übel. Was hat denn das mit sozialistischer Ökonomie zu tun. Dem westlichen Konsumgebaren nachzulaufen, gleicht dem Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel. Wenn der östliche Hase abgehetzt ankommt, ist der westliche Igel längst da. Wenn euch nichts Originelleres einfällt, dann gebt es besser auf.“
Wesentlich interessanter als die Kolloquien waren die Veranstaltungen des Assistentenclubs. Die Teilnahme dort war nun wirklich freiwillig. Er wurde von dem Pathologen Dr. Peter Rittenbach organisiert. Lukas hatte ihn als Betreuer seiner Diplomarbeit kennen und seine freundliche Behutsamkeit schätzen gelernt. Das erste Thema bei dem Lukas im großen Hörsaal der Pathologie zugegen war lautete: „Erkenntnistheoretische Probleme der Entwicklung des theoretischen Denkens in der Medizin“.
Schon in seinem ersten Dienstjahr machte Lukas auch Bekanntschaft mit der Arbeit von Kommissionen, die es für die
