Luther denken -  - E-Book

Luther denken E-Book

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Beschreibung

Die Universität Jena galt lange Zeit als Hort des wahren Luthertums und Rezeptionsort Luthers und der Reformation. Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart fragten Jenaer Theologen und Kirchenvertreter sowie Gelehrte anderer Disziplinen immer wieder nach dem Erbe der Reformation für die protestantische Religion und wissenschaftliche Gelehrtenkultur und prägten damit die deutsche Ideen- und Theologiegeschichte. Im vorliegenden Band werden bisher kaum bekannte Festpredigten erforscht, die öffentliche Wirkung der Reformationsjubiläen in Kirche, Kunst, Kultur und Gesellschaft untersucht sowie die Impulse für Theologie und Geschichtswissenschaft durch Jenaer Forscher im 20. Jahrhundert reflektiert. Alle Beiträge gehen auf Vorträge zurück, die im Rahmen der Ringvorlesung der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Sommersemester 2017 gehalten wurden. Mit Beiträgen von Joachim Bauer, Katharina Bracht, Alf Christophersen, Uwe Dathe, Klaus Dicke, Daniel Gehrt, Martin Kessler, Michael Plathow, Klaus Ries, Miriam Rose und Christopher Spehr. Thinking Luther. The Reformation in the Works of Jena Scholars The Jena University has been for a long time considered as the stronghold of true Lutheranism and as a place of the reception of Luther and the Reformation. From the 16th century until today Jena theologians and representatives of the church and of other academic disciplines continually reflected on the legacy of the Reformation in view of Protestant religion and the academic scholarly culture, shaping therewith German theological and intellectual history. The present volume explores little-known ceremonial sermons and the public impact of the Reformation anniversaries on church, art, culture, and society. Furthermore, it analyzes the impact of Jena scholars on theology and historiography in the 20th century. All contributions derive from lectures that were held in the framework of the lectures series of the Friedrich Schiller University Jena in the summer semester 2017.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2019

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SCHRIFTEN ZUR GESCHICHTE DERTHEOLOGISCHEN FAKULTÄT JENA (SGTHFJ) | 2

HERAUSGEGEBEN VONKATHARINA BRACHT UND CHRISTOPHER SPEHR

Christopher Spehr (Hrsg.)

LUTHER DENKEN

Die Reformation im Werk Jenaer Gelehrter

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Coverbild: Tobias Stäbler, Jena

Satz: makena plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-05877-8

www.eva-leipzig.de

VORWORT

Die Universität Jena ist aus der Reformation hervorgegangen. Mit Martin Luther und dem Luthertum ist sie aufs engste verbunden. Diese Verbindung resultiert weniger aus den mindestens elf Besuchen, die der Reformator in der Saalestadt aus verschiedenen Anlässen tätigte, von denen die Auseinandersetzung mit Andreas Bodenstein von Karlstadt 1524 zu den bekanntesten zählt. Auch entfaltete die Tatsache, dass die Wittenberger Universität zweimal, 1527/28 und 1535, wegen der in Wittenberg wütenden Pest nach Jena verlegt wurde, noch keine eigene Tradition. Es war vielmehr die Neugründung der Landesuniversität – 1548 als Hohe Schule, 1558 dann mit kaiserlichem Privileg ausgestattet –, welche Luther mit Jena verquickte und zu einer jahrhundertelangen Symbiose von akademischer Lehre und gelebtem Luthertum führte. Weil den ernestinischen Landesherren nach der verlorenen Schlacht bei Mühlberg 1547 die Kurwürde und die Kurlande mit Wittenberg aberkannt worden waren und die Universität Wittenberg den albertinischen Verwandten zugefallen war, setzten der geborene Kurfürst Johann Friedrich und seine Söhne alles daran, tüchtige Pfarrer und Juristen für ihr Territorium auszubilden. Gleichzeitig verpflichteten sie sich, die Lehre des 1546 verstorbenen Luther weiterhin zu pflegen und dessen Erbe richtig und wahrheitsgetreu zu bewahren. Zu diesem Zweck wurden nicht nur das Projekt der Jenaer Lutherausgabe initiiert und Persönlichkeiten wie Georg Rörer gewonnen, sondern auch streitbare Theologen wie Matthias Flacius Illyricus oder Victorin Strigel als Professoren verpflichtet. Zudem wurde Luthers Bronzeepitaph 1571 der Universität offiziell übergeben und in der Stadtkirche aufgestellt. Von Beginn an zählte die Lutherinterpretation und -rezeption zu den Kernanliegen der Jenaer Universität, die sich in ihren frühen Jahren sogar zum »Hort des wahren Luthertums« und besseren Wittenberg stilisierte. Luther zu »denken« und seiner zu »gedenken«, gehörte zum festen Bestand des akademischen Lehrens und Lebens der Salana, so der alte Name der Universität Jena.

Diese Beobachtungen und Traditionslinien griff die Theologische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena auf und veranstaltete im Rahmen des Reformationsjubiläums zum Sommersemester 2017 eine interdisziplinäre Ringvorlesung. Neben vielfältigen wissenschaftlichen Forschungsprojekten, Graduiertenkollegs, Tagungen, Konferenzen, Studientagen und Ausstellungen sowie der Mitwirkung am Kirchentag auf dem Weg im Mai und den Ehrenpromotionen am 30. Oktober 2017, die in Jena aus Anlass der Reformationsdekade stattfanden, verknüpfte die Ringvorlesung die traditionell-akademische Luthermemoria mit konkreten historisch-theologischen Problemstellungen. Hierbei rückten Jenaer Gelehrte – keineswegs nur auf die Theologen beschränkt – in den Fokus, um zu untersuchen, wie deren Interpretation von und Auseinandersetzung mit Luther zur Ausbildung eigener denkerischer Entwürfe anregte. Wie wurde Luther »gedacht«? Wie wurde an ihn und an die Reformation erinnert? Welches Lutherbild ventilierten die Gelehrten in ihrem literarischen Werk? Und welche Folgerungen zogen sie aus ihrem Nach- und Weiterdenken über Luther für die Gegenwart? Um vergleichende Perspektiven zu ermöglichen, sollten Vertreter möglichst verschiedener Epochen vorgestellt und deren »Luther-Denken« interpretiert werden. Dass hierbei auch Gelehrte in den Fokus genommen wurden, deren Wirken nur eine gewisse Zeit in Jena umfasste, aber außerhalb Jenas beschlossen wurde, unterstreicht die Lebendigkeit und den personellen Austausch einer Universitätsstadt über die Jahrhunderte hinweg.

Die Beiträge der Ringvorlesung, die zum größten Teil hier dokumentiert werden, folgen einem chronologischen Aufriss und bieten überraschende und vertiefende Einblicke in die Reformationsdeutungen früherer Generationen, welche keineswegs nur von Zustimmung geprägt waren. Unter anderem werden bisher kaum berücksichtigte Festpredigten erforscht, die öffentliche Wirkung der Reformationsjubiläen in Kirche, Kunst, Kultur und Gesellschaft betrachtet und neue Perspektiven auf einzelne Jubiläumsfeste eröffnet. So untersucht Daniel Gehrt die Anfänge der Salana um 1550/60 und thematisiert das Wirken Matthias Flacius Illyricus’ im »neuen Wittenberg« in Form von »Streifzügen«. Katharina Bracht widmet sich dem Reformationsgedenken 1617 anhand der Festpredigten von Johann Major, Johann Gerhard und Johann Himmel. Christopher Spehr lenkt den Blick auf die Lutherrezeption bei Johann Franz Buddeus und Johann Georg Walch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Klaus Dicke analysiert Friedrich Schillers Reformations- und Lutherdeutung im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert. Die zeitgleiche, gleichwohl kritische Reformationsdeutung durch Novalis thematisiert Miriam Rose. Welches Bild von Luther und der Reformation Heinrich Eberhard Gottlob Paulus zeichnete, beantwortet Michael Plathow. Klaus Ries profiliert das Wartburgfest von 1817 und Fries’ Lutherinterpretation. Alf Christophersen pointiert Hegels Lutherdeutung. Uwe Dathe erinnert an Rudolf Euckens lebensphilosophische Luther-Interpretation im Umfeld des Ersten Weltkrieges. Über die Karlstadtforschung von Erich Hertzsch berichtet Martin Keßler. Und das historiographische, auf Max Steinmetz zurückgehende Konzept der Frühbürgerlichen Revolution erläutert schließlich Joachim Bauer. Mit diesen facettenreichen Aufsätzen, die zu weiteren Tiefenbohrungen anregen möchten, erfolgt zugleich ein genuiner Beitrag zur Rezeption der Reformationsgeschichte in Mitteldeutschland und zur Ideen-, Universitäts- und Stadtgeschichte Jenas.

Dass der Band in der vorliegenden Form und als Nr. 2 in der Reihe »Schriften zur Geschichte der Theologischen Fakultät Jena« erscheinen konnte, verdankt sich dem hohen Engagement aller Beteiligter. Den Autorinnen und Autoren danke ich für ihre Bereitschaft, ihre Vorträge für den Druck zu überarbeiten und als Aufsätze zur Verfügung zu stellen. Meinen Mitarbeitern Maja Menzel, Maximilian Rosin und Tobias Stäbler sowie ganz besonders PD Dr. Roland M. Lehmann danke ich für die kritischen Anregungen, wertvollen Zuarbeiten und redaktionellen Bearbeitungen. Der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig – namentlich Frau Dr. Annette Weidhas – danke ich für die reibungslose Zusammenarbeit bei Herstellung und Vertrieb.

Überhaupt möglich wurde die Drucklegung dank der großzügigen finanziellen Förderung durch die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Friedrich-Schiller-Universität Jena e. V., die Internationale Martin Luther Stiftung, die Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte e. V. und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Jena, am Reformationstag 2018

Christopher Spehr

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Daniel Gehrt

MATTHIAS FLACIUS ILLYRICUS UND DAS »NEUE WITTENBERG« AN DER SAALE

Streifzüge durch neuere Forschungen zur frühen Universitätsgeschichte Jenas

Katharina Bracht

»EIN CHRISTLICH JUBEL- UND FREWDENFEST«

Das Reformationsgedenken 1617 im Spiegel der Festpredigten von Major, Gerhard und Himmel

Christopher Spehr

DIE JENAER LUTHERREZEPTION IM FRÜHEREN 18. JAHRHUNDERT

Johann Franz Buddeus und Johann Georg Walch als theologische Akteure

Klaus Dicke

»IHR SEID EIN PROTESTANT«

Friedrich Schiller und die Reformation

Miriam Rose

»MIT DER REFORMATION WAR’S UM DIE CHRISTENHEIT GETAN«

Novalis’ Utopie der christlichen Religion

Michael Plathow

»DENKGLÄUBIGKEIT«

Heinrich Eberhard Gottlob Paulus’ Bild von Luther und der Reformation

Klaus Ries

FRIES IN DER ROLLE LUTHERS

Das Wartburgfest von 1817

Alf Christophersen

»DAS DENKEN IST EINES JEDEN PFLICHT«

Hegel, die Reformation Luthers und der Protestantismus

Uwe Dathe

REFORM DES GLAUBENS? REFORM DER KIRCHE? REFORM DES LEBENS!

Rudolf Euckens lebensphilosophische Luther-Interpretation

Martin Keßler

ORLAMÜNDE STATT WITTENBERG

Andreas Bodenstein von Karlstadt in der Forschung von Erich Hertzsch

Joachim Bauer

MAX STEINMETZ UND DAS KONZEPT DER FRÜHBÜRGERLICHEN REVOLUTION

Abkürzungsverzeichnis

Personenregister

Autorenverzeichnis

Weitere Bücher

Endnoten

Daniel Gehrt

MATTHIAS FLACIUS ILLYRICUS UND DAS »NEUE WITTENBERG« AN DER SAALE

Streifzüge durch neuere Forschungen zur frühen Universitätsgeschichte Jenas1

Historische Jubiläen gelten spätestens seit dem 18. Jahrhundert als starke Impulsgeber für die Publikation von historiographischen Arbeiten und Editionen,2 denn durch dieses öffentlichkeitswirksame Medium der Erinnerung erreicht das Interesse an dem gewürdigten Ereignis oder der gefeierten Einrichtung seinen neuerlichen Höhepunkt.3 Häufig geht dieses Phänomen Hand in Hand mit einer persönlichen Identifikation mit dem Erinnerten bzw. Gefeierten, sei diese lokaler, nationaler oder konfessioneller Natur, weil Jubiläen die Auseinandersetzung mit der sinnstiftenden Bedeutung der Eigengeschichte für die Gegenwart und die Zukunft verlangen. Unter dem Einfluss einer solchen Jubiläumsdynamik ist auch der vorliegende Beitrag entstanden. Er versteht sich als kleine Gabe zum 500. Reformationsjubiläum und will einen streifzugartigen Überblick über die neueren Forschungserkenntnisse zur frühen Geschichte der Universität Jena bieten. Der Autor gehört zu den Alumni der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die ursprünglich nach dem die Stadt entlang mäandernden Fluss Salana genannt wurde.4

Die besondere Beziehung der Salana zur Reformation ist in der Forschung gemeinhin bekannt. So hat Joachim Bauer (geb. 1955) in seiner grundlegenden Monographie zur Erinnerungskultur der Universität Jena in der Frühen Neuzeit festgestellt, dass bereits seit der Gründung der Hohen Schule in Jena 1548 der Anspruch auf die Erhaltung des »wahren« Luthertums für die Genese des korporativen Selbstbildes konstitutiv war.5 Dieser Tradition folgend lautet der Titelanfang einer Anthologie von Gedichten, die Universitätsmitglieder 1717 anlässlich des 200. Reformationsjubiläums verfassten, »Das wahre reine Luthertum Der Welt-berühmten Vniversität Jena«.6 In den Reden und Predigten anlässlich der ersten Säkularfeier der Reformation 1617 fehlt allerdings jeder Verweis auf dieses Selbstbild.7 Dies mag damit zusammenhängen, dass die Gelegenheitsschriften im Rahmen des Jubiläums 1617 und 1717 grundsätzlich auf Luthers Leben und Wirken sowie auf die Frühreformation im Allgemeinen fokussiert waren.8 In dieser Zeit, die vor der Gründung der Hohen Schule lag, war die Bedeutung der kleinen Wein- und Ackerbaustadt Jena relativ gering; im gängigen Narrativ der Reformation als Erinnerungsfigur spielte sie kaum eine Rolle. Ganz anders verhielt es sich mit der weiter westlich gelegenen Residenzstadt Gotha: Wegen des immer wieder zitierten Traums des ersten evangelischen Superintendenten Friedrich Myconius (1490–1546) über Johann Tetzels (ca. 1460–1519) Ablasshandel sowie wegen der Sonderstellung Gothas als Zentrum für die Kirchen- und Bildungspolitik der ernestinischen Kurfürsten in »Thüringen« seit Mitte der 1520er Jahre fanden bereits 1617 lokale Ereignisse und Akteure der Reformation in den dortigen Reden ihren Niederschlag.9

Erst 1658 wurde anlässlich der sich zum 100. Mal jährenden Eröffnung der Salana als vollprivilegierte Universität die Eigengeschichte, insbesondere die Anfänge und der »Gründungsmythos«, im Rahmen eines historischen Jubiläums ausführlich thematisiert.10 Der damalige Dekan der Theologischen Fakultät, Johann Ernst Gerhard (1621–1668), behandelte verschiedene Aspekte der Universitätsgeschichte in einer nie veröffentlichten Festrede und veranstaltete zwei feierliche Disputationen über den theologischen Streit, der Ende der 1550er Jahre zwischen den Jenaer Professoren Matthias Flacius Illyricus (1520–1575) und Viktorin Strigel (1524–1569) über die Frage der Erbsünde und der Willensfreiheit entbrannt war.11 Die Predigt des Jenaer Theologieprofessors und Superintendenten Christian Chemnitz (1615–1666), die als seltener Druck erhalten ist und bei der zweiten Säkularfeier 1758 eine Zweitauflage erfuhr,12 wurde grundlegend für spätere Darstellungen der Universitätsgeschichte, einschließlich der ersten Monographie über die Gründung der Salana, die der Jenaer Theologieprofessor und Superintendent Johann Carl Eduard Schwarz (1802–1870) anlässlich ihres 300. Jubiläums 1858 verfasste.13 1958/62 gelang es einem Kollektiv des Historischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität Jena unter der Leitung von Max Steinmetz (1912–1990), eine erste moderne Gesamtdarstellung der Universitätsgeschichte Jenas im Zeichen des historischen Materialismus zu publizieren.14

Auch in jüngerer Zeit belebten historische Jubiläen entscheidend die Erforschung der »Eigengeschichte«, sind doch neuere Studien zur Salana von Professoren, Dozenten, Studenten und Alumni in Verbindung mit den feierlichen Erinnerungen an die beiden Gründungsjahre dieser Bildungsstätte und an die Geburt von deren Stifter erschienen. Im Rahmen des 450. Jubiläums der Gründung der Salana als Hohe Schule 1998, welche die Universität mit einer kleinen Ausstellung im Senatssaal würdigte,15 sowie anlässlich des sich zum 500. Mal jährenden Geburtstages von Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503–1554) im Jahr 2003 haben vor allem Joachim Bauer und Helmut G. Walther (geb. 1944) dazu beigetragen, die Gründung der Salana in die deutsche und europäische Universitätsgeschichte einzuordnen, das besondere konfessionelle Selbstverständnis der Salana herauszuarbeiten und entsprechende Schlüsseldokumente zu edieren und zu kommentieren.16 Anlässlich des 450. Jubiläums der Eröffnung der Salana als vollprivilegierte Universität im Jahr 2008 erschienen lediglich einige einzelne Beiträge zur Frühgeschichte der Universität17 und eine Edition von zentralen Dokumenten zur Privilegierung18 – war doch ein Großteil der Forschungskräfte an der Universität Jena zur Frühen Neuzeit in den von 1998 bis 2010 geförderten Sonderforschungsbereich »Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800« eingebunden.19 Stattdessen wurden erstmals auch Anstrengungen unternommen, die Geschichte der Universität in der DDR-Zeit aufzuarbeiten.20

In den vergangenen zehn Jahren hat die Erforschung der Frühgeschichte der Salana durch große Erschließungsprojekte eine bemerkenswerte Bereicherung und wichtige Impulse erfahren. Dazu zählte unter anderem die Katalogisierung der »Reformationshandschriften« und der Nachlässe der Jenaer Theologieprofessoren Johann (1582–1637) und Johann Ernst Gerhard (1621–1668) in der Forschungsbibliothek Gotha.21 Mehrere Handschriftenbände aus diesen Sammlungen betreffen direkt oder indirekt die Jenaer Universitätsgeschichte. An der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena wurden die Sammlung Georg Rörers (1492–1557), des Redakteurs der Wittenberger und Jenaer Lutherausgaben, und die Bibliotheca Electoralis, die zu Luthers Lebzeiten an der Universität Wittenberg aufgestellt war und später nach Jena verbracht wurde, erschlossen.22 Die genannten Projekte verstehen sich zumindest zum Teil als Beiträge zur Reformationsdekade. Darüber hinaus sind zahlreiche grundlegende Studien erschienen, von denen nur die wenigsten einen direkten Bezug zu einem bestimmten Jubiläum aufweisen.23

Der vorliegende Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017 will in sieben Streifzügen Einblicke in neue Erkenntnisse zur frühen Geschichte der Salana gewähren, die aus Forschungen der beiden vergangenen Jahrzehnte hervorgegangen sind. Er richtet sein Augenmerk insbesondere auf die Bedeutung der Hohen Schule und späteren Universität Jena als »neues Wittenberg«, d. h. als Tochtergründung und Konkurrentin der Leucorea, sowie auf den zwischen 1557 und 1561 in Jena wirkenden Professor Matthias Flacius Illyricus, der als höchst umstrittener Theologe wie auch als innovativer und außerordentlich produktiver Gelehrter von europäischem Rang das ungebrochene Interesse der Forschung genießt.24

1. DAS »NEUE WITTENBERG« AN DER SAALE

Nach seiner Niederlage im Schmalkaldischen Krieg 1547 wurde der letzte ernestinische Kurfürst, Johann Friedrich I. von Sachsen, von Kaiser Karl V. (1500–1558) inhaftiert und in der sogenannten Wittenberger Kapitulation gezwungen, nicht nur auf die sächsische Kurwürde und die dazugehörigen Kurlande um Wittenberg zu verzichten, sondern auch auf die Leucorea, die damals zu den führenden Universitäten Europas zählte. Das ernestinische Territorium wurde auf Herrschaftsgebiete in Thüringen und Franken und somit auf ungefähr ein Drittel seiner vorherigen Größe reduziert. Neben den drastischen machtpolitischen Verlusten zugunsten des albertinischen Herzogs Moritz von Sachsen (1521–1553), einem Verbündeten des Kaisers, waren Johann Friedrich I. und seine Söhne mit den Bestrebungen Karls V. konfrontiert, die protestantischen Städte und Territorien des Reichs auf der Grundlage des sogenannten Augsburger Interims von 1548 zu rekatholisieren. Dieses Religionsgesetz drohte die von Wittenberg ausgehenden und von den Ernestinern jahrzehntelang entscheidend geförderten Theologie- und Kirchenreformen zunichtezumachen. Die Herzöge und ihre Theologen warfen dem neuen sächsischen Kurfürsten Moritz und insbesondere seinem einflussreichsten kirchenpolitischen Berater Philipp Melanchthon vor, bereits abgeschaffte altgläubige Zeremonien und Riten wieder einführen zu wollen, indem sie diese den Adiaphora, d. h. den ethisch indifferenten »Mitteldingen« zuordneten. In diesem intensivierten innerlutherischen Differenzierungsprozess setzten sich die Ernestiner entschieden für die ausschließliche Lehrautorität Luthers ein. So trugen sie ihre politische Rivalität mit den Albertinern, genauer mit Kurfürst Moritz und später mit dessen Nachfolger August (1526–1586), die eine Doppelidentifikation mit Luther und Melanchthon pflegten, auch auf theologischer Ebene aus. Diese Grundposition wurde identitätsstiftend für die ernestinische Dynastie, deren Herrscher sich nunmehr nicht nur als die Schutzherren der Wittenberger Reformation, sondern auch als die des »wahren« Luthertums verstanden. Diesen Anspruch erhoben sie sowohl für ihre Landeskirche als auch für die Salana.

In dieser Krisenzeit eröffneten die Ernestiner am 19. März 1548 eine Hohe Schule in Jena. Die politische Lage der Herzöge wie auch die Zukunft ihrer Neugründung blieben zunächst unsicher. Die Salana fungierte – ursprünglich mit einer Minimalbesetzung von zwei Professoren – einerseits als sehr bescheidener Ersatz für die Leucorea. Andererseits verzichteten die Ernestiner nie gänzlich auf ihren Anspruch auf die sächsische Kurwürde und damit auch auf ihre ehemalige Universität. In diesem Spannungsfeld entwickelte sich ein Konkurrenzverhältnis zwischen beiden Akademien. In welcher Weise die Ernestiner ein »neues Wittenberg« an der Saale aufbauten, um ihren politischen und dynastischen Ansprüchen weiterhin Geltung zu verleihen, lässt sich anhand einiger Beispiele prägnant veranschaulichen.

Spätestens seit Mitte der 1550er waren die ernestinischen Herzöge bestrebt, ihr neues Bildungszentrum zu einer vollgültigen Universität mit vier Fakultäten auszubauen. Als sie im Sommer 1557 die dafür erforderlichen kaiserlichen Privilegien erlangten, achteten sie bewusst auf die wortwörtliche Übereinstimmung dieses Dokuments mit dem der Stiftungsurkunde der Wittenberger Universität von 1502.25 Als Vorbild für das 1557 angefertigte Universitätssiegel diente offensichtlich das Wittenberger Pendant.26 Ebenso wie auf dem Wittenberger Siegel der Universitätsstifter Kurfürst Friedrich III. von Sachsen (1463–1525) wurde Johann Friedrich I., der seit seiner Befreiung aus der kaiserlichen Gefangenschaft 1552 den Titel »geborener Kurfürst« führte, auf dem Jenaer Siegel im Brustbild mit Kurfürstenornat und -schwert dargestellt, wobei das Schwert in den Händen Johann Friedrichs nicht zum Wappen des Herzogtums Sachsen, sondern zu dem der Kurwürde zeigt.

Im Laufe der Jahre verlagerten die ernestinischen Herzöge einige zentrale Kompetenzen der Landeskirche und -herrschaft, welche die Wittenberger Professoren vor dem Schmalkaldischen Krieg vorwiegend in außeruniversitären Einrichtungen wahrgenommen hatten, von ihrem Hof in Weimar nach Jena.27 1553 machten sie die Saalestadt zur Ordinationsstätte für alle neuen Pfarrer in ihrem Territorium. In Verbindung mit der Verwaltungsteilung im Herzogtum infolge des Mutschierungsvertrags von 1566 gründeten sie in der Universitätsstadt ein Hofgericht und ein Konsistorium. Für Letzteres ließen sie keine neue Ordnung formulieren. Stattdessen wurde die Wittenberger Ordnung von 1542 unverändert neu aufgelegt, so dass der Text die neuen Verhältnisse der ernestinischen Landeskirche nach dem folgenreichen Krieg nicht abbildete. Der Stadtname Jena kam lediglich als Druckort vor.

Symbolträchtig für die Profilierung der Akademie an der Saale als »neues Wittenberg« war die Verlegung der Bibliotheca Electoralis, der von Kurfürst Friedrich III. für die Leucorea gegründeten Bibliothek, 1549 nach Jena, nachdem sie vorübergehend im Weimarer Schloss gelagert worden war.28 1571 erhielt die Salana auch das originale bronzene Epitaph, das für die Grabstätte Luthers in der Wittenberger Schlosskirche bestimmt gewesen war.29 Aufgrund der politischen Veränderungen infolge des Schmalkaldischen Krieges war das von Kurfürst Johann Friedrich I. 1546 in Auftrag gegebene Epitaph zunächst zwei Jahrzehnte im Weimarer Schloss aufbewahrt worden. Die Anbringung der Grabplatte an der Innenwand der noch gemeinsamen Kirche der universitären Körperschaft und der Jenaer Pfarrgemeinde unterstrich bildhaft den Anspruch Jenas, das »depositum Lutheri« zu sein.30 Die Inschrift des Rahmens, der für die Platte angefertigt wurde, verwies darauf, dass die Salana für die Bewahrung der reinen Lehre gegründet sei.

Dieser Anspruch manifestierte sich ebenfalls im Vorhaben, eine neue Gesamtausgabe von Luthers Werken in Konkurrenz zu der bereits Ende der 1530er Jahre in Wittenberg begonnenen Ausgabe zu veröffentlichen, die von ernestinischen Theologen in der Streitpublizistik als unzuverlässig und zum Teil bewusst verfälscht dargestellt wurde.31 Die Ernestiner verfolgten mit dieser Ausgabe kein geringeres Ziel, als die Schriften Luthers zu kanonisieren. So diente sie den Herzögen als ein besonderes Medium, um ihren Anspruch auf die Schirmherrschaft über das theologische Erbe Luthers zu behaupten. Sie gewannen Georg Rörer nicht zuletzt deswegen als Hauptredakteur, um auch seine ansehnliche Sammlung von Briefen, Vorlesungen, Predigten und Tischreden von Luther für die Bibliothek der neuen Akademie zu sichern.32 Die Professoren waren an der Werkausgabe kaum beteiligt, dennoch wurde das Projekt in der Saalestadt angesiedelt. Die erste Schrift, die für die Edition bearbeitet und unmittelbar im Jahr 1553 als Einzeldruck veröffentlicht wurde, war diejenige, die Luther als sein theologisches Testament verstand – die sogenannten Schmalkaldischen Artikel,33 die einen zentralen Stellenwert in der Konfessionspolitik der Ernestiner einnahmen. 1553 wurden sie in den Jenaer Ordinationseid aufgenommen und erlangten dadurch normative Geltung für alle neuen Pfarrer im Territorium.34 Auf diese Weise reagierten die Ernestiner auf innerlutherische Differenzierungsprozesse seit dem Augsburger Interim, bei denen sie sich entschieden von allen Lehrmeinungen abgrenzten, die in ihren Augen von Luthers Theologie abwichen.

Auch das Profil der Jenaer Druckproduktion, die stark von der Förderung und Kontrolle der Ernestiner geprägt wurde, spiegelt diese Konfessionspolitik wider.35 Eine erste Offizin wurde 1553 in Jena insbesondere für die Drucklegung der neuen zwölfbändigen Lutherausgabe eingerichtet.36 Theologische Kontroversliteratur hatte in der Saalestadt zwischen 1558 und 1562 und erneut zwischen 1569 und 1573 Hochkonjunktur. Die überwiegende Mehrheit solcher Schriften richtete sich nicht in erster Linie gegen die römisch-katholische Kirche, sondern gegen Kontrahenten innerhalb des Luthertums, insbesondere gegen die kursächsischen Theologen in Wittenberg und Leipzig.

Diese genannten Beispiele zeigen, dass sich die Ernestiner in Bezug auf die rechtliche Grundlage ihrer neuen Akademie und der mit ihr verbundenen Einrichtungen eng an Wittenberger Vorbildern orientierten, um den Weg zu einer von ihnen stets ersehnten Revision der radikalen Verschiebung der machtpolitischen Verhältnisse infolge des Schmalkaldischen Kriegs zugunsten der albertinischen Dynastie nicht gänzlich zu versperren. Zugleich grenzten sie ihre Hochschule an der Saale auf theologischer Ebene dezidiert von der Leucorea ab und machten sie zu einer Konkurrenzeinrichtung. Sie sollte demnach ein »neues«, ja »besseres Wittenberg« werden.

2. DIE TRANSLATIO STUDII VON WITTENBERG NACH JENA

Mit Blick auf die Zusammensetzung des frühen Lehrkörpers, das Curriculum und die angewandten Lehrformen und -methoden ist die Salana als »Tochtergründung« der Leucorea anzusehen.37 Durch die Reformation und die grundlegenden Bildungsreformen, die Luther und insbesondere Melanchthon seit den 1520er Jahren konzipiert und an der Leucorea durchgesetzt hatten, wurde Wittenberg nicht nur zur bedeutendsten und meist frequentierten Universität im Reich, sondern auch in unterschiedlichem Maße zu einem Modell für viele lutherische Universitäten und Lateinschulen mit Hochschulcharakter.38 Diese translatio studii erfolgte vor allem durch die Besetzung von Schlüsselstellen in den Bildungseinrichtungen mit ehemaligen Wittenberger Professoren und Studenten.

Die Beziehung zwischen der Salana und der Leucorea war nicht nur besonders eng, sondern vor allem anfangs auch sehr asymmetrisch.39 In vielerlei Hinsicht standen die Studien in Jena unter den Auspizien Melanchthons. Die Gründungsprofessoren, Johann Stigel (1515–1562) und Viktorin Strigel, stammten beide aus seinem engeren Schülerkreis in Wittenberg und hatten vorher dort gelehrt. Wie sein Präzeptor stellte Strigel einen Sonderfall in Jena dar, indem er als Magister gleichzeitig im traditionellen Lehrbereich der philosophischen und theologischen Fakultät lehrte. Bezeichnend für den andauernden Einfluss Melanchthons in Jena als Mentor sind die Bitten Stigels um die Abschrift eines Wittenberger Vorlesungsmanuskripts über Melanchthons Kommentar zu Aristoteles’ »Liber de anima« als Grundlage für seine eigene Vorlesung sowie um ein Thema für seine bevorstehende Rektoratsrede in Jena. Darüber hinaus wirkte Melanchthon als Spiritus Rector für besondere Projekte in Jena wie etwa für einen poetischen Kalender nach dem Vorbild von Ovids »Fasti«, für ein Werk über Wunderzeichen oder für eine Gesamtausgabe von Stigels Gedichten. Da die Salana im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens über kein Promotionsrecht verfügte, konnten die ersten Jenaer Studenten lediglich auswärts einen akademischen Abschluss erlangen. Zu diesem Zweck wandten sie sich häufig an die Universität Wittenberg. Der ersten Promotion an der Theologischen Fakultät Jena im Jahr 1564 stand auch ein Wittenberger Professor vor, Melanchthons Nachfolger Paul Eber (1511–1569).

Melanchthons Einfluss in Jena wird aber vor allem in der Übernahme seiner Bildungsreformen greifbar.40 Die neuerliche Erschließung und Auswertung von handschriftlichen Sammlungen, die Jenaer Studenten während ihrer Studienzeiten anlegten, haben Besonderheiten dieser Reformen, wie etwa die Allgegenwärtigkeit der Theologie, deren Verknüpfung mit den studia humanitatis und die Flexibilität der Studiengestaltung, deutlicher denn je erkennen lassen. Dazu zählt ein Handschriftenband von Adam Sellanus (1536–1580) mit Abschriften von mehr als einhundert Universitätsbekanntmachungen, einschließlich zahlreicher Vorlesungsankündigungen.41 Sellanus studierte zwischen 1556 und 1559 in Jena, wurde später Diakon in Hildburghausen und dann Pfarrer im naheliegenden Dorf Mebritz. Johann Mattenberg (1550–1631) hinterließ eine umfangreiche Sammlung eigenhändiger Vorlesungsmitschriften, die ihresgleichen sucht. Mattenberg war nachweislich zwischen 1570 und 1574 an der Leucorea eingeschrieben und studierte in den folgenden Jahren Medizin in Jena, Heidelberg, Basel und Padua. Schließlich erwies sich ein Exemplar von Paul Ebers »Calendarium historicum« mit handschriftlichen Einträgen von David Aquila (1540–1614) aus dessen Studienzeit in Jena zwischen 1557 und 1568 als außerordentlich aufschlussreiche Quelle für die Verhältnisse an der Salana. Aquila, dem die Philosophische Fakultät am 2. Januar 1568 feierlich den Magistergrad verlieh, notierte so zum Beispiel die Themen der öffentlichen Examina am 29. Dezember 1567 – eine äußerst seltene Überlieferung. Sowohl naturkundliche als auch theologische Fragen waren Bestandteil der Prüfung: Aquila wurde von Michael Neander (1529–1581) über die Materie, von Friedrich Widebram (1532–1585) über die Meteoriten, von Johann Stössel (1524–1576) über die Union der beiden Naturen Christi und von Nikolaus Selnecker (1530–1592) über einen Vers aus den Paralipomena Jeremiae geprüft. Aus einer Anweisung für die Vorbereitung auf das Aufnahmeverfahren für Magistranden an einer unbekannten lutherischen Universität Ende des 16. Jahrhunderts geht auch hervor, dass Theologie ebenso wie die Wissensdisziplinen der Philosophischen Fakultät zum Prüfungsprogramm an der Philosophischen Fakultät gehörte.

Diese besonderen Funde wie auch andere Quellen zeigen, dass die Wittenberger Reformen in erster Linie eine konsequente Reaktion auf die christozentrische und bibelorientierte Theologie Luthers und auf den Bedarf an kompetenten Seelsorgern waren, die den Kirchengemeinden durch Katechese und biblisch fundierte Predigten Gesetz und Evangelium einprägsam vermitteln konnten. Grammatik, Rhetorik und Dialektik sowie der Unterricht in der griechischen und hebräischen Sprache wurden zunehmend in den Dienst der Theologie gestellt, Ethik und Physik verstärkt theologisiert und die Aufgaben der Theologischen Fakultät enger mit denen der Philosophischen Fakultät verquickt, so dass jeder Student, egal wie lange er an der Universität verweilte, eine gewisse theologische Grundbildung erhielt. So war es auch keineswegs notwendig, zunächst einen Abschluss an der Philosophischen Fakultät zu erlangen, um Theologie zu studieren. Diese Erkenntnis bietet den Schlüssel zum Verständnis einiger Phänomene, die in der Forschung häufig noch als etwas Rätselhaftes dargestellt werden, wie die weite Verbreitung von »Laientheologen« unter den Gelehrten im 16. Jahrhundert42 und von Pfarrern, die lediglich einen Abschluss in der Philosophischen Fakultät oder weniger aufzuweisen haben,43 sowie die Existenz von Magistern, die an protestantischen Universitäten Theologie lehrten.

3. FLACIUS’ BERUFUNG ALS THEOLOGIEPROFESSOR NACH JENA. EINE KURZFRISTIGE ENTSCHEIDUNG?

Als der aus Istrien (heute Kroatien) stammende Matthias Flacius als Theologieprofessor nach Jena berufen wurde, war er bereits eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Wenngleich einige Zeitgenossen ihn als kompromisslosen Verfechter der Theologie Luthers rühmten, galt er bei anderen auch innerhalb des Luthertums als diffamierender, Trennung stiftender Polemiker. Wie Stigel und Strigel hatte er in Wittenberg vor allem unter Melanchthon studiert und an der Leucorea gelehrt. Maßlos enttäuscht von der Verhandlungsbereitschaft seiner Wittenberger Kollegen hinsichtlich der Rekatholisierungsbestrebungen des Kaisers auf der Grundlage des Augsburger Interims, übersiedelte Flacius 1549 nach Magdeburg. Von dort aus führte er zusammen mit Nikolaus von Amsdorf (1483–1565), Nikolaus Gallus (ca. 1516–1570) und anderen Interimskritikern eine publizistische Kampagne gegen den neuen sächsischen Kurfürsten Moritz und insbesondere gegen Melanchthon. Auf diese Weise verschafften Flacius und seine Mitstreiter Magdeburg den Ruf als des »Herrn Gottes Cantzley«.44

In der Forschung wurde lange diskutiert, seit wann sich die Ernestiner um Flacius bemühten, wer die drei in seinem Bestallungsbrief angeführten Kompetenzen bestimmte und was genau darunter zu verstehen sei, dass der Illyrer auch als »Obersuperintendent« berufen wurde.45 Die nunmehr vollständig edierten Verhandlungsakten aus dem Nachlass von Flacius in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und im Ernestinischen Gesamtarchiv in Weimar geben zu diesen Fragen Auskunft.46 Erst sehr spät im Laufe der Verhandlungen von 1554 bis 1556 wurde festgelegt, dass Flacius als Professor in Jena tätig werden sollte. Die ernestinischen Herzöge waren an Flacius in erster Linie als kirchenpolitischem Berater und Vertreter während der Reichsreligionsgespräche interessiert. Erst nachdem sie sich über das künftige Jahresgehalt – eine stattliche Summe von 300 Reichstalern – geeinigt hatten, bat Flacius um Auskunft über die Kompetenzen, die er künftig wahrzunehmen habe. Die Herzöge beauftragten Nikolaus von Amsdorf, damals einer ihrer führenden theologischen Berater, dessen Aufgabenbereiche zu formulieren. Von ihm stammt der Vorschlag, dass Flacius über die Bücher des Neuen Testaments an der Salana lesen und als »Obersuperintendent« fungieren sollte. Im Antwortbrief an Flacius ergänzten die Herzöge diese Aufgabenbeschreibung um eine theologische Beratertätigkeit.

Nach seinem Amtsantritt als Professor in Jena nahm der damals regierende Herzog Johann Friedrich II. von Sachsen (1529–1595) Flacius tatsächlich als besonderen Berater für seine Religionspolitik auf Reichsebene in Anspruch. Flacius wurde zum Beispiel zentraler Berater für die innerprotestantischen Verhandlungen im Vorfeld der Eröffnung des Wormser Religionsgesprächs 1557. Zudem war er federführend an der Entstehung einer Bekenntnisschrift mit dem Titel »Confutatio et condemnatio praecipuarum corruptelarum, sectarum et errorum hoc tempore« beteiligt, die der Herzog ursprünglich als Konsensbasis für die protestantischen Reichsstände in Auftrag gegeben hatte, wie auch an der Konzipierung einer Synode, um die innerprotestantischen Differenzen im Reich beizulegen.

Flacius’ Berufung als »Obersuperintendent« sorgte in der Forschung lange für Unklarheit, da diese geistliche Aufsichtsposition oberhalb der Superintendentenebene weder deutlich definiert noch kirchenrechtlich verankert war.47 Es lässt sich aber bereits vor Flacius eine solche Position in Thüringen für den Gothaer Reformator Friedrich Myconius, dessen Nachfolger Justus Menius (1499–1558) sowie bei Nikolaus von Amsdorf und dem Jenaer Theologieprofessor Erhard Schnepff (1495–1558) nachweisen. Für die Erkenntnis dieser in der Überlieferung kaum sichtbaren Strukturen der Landeskirche sind Zuschreibungen in Briefen sehr aufschlussreich. So wurden Myconius und Menius von Luther beispielsweise »visitatores Thuringiae« und von Melanchthon »inspectores ecclesiarum Duringiae« genannt, obgleich zum Ausfertigungszeitpunkt dieser Briefe keine Generalvisitation stattfand. Diese Bezeichnungen implizierten, dass Myconius und Menius eine andauernde Aufsichtsfunktion über Lehre und Liturgie nicht nur in ihren eigenen Superintendenturen, sondern auch in anderen Teilen Thüringens wahrnahmen. Ähnlich bezeichnete der Saalfelder Pfarrer und Superintendent Caspar Aquila (1488–1560) Amsdorf 1548 in einem Brief als »Integerrimus totius Thuringensis provinciae Archiepiscopus«. Der Pfarrer und Superintendent Georg Spalatin (1484–1545) hatte eine vergleichbare Funktion in Altenburg für die historische Landschaft »Meißen« östlich der Saale und die Superintendenten Johannes Bugenhagen (1485–1558) sowie Paul Eber hatten sie für den Wittenberger Kurkreis inne.

Weil Flacius kein ordinierter Pfarrer war, konnte er nicht wie andere bedeutende theologische Berater einen Posten in der ernestinischen Landeskirche erhalten. Ihn als Professor anzustellen, gehörte zu den wenigen möglichen Optionen. Mit diesem Vorschlag beabsichtigte Amsdorf unter anderem, ein Defizit im öffentlichen Lehrbetrieb in Jena zu beheben. Während Erhard Schnepf seit 1549 als Professor für die hebräische Sprache exegetische Vorlesungen primär über Bücher des Alten Testaments hielt, las Strigel hauptsächlich über Melanchthons »Loci communes theologici« sowie über Dialektik, Ethik und Physik. Flacius ergänzte dieses Lehrangebot nach seiner Ankunft in der Saalestadt am 27. April 1557 um exegetische Vorlesungen über Bücher des Neuen Testaments. In den fünf Jahren seiner Lehrtätigkeit las er über den Römerbrief, das Johannesevangelium, die beiden Korintherbriefe und den Galaterbrief. Spätestens seit Anfang 1561 unterrichtete er gleichzeitig Hebräisch. Seine Vorlesungen mit dem Römerbrief zu beginnen, war programmatisch. In seiner Antrittsvorlesung am 17. Mai 1557 erläuterte er den Römerbrief als hermeneutischen Schlüssel für die gesamte Heilige Schrift.48 Zudem äußerte er seine Auffassung, dass bibelexegetische Übungen im Mittelpunkt der theologischen Studien stehen sollten. Dabei beklagte er die zunehmende Tendenz an verschiedenen Universitäten, Kommentierungen von Kommentaren im Curriculum anzubieten. Diese Kritik richtete sich gegen Entwicklungen in der zweiten Generation der Reformation und insbesondere gegen die Loci-Vorlesungen seines Kollegen Strigel. Der von Flacius gewählte und in seiner Antrittsvorlesung kurz beschriebene methodische Zugang zu theologischen Studien erinnert an Formulierungen in der Widmungsvorrede zu seinem »Catalogus testium veritatis«, den er ein Jahr zuvor veröffentlicht hatte. Dabei kündigte er ein Kompendium zur Interpretation des Neuen Testaments an, das er 1570 unter dem Titel »Glossa compendiaria« veröffentlichen würde. Daraus ist zu schließen, dass dieses wichtige theologische Werk größtenteils auf der Grundlage seiner Jenaer Vorlesungen entstanden ist. Mitschriften seiner Vorlesungen scheinen jedoch nicht überliefert zu sein.

4. JENA ALS BILDUNGSZENTRUM FÜR PROTESTANTEN IN DEN HABSBURGER LANDEN?

Flacius war reichsweit bekannt, als er 1557 seine Lehrtätigkeit an der Salana aufnahm. Welche Wirkung hatten sein Renommee und sein weit gespanntes Netzwerk auf die Immatrikulationszahlen und den Einzugsradius der Universität?49 Zu seinen wichtigsten Korrespondenzpartnern gehörten Gelehrte, die eine ähnliche strenge theologische Position und konfessionelle Haltung vertraten, oder Personen, die an dem von ihm initiierten und konzipierten kirchenhistorischen Projekt, den sogenannten »Magdeburger Centurien«, wesentlich beteiligt waren. Flacius’ persönliche Verbindungen führten zu einer merklichen Ausdehnung der Strahlkraft der jungen Akademie. Zum einen geben Briefe aus seiner Korrespondenz Auskunft über einzelne Studenten aus Antwerpen, Hamburg, Regensburg und Lindau am Bodensee, die auf Empfehlung von Flacius’ Freunden Jena als Studienort auswählten. Zum anderen sind auffällige Übereinstimmungen zwischen seinen Korrespondenzpartnern und der Immatrikulation von Studenten aus entfernteren Regionen festzustellen, die vor Flacius’ Antritt selten oder gar nicht in der Matrikel vertreten waren, wie etwa Frankfurt am Main und Wesel am unteren Niederrhein. Zudem markiert sein Amtsantritt eine deutliche Zunahme von Studenten aus Österreich. 1557 wurde erstmals ein Student aus Slowenien an der Salana immatrikuliert, 1558 ein erster aus Kroatien. Diese Entwicklungen sind höchstwahrscheinlich auf Flacius’ Verbindung zu Nikolaus Gallus in Regensburg zurückzuführen. Seit Mitte der 1550er Jahre machte Gallus die Reichsstadt an der Donau zu einer entscheidenden Schaltstelle der lutherischen Kirchen in diesen Regionen, die aufgrund der konfessionellen Unterdrückung durch die Habsburger selbst keine größeren institutionellen Strukturen oder Zentren für die Ausbildung eigener Pfarrer aufbauen konnten. Als eng mit Flacius zusammenwirkender Theologe und dezidierter Melanchthonkritiker empfahl Gallus Protestanten aus den Habsburger Landen viel eher ein Studium in Jena als in Wittenberg. Um auch nach seiner Entlassung von der Universität Jena Ende 1561 die Ausbildung von Studenten aus den Habsburger Landen fortsetzen zu können, entwarf er Pläne für die Gründung von Akademien in Regensburg und eventuell auch in Klagenfurt. Diese Vorhaben erwiesen sich jedoch recht bald als nicht realisierbar.

5. VON DER WEIMARER DISPUTATION ZUR WEIMARER KONSISTORIALORDNUNG. SPEZIALFORMEN DER INTERNEN KONFLIKTLÖSUNG

Flacius’ Wirken in der Saalestadt war äußerst konfliktbeladen.50 Erste Reibereien entstanden, als der Illyrer das Haus kaufte, das der Akademie bis dahin zum Schlachten und Räuchern zur Verfügung gestanden hatte. Streitigkeiten innerhalb der Theologischen Fakultät erreichten einen ersten Höhepunkt Mitte 1558 bei der Konzeptualisierung und Formulierung einer von Herzog Johann Friedrich II. in Auftrag gegebenen Bekenntnisschrift.51 Flacius konnte sich dabei gegenüber Erhard Schnepf, der Monate später am 1. November 1558 starb, und Viktorin Strigel durchsetzen, so dass die Endfassung dieses Werkes, der oben erwähnten »Confutatio corruptelarum«, keine positive Darlegung dogmatischer Grundpositionen enthielt, sondern ausschließlich aus stark polemisierenden Widerlegungen vermeintlich irriger Lehrmeinungen bestand. Als das Konfutationsbuch 1559 normative Geltung im ernestinischen Territorium erlangte, weigerte sich Strigel, es anzuerkennen. Infolgedessen wurde er Ende März 1559 auf herzoglichen Befehl inhaftiert. Nach langwierigen Gesprächen mit Strigel wurde die Gefangenschaft in einen Hausarrest und eine Suspendierung von seinen Ämtern umgewandelt. Seit der Inhaftierung Strigels kam es zu einer verstärkten Polarisierung in der Stadt Jena. Mehrere Personen, die Partei für Strigel ergriffen, einschließlich des hoch angesehenen niederländischen Rechtsprofessors Matthäus Wesenbeck (1531–1586), erfuhren eine radikale soziale Ausgrenzung durch die Anwendung der geistlichen Schlüsselgewalt und durften weder am Abendmahl in der Stadtkirche teilnehmen noch Pate stehen. Der Herzog intervenierte, konnte aber keine Kontrolle über die Situation gewinnen.

Um die theologischen Differenzen zwischen Flacius und Strigel beizulegen, die sich auf die Frage der Willensfreiheit konzentrierten, wurde eine außerordentliche Disputation organisiert, die Anfang August 1560 eine Woche lang auf dem Weimarer Schloss stattfand.52 Die besondere Hybridität dieser Veranstaltung, die Elemente einer herkömmlichen universitären Disputation und eines für das Reformations- und konfessionelle Zeitalter charakteristischen Religionsgesprächs vereinte, zeugt von der hohen konfessionspolitischen Relevanz des Streits wie auch im Allgemeinen von dem Transformationsprozess der theologischen Streitkultur im 16. Jahrhundert. Den akademischen Ursprüngen des Konflikts entsprechend wurde eine traditionelle Form des universitären Streitgesprächs gewählt, die mündlich auf Latein nach Argumentationsmethoden der Logik und Dialektik in syllogistischer Form erfolgte. Entsprechend den formalisierten Regeln einer Disputation diskutierten die Teilnehmer stets mit festgelegten Rollen. Während der Respondent die im Vorfeld aufgestellten Thesen verteidigte, versuchte der Opponent, diese zu widerlegen. Um eine Gleichberechtigung beider Teilnehmer zu gewährleisten, wurden die Rollen entgegen der Konvention im Laufe der Disputation getauscht. Ebenfalls ungewöhnlich war, dass nicht ein Präses, sondern die Disputanten selbst die Thesen im Vorfeld formulierten, die sie zu verteidigen hatten. Im Unterschied zu einer typischen Disputation ging es aber in Weimar weniger um die Wahrheitssuche als um die Konsensfindung zwischen den Streitpartien – eigentlich das Idealziel eines Religionsgesprächs.

Vor allem die dominante Rolle der Obrigkeit verlieh der Disputation Züge eines Religionsgesprächs. So löste der Landesherr die theologische Debatte aus dem akademischen Bereich heraus und unterstellte sie seinem Machteinfluss und Richterstuhl. Dementsprechend fand die Disputation nicht im großen Auditorium der Salana, sondern im Repräsentationsgebäude der herzoglichen Macht in der Residenzstadt statt. Neben Professoren und Studenten saßen auch Mitglieder des Hofes im Publikum. In Vertretung des Herzogs übte Kanzler Christian Brück (ca. 1516–1567) faktisch die Rolle des Präses aus, der den Verlauf des Streitgesprächs regelte. So versuchte Herzog Johann Friedrich II. durch seine Autorität, diesen Streitfall, der den Bekenntnisstand des Territoriums zur Debatte stellte, beizulegen. Die Disputation wurde nach sieben Tagen ohne klares Ergebnis abgebrochen.

Während Flacius in der Folgezeit den Widerruf bzw. die Entlassung Strigels forderte, strebte der Herzog weiterhin eine Verständigung zwischen beiden Theologieprofessoren an. Infolgedessen entstand ein akuter Autoritätskonflikt, der vor allem die Bereiche der Lehre, Kirchenzucht und Zensur in der Landeskirche betraf. Während Flacius auf sein geistliches Amtsverständnis und seine Berufung als »Obersuperintendent« rekurrierte, verwies der Herzog auf seine Position als »membrum praecipuum ecclesiae«.

Im Sommer 1561 ließ Herzog Johann Friedrich II. eine Konsistorialordnung publizieren, um den internen Konflikt aus der Welt zu schaffen.53 Die vorgesehene Verfassung dieses Kirchengerichts war beispiellos. Die Unterschiede zu dem Konsistorium, das Kurfürst Johann Friedrich I. zwanzig Jahre zuvor in Wittenberg gegründet hatte, sind entsprechend enorm. Fungierte zum Beispiel das Wittenberger Konsistorium primär als Ehegericht, sollte das neue Konsistorium nicht für Ehesachen zuständig sein, sondern lediglich für die Angelegenheiten, die die aktuellen Streitigkeiten um den Bann, die Lehre und die Zensur betrafen. Kurfürst Johann Friedrich I. hatte das Konsistorium an der Universitätsstadt seines Territoriums gegründet, da vor allem Theologie- und Rechtsprofessoren die Kompetenzen dieser Institution wahrnehmen sollten. Im Gegensatz hierzu schloss sein Sohn 1561 bewusst alle damals amtierenden Jenaer Theologieprofessoren vom Konsistorium aus und wollte das Kirchengericht an seinem Hof in Weimar ansiedeln, da sich Flacius und seine Mitstreiter dieser neuen Instanz unterwerfen sollten. Schließlich behielt sich der Herzog als selbsternannter Präsident das entscheidende neunte Votum bei gleicher Stimmenzahl der jeweils vier geistlichen und juristischen Beisitzer vor. In keiner anderen Konsistorialordnung beanspruchte ein weltlicher Herrscher so explizit für sich, die oberste Instanz in kirchlichen und theologischen Angelegenheiten zu sein. Vor allem aus diesem Grund erntete die Ordnung massive Kritik von Flacius und seinen Mitstreitern. Wegen des breiten Protests wurde das Weimarer Konsistorium nie ins Leben gerufen. Ende 1561 sah der Herzog in der Entlassung von Flacius und anderen Theologen im Land die einzig mögliche Lösung des Konflikts.

6. DIE HISTORIOGRAPHISCHE KONSTRUKTION VON THEOLOGISCHEN KONFLIKTPARTEIEN. EINE CHIMÄRE?

Die Entlassung von Flacius und seinen Mitstreitern stellt zweifelsohne eine wichtige Zäsur in der frühen Geschichte der Salana dar. Wie ist sie aber kirchenpolitisch zu deuten? Generell wird auf die Gruppenbezeichnungen »Gnesiolutheraner« und »Philippisten« zurückgegriffen, um die Konflikte und Wendepunkte in der frühen Geschichte der Salana bis zum lutherischen Konkordienwerk 1580 zu interpretieren.54 Beide sind der Form nach Konstruktionen der protestantischen Kirchen- und Theologiegeschichte, die sich von Idealtypen ableiten. Für die »Gnesiolutheraner« gelten insbesondere Flacius und Nikolaus von Amsdorf als Prototypen. Im Allgemeinen steht diese Konstruktion für Theologen, die sich als strenge und engagierte Hüter des theologischen Erbes Luthers verstanden. Die »Gnesiolutheraner« bildeten eine medial wirksame Fraktion der lutherischen Konfession, die die theologische Autorität Melanchthons in der polemischen Publizistik grundsätzlich infrage stellte. Sie forderten kompromisslos die explizite Verurteilung der vermeintlichen Irrlehren ihrer Kontrahenten mit geringerer Rücksicht auf persönliches Ansehen und politische Konsequenzen. Zudem ist bei vielen »Gnesiolutheranern« eine besonders scharfe, konfliktprovozierende Form der Kirchenzucht festzustellen. Schließlich zeigten sie eine hohe Empfindlichkeit gegenüber dem Eingreifen der weltlichen Obrigkeiten in Kompetenzbereiche, für die ihres Erachtens die Theologen zuständig waren. Daraus resultierten häufig Konflikte, die nur durch Entlassungen gelöst werden konnten.

Die Bezeichnung »Philippisten« leitet sich prinzipiell von Eigenschaften ab, die Philipp Melanchthon zugeschrieben werden. Sie geht von Eigenentwicklungen Melanchthons in der Theologie aus, die von den Ansichten Luthers abweichen und die Melanchthons Schüler zum Teil noch offener und konsequenter als ihr Mentor vertreten haben sollen. Dem Stereotyp entsprechend befürworteten »Philippisten« ein engeres Zusammenwirken der Kirche mit der Obrigkeit. Zudem galt eine gewisse irenische Haltung bei den innerprotestantischen Lehrkontroversen als charakteristisch für die »Philippisten«, die sich in einer eher zurückhaltenden Teilnahme an der theologischen Streitpublizistik ausdrückte.

Der Konstruktion dieser beiden miteinander rivalisierenden Parteien lagen häufig pauschalisierende Deutungsmuster von innerlutherischen Konflikten zugrunde, die aber in vielen Fällen nicht ausschließlich auf theologischen Fragen beruhten. Die Verwendung des Gegensatzpaars verleitete dazu, politische, rechtliche und soziale Faktoren auszublenden und den Blick eher auf Umbrüche als auf bestehende Kontinuitäten zu richten. Die Verkennung der fließenden bzw. durchlässigen Grenzen zwischen »Gnesiolutheranern« und »Philippisten« bei der praktischen Anwendung dieser Kategorien evozierte in bestimmten Fällen das verstellte Bild von einem sprunghaften theologischen Orientierungswechsel. So erweist sich das in den gängigen Darstellungen über Viktorin Strigel häufig zu lesende Deutungsmuster, er sei anfangs in Jena »gnesiolutherisch« ausgerichtet gewesen, habe sich aber infolge mehrerer Auseinandersetzungen mit Flacius »philippistischen« Ansichten angenähert, bei näherer Betrachtung als Chimäre. Vielmehr ist eine Kontinuität in den von ihm vertretenen theologischen Ansichten und konfessionspolitischen Haltungen festzustellen.55 Ähnlich werden die Entlassungen von Flacius und seinen Fakultätskollegen Johann Wigand und Matthäus Judex 1561 als ein Parteiwechsel Herzog Johann Friedrichs II. von einer »gnesiolutherischen« zu einer »philippistischen« Haltung gewertet. Diese Beschlüsse traf der Herzog jedoch unabhängig von den theologischen Ansichten der Betroffenen. Im Fall von Judex war die Veröffentlichung einer radikalen Schrift, die zum Landesfriedensbruch aufrief, ausschlaggebend, und bei Flacius und Wigand spielten neben dem Streit mit dem Herzog über die Autorität in der Landeskirche auch ihre Verantwortung für die andauernden Unruhen an der Universität und in der Stadt Jena eine wesentliche Rolle. Deshalb ist es in solchen Fällen aufschlussreicher, zwischen den einzelnen Streitpunkten und -faktoren und den Standpunkten der individuellen Akteure zu differenzieren als mit konstruierten Gruppenbezeichnungen zu pauschalisieren.

7. WAS IST EIGENTLICH EIN »FLACIANER«?

Die Entstehung und der Bedeutungswandel der polemischen Gruppenbezeichnung »Flacianer« steht in einem engen Zusammenhang mit der frühen lutherischen Konfessionalisierung im thüringisch-sächsischen Raum.56 Sie war eine Reaktion der kursächsischen Theologen auf gegen sie gerichtete Polemiken und stellt im Grunde ein Pendant zur pejorativen Gruppenbezeichnung »Adiaphoristen« dar, die Amsdorf, Flacius und ihre Mitstreiter konstruierten, um Kritik an der vermeintlich allzu kompromissbereiten Haltung Kursachsens gegenüber dem Rekatholisierungsversuch des Kaisers mittels des Augsburger Interims von 1548 zu üben. Damit verbunden waren die Forderungen nach namentlichen Verurteilungen und öffentlichen Schuldbekenntnissen, später auch in Bezug auf die innerlutherischen Lehrkonflikte über die zentralen Fragen der Rechtfertigung des Menschen vor Gott und über die Deutung der Sakramente, die auf den Streit um die Adiaphora folgten. Auch lange nach der faktischen Aufhebung des Augsburger Interims infolge des Fürstenaufstandes 1552 wurde die Bezeichnung »Adiaphoristen« häufig in Verbindung mit den ebenso negativen Zuschreibungen »Majoristen« und »Synergisten« verwendet, um kursächsischen Theologen Abweichungen von der Theologie Luthers zu unterstellen. Der Gebrauch dieser Polemiken ging prinzipiell mit den politischen Rivalitäten zwischen Kursachsen und dessen benachbarten Städten und Gebieten einher. So verwendeten Kurfürst August und seine Theologen in der Zeit von den 1550er bis in die 1570er Jahre hinein die Zuschreibung »Flacianer« für Theologen im Herzogtum Sachsen, in den Herrschaften Schönburg und Reuß, in der Grafschaft Mansfeld, in der Reichsstadt Nordhausen und im Stift Quedlinburg, von denen sie selbst zuvor unter anderem als »Adiaphoristen« diskreditiert worden waren. In seinem ursprünglichen zeitgenössischen Gebrauch besaß der Begriff »Flacianer« keine spezifische dogmatische Zuschreibungsfunktion. Vielmehr wurde er von der Obrigkeit und Untertanen auch politisch instrumentalisiert, um beispielsweise disziplinäre Maßnahmen gegen widerständige Geistliche zu legitimieren, um öffentliche Kritik an der Religionspolitik des Landesherrn zu üben oder um einen Fürstenrivalen in die politische Isolation zu treiben. Im Verlauf der Konflikte schloss der Begriff »Flacianer« auch die Kritik an spezifischen theologischen Positionen mit ein. Die verschiedenen Bedeutungen und negativen Verknüpfungen vermischten sich häufig in den konkreten Situationen. Die Dynamik und Komplexität des Begriffs entfaltete sich in fünf Abstufungen:

1. Stifter von Dissens in der Kirche: Der Begriff »Flacianer« wurde zuerst in der Welle polemischer Publizistik geläufig, die dem Debakel der innerprotestantischen Einigungsversuche im Vorfeld des Wormser Religionsgesprächs 1557 folgte. Damit beschrieben vor allem kursächsische Theologen vermeintlich streitsüchtige, diffamierende Theologen, die sie für den andauernden öffentlichen Dissens innerhalb des Luthertums seit dem Augsburger Interim verantwortlich machten.

2. Stifter von sozialer Unruhe: Im Zusammenhang mit den großen Unruhen in Jena und dem Kompetenzstreit in der ernestinischen Landeskirche seit 1560 griff Herzog Johann Friedrich II. den Begriff »Flacianer« auf, um Kritiker seiner Religionspolitik zu diskreditieren. Als er 1562 eine Visitation anordnete, bei der alle Geistlichen im Territorium dazu verpflichtet wurden, eine Erklärung von Viktorin Strigel über die Willensfreiheit zu unterschrieben, stieß er auf erheblichen Widerstand. Um die Entlassung der rund 30 Pfarrer zu legitimieren, die sich der Unterzeichnung konsequent verweigerten und die ihre öffentliche Kritik an der sogenannten »Declaratio Victorini« und der herzoglichen Religionspolitik nicht einstellten, stempelte er sie als »Flacianer« ab. Damit stigmatisierte er sie als aufrührerische und der Obrigkeit gegenüber ungehorsame Pfarrer. Auf diese Weise unterstellte er den Konflikt seinen landesherrlichen Kompetenzen. Die theologischen Ansichten, die Amtskompetenz und der Lebenswandel der Pfarrer standen bei diesen Beschlüssen hingegen nicht zur Debatte.

3. Politisch gefährliche Fürstenberater: Die Entlassung von Flacius und seinen Mitstreitern aus der Universität Jena 1561 und von zahlreichen Pfarrern infolge der Visitation von 1562 führte zu Irritationen bei den jüngeren Brüdern Herzog Johann Friedrichs II. Im Zusammenhang mit diesem inneren Konflikt wurde der Begriff »Flacianer« stärker politisiert. Der bis dahin alleinregierende Herzog Johann Friedrich II. und seine Berater verwendeten das Etikett seit 1565, um Kritik an der Forderung nach einer Landesteilung und am kirchenpolitischen Programm der Brüder Johann Wilhelm (1530–1573) und Johann Friedrich III. (1538–1565) zu üben. Deren als »Flacianer« apostrophierte juristischen Räte galten nach dieser Verwendung als Stifter von innerdynastischem Streit. Auf ähnliche Weise rückten die jüngeren Herzöge die Veränderungen an der Universität und in der Landeskirche durch ihren Bruder in ein schlechtes Licht, indem sie diese als ein Zusammengehen mit den »Adiaphoristen« beschrieben. Nachdem Johann Wilhelm 1567 alleinregierender Landesherr geworden war, kritisierten Landstände, Professoren, Stadtmagistrate und Bürger auch die Regierungspraxis des Herzogs als hinterlistig und unrechtmäßig, indem sie seine Berater als »Flacianer« bezeichneten. 1570 versuchte auch Kurfürst August von Sachsen, den Ernestiner in die politische Isolation zu treiben, indem er auf Reichsebene die Entlassung von zentralen theologischen und juristischen Beratern forderte, die er mit Hilfe des Etiketts »Flacianer« als politisch gefährlich brandmarkte.

4. Verteidiger von Flacius’ Erbsündenlehre bzw. Sektierer: Erst nachdem Flacius das Traktat »De peccati originalis aut veteris Adami appellationibus et essentia« als Beilage zu seinem bibelexegetischen Kompendium »Clavis scripturae sacrae« von 1567 veröffentlicht hatte, verband sich der Begriff »Flacianer« direkt mit einer spezifischen umstrittenen theologischen Position. Im Traktat verteidigte er die These, die er 1560 in der Weimarer Disputation aufgestellt hatte: »peccatum originis est substantia hominis«. Diese radikale Position entstand als Antithese zu Strigels Behauptung, dass die Erbsünde eine untrennbare Akzidenz bzw. eine »angehängte« Eigenschaft des Menschen sei. Flacius hatte schon 1560 aufgrund der problematischen Verwendung dieser aristotelischen Begriffe für die Beschreibung der theologischen Anthropologie für Verwirrung gesorgt. 1567 löste sein Traktat eine große Debatte über die Erbsündenfrage in der Publizistik aus. Seine Lehre wurde entstellt und als Neuerscheinung der frühchristlichen Häresie des Manichäismus interpretiert. Die Bezeichnung »Flacianer« nahm somit die Bedeutung einer Sekte im theologischen Sinne an. Die Wittenberger und Leipziger Theologen erweiterten 1570 diese Facette der Bezeichnung in zwei wirkungsvollen polemischen Schriften. Dabei schrieben sie Flacius und seinen angeblichen Anhängern mehrere Lehrirrtümer zu, die sie unter dem Sammelbegriff »flacianische Sektenlehre« bzw. »flacianischer Schwarm« fassten.

5. »Rechte Lutheraner«: In den frühen 1570er Jahren ist eine subtile Tendenz zur positiven Umdeutung des Begriffs »Flacianer« festzustellen. Als zum Beispiel Kurfürst August die Bezeichnung 1573 instrumentalisierte, um die Entlassung von rund 120 ernestinischen Geistlichen und Schullehrern infolge einer Visitation zu legitimieren, fühlten sich manche Pfarrer herausgefordert, Flacius und die als »Flacianer« Bezeichneten zu verteidigen. Einige grenzten sich nicht von diesen ab, da der Terminus in ihren Augen sowohl Befürworter von Flacius’ Kampf seit der Interimskrise um die Reinheit der Lehre als auch rechtgläubige Pfarrer erfasste, die unrechtmäßig ihrer Ämter enthoben worden waren. Einige ernestinische Pfarrer setzten den Namen »Flacianer« mit »treuen«, »rechten«, »alten« oder »wahren Lutheranern« sowie mit »reinen«, »beständigen«, »frommen« und »christlichen Lehrern« gleich. Ungeachtet dessen war »Flacianer« weiterhin keine Eigenbezeichnung einer Gruppe, sondern der Bedeutungswandel erfolgte als Reaktion aus der Defensive gegenüber polemischen Attacken.

Entsprechend dieser positiven Umdeutung wird in der modernen Kirchen- und Theologiegeschichtsschreibung der Begriff »Flacianer« oft pauschal als Synonym für »Gnesiolutheraner« verwendet. Es empfiehlt sich allerdings, den Gebrauch auf Verteidiger der radikalen Erbsündenlehre des Illyrers zu beschränken.

8. AUSBLICK

Durch die Erschließung und Edition von aufschlussreichen Quellen sowie durch die intensive wie innovative Auseinandersetzung mit dem überlieferten Material hat die Forschung in den beiden vergangenen Jahrzehnten grundlegend neue Erkenntnisse zur frühen Geschichte der Universität Jena hervorgebracht. Zugleich eröffnen diese Arbeiten eine Perspektive für weitere Vorhaben und Ansätze.

Um unsere Kenntnis der frühen Verhältnisse an der Salana zu vertiefen, wären eine historisch-kritische Edition der Fakultätsstatuten57 und eine grundlegende Auswertung der Akten zu den 1566 begonnenen, aber früh abgebrochenen Universitätsreformversuchen wünschenswert.58 Zudem liegt die Jenaer Matrikel zwar längst als gedruckte Ausgabe vor, allerdings besteht sie lediglich aus zwei Verzeichnissen, welche die eingeschriebenen Mitglieder der Körperschaft alphabetisch nach Namen und Herkunftsort sortiert erfassen.59 Um aber Semester für Semester nachzuvollziehen, wer nach Jena kam, müsste das handschriftliche Original in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena konsultiert werden. Wie die Darlegung der Beziehungen zwischen Flacius und einigen Studenten aus den Habsburger Landen zeigt, wäre eine neue Edition, die den Aufbau der Matrikel berücksichtigt, oder ein online verfügbares Digitalisat für verschiedene Fragestellungen sehr nützlich.60 Da sich Gelehrtenbriefwechsel als eine der aufschlussreichsten Quellenarten zur Universitätsgeschichte erwiesen haben, wären auch die weitere Edition und Auswertung der Korrespondenzen der Jenaer Professoren äußerst gewinnbringend.61

Die Erschließung und Edition von Vorlesungsankündigungen und anderen Universitätsbekanntmachungen über diejenigen in der außerordentlich reichhaltigen Sammlung von Adam Sellanus hinaus62 sowie die Auswertung der Akten zu den frühen halbjährigen Stipendiatenexamina63 könnten ebenfalls tiefere Einblick in den Lehrbetrieb und die Studienverhältnisse an der Salana gewähren. Zu wünschen wäre, dass auch andere einzigartige Sammlungen und autobiographische Texte von Studenten wie etwa die sehr umfassend erhaltenen Vorlesungsmitschriften von Johann Mattenberg, das mit handschriftlichen Einträgen reichlich versehene »Calendarium historicum« aus dem Besitz von David Aquila64 oder der Bericht von Balthasar Sibenhar (1541–1601) über sein Studium in Jena und Wittenberg künftig mehr Aufmerksamkeit erfahren würden.65

Ein grundlegend neues Verständnis vom Lehren und Lernen an frühneuzeitlichen Universitäten könnte sich eventuell aus Forschungen zu privaten Vorlesungen und Übungen ergeben, denn es gibt bereits Indizien dafür, dass sie eine ebenso wichtige, wenn auch nicht bedeutendere Rolle an den akademischen Stätten spielten als öffentliche Vorlesungen.66 Bezeichnend dafür ist die bemerkenswerte Feststellung, dass sich keine der frühen, in verschiedenen Gattungen überlieferten Anweisungen zu theologischen Studien aus dem Kreis der Wittenberger Reformation direkt auf öffentliche Vorlesungen beziehen. Mit Blick auf die Quellenlage liegt allerdings der private Bereich der akademischen Studien weitgehend im Dunkeln. Die Erkenntnis, dass zum Beispiel Flacius parallel zu seiner offiziellen Lehrtätigkeit in Wittenberg als Professor für die hebräische Sprache privat über Werke von Aristoteles und über die paulinischen Episteln auf Griechisch las, ist der glücklichen Überlieferung von Mitschriften zu verdanken, die sich heute in Wien befinden.67

Schließlich stellt sich die genauere Einordnung der Salana innerhalb des seit der Reformation zunehmend ausgebauten territorialen Bildungssystems68 und der deutschen Bildungslandschaft der Forschung als künftige Aufgabe.69 Bei dieser Frage wurde bisher das Augenmerk vorwiegend auf die Beziehung Jenas zu Wittenberg gerichtet – und dies auch aus gutem Grund.

LITERATUR

1. Quellen

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Fasch, Johann Augustin, Das wahre reine Luthertum Der Welt-berühmten Vniversität Jena wollte Bey Celebrirung Des Andern Evangelischen Jvbilaei Und Danck-Festes […] vorstellen […], Jena 1717 (VD18 11124806).

Gerhard, Johann Ernst, Exercitatio Academica I. De Flacianismo […], Jena 1658 (VD17 23:238215M).

–, Disputatio Theologica De Strigelianismo […], [Jena] 1658 (VD17 12:135269K).

2. Sekundärliteratur

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Asche, Matthias, Jena als Typus einer protestantischen Universitätsgründung im Zeichen des Humanismus, in: ZTG 63 (2009), 117–142.

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