Lutherische Identität -  - E-Book

Lutherische Identität E-Book

0,0
29,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Luthertum zwischen kultureller Prägung und reformatorischem Erbe

Das Luthertum hat sich auf verschiedenen Wegen in der Welt verbreitet. Dadurch ist es in ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten heimisch geworden. Kann es dann aber eine »lutherische Identität« geben? Oder gibt es – je nach Prägung – nicht eher »lutherische Identitäten«? Und was verbindet diese, wie lebt es sich also in einer Communio, die zahlreiche Ausdrucksformen der »lutherischen Identität« ermöglicht, und wo sind die Herausforderungen dieses Miteinanders?

In seinem Ringen um Communio, die eine lebendige Kirchengemeinschaft sein soll, steht der Lutherische Weltbund vor eben diesen Fragen. Grund genug, nach Identitätsmarkern, nach Pfeilern einer gemeinsamen lutherischen Identität zu suchen, die für Geschichte, Gegenwart und unterschiedliche kulturelle Kontexte Relevanz besitzen und dabei Theologie und Geschichte miteinander verbinden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Luthertum zwischen kultureller Prägung und reformatorischem Erbe

Das Luthertum hat sich auf verschiedenen Wegen in der Welt verbreitet. Dadurch ist es in ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten heimisch geworden. Kann es dann aber eine »lutherische Identität« geben? Oder gibt es – je nach Prägung – nicht eher »lutherische Identitäten«? Und was verbindet diese? Wie lebt es sich also in einer Communio, die zahlreiche Ausdrucksformen der »lutherischen Identität« ermöglicht, und wo sind die Herausforderungen dieses Miteinanders?

In seinem Ringen um Communio, die eine lebendige Kirchengemeinschaft sein soll, steht der Lutherische Weltbund vor eben diesen Fragen. Grund genug, nach Identitätsmarkern, nach Pfeilern einer gemeinsamen lutherischen Identität zu suchen, die für Geschichte, Gegenwart und unterschiedliche kulturelle Kontexte Relevanz besitzen und dabei Theologie und Geschichte miteinander verbinden.

Mit Beiträgen von Anne Burghardt, Klaus Fitschen, Nicole Grochowina, Claudia Jahnel, Susanne Lachenicht, Kenneth Mtata, Hilke Rebenstorf, Chad Rimmer, Gottfried Rösch, Oliver Schuegraf, Jerzy Sojka, Willhelm Wachholz, Jennifer Wasmuth und Christian Volkmar Witt.

Die Herausgebenden:

PD Dr. Nicole Grochowina, Privatdozentin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg (Geschichte der Frühen Neuzeit und Neuere Kirchengeschichte); Stellvertretende Vorsitzende der Historischen Kommission des DNK/LWB

Prof. Dr. Klaus Fitschen, Professor für Neuere und Neueste Kirchengeschichte an der Universität Leipzig; Vorsitzender der Historischen Kommission des DNK/LWB

Dr. Oliver Schuegraf, Oberkirchenrat für ökumenische und theologische Grundsatzfragen, Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (Hannover); Geschäftsführer der Historischen Kommission des DNK/LWB

Die Lutherische Kirche – Geschichte und Gestalten – Band 32

Herausgegeben von der Historischen Kommission des Deutschen

Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes

Lutherische Identität

Kulturelle Prägung und reformatorisches Erbe

Herausgegeben von Klaus Fitschen, Nicole Grochowina und Oliver Schuegraf

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber an den aufgeführten Zitaten ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall nicht gelungen sein, bitten wir um Nachricht durch den Rechteinhaber.

Copyright © 2023 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-30769-1V001

www.gtvh.de

Inhalt

Geleitwort

Anne Burghardt

Einleitung

Klaus Fitschen, Nicole Grochowina und Oliver Schuegraf

Identität?

Was ist Identität?

Antworten aus sozialwissenschaftlicher Sicht

Hilke Rebenstorf

Identität

Kulturwissenschaftliche und frühneuzeitliche Konzepte und Perspektiven

Susanne Lachenicht

Kontextuelle Theologie 3.0

Von kontextuellen zu transkontextuell-intersektionalen Theologien zu gemeinschaftlicher theologischer Praxis

Claudia Jahnel

Lutherische Identität(en)?

Verzwergung des Heiligen Geistes?

Lutherische Identität in pneumatologischer Perspektive

Jennifer Wasmuth

Lutherische Identität durch allgemeines Priestertum?

Reflexionen zu Lehre und Leben im 16. Jahrhundert

Nicole Grochowina

Lutherische Identität in der Diaspora

Klaus Fitschen

Gibt es eine lutherische Identität?

Überlegungen aus historisch-theologischer Perspektive

Christian Volkmar Witt

Perspektiven der weltweiten Communio

Lutheran Identities in the Lutheran World Federation

Chad Rimmer

Lutheran Identity in Africa

Protest and Prospect

Kenneth Mtata

Das Luthertum im brasilianischen multireligiösen Kontext

Wilhelm Wachholz

Lutheraner:innen aus Russland im Land der Reformation

Gottfried Rösch

Dem Geschenk der Freiheit begegnen

Ringen um die Identität des polnischen Luthertums nach 1989

Jerzy Sojka

Die Autor:innen

Geleitwort

Anne Burghardt

Identität ist heute ein umstrittener Begriff. Je mehr man versucht, eine bestimmte Identität zu definieren, desto poröser wird sie. Das an sich ist jedoch nicht hoffnungslos, sondern aufschlussreich. Die Definition von Identität hat nicht das Ziel der »Abgrenzung« oder »Distanzierung«, wie einige Kritiker behaupten würden. Es gibt zwar Bewegungen, die aus ideologischen Gründen die »Identitätsfrage« vornehmlich in Abgrenzung gegenüber den Anderen definieren würden. Im Lutherischen Weltbund (LWB) dagegen haben wir die Frage in den Mittelpunkt gestellt, wie man die Pluralität oder Koexistenz mehrerer Identitäten innerhalb einer Gemeinschaft als eine bereichernde Gabe verstehen kann.

Der Studienprozess zur Frage, was »lutherische Identität« bzw. »lutherisch Sein« bedeutet, begann 2017 mit der Zwölften Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Windhoek, Namibia. Was bedeutet »lutherisch Sein« in der großen Vielfalt von Kulturen und nationalen Kontexten, die unsere weltweite Gemeinschaft von 149 Mitgliedskirchen ausmachen?

Im Laufe seiner Geschichte hat der LWB immer wieder Studienprozesse eingeleitet, um unser gemeinsames Verständnis der theologischen Identität der Mitgliedskirchen zu vertiefen, durch die wir uns gegenseitig anerkennen und unterstützen. Diese Studienprozesse haben sich auf verschiedene theologische Fragen vom Bereich der Hermeneutik bis hin zur Ekklesiologie, auf das öffentliche Zeugnis, den Gottesdienst und den gemeinsamen Dienst an Mitmenschen konzentriert.

Als Lutheraner:innen sind wir in unserem gemeinsamen Bekenntnis geeint: Wir sind durch Gottes Gnade durch den Glauben an Jesus Christus gerettet. Allein durch den Glauben gerechtfertigt, sind wir zum Dienst befreit. Oder, wie Luther schreibt: Gute Werke fließen ungehindert aus dem Glauben. Befreit durch die Gnade, sind wir aufgerufen, unsere Nächsten zu lieben und ihnen zu dienen. Wir glauben, dass diese grundlegenden lutherischen Werte der Freiheit, der Liebe und des Dienstes am Nächsten im wachsenden Maße als Gegenzeugnis zu den zunehmenden Diskriminierungs-, Ausgrenzungs- und Ungerechtigkeitsnarrativen in der Gesellschaft dienen können.

Lutherisch zu sein, ist jedoch keine statische Identität. Die Komplexität der Definition von »Identität« lässt der Dynamik Raum. Man könnte sie als eine Bekenntnisdynamik bezeichnen. Im Jahr 1530 wurde das Augsburger Bekenntnis als ökumenisches Zeugnis verfasst. Als Dokument versuchte das Augsburger Bekenntnis, die immer noch recht junge Reformbewegung zu definieren, und machte damit der Kirche seiner Zeit einen ökumenischen Vorschlag. Dieser Moment des Bekennens definiert die lutherische Identität zu allen Zeiten und an allen Orten.

Warum der Plural – lutherische Identitäten? Für den LWB bedeutet »lutherisch Sein«, das Evangelium auf eine Art und Weise zu bekennen, die einerseits aus dem Evangelium heraus Fragen an die herkömmliche Kultur stellt, andererseits das Evangelium aber kontextuell bekennt. Bekennen bedeutet, das Evangelium mit Sprache und Ritualen, mit Wort und Sakrament kontextualisiert zu übersetzen. Bekennen heißt, sich auf diese Dynamik einzulassen, die zeigt, was das Evangelium an jedem Ort den Menschen sagen will. Natürlich kennt eine solche Bekenntnisdynamik viele Variationen und damit verschiedene Identitäten.

Viele Fragen, Probleme und Möglichkeiten, die mit der Definition von Identitäten verbunden sind, werden in diesem Band, der vor Ihnen liegt, erörtert. Für den LWB deckt der Studienprozess über die lutherische(n) Identität(en) neue Ausdrucksformen auf und findet kreative Wege, aus unserer Taufe zu leben, so dass dieser eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit ist und sein wird. Wenn wir den Erfahrungen der Anderen zuhören, können wir einen Schritt zurücktreten und erkennen, dass Vielfalt nicht zur Verwirrung oder Hoffnungslosigkeit führt, sondern vielmehr zu einer reichen Harmonie der Stimmen, zu einem großen Gewebe der Menschheit.

Einleitung

Was ist lutherische Identität? Seit dem reformatorischen Geschehen steht diese Frage im Raum – und dies in äußerst vielschichtiger Weise, denn diese Frage betrifft die Theologie, das Selbstverständnis, die Frömmigkeitspraxis, das Verhältnis zur Welt, zur Regierungsgewalt und zu den anderen Konfessionen. Es betrifft aber auch und gerade die eigene, unmittelbare Gottesbeziehung. Hinzu kommen die unterschiedlichen Kontexte, in denen sich eine vermeintlich erkennbare lutherische Identität entfaltet: im reformatorischen Geschehen zuerst im Kurfürstentum Sachsen und damit unter Martin Luthers Landesherren Friedrich dem Weisen und anschließend unter Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen. Aber auch in Hessen und anderen Territorien des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation sowie in verschiedenen (Reichs)städten konnte sich die neue Lehre festigen und damit die Frage nach der Identität aufs Tableau bringen. Dabei traten nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg (1546/7) andere Player hervor, die etwa wie die Stadt Magdeburg für sich in Anspruch nahmen,1 die lutherische Identität zu erkennen und zu bewahren – und vollends war diese Frage präsent, nachdem Martin Luther 1546 gestorben war. Spätestens jetzt setzte die protestantische Erinnerungspolitik ein,2 die in zwei Richtungen zu handeln hatte: Vergewisserung nach innen und das Ziehen von klaren Linien nach außen, damit das reformatorische Geschehen im Übergang zur zweiten und dritten Generation nicht zu einer Episode der Geschichte mutieren würde.

In diesem kritischen Übergang nach dem Tod Luthers als einer wesentlichen Identifikationsfigur zeigten sich die Problematiken,3 die bereits bei der Frage der Bekenntnisbildung (1530) virulent gewesen sind: Es war kaum möglich zu klären, was genau die »Augsburger Religionsverwandten« ausmachte, auch wenn sie sich auf die Confessio Augustana (CA) beriefen, die auch gerade wegen dieser Unterschiedlichkeit als »variata« und als »invariata« zirkulierte. Zu verschieden waren die Ausgestaltung nicht allein der praxispietatis, sondern auch der theologischen Grundpositionen sowie auch die Stellung zur weltlichen Obrigkeit. Gerade daraus erwuchs das Bemühen, eine gemeinsame – und durchaus breite – Bekenntnisgrundlage zu haben, um als einheitliches Gegenüber der katholischen Kirche und der weltlichen Obrigkeiten klar erkennbar zu sein.

Die Folge dieser Unklarheiten war aber nicht nur das Bemühen um ein gemeinsames Bekenntnis, sondern auch eine wachsende Anzahl an Streitigkeiten, die insbesondere seit den 1540er Jahren immer wieder ausbrachen. Diese machten neben allen theologischen Diskussionen immer auch die Identitätsfrage zum Thema. So gehört zur Einführung des »Interims« (1548) auch und gerade der »interimistische Streit«, welcher die »größte Krise im deutschen Protestantismus«4 markierte. Es ging um die lutherische Lehre im Schatten des »Interims« und damit der Rekatholisierungsbemühungen im Alten Reich. Zur Disposition standen dabei wesentliche Identitätsmerkmale der entstehenden lutherischen Kirche: die Rechtfertigungslehre, die Priesterehe und der Laienkelch. Auf lutherischer Seite wurde indes um die Frage gestritten, ob katholische Riten wieder eingeführt werden könnten, ohne dass die lutherische Lehre Schaden daran nahm. Hier gab es unterschiedliche Positionen, die zwischen Realpolitik und dem unbedingten Bemühen oszillierten, das eigene Verständnis der vermeintlich reinen Lehre durchzusetzen. Insofern wurde hier die Identitätsfrage in besonderer Weise adressiert. Philipp Melanchthon und Matthias Flacius Illyricus waren die Protagonisten dieser Auseinandersetzung, die sich rund um die Frage entfaltete, welche Dinge als Adiaphora zu verstehen seien. Schließlich blieb hier wenig von einer gemeinsamen Identität zu konstatieren; vielmehr kam es zur Spaltung innerhalb des Luthertums, deren Hauptgruppen als »Gnesiolutheraner« einerseits und »Philippisten« andererseits zu benennen sind.5 Nachfolgende Streitigkeiten – etwa um die Rolle des Glaubens und die Bedeutung der »guten Werke« – hatten ebenfalls eine ausgeprägte Sprengkraft wie der »interimistische Streit«. Insgesamt verweisen alle weiteren Auseinandersetzungen darauf, dass es im 16. Jahrhundert keineswegs ausgemacht war, was lutherische Identität – in allgemein verbindlicher und damit auch einheitsstiftender Weise – war.6 Es war also theologisch und kirchenpolitisch mehr als erforderlich, hier zu einer Einigung zu kommen.

Eine wesentliche Auseinandersetzung, die auch ihre Kraft in der Identitätsfrage entfaltet hat, hängt mit der Entwicklung der Konkordienformel zusammen. Hier ging es darum, die aufgebrochenen und scharf benannten Gegensätze zu überwinden und so wieder zu einer Einheit zusammenzufinden. Nur so konnte die entstehende lutherische Kirche in den (kirchen)politischen Konflikten bestehen, in die sie sich involviert sah. Die Frage nach einem gemeinsamen Bekenntnis war auch deshalb von Bedeutung, weil weiterhin unklar war, wer genau sich eigentlich zur Confessio Augustana bekannte. Diese Frage war deswegen wichtig, weil der »Augsburger Religionsfrieden« (1555) eben nur die Augsburger Religionsverwandten reichsrechtlich anerkannt hat. Insofern war die Bekenntnisfrage zugleich auch eine Existenzfrage.7 Entsprechend forsch wurde sie ausgehandelt. Am Ende (1577) stand eine Formel, die der CA unterstand und gleichzeitig die extremeren Positionen auf Seiten der »Gnesiolutheraner« und »Philippisten« preisgab.8 Nur so war es möglich, innerhalb eines engen politischen und theologischen Rahmens zu einer lehrmäßigen Einigung zu kommen, die weite Teile der lutherischen Theologie umfasste. Wesentlicher Referenzhorizont war hierbei Martin Luther. Seine Auffassungen wurden in weitreichender Weise herangezogen, um letztlich die entstandenen Streitigkeiten zu lösen.9 Er und seine Schriften waren weiterhin ein – wenn nicht gar das wesentliche – Element bei der Etablierung einer lutherischen Identität auf Grundlage einer gemeinsamen Ausrichtung der Lehre. Damit waren allerdings auch weitere Streitigkeiten vorprogrammiert, die sich um die Aneignung seiner Lehre und Auffassungen rankten. Vor diesem Hintergrund ist die Konkordienformel als wesentlicher Versuch zu verstehen, die Identitätsfrage zu ordnen. Dies liegt nicht allein an der Einigung, die hier erzielt wurde, sondern es liegt auch daran, dass dies in der dritten Generation nach dem reformatorischen Geschehen gelungen ist. Dieser Generation kommt gemeinhin eine entscheidende Rolle bei der mittelfristigen Klärung der Identitätsfrage zu, denn sie hat nicht mehr die Ursprungserfahrung, sondern ist dazu gerufen, sich das Geschehen – auf der Grundlage solider Quellenarbeit – neu anzueignen und für ihre Gegenwart und Zukunft fruchtbar zu machen. Dies ist ausgeprägte und nicht selten auch schwierige »Identitätsarbeit«, die jedoch für den weiteren Verlauf der Bewegung oder eben auch der Kirche entscheidend ist.10 Gleichwohl war damit die Frage nach der lutherischen Identität nicht vollumfänglich geklärt. Je nach Kontext bekam sie erneut eine entscheidende Wendung, wie dies etwa im »Alten Reich« durch die Frömmigkeits- und Reformbewegung des Pietismus geschehen ist, als Fragen nach der Erneuerung des geistlichen und damit zuallererst auch des inneren Lebens in den Vordergrund gerückt wurden.

Eine Zäsur war weiterhin die Auseinandersetzung mit deistischen und später rationalen Einschätzungen seit dem 17. Jahrhundert, als die Theologie der Aufklärung ihren Ausweg in der Neologie und damit in einer ganz eigenen Verbindung zwischen Glauben und Vernunft suchte.11 Auch dies hatte Auswirkungen auf die Identitätsfrage, war nun doch offenbar, was spätestens im 21. Jahrhundert opinio communis werden sollte: Die Zugehörigkeit zu einer Kirche war nicht mehr selbstverständlich und die entsprechende Sozialisation wurde nicht mehr hinreichend geleistet. Mit anderen Worten: Mit wachsender Tendenz wurde es möglich, mehrere Angebote auf dem Markt der Sinnstiftung anzunehmen und so – auch mit Blick auf die wachsende Individualisierung – eine eigene, noch mehr personenorientierte konfessionelle Identität zu formulieren und zu leben. Es ist davon auszugehen, dass dies bereits in der Frühen Neuzeit und letztlich bereits seit dem reformatorischen Geschehen angelegt war.12 Allerdings forcierte die weitere Entwicklung von Kirche, Staat und Gesellschaft diese Differenz – zumindest im europäischen Kontext. Im weltweiten Kontext ist durch das gewaltvolle Ausgreifen europäischer Mächte und damit auch durch die Entwicklung der Missionskirchen eine andere Entwicklung zu konstatieren.13 Diese Betonung des Kontextes verweist darauf, wie unverzichtbar die internationale Perspektive ist, um zu einem Verständnis von lutherischer Identität zu gelangen. Jenseits europäischer Kontexte hat das, was die Missionare als Luthertum in die Welt gebracht haben, eine Transformation erfahren, als es darum ging, dies mit bestehenden Frömmigkeitspraktiken und Gottesbildern zusammenzubringen. Diese Transformationsprozesse bilden eine wesentliche Grundlage, wenn gegenwärtig die Frage nach lutherischer Identität neu adressiert wird.

Steht die Frage nach lutherischer Identität im Raum, ist also der Blick auf die Wurzeln im reformatorischen Geschehen sinnvoll. Gleichzeitig kommt eine solche Klärung niemals ohne die weltweite Perspektive aus, die sowohl die regionalen Kontexte als auch die sich darin entfaltende Theologie und Frömmigkeitspraxis ernstnimmt. Dieser Spur folgt auch der Lutherische Weltbund (LWB), der zu unterschiedlichen Zeiten die Frage nach lutherischer Identität angestoßen hat, um auf diese Weise eine Selbstvergewisserung und ein Nachdenken über das zu fördern, was diese weltweite Gemeinschaft der lutherischen Kirchen verbindet und trägt. Verschiedene Studien geben hiervon Zeugnis.14 Gegenwärtig stellt sich die Frage vor dem Hintergrund der Säkularisierung in Europa und der wachsenden lutherischen Kirchen etwa in Afrika (Äthiopien, Tansania) wieder neu. Hinzu kommen theologische Fragen, die aus der jeweiligen, kontextbezogenen praxis pietatis hervorgehen und beispielsweise die Rolle der Geistesgabe oder des Heiligen Geistes überhaupt betreffen und vor diesem Hintergrund nach der Rolle der Kontexte und Traditionen fragen, in denen sich lutherische Identität entfaltet.15 Zu diesem Prozess gehört ein vitaler globaler Austausch, in dem Traditionen und Perspektiven ins Gespräch kommen und dabei gemeinsame Aufgaben wie etwa die Formation des Glaubens und die Praxis adressieren.16

In diesen Gesprächsprozess, der nach der gegenwärtigen lutherischen Identität fragt, reiht sich der vorliegende Band ein, der aus einer Tagung der Historischen Kommission des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes hervorgegangen ist. Diese interdisziplinäre Tagung hat im Februar 2022 im digitalen Raum stattgefunden und sich mit ihrer Frage nach unterschiedlichen Markern von lutherischer Identität in den aktuellen Gesprächsprozess des LWB eingepasst.

Deutlich geworden ist in den Beiträgen und Diskussionen, dass die Fragen nach lutherischer Identität in der Gegenwart nicht ohne den Ausgriff auf das Fundament und damit auf die Vergangenheit gelöst werden können. So wie Kontexte die jeweilige konfessionelle Identität prägen, so hat auch beim Blick auf Konfession und Identität die Setzung aus der Annales-Schule ihre Berechtigung, dass alles Gewordene Geschichte habe17 – und eben diese Geschichte deshalb immer beim Blick auf die Gegenwart zu berücksichtigen sei. Drei Schritte werden in diesem Band deshalb vollzogen: Zunächst wird die Frage nach der Identität aufgeworfen und aus unterschiedlichen Richtungen beleuchtet. Hier macht die Soziologin Hilke Rebenstorf den Auftakt, die aus sozialwissenschaftlicher Perspektive nach Identität und Identitäten fragt. Sie zeigt, was für ein aktiver Prozess die Identitätsentwicklung letztlich ist und welche Rolle dabei Interaktionen spielen, die grundsätzlich nicht erwartungsfrei sind, sondern darauf zielen, Identität möglichst bewusst zu gestalten. Dabei verweist sie auch auf die Rolle des Kontextes, den sie beispielsweise als Prozesse der gesellschaftlichen Modernisierung benennt. Deutlich wird, dass jedwede Form von Identität auch ein konzises Identitätsmanagement braucht.

Im frühneuzeitlichen Kontext siedelt die Historikerin Susanne Lachenicht die Frage nach Identität an. Ihr geht es um die Auseinandersetzung mit der konfessionellen Zugehörigkeit, die als wesentlicher Marker von Identität verstanden werden kann – wenn diese Zuordnung erfolgt. In der Frühen Neuzeit jedoch war das Phänomen der »konfessionellen Ambiguität« verbreitet. An drei Beispielen aus dem regionalen Kontext (Köln, Berlin, New York) und aus dem gesamten Bereich der Frühen Neuzeit zeigt sie, dass und wie derlei neuere Perspektiven nicht allein das Konfessionalisierungsparadigma in hilfreicher Weise dekonstruieren. Es wird auch deutlich, dass Prozesse der Identitätsbildung in der Frühen Neuzeit deutlich vielschichtiger verstanden werden müssen. Das gilt auch gerade für die dynamischen Aushandlungsprozesse von Gottesvorstellungen, theologischen Überzeugungen, Frömmigkeitspraktiken und damit schlussendlich auch von lutherischer Identität.

Damit ist die Bedeutung des Kontextes klar benannt. Eben diese Perspektive vertieft die Theologin Claudia Jahnel durch ihren Blick auf kontextuelle Theologien auf ihrem Weg zu einer gemeinschaftlichen theologischen Praxis. Identitäten werden hier erst einmal zu Identitätsbehauptungen. Deutlich wird, dass sie geschaffen, ausgehandelt und bisweilen auch verworfen werden. Dies nimmt die »kontextuelle Theologie« ernst und sorgt so dafür, dass Topoi lutherischer Theologie (Rechtfertigungslehre, Priestertum aller Glaubenden etc.) kontextualisierend reflektiert werden. Damit geht im Kontext der Welt auch die kritische Reflexion hegemonialer, weil kolonialer Macht einher. Letztlich entkleidet ein solcher Zugriff die Theologie ihrer vermeintlich zeitlosen Selbstverständlichkeiten und macht sie in ihrer Zeitbedingtheit selbst zum Thema.

Auf dieser Grundlage ist der Weg eröffnet, einen genaueren Blick auf lutherische Identitätsbehauptungen zu werfen. Dies tut der zweite Abschnitt des Buches, in dem speziell die lutherische Identität sowie ihre Ausprägung in Geschichte und Gegenwart in den Fokus gerückt wird. Die Theologin Jennifer Wasmuth diskutiert die Behauptung, es im Luthertum mit einer Form der »Geistesvergessenheit« zu tun zu haben. Der Heilige Geiste stehe allzu oft hinter dem Schriftprinzip und der damit einhergehenden Bibel als Korrektiv geistlichen Lebens zurück. Über Rudolf Otto und sein weit rezipiertes Werk »Das Heilige« (1917) hinausgehend sowie mit Blick auf Christian Henning und Christian Danz und damit auf neuere Ansätze, den Heiligen Geist in lutherischer Diktion zu verstehen, kommt sie zu dem Schluss, dass dieser in der Tat einen festen Platz innerhalb der lutherischen Theologie hat. Dies sei keine Konzession an die Renaissance des Heiligen Geistes im 21. Jahrhundert, sondern eine angemessene Herleitung aus der lutherischen Pneumatologie. Bei der Frage der Identität ist also der Heilige Geist auch dann mitzudenken, wenn in der Frömmigkeitspraxis Vorbehalte bestehen sollten.

Eine theologische Figur, die zumeist als wesentlicher Marker lutherischer Identität verstanden wird, ist das »Priestertum aller Glaubenden.« Pointiert hergeleitet in seiner Schrift an den »christlichen Adel deutscher Nation« nimmt Luther hier die Obrigkeit in die Pflicht, sich vehement für die Erneuerung der Kirche einzusetzen. In diesem Zusammenhang wird die individuelle Gottesbeziehung und – damit einhergehend – auch die individuelle Weltverantwortung deutlich. Allerdings – und dies zeigt die Historikerin Nicole Grochowina – wohnen dieser umfänglichen theologischen Figur auch Begrenzungen inne, die zumindest anfragen lassen, ob das »Priestertum aller Glaubenden« nicht allzu optimistisch als Marker lutherischer Identität verstanden wurde. Erkennbar wird, dass in der Grundausrichtung, aber auch in den Momenten inhaltliche Nachjustierungen vorgenommen wurden, in denen individuelle Aneignungsprozesse dieser Figur (etwa durch die Bauern oder die täuferische Bewegung) erfolgt sind.

Den Kontext der Diaspora führt der Theologe Klaus Fitschen ein, um ausgehend davon nach Identitätsbildung im 19. Jahrhundert zu fragen. Die Gefahr, eine Minderheit zu sein, zu bleiben oder gar gänzlich als Kirche vernichtet zu werden, hat es für das Luthertum seit dem 16. Jahrhundert durchaus gegeben. Diese Erfahrungen sind eingeflossen, als im 19. Jahrhundert das Luthertum in unterschiedlichen Minderheitensituationen ernst genommen und durch Diaspora-Werke gefördert wurde. Für die Identitätsstiftung und -bewahrung ist es wichtig, eben dies weitgehend als Normalfall anzusehen, so dass sich hier eine besondere Facette bei der Frage nach lutherischerer Identität auftut. Hier waren also andere Prozesse der Identitätswahrung erforderlich, die gerade im globalen Kontext vergleichend zu bedenken sind.

Der Theologe Christian Witt schließt diesen zweiten Passus des Buches mit Überlegung aus einer historisch-theologischen Perspektive ab. Diese ist aus einem Podiumsgespräch hervorgegangen, was sich auch in Länge und Charakter dieses Beitrages widerspiegelt. Witt betont, dass es eine überzeitliche und damit kontinuierlich erkennbare lutherische Identität nicht gebe. Vielmehr sei von unterschiedlichen lutherischen Identitätskonstruktionen zu sprechen, die einem bestimmten zeitlichen Rahmen zuzuordnen und in ihrer Wirkmächtigkeit überschaubar seien. Auch die normativen Grundlagen des Luthertums seien vor diesem Hintergrund zu verorten. Erkennbar sei dann, dass auch deren Aneignung ein dynamischer und keineswegs ahistorischer Prozess sei, so dass die Rede von der Identitätskonstruktion gerechtfertigt sei.

Im dritten Teil zeigt der exemplarische Blick in die Welt und auf besondere Kontexte, welche kaum zu überschätzende Bedeutung den Kontexten zukommt, wenn es um die Ausprägung spezifischer lutherischer Identitätskonstruktionen oder Identitätsbehauptungen geht, die – und das ist die Herausforderung in der weltweiten Gemeinschaft der lutherischen Kirchen – bisweilen auf theologischer und frömmigkeitspraktischer Ebene wenig Anschlussfähigkeit an andere Ausdrücke in anderen Kontexten hat. Der Theologe Chad Rimmer eröffnet diesen Blick in die Welt, indem er die Dynamiken nachzeichnet, die sich im LWB entfaltet haben, als dieser begonnen hat, sich mit der Frage nach der lutherischen Identität auseinanderzusetzen. Rimmer benennt die normative Dimension dieser Identität, verweist aber auch darauf, was für ein umfänglicher Transformationsprozess beginnt, wenn es um die Anverwandlung dieser Normen geht. Schließlich nimmt er Bezug auf die jüngst erfolgte Umfrage an alle Kirchen innerhalb des LWB, in der es um die jeweiligen Ausdrucksformen der lutherischen Identität geht. Hier ergeben sich neue Fragen, die auf die Ausbildung regionaler und gemeindlicher Identitäten zielen sowie auf den – intensiver zu lernenden – Umgang mit Diversität in Ausdrucksformen, im Umgang mit ethischen Fragen sowie bei der Bewertung von geistlichen Gaben.

Vier exemplarische Berichte vertiefen diese Fragen und fügen weitere Beobachtungen hinzu. Der erste Beitrag richtet den Blick auf den afrikanischen Kontinent. Der simbabwische Theologe Kenneth Mtata zeigt, dass afrikanische Theologen bereits Einfluss auf die Reformation genommen haben. Anschließend weist er an Beispielen aus der Geschichte des Lutherischen Weltbundes afrikanische Beiträge lutherischer Identität nach. Der Umgang mit interkulturellen, politischen, missionarischen und pneumatologischen Fragen kommt dabei in den Blick und betont die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Perspektive.

Der Theologe Wilhelm Wachholz verweist auf die Herausforderungen, denen sich das Luthertum in Brasilien und damit in einer multireligiösen Gesellschaft zu stellen hat. Präzise stünde es vor der Aufgabe, die umgebende Kultur nicht zu »verschlucken«, so Wachholz, müsste aber gleichzeitig auch dafür sorgen, auch von ihr nicht »verschluckt« zu werden.

Eine weitere Herausforderung benennt der Theologe Gottfried Rösch in seinem Beitrag zu Russlanddeutschen in Bayern. Die Frage, wer letztlich Deutsche aus Russland genau seien, sei ebenso virulent wie die Frage nach der Sprache, der Bewahrung der bestehenden und der Ausbildung einer neuen Identität in einem vollkommen neuen Kontext. In sogenannten »Dritten Räumen« werden deshalb Vorgefundenes und Mitgebrachtes miteinander kombiniert, so dass diesen Räumen für die Identitätsstiftung eine besondere Bedeutung zugeschrieben werden muss.

Und schließlich verweist der Theologe Jerzy Sojka auf eine besondere Herausforderung des Luthertums in Polen, das sich – wie die gesamte polnische Gesellschaft auch – nach 1989 mit der gewonnenen Freiheit und den damit einhergehenden Transformationen auseinanderzusetzen hatte. Erbe, Geschichte und neue Möglichkeiten kamen hier zusammen – zwischen diesen oszillierte dann auch der Prozess der Identitätsstiftung bzw. der Anpassung an den rapide transformierten Kontext.

Alle Beiträge betonen die kaum zu unterschätzende Bedeutung des Kontextes, der Zeitbezogenheit und der unterschiedlichen Aneignungs- und Aushandlungsprozesse normativer Setzungen. Bei allen Versuchen, verbindliche Rahmenbedingungen zu schaffen, rechtfertigen die unterschiedlichen Befunde die Rede von Identitätskonstruktionen, Identitätsbehauptungen und letztlich auch von zeitlich und örtlich begrenzten Identitätsbildungen. Somit hat sich der LWB eine ambitionierte, dabei aber hochgradig wichtige Aufgabe gegeben, als er sich zum Ziel gesetzt hat, ungeachtet dieser Differenzen und Handlungsspielräume an einer Gemeinschaft der Kirchen festzuhalten, obwohl diese viel Potential hat, sich aufgrund ihrer regionalen Situiertheit und den daraus hervorgehenden Unterschieden gerade in ethischen Fragen zügig auseinander zu bewegen. Gleichwohl stehen diesen Konfliktpotentialen das grundsätzliche Wohlwollen der Kirchen des LWB und ihre Bereitschaft gegenüber, in dieser communio nicht nur zu bleiben, sondern auch stärker denn je zusammenzuwachsen. Diese Grundlage ist unumgänglich und zugleich dienlich, um aktuelle Fragen nach der lutherischen Identität zu bedenken, auszuhandeln und so zu verbindlichen Aussagen zu kommen, die es erlauben, sich als Kirchen und als Weltbund in der Gegenwart zu situieren.

Die Herausgebenden danken allen, die an diesem Band beteiligt waren. Das sind in erster Linie die Autor:innen, die gewonnen werden konnten, bei der Tagung im Februar 2022 sowie in diesem Band die Frage nach lutherischer Identität neu zu adressieren und zu akzentuieren.

Herzlich gedankt sei auch der Generalsekretärin des Lutherischen Weltbundes, Anne Burghardt, für das Geleitwort, das diesem Band voransteht. Ebenfalls zu danken ist Diedrich Steen, Programmleiter des Gütersloher Verlagshauses, für die Begleitung bei der Erstellung des Bandes. Für das profunde Korrekturlesen geht der Dank an Martina Kruse und Manuela Reineke.

Selbitz, Leipzig, Hannover im Januar 2023

Sr. Nicole Grochowina, Klaus Fitschen und Oliver Schuegraf

1. Vgl. Thomas Kaufmann: Das Ende der Reformation. Magdeburgs »Herrgotts Kanzlei« (1548-1551/2), Tübingen 2003; Anja Moritz: Interim und Apokalypse. Die religiösen Vereinheitlichungsversuche Karls V. im Spiegel der magdeburgischen Publizistik, 1548-1551/52, Tübingen 2009.

2. Vgl. zur Erinnerungspolitik Thomas Fuchs: Protestantische Heiligen-memoria im 16. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift 267 (1998), 587-614. Vgl. auch für den weiteren Kontext Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart / Weimar 2005.

3. Zur – durchaus auch polemischen – Schau auf Luthers Tod und dessen Bedeutung für die Erinnerungskultur auch jenseits des 16. Jahrhunderts vgl. Nicole Grochowina: Kaiser und Kaiserin? Bilder von Martin Luther und Katharina von Bora im 17. Jahrhundert, in: Carlotta Israel / Camilla Schneider (Hg.): Bild, Geschlecht, Rezeption. Katharina von Bora und Martin Luther im Spiegel der Jahrhunderte, Leipzig 2021, 64-113, hier: 76-81.

4. Bernhard Lohse: Dogma und Bekenntnis in der Reformation. Von Luther bis zum Konkordienbuch, in: ders. / Wilhelm Neuser / Günter Gaßmann u. a.: Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte. Bd. 2: Die Lehrentwicklung im Rahmen der Konfessionalität, 2. überarb. und erg. Aufl., Göttingen 1998, 1-167, hier: 109.

5. Vgl. ebd., 112.

6. Zum majoristischen, antinomistischen, synergistischen und osiandrischen Streit vgl. ebd., 113-129.

7. Vgl. hierzu ebd., 138.

8. Vgl. ebd., 162.

9. Vgl. Konkordienformel, in: Amt der VELKD (Hg.): Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, 6. völlig neu bearb. Aufl., Gütersloh 2013, 657-917.

10. Vgl. hierzu Michael Hochschild: Die Zukunft der geistlichen Bewegungen. Wie bleiben Bewegungen beweglich? Zürich 2016, 139-149. Hier findet sich auch der Begriff der »Identitätsarbeit«.

11. Vgl. Gustav Adolf Benrath / Gottfried Horning / Wilhelm Dantine u. a.: Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte. Bd. 3: Die Lehrentwicklung im Rahmen der Ökumenizität, 2. überarb. u. erg. Aufl., Göttingen 1998.

12. Vgl. zu dem umfassenden Ansatz der konfessionellen Ambiguität, die bereits in die Frühe Neuzeit zu datieren ist: Andreas Pietsch / Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.): Konfessionelle Ambiguität. Uneindeutigkeit und Verstellung als religiöse Praxis in der Frühen Neuzeit, Heidelberg 2013. Vgl. auch Kaspar von Greyerz / Manfred Jakubowski-Tiessen / Thomas Kaufmann / Hartmut Lehmann (Hg.): Interkonfessionalität, Transkonfessionalität, binnenkonfessionelle Pluralität. Neue Forschungen zur Konfessionalisierungsthese, Heidelberg 2003.

13. Damit ist ein großes Themenfeld adressiert, das mit dem »post-colonial turn« eine neue Richtung bekommen hat. Vgl. etwa René Devisch / Francis Nyamnjoh (Hg.): The Postcolonial Turn. Re-Imagining Anthropology and Africa, Leiden 2011; Ulrich von der Heyden / Jürgen Becher (Hg.): Mission und Gewalt. Der Umgang christlicher Missionen mit Gewalt bei der Ausbreitung des Christentums in Afrika, Asien und Ozeanien in der Zeit von 1792 bis 1918/19, Berlin 2000; Andreas Nehring: Das »Ende der Missionsgeschichte« – Mission als kulturelles Paradigma zwischen klassischer Missionstheologie und postkolonialer Theoriebildung, in: Berliner Theologische Zeitschrift 27 (2010), 161-193; Judith Becker (Hg.): European Missions in Contact Zones. Transformation through Interaction in a (Post) Colonial World, Göttingen 2015.

14. Vgl. hierzu den Beitrag von Chad Rimmer in diesem Band.

15. Vgl. hierzu insbesondere Chad Rimmer / Cheryl M. Peterson (Hg.): Wir glauben an den Heiligen Geist. Lutherische Identitäten aus weltweiter Perspektive, Leipzig 2022.

16. Vgl. hierzu die Webinare aus der Serie »Being Lutheran« des LWB.

17. Vgl. hierzu Matthias Middell / Steffen Sammler (Hg.): Alles Gewordene hat Geschichte. Die Schule der Annales in ihren Texten 1929-1992, Leipzig 1994.

Identität?

Was ist Identität?

Antworten aus sozialwissenschaftlicher Sicht

Hilke Rebenstorf

Der Diskurs um und über Identität(en) ist aktuell wie lange nicht mehr. Zwar wird in manchen der aktuellen Debatten nicht zwingend der Ausdruck »Identität« erwähnt, schwingt aber häufig implizit mit. Er steckt in der Ratgeberliteratur zu Achtsamkeit und Authentizität – man soll »man selbst sein«, seinem Selbst Ausdruck verleihen, sich um sein Selbst kümmern. Identität spielt eine Rolle in der vor einigen Jahren wieder neu entfachten Debatte um Heimat, verstanden als Ort des Aufgehobenseins, mit dem man sich identifiziert, von dem die Identität geprägt ist.

Ist in diesen Fällen Identität als für den Menschen wie auch für ganze Gesellschaften wichtig erkanntes Moment positiv konnotiert, ist sie auf der anderen Seite regelrecht in Verruf geraten. Aus den Cultural Studies, die in England als Emanzipationsbewegung bereits in den 1950er Jahren entstanden, folgte der Cultural Turn in den Sozialwissenschaften.1 In dessen Gefolge ist eine Zunahme der Identitätspolitiken zu verzeichnen, die mit dem Einklagen einer diskriminierungsfreien Umwelt einhergehen. Am bekanntesten sind sicherlich die Stimmen ethnischer und religiöser Minderheiten, von Queeren, Frauen, »Verteidiger:innen« des Abendlandes. Was für die Einen unabdingbar für eine gleichberechtigte demokratische Gesellschaft ist, erscheint den Anderen als Gefahr, die zu einer Spaltung der Gesellschaft führt, weil Identitätspolitiken ihrer Ansicht nach die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden eher hochzuziehen scheinen als einzuebnen. Am Beispiel der Identitätspolitiken, die sich schier unendlich weiter auffächern lassen, wird unmittelbar einsichtig, dass sich manche dieser so formulierten Identitäten überschneiden, nicht singulär sind, ja nicht singulär sein können. Es gilt, was bereits vor 40 Jahren mehrfach anschaulich formuliert wurde:

»Identitäten sind hochkomplexe, spannungsgeladene, widersprüchliche symbolische Gebilde – und nur der, der behauptet, er habe eine einfache, eindeutige, klare Identität – der hat ein Identitätsproblem.«2

»In conclusion, the concept of self is a chimera […]. Or perhaps it is constructed by social experience and maintained by social role requirements […], or by the use of shared systems of meaning […], or by social reinforcements […]. Or the self is the cognitive structure which gives meaning and organization to one’s experience. Or the self is the person’s own construction, the core of one’s responsibility and one’s moral being […].«3

Entsprechend dieser Komplexität des zur Diskussion stehenden Phänomens kann auch die Antwort auf die Frage nach dem, was Identität ist, nur einigermaßen komplex ausfallen, zumal die sozialwissenschaftliche Literatur zu dem Thema kaum mehr überschaubar ist. Um den vorgegebenen, notwendigerweise begrenzten, Rahmen nicht zu sprengen und dennoch einige der Komplexität angemessene grundlegende Antworten zu geben, gliedert sich der Beitrag in folgende Schritte: in einem ersten kurzen Abschnitt wird der Frage nachgegangen, ob von Identität in der Einzahl oder in der Mehrzahl gesprochen werden sollte (1.) Danach folgt ein Kapitel zur Identitätsentwicklung – in ihren Stufen (2.1), als Prozess (2.2) und durch Interaktion (2.3), das auf grundlegende Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, der Sozialisationsforschung und des symbolischen Interaktionismus aufbaut. Im darauffolgenden Kapitel wird die Frage nach der Ein- oder Mehrzahl von Identitäten mit Ausführungen zu deren Vielschichtigkeit wiederaufgegriffen, aus dem ersichtlich wird, dass Identität nicht nur etwas ganz Eigenes ist, sondern gesellschaftlich geprägt und verankert (3.). Daraus entsteht eine doppelte Herausforderung für die Stabilität der Identität(sentwicklung): Zum einen als das Eigene, das man ist oder meint zu sein und das man darstellen will, zum anderen das gesellschaftlich Verankerte, dass einen in der eigenen Identität stabilisiert, mit gesellschaftlichen Veränderungen aber auch aus dem Lot bringen kann (4.) Schlussfolgerungen über die Ausführungen werden in dieses letzte Kapitel integriert.

1. Identität und bzw. oder Identitäten

Identität ist zunächst einmal die Antwort auf die ganz einfach erscheinende Frage: »Wer bin ich?« Eine Frage, die überhaupt erst mit der Moderne aufkam. Das, was wir auf diese Frage antworten, bezeichnet man als persönliche Identität. Das ist aber nicht die einzige Frage, die sich im Hinblick auf Identität stellt. Wir leben zwar in der Gesellschaft der Individuen4, diese sind aber in vielfältige Beziehungsnetzwerke eingebunden. Auch diese wirken prägend auf Persönlichkeit und Verhalten, so dass die Frage nach der Identität ergänzt werden muss um die Frage: »In welcher Beziehung stehe ich zu anderen? Was erwarten andere von mir?« – das ist dann die soziale Identität. Daran schließt geradezu nahtlos eine weitere Frage an: »Wie sehen andere mich?« Wenn deren Bild mit meinem eigenen übereinstimmt, habe ich Glück gehabt oder bin einfach gut im Identitätsmanagement. Häufig gibt es jedoch Abweichungen, etwa während der Pubertät und des jungen Erwachsenenalters zwischen den Wahrnehmungen der Eltern und denen der Kinder. Besonders treten sie jedoch in Vorurteilsdiskursen zutage. Was als Antwort auf diese Frage zutage tritt, ist die zugeschriebene Identität. Bleibt noch eine zentrale Frage, die in Zeiten zunehmender Individualisierung und räumlicher wie sozialer Mobilität an Bedeutung gewinnt: »Wo gehöre ich hin?« bzw. »Wozu gehöre ich, womit identifiziere ich mich?« – Dies sind in der Regel soziale Gruppen: sprachlicher, beruflicher, ethnischer, politischer Art oder auch von Sportdisziplinen, Freizeitbeschäftigungen usw. Hier liegt wieder eine Variante der sozialen Identität vor oder auch von Gruppenidentität.