Lutherische Identität | Lutheran Identity -  - E-Book

Lutherische Identität | Lutheran Identity E-Book

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Beschreibung

Die Studie "Lutherische Identität" ist ein Beitrag des Instituts für Ökumenische Forschung in Strasbourg zur weltweiten Selbstverständigung der lutherischen Kirchen. In drei Thesenreihen werden zuerst theologische Grundüberzeugungen der lutherischen Kirchen benannt, erläutert und in historische und aktuelle Kontexte gestellt. Ferner wird das Verhältnis der lutherischen Kirchen zur Einheit der Kirche erörtert und seine Artikulation im Lutherischen Weltbund und seinem ökumenischen Engagement dargestellt. Schließlich werden heutige Herausforderungen der lutherischen Kirchen in ökumenischer Perspektive eingehend bedacht. Die Studie will lutherische Kirchen anregen, weiter über ein klares, historisch gut begründetes, selbstkritisches und einladendes Verständnis ihrer Identität nachzudenken. [Lutheran Identity] The study "Lutheran Identity" is a contribution of the Institute for Ecumenical Research in Strasbourg to the self-understanding of the Lutheran churches worldwide. In its first set of theses, the basic theological convictions of Lutheran churches are described, explained, and their historical and actual contexts are addressed. In the second series of theses, the relation of Lutheran churches to the unity of the church is discussed, along with how it is articulated in the Lutheran World Federation and in ecumenical engagement. Finally, present-day challenges for the Lutheran churches and their identity are addressed in an ecumenical perspective. The study intends to encourage Lutheran churches to reflect on a clear, historically well-founded, self-critical, and inviting understanding of their identity.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2019

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LUTHERISCHE IDENTITÄT |LUTHERAN IDENTITY

IM AUFTRAG DES INSTITUTSFÜR ÖKUMENISCHE FORSCHUNG IN STRASBOURGHERAUSGEGEBEN VON THEODOR DIETER

EDITED ON BEHALF OF THEINSTITUTE FOR ECUMENICAL RESEARCHIN STRASBOURG BY THEODOR DIETER

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Layout und Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06256-0

www.eva-leipzig.de

INHALTSVERZEICHNIS | TABLE OF CONTENTS

Cover

Titel

Impressum

LUTHERISCHE IDENTITÄT

Vorwort

Drei Thesenreihen zur lutherischen Identität

Einleitung

Thesenreihe I: Theologische Grundüberzeugungen

lutherischer Identität

Thesenreihe II: Das Luthertum und die Einheit der Kirche

Thesenreihe III: Herausforderungen im ökumenischen Kontext

LUTHERAN IDENTITY

Preface

Three Sets of Theses Concerning Lutheran Identity

Introduction

First Set of Theses: Basic Theological Convictions of

Lutheran Identity.

Second Set of Theses: Lutheran Churches and the Unity

of the Church

Third Set of Theses: Ecumenical Challenges Today

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Endnoten / Endnotes

LUTHERISCHE IDENTITÄT

VORWORT

Als im Jahr 2017 das 500-jährige Jubiläum der lutherischen Reformation begangen wurde, stellte sich für viele lutherische Kirchen die Frage: Was ist denn eigentlich »lutherisch«? Was macht eine lutherische Kirche und Theologie aus? Was ist sozusagen die »lutherische DNA«? Dass gerade das Institut für Ökumenische Forschung des Lutherischen Weltbundes in Strasbourg auf diese Fragen eingeht, hängt damit zusammen, dass in den ökumenischen Dialogen die lutherischen Partner stets nach der Lehre ihrer Kirche gefragt werden. So führen gerade die ökumenischen Begegnungen zur intensiven Beschäftigung mit der eigenen Lehrtradition. Weil sie diese Lehre als eine Gabe an die ganze Kirche verstehen, wollen lutherische Ökumeniker sie auch den Partnern aus den anderen Kirche verständlich machen und ihnen gegenüber argumentativ vertreten.

Vor 40 Jahren hat das Institut für Ökumenische Forschung eine Publikation mit dem Titel »Lutherische Identität« veröffentlicht.1 In einem ersten Teil werden »Theologische Grundüberzeugungen als wesentliche Komponente lutherischer Identität« vorgestellt. Diese Thesenreihe wurde vom Stab des Instituts in intensivem Austausch mit Fachkollegen entwickelt und auf fünf Regionalkonsultationen kritisch diskutiert. Im vorliegenden Text wird dieser Teil jener Publikation aufgenommen und in überarbeiteter Form als erste Thesenreihe präsentiert.

Seit über 50 Jahren steht das Institut für Ökumenische Forschung im Dienst der lutherischen Ökumene, vor allem der weltweiten Dialoge des Lutherischen Weltbunds. Aus der theologischen Reflexion der Erfahrungen in diesen Dialogen ist eine zweite Thesenreihe entstanden. In sie sind die Früchte der Konsultationen eingegangen, die das Institut seit 20 Jahren mit einer internationalen Gruppe von Ökumenikern aus verschiedenen Kirchen im Château de Klingenthal in der Nähe von Strasbourg veranstaltet.

Die lutherischen Kirchen stehen heute vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die es ihnen nicht leichtmachen, ihre lutherische Identität lebendig weiterzuentwickeln. Von diesen Herausforderungen wurden diejenigen, die die ökumenische Forschungsarbeit betreffen, in mehreren internationalen Sommerseminaren, die das Institut in jedem Jahr veranstaltet, von Referenten aus verschiedenen Kirchen erörtert. Eine erste Skizze dieser Herausforderungen wurde vom Stab erstellt und auf einer Konsultation in Klingenthal von lutherischen Theologinnen und Theologen aus verschiedenen Ländern und auch unter Beteiligung von zwei Mitarbeiterinnen des Lutherischen Weltbunds intensiv diskutiert und entsprechend erweitert. Sie bildet die dritte Thesenreihe, die ein Bewusstsein von den gewaltigen Herausforderungen vermitteln möchte, mit denen lutherische Kirchen heute konfrontiert sind.

Mit den drei Thesenreihen will das Institut der Communio der lutherischen Kirchen wie auch der ökumenischen Arbeit dienen. Durch den Rekurs auf wesentliche Elemente der Lehre der Reformatoren wollen sie eine Vergewisserung dessen, was lutherisch ist, ermöglichen. Durch die Darstellung der Grundlagen der lutherischen Ökumene wollen sie den universalkirchlichen, »katholischen« Anspruch der lutherischen Lehre darstellen. Und schließlich wollen sie die Aufgabe deutlich machen, die lutherische Lehre angesichts der großen Herausforderungen der Gegenwart zu bewähren und weiter zu entwickeln.

Theodor Dieter und Jennifer Wasmuth, André Birmelé und Matthieu Arnold

Kooptierter Stab des Instituts: Kenneth Appold, Sarah Hinlicky Wilson, Elisabeth Parmentier, Oliver Schuegraf.

Außer dem Stab haben an der abschließenden Beratung im Château Klingenthal (13. – 16. September 2016) teilgenommen: Lubomir Batka (Slowakei), Luís H. Dreher (Brasilien), Matti Repo (Finnland), Bo Kristian Holm (Dänemark), Frédéric Chavel und Madeleine Wieger (Frankreich), Jens-Martin Kruse (Italien), Friederike Nüssel, Frank O. July, Oliver Schuegraf und Walter Sparn (Deutschland) sowie Miriam Haar und Simone Sinn (vom Stab des LWB in Genf).

Die für diese Tagung vorbereiteten Beiträge zu den lutherischen Kirchen in Brasilien, Finnland, Slowakei und Tansania sowie ein Beitrag über das interreligiöse Gespräch sind auf der Website des Instituts (www.strasbourginstitute.org) veröffentlicht.

DREI THESENREIHEN ZUR LUTHERISCHEN IDENTITÄT

EINLEITUNG

(1) Die lutherischen Reformatoren hatten das Ziel, die Kirche entsprechend der Einsicht in das Evangelium von Jesus Christus, wie es sich ihnen im intensiven Umgang mit der Heiligen Schrift erschlossen hat, zu reformieren. Dieser Reformimpuls galt der ganzen Kirche, wurde aber nur in einigen Teilen der damaligen Kirche positiv aufgenommen; es kam zur Spaltung der westlichen Kirche und zur Bildung von lutherischen Kirchen mit speziellen konfessionellen Merkmalen. Im Lauf von 500 Jahren sind lutherische Kirchen auf der ganzen Welt entstanden. Sie weisen eine große Vielfalt auf; gemeinsam ist ihnen jedoch der Bezug auf reformatorische Grundüberzeugungen, wie sie sich insbesondere in den lutherischen Bekenntnisschriften und in der Theologie Martin Luthers finden.

(2) Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts sind die lutherischen Kirchen der Welt, die im Lutherischen Weltbund verbunden sind, zur Erklärung voller Kirchengemeinschaft untereinander im Sinn von Kanzel- und Altargemeinschaft gekommen. Eine lebendige Gemeinschaft von Kirchen bedarf immer wieder der Besinnung auf die Grundüberzeugungen, die diese Kirchen verbinden, insbesondere dann, wenn die Gemeinschaft durch Gegensätze gefährdet ist. Aber auch die Herausforderung durch die jeweiligen Kontexte, in denen die Kirchen leben, wie die extrem schnellen Veränderungen, die die Gegenwart auszeichnen, fordern den Rückbezug auf die Einsichten in das Evangelium von Jesus Christus, die für die lutherischen Kirchen von Beginn an maßgeblich gewesen sind. Deshalb stellt die erste Reihe von zehn Thesen die grundlegenden lutherischen Überzeugungen dar. Sie können natürlich die Fülle lutherischer Lehre und erst recht nicht die Fülle lutherischer Theologie repräsentieren; sie stellen aber doch die Grundlinien dieser Lehre dar. Sie sind ein Angebot für die Selbstvergewisserung der lutherischen Kirchen – im klaren Bewusstsein, dass diese Auffassungen von den Kirchen in sehr unterschiedlichen Kontexten angeeignet worden sind und immer neu angeeignet werden müssen. In einer dritten Thesenreihe werden jene Herausforderungen, vor denen die lutherischen Kirchen und ihre ökumenische Forschung heute stehen, beschrieben, und zwar solche, die die Aneignung der lutherischen Grundüberzeugungen, die Communio unter den lutherischen Kirchen, das Verhältnis zu anderen Kirchen und zu den Religionen betreffen. Beide Thesenreihen wollen der Communio der lutherischen Kirchen dienen.

(3) In ihrem ökumenischen Engagement nehmen die lutherischen Kirchen ernst, dass es den Reformatoren um die Reform der ganzen Kirche ging. Dieser Anspruch soll nicht in der Abweisung anderer Kirchen und ihrer Lehren, sondern im Dialog mit ihnen eingelöst werden. Ökumenische Arbeit geht auf die alten Konflikte, die zur Trennung der Kirchen geführt haben, zurück und fragt, ob es nicht neue Einsichten und Zugänge gibt, die jene alten Gegensätze neu und anders verstehen lassen; sie sucht nach Gemeinsamkeiten in den Unterschieden in der Erwartung, auf diese Weise dazu beizutragen, die Trennung der Kirchen zu überwinden. Eine zweite Thesenreihe stellt darum die Suche der lutherischen Kirchen nach der Einheit der Kirche dar. Wenn in diesem Dokument von lutherischer Identität gesprochen wird, dann ist das nicht abgrenzend gegen andere Kirchen gemeint. Eine Identität, die sich der Abgrenzung verdankt, wäre eine armselige Identität. Vielmehr geht es darum, die Grundeinsichten der Reformatoren als Gabe an die ganze Kirche zu verstehen und im Dialog zu vertreten, dafür zu werben, nicht ängstlich um die Bewahrung der trennenden Unterschiede besorgt zu sein, sondern stattdessen sich über jede Gemeinsamkeit im Verständnis des Wortes Gottes zwischen den Kirchen zu freuen und offen zu sein für die kritische Wahrnehmung der eigenen Kirche und ihrer Lehre durch andere Kirchen, offen auch, von anderen Kirchen zu lernen und wichtige Impulse von ihnen zu empfangen.

(4) Der Begriff der Identität ist ein schwieriger Begriff, weil er mit vielen Bedeutungen gebraucht wird und weil er auf einen komplexen Sachverhalt verweist. Wenn von »lutherischer Identität« gesprochen wird, dann gehören dazu nicht nur die in der ersten Thesenreihe genannten Grundüberzeugungen, sondern auch Elemente von höchst verschiedener Art, wie Praktiken der Spiritualität, Formen des Gottesdienstes, Sitten und Gebräuche usw. Solche Elemente gehören oft zu den »menschlichen Traditionen«, die nach Artikel VII des Augsburger Bekenntnisses nicht überall die gleichen sein müssen, und doch spielen solche Elemente in psychologischer Hinsicht für die lutherische Identität der Kirchen oft eine wichtige Rolle, auch wenn sie zwischen den lutherischen Kirchen nicht dieselben sind. Man muss darum zwischen einem normativen und einem empirisch beschreibenden Begriff von Identität unterscheiden. Im Bewusstsein der Komplexität dessen, was mit »Identität« angesprochen wird, wird der Begriff in diesem Dokument vorsichtig gebraucht mit Blick auf jene lutherischen Grundüberzeugungen, die in die ökumenischen Dialoge eingebracht werden und die sich heute angesichts von zahlreichen Herausforderungen bewähren müssen.

THESENREIHE I: THEOLOGISCHE GRUNDÜBERZEUGUNGEN LUTHERISCHER IDENTITÄT

1.DAS BEKENNTNIS ZUR SICH ENTÄUßERNDEN MENSCHWERDUNG GOTTES ALS DEM EINZIGEN WEG ZUM HEIL

(5) Gott, der Schöpfer der Welt, kommt in seinem Sohn Jesus Christus den Menschen zu ihrem Heil nahe, indem er sich ihnen, in Schwachheit verborgen, ausliefert und fassen lässt: in der Inkarnation, im Menschsein Jesu, in seinem Leiden und Sterben für uns am Kreuz. Durch die Auferstehung Jesu Christi erweist er sich zugleich als der siegreiche Herr, der den Tod und alle den Menschen versklavenden Mächte überwunden hat. Für alle Zeiten schenkt er in der Menschlichkeit des Wortes und der Leiblichkeit der Sakramente den Glauben durch den Heiligen Geist. Dieses Heilswerk des so in Wort und Sakrament weiterhin zu den Menschen kommenden Gottes wird an dem Tage vollendet sein, an dem die Menschen Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden.

Historischer und aktueller Kontext

(6) Mit der Betonung der Knechtsgestalt der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wollte die lutherische Reformation entgegen zum Beispiel den spekulativen Strömungen innerhalb der Theologie des ausgehenden Mittelalters, dem Spiritualismus mancher religiösen Dissidenten (»Schwärmer«) und auch gegenüber Tendenzen innerhalb der Reformation, das Leibliche zu verachten oder zu vernachlässigen, das Grundmotiv der biblischen Botschaft zum Ausdruck bringen: Bei der Heilsbegegnung zwischen Mensch und Gott liegt die Initiative ganz auf Seiten Gottes. Gott kommt zum Menschen auf die Weise, die er selber gewählt hat, und nicht der Mensch ist es, der sich in denkerischem Aufschwung oder in mystischer Versenkung zu Gott aufmacht. Hier im Endlichen, Leiblichen, Diesseitigen liegt kraft der Inkarnation Gottes in Jesus von Nazareth der Treffpunkt zwischen Gott und Mensch. Die lutherische Auffassung vom Wort Gottes – als einem menschlich zugesprochenen Wort – und von den Sakramenten – als Orten der Gottesbegegnung gerade in ihren irdischen Elementen – ist von hierher bestimmt.

(7) Dieser Glaube an das Eingehen Gottes in die Leiblichkeit und damit seine Entäußerung in die Schwäche und das Leiden stellt sich heute allen spiritualistischen Tendenzen in Frömmigkeit und Theologie und zugleich allen Tendenzen, ein prosperity gospel zu verkünden, entgegen. Er nimmt das Irdische, Leibliche, Menschliche als den Bereich der Gottesbegegnung ernst. Er weiß, dass wir den göttlichen Schatz immer nur in irdenen Gefäßen haben und weitervermitteln. Er stellt sich gegen jede triumphalistische Auffassung von Kirche, die die Niedrigkeitsgestalt der Kirche vergisst. Er ruft einer Frömmigkeit, die vor allem auf die Krafttaten des Geistes schaut, in Erinnerung, dass Gottes Kraft unter der Schwachheit verborgen ist. Er warnt uns davor, in den großen Mächten oder Ereignissen von Geschichte und Politik in ungebrochener Direktheit den gnädigen Gott am Werk und Christus gegenwärtig zu sehen. Zugleich ruft er uns auf, als Kirche und als Individuen, uns um diejenigen unter unseren Mitmenschen zu kümmern, die am meisten bedürftig sind und in denen wir im Besonderen Gott begegnen.

2.DIE BEZEUGUNG DES RECHTFERTIGENDEN HANDELNS GOTTES IN JESUS CHRISTUS ALS INBEGRIFF DER HEILSBOTSCHAFT (EVANGELIUM), ALS MAßSTAB KIRCHLICHER VERKÜNDIGUNG UND ALS GRUND CHRISTLICHER EXISTENZ

(8) Gott hat den Menschen zur Gemeinschaft mit ihm geschaffen. Er hat ihn zu seinem Ebenbild gemacht und ihn damit gewürdigt, in Verantwortung vor ihm an seinem Wirken in der Welt teilzuhaben. Wahres Menschsein gibt es nur dort, wo der Mensch diese Beziehung zu Gott, seinem Schöpfer, bejaht, aus dieser Beziehung heraus lebt und sein Handeln in der Gemeinschaft der Menschen von ihr bestimmen lässt.

(9) Der Mensch hat diese Gemeinschaft mit Gott schuldhaft preisgegeben und kann sie von sich aus nicht wiederherstellen. Ihm bleibt nichts anderes, als allein auf sich zu vertrauen und seine Existenz auf seine eigene Leistung zu gründen. Er ist so ganz zum Sünder geworden, ohne aufzuhören, Geschöpf Gottes zu sein.

(10) Für diesen verlorenen Menschen setzt Gott von sich aus einen neuen Anfang und nimmt sich seiner allein aus Gnade an. Im Tod Jesu Christi für uns und in seiner sieghaften Auferstehung eröffnet Gott den Menschen durch die Vergebung ihrer Sünden wahres Menschsein in Gemeinschaft mit ihm selbst. Er führt sie durch Glauben zu einem neuen Leben in Freiheit von der Macht der Sünde, in der Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben, im Vertrauen auf seine Gnade auch im Gericht. So wird der Mensch befreit und berufen zum Lob Gottes, zum Zeugnis für Jesus Christus und zu Dienst und Hingabe an seinen Mitmenschen.

(11) Dieses Handeln Gottes ist das Evangelium. Alle Verkündigung und alles Handeln der Kirche hat hier ihre maßgebende und unaufgebbare Mitte.

Historischer und aktueller Kontext

(12) In der spätmittelalterlichen Frömmigkeitspraxis und Theologie war zwar von der Gnade die Rede, aber nicht von sola gratia: durch seine Verdienste konnte der Mensch sich vorbereiten, Gottes Gnade zu erhalten. Diese wiederum ermöglichte ihm, verdienstvolle gute Werke zu tun. Dagegen stellte die lutherische Reformation die biblische Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen durch Christus allein aus Glauben als Mitte der Schrift heraus. Rechtfertigungsbotschaft und Rechtfertigungslehre wurden darum zur orientierenden Mitte lutherischer Verkündigung und Theologie.

(13) Dennoch ist diese Grundüberzeugung in der Geschichte des lutherischen Denkens immer wieder diskutiert und auch unterschiedlich interpretiert worden. Dabei ging es um Fragen wie beispielsweise um das Verhältnis von rechtfertigendem Glauben und guten Werken, um das Verständnis von Rechtfertigung als Gerechtsprechung und als Gerechtmachung, um die Beziehung zwischen Rechtfertigung und Heiligung, um die Relevanz der Rechtfertigungsbotschaft in ihrer überkommenen Gestalt für den heutigen Menschen.

(14) Theologische Forschung und interkonfessionelle Dialoge haben mit Bezug auf die Rechtfertigung eine offizielle Erklärung zwischen der Römisch-katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund ermöglicht, die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die 1999 in Augsburg feierlich unterzeichnet worden ist. Darin heißt es:»Es ist unser gemeinsamer Glaube, dass die Rechtfertigung das Werk des dreieinigen Gottes ist. Der Vater hat seinen Sohn zum Heil der Sünder in die Welt gesandt. Die Menschwerdung, der Tod und die Auferstehung Christi sind Grund und Voraussetzung der Rechtfertigung. Daher bedeutet Rechtfertigung, dass Christus selbst unsere Gerechtigkeit ist, derer wir nach dem Willen des Vaters durch den Heiligen Geist teilhaftig werden. Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.« (Nr. 15)Allerdings erinnert die katholische Seite die lutherische Theologie mit Recht daran, dass die christliche Botschaft vom Heil des Menschen sich biblisch auch in anderen Begriffen als denen der Rechtfertigung Ausdruck verschafft; die Begrifflichkeit der Rechtfertigung kann darum nicht als die einzige gelten, mit der man die Mitte des biblischen Zeugnisses zur Sprache bringt. Eine einseitige Herausstellung der Rechtfertigungslehre, die deren breiten biblischen Rahmen wie ihre christologische und trinitarische Grundlegung vergisst, ist theologisch unangemessen und in ökumenischer Hinsicht fragwürdig.

(15) Die lutherische Tradition betont heute auch die soziale Dimension der Rechtfertigungsbotschaft. Mit anderen Kirchen und Religionen setzen sich die lutherischen Kirchen für eine gerechtere Welt ein.

(16) Dabei ist ihnen wichtig, das grundlegende Anliegen des reformatorischen Rechtfertigungsverständnisses zu bewahren, die Gnade Gottes groß zu machen in einer Gesellschaft, in der Menschen sich zunehmend als Schöpfer ihrer selbst verstehen. Es gilt, die Souveränität der Heilszusage Gottes wie auch die Antwort des Glaubens zu betonen gegenüber allen Formen einer Ethisierung der christlichen Botschaft und gegenüber alten und neuen Tendenzen zu einem einseitig aktionsbezogenen Verständnis des christlichen Glaubens.

3.DIE UNTERSCHEIDUNG VON GESETZ UND EVANGELIUM ZUR WAHRUNG DES GNADENCHARAKTERS DER HEILSBOTSCHAFT

(17) Das Wort Gottes, das immer schon als ordnendes und segnendes Wort in Gottes Schöpfung gegenwärtig ist, ergeht als forderndes und richtendes Wort (Gesetz) und als freisprechendes und neuschaffendes Wort (Evangelium). Diese Unterscheidung bewahrt den Gnadencharakter des Evangeliums gegenüber jeder Gesetzlichkeit, die die im Evangelium geschenkte Gerechtigkeit in eine vom Menschen zu erwerbende eigene Gerechtigkeit verkehrt. Alle Menschen werden als Geschöpfe Gottes durch diese fordernde und richtende Funktion des Gesetzes als Sünder angeklagt und überführt. Der angefochtene Sünder, der in Buße zu Christus flieht, empfängt in ihm das Heil. Wo nur das Gesetz verkündet würde, wären Hochmut und Verzweiflung die Folgen. Wo nur das Evangelium verkündet würde, müsste es zur »billigen Gnade« werden. Deshalb müssen Gesetz und Evangelium zwar unterschieden, dürfen aber nicht voneinander getrennt werden.

Historischer und aktueller Kontext

(18) Eng verbunden mit der Rechtfertigungslehre ist die von der lutherischen Reformation in der Konfrontation mit der Kirche ihrer Zeit herausgestellte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Dabei ist zu beachten, dass der Begriff des Gesetzes nicht auf diese Zuordnung beschränkt war, sondern auch die in Gottes Schöpfung gewollte und verwirklichte Ordnung umfasste, deren moralisch verpflichtende Entsprechung das (vom Dekalog bekräftigte) »Naturrecht« ist.

(19) Da, wo die wahre Spannung des Gesetzes zum Ja des Evangeliums verwischt oder das Evangelium nicht mehr deutlich gesehen und vom Gesetz verdeckt wurde, betonte die lutherische Theologie deren rechte Zuordnung. Innerhalb dieser Zuordnung hat das Gesetz die Funktion, das Bewusstsein der Sünde im Menschen zu wecken und ihn dadurch zum Evangelium Jesu Christi zu leiten. Das Gesetz ist einerseits Schöpfungswille Gottes, andererseits weckt es das Bewusstsein der Sünde im Menschen und leitet ihn zum Evangelium; es führt zu Christus. Das Gesetz ist keineswegs, wie man häufig gemeint hat, ein nur negativer Begriff. Gottes Forderung und Gebote sind ernst zu nehmen. Aber ihre bestenfalls partielle Erfüllung offenbart die Ohnmacht und Sündhaftigkeit des Menschen, der allein auf diese Weise nicht vor Gott bestehen und sich rechtfertigen kann. Nur im Evangelium, im Glauben an Jesus Christus empfängt der Sünder das Heil.

(20) Die hermeneutisch und pastoral wesentliche Unterscheidung von Gesetz und Evangelium wurde in der Geschichte des Luthertums unterschiedlich verstanden. Mehrere Punkte waren oft Grund von Divergenzen, so zum Beispiel das einseitige Hervorheben des Gesetzes oder des Evangeliums (so die »Antinomer«), ein ausschließlich negatives Verständnis des Gesetzes, eine Entgegensetzung von Gesetz und Evangelium. Die von einigen reformierten Theologen vollzogene Umkehrung »Evangelium und Gesetz« wurde von lutherischer Seite abgelehnt, um die rechte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium zu wahren.

(21) In der heutigen Theologie und Verkündigung lässt sich vielfach eine Tendenz beobachten, die die Christlichkeit eines Menschen und der Kirche von der Erfüllung bestimmter ethischer Forderungen abhängig macht. Der Glaube scheint erst im Tun und in der öffentlichen Relevanz des Evangeliums wirklich zu werden. Diese Gefahr einer neuen Gesetzlichkeit und Werkgerechtigkeit muss durch die Betonung der rechten Unterscheidung von Gesetz und Evangelium kritisiert und korrigiert werden. Diese Unterscheidung wehrt auch der entgegengesetzten Tendenz, das Tun der Glaubenden ganz in ihr Belieben zu stellen und damit der Beliebigkeit preiszugeben.

4.DIE HERVORHEBUNG VON WORTVERKÜNDIGUNG UND SAKRAMENTSSPENDUNG ALS HEILSNOTWENDIGEN MITTELN, DURCH DIE CHRISTUS IM HEILIGEN GEIST SEINE KIRCHE SCHAFFT, ERHÄLT UND SENDET

(22) Wo das Evangelium Menschen verkündigt und ihnen die Vergebung der Sünden zugesprochen wird und wo Taufe und Abendmahl dem neutestamentlichen Auftrag gemäß gespendet werden, da ist Christus wahrhaftig gegenwärtig, schenkt Versöhnung und sammelt seine Gemeinde. Verkündigtes Wort und gespendete Sakramente sind darum die heilsnotwendigen Mittel, durch die Christus seine Kirche schafft und erhält. Dem einzelnen Christen ist darum die Kirche vorgängig; sie ist seine Mutter.

(23) Dass Christus gegenwärtig ist, geschieht vornehmlich im Gottesdienst der im Namen Jesu Christi versammelten Gemeinde, die hier das Wort hört und die Heilsgaben empfängt. Mit Christus vereint ehrt sie Gott in Gebet und Lob und tritt in Fürbitte für die Welt vor ihm ein. Im Gottesdienst des alltäglichen Lebens bekennt sie die Gabe des Heiles durch Zeugnis und Dienst in der Welt.

(24) Mit dem zu verkündigenden Wort Gottes und den zu spendenden Sakramenten ist auch das durch Ordination zu übertragende kirchliche Amt als göttliche Stiftung gesetzt. Christus selbst ist es, der durch dieses Amt und seine Funktion wirkt. In der konkreten Ausgestaltung und Aufgliederung dieses Amtes ebenso wie in der Gestaltung kirchlicher Ordnung und gottesdienstlicher Formen besteht Freiheit. Sie ist keine Freiheit der Indifferenz, sondern Freiheit zu verantwortlicher Gestaltung unter dem Gesichtspunkt, ob diese dem Auftrag und der Einheit der Kirche dient.

(25) Entsprechend ist die eine Kirche Jesu Christi dort gegenwärtig, wo das Wort Gottes recht verkündigt und die Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden. Diese beiden Merkmale sind daher allen andern Kennzeichen der Kirche gegenüber entscheidend für die Einheit der Kirche.

Historischer und aktueller Kontext

(26) Die Reformatoren haben die Verkündigung des Wortes Gottes und die Spendung der beiden in der Schrift bezeugten Sakramente als kirchengründend herausgestellt. Damit betonen sie, dass alles menschliche Wirken in diesen Akten allein dem Handeln Gottes und der Gegenwart Jesu Christi dient. Die vielen Traditionen, Institutionen und Praktiken, die in der Kirche ihrer Zeit der Vermittlung und Verwaltung des Heils dienten, veranlassten sie zu dieser Korrektur und Konzentration. Die Kirche ist Schöpfung Gottes und nicht Menschenwerk. Freilich müssen in ihr Menschen im Dienst Gottes tätig sein. Die Betonung der Verkündigung des Wortes und der Spendung der Sakramente darf jedoch nicht in einem exklusiven Sinne verstanden werden. Gott handelt auch durch andere Mittel wie z. B. durch Bekenntnis, Beichte, Amt, kirchliche Ordnung usw. Die lutherische Theologie hat dies immer wieder betont, wenn auch die Akzente sehr verschieden gesetzt wurden.

(27) Der Herausstellung der Verkündigung des Wortes Gottes und der Spendung der beiden Sakramente entspricht, dass die Übereinstimmung in der Verkündigung des Evangeliums und in der Sakramentsverwaltung als wesentliche Bedingung für die Einheit der Kirche betrachtet wird. Diese Überzeugung wurde stets unterschiedlich interpretiert auch in der Geschichte des Luthertums. Die Debatte über die Voraussetzungen und Ausdrucksformen kirchlicher Einheit bleibt rege in den ökumenischen Dialogen. So wird heute an die lutherische Theologie und Kirche von anderen christlichen Traditionen die Frage gerichtet, ob ihre These von der Übereinstimmung in Verkündigung und Sakramentsverwaltung als Bedingung und Basis wahrer Einheit nicht der Ergänzung durch andere Elemente bedarf.

5.DIE BETONUNG DES PRIESTERTUMS ALLER GETAUFTEN GLÄUBIGEN ALS HINWEIS AUF DIE GLEICHHEIT ALLER CHRISTEN VOR GOTT UND AUF DIE APOSTOLISCHE VERPFLICHTUNG DER GANZEN CHRISTLICHEN GEMEINDE

(28) Alle in Christus Versöhnten sind Kinder Gottes, haben ohne Unterschied Zugang zu Gott und können vor Gott füreinander eintreten. Sie haben auch Anteil am apostolischen Auftrag, das Evangelium in Wort und Leben zu bezeugen.

(29) Damit wird jedoch das öffentliche kirchliche Amt nicht überflüssig, zu einer Angelegenheit bloßer Ordnungsfragen oder zu einer Schöpfung der Gemeinde. Dieses Amt wird einem Christen nach Prüfung durch die dafür Verantwortlichen unter Gebet und Handauflegung übertragen. Aus dem Priestertum aller Gläubigen kann das besondere kirchliche Amt nicht abgeleitet werden; es steht sowohl in der Gemeinde als auch unter und mit dem Wort Gottes der Gemeinde gegenüber. Die Gemeinde Christi aber hat das Recht und die Pflicht, für die Einsetzung kirchlicher Amtsträger zu sorgen und zugleich über deren Amtsausübung mit zu wachen.

Auch wenn für die lutherische Tradition die um Wort und Sakrament versammelte Gottesdienstgemeinde die primäre Referenzgröße für das durch Ordination übertragene Amt ist, so hat sich doch bereits früh in den Visitationen gezeigt, dass es auch übergemeindliche Formen von Leitung und Aufsicht in der Kirche (episkope) geben muss. Dabei hat die lutherische Tradition auch bei der Ausgliederung bestimmter überregionaler Aufgaben etwa an Bischöfe an der Einheit des Amtes festgehalten. Die überregionalen Ämter haben historisch und geographisch unterschiedliche Gestalten angenommen. Dabei hat sich eine Struktur entwickelt, nach der die Verantwortung für überregionale Leitung und Aufsicht personal (durch Bischöfe oder Kirchenpräsidenten), kollegial (im Zusammenwirken verantwortlicher Leitungspersonen – Kollegien von Bischöfen oder Kollegien der Mitarbeiter der Bischöfe) wie auch gemeinschaftlich (insbesondere durch Synoden, zu denen wesentlich auch Nichtordinierte gehören) wahrgenommen wird. Episkope geschieht also nicht nur durch den episkopos, sondern im Zusammenwirken verschiedener leitender Personen und Institutionen.

Historischer und aktueller Kontext

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