Luthers Tod -  - E-Book

Luthers Tod E-Book

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Beschreibung

Luthers Tod am 18. Februar 1546 in Eisleben markiert eine reformationsgeschichtliche Zäsur. Der auf eine Tagung zurückgehende Band thematisiert dieses Ereignis, indem die letzten Lebenstage Luthers, die Sterbeberichte, die Überführung nach Wittenberg und die Beisetzung in der Schlosskirche einer neuen Betrachtung unterzogen werden. Luthers Tod wird zugleich in die größeren kirchen- und kulturgeschichtlichen Zusammenhänge eingeordnet: Sterben und Tod werden im zeitgenössischen und reformatorischen Kontext ebenso erörtert wie die Frage nach der Witwe und den Nachkommen des Reformators. Einer der Schwerpunkte des Bandes liegt auf dem Prozess der Memorialisierung, der noch am Totenbett einsetzte und über die Einrichtung von Luthers vermeintlichem Eisleber Sterbehaus als Luthergedenkstätte bis zu den noch heute gebräuchlichen Formen der Luthermemorialisierung an runden Todesjahren reicht. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die bis in das 20. Jahrhundert in großer Schärfe ausgetragenen konfessionellen Kontroversen, die sich an Luthers Tod und seine näheren Umstände anschlossen. Mit Beiträgen von Armin Kohnle, Volker Leppin, Heiner Lück, Siegfried Bräuer, Stefan Rhein und Klaus Fitschen. [Luther's Death. Event and Effect] Luther's death in Eisleben on February 18th, 1546, marks a break in the history of the Reformation. This volume, outcome of a conference, discusses this historical event by reconsidering and re-examining the last days of Luther, the reports of his death, the transfer to Wittenberg, and the burial in the Schlosskirche. At the same time the event is seen in the wider context of church and cultural history: by discussing dying and death in a contemporary and reformational context as well as considering the question of Luther's widow and descendants. One of the focuses of this volume is on the process of memorialization which began already at the deathbed, followed later by the setting up of the alleged last residence in Eisleben as a Luther Memorial and by still common forms of Luther memorialization at important death anniversaries. A further focus is on the strong confessional controversies until the 20th century in connection with Luther's death and its circumstances.

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Seitenzahl: 746

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Bd. 23

Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Luthers Tod

Ereignis und Wirkung

Herausgegeben von Armin Kohnle

Evangelische Verlagsanstalt · Leipzig

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gesamtgestaltung: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Coverbild: Leichenpredigt durch Johannes Bugenhagen bei der Beerdigung Luthers. Kolorierter Holzschnitt aus Johannes Rabus: Historien, Bd. 4. Straßburg 1556, Ex. Lutherhaus Wittenberg

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-05069-7

www.eva-leipzig.de

Dem Andenken an Siegfried Bräuer (1930–2018)

Vorwort

Die hier vorgelegten 17 Aufsätze gehen auf eine Tagung zurück, die vom 14. bis 16. November 2013 als gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und des Instituts für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig im Museum Luthers Sterbehaus in Eisleben stattfand. Die neue Dauerausstellung war erst wenige Monate zuvor eröffnet worden. Aus diesem Anlass sollten die Themen der Ausstellung in den Tagungsbeiträgen aufgegriffen und wissenschaftlich weitergeführt werden. Ziel war es, einen thematischen Bogen von den zeitgenössischen Auffassungen zu Sterben und Tod über die letzten Stunden des Reformators bis hin zu den Formen der Erinnerung an und der konfessionellen Auseinandersetzung über dieses Ereignis zu spannen.

Aus unterschiedlichen Gründen hat sich die Publikation der Beiträge über Gebühr verzögert. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen, den Autorinnen und Autoren, vor allem aber der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig für die Geduld und Nachsicht zu danken, mit der sie die Entstehung des Bandes begleitet haben. Herrn Dr. Stefan Rhein und Frau Petra Gröschl ist besonders zu danken für die Organisation der Tagung, für die Aufnahme des Bandes in die Buchreihe der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und für die Hilfe bei der Beschaffung von Bildmaterial. Sylvia Kolbe, Anna Lena Jungk und Kristin Sommerschuh haben mich bei der Redaktion der Texte und bei der Anfertigung des Registers unterstützt. Ich freue mich, den Band nunmehr der Öffentlichkeit übergeben zu können.

Leipzig, im Sommer 2018

Armin Kohnle

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

ABKÜRZUNGEN UND SIGLEN

ARMIN KOHNLE

Einleitung

Luthers Tod – Ereignis und Wirkung

HARALD SCHWILLUS

Von der Ars moriendi zu den reformatorischen Sterbebüchern

VOLKER LEPPIN

Schmerz und Trost

Beobachtungen zu Luthers Umgang mit dem Tod

HEINER LÜCK

Luthers Testamente

LOTHAR BERNDORFF

Ein folgenreicher Erbfall

Martin Luthers Vermächtnis an die Mansfelder Kirche

SABINE KRAMER

Die Folgen von Luthers Tod für seine Witwe und Familie

CHRISTOPHER SPEHR

Die Wittenberger Reformatorenkinder

Lebensläufe im Dienst des theologischen Erbes der Väter

JOCHEN BIRKENMEIER

„Den Würmern einen guten feisten Doktor zu verzehren geben.“

Die Entstehung und Entwicklung der Berichte über Luthers Tod

CHRISTINE MUNDHENK

Abschied vom Wagenlenker

Melanchthons Schriften zu Luthers Tod

STEFAN RHEIN

Poetischer Abschied von Luther

Erkundungen

HEINRICH DILLY

Luthers Totenbildnis

Zur Geschichte eines starken Bildbegehrens

RUTH SLENCZKA

Das Wittenberger Luthergrab als Erinnerungsort

MICHAEL BEYER

Wie stirbt ein Reformator?

Berichte zu Philipp Melanchthon, Justus Jonas und Johannes Bugenhagen

SIEGFRIED BRÄUER

Sterben ist kein Kinderschertz

Cyriacus Spangenbergs Hecastus-Übersetzung für die Mansfelder Schule

STEFAN LAUBE

Materie, die nicht vergeht?

Über das Weiterleben Martin Luthers in den Dingen

WOLFGANG FLÜGEL

Luthers Tod und der tote Luther in der protestantischen Erinnerungskultur

MARTIN STEFFENS

Das Luthersterbehaus

Die älteste und zugleich jüngste Gedenkstätte des Reformators

KLAUS FITSCHEN

Die „traurige Wahrheit“ über Luthers Tod

Kontroversen im ausgehenden Kulturkampf

VERZEICHNIS DER BEITRÄGERINNEN UND BEITRÄGER

ABBILDUNGSNACHWEIS

REGISTER DER ORTE UND PERSONEN

WEITERE BÜCHER

ENDNOTEN

Abkürzungen und Siglen

Abb.

Abbildung

Abt.

Abteilung

ADB

Allgemeine deutsche Biographie

AKThG

Arbeiten zur Kirchen- und Theologiegeschichte

Anm.

Anmerkung

APTh

Arbeiten zur Pastoraltheologie

ARG

Archiv für Reformationsgeschichte

Aufl.

Auflage

BBKL

Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon

Bd./Bde.

Band/Bände

bearb.

bearbeitet

Beil.

Beilage

bes.

besonders

BHTh

Beiträge zur historischen Theologie

Bl.

Blatt

BLHA

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam

BSELK

Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Vollständige Neuausgabe

BSLK

Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, zuletzt 13. Aufl.

CDS

Codex diplomaticus Saxoniae

CoCo

Controversia et Confessio

CR

Corpus Reformatorum

ders./dies.

derselbe/dieselbe

DI

Deutsche Inschriften

Diss.

Dissertation

DRTA

Deutsche Reichstagsakten, jüngere Reihe. Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V.

ebd.

ebenda

f.

folgende (Seite)

fol.

folium/folio

FS

Festschrift

FSÖTh

Forschungen zur systematischen und ökumenischen Theologie

GStA PK

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

GSLF

Greifswalder Studien zur Lutherforschung und neuzeitlichen Geistesgeschichte

H.

Heft

HDThG2

Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte, 2. Aufl.

HerChr

Herbergen der Christenheit

HRG

Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte

HRG2

Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, 2. Aufl.

Hrsg.

Herausgeber/herausgegeben

HZ

Historische Zeitschrift

Jg.

Jahrgang

Jh.

Jahrhundert

LHASA

Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt

LStRLO

Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie

LuJ

Lutherjahrbuch

MBW

Melanchthons Briefwechsel: kritische und kommentierte Gesamtausgabe, Regesten – auch unter: www.haw.uniheidelberg.de/forschung/forschungsstellen/melanchthon/mbw-online.de.html

MBW.T

Melanchthons Briefwechsel: kritische und kommentierte Gesamtausgabe, Texte

MelDt

Melanchthon deutsch

MonHas

Monographia Hassiae

MSA

Melanchthon-Studienausgabe

MSB

Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten

ND

Nachdruck/Neudruck

NDB

Neue deutsche Biographie

Ndr.

Nachdruck/Neudruck

Nr.

Nummer

o. O.

ohne Ort

OUH.E

Oberurseler Hefte, Ergänzungsbände

QFRG

Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte

r

recto

RE3

Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, 3. Aufl.

Rep.

Repertorium

RGG4

Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl.

RGST

Reformationsgeschichtliche Studien und Texte

s.

siehe

SLUB

Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden

SMHR

Spätmittelalter, Humanismus, Reformation

Sp.

Spalte

SPP

Scripta publice proposita

StA

Staatsarchiv

SuR

Spätmittelalter und Reformation

SVRG

Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte

TRE

Theologische Realenzyklopädie

u. a.

und andere, und anderswo

UB

Universitätsbibliothek

v

verso

VD 16

Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (auch online)

VD 17

Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts (auch online)

VD 18

Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts (auch online)

vgl.

vergleiche

VLH

Veröffentlichungen zur Liturgik, Hymnologie und theologischen Kirchenmusikforschung

WA

D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Werke

WA.B

D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Briefwechsel

WA.DB

D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Deutsche Bibel

WA.T

D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Tischreden

z.B.

zum Beispiel

zit. n.

zitiert nach

Armin Kohnle

Einleitung

Luthers Tod – Ereignis und Wirkung

Als Martin Luther in den frühen Morgenstunden des 18. Februar 1546 nach einer Lebenszeit von 62 Jahren, drei Monaten, sieben Tagen und einigen Stunden in Eisleben starb,1 musste allen, die damals um ihn waren, klar sein, dass dieses Ereignis für europaweites Aufsehen sorgen würde. Einen Vorgeschmack auf die bevorstehenden Auseinandersetzungen gab eine kleine, noch zu Luthers Lebzeiten in Rom in Umlauf gesetzte Schrift, die seinen Tod vermeldete und die er selbst noch 1545 zum Druck brachte.2 Darin heißt es, Luther habe kurz vor seinem Tod den Leib Christi genommen und verlangt, nach seinem Ableben auf den Altar gesetzt und als Gott angebetet zu werden. Ins Grab gelegt, sei von dort höllischer Lärm zu hören gewesen, die Hostie habe sich von Luthers Leib gelöst und sei über dem Grab geschwebt, weil sie unwürdig empfangen worden sei. Der noch sehr lebendige Luther kommentierte diesen Text mit den Worten, dass er ihn gern gelesen habe und dass es ihm wohltue, wenn der Teufel und seine Schuppen, d. h. der Papst und die Papisten, ihm so herzlich feind seien. Die konfessionelle Polemik über Luthers Tod setzte ein, noch bevor er gestorben war.

Dass Luthers Tod eine Zäsur in der Geschichte der Wittenberger Reformation sein würde, war den Zeitgenossen bewusst. Der „Wagen und Steuermann in Israel“ war nicht mehr.3 Luther hinterließ ein Autoritätsvakuum, das nur schwer zu füllen war. Philipp Melanchthon rückte unter den Wittenberger Theologen in die Führungsrolle, die ihm eigentlich nicht lag. Die folgende Krise des Protestantismus im Reich war nicht nur eine Folge der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg, sondern auch eine durch Luthers Tod entstandene Autoritätskrise und – damit zusammenhängend – eine theologische Orientierungskrise. Vor diesem Hintergrund ist es lohnend, das Ereignis „Luthers Tod“ mit seinen vielschichtigen biographischen, frömmigkeitsgeschichtlichen, kulturgeschichtlichen, kirchengeschichtlichen, rechtsgeschichtlichen und kunstgeschichtlichen Implikationen in den Mittelpunkt eines eigenen Bandes zu rücken. Die Ereignisse rund um den 18. Februar 1546 und ihre unmittelbaren Folgen sind jedoch nur ein Aspekt des Themas. Ebenso bedeutsam sind die vom Ereignis ausgehenden langfristigen Wirkungen für die Memorialkultur des Luthertums und für das Verhältnis der entstehenden Konfessionen. Luthers Tod wurde sofort zum Kampffeld, und so blieb es über die gesamte frühe Neuzeit. Die vom 18. Februar 1546 ausgehenden Konfliktlinien lassen sich bis in das 20. Jahrhundert hinein nachverfolgen. Zunächst ist jedoch das Ereignis selbst in den Blick zu nehmen.

1.DAS EREIGNIS

Die Berichte über die Vorgänge in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1546, deren Entstehung im Beitrag von Jochen Birkenmeier eingehend untersucht wird,4 sind einerseits vor dem Hintergrund einer konfessionellen Frontstellung zu lesen, in der die Todesumstände eines Menschen als Argumente für die Bestätigung oder Ablehnung seiner Lehre dienten. Andererseits haben die damaligen Einstellungen zu Sterben und Tod in diesen Berichten einen deutlichen Niederschlag gefunden. Wie Luther selbst standen auch die Berichterstatter über seinen Tod in der Tradition der spätmittelalterlichen Kunst des Sterbens (Ars moriendi). Harald Schwillus5 und Volker Leppin6 skizzieren diesen frömmigkeitsgeschichtlichen Hintergrund und seinen Niederschlag in Luthers reformatorischer Theologie. Luther rechnete Zeit seines Lebens mit seinem baldigen Ableben. Mit seinem „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ reihte er sich 1519 selbst unter die Autoren der zeitgenössischen Sterbeliteratur ein. Alle Handlungen und Worte in seinen letzten Stunden zielten darauf ab, einen evangelisch verstandenen „guten Tod“ zu sterben. Die Sterbeberichte seiner Freunde und Anhänger dokumentierten die genauen Todesumstände für die Öffentlichkeit, um kein schiefes Licht auf Luthers Ende fallen zu lassen.

Der knappe Bericht des Justus Jonas, der von dem Mansfelder Schlossprediger Michael Coelius bezeugt wurde,7 ist der am weitesten verbreitete unter den erhaltenen Sterbeberichten. Er entstand noch am frühen Morgen des 18. Februar 1546 und richtete sich an den sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich, der über die Ereignisse während Luthers letzter Stunden in Kenntnis gesetzt werden sollte.8 Dieser Text wurde – teilweise unter Auslassung der Briefanrede – bald nach Luthers Tod mehrfach gedruckt.9 Ein Augenzeuge war auch Michael Coelius, der gemeinsam mit Jonas und dem ebenfalls anwesenden Johannes Aurifaber, aber schon mit einem gewissen Abstand zu den Ereignissen, einen ausführlicheren, von Luthers Aufbruch aus Wittenberg am 23. Januar bis zu seiner Beisetzung in Wittenberg am 22. Februar reichenden Bericht publizierte.10 Wolfgang Roth, in dem man wohl einen Sekretär des Grafen Albrecht von Mansfeld sehen darf,11 dem Jonas seinen Bericht an den Kurfürsten noch in Luthers Todesnacht diktierte, war hingegen kein Augenzeuge.12 Sein Bericht13 steht in engem Zusammenhang mit dem Jonas-Bericht, bietet aber einige zusätzliche Einzelheiten und Abweichungen, so den Hinweis, dass Luther in der Zeit seines Aufenthalts in Eisleben vier schöne Predigten gehalten, zweimal die Absolution empfangen, kommuniziert und zwei Priester geweiht, d. h. zwei Pfarrer ordiniert habe.14 Die Texte von Jonas und Roth kursierten zusammen mit einer Schilderung des Empfangs der Leiche Luthers und ihrer Beisetzung in Wittenberg auch in einer Sammelausgabe.15

Alle anderen Berichte fallen in ihrem Quellenwert hinter die genannten Sterbeberichte deutlich zurück, beruhen sie doch ihrerseits auf diesen Augenzeugenberichten oder bieten lediglich Nachrichten aus zweiter Hand. Das gilt auch und insbesondere für den Bericht des angeblichen Eisleber Apothekers Johann Landau.16 Dieser Text schlachtete lediglich die vorhandenen Sterbeberichte aus und reicherte sie polemisch an. Mit ihm begann die katholische Legendenbildung rund um Luthers Tod, die ihn nicht nur als Ketzer, sondern als Fresser und Säufer darzustellen versuchte und ihm ein unwürdiges Ende andichtete. Die Ereignisse in den Tagen vor, während und nach dem 18. Februar 1546 können somit nach Jonas und Coelius/Aurifaber rekonstruiert werden, die in den Interpretationen zwar divergieren, in den berichteten Fakten aber weitgehend übereinstimmen.

Über den Zweck von Luthers Reise in seine Geburtsstadt Eisleben17 verliert der Jonas-Bericht nur wenige Worte.18 Tatsächlich war Luther am 23. Januar bei großer Kälte zum dritten Mal innerhalb eines Vierteljahres in seine mansfeldische Heimat aufgebrochen, um einen langwierigen Streit unter den Mansfelder Grafen zu schlichten. Waren die ersten beiden Reisen ohne konkretes Ergebnis geblieben, gelang es Luther am 16. und 17. Februar 1546, einige der komplizierten Streitfragen in zwei Verträgen lösen zu helfen und insbesondere eine Kirchen- und Schulordnung für die Grafschaft Mansfeld zu vereinbaren.19 Der Beitrag von Lothar Berndorff ist speziell Luthers jahrelanger Vermittlertätigkeit und dem „Pactum Lutheri“ gewidmet.20 Konnte Luther den Vertrag vom 16. Februar noch persönlich unterzeichnen, war er wegen zunehmender Schwäche nicht mehr in der Lage, auch die Endredaktion des zweiten Vertrages, in dem es um politische und rechtliche Streitpunkte ging, bis zum Ende zu begleiten. Wie Jonas berichtet, fanden die Verhandlungen im Abstand von zwei oder drei Tagen statt, und Luther nahm jeweils nur für eine oder anderthalb Stunden an ihnen teil. Am 17. Februar allerdings blieb er auf Anraten des Fürsten Wolfgang von Anhalt und des Grafen Albrecht von Mansfeld in seiner Schlafstube, konnte aber das Bett verlassen, um am Fenster zu beten.21

Während der gesamten Zeit seines Aufenthalts im heute nicht mehr erhaltenen, damals vom Eisleber Stadtschreiber Hans Albrecht bewohnten Haus am Marktplatz, das nicht das Haus des heutigen Museums „Luthers Sterbehaus“ ist,22 war Luther fröhlich, empfing Gäste an seinem Tisch und führte Gespräche. So auch am letzten Tag seines Lebens. Die mittägliche Mahlzeit nahm er nicht in seinem Schlafstüblein, sondern in der großen Stube gemeinsam mit Gästen ein. Der bei dieser Gelegenheit gesprochene, durch Jonas überlieferte Satz: „Wann ich meine liebe landsherrn die grafen vertrag und wils Got diese reiß außricht, so will ich heimzihen und mich in die sarck schlaffen legen und den würmern einen guten feisten doctor zu verzeren geben“,23 ist in der Reinschrift korrigiert zu „den leib zu verzeren geben“. In dieser kürzeren Form gelangte der Ausspruch in sämtliche zeitgenössische Druckausgaben. Die Version mit dem feisten Doktor, die als ein Beleg für die angebliche Fettleibigkeit des alten Luther gilt,24 wurde in anderen Überlieferungen jedoch beibehalten und blieb auf diesem Weg sowie durch die modernen kritischen Ausgaben von Kreyßig25, Kawerau26 und Schubart bis heute bekannt.27 Luther selbst äußerte sich mehrfach und in der ihm eigenen Offenheit über die Spuren des Alters, die er an sich selbst wahrnahm: Er beschrieb sich als „senex, decrepitus, piger, fessus, frigidus, ac iam monoculus“,28 als d. h. als greisen Mann, altersschwach, träge, müde, kalt und auf einem Auge fast blind. Aus solchen Selbstbeschreibungen in Kombination mit dem Leichenbildnis und der heute in Halle gezeigten angeblichen wächsernen Totenmaske29 auf Luthers Aussehen am Ende seines Lebens schließen zu wollen, ist aber höchst problematisch.30 Den besten Eindruck davon, wie Luther wenige Monate vor seinem Tod tatsächlich aussah, gibt eine studentische Zeichnung aus dem Jahr 1545, die zwar einen alten, aber keineswegs fettleibigen Mann zeigt.31

Luthers Aussehen interessierte die Berichterstatter über seinen Tod nicht. Auch die berühmte letzte Aufzeichnung vom 16. Februar, die in den Worten gipfelte: „Wir sein pettler. Hoc est verum“,32 wird nicht erwähnt. Justus Jonas schildert vielmehr, dass Luther das Abendessen wieder in der großen Stube einnahm. Obwohl ihn ein Drücken in der Brust plagte, war er fröhlich und führte Scherzreden. Dann legte er sich hin, wurde gegen die Angina pectoris mit warmen Tüchern behandelt, wollte aber keinen Arzt sehen. Neben seinem Wirt und dessen Frau waren Michael Coelius, sein Diener Ambrosius Rutfeld, seine beiden jüngeren Söhne Martin und Paul sowie Justus Jonas ständig um ihn. Als Luther gegen ein Uhr in der Nacht erwachte, waren seine Schmerzen in der Brust schlimmer als zuvor. Jonas gegenüber äußerte er, dass er wohl in Eisleben sterben werde. Nun wurden doch zwei Ärzte gerufen, Doktor Ludwig und Magister Simon Wilde,33 außerdem Graf Albrecht von Mansfeld aufgeweckt, der mit seiner heilkundigen Frau an Luthers Seite eilte. Die Gräfin rieb den Sterbenden mit Aquavit ein; von der Verabreichung eines Klistiers, wie sie der Apothekerbericht ausmalt, um Luthers letzte Stunden als besonders ekelerregend darzustellen,34 ist in den authentischen Sterbeberichten keine Rede. Luther betete intensiv und mit vernehmbarer Stimme, bekannte sich zu Jesus Christus als seinem Heiland und Erlöser und empfahl seinen Geist in Gottes Hände. Als er schließlich schwieg, rüttelten ihn die Umstehenden wach und schrien auf ihn ein. Die von Coelius und Jonas an ihn gerichtete Frage, ob er Jesus Christus, den Heiland und Erlöser, bekenne, beantwortete er mit einem deutlich vernehmbaren „Ja“. Das war nach dem Bericht des Jonas das letzte Wort, das Luther sprach. Zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht ist er an einem erneuten Herzinfarkt gestorben.35 Obwohl in tiefer Trauer über den Verlust, diktierte Jonas seinen Bericht bereits um 4 Uhr dem genannten Sekretär des Grafen Albrecht36 und ersuchte den Kurfürsten um Anweisungen, wie mit dem Begräbnis Luthers verfahren werden sollte. Auch bat er den Kurfürsten, Luthers Ehefrau und seine Wittenberger Kollegen zu benachrichtigen. Die Entscheidung Johann Friedrichs, dass Luthers Leiche nicht in Eisleben bleiben, sondern nach Wittenberg überführt werden sollte, fiel noch am 18. Februar.37

Die zeitnah verfassten Berichte des Justus Jonas und des Wolfgang Roth bemühten sich erkennbar, keine Einzelheiten auszulassen und die Zeugen zu benennen, die die Darstellung der letzten Stunden Luthers, insbesondere sein Sterben im Vertrauen auf den Heiland und Erlöser Jesus Christus, bestätigen konnten. Das Festhalten der Sterbezeugen scheint auch der Hauptzweck eines weiteren, ebenfalls am 18. Februar entstandenen Sterbeberichts zu sein, der mit Jonas und Roth in allen wichtigen Punkten übereinstimmt, aber bei der Nennung der Namen der Anwesenden etwas detaillierter ist.38 Diese werden nach dem Zeitpunkt ihres Eintreffens am Sterbelager aufgelistet: Die ganze Zeit bei Luther waren Jonas und der Famulus Ambrosius; etwas später und bis zu Luthers Ende waren Graf Albrecht von Mansfeld und seine Frau, Michael Coelius, der im Jonas-Bericht nicht ausdrücklich genannte Johannes Aurifaber, der Eisleber Stadtschreiber und seine Frau sowie der Arzt Simon Wilde an seiner Seite. Erst nachdem Luther gestorben war, kamen Fürst Wolfgang von Anhalt, seine Frau und Graf Hans Heinrich von Schwarzburg hinzu. Die Bemerkung „und viele andere“ verweist auf den Umstand, dass die Nachricht vom Tod Luthers sich in Eisleben schnell verbreitet haben muss und dass viele weitere Personen an das Sterbelager eilten. Ein Brief Aurifabers nennt weitere Mansfelder Grafen und die Gattin des Grafen von Schwarzburg.39 In den nicht völlig übereinstimmenden Zeugenlisten – im Jonas-Bericht wird zum Beispiel nicht ausdrücklich gesagt, dass Luthers jüngere Söhne an seinem Sterbebett standen – wird man keinen Widerspruch, sondern vielmehr einen Reflex der Unübersichtlichkeit des regen Kommens und Gehens erkennen dürfen, das im Sterbezimmer Luthers geherrscht haben muss.

Abb. 1: Der alte Luther. Zeichnung Johann Wilhelm Reiffensteins 1545

Der Jonas-Bericht zirkulierte sofort in mehreren Abschriften. Bereits am 19. Februar war er Melanchthon in Wittenberg bekannt.40 Nicht nur zur Benachrichtigung war die rasche Verbreitung des Sterbeberichts wichtig, sondern auch als Maßnahme gegen die zu erwartenden Falschmeldungen über Luthers Tod und seine näheren Umstände. Coelius beendete die Druckfassung seiner am folgenden Tag gehaltenen Leichenpredigt mit dem Hinweis, er habe über Luthers Sterben berichten müssen, damit

„man dem teufel und den sinen ihren lügenhaftigen rachen stille, und da man anders, denn wie itzund gehört, davon reden wird, daß man dem nicht statt noch glauben gebe. Denn ich und ander, so daneben gewest, wollen deß lebendige zeugen sein; wer uns glauben geben will, wol gut, wer nicht will, der fare dahin, liege und triege auf seine ebentheuer; er wird sein richter endlich wol finden!“41

Und in der Tat dauerte es nur einige Tage, bis unter den altgläubigen Gegnern die wildesten Gerüchte über Luthers Tod kursierten.42 Dagegen setzten die Sterbezeugen ihre Autorität und Glaubwürdigkeit, die Luthers christliches Ende verbürgen sollten.

Luthers Leichnam wurde von vier bis neun Uhr morgens im Sterbezimmer belassen, wo zahlreiche Menschen Abschied von ihm nahmen.43 Danach kleidete man ihn in einen weißen „schwäbischen“ Kittel und legte ihn in der Kammer auf ein Bett, bis ein Zinksarg beschafft war. Hunderte von Menschen sahen Luther in diesem Sarg liegen und beweinten seinen Tod. Erst am folgenden Tag, dem 19. Februar, wurde der Leichnam um zwei Uhr nachmittags in einer Prozession, an der auch mehrere Angehörige des Mansfelder Grafenhauses teilnahmen, in die Eisleber Andreaskirche verbracht und im Chor aufgebahrt. Justus Jonas hielt eine Leichenpredigt über 1Thess 4,13–18, die bald danach auch im Druck erschien.44 Über Nacht wurde der Leichnam von zehn Bürgern bewacht. Am Morgen des 20. Februar predigte Coelius über Jes 57,1 f.: „Der Gerechte ist umgekommen und niemand ist da, der es zu Herzen nimmt […]“. Um die Mittagszeit wurde der Leichnam aus der Kirche geführt und von einer großen Menschenmenge bis zum Stadttor geleitet. Am frühen Abend, genauer gegen fünf Uhr, traf er in Halle ein. Noch in Eisleben wurde Luthers Gesicht von zwei Malern „abkonterfeit“, und zwar zuerst, als er noch im Stüblein auf dem Bett lag, dann von Lucas Fortenagel aus Halle, als er schon eine Nacht im Sarg gelegen hatte.45 Luthers Totenbildnis wird im Beitrag von Heinrich Dilly näher untersucht.46

Auch in Halle bereitete man Luther einen würdigen Empfang. Bürger, Ratspersonen und Geistlichkeit, Schüler und Lehrer geleiteten den Leichenwagen in so großer Zahl durch die Stadt, dass es eineinhalb Stunden dauerte, bis man die Kirche Unser Lieben Frauen am Markt erreicht hatte, in der sich das Volk drängte und den Luther-Choral „Aus tiefster Not“ anstimmte. Die Leiche wurde in die Sakristei gebracht und über Nacht bewacht. Am nächsten Tag ging der Leichenzug weiter nach Bitterfeld. An der kursächsischen Grenze wurde er von Bediensteten des Kurfürsten in Empfang genommen und nach Kemberg geleitet. Am Montag, dem 22. Februar, erreichte der von den Grafen Hans und Hans Hoyer von Mansfeld mit 45 Reitern bewachte Tross endlich Wittenberg.

Die Stadt wurde durch das Elstertor betreten. Es formierte sich ein beeindruckender Leichenzug,47 bei dem Katharina Luther auf einem Wagen hinter Luthers Sarg gefahren wurde. Danach folgten ihre drei Söhne, Verwandte aus Mansfeld und Freunde. Der Rektor der Universität, adlige Studenten und Kollegen Luthers gingen hinter ihnen, sämtliche Doktoren und Magister der Universität sowie die Ratspersonen folgten. Den Schluss bildeten Studenten und Bürger Wittenbergs. Die Masse der Menschen, die sich in den Gassen und auf dem Markt drängte, war so groß, dass man solches in Wittenberg bis dahin noch nicht erlebt hatte. So ging der Zug zur Schlosskirche, wo der Sarg in der Nähe der Kanzel abgesetzt wurde. Lieder wurden angestimmt, dann bestieg Johannes Bugenhagen die Kanzel und hielt eine Predigt vor mehreren tausend Menschen.48 Es folgte eine lateinische Leichenrede Melanchthons auf Luther. Auch sie wurde zeitgenössisch gedruckt und erschien zudem in deutscher Übersetzung von Caspar Cruciger.49 Dann wurde Luthers Sarg durch einige gelehrte Magister in das vorbereitete Grab versenkt.

An diesem Punkt endet der von Jonas, Coelius und Aurifaber verbreitete ausführliche Bericht über die Ereignisse bei Luthers Tod und Begräbnis. Wie die Autoren am Ende versichern, hat sich alles genau so und nicht anders zugetragen.

2. UNMITTELBARE UND LANGFRISTIGE WIRKUNGEN

Von Luthers Tod unmittelbar betroffen war zunächst seine Familie, seine Witwe Katharina und seine vier überlebenden Kinder. Luther hatte für den Fall seines Todes gut vorgesorgt. Die im Laufe der Zeit entstandenen Testamente Luthers stehen im Mittelpunkt des Beitrags von Heiner Lück.50 Für Katharina Luther war der Tod ihres Mannes nicht nur eine persönliche Tragödie, sondern je länger je mehr auch eine wirtschaftliche Katastrophe, da ihre Güter im Schmalkaldischen Krieg zerstört und ihre Erwartungen hinsichtlich einer finanziellen Unterstützung für sich selbst und ihre Kinder zunehmend enttäuscht wurden. Sabine Kramer51 und Christopher Spehr52 untersuchen diese persönlich-familiäre Dimension von Luthers Tod sowie die Folgen für die Hinterbliebenen im Zusammenhang.

Über diesen engeren familiären Kontext hinaus ist die Wirkung des Ereignisses „Luthers Tod“ besonders auf zwei Ebenen zu sehen: Der 18. Februar 1546 wurde erstens zum Ausgangspunkt einer lutherischen Memorialkultur, die zwar ihren Höhepunkt erst im späten 19. Jahrhundert erreichte, jedoch eine durchgehende Tradition seit dem 16. Jahrhundert aufweist. Die Säkularfeiern zu Luthers Tod 1646 und 1746 liefern, wie Wolfgang Flügel zeigt,53 die frühesten Beispiele dafür, dass einer historischen Persönlichkeit in Deutschland eine solche Ehrung zuteilwurde. Auch die poetische Memoria setzte, wie Stefan Rhein darlegt,54 bereits im 16. Jahrhundert ein. Der Bewahrung der Erinnerung an Luther dienten neben Festveranstaltungen unterschiedlicher Art auch die Aufbewahrung materieller Gegenstände, mit denen sich Stefan Laube auseinandersetzt,55 sowie die Errichtung und Pflege des Luthergrabes in der Schlosskirche als Memorialort, wovon der Beitrag von Ruth Slenczka handelt.56

Parallel zur erinnerungskulturellen ging zweitens eine konfessionspolemische Linie von Luthers Tod aus, die bis heute nicht annähernd aufgearbeitet und in dem vorliegenden Band nur durch eine, nämlich die auf das späte 19. Jahrhundert konzentrierte Studie von Klaus Fitschen57 vertreten ist. Einige das Thema keineswegs erschöpfende Bemerkungen sollen genügen, um die Brücke zwischen den Ereignissen des Jahres 1546 und den Kontroversen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu schlagen.

Die von Luthers römischen Gegnern entfachte Polemik gegen die Umstände seines Todes setzte unmittelbar mit den Ereignissen ein. Johannes Cochlaeus spielte dabei die Schlüsselrolle. Er publizierte 1548 den erwähnten Apothekerbericht58 und ging am Ende seiner das katholische Lutherbild bis in das 20. Jahrhundert prägenden Commentaria, erschienen drei Jahre nach Luthers Tod, auch auf dessen letzte Stunden ein.59 Cochlaeus verfolgte die Absicht, die in den Sterbeberichten der Augenzeugen positiv vermerkten letzten Handlungen Luthers nicht als Belege seines seligen Sterbens, sondern vielmehr als Zeugnisse seines Ketzertodes darzustellen. Luther starb, so Cochlaeus, eines nächtlichen, plötzlichen und unvorhergesehenen Todes,60 also eines Todes, der genau das Gegenteil dessen war, was man damals unter einem guten Tod verstand. Die gedruckten Sterbeberichte verwendete er gegen ihre Verfasser. Luthers Fröhlichkeit und Zuversicht in seinen letzten Stunden wurden als Ausdruck seiner Leichtfertigkeit gewertet, seine Gastfreundschaft zu Tisch wurde zur Völlerei verzerrt, was in der Bemerkung gipfelte, dass Luther mit von Essen und Trinken geschwollenem Bauch gestorben sei.61 Hier hatte das in der katholischen Polemik kursierende Motiv des fetten Luther, wie es im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts beispielsweise im illustrierten Einblattdruck „Luther mit der Bauchschubkarre“ kursierte, ihren Ursprung.62 Die Gebete Luthers am Fenster werden von Cochlaeus hingegen verhöhnt, dafür der Vorwurf erhoben, dass er die kanonischen Stundengebete und das Messelesen, zu denen er als Priester und Mönch verpflichtet gewesen sei, unterlassen habe. Luthers Leichenzug nach Wittenberg und seine Beisetzung waren für Cochlaeus pompöse Inszenierungen, bezeugten also letztlich die Hybris des Ketzers. Als besonders anstößig wird hervorgehoben, dass die ehemalige Nonne Katharina und ihre drei Söhne am Leichenzug durch Wittenberg teilnahmen.63

In der konfessionellen Polemik blieben die Umstände bei Luthers Tod während des späteren 16., 17. und 18. Jahrhunderts ein kontroverses Thema. 1591 setzte der Oratorianermönch Thomas Bozius die Legende vom Selbstmord Luthers in die Welt, worauf von katholischer Seite in den kommenden Jahrhunderten immer wieder zurückgegriffen wurde.64 1617 veröffentlichte der Jesuit Petrus Röst (Roestius) aus Molsheim als Reaktion auf die erste evangelische Jahrhundertfeier der Reformation eine Streitschrift gegen das lutherische „Pseudojubiläum“.65 Auf die in diesem Werk enthaltenen Angriffe auf Luthers Tod reagierte wiederum der Straßburger Hebraist Friedrich Blanckenburg mit einer Verteidigung des Luthertodes, indem er den ausführlichen Sterbebericht des Jonas, Coelius und Aurifaber noch einmal abdruckte.66 Die gleiche Strategie verfolgte die 1618 in Jena erschienene Verteidigungsschrift Lutherus Natus, Denatus, in der die Angriffe auf Luthers Tod ebenfalls mit einem Neudruck des ausführlichen Sterbeberichts beantwortet wurden.67 Der Lutherus defensus des Hamburger Hauptpastors Johannes Müller, erschienen 1634, enthielt am Ende eine Auseinandersetzung mit den über Luthers Tod gestreuten Falschmeldungen, wie der, Luther sei vollgefressen zu Bett gegangen und des Nachts erstickt oder Luther habe sich selbst mit einem Strick erhängt.68 Die Verteidigungsschrift Müllers galt in lutherischen Kreisen offenbar als so überzeugend, dass sie 1868 in St. Louis, Missouri, noch einmal aufgelegt wurde.69 Den Höhepunkt der lutherisch-apologetischen Literatur könnte man in der nicht weniger als 1144 Seiten starken, im Umfeld des 200. Todestages Luthers veröffentlichten Schrift des sächsischen Pfarrers Johann Gottlob Walter erkennen, der die Nachrichten über Luthers Lebensende, die ihm in der Literatur begegneten, ergänzen und verbessern wollte.70 Die polemische Frontstellung ist auch hier mit Händen zu greifen.

Wenngleich die apologetische Zielsetzung der Publikationen zu Luthers Tod während des 17. und 18. Jahrhunderts dominierte und auch im 19. Jahrhunderts noch nicht völlig überwunden war, deutete sich zum 200. Todestag Luthers erstmals auch ein wissenschaftliches Interesse an der Aufarbeitung der Ereignisse des Jahres 1546 an. Unter Leitung des Wittenberger Universitätstheologen Karl Gottlob Hofmann verteidigte der Theologiestudent Johann Ehrenfried Boetticher 1746 eine Dissertation über die Bestattung und das Grab Luthers, in der er auch eine Reihe von Originalquellen zum Abdruck brachte.71 Einhundert Jahre später erschienen zwei Arbeiten des durch seine Quelleneditionen bekannten Hallenser Bibliothekars und Professors Karl Eduard Förstemann, in denen das historische Interesse ganz im Vordergrund stand. In Denkmale, dem D. Martin Luther von der Hochachtung und Liebe seiner Zeitgenossen errichtet und zur dritten Säcularfeier des Todes Luther’s herausgegeben72 unternahm Förstemann den ersten Versuch, sämtliche zeitgenössischen Zeugnisse über Luthers Tod in Eisleben und sein Begräbnis in Wittenberg sowie die Stimmen einiger Zeitgenossen aus dem Jahr 1546 und die Texte der Epitaphien am Luthergrab in einer Edition zusammenzuführen. Immerhin brachte es das Werk auf 75 Texte und 176 Druckseiten. Von dieser Sammlung kann auch nach über 150 Jahren noch gesagt werden, dass sie den Grundbestand dessen enthält, was über Martin Luthers Tod in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1546 und seine Beisetzung in der Wittenberger Schlosskirche an Quellenmaterial erhalten ist. Darunter finden sich die Berichte des Justus Jonas und des Michael Coelius über Luthers letzte Reise nach Eisleben, die gehaltenen Leichenpredigten, verschiedene Berichte über Luthers Begräbnis am 22. Februar, Melanchthons Grabrede lateinisch und in der deutschen Übersetzung Caspar Crucigers sowie zahlreiche briefliche Äußerungen zu diesen Ereignissen. Zusammen mit den vom selben Verfasser unter dem Titel Luthers Testamente herausgegebenen 28 Texten73 lag damit zum 300. Todestag Luthers eine solide Quellengrundlage für die Beschäftigung mit den Vorgängen des Jahres 1546 vor.

Die im Jahr 1846 erschienenen Darstellungen des Luthertodes erfüllten die wissenschaftlichen Ansprüche ihrer Zeit durchaus. So erzählte der Braunschweiger Pfarrer Carl Hessenmüller Luthers letztes Wirken, Tod und Begräbnis „nach den Quellen“.74 Wissenschaftlicher Anspruch und apologetische Zielsetzung gingen bei dem evangelische Pfarrer Adolf Friedrich Carl Mengert noch Hand in Hand. Seine Broschüre über Luthers Tod und Leichenbegängnis nebst Bugenhagens Wittenberger Leichenpredigt75 wurde in der erklärten Absicht verfasst, die „schnöden Verunglimpfungen“, die Luthers edle Persönlichkeit so oft erfahren habe, zurückzuweisen. Auch die gleichzeitig erschienene Arbeit des Nachmittagspredigers an der Leipziger Universitätskirche Julius Leopold Pasig Dr. Martin Luther’s letzte Lebenstage, Tod und Begräbniß76 hatte eine deutlich apologetische Tendenz. Pasigs Band war ein Stich „Luthers im Tode“ nach dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs beigegeben.

Abb. 2: Luthers Totenbildnis nach Pasig

Da der Autor nur die Quellen sprechen lassen wollte, eröffnete er seine Darstellung mit der erstmals 1565 bezeugten Legende, Luther habe wenige Tage vor seiner Abreise nach Eisleben gegenüber Melanchthon zugegeben, dass die reformierte Abendmahlslehre der Wahrheit entspreche.77 Diese „Heidelberger Landlüge“78 wies Pasig nun entschieden zurück. Die römischen Berichte über Luthers Tod und Begräbnis erklärte er kurzerhand für „albern und abgeschmackt“79 und hielt sie keiner Widerlegung für würdig.

Im späteren 19. Jahrhundert eskalierte der Austausch von um Luthers Tod kreisenden polemischen Schriften. Berühmtheit erlangte die Arbeit des römischen Priesters, Publizisten und Zentrumspolitikers Paul Majunke Luthers Lebensende. Eine historische Untersuchung, die allein in den Jahren 1890 und 1891 fünf Auflagen erlebte80 und in der – nicht zum ersten Mal – die These vertreten wurde, Luther sei keines natürlichen Todes gestorben. Der Reformationshistoriker und Lutherforscher Theodor Kolde fühlte sich zu einer Gegenschrift herausgefordert,81 und selbst einem renommierten katholischen Autor wie Nikolaus Paulus wurden derartige Behauptungen zu viel. Paulus wollte die unerquicklichen Auseinandersetzungen über die Selbstmordlegende beenden und zog dafür den Apothekerbericht zu Luthers Tod heran, der für ihn bewies, dass die Selbstmordtheorie selbst auf altgläubiger Seite ursprünglich nicht vertreten worden war.82 Die viel benutzte Quellensammlung Christof Schubarts von 1917 kann vor diesem Hintergrund als ein wissenschaftlicher Neuanfang jenseits konfessioneller Frontstellungen gelten.83 Wesentliches neues Textmaterial zu Luthers Tod ist seit Schubarts Arbeit nicht mehr hinzugekommen.

Um das Thema Luthers Tod ist es nach den aufgeregten Debatten der Nachkulturkampfzeit eher still geworden. Aktuelle Titel, die sich dem Thema speziell widmen, sind selten.84 Immerhin gab die Neugestaltung der Dauerausstellung im Museum Luthers Sterbehaus 2013 Anlass für eine kleine Broschüre mit Äußerungen Luthers über den Tod und Auszügen aus den Sterbeberichten.85 Im Zuge der Reformations- oder Lutherdekade (2008–2017) ist das Thema im Zusammenhang mit Luthers Biographie gelegentlich aufgegriffen worden.86 Moderne rezeptions- und wirkungsgeschichtliche Fragen wurden an das reichlich vorhandene Quellenmaterial bisher jedoch kaum gestellt. Dieses Material wurde vor kurzem allerdings in einer Sammlung, die neben den Sterbeberichten auch die Leichenpredigten, die Leichenreden sowie weitere mit Luthers Tod zusammenhängende Texte enthält, bequem zugänglich gemacht.87

Zwar sind Polemiken zu Luthers Tod auch heute nicht völlig verschwunden,88 einer nüchternen Analyse steht mittlerweile aber nichts mehr im Weg. Die Spuren der alten Kontroversen in den zahlreichen während der Reformationsdekade entstandenen Lutherbiographien89 aufzudecken, bleibt eine lohnende Aufgabe.

* * *

Der vorliegende Band versteht sich als Versuch, die mit Luthers Tod zusammenhängenden Fragen und Probleme erstmals in umfassender Weise zu sichten. Die Reihung der Beiträge folgt, soweit dies möglich ist, einer sachlich-chronologischen Ordnung: Von der Ars moriendi der Vorreformationszeit (Schwillus) und Luthers Theologie des Sterbens (Leppin) als Voraussetzungen wird der Fokus auf das Ereignis des Jahres 1546 selbst gerichtet. Der thematische Bogen dieses ersten Teils spannt sich von Luthers materieller Vorbereitung auf den Fall seines Todes durch Abfassung von Testamenten (Lück) über seine Vermittlertätigkeit in der Grafschaft Mansfeld 1545/46 (Berndorff), die unmittelbaren Folgen für Witwe und Familie (Kramer, Spehr), die Entstehung der Sterbeberichte (Birkenmeier), die Aufnahme der Todesnachricht durch Luthers engsten Mitarbeiter Philipp Melanchthon (Mundhenk) und dem poetischen Abschied von Luther (Rhein) bis zur Entstehung von Luthers Totenbildnis (Dilly).

Die Wirkungen von Luthers Tod stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils, werden aber auch in einigen Beiträgen des ersten Teils schon angesprochen. Die unterschiedlichen Formen der Memorialisierung reichen vom Wittenberger Luthergrab als Erinnerungsort (Slenczka), dem Weiterleben Luthers in den materiellen Dingen (Laube) und den Gedenkfeiern aus Anlass des Todes Martin Luthers (Flügel) bis zum Ausbau des Eisleber Sterbehauses zur Luthergedenkstätte (Steffens). Dass es sich hierbei jeweils nur um punktuelle Sondierungen auf einem wenig beackerten Feld handeln kann, wird in diesem wirkungsgeschichtlichen Teil besonders deutlich. Insbesondere die Rolle von Luthers Tod im konfessionellen Konflikt zwischen Lutheranern, römischen Katholiken und Calvinisten wird nur exemplarisch anhand der Auseinandersetzungen im späten 19. Jahrhundert vorgeführt (Fitschen).

Eingestreut sind zwei Beiträge, die Luthers Tod in größere Zusammenhänge einordnen. Michael Beyer fragt: „Wie stirbt ein Reformator?“ und stellt Luthers Tod neben die Berichte über den Tod Philipp Melanchthons, Justus Jonas’ und Johannes Bugenhagens. Siegfried Bräuer führt am Beispiel Cyriacus Spangenbergs eine Mansfelder Variante der reformatorischen Ars moriendi vor Augen.

Siegfried Bräuer, dem am 19. März 2018 in Berlin gestorbenen Kenner der Mansfelder Kirchengeschichte, sei dieser Band gewidmet.

Harald Schwillus

Von der Ars moriendi zu den reformatorischen Sterbebüchern

1. DIE ARS MORIENDI IM MITTELALTER

Am Beginn des 15. Jahrhunderts wird eine neue spirituelle Literaturgattung publiziert: die Ars moriendi – die Kunst bzw. Fertigkeit des Sterbens. Sie enthält Ratschläge und Verhaltensanweisungen für die rechte Vorbereitung eines Sterbenden auf einen guten und heilbringenden Tod.1 Der aus der Antike in die Bildungstraditionen des Mittelalters übernommene lateinische Begriff der ‚ars‘ meint dabei nicht ‚Kunst‘ im modernen Sinn, sondern eher das Wissen um ein System von Verhaltensweisen und Regeln, das korrektes Handeln in einer bestimmten Situation – hier der des Sterbens – ermöglicht. Zunächst wurden solche Texte noch lateinisch publiziert und zielten somit auf den Gebrauch durch einen noch unerfahrenen Priester am Sterbebett, sind also als pastorale Hilfestellungen zu werten. Sehr schnell jedoch entstanden Übersetzungen und Bearbeitungen in die Volkssprache. Die Ars moriendi avancierte so immer mehr zu einer Literatur, die auch Laien für die Sterbebegleitung und ebenso für die Vorbereitung des eigenen Sterbens nutzten.2 „Die Ars-moriendi-Literatur bietet für die Vorbereitung die entsprechende Handreichung. Die Titel der verschiedenen Sterbebücher signalisieren diese Absicht: de arte moriendi; tractatus de bono ordine moriendi; scire bene mori; speculum artis bene moriendi; wie man sich halten sol bei einem sterbenden menschen; ein ABC wie man sich schicken soll zu einem kostlichen seligen tod; von den Früchten des Wolsterbens. Leicht ließe sich die Aufzählung solcher und ähnlicher Titel fortsetzen, von denen wir im 15. und 16. Jahrhundert eine große Zahl vorfinden. Die Fülle der verschiedenen Ars-moriendi-Schriften ist ein Hinweis auf die weite Verbreitung und gleichermaßen auf die offenkundige Beliebtheit dieser Literatur zu jener Zeit.“3

Die weite Verbreitung der Ars moriendi in den Händen von Lesern, die nicht dem Klerikerstand angehörten, dürfte auch mit allgemeinen Veränderungen der Frömmigkeitspraxis seit dem späten 14. Jahrhundert in Zusammenhang zu sehen sein, für die die Bewegung der Devotio moderna als exemplarisch gelten kann. Diese „war eine spätmittelalterliche Reformbewegung, die sich im späten 14. Jahrhundert in den Niederlanden entwickelt hatte und sich rasch nach Deutschland ausbreitete. Die Bewegung entstand unter dem Einfluß Gerhard Grotes von Deventer (1340–1384), dem Sohn eines reichen Kaufmannes und Stadtrates. Grote begann mit 15 Jahren seine Studien an der Universität von Paris und erhielt seinen Magister Artium in weniger als drei Jahren. Er blieb zehn Jahre in Paris, studierte Kirchenrecht, Medizin und Theologie und lebte von einer Erbschaft und zwei Pfründen in Aachen und Utrecht. Im Jahre 1374 gab er als Folge eines Bekehrungserlebnisses seine Pfründe auf, übergab sein Elternhaus in Deventer einer Gruppe frommer Frauen und trat in das Kartäuserkloster von Monnikhuizen bei Arnheim ein […].“4 Nach drei Jahren verließ er auf Drängen der Mönche das Kloster wieder, die seine Berufung in der Predigt für die Menschen seiner Zeit sahen. Gerhard Grote rief denn auch – zum Diakon des Bistums Utrecht geweiht – seine Zuhörerinnen und Zuhörer dazu auf, sich zusammenzutun und ein von Frömmigkeit geprägtes Leben zu führen. Die Devotio moderna stellte die Nachahmung Christi (Imitatio Christi) als wichtiges Ziel christlicher Spiritualität heraus, das nicht nur für Mönche, Nonnen und Kleriker als Ideal christlicher Existenz anzustreben sei. Dabei stand die Passion Christi im Zentrum, die insgesamt für die Ausrichtung der Frömmigkeit im späten Mittelalter charakteristisch ist. Dies belegt nicht zuletzt Luthers Zeitgenosse Johann von Staupitz (um 1465–1524), Generalvikar der Augustinereremiten, für den die christliche Spiritualität in der tatsächlichen Nachfolge des leidenden und sterbenden Christus gipfelt: „Am Berg Golgatha hat er uns ein Bespiel aller Heiligkeit gegeben […] Er ist ein von Gott gegebenes Beispiel, nach dem ich arbeiten, leiden und sterben möchte. Er ist das einzige Beispiel, dem man folgen kann, dem alles Gute im Leben, Leiden und Tod nutzbringend nachgebildet ist. Deshalb kann niemand das Rechte tun, richtig leiden oder richtig sterben, wenn es nicht in Übereinstimmung mit dem Leben, Leiden und Sterben Christi geschieht.“5

Die Spiritualität der Devotio moderna und die im späten Mittelalter ganz allgemein zu verzeichnende Hinwendung zum menschgewordenen Gott in Jesus Christus bildet damit einen wichtigen Hintergrund für die Entstehung von Erbauungsliteratur, die auf das rechte Leben und das Heil des einzelnen Menschen – und damit auch auf sein rechtes Sterben – ausgerichtet ist. Das Ideal eines gottgeweihten, geheiligten Lebens hatte damit die Kloster- und Stiftsmauern verlassen.6 Neben Staupitz verfassten auch andere Autoren jener Zeit spirituelle Schriften in der Volkssprache. Zu ihnen zählten Johann Geiler von Kaysersberg ebenso wie Marcus von Weida oder Johannes von Paltz. An solchen Sermones in der Volkssprache und nicht an den lateinischen akademischen Veröffentlichungen orientierte sich im 16. Jahrhundert auch Martin Luther und konnte damit jenen publizistischen Erfolg erringen, der für die Durchsetzung der Reformation nicht unerheblich war.7 Die Spiritualität des einzelnen Gläubigen – eben auch die der Laien und nicht nur die des Klerikers, des Mönchs oder der Nonne – gewann in dieser Epoche an Bedeutung. Zu dieser Hinwendung zum Einzelnen, der selbst um sein Heil bemüht sein will und muss, könnten auch die Pestepidemien des späten Mittelalters katalysatorisch beigetragen haben – und das insbesondere für das rechte Verhalten in der Sterbestunde.8 Ganz abgesehen davon lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen des Mittelalters bei etwa 35 Jahren.9 Der eigene Tod stand so dem Einzelnen jederzeit vor Augen, wenn er das Sterben seiner Familienangehörigen und Freunde betrachtete. Die Furcht, keinen guten Tod sterben zu können – also einen Tod, der in Versöhnung mit Gott geschah –, war verbreitet. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Epoche durch ein intensives religiöses Bewusstsein geprägt ist, zu dem eben auch die rechte Vorbereitung auf das eigene Sterben gehörte.

Insgesamt ist der Einschätzung der frömmigkeitsgeschichtlichen Situation der Zeit vor der lutherischen Reformation durch Enno Bünz und Hartmut Kühne zuzustimmen: „Die Jahrzehnte um 1500 sind ‚eine der kirchenfrömmsten Zeiten des Mittelalters‘ gewesen, wie Bernd Moeller einmal geäußert hat, ja, mit Blick auf die Vielfalt und Intensität des kirchlichen Lebens kann man mit dem Göttinger Kirchenhistoriker wohl sogar festhalten, dass die Deutschen nie wieder so fromm gewesen sind wie um 1500.“10

Gerade die Ars moriendi steht dabei in einem engen Bezug zur Kunst des rechten Lebens, der Ars vivendi. Der Blick auf den Tod und auf den letzten Sinn menschlichen Lebens, die ewige Seligkeit bei Gott, soll helfen, die Konzentration auf die irdischen Güter zu relativieren und die Gläubigen zu einem frommen Leben zu animieren. Dessen letzte Bestätigung, aber auch Gefährdung, bringt die Stunde des Todes als Zeit der letzten Bewährung und Ausrichtung auf das ewige Heil.11

Die Ars-moriendi-Literatur im Spätmittelalter steht in dieser Tradition und ist insbesondere von zwei theologischen Werken nachdrücklich beeinflusst worden. Zum einen ist dies die Admonitio morienti et de peccatis suis nimium formidanti des Anselm von Canterbury (um 1033–1109), zum anderen die Ars moriendi von Johannes Gerson (1363–1429). Die Admonitio ist eine pastorale Handreichung für die Begleitung von Sterbenden. Sie nimmt ihren Anfang mit zwei Reihen von Fragen, von denen sich eine ausführlichere an Mönche und eine kürzere an Laien richtet. Beide Reihen werden jeweils mit einer Ermahnung abgeschlossen. Im Anschluss daran wird dem Priester und dem Sterbenden empfohlen, Psalmen zu beten, und auf die kurze Dauer des Lebens und seine Gefährdung wie auch auf die Ungewissheit der Sterbestunde, den himmlischen Lohn für die Gerechten und die Strafe für die Bösen hingewiesen. Wie bedeutend diese Schrift Anselms war, belegen nicht zuletzt ihre schon im 12./13. Jahrhundert entstandenen Übersetzungen ins Deutsche und ihre Aufnahme in die spätmittelalterlichen Sterbebücher.12 1408 verfasste Gerson seine Ars moriendi. Sie war der letzte Teil seines dreiteiligen Werks Opus tripartitum de praeceptis decalogi, de confessione et de arte moriendi. Sehr schnell verbreitete sich die Ars moriendi als daraus herausgelöste eigenständige Schrift. Sie wurde als ganze oder in Teilen in die überwiegende Zahl der spätmittelalterlichen Sterbebücher eingefügt, ergänzt und kommentiert.13 „Es ist nicht nachweisbar, daß […] Gerson die Admonitio Anselmi als direkte Vorlage für seine Ars moriendi benutzt hat, ein Sinnzusammenhang beider Texte ist jedoch unübersehbar. Die zuerst in französischer Sprache verfaßte […] Schrift Gersons wurde von ihm selbst in eine lateinische Fassung gebracht. Er hat seinen Ars-moriendi-Text in 4 Teile gegliedert: Nach einer kurzen Einleitung beginnt er mit Exhortationes (Ermahnungen). Es folgen Interrogationes (Fragen), Orationes (Gebete) und Observationes (Vorschriften).“14

Große Bedeutung für die Frömmigkeit des Spätmittelalters erlangte die auch als Bilder-Ars moriendi bezeichnete Ars moriendi der fünf Anfechtungen. Bei ihr tritt zu der bei Gerson entwickelten Grundform noch ein weiterer Gedanke hinzu: die Beachtung eben jener fünf Anfechtungen, denen sich der Sterbende in seiner Todesstunde gegenübergestellt sieht. Diese werden durch entsprechende Holzschnitte illustriert, die einen Todkranken im Bett zeigen. Er wird einerseits von Anfechtungen (tentationes) durch Teufel bedrängt und andererseits von guten Eingebungen (bonae inspirationes) von Engeln getröstet.15 Den fünf Abbildungen mit den teuflischen Anfechtungen sind die fünf Abbildungen mit den tröstenden Eingebungen der Engel jeweils auf der gegenüberliegenden Buchseite gegenübergestellt. Im Einzelnen sind dies: 1. die Anfechtung im Glauben – die Ermutigung im Glauben, 2. die Anfechtung durch Verzweiflung – die Bestärkung durch Zuversicht, 3. die Anfechtung durch Ungeduld – die Bestärkung durch Geduld, 4. die Anfechtung durch Hoffart (Hochmut) – die Bestärkung durch Demut, 5. die Anfechtung durch irdische Güter – die Bestärkung durch Abwendung vom Irdischen.16

Als Beispiel für die Art und Weise der bildlichen Darstellung der Anfechtungen sei die Anfechtung durch Verzweiflung vorgestellt: Der Sterbende liegt in seinem Bett. Ihn umringen und bedrängen Teufel und Dämonen. Sie halten ihm seine Sünden vor. Die hier gezeigte Abbildung entstammt einer einfachen Ausgabe der Bilder-Ars, die im Eisleber Museumsquartier ‚Luthers Sterbehaus‘ gezeigt wird. Sie enthält auf den Bildern keinen Text, während andere aufwendigere Ausgaben die Teufel und Dämonen mit Spruchbändern und anderen Textträgern zeigen. So ist dort auf dem Schriftstück, das eines der Höllenwesen hochhält, statt der auf der ausgewählten Abbildung nur angedeuteten Textlinien zu lesen: Omnia praecepta Domini fregisti (du hast alle Gebote des Herrn gebrochen). Der Teufel hinter dem Bett hebt die Schwurfinger zum Meineid (in den aufwendigeren Ausgaben mit dem erklärenden Spruchband erweitert: periurus es – du hast einen Meineid geleistet), die von einem Dämon begleitete Frau dahinter weist auf sexuelle Vergehen hin (fornicatus es – du bist ein Ehebrecher), die Teufel rechts und links des Sterbebettes mit dem Hinweis auf bedürftige Menschen und den Geldbeutel in Händen erinnern an Geiz und Habgier des Sterbenden (ecce peccata tua, avare vixisti – siehe deine Sünden, du hast in Habgier gelebt) und schließlich erhebt ein Dämon einen Dolch über einen Getöteten (occidisti – du hast getötet). Unruhe und Furcht prägen die gesamte Szene.

Ganz anders sind die Darstellungen der Tröstung und Bestärkung gestaltet, bei denen Engel dominieren, die den Sterbenden trösten und die Dämonen bändigen, die sich unter dem Bett verstecken oder auf dem Boden kriechen. Ruhe und Gefasstheit prägen diese Szenen, die auf den Erlösungstod Christi und den Beistand der Heiligen hinweisen.17

Zentral ist damit für die Ars moriendi die Sorge um das ewige Heil und die Gefahr, dieses im Leben und schließlich noch in der Sterbestunde zu verfehlen. Davor verblasst alles andere. „Die menschlichen Nöte des Sterbens, die als solche in einzelnen Beobachtungen durchaus wahrgenommen werden, treten hinter die eigentliche existenzbedrohende Angst vor dem Verlust der ewigen Seligkeit, vor der Angst, unter Qualen ewig verdammt zu sein, zurück. Wichtig ist festzuhalten, daß aber auch diese Angst beherrschbar ist. Die Ars moriendi macht deutlich, daß der Mensch nicht einem blinden Schicksal unterworfen ist. Jeder darf im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes und auf den Erlösungstod Christi bis in die Todesstunde hinein seine ewige Zukunft in Freiheit bestimmen. Dazu stellt dann die Kirche in der Glaubenslehre, in ihren Gebeten und besonders in den Sakramenten die geeigneten Hilfen und Mittel bereit.“18

Abb. 1: Anfechtung durch Verzweiflung (1512)

Abb. 2: Tröstung durch den Engel Gottes (1512)

Die weite Verbreitung und frömmigkeitspraktische Bedeutung der Ars moriendi belegt nicht zuletzt auch ihre Rezeption in der von Laien für das Totengedenken von Familienangehörigen in Auftrag gegebenen Memorialkunst. Ein instruktives Beispiel hierfür ist das Epitaph für den 1490 verstorbenen Leipziger Medizinprofessor Valentin Schmidburg, auch Becker genannt. Es wurde im Auftrag seines Sohnes 1518 von Lucas Cranach d. Ä. angefertigt und befand sich in der Leipziger Nikolaikirche. „Das Bild bietet keine fotografische Momentaufnahme eines Sterbezimmers, sondern zeigt, wie ein guter Tod auszusehen hatte. Die Bildvorlage fand Cranach im Schrifttum der ‚Ars moriendi‘ […]. Nichts erschien dem mittelalterlichen Christen schrecklicher als der jähe Tod, der den Menschen plötzlich aus dem Leben reißt, ohne ein Testament zu errichten, ohne die Beichte abgelegt zu haben, ohne den Empfang der Sterbesakramente. Cranach zeigt uns das ideale Gegenbild. Links neben dem Bett sitzt der schreibkundige Notar, der den letzten Willen des Sterbenden aufzeichnet. Der lateinische Text lautet übersetzt: ‚Der Erblasser übergibt seine Seele Gott, seinen Leib der Erde, seine Güter den Verwandten‘. […] Der Priester steht am Sterbebett; er hält ein Kreuz in den Händen, reicht dem Sterbenden die brennende Kerze und spricht zu ihm die Worte: ‚Bereue deine Sünden, bitte um Vergebung und hoffe auf die Barmherzigkeit‘. Entsprechend bekennt der Sterbende seine Sündhaftigkeit und verweist darauf, dass er ‚Gott niemals verleugnet‘ habe. Valentin Becker ist einen guten Tod gestorben. Das wird dem Betrachter vollends im Mittelteil des Bildes deutlich, in dem gute und böse Mächte um die Seele des Verstorbenen ringen. Monsterwesen, die dem Teufel dienen, verweisen mit Schrifttäfelchen auf die Sünden des Verstorbenen, ein Engel hingegen auf die ‚bona opera‘, die ‚guten Werke‘.“19 Darüber thront umgeben von fürbittenden Heiligen, die auf die Rettung durch das Osterlamm hinweisen, die Hl. Dreifaltigkeit als Gnadeninstanz. Ein Hinweis auf Psalm 144 (lateinisch-griechische Zählung) unterstreicht die Bitte um Gottes Barmherzigkeit ebenso wie das obere Abschlussbild, das fürbittende Angehörige vor einer Kapelle zeigt, über denen Maria, die Mutter Gottes, als ‚Advocata nostra‘ erscheint. Die zu bestehende Sterbestunde und das bittende und betende Eintreten für den Verstorbenen kommen auf diesem Cranachbild anschaulich zusammen. Den mittelalterlichen Besuchern der Leipziger Nikolaikirche standen damit Intention und Aussage der Ars moriendi deutlich vor Augen.

2. MARTIN LUTHER UND DAS STERBEN

Luther hat sich Zeit seines Lebens mit dem Sterben beschäftigt und kannte natürlich die mittelalterliche Ars moriendi. Mit ihr und ihrer theologischen Begründung setzte er sich in seinen Schriften auseinander, und auf sie nimmt er mit seinem eigenen Sterben Bezug. Beides unternimmt er jedoch aus einer neuen Perspektive heraus: Er fragt nicht so sehr nach dem Sterben, sondern vielmehr nach dem Tod, der das irdische Leben beendet und besiegelt. Für ihn steht damit die existentielle Bedeutung des Todes für den Menschen und insbesondere für den Glaubenden im Zentrum. „Er fragt nicht nach dem Sterbevorgang, sondern nach der Wirklichkeit des Todes, nicht nach der Weise des Sterbens, sondern nach der Tatsache des Sterben-Müssens.“20

1519 veröffentlichte Luther seinen Sermon von der Bereitung zum Sterben, mit dem er einerseits direkt an die Tradition der Ars moriendi anknüpfte und andererseits eine inhaltliche Veränderung vornahm, indem er ihn sehr viel stärker diesseitsorientiert ausrichtete, da nach dem Tod des Menschen für die Überlebenden keine Möglichkeiten mehr bestünden, für den Verstorbenen fürbittend zu wirken. Der Verstorbene ist damit allein der Gnade Gottes überantwortet. Begründet liegt dies in den theologischen Grundlinien Luthers, die das Fegefeuer nicht mehr beinhalten und nur noch Himmel und Hölle als Bereiche des Jenseits kennen. Messen für die Verstorbenen und fürbittende Totengebete verlieren in dieser Theologie ihre Bedeutung. Das Bedenken des Sterbenmüssens und des Todes muss daher für den Menschen im Zentrum seines Lebens stehen. Damit wird der Einzelne für sein Sterben und damit auch für sein Seelenheil selbst verantwortlich. Durch seinen Glauben kann er die Angst vor dem Tod überwinden und ein Leben führen, das zu einem seligen Ende führt.21

Neben seiner allgemeinen Kenntnis der Ars moriendi könnte Martin Luther nach Auffassung Luise Schottroffs auch eine direkte Vorlage für die Abfassung seines Sermons benutzt haben: den Libellus auro praestantior von ca. 1518.22 „Der Verfasser des Libellus ist unbekannt. Die Schrift ist wahrscheinlich 1518 in Hagenau gedruckt und in dieser Ausgabe wahrscheinlich auch Luther bekannt gewesen. In der Hamburger Ausgabe von Luthers Betbüchlein 1523, die nicht von Luther redigiert worden ist, ist eine niederdeutsche Übersetzung des Libellus angefügt. Luther hat später den Libellus an dieser Stelle durch den eignen Sterbesermon ersetzt. Der Libellus hat die Form einer Predigt über Sir. 11,26: ‚in die malorum memor esto bonorum et in die bonorum memor esto malorum.‘ […] Die Interpretation der traditionellen Sterbebuchthemen, die der Libellus aufnimmt, ist von der deutschen Mystik geprägt. […] Es ist anzunehmen, dass Luther den Libellus um die Jahreswende 1518/19 spätestens kennengelernt hat. Die Erwähnung von Sir. 11,26 als Trostregel in der Druckbearbeitung der Psalmenvorlesung (Januar 1519) geht sehr wahrscheinlich schon auf den Libellus zurück. Durch den Libellus ist die mit Sir. 11,26 verknüpfte Trosttradition in die Schriften Luthers gelangt. […] Der Sterbesermon ist im Mittelteil (Stück 5–15), in der Darstellung der Anfechtung mit Tod, Sünde und Hölle und ihrer Gegenbilder Leben, Gnade und Himmel, vom Libellus beeinflußt. Der Gedanke, der im Libellus so oft wiederkehrt: im Tode ficht der Teufel mit dem Tod, Hölle, Gottes Zorn und Sünde an, ist hier in eine Ordnung gebracht. Luther formt daraus eine Reihe der teuflischen Anfechtungen und ihrer Gegenbilder. […] Wichtig für die Beziehung des Sterbesermons zum Libellus ist die Betonung der ‚Unzeitigkeit‘ der Anfechtung in beiden Schriften. Luther formuliert aus diesen Gedanken heraus die Gegenbilder Leben, Gnade und Himmel. Immer wieder betont er: die Anfechtungen muß man ‚ausschlahen‘, ‚sie gehoren gar nichts / yn diße zeyt‘, sie sind ‚vnzeitige bilde‘. Im Libellus ist der Gedanke der ‚Unzeitigkeit‘ durch die Anwendung von Sir. 11,26 veranlaßt. Luther erwähnt Sir. 11,26 im Sterbesermon nicht, wohl aber ist die Spur dieses Anfechtungstrostes noch im Aufbau zu erkennen.“23

Insgesamt gesehen geht es dem Reformator um das Verhältnis des Individuums zu Sünde, Tod und Hölle – und um das Entdecken der Erlösung von alledem durch Christus. Wort und Sakrament haben dafür dienende Funktion. Der Sermon will folglich nicht Beratung und Anleitung für die Sterbebegleitung sein, sondern ist deutlich als Erbauungsbuch für den Menschen konzipiert, der einmal sterben wird und muss. Dabei helfe ihm nicht menschliche Nähe und Gemeinschaft, sondern nur die Begleitung durch Gott selbst bereitet auf ein seliges Sterben vor, indem er seine Gnade in Christus gegenwärtig macht. Der Mensch stirbt so in einer viel größeren Gemeinschaft als es Familie oder Freundeskreis sein können. Vieler Augen sind auf ihn gerichtet:24 „Zum ersten Gottes und Christi Augen selber, weil er seinem Wort glaubt und seinem Sakrament anhängt. Danach die lieben Engel, die Heiligen und alle Christen […]“25

Zwar hat Martin Luther im Laufe seiner theologischen Entwicklung nach dem Sermon von der Bereitung zum Sterben, der immerhin zwanzigmal wiederaufgelegt wurde, kein weiteres explizites Werk zur Vorbereitung auf das Sterben mehr geschrieben, doch kommt er auf das Thema immer wieder zurück. Es begleitet ihn beständig, da es seiner Überzeugung nach während des ganzen Lebens stets um Leben und Sterben, um Sünde, Tod und Teufel und deren Überwindung durch den Glauben an Jesus Christus geht.26 So bezieht er sich u.a. in den Tesseradecas consolatoria pro laborantibus et oneratis, einer noch vor dem Sermon von der Bereitung zum Sterben verfassten Trostschrift für den erkrankten Kurfürsten Friedrich (1520 veröffentlicht), in seiner Auslegung von Psalm 21 (22), in den Operationes in Psalmos von 1521 sowie in seinem Werk Ob man vor dem Sterben fliehen möge aus dem Jahr 1527 darauf.27

Zusammenhängend kommt Martin Luther noch einmal 1534/35 in seinen Vorlesungen zu Psalm 90 auf die Ars moriendi zu sprechen,28 die er als Mönch kennengelernt hatte. Dabei spricht er sich nicht prinzipiell gegen eine solche ‚Kunst‘ aus, merkt jedoch kritisch an, dass die Ordensleute zwar häufig über die Verachtung des Todes disputiert hätten, dies aber schlecht. Sie wiegten sich nämlich entweder in falscher Sicherheit oder litten unter großen Gewissensqualen.29 Luther richtet seine Überlegungen zum guten Sterben daher etwas anders aus: „Zum einen entnimmt er offenbar Hilfreiches der von ihm vorgefundenen spirituellen Tradition; manches empfindet er als ‚weise‘ und ‚aufgrund eines reichlichen Gebrauchs geistlicher Dinge überliefert‘.30 Ausdrücklich nennt er Johannes Gerson, der gegen den Geist der Lästerung zu trösten vermöge. Sodann empfiehlt er die gegenseitige Seelsorge der Christen aneinander. Hier erscheint die Erinnerung an die Grundeinsichten des ‚allgemeinen Priestertums‘, nämlich daß ‚du aufgrund des Gebotes Gottes auf mich hörst, und daß ich dich, der du dich in Trauer und Gefahr befindest, tröste, daß du mir glaubst, und umgekehrt ich dir, wenn ich in eine ähnliche Gefahr gerate‘.“31

„Das Sterben-Können wird nicht als eine besondere ‚Kunst‘ neben dem Leben-Können empfohlen, sondern im Glauben als dessen selbstverständliche andere Seite erfaßt. Mitten im Leben-Können wird damit auch das Sterben-Können gegenwärtig. Wenige Tage vor seinem Tod, während seiner letzten Reise, in Eisleben, sagt Luther humorvoll-grimmig: ‚Wenn ich wieder heim nach Wittenberg komme, will ich mich in den Sarg legen und den Maden einen feisten Doktor zu fressen geben.‘ Er weiß, daß Gott seine Zuflucht ist – im Leben und im Sterben.“32

Martin Luthers eigenes Sterben geschieht unter Augenzeugen und ist im Brief seines Vertrauten Justus Jonas vom 18. Februar 1546 an den Kurfürsten aufgezeichnet. Der Reformator hatte im kalten Winter eine beschwerliche Reise aus Wittenberg in seine Geburtsstadt Eisleben unternommen, um einen Streit unter den Mansfelder Grafen zu schlichten. Dort war er schließlich an Angina pectoris erkrankt und fühlte in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1546 sein Ende nahen.

Luther beginnt dann unter Zeugen – ganz analog zur Ars moriendi – zu beten: „Da hat der herr doktor angefangen zu beten: ‚Mein himlischer vatter, ewiger barmherziger Got, du hast mir deinen lieben sohn, unsern herrn Jhesum Christum offenbart, den hab ich gelert, den hab ich bekannt, den liebe ich und den ere ich vor meinen lieben heilandt und erlöser, welchen die gotlosen verfolgen, schenden und schelten, nim mein selichen zu dir.‘ In dem reth er in die drei mal: ‚In manus tuas commendo spiritum meum, redimisti me deus veritatis. Ja also hat Got die welt geliebt.‘“33 Als Luther immer schwächer wird, dringen Michael Coelius und Justus Jonas in ihn, sein letztes Bekenntnis abzulegen: „Und als wir ihn beide anschrien und fragten: ‚Allerliebster Vater, ihr bekennt ja Christum, den Sohn Gottes, unseren Heiland und Erlöser‘, sprach er noch einmal, dass man es hören konnte, sehr deutlich: ‚Ja.‘“34

Dies nimmt deutlich auf die Ars moriendi des späten Mittelalters Bezug, die Luther offenbar auch persönlich sehr vertraut blieb. So schließt sich dort an die Admonitio die Mahnung an, dass nur durch das Vertrauen auf die erlösende Kraft des Kreuzestodes Jesu Christi ewiges Heil möglich ist: „Ey so setz alle dein zuversicht […] allain in diesen tod und in kain ander ding habst du hoffnung. […] Sprich aber […], herr, den tod unseres herren ih[esus] C[h]r[istus] setz ich zwischen mich und deinen zorn; darnach sprich zum dritten mal: herr in dein hendt emphil ich meinen gaist.“35

Nachdem auch Martin Luther diese Worte dreimal gesagt hatte, sprach er nicht mehr und verstarb nach einem sanften Atemholen und Seufzen mit gefalteten Händen. Auf diese Feststellung wird im Bericht Wert gelegt, belegt sie doch das friedliche und damit gute Hinscheiden des Reformators. Der Sterbebericht des Justus Jonas legt damit seinen Akzent – anders als die Ars moriendi – auf das letzte Bekenntnis des Reformators, bei seiner Lehre und Theologie auch im Tode bleiben zu wollen.

3. PROTESTANTISCHE STERBEBÜCHER UND LEICHENPREDIGTEN IN DER NACHFOLGE DER ARS MORIENDI

Während die katholische Sterbepastoral sich im Zuge der Gegenreformation und der katholischen Reform seit dem Tridentinum deutlicher auf die sakramentale Sterbebegleitung konzentrierte und damit auch ein wichtiges Anliegen der mittelalterlichen Ars moriendi aufnahm, entwickelte sich im Protestantismus – durchaus auch im Anschluss an die Ars moriendi-Tradition – im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts eine eigenständige Trost- und Erbauungsliteratur, die die Anfechtungen des Sterbens vor dem Hintergrund der Rechtfertigungslehre interpretierte.36 Martin Luthers Sterbesermon hat hier wesentliche Impulse gegeben. Dies gilt insbesondere für die Anfechtungen, denen sich der Sterbende in Tod, Sünde und Hölle gegenübergestellt sieht. Unterschiedliche protestantische Autoren nehmen dies auf und fügen eigenes Material, wie etwa liturgische Stoffe, hinzu.37 Etliche dieser Schriften machen schon durch ihren Titel darauf aufmerksam, dass sie als Lehr-, Unterrichts- und Erbauungsbuch zur Vorbereitung des Todes und zugleich zur spirituellen Ausrichtung des Lebens angesichts seines Endes verstanden sein wollen. Sie behandeln die Erfahrung der eigenen Sündhaftigkeit und Gottesferne, raten zur Buße im Glauben an die rechtfertigende Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Dazu gehören u. a.:

– Johannes Bugenhagen: Ein Vnderricht deren / so yn kranckheyten vnd tods nöten ligen / von dem heiligen Sacrament des wahren Leibs vnd bluts Christi / seer gut und nützlich allen Christen zu lesen, Wittenberg 1527;38

– Kaspar Güttel: Ein nutzliche vnd gegrundte lere vnd vnderricht, wie Christlich vnd seligk zu sterben […], Erfurt 1529;39

– Thomas Venatorius: Ein kurtz Unterricht den sterbenden Menschen ganz tröstlich, Nürnberg 152740.

Die protestantische Sterbeliteratur in der Nachfolge der Ars moriendi des Spätmittelalters kann so als eine kurzgefasste Laiendogmatik angesehen werden, die ihren Schwerpunkt auf der Rechtfertigungslehre hat. Sie unterstützt die Entwicklung evangelischer ritualisierter Formen für das rechte Sterben, wie etwa „die Bitte um und die Gewährleistung von Vergebung, die Ermahnung des Kranken und der Umstehenden zum Gebet, die Verlesung von Bibelsprüchen und die Rezitation des apostolischen Glaubensbekenntnisses mit einer Auslegung. […] Schmerzbedingte Lästerungen des Kranken sollen nicht einfach als Zeichen von Besessenheit gewertet werden. […] An die Stelle der Krankensalbung […] tritt die natürliche Arznei. Die Befolgung des Rituals erscheint als eine Garantie für ein seliges Sterben.“41