Macarons & Schmetterlinge - Amelia Doyle - E-Book

Macarons & Schmetterlinge E-Book

Amelia Doyle

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Beschreibung

Isabella sitzt nach einem einwöchigen Tokioaufenthalt, den sie am liebsten so schnell wie möglich vergessen würde, im Flugzeug von Peking nach Dublin, als sie den charmanten Südkoreaner Jong-suk kennenlernt, der sich auf einer Geschäftsreise nach Irland befindet. Zu Hause wartet nicht nur Isabellas Macarons-Geschäft auf sie, sondern auch ihr Geschäftspartner Daniel, für den sie nach Japan geflogen war, um seiner Verlobten bei der Suche nach dem passenden Hochzeitskleid zu helfen. Einer Verlobten, die nichts unversucht lässt, um Isabellas langjährige Freundschaft zu Daniel zu zerstören. Isabella weiß jedoch nicht, was schlimmer ist - Ayakos Verhalten oder die ewigen Verkuppelungsversuche ihrer Tante Jane, der besten Freundin ihrer Mutter Rachel. Und egal, wie viele Männer sie Isabella vorstellt, Jong-suk geht ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Amelia Doyle

Macarons & Schmetterlinge

Roman

Macarons & Schmetterlinge

© 2026 Amelia Doyle

E-Book © 2026 BRINKLEY Verlag

NICHT KI generiert

Ohne schriftliche Genehmigung des Herausgebers darf

kein Teil dieser Publikation in irgendeiner Form

vervielfältigt, übertragen oder gespeichert werden. Dies gilt auch für Text und Data Mining, solange kein

gültiger Lizenzvertrag vorliegt.

Sowohl die im Buch vorkommenden Personen

als auch die Handlungen sind vom Autor

frei erfunden. Namen und Ähnlichkeiten mit Personen

oder tatsächlichen Handlungen sind zufällig und nicht gewollt.

Satz: BRINKLEY Verlag

Lektorat / Korrektorat: Buchfein – Magda Werderits, BA

©Umschlaggestaltung: Steph Buncher

www.stephbuncherdesign.co.uk

ISBN 978-3-903392-23-6

www.brinkley-verlag.at

Prolog

Vor vierundzwanzig Stunden

Während Isabella Jacobs durch den Pekinger Terminal 2 eilte, um ihren Anschlussflug nach Dublin zu erreichen, bereute sie ihr heutiges Outfit mit jedem Schritt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre aus Tokio kommende Maschine Verspätung haben würde, und sich spontan dazu entschlossen, sich etwas eleganter als sonst zu kleiden. Grund dafür war, was sie auch offen zugab, dass sie Ayako Takahashi keine Möglichkeit geben wollte, sie ein letztes Mal aufgrund ihres Aussehens zu kritisieren. Sie gab Daniel Kim die Schuld an dem ganzen Desaster! Jede einzelne Blase, die sie sich in Japan zugezogen hatte, war seine Schuld und sie konnte es kaum erwarten, ihm jede einzelne zu zeigen, sobald sie ihr gemeinsames Geschäftslokal betreten würde. Zum ersten Mal in ihrem Leben bereute sie es, ein Macarons-Geschäft mit ihm aufgemacht zu haben. Hätte sie damals gewusst, in was für ein Drama sie dadurch dieses Jahr geraten würde, hätte sie sein Angebot, gemeinsam ein Geschäft zu eröffnen, nie angenommen. Vermutlich hätte sie kein einziges Wort mit ihm gewechselt, während des Masters in Food Business Strategy, den beide am UCD Smurfit Campus in Blackrock gemacht hatten.

Hätte sich Daniel Kim nicht aus Versehen mit Ayako Takahashi verlobt, dann würde sie jetzt nicht vollkommen verschwitzt durch den Pekinger Flughafen laufen. Nein, wäre Ayako eine wesentlich nettere und freundlichere Person, würde sie jetzt keinen schwarzen Rollkragenpullover mit einem burgunderfarbenen, knielangen Glockenrock und schwarzen Wollstrumpfhosen tragen, sondern bequeme Chinos mit einem simpleren und vor allem dünneren Oberteil. Natürlich konnte sie bei so einem Outfit keine bequemeren Schuhe tragen als ihre geliebten, und überraschenderweise durchaus unbequemen, schwarzen Mary-Janes mit burgunderfarbener Kappe.

Erleichtert, dass sie sich im Tokioer Flughafen einen kleinen Handgepäckskoffer gekauft hatte, um ihren beigen Wintermantel nicht durch die Gegend schleppen zu müssen, kam sie völlig aus der Puste an ihrem Gate an. Froh darüber, dass das Boarding noch nicht angefangen hatte, schlenderte sie zum Ende der Schlange. Ihr war vollkommen egal, ob sie als Erste oder als Letzte in den Airbus A330-300 steigen würde. Sie war lediglich erleichtert darüber, dass sie nicht in Peking festsitzen würde. Immerhin wartete in Dublin einiges an Arbeit auf sie. Es war bereits Ende Februar und die ersten größeren Bestellungen für Hochzeiten, Kommunionen, Konfirmationen, sowie Bar und Bat Mitzwas waren bereits eingegangen.

Die Schlange bewegte sich nur langsam voran. Da Isabella von Natur aus eine sehr geduldige Person war, störte sie das nicht. Sie war nur ein wenig perplex darüber, wie sich ein paar europäische und amerikanische Touristen aufführten. Ein Blick auf ihre Capri-Armbanduhr verriet ihr, dass sie noch genug Zeit hatten, um Peking zur angegebenen Abflugzeit zu verlassen.

Eine freundliche Flugbegleiterin der Hainan Airlines begrüßte Isabella und warf einen Blick auf ihr Ticket, bevor sie ihr bedeutete, weiterzugehen. Isabella war von ihrer Uniform begeistert! Sie bereute es, nicht genug Zeit gehabt zu haben, um sich das Design ein wenig genauer anzusehen, und hielt bereits Ausschau nach der nächsten Flugbegleiterin, die in der Mitte des Flugzeugs stand. Obwohl sie nicht ungeduldig war, war sie durchaus neugierig. Sie wusste bereits, dass dieses zeitgenössische Design einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen und sie in ihrer eigenen Arbeit inspirieren würde. Es passierte häufig, dass sie irgendwo auf der Welt ein bestimmtes Muster entdeckte, dass sie später als Macarons-Design in ihrem Geschäft anbot.

Abermals schweiften ihre Gedanken zu Daniel Kim, dem sie nach diesem einwöchigen Fiasko gehörig die Leviten lesen wollte. Hätte sie sich nur nicht von ihm breitschlagen lassen, nach Tokio zu fliegen! Doch Isabella wollte jetzt, wo es endlich vorwärtsging, nicht an Daniel denken. Sie war viel mehr an den Uniformen der Flugbegleiterinnen interessiert als an einem Mann, der sich versehentlich mit jemandem verlobt hatte, den er gar nicht heiraten wollte! Isabella bereute es jeden Tag, ihn dahingehend ermutigt zu haben, Ayakos Nachricht zu beantworten, die sie ihm vor der Pandemie auf einer Dating-App geschickt hatte, während er den Sommer in Paris verbrachte, um ein Diplom abzulegen. Was beide zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, war, dass Ayako lediglich Urlaub machte, und nicht, wie angenommen, dort lebte. Obwohl Isabella selbst Dating-Apps für Zeitverschwendung hielt, unterstützte sie ihre Freunde bei dieser Art der Partnersuche. Daniel war nah dran gewesen, seinen Frankreichaufenthalt zu verlängern, als Ayako ihm von heute auf morgen mitgeteilt hatte, dass sie am nächsten Morgen zurück nach Tokio fliegen würde. Aufgrund ihrer Flugangst hatte sie ihren Flug mehrfach verschoben – eine Begründung, die Isabella damals nicht eigenartig fand. Da wusste sie jedoch noch nicht, dass Ayako in den vergangenen zehn Jahren über fünfunddreißig Länder besucht hatte! Das hatte sie am Abend, bevor sie zum Flughafen gefahren war, von Ayakos Mutter Mitsuki erfahren, die darauf bestanden hatte, Isabella zu einem letzten Abendessen zu sich nach Hause einzuladen, bevor sie sie gemeinsam mit ihrem Mann Yataro zum Flughafen brachte.

An und für sich mochte Isabella Nachtflüge, und es störte sie auch gar nicht, dass ihr Flug nach Dublin Peking um zehn vor drei in der Früh verlassen und um sieben in der Früh in Dublin landen würde, sie war nur nicht begeistert davon, dass sie nicht direkt vom Hotel zum Flughafen hatte fahren können. Es war mehr als offensichtlich, dass sich Yataro seinen Abend anders vorgestellt hatte, als eine Freundin seines zukünftigen Schwiegersohnes zum Flughafen zu bringen, nur weil Daniel sich in den Kopf gesetzt hatte, dass Isabella Ayako dabei helfen sollte, ein Brautkleid für die bevorstehende Hochzeit zu finden. Eine Hochzeit, für die noch rein gar nichts geplant worden war und die er nicht guthieß. Isabella hätte liebend gerne ein Taxi genommen, doch Mitsuki bestand darauf, sie selbst zum Flughafen zu fahren. Wäre Mitsuki nicht mitgekommen, hätte Yataro sie vermutlich zur Gänze ignoriert. Ayako kam voll und ganz nach ihrem Vater.

Die Details der stilvollen Cheongsam-Uniform, eines traditionellen chinesischen Gewandes, das normalerweise nur zu formelleren Anlässen von Frauen getragen wurde, zogen nicht nur Isabellas Blick auf sich, sondern auch den einer jungen Frau, die vor ihr stand. In akzentfreiem Englisch, das Isabella an das ihrer aus Montréal stammenden Schwägerin Charlotte Azoulay, der Frau ihres ältesten Bruders Jonathan, erinnerte, unterhielt sich die Frau mit der Flugbegleiterin über das faszinierende Muster der Uniformen, während sie darauf wartete, dass ein Mann vor ihr sein Handgepäck im Gepäckfach verstaute.

Die Wolken, die sich am Kragen befanden, fand Isabella genauso bezaubernd wie die sich am Saum abwechselnden Berg- und Meereslandschaften. Ein wundervoller Kontrast, ihrer Meinung nach. Auch gefielen ihr die aus der Mythologie stammenden Greifvögel, die den Rest der Cheongsam-Uniform zierten. Die Kombination beliebter westlicher und traditioneller chinesischer Elemente gefiel Isabella ausgesprochen gut. Sie fand die Symbolik des Designs intelligent. Schon bei ihrer Ankunft in Peking waren ihr die wunderschönen Uniformen anderer Flugbegleiterinnen der Hainan Airlines aufgefallen, allerdings hatte sie bei der ganzen Hetzerei keine Zeit gehabt, auf das Design zu achten.

Isabella liebte Outfits, deren Designs es einer Frau ermöglichten, mühelos elegant zu wirken. Sie selbst hatte die Nase voll von all den Unisex-Designs, die überall modern zu sein schienen, und zog einen feminineren Stil vor, auch wenn sie bis vor Kurzem selbst kaum Kleider und Röcke getragen hatte. Jetzt, mit Mitte dreißig, hatte sie jedoch das Verlangen, mehr darauf zu achten, was sie trug und wie sie auf andere Menschen wirkte. Seit sie immer mehr Menschen nicht nur in Leggings, sondern auch in Pyjamas durch Dublin und Blackrock gehen sah, reichte es ihr! Leggings dienten schließlich dazu, darin Sport zu treiben und nicht dazu, nichts anderes mehr zu tragen. Vor allem der Trend, in Pyjamahosen einkaufen zu gehen oder seine Kinder in die Schule zu bringen, war ihr mittlerweile zu viel. Als zum ersten Mal eine Kundin so zu ihr ins Ladenlokal gekommen war, um eine große Anzahl Macarons zu kaufen, dachte sie, es handele sich um ein Versehen und die Frau sei in Eile, weil sie Besuch erwartete, der sich spontan angekündigt hatte. Doch als es immer wieder passierte, und sie auch andere Personen in Pyjamas in ihr Geschäft schlendern sah, wurde ihr bewusst, dass es sich lediglich um Faulheit handelte; mit Modegefühl hatte das definitiv nichts zu tun!

Als sie neben Reihe 38 ankam, schob sie den Henkel ihres Koffers hinunter und wollte ihn bereits in die Gepäckablage heben, als sich hinter ihr plötzlich jemand räusperte.

„Verzeihung, darf ich dir dabei helfen?“ Der klare britische Akzent, der an Benedict Cumberbatch erinnerte, verursachte ihr eine Gänsehaut. Isabella drehte sich vorsichtig um und musste ein wenig zu dem Mann aufsehen, der ihr seine Hilfe anbot. Ein freundliches Gesicht mit warmen braunen Augen lächelte sie an.

„Gerne!“ Isabella tat einen Schritt zur Seite und schob den unscheinbaren rotgussgrauen Koffer zu ihm und bedankte sich, bevor sie es sich auf ihrem Fensterplatz 38 K bequem machte, nachdem sie die Decke und den Polster hochgehoben hatte. Den kleinen Kulturbeutel, den jeder Reisende als kleine Aufmerksamkeit bekam, ließ sie in ihre Tasche gleiten. Zu ihrer Überraschung ließ sich der Mann nur wenig später neben ihr auf 38 H nieder.

„Keine Sorge, ich bin kein anstrengender Sitznachbar“, scherzte der Mann, während er sich anschnallte. „Der Jugendliche hinter mir war nur so ungeduldig, dass er nicht ruhig stehen bleiben konnte und mir die ganze Zeit seine Reisetasche in den Rücken gerammt hat.“

„Oje, das tut mir leid“, sagte Isabella mit einem Lächeln auf den Lippen, während sie sich eine ihrer ungebändigten Locken hinters Ohr schob, die während des Gerennes aus ihrem Chignon gefallen war. Sie bereute es, nicht noch einmal schnell auf die Toilette verschwunden zu sein, bevor sie sich angestellt hatte. Sie ahnte, wie zerzaust sie in diesem Moment aussah. Verlegen fischte sie in ihrer Tasche nach ihrem Schminkspiegel. Als sie merkte, dass er nicht in dem für ihn vorgesehenen Fach war, sondern es irgendwie geschafft hatte, ganz nach unten zu rutschen, hätte sie ihre Tasche am liebsten ausgekippt.

Der Blick ihres Sitznachbarn fiel auf das Buchcover eines Thrillers, den sie aus ihrer Tasche nahm, um an ihren Schminkspiegel zu gelangen. „Mein Gott! Ist das der neue Roman von Jonathan Jacobs? Ich warte schon seit Ewigkeiten darauf!“

„Oh!“ Isabella errötete leicht. „Jonathan ist mein Bruder. Der Titel ist bisher nur in Kanada auf dem Markt. Er hat mir vorab ein Exemplar geschickt, bevor ich nach Tokio geflogen bin.“

Jonathan Jacobs war ein renommierter irisch-kanadischer Thrillerautor, dessen Bücher in Montréal spielten. Der Titel, den Isabella in der Hand hielt, war sein sechsundzwanzigster Roman, den er vor Kurzem veröffentlicht hatte. Sie konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen.

Nun errötete ihr Sitznachbar und geriet etwas ins Stottern. „Wo bleiben nur meine Manieren! Bitte verzeih mir. Mein Name ist Kim Jong-suk. Es ist mir eine Ehre, neben der Schwester eines so talentierten Mannes zu sitzen. Bist du auch so kreativ wie dein Bruder? Ich liebe seine Bücher!“

„Isabella Jacobs und nein. Leider bin ich nicht einmal halb so begabt wie mein Bruder – oder meine Schwägerin Charlotte.“ Sie reichte ihm den neuen Roman ihres Bruders und griff nach dem zweiten Buch in ihrer Tasche. „Vielleicht hast du schon einmal von ihr gehört?“ Jong-suk begutachtete das Cover des historischen Liebesromans, den Isabella in der Hand hielt.

„Charlotte Azoulay … hm …“ Jong-suk nahm ein Brillenetui aus seiner Laptoptasche und setzte seine Lesebrille auf. „Ich habe ihren Namen schon ein paarmal in Interviews gehört, die dein Bruder für verschiedene Zeitschriften gegeben hat.“ Er drehte das Buch um und studierte den Klappentext.

„Sie schreibt historische Liebesromane, die in Montréal spielen. Primär in den 1930ern und 1940ern.“

Geduldig wartete Isabella, bis Jong-suk fertig war und zu ihr aufsah. „Die Geschichte klingt wirklich interessant. Darf ich mir eines der Bücher von dir ausleihen? Ich schlafe nicht gerne im Flugzeug und lese relativ schnell. Bis Dublin bin ich bestimmt fertig.“

Isabella wurde ganz flau im Magen. „Natürlich! Such dir einen Titel aus.“

„Welchen würdest du gerne zuerst lesen?“, fragte er sie, nachdem er festgestellt hatte, dass sie noch mit keinem angefangen hatte.

Am liebsten hätte sie den Namen ihres Bruders geschrien, doch wollte sie Jong-suk den Vortritt lassen. Sie war auf ihrer Reise nach Tokio viel zu nervös gewesen, um sich aufs Lesen zu konzentrieren und hatte es vorgezogen, sich eine chinesische Serie anzuschauen. „Vielleicht solltest du mit Jonathans Buch anfangen. Ich weiß nicht, wann es außerhalb von Kanada verfügbar sein wird und wie einfach du es dann bestellen kannst … Woher kommst du eigentlich?“ Isabella lächelte ihn freundlich an.

„Ich lebe ihn Seoul. Mein Vater stammt aus Südkorea, ich selbst bin in London auf die Welt gekommen und in einem englischen Internat groß geworden.“

„Deswegen der britische Akzent.“

Ihr Kommentar ließ ihn erröten. „Genau. Nachdem ich meinem Abschluss in Harrow gemacht hatte, bin ich nach Seoul gezogen, um an der Seoul National University zu studieren. Das ist jetzt auch schon bald zwanzig Jahre her … Man glaubt es kaum.“

„Harrow? Mein Schwager ist dort in die Schule gegangen. Kennst du einen Christopher Robinson?“ Neugierig sah Isabella ihn von der Seite an.

„Ist er Alexanders Bruder?“, fragte Jong-suk.

„Nein. Sein Bruder heißt Timothy“, antwortete sie.

„Dann ist es ein und derselbe“, lachte er auf. „Alexander Timothy Robinson. Gut zu wissen, dass er seinen Mittelnamen verwendet. Was der aufgeführt hat, als wir jung waren, das willst du gar nicht wissen.“

„Wie klein die Welt doch ist“, kommentierte Isabella.

„Wie geht es Chris und Alex? Oder Timothy, wie er genannt werden will.“

„Gut. Chris ist mit meiner Schwester Tabitha verheiratet. Sie leben in Kensington und haben zwei bezaubernde Töchter. Emily und Sophie.“ Isabella holte ihr Smartphone, das sich seit Tokio im Flugmodus befand, aus ihrer Tasche und zeigte ihm ein paar Bilder von der Familie ihrer Schwester. „Timothy ist der Lieblingsonkel meiner Nichten! Was der mit ihnen veranstaltet … Du kennst ihn sicher besser als ich.“

Jong-suk grinste. „Ich kann mir gut vorstellen, warum er ihr Lieblingsonkel ist. Wie alt sind die Kleinen?“

„Drei und sechs. Mir kommt es noch immer so vor, als ob Emily erst gestern auf die Welt gekommen ist und dabei ist sie schon drei! Ich komme mir gerade ziemlich alt vor“, seufzte Isabella.

„Wie alt bist du?“, hakte er nach.

„Fünfunddreißig. Und du?“

„Wirklich? Ich hätte dich jünger geschätzt. Ich bin genauso alt wie Timothy, siebenunddreißig.“

„Du siehst aus wie fünfundzwanzig“, lachte Isabella auf.

„Was soll ich sagen, die Gene meines Vaters“, schmunzelte er.

„Kommt deine Mutter auch aus Südkorea?“

Jong-suk verneinte mit einem Kopfschütteln. „Sie ist Europäerin. Wir … wir stehen uns nicht sonderlich nah“, räusperte sich Isabellas Sitznachbar.

Sie verstand, dass er nicht über seine Familie sprechen wollte, und blickte nervös auf ihren Ring. Der Rubin war ein Erbstück vonseiten ihres Vaters.

„Hast du noch mehr Geschwister, außer dem berühmten Jonathan und Tabitha?“, wollte Jong-suk von seiner Sitznachbarin wissen, als er merkte, dass ihr seine Reaktion auf die Frage nach seiner Mutter etwas unangenehm war.

„Ja! Wir sind zu fünft!“, strahlte Isabella. „Ich bin die Jüngste.“

„Fünf?“ Jong-suk riss die Augen auf. Er konnte sich nicht vorstellen, fünf Geschwister zu haben. Ihm reichte bereits sein Bruder.

Isabella lachte. „Ja! Jonathan ist der Älteste. Danach kommt meine älteste Schwester Beatrice, dann David, Tabitha und zu guter Letzt ich.“

„Lebt ihr alle bis auf Jonathan und Tabitha in Dublin?“, fragte er nach.

„Leider nicht … Wie du bereits weißt, lebt Jonathan mit seiner Familie in Montréal. Charlotte wollte, dass ihre Kinder in der Nähe ihrer Familie aufwachsen. Sie sind auch zu fünft und sie hat dort elf oder zwölf Nichten und Neffen. Dublin hat ihr leider nie sonderlich gefallen. Beatrice und ich sind die Einzigen in Irland. Sie ist mit einem Spanier verheiratet, der ein Restaurant in Dublin 2 hat. Es ist nach ihm benannt, Adrián. Sein Essen ist wirklich wundervoll und ich sag das nicht nur, weil er mein Schwager ist. Du solltest es definitiv besuchen! Ojemine, ich weiß gar nicht mal, ob du in Dublin bleiben wirst oder ob es für dich noch weitergeht!“

„Keine Sorge. Ich bleibe eine Weile in Dublin. Und wo lebt … David, richtig?“

„Ja“, bestätigte sie. „Er lebt mit seiner Frau Salomé und ihren Kindern Arielle und Gabriel in Straßburg.“

„Straßburg soll eine wunderschöne Stadt sein, ich habe es leider noch nie dorthin geschafft“, offenbarte Jong-suk.

„Sie sieht aus wie aus einem Bilderbuch, das im Mittelalter spielt. Du solltest sie definitiv besuchen, solange du in Europa bist. Von Dublin gibt es leider keine Direktflüge dorthin, aber was ich gerne mache, ist, nach Paris zu fliegen und dann den TGV in den Osten zu nehmen.“ Isabella wusste selbst nicht so genau, warum sie auf einmal so viel plapperte und war erleichtert, als eine Flugbegleiterin sie unterbrach.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, fragte sie zuerst Isabella, die ein Wasser bestellte, ehe Jong-suk seine Bestellung in Mandarin mit Pekinger Dialekt aufgab.

„Du sprichst Mandarin?“ Beeindruckt blickte Isabella zu ihm hinüber.

Jong-suk errötete. „Ja. Ich habe Mandarin als Fremdsprache während meiner Zeit an der SNU belegt und meine Sommer an der Tsinghua Universität in Peking verbracht.“

„Was hast du studiert?“, fragte ihn Isabella neugierig.

„Meinen Bachelor habe ich in ‚Koreanische Sprache und Literatur‘ gemacht, meinen Master in ‚Koreanischer Sprachunterricht für Ausländer‘ und meinen Doktor in ‚Bildungspolitik und Management‘.“ Jong-suk kam sich vor wie bei einem Vorstellungsgespräch. „Aber genug von mir, erzähl mir lieber, was du machst.“

„Beeindruckend. Sehr beeindruckend!“, lächelte Isabella. „Ich komme mir gerade irgendwie ziemlich ungebildet neben dir vor.“

Jong-suk wurde rot. „Bitte nicht, liebe Isabella. Bella. Darf ich dich Bella nennen?“

„Gerne!“, strahlte sie ihn an. „Meine Brüder nennen mich gerne Izzy, um mich zu ärgern“, offenbarte Isabella mit einem tiefen Seufzen.

„Mir gefällt Bella wesentlich besser“, lächelte Jong-suk sie aufmunternd an.

Nun war es Isabella, die abermals errötete. Sie verstand selbst nicht, was heute mit ihr los war. Sonst war sie auch nicht so schüchtern.

„Also, Bella. Erzähl mir von deiner Berufung!“

„Ich habe ein kleines Macarons-Geschäft in Blackrock, in der Nähe von Dublin.“

Isabella erzählte ihm, wie sie nach ihrem Gymnasialabschluss ins erste Flugzeug nach Paris gestiegen war, um bei Ferrandi ihren Bachelor in ‘Culinary Arts and Entrepreneurship‘ zu machen, und mehrere Jahre in Frankreich unter den besten Konditoren gelernt hatte. Nachdem sie in Paris mehrere Diplome erworben hatte, entschied sie sich, zurück nach Irland zu ziehen, um näher bei ihren Eltern und ihrer Schwester Beatrice zu sein, denen sie sehr nahestand.

„Ich habe meinen Geschäftspartner in Dublin kennengelernt, während ich meinen Master machte. Er hat übrigens denselben Nachnamen wie du“, stellte Isabella fest.

„Es gibt ein paar mehr Kims in der Welt als Jacobs, nehme ich an. Obwohl? Vielleicht gibt es mehr von euch als von uns?“, scherzte Jong-suk.

„Manchmal gefällt es mir, einen weitverbreiteten Nachnamen zu haben“, gestand Isabella. „Man kommt sich etwas anonymer vor, als wenn es nur eine einzige Familie mit demselben Nachnamen auf einer Insel wie Irland gäbe.“

„Da hast du recht, Bella. Wobei es mir lieber wäre, einen seltenen Nachnamen zu haben, damit mich nicht jeder Kim danach fragt, welchem Clan meine Familie angehört“, seufzte er.

„Fliegst du eigentlich nach Irland, um dort Urlaub zu machen oder ist es eine Geschäftsreise?“, fragte Isabella ihn. Er war viel zu elegant gekleidet in seinem cremefarbenen GANT-Pullover und seiner Stoffhose, um einfach nur Urlaub in Dublin zu machen, und die Laptoptasche sah viel zu professionell aus.

„Hm … ich würde sagen, beides. Eine südkoreanische Familie hat mich damit beauftragt, die geeignete Location für ein Event zu finden“, verriet Jong-suk.

„Du bist nicht im Bildungsbereich tätig?“, fragte Isabella nach.

Er schüttelte den Kopf. „Ich arbeite im Eventmanagement. Nach der Uni brauchte ich eine Abwechslung. Wie bist du eigentlich darauf gekommen, dich auf Macarons zu spezialisieren? Die Menschen in Seoul lieben sie!“

Isabella erzählte ihm lang und breit, wie sehr sie es liebte, Macarons zu machen und dass es eine Kunst für sich war, sie jedes Mal perfekt hinzubekommen. Und wenn hin und wieder etwas schiefging, machte sie einfach eine neue Ladung. Sie liebte es, mit Füllungen und Mustern zu experimentieren. Je delikater, umso größer die Herausforderung und Isabella stellte sich gerne jeder Herausforderung. Sie erzählte Jong-suk sogar, wie lange es gedauert hatte, bis sie ihre ersten nahezu perfekten Macarons hinbekommen hatte, und wie einer ihrer Mentoren beeindruckt war, dass sie als eine der wenigen nicht mitten im Kurs aufgegeben hatte.

Abermals war es ein Crewmitglied, das Isabella unterbrach. „Ihr Essen kommt gleich, Ms Jacobs! Meine Kollegin bringt es Ihnen in einem Moment.“ Nun wandte sich der junge Mann an Jong-suk: „Was darf ich Ihnen zum Essen anbieten?“

„Das Rindfleisch, bitte!“, antwortete Jong-suk, der einen schnellen Blick in die Karte geworfen hatte.

„Gerne.“ Der Flugbegleiter reichte ihm ein überfülltes Tablett. Isabella war erstaunt, wie gut alles aussah, und konnte kaum erwarten, ihr eigenes Essen zu bekommen. Jong-suk hatte einen Kartoffelsalat mit Shrimps vor sich stehen, einen kleinen Teller mit einem Weißbrotbrötchen und Butter, als Hauptspeise Nudeln mit Rinderstreifen, Brokkoli und Karotten mit einer schwarzen Pfeffersauce, und als Nachspeise eine Art Käsekuchen. Dazu wurde sowohl Wasser als auch Tee serviert.

Nur wenig später kam die Kollegin des Flugbegleiters auf ihre Reihe zu und reichte Isabella ihr eigenes Essen. Sie selbst hatte einen Gurkensalat, einen Obstsalat und Gemüsereis mit geräuchertem Tofu in einer Honigsoße vor sich stehen. Dazu ein Vollkornbrötchen mit Margarine, Wasser und, wie ihr Sitznachbar auch, einen grünen Tee.

„Du bist Vegetarierin?“, fragte Jong-suk.

Isabella verneinte mit einem Kopfschütteln. „Ich bin Jüdin. Leider konnte ich von Peking nach Dublin kein koscheres Essen vorbestellen, sodass ich gezwungen war, etwas Vegetarisches zu wählen das auch laktosefrei ist.“ Sie gab ihm einen kleinen Überblick darüber, was es bedeutete, sich an koschere Speiseregeln zu halten. Primär, dass man kein Schweinefleisch aß, keine Meeresfrüchte konsumierte, nur bestimmte Fische essen konnte, und auch Fleisch mit Milchprodukten nicht mischen durfte. Isabella fand es nicht notwendig, weiter ins Detail zu gehen. Schließlich wollte sie Jong-suk nicht langweilen und auch nicht unbedingt über die koschere Schlachtung von Tieren sprechen, bevor sie mit dem Essen begannen. Außerdem war sie sich sicher, ihn nicht mehr wiederzusehen, sobald sie sich in Dublin nach ihrer Landung voneinander verabschiedet hätten. Sie wollte ihn nicht schon Stunden vor ihrer Landung abschrecken und sich noch ein wenig mit ihm unterhalten.

„Interessant. Heißt das, dass du religiös bist?“

„Überhaupt nicht. Ich mache es nur aus Gewohnheit. ‚Tradition‘ ist vielleicht das bessere Wort? Meine Eltern gehen zwar regelmäßig – was nicht unbedingt wöchentlich bedeutet – in die Synagoge, aber wir Kinder durften immer machen, was wir wollten. Jonathan und Charlotte gehören beispielsweise einer humanistischen Synagoge in Montréal an, Beatrice und Adrián gehen nur zu den Hohen Feiertagen zum Gottesdienst, und David und Salomé gehören mit ihren Kindern einer modern-orthodoxen marokkanischen Synagoge in Straßburg an. Er hat sogar ihren Nachnamen angenommen, weil er nicht wollte, dass seine Kinder in der jüdischen Schule als Jacobs auffallen und womöglich ihr Leben lang als Ausländer gelten. Du kennst die Familie Robinson vermutlich besser als ich und weißt, dass Chris Anglikaner ist. Tabitha und er führen eine interkonfessionelle Ehe und erziehen die Mädchen sowohl mit jüdischen als auch mit christlichen Feiertagen. Laut jüdischem Recht sind sie Jüdinnen. Ob sie sich später für einen Glauben entscheiden werden oder weiterhin beides zelebrieren, wird ihre eigene Entscheidung sein. Tabitha und Chris sind ziemlich locker, was die ganze Sache angeht. Wesentlich liberaler als seine Eltern. Sie wollten unbedingt, dass sie die Mädchen taufen, doch Chris hat sich von Anfang an geweigert und ist stur geblieben.“

„Die Robinsons waren schon damals dafür bekannt, etwas konservativer zu sein“, fügte Jong-suk hinzu. „Alex, oder Timothy, war damals schon eine Herausforderung für sie. Mich überrascht es nicht, dass Chris gelernt hat, stur zu bleiben und seinen Willen durchzusetzen.“

„Ich kann mir die beiden schlecht als Kinder und Jugendliche vorstellen.“

„Um ehrlich zu sein, hast du nicht sonderlich viel verpasst“, kommentierte Jong-suk trocken, was Isabella zum Schmunzeln brachte.

„Meine Brüder waren auch nicht gerade harmlos, aber so viel Energie wie Timothy heute hat, hatten sie nicht einmal als Kinder!“

„Willst du raten, wie häufig der Vikar Timothy aus der Kirche geschmissen hat, weil er einfach nicht stillsitzen konnte?“ Jong-suk lächelte und führte seine Gabel zum Mund.

„Kann ich es an zwei Händen abzählen?“, scherzte Isabella.

„Rev. Hamilton hat mehrfach damit gedroht, die Kirche zu verlassen, weil er ihm zu lebhaft war und er ihn jedes einzelne Mal der Kirche verweisen musste!“

Während des Essens erzählte ihr Jong-suk von seiner Zeit im Internat und wie gut es ihm dort im Großen und Ganzen gefallen hatte, auch wenn er seine Eltern oft vermisst hatte. Vor allem seinen Vater, der ihm schon immer etwas näher gestanden hatte als seine Mutter. Auf die Frage, warum sie ihn ins Internat geschickt hatten, erklärte er ihr, dass die Berufe seiner Eltern sie kreuz und quer durch die ganze Welt geschickt hatten und sie ihm die ständigen Umzüge nicht hatten antun wollen. Als sie sich in ihrer heutigen Heimat niedergelassen hatten, hatten sie sich dazu entschlossen, ihn nicht aus dem Internat und seiner gewohnten Umgebung zu reißen; er hatte Freunde, mochte seinen Lehrer, genoss die Schule in vollen Zügen. Ihm gefiel sogar der religiöse Aspekt. Vor allem der anglikanische. Seine Familie sei katholisch, erklärte er Isabella, die gespannt zuhörte. Es faszinierte sie, wie viele Religionen man in Südkorea vorfand und sie war überrascht zu hören, dass es auch eine kleine jüdische Gemeinde gab.

„Du hast vorhin erwähnt, dass du in Tokio warst?“ Jong-suk war von dem Käsekuchen begeistert. Er reiste viel, doch hatte er noch keinen so guten Kuchen in einem Flugzeug gegessen. Für einen Moment überlegte er, ob es vielleicht mit seiner Sitznachbarin zusammenhing, verwarf den Gedanken jedoch genauso schnell, wie er gekommen war.

„Erinnere mich bloß nicht daran …“, seufzte Isabella.

Jong-suk lächelte sie aufmunternd an. „So schlimm?“

„Schlimmer. Die Stadt kann nichts dafür, das Land genauso wenig. Außerdem war es einfach für mich, etwas zu essen zu finden, was nicht immer leicht ist, wenn man koscher lebt. Nein, es hängt vielmehr mit der Person zusammen, für die ich nach Tokio geflogen bin … Das ist falsch. Die Person, für die ich geflogen bin, ist mein Geschäftspartner Daniel, das Problem war seine Verlobte“, seufzte sie abermals.

„Willst du darüber sprechen, Bella?“, fragte Jong-suk seine Sitznachbarin. „Du machst einen gestressten, wenn nicht gar wütenden Eindruck auf mich, vielleicht würde es dir guttun.“

Isabella lachte und aß ihren Obstsalat auf, ehe sie die Gabel zur Seite legte. „Die Dinge, die man einem Fremden im Flugzeug erzählt, den man nie wiedersehen wird …“

Damit Jong-suk die Geschichte besser verstehen und nachvollziehen konnte, fing sie am Anfang an, als Daniel den Sommer in Paris verbracht hatte, um sein Repertoire zu erweitern. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits ihr gemeinsames Geschäft und überlegten, ihr Angebot zu erweitern. Letztendlich hatten sie sich dagegen entschieden.

Eines Tages hatte Daniel eine Nachricht von Ayako in seiner Dating-App vorgefunden. Ihr gefiele sein Profil und sie wolle sich mit ihm noch am selben Abend auf einen Cocktail treffen. Panisch rief er Isabella via Videotelefonie an und las ihr die Nachricht vor. Sie antwortete ihm lediglich, dass er zusagen solle, wo sie ihm doch so gut gefiel und nett klang. Was sie in ihr Profil geschrieben hatte, kam ihr normal vor. Daniel jammerte sie noch eine gute Stunde voll, dass ihm Ayako viel zu attraktiv vorkam, um Interesse an ihm zu haben. Isabella ermutigte ihn, einfach Ja zu sagen und sich mit ihr zu treffen. Sie musste ihre Macarons jede Minute aus dem Ofen nehmen und hatte einfach keine Zeit mehr, sich sein Gejammere anzuhören.

„Lebte Ayako damals in Paris?“, fragte Jong-suk, während sie einen Schluck Wasser trank.

Isabella erklärte ihm, dass sie so getan hätte als ob. Jedoch letztendlich erwähnt hatte, dass sie im Urlaub war. Während sie sich mehrfach mit Daniel getroffen hatte, hatte sie ihren Flug mehrmals umgebucht mit der Erklärung, dass sie wahnsinnige Flugangst hätte. Daniel war blind vor Vernarrtheit und hatte ihr geglaubt, dass sie nur fliegen konnte, wenn ihr danach war. Er hatte es nicht weiter hinterfragt. So geschah es, dass die beiden fast drei Monate miteinander in Paris verbracht hatten.

„Spricht sie Englisch oder Französisch, sodass sie keine Sprachbarriere haben?“, warf Jong-suk ein.

„Er hat damals erwähnt, dass sie sich kaum haben unterhalten können und er viel hat wiederholen müssen. Ich fand das damals schon eigenartig. Angeblich hat sie Spanisch studiert. Ich spreche Französisch und kann verstehen, wenn mein Schwager Adrián mit seinen Eltern in Madrid spricht. Nicht jedes Wort, aber genug, um zu verstehen worum es geht!“

Isabella erzählte weiter, dass Daniel dreimal in Japan war, um sie zu besuchen, nachdem sie sich aufgrund ihrer massiven Flugangst geweigert hatte, nach Europa zu fliegen. Ein einziges Mal hatte er sie dazu überreden können, ihn in Dublin zu besuchen. Sie erwähnte, wie er Ayako das Flugticket zum Geburtstag geschenkt hatte, damit sie ihn und seine Eltern über Weihnachten in Dublin besuchen würde. Sie hatte mehrfach darauf gedrängt, dass er mit seinen Eltern nach Japan kommen sollte, doch weigerte sich sein Vater, einen Fuß auf japanischen Boden zu setzen, und Daniels irische Mutter war auch nicht sonderlich begeistert davon, ins Flugzeug steigen zu müssen, um die Freundin ihres Sohnes kennenzulernen.

„Du hast vorhin erwähnt, dass dein Geschäftspartner auch Kim heißt – ich vermute, dass sein Vater eventuell zu den Südkoreanern gehört, die Japan nie besuchen werden und auch ihre Kinder dahingehend erzogen haben. Mich überrascht, dass Daniel so häufig in Japan gewesen ist.“

„Bei seinem letzten Besuch hat er sich, wie er es bezeichnet, aus Versehen mit Ayako verlobt.“

Jong-suk blickte sie neugierig von der Seite an. „Wie, aus Versehen?“

„Sie waren spazieren und es sind ständig irgendwelche Familien an ihnen vorbeigegangen und sie hat ihn wohl gefragt, ob er das irgendwann auch haben wollte, und als sie dann zu ihren Eltern zum Abendessen gegangen sind, hat sie auf Japanisch verkündet, dass sie sich auf ihrem Spaziergang miteinander verlobt hätten! Die Mutter hat ihm daraufhin auf Englisch ihre Glückwünsche ausgesprochen und ist im Nebenzimmer verschwunden, um ihren Sohn und ihre Schwiegertochter anzurufen, um ihnen die freudige Nachricht zu verkünden, dass ihre fast vierzigjährige Tochter sich endlich verlobt hat. Laut Daniel war sogar der Vater glücklich darüber, obwohl Daniel kein Japaner ist.“

Jong-suk schüttelte den Kopf. „Eine eigenartige Geschichte. Warum hat er die Verlobung seitdem nicht gelöst?“

„Das ist alles eine Woche vor der Pandemie passiert und er hatte gehofft, dass sie sich von ihm trennen würde, als sämtliche Staaten in den Lockdown gingen. Daniel kann nicht der Böse sein! Er erträgt es nicht. Es ist alles ziemlich eigenartig. Er hat sogar versucht, sie einen Monat lang zu ignorieren, doch es war ihr egal! Sie hat geduldig auf ihn gewartet.“

„Hast du sie getroffen, als sie in Dublin war?“

Isabella seufzte. „Ja. Sie war ziemlich besitzergreifend und hat mir dauernd böse Blicke zugeworfen, kaum hat er sich einen Moment von mir abgewandt. Als er ihr unser Geschäft gezeigt hat, hat sie wie eine Zweijährige gequietscht. Bis er sich wegdrehte und sie die Nase rümpfte. Ich bin mir richtig schäbig vorgekommen.“

„Warum bist du nach Tokio geflogen, Bella, wenn sie so einen schwierigen Charakter hat?“, wollte Jong-suk wissen.

„Ach, Jong-suk, Daniel hat mich bereits, als sie in Dublin war, darum gebeten, mich mit ihr anzufreunden, weil er es nicht geschafft hatte, herauszufinden, ob sie unintelligent war oder ihm einfach nur etwas vorspielte. Ayako kam ihm damals zu fügsam vor. Sie hat etwas gespielt Naives an sich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sie sehr kalkulierend ist“, seufzte Isabella. „Sie hat mich auch jetzt in ihrem gebrochenen Englisch gefragt, ob er das Geschäft aufgeben wird, sobald sie verheiratet sind. Ich bin mir sicher, dass ihr gebrochenes Englisch nur gespielt ist. Ich habe vorhin vergessen zu erwähnen, dass Daniel sogar mehrfach versucht hat, nach Tokio zu ziehen, seit sie sich verlobt haben, damit er sie nicht heiraten muss! Sie hat es sich jedoch in den Kopf gesetzt, nach Europa zu ziehen. Ich habe zwar nicht verstanden, was genau sie die paar Male zu ihrer Schwägerin gesagt hat, während ich in Tokio war, aber es hatte den Anschein, dass sie versuchte, mit ihr zu konkurrieren. Was einfach nur lächerlich ist. Ichiko ist so eine liebenswerte Person! Sie war die Einzige in unserem Alter, die sich mit mir unterhalten hat, während ich dort war.“

Jong-suk hatte einen neutralen Gesichtsausdruck, als er Isabella fragte, was sie damit meinte. Sie konnte nicht ahnen, wie es in ihm aussah. Er konnte sich bereits gut vorstellen, was vorgefallen war, und ertrug diese Art Menschen nicht.

„Daniel hat mich nicht nur hingeschickt, um herauszufinden, wie sie tickt, wenn sie mit ihren Freunden oder ihrer Schwägerin zusammen ist, und um unsere Freundschaft zu zementieren, sondern ihr dabei zu helfen, ein Brautkleid zu finden. Ichiko hat mir gegenüber erwähnt, dass Ayako zwei ihrer Freundinnen zur Suche nach dem passenden Kleid eingeladen hatte, als sie mich von meinem Hotel abholte. Alle genauso bissig wie sie. Ich war überrascht, dass Ichiko so frei mit mir gesprochen hat. Ich hatte immer den Eindruck, dass Japanerinnen zurückhaltender sind als Europäerinnen.“

„Sie wollte dich vorwarnen“, erwiderte Jong-suk mit einem nachdenklichen Nicken.

„Definitiv. Die naive, ach so wortkarge und stets zustimmende Ayako habe ich die ganze Woche über nicht gesehen. Sie hat auch dauernd negativ kommentiert, was Ichiko und ich anhatten! Dafür war ihr Englisch plötzlich gut genug, sobald ihre Freundinnen präsent waren.“

Jong-suk erwähnte, dass es mehr solcher Frauen gab, als sie sich vorstellen konnte. Er vermutete sogar, dass Ayako nur so geduldig auf den Ehering wartete, da Frauen in Japan schon ab fünfundzwanzig als alt galten.

„Weißt du, wie sich Ichiko und Ayakos Bruder kennengelernt haben?“, fragte er nach.

„Über irgendeine Agentur.“

„Heiratsagenturen gibt es wie Sand am Meer in Japan. Ich weiß nicht, ob du mit dem Konzept vertraut bist.“

Isabella nickte. „Ich habe mehrere Artikel darüber gelesen. Mich hat es nicht überrascht, als Ichiko es erwähnte.“

Auf Jong-suks Frage, wie Ayakos Eltern waren, konnte sie nur antworten, dass die Mutter eine warmherzige Person sei. Mit dem Vater hatte sie zu wenig gesprochen und Ayakos Bruder Daichi hatte sie nur zwischen Tür und Angel gesehen, und das für nicht einmal fünf Minuten. Das einzige gemeinsame Abendessen hatte auch nicht viel länger gedauert, da er den Tisch frühzeitig verlassen hatte.

Jong-suk bot ihr eine Tüte Süßigkeiten an, die er noch vor seinem Abflug in Incheon gekauft hatte. Seit er Isabella kennengelernt hatte, dachte er nicht mehr daran, wie viel lieber er in Seoul geblieben wäre, als nach Europa zu fliegen. „Was hast du vor, Daniel zu sagen, wenn du ihn siehst?“

„Was sich zugetragen hat. Bis ins kleinste Detail. Warum sollte ich ihn anlügen? Immerhin hat er mich dazu überredet hinzufliegen. Das Problem wird nur sein, dass er mir zwar glauben, aber trotzdem vehement abstreiten wird, was ich ihm zu sagen habe. Er versucht, sich seit Ewigkeiten einzureden, dass sie einfach nur zurückhaltend ist und ich mir alles einbilde und sie permanent missverstehe, nur um sich keine fünf Minuten später wieder bei mir zu beschweren, dass er nichts mit ihr diskutieren oder gar streiten kann. Er braucht diese Art Stimulation. Wenn du mich fragst, wird er sich noch wundern, wie schnell sich ihr Charakter ändern wird, sobald sie einen Ehering am Ringfinger trägt. Lange wird sie ihr Spiel nicht spielen können. Das kann ich mir zumindest nicht vorstellen, nach dem, was ich in Tokio gesehen habe.“

„Wann kommt Ayako eigentlich nach Irland?“, fragte sie Jong-suk.

„Ich habe keine Ahnung. Einerseits spricht sie die ganze Zeit davon, am 1. Juni zu heiraten, andererseits ist noch gar nichts geplant! Es ist Hochzeitssaison und der 1. wird ein Sonntag sein. Ichiko hat gewagt, es bei einem Abendessen zu erwähnen, und Ayako hatte einen Tobsuchtsanfall! Daichi hat daraufhin seine Frau und seine Tochter Yuna aufgefordert, vom Esstisch aufzustehen und sich von den Großeltern zu verabschieden. Sie haben Japanisch miteinander gesprochen, sodass ich nichts verstehen konnte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie unangenehm mir alles war.“

„Es tut mir leid, dass du so etwas hast miterleben müssen. Menschen, die ihre Emotionen nicht unter Kontrolle haben, sind energieraubend. Ich stimme dir zu, Bella, als du gesagt hast, dass du dir nicht vorstellen kannst, dass sie ihr wahres Ich lange vor deinem Geschäftspartner wird verstecken können. Schon gar nicht, wenn sie zusammenleben!“

„Das habe ich dir noch gar nicht erzählt … Ayako möchte unbedingt am Meer wohnen. Sie hat Daniel über die letzten Monate hinweg Immobilienannoncen gemailt. Eine teurer als die andere. Eine Wohnung kommt anscheinend nicht infrage. Sie will unbedingt ein Stadthaus in Sandymount, Blackrock, Dún Laoghaire, Sandycove, Killiney oder Dalkey. Die teureren Gegenden in diesem Gebiet. Daniel könnte sich diese nicht einmal mit der Hilfe seiner Eltern leisten … “ Für einen Moment schweiften Isabellas Gedanken ab. Nur ungern dachte sie an den Streit zurück, den sie über die Weihnachtsfeiertage mit Daniel gehabt hatte, als sie gewagt hatte, zu erwähnen, dass er mit einem Hauskauf warten solle, bis sie verheiratet waren und sie auch ein Einkommen vorweisen konnte. Er hatte sie damals wie eine Furie in seinem Elternhaus angeschrien, als sie alleine waren, dass er nie einen Cent von Ayako annehmen würde, weil er nicht wollte, dass sie ihr Erspartes oder ihr Gehalt in eine Immobilie in Irland steckte. Er war bereit dazu, sie als Miteigentümerin einzutragen, wollte aber, dass sie jederzeit gehen konnte, sollte sie die Nase voll von einem Leben mit ihm haben. Isabella wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, und just in dem Moment, als sie wortlos die Küche verließ, kamen seine Eltern von irgendeiner Konfirmationsfeier zurück.

Jong-suk unterbrach ihren Gedankenfluss. „Helfen ihm seine Eltern etwa?“

Isabella nickte. „Sein Vater. Daniel hat mir vor einer Weile erzählt, dass sein Vater Aktionär im Softwareunternehmen seines eigenen Vaters in Südkorea ist und jährliche Zahlungen bekommt. Er selbst weiß nicht, wie viel, war sich jedoch sicher, dass es für eine Anzahlung reichen würde, um Ayako ein Haus in ihrer Traumgegend zu kaufen. Also hat er ihn um ein Darlehen gebeten. Das wollte sein Vater jedoch nicht und hat ihm eine Summe ausgezahlt, die er für adäquat hielt. Nicht zu viel und nicht zu wenig.“

„Wie sagt ihr Jiddisch sprechenden Juden so schön … Daniel hat Chuzpe! Er ist ziemlich dreist, wenn er seinen Vater um Geld anbettelt.“

„Sein Vater hat Mitschuld, wenn du mich fragst. Auch wenn er selbst keinen großen Wert auf Materielles legt, heißt das noch lange nicht, dass er seine Kinder finanzieren muss. Ich vermute ja, dass er nicht wollte, dass sein Sohn in einer zu schlechten Gegend landet. Na ja, vielleicht sollte ich einfach nur froh sein, dass ich mir dieses Gejammere nicht mehr anhören muss“, seufzte Isabella.

„Weil Daniel schon etwas gefunden hat?“ Jong-suk nahm eine weitere Tüte aus seiner Laptoptasche, die er ihr unter die Nase hielt, sie lehnte jedoch höflich ab.

„Daniel hat ein renovierungsbedürftiges frei stehendes Haus in einer Seitenstraße zum Meer in Bray gekauft. Es sieht von außen gar nicht mal so schlecht aus, aber mir dreht es jetzt noch den Magen um, wenn ich an das Interieur denke. Das Haus ist immerhin nicht so weit weg von Bray Head. Ein schönes Wandergebiet! Unter der Woche ist es ziemlich ruhig dort, am Wochenende eher weniger. Bray steht zwar nicht ganz oben auf meiner eigenen Liste, aber gut, ich wollte es ihm jetzt auch nicht ausreden. Schließlich müssen sie irgendwo leben und Bray ist immerhin einen Tick besser als der Norden Dublins und die nördlichen Küstenorte.“

Isabella wurde müde und gähnte. „Ich denke, ich sollte ein wenig schlafen.“ Jong-suk reichte ihr die verpackte Decke und den Polster, der ihr auf den Boden gerutscht war, damit sie es sich bequem machen konnte. Im Kulturbeutel, den sie zuvor in ihre Tasche gesteckt hatte, fand sie Ohrstöpsel, eine Schlafmaske, Zahnpaste und eine Zahnbürste. Sie bat Jong-suk, sie hinauszulassen, damit sie sich die Zähne putzen gehen konnte.

Als Isabella zurückkam, fand sie Jong-suk in ein Buch vertieft vor. Sie hatte ihn im ersten Moment mit seiner Lesebrille kaum erkannt. Das Design verlieh ihm unter der schwachen Leselampe einen intellektuellen Anstrich. Als er sie neben sich stehen spürte, stand er einen Moment auf und lies sie hinein, ehe er sich wieder anschnallte und das Buch an der Stelle aufschlug, an der er aufgehört hatte.

„Stört dich das Licht?“, flüsterte ihr Jong-suk zu, als er vom neuesten Thriller ihres Bruders aufsah.

„Überhaupt nicht, Jong-suk! Ich schlafe im Flugzeug immer mit einer Schlafmaske“, lächelte Isabella. „Wie ist das Buch?“

Ihr Sitznachbar errötete. „Ich liebe es! Der Stil ist einzigartig. Er ist ein wahrlich talentierter Mann. Ich bin vermutlich der größte Fan deines Bruders in Südkorea.“ Ein sanftes Lächeln fand den Weg auf seine Lippen.

Isabella strahlte. „Das freut mich zu hören. Ich werde es ihm ausrichten.“ Sie machte es sich bequem, um so gut wie möglich schlafen zu können. Bevor sie die Schlafmaske aufsetzte, stupste Isabella ihren Sitznachbarn an.

„Hm?“ Seine warmen braunen Augen sorgten für ein Kribbeln in ihrem Bauch.

„Du hast vorhin erwähnt, dass du unter anderem koreanische Literatur studiert hast“, räusperte sich Isabella. „Könntest du mir eventuell eine Liste deiner Lieblingstitel zusammenstellen? Ich lese gerne querbeet durch die ganze Welt und habe bisher kaum Bücher gefunden, deren Handlung in Korea spielt.“

„Gerne. Welches Genre wäre dir am liebsten?“, fragte er nach.

„Solange es nicht Fantasy oder Sci-Fi ist, ist mir alles recht.“ Ihm gefiel ihr Lächeln ein wenig zu sehr, sodass er zu seiner Laptoptasche hinuntersah und einen Notizblock aus der Tasche nahm.

„Perfekt. Ich habe da schon ein paar Ideen, die dich interessieren könnten!“, erwiderte Jong-suk.

„Ich kann dir auch gerne meine Nummer oder E-Mail-Adresse geben, damit du mir deine Liste schicken kannst.“ Isabella machte sogar im Halbdunkel einen nervösen Eindruck auf ihn und er versuchte, ein Schmunzeln zu unterdrücken.

„Du kannst gerne meine Nummer und meine E-Mail-Adresse haben, damit wir uns auch nach diesem Flug über Literatur und deinen Geschäftspartner austauschen können“, kommentierte Jong-suk mit einem schüchternen Lächeln. „Übrigens, du und Daniel – war da je irgendetwas zw…?“

Noch bevor er den Satz vollenden konnte, riss Isabella schockiert die Augen auf. „Daniel und ich? Nicht einmal wenn er der letzte Mann auf Erden wäre, würde ich mir sein Gejammere antun! Du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend er ist. Warum fragst du?“

„Pure Neugier“, lachte Jong-suk leise auf, um die anderen Reisenden nicht zu stören. „Schließlich wollen wir keine seitenlangen E-Mails darüber austauschen, wie grauenhaft es für dich ist, dass er Ayako heiratet.“ Er zwinkerte ihr spitzbübisch zu. Manchmal kam bei ihm doch der britische Internatsjunge durch.

„Glaubst du etwa, ich sei eifersüchtig auf Ayako? Ich will definitiv nicht die nächste Mrs Kim werden. Obwohl, ich denke nicht, dass sie seinen Namen annehmen wird. Oder ändern Japanerinnen ihren Nachnamen? Daniels Mutter ist Irin und hat ihren abgelegt und den seines Vaters angenommen. In Südkorea macht ihr das nicht, oder?“

Jong-suk verneinte mit einem Kopfschütteln. Frauen behielten ihre Nachnamen.

„Vielleicht sollte ich eher dich fragen, ob du eine eifersüchtige Freundin oder Frau zu Hause sitzen hast, die deine E-Mails liest“, versuchte Isabella, die durchaus neugierig war, zu scherzen. Jong-suk gefiel es, dass er ihre Emotionen auf ihrem Gesicht ablesen konnte.

„Darüber brauchst du dir keine Sorgen machen, Bella.“

„Weil du deine Passwörter mit niemanden teilst?“, fragte seine Sitznachbarin verlegen.

„Weil ich seit der Uni Single bin“, flüsterte ihr Jong-suk zu, während er seinen Blick auf das dritte Kapitel im Buch ihres Bruders schweifen lies.

Peinlich berührt zog sich Isabella die Schlafmaske hinunter und kuschelte sich in den Polster und die von Hainan Airlines bereitgestellte Decke.

„Schlaf gut, Bella.“

OOO

Isabella schlief so tief und fest, dass sie den Snack auf dem Weg nach Dublin verpasste. Erst als die Flugbegleiterin mit ihrem Frühstück auf sie zukam, wurde sie wach.

„Hast du gut geschlafen?“, wollte Jong-suk von ihr wissen.

Isabella nickte, während sie gähnte. „Dauert es noch lange, bis wir landen?“

„Nein, vielleicht etwas mehr als eine Stunde“, beantwortete Jong-suk ihre Frage.

Isabella blickte auf das Tablett, das die Flugbegleiterin vor sie auf den Tisch gestellt hatte. Abermals wartete eine Portion frischer Früchte auf sie, ein Gemüseomelette mit Reis, und ein Brötchen mit Margarine und Marmelade.

Jong-suk hatte ein ähnliches Frühstück vor sich stehen. Nur dass bei seinem noch ein Joghurt dabei war und er anstelle eines Omeletts eine Zucchinifrittata serviert bekommen hatte.

„Dein Bruder ist einfach wundervoll! Sein neues Autorenfoto ist auch top. Wesentlich besser als das vorherige. Ein sehr attraktiver Mann! Er hat eine äußerst feminine Aura, die der Fotograf wunderbar eingefangen hat. Wirklich toll!“

„Du bist schon fertig mit dem Buch?“, verblüfft sah sie zu ihren Sitznachbarn hinüber, dem sein Frühstück sichtlich schmeckte.

„Ja! Ich habe die ganze Zeit über gelesen und das Buch nicht aus den Fingern legen können. Mit dem deiner Schwägerin bin ich auch fast durch. Sie ist ebenso talentiert wie er. Sind ihre Bücher in Irland verfügbar oder muss ich sie online bestellen?“

Isabella war verblüfft von dem, was sie da hörte. „Du hast sein Buch bereits ausgelesen und bist mit ihrem fast fertig?“

„Ich habe dir vorhin gesagt, dass ich im Flugzeug nicht schlafen kann“, kommentierte Jong-suk mit einem Lächeln.

„Ob Charlottes Bücher in Dublin verkauft werden, weiß ich leider nicht. Sie ist bei einem kanadischen Verlag. Du hättest vermutlich größere Chancen in London. Wenn du willst, können wir uns treffen, bevor du zurück nach Hause fliegst und ich gebe dir meine Exemplare.“ Ein schüchternes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Jong-suk errötete leicht „Ich kann dir nicht deine Bücher wegnehmen.“

„Das würdest du nicht, außerdem habe ich es dir angeboten. Es ist überhaupt kein Problem! Ich kann jederzeit neue von ihr bekommen. Oder, wenn es dir lieber ist, kann ich sie bitten, dir welche zu schicken. Dann kann sie sie gleich für dich unterschreiben. Wie lange wirst du in Dublin sein? Von Kanada dauert es für gewöhnlich um die zwei Wochen, bis Pakete hier ankommen.“

„Ich wäre lange genug in Irland“, überlegte er laut.

„Soll ich ihr die Adresse deines Hotels geben?“

„Könnte sie mir die Rechnung schicken und dir die Bücher? Das wäre am einfachsten. Ich werde womöglich nicht die ganze Zeit über in der Stadt sein“, räusperte er sich.

„Kein Problem!“ Der Gedanke, ihn nach ihrer Reise wiederzusehen, brachte sie zum Lächeln.

Nachdem sie gemeinsam gefrühstückt hatten, reichte Jong-suk Isabella die Liste koreanischer Bücher, die er für sie zusammengestellt hatte, und ging sie mit ihr Titel für Titel durch.

„Solltest du sie nicht in Irland bekommen können oder sollten sie online nicht verfügbar sein, schicke ich sie dir mit der Post. Das sind meine Lieblingstitel, die alle ins Englische übersetzt worden sind. Die beiden unteren gibt es, soweit ich weiß, nur auf Spanisch. Da du vorhin erwähnt hattest, dass du dank deines Französisch deinen Spanisch sprechenden Schwager verstehen kannst, habe ich mir gedacht, dass dir das Lesen vermutlich auch leichtfällt.“ Versehendlich berührte Jong-suk Isabellas Hand und riss sie abrupt weg. Er wollte nicht, dass sie sich in seiner Gegenwart unwohl fühlte. Er mochte sie und wollte sie nach ihrer Ankunft gerne wiedersehen – und zwar nicht nur, um die Bücher ihrer Schwägerin entgegenzunehmen.

Isabella hatte nicht einmal gemerkt, dass Jong-suk sie berührt hatte. Ihre schwirrte vielmehr durch den Kopf, was er über das aktuelle Autorenfoto ihres Bruders gesagt hatte. Sie war es nicht gewohnt, dass Männer anderen Männern Komplimente machten, außer ihr Nachbar Pierre vielleicht.

Nachdem das Anschnallsymbol erloschen war, öffnete Jong-suk seinen Gurt und stand auf. Es tat ihm gut, seine Beine strecken zu können. Die Economy-Klasse bot bei Hainan Airlines zwar mehr Beinfreiheit als bei anderen Fluglinien, doch war dieser Flug für ihn lang gewesen. Er öffnete die Gepäckablage und nahm zuerst seinen Mantel und seinen Kleidersack heraus, ehe er Isabellas Koffer herunterhob. Er ließ sie vor sich in den Gang treten und stellte den Handgepäckskoffer zwischen ihnen ab, ehe er seinen Mantel vom Sitz hob und geduldig wartete, bis die Flugzeugtür geöffnet wurde. Isabella sah ihm an, wie müde er war, und hoffte, dass sie nicht allzu lange auf ihre Koffer würden warten müssen.

OOO

Isabella und Jong-suk bedankten sich bei den Flugbegleitern und verließen gemeinsam das Flugzeug. Relativ zügig folgten sie ihren Mitreisenden zur Passkontrolle. Lächelnd stellte sich Isabella in die Schlange der elektronischen Kontrolle für die EU-Pässe. Sie war überrascht, dass sich Jong-suk in die Reihe neben sie stellte und sogar noch vor ihr durch die Kontrolle gehen konnte. Doch sie erinnerte sich daran, dass er eine europäische Mutter hatte und in London geboren war – daher nahm sie an, dass er eine doppelte Staatsbürgerschaft hatte.

„Wir müssen zu Gepäckkarussell Nummer 3“, verkündete Jong-suk, der von seinem Smartphone aufgesehen und auf Isabella gewartet hatte. Sie blickte in Richtung der Menschentraube, die sich dort bereits gebildet hatte, und folgte ihm. Ihr war Terminal 2 wesentlich lieber als Terminal 1. Er erschien ihr wesentlich freundlicher als der veraltete, in dem sie sich gerade befanden.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die ersten Koffer kamen. Aufgrund der Zeitverschiebung und allem anderen hatte sie bei der Buchung nicht darauf geachtet, dass sie an einem Samstagmorgen ankommen würde. Daniel war neben ihr gesessen und hatte die ganze Zeit irgendetwas über Ayako gefaselt, das sie vollkommen aus dem Konzept gebracht hatte. Abholen konnte er sie heute auch nicht, da er sich im Geschäft befand. Ihre Mutter hatte einen Yogakurs zu unterrichten, den sie von einer Kollegin übernehmen musste, und ihr Vater war um zehn Uhr mit seinen Freunden zum Segeln in Howth verabredet, da wollte sie nicht, dass er bereits um sechs von seinem Haus wegfuhr, um sie abzuholen und nach Blackrock zu bringen, von wo er wieder zurück in Richtung Flughafen fahren musste, um nach Howth zu gelangen. Beatrice und Adrián befanden sich zurzeit in Spanien, um den ersten Geburtstag ihres Neffen in Sevilla zu feiern. Ihre Freunde wollte sie so früh auch nicht aus dem Bett holen, wo sie doch die Möglichkeit hatte, den Aircoach nach Blackrock zu nehmen. Die paar Meter, die sie von der Haltestelle nach Hause brauchte, waren kaum der Rede wert.

„Wie kommst du eigentlich nach Hause?“, unterbrach Jong-suk ihren Gedankenfluss.

„Ich werde vermutlich den Aircoach nehmen, wieso fragst du?“ Isabella wandte ihren Blick von ihm ab, als sie plötzlich ihren schwarzen Koffer mit violetten Punkten auf dem Karussell erspähte. „Mein Koffer!“ Noch bevor sie nach ihm greifen konnte, hob Jong-suk ihn vom Band.

„Mein Fahrer hat mir vorhin abgesagt. Ich habe ohnehin vor, ein Taxi in Richtung Blackrock zu nehmen, wie wäre es, wenn wir es uns teilen und ich dich bei dir zu Hause rausspringen lasse?“, räusperte er sich. „Oder habe ich dich missverstanden und es befindet sich nur dein Geschäft dort?“

„Nein, nein! Ich wohne auch in Blackrock. Keine fünf Minuten entfernt von meinem Geschäftslokal.“ Sie lächelte ihn freundlich an. „Direkt am Meer, parallel zur Hauptstraße. Bist du dir sicher, dass es dir nichts ausmacht und du nicht viel lieber auf den schnellsten Weg …?“

Noch bevor sie die Frage aussprechen konnte, schüttelte er vehement den Kopf. „Es ist überhaupt kein Problem für mich. Termine habe ich heute auch keine.“ Jong-suk sah seinen schwarzen Metallkoffer auf sich zukommen und hob ihn vom Band. „Wollen wir los?“

Isabella nickte und ging voraus, sodass er ihr zum Taxistand folgen konnte. Sie fuhr ohnehin lieber mit dem Auto als mit einem Bus, der fast doppelt so lange brauchte, um sie nach Hause zu bringen.

Die beiden hatten Glück und mussten keine Minute warten, bis sie in einen silbernen Toyota Prius stiegen, der sie nach Blackrock bringen würde. Weder der Taxifahrer noch seine Fahrgäste wechselten viele Worte. Seine Schicht hatte gerade erst begonnen und es war mehr als offensichtlich, dass Jong-suk kurz davor war einzuschlafen. Isabella überlegte, ob sie sich mit ihm unterhalten sollte, wollte ihn jedoch nicht stören und entschloss sich dazu, weiterhin zum Fenster hinauszusehen. Zügig überquerten sie die Tom-Clarke-Brücke, um so das Zentrum der Stadt zu umfahren. Weder sie noch Jong-suk hatten ein Problem damit, die Maut zu bezahlen, die es ihnen ermöglichen würde, dem Chaos des Stadtzentrums, das einer massiven Baustelle voller Einbahnstraßen ähnelte, zu umgehen. So gerne sie auch durch Dublin fuhr, konnte Isabella heute durchaus darauf verzichten. Während sie am Strand von Sandymount entlangfuhren, sah sie auf das Wasser hinaus. Die beiden rot-weißen Kamine des Kraftwerks Poolbeg nahm sie nur bedingt wahr.

Jong-suk machte sie ein wenig nervös. Nebeneinander im Flugzeug zu sitzen war eine Sache, sich ein Taxi zu teilen hatte etwas wesentlich Intimeres. Sie versuchte, sich damit abzulenken, sich auf den West Pier von Dún Laoghaire zu konzentrieren, der ihr an dieser Stelle immer viel näher vorkam, als er wirklich war.

Der Gesang der Möwen zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Auch wenn sie nur eine Woche weg gewesen war, hatte sie ihn vermisst. Sie war es gewöhnt, morgens vom Gesang verschiedener Vögel geweckt zu werden. In Tokio hatte sie sich in ein Hotel im Zentrum der Stadt einquartiert und musste sich auf ihren Smartphonewecker verlassen. Etwas, was sie zutiefst bedauerte. Sie war zwar kein Landmensch per se, zog jedoch die Ruhe eines verträumten Küstenortes wie Blackrock vor. Auch wenn der Ort mittlerweile vollkommen in den Großraum Dublin integriert worden war, hatte sie dennoch nicht das Gefühl, sich in einer Stadt zu befinden. Was primär damit zu tun hatte, dass sie unweit der DART-Station parallel zur Hauptstraße wohnte, in der es alles gab, was man brauchte. Restaurants, Cafés, Optiker, Boutiquen, Spielzeuggeschäfte, gleich zwei Einkaufszentren, Buchhandlungen, eine Bibliothek, mehrere Apotheken, ein Postamt, Floristen – sie musste tatsächlich nicht ins Zentrum von Dublin fahren, um ihre Einkäufe zu erledigen, und sollte sie doch hinmüssen, radelte sie oder nahm den DART. Ihr eigenes Geschäft befand sich in einer ruhigen Nebengasse, die sich in der Nähe des Ausgangs des Marktes von Blackrock befand, wo man alles Mögliche von versteckten Restaurants bis hin zu kleinen Supermärkten, Kunstgalerien und Geschenkboutiquen finden konnten.

„Kannst du mich bitte hinter dem VW rauslassen?“, bat Isabella den Fahrer.

„Kein Problem.“ Er bog rechts ab und fuhr ein paar Meter in die Straße, ehe er stehen blieb und Jong-suk ausstieg, um ihr mit ihrem Gepäck zu helfen.

„Das war es dann also für heute.“ Isabella blickte zu ihm auf. „Ich melde mich bei dir, sobald ich von Charlotte wegen der Bücher gehört habe.“

„Perfekt! Vielen Dank. Brauchst du Hilfe mit deinen Koffern?“, fragte Jong-suk.

Isabella verneinte mit einem Lächeln. „Das ist nicht notwendig, Jong-suk. Ich schaffe das schon.“ Sie räusperte sich und wusste einen Moment lang nicht, was sie noch zu ihm sagen sollte. Es gab so vieles, das sie ihm erzählen wollte, dass sie sich kaum von ihm verabschieden konnte.

Es war Jong-suk, der die Stille zwischen ihnen unterbrach. „Der Taxifahrer scheint ein wenig ungeduldig zu werden.“

„Ich verstehe.“ Traurig blickte Isabella zu Boden, ehe sie wieder zu ihm aufsah. „Es war schön mit dir. Melde dich bei mir, falls dir langweilig wird.“

Schmunzelnd nickte er und verabschiedete sich von ihr. „Das werde ich ganz bestimmt, bis später.“

„Bis dann, Jong-suk!“ Sie hatte ihm bereits den Rücken zugewandt und machte sich auf den Weg zu den Stufen eines der historischen Stadthäuser aus dem Jahr 1850 in der Idrone Terrace, in der sich ihre Wohnung befand, die sie sich mit ihrer Mitbewohnerin Aahana teilte, als das Taxi an ihr vorbeifuhr und sie ihm mit einer Hand auf dem Gartentor nachsah.

„Verbringe den Tag mit mir, Bella!“, ertönte plötzlich der kristallklare britische Akzent, der ihr bereits im Flugzeug eine Gänsehaut bereitet hatte. Isabella drehte sich mit einem Strahlen zu ihm um und nickte, als sie ihn mit seinem Mantel in der Hand neben seinem metallenen Koffer und seinem Kleidersack stehen sah.

„Wir sollten erst unser Gepäck hinaufbringen.“ Einladend bedeutete sie ihm, ihr zu der Eingangstür des vanillefarbenen Hauses vor ihnen zu folgen. Isabella ging die sieben Stufen hinauf und ließ ihr Gepäck einen Moment lang stehen, um die schwere, schwarze Haustür aufzusperren.

Jong-suk merkte, wie sich im Fenster der Einliegerwohnung im Untergeschoss ein Vorhang bewegte. Er konnte jedoch nicht sehen, ob es ein neugieriger Nachbar war oder eine Katze. Als er das Haus betrat, war er überrascht, zu seiner linken Seite und am Ende des Ganges drei Stufen hinunter drei verschlossene Türen mit Firmenschildern vorzufinden. Isabella erklärte ihm, dass der Besitzer dieses Haus vor einem guten Jahrzehnt geerbt und zu zwei Wohnungen und drei Büroräumen umfunktioniert hatte. In der Einliegerwohnung wohnten Pierre und Declan, ein sehr ruhiges Paar, das nur zum Schlafen herkam. Pierre war Krankenpfleger in einem der vielen Krankenhäuser der Stadt und Declan arbeitete oft bis tief in die Nacht als Unternehmensberater für eines der vielen Finanzinstitute, die ihren Hauptsitz in Dublin hatten.

„Die Büros mieten momentan eine Architektin, ein Grafikdesigner aus dem Norden und ein Chiropraktiker, der vor nicht allzu langer Zeit seinen Abschluss gemacht hat.“

„Ich verstehe. Stört es dich nicht, dass dauernd Fremde im Haus sind?“, wollte Jong-suk von ihr wissen.

„Überhaupt nicht. Andrew arbeitet nur von zehn bis vier und auf Anfrage von sechs bis acht. Seine Patienten kommen über den Tag verstreut und ich bin meistens bei mir im Geschäft. Bisher hat sich noch keiner vertan und ist vor unserer Haustür gelandet. Aahana tritt übrigens fast jeden Abend in einem Jazzclub auf und kommt erst sehr spät nach Hause. Wir sollten nicht allzu laut sein, wenn wir unser Gepäck hinaufbringen“, erklärte sie. „Sollen wir raufgehen oder bewunderst du die Zierleisten noch lange?“ Isabella musste lachen, als sie merkte, wie sein Blick immer weiter nach oben schweifte und am Luster hängen blieb, der im Foyer hing.

„Sind das die originalen?“, fragte er sie.

Isabella nickte und folgte seinem Blick. „Ja, sie werden regelmäßig geweißelt. Passen sie nicht perfekt zu den cremefarbenen Wänden? Die Büros sind übrigens in einem hellen Olivgrün gehalten. Unser Vermieter hat sich, was die Farben betrifft, nicht gerade ausgetobt. Ich glaube, Andrew hat neulich erwähnt, dass er ihn gefragt hat, ob es ihn stören würde, wenn er seine Praxis kobaltblau streichen würde, damit sie besser zu seinem Logo passt.“

„Klingt dunkel.“ Jong-suk reichte ihr seinen Kleidersack und griff nach ihrem größeren Koffer, der wesentlich schwerer war, als erwartet, und folgte ihr hinauf ins obere Stockwerk. Man konnte es ihm nicht ansehen, doch war er neugierig, wie sie wohnte. Sie schloss die Tür auf und betrat dicht gefolgt von Jong-suk ihre Wohnung. Ein Blick nach rechts verriet ihr, dass Aahana noch schlief. Die Tür zu ihrem Zimmer war verschlossen und ihre Abendschuhe standen davor. Sie schien zu müde gewesen zu sein, um sie wegzuräumen. Isabella bückte sich und hob den umgefallenen linken Stöckelschuh auf, um ihn wieder richtig hinzustellen.

Sie deutete auf das Badezimmer und ihr eigenes Schlafzimmer, ehe sie Jong-suk in den Wohn-Koch-Ess-Bereich einlud. Er selbst lebte mit seinem Großvater in einem luxuriösen Einfamilienhaus in der Nähe des koreanischen Möbelmuseums in Seoul. Umgeben von sich schlingenden Pfaden und Botschaftsvillen unweit des Bukhansan-Nationalparks, in dem er an Sonntagen, wenn es die Zeit erlaubte, gerne mit seiner Tante Mi-ran, die über die Wochenenden auch bei ihnen wohnte und für die er arbeitete, wandern und klettern ging.

Isabella räusperte sich. „Es ist nicht sonderlich groß, aber ich wollte nicht ein Leben lang bei meinen Eltern wohnen.“

„Für zwei Personen reicht es vollkommen. Ihr habt einen wunderschönen Blick aufs Meer“, kommentiere Jong-suk, den es automatisch ans Fenster zog.

Als er plötzlich etwas Weiches durch seine magentafarbenen Socken spürte, wandte er seinen Blick von der Halbinsel Howth in der Ferne ab und sah in die grünen Augen einer schwarzen Katze, die ihn anmiaute. Vorsichtig beugte er sich zu ihr hinunter und nahm sie auf den Arm. „Ja, wen haben wir denn da?“

„Das ist Aahanas Katze Tuli.“ Isabella ging auf die beiden zu und tätschelte ihr den Kopf; die Katze schnurrte als Antwort zufrieden. „Mal sehen, ob Aahana dir vorm Schlafengehen etwas zu essen und frisches Wasser gegeben hat. Würdest du auch gerne etwas trinken, Jong-suk?“ Sie blickte freundlich zu ihm auf.

„Ihr habt die gleiche Augenfarbe, Bella!“, stellte er mit einem Grinsen fest, was Isabella erröten ließ.