Mach´s wie Gott, werde Mensch - Franz Kamphaus - E-Book

Mach´s wie Gott, werde Mensch E-Book

Franz Kamphaus

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Beschreibung

Franz Kamphaus ist ein Bischof, der auch über den Raum der Kirche hinaus Gehör findet. Seine Bücher, seine Meditationen, seine Predigten, seine Zeitungsartikel lassen aufhorchen. Sie bringen auf unnachahmliche Weise auf den Punkt, welchen Unterschied der Glaube für das Leben macht. Entlang den Aussagen des Glaubensbekenntnisses sind hier Texte aus dem Gesamtwerk zusammengestellt - Texte mit Aha-Effekt. Sie zeigen, worum es beim Glauben geht. Denn je mehr Raum wir Gott lassen, desto menschlicher wird die Welt.

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Franz Kamphaus

Mach’s wie Gott, werde Mensch

Ein Lesebuch zum Glauben

Herausgegeben vonRegina Groot Bramel

Impressum

Titel der Originalausgabe: Mach’s wie Gott, werde Mensch

Ein Lesebuch zum Glauben

©Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Zugunsten des Bischöchen Hilfswerks MISEREOR

Bibelzitate sind entnommen der Einheitsützung der Heiligen Schrift.

©1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart

Register: Udo Richter

©Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: agentur IDee

Umschlagmotiv: © KNA-Bild

E-Book-Konvertierung: Integra Software Services Pvt. Ltd, Indien

ISBN (E-Book): 978-3-451-80050-4

ISBN (Buch): 978-3-451-32586-1

Inhalt

Woran glauben Christen?Einführung der Herausgeberin

»Ich glaube an Gott …«

»… den Vater«

»… den Allmächtigen«

»… den Schöpfer des Himmels und der Erde«

»… und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria«

»… gelitten unter Pontius Pilatus«

»… gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes«

»… am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten«

»Ich glaube an den Heiligen Geist …«

»… die heilige katholische Kirche«

»… Gemeinschaft der Heiligen«

»… Vergebung der Sünden«

»… Auferstehung der Toten und das ewige Leben«

Quellenverzeichnis

Anmerkungen

Bibelstellenregister

Stichwortregister

Woran glauben Christen?

Auf diese Frage einen Antwortversuch zu wagen, fällt heute scheinbar schwerer denn je. Es gibt keine allgemein gesicherte gesellschaftliche Übereinkunft mehr über den Inhalt unseres Glaubens; es gibt unterschiedlichste Auffassungen davon, ob und was oder wem man überhaupt noch glauben sollte.

Auch innerhalb der christlichen Gemeinschaft wird es immer schwieriger, Menschen anzutreffen, die in wenigen Sätzen ihren Glauben beschreiben können. Tiefe Verunsicherung hat sich breit gemacht. Oft findet sich eine Mischung aus aufgeklärtem Abstand zum Weltbild und zur Lehre der Bibel und einer individualisierten, an persönlichen Neigungen und Bedürfnissen orientierten Mixtur aus spirituellen Impulsen unterschiedlichster Religionen und Ideologien.

Was Christen glauben, ist in den wenigen Sätzen des Credo zusammengefasst. Es ist eine Ver-Dichtung des Wesentlichen und eine Einladung, sich immer von Neuem darauf einzulassen. Obwohl es Bestandteil der sonntäglichen Eucharistiefeier und Basis von Taufe und Firmung ist, erreicht das Glaubensbekenntnis häufig wohl nicht die innere Mitte des Betenden. Woher resultiert der Eindruck, dass viele Gottesdienstbesucher die Worte zwar dem Chor der Stimmen folgend mitmurmeln können, sie aber nicht be-greifen, aufgreifen und hinterfragen, mit ihrem Leben in Zusammenhang zu bringen versuchen?

Das Glaubensbekenntnis mutet uns einiges zu! Ein allmächtiger Gott und Vater – und das angesichts all der Ungerechtigkeiten und des Leidens so vieler Menschen, die doch seine Kinder sein sollen? Ein Gottessohn, der von einer Jungfrau geboren wird, leidet und stirbt? Wozu? Etwa damit Gott uns sündigen und abtrünnigen Menschen nicht mehr böse ist, wie wir früher gelernt haben und wie es noch immer häufig vermutet und verkündigt wird? Die Verzerrung der Frohen Botschaft – oft pädagogisch missbraucht – hat bei vielen Menschen innere Not, Unverständnis und Ablehnung hervorgerufen.

Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, das Jüngste Gericht … Wie haben wir uns das alles konkret vorzustellen? Oder, besser gefragt, was bedeutet das eigentlich in unserem Leben?

Und dann der Heilige Geist, abstrakt und leider nur wenig spürbar, und gleich hinterher die heilige katholische Kirche … Nicht nur gemischt-konfessionelle Paare und Familien geraten hier ins Stocken! Es fehlt an Wissen über den Sinngehalt dieser vielmals als befremdlich empfundenen Aussagen.

Die Auferstehung der Toten und das ewige Leben – daran wirklich glauben zu können, würde unser Leben verändern: eine Sicherheit und ein Trost, eine Perspektive der Hoffnung über unsere Vergänglichkeit und Endlichkeit hinaus! Wie erschließt sich uns diese Zusage?Was hilft uns, neuen Zugang zu den überlieferten Sätzen des Credo zu finden und sie im persönlichen wie im Leben der Gemeinde mit Sinn zu füllen?

In seinen zahlreichen Ansprachen und Veröffentlichungen ist Franz Kamphaus, der emeritierte Bischof von Limburg, auf die Inhalte unseres christlichen Glaubens eingegangen. Er stellt sich den Fragen, die das Credo aufwirft, die uns beschäftigen oder die wir uns vielleicht noch nie gestellt haben, weil wir gewohnheitsmäßig nachgesprochen haben, was uns von anderen vorgesagt wurde. Sein größtes Anliegen, den Menschen die befreiende Botschaft des Evangeliums zu erschließen, ist spürbar und spricht an; der Ernst und das Geschenk des Glaubens scheint in seinen Worten durch und kann uns neu begeistern!

Es gibt zahlreiche »geflügelte Worte« von Bischof Franz, Sätze von einprägsamer Dichte und erhellender Deutlichkeit. Sie sind eine Zugabe zu seinen konsequent im Bibeltext verankerten und stringent gegliederten Predigten in der ihm eigenen präzisen und treffsicheren Sprache. Einer dieser Sätze hat dem vorliegenden Buch seinen Titel gegeben: »Mach’s wie Gott, werde Mensch!« – Eine erfrischende Aufforderung, die man mit einem Lächeln beantworten kann, das aufblitzendes Verstehen zum Ausdruck bringt! Vieles schwingt da in verlockender Leichtigkeit mit, womit wir uns im Credo abmühen.

Wir sind entlastet von dem Wahn, selbst wie Gott sein zu wollen, und eingeladen zu einem Leben, in dem wir unser Menschsein entfalten und vertiefen. Der Gott, der dazu einlädt, hat die Ferne des Himmels längst verlassen und den Menschen und die Welt als neue Heimat entdeckt. Er teilt unser Leben. Er ist bei uns zu Hause. Er gibt uns nicht irgendetwas, er gibt sich! (Franz Kamphaus)

Indem wir die ersten zwei Worte des Credo sprechen, antworten wir darauf. Es geht dabei nicht um das Fürwahrhalten einiger zusammengefasster Aussagen, sondern um die persönliche Entscheidung zu einer Haltung hoffenden Vertrauens in den Sinn und das Ziel unseres Lebensweges, weil Gott ihn durch Jesus im Heiligen Geist begleitet.

Die hier zusammengestellte Auswahl von Texten aus dem Gesamtwerk von Franz Kamphaus ist entsprechend den Abschnitten des Credo gegliedert. An manchen Stellen werden Überschneidungen begegnen, bei denen auch eine andere Zuordnung denkbar gewesen wäre.

Wer von Jesus spricht, sagt immer auch etwas über Gott und seinen Heiligen Geist. Der Glaube an den einen Gott, der sich auf unterschiedliche Weise uns Menschen nähert, bedarf keiner messerscharfen Trennung seiner Gestalten, sondern einer Zusammenschau seiner Offenbarungswege. Die Texte gleichen übereinandergelegten Folien, die unterschiedliche Aspekte eines großen Ganzen zusammenfügen wollen und sich dabei ergänzen.

Wiederholungen ergeben sich naturgemäß bei einer Sammlung von zumeist gesprochenen Worten aus über zwei Jahrzehnten und wurden bewusst nicht immer vermieden. Sie sind geeignet, dem Inhalt des Gesagten Eindringlichkeit und Nachdruck zu verleihen.

Ein Lesebuch muss nicht von Anfang bis Ende und Seite um Seite durchgearbeitet werden. Es lässt Blättern und Stöbern zu, ermöglicht zufällige Begegnung und Verweilen bei dem, was anspricht und bewegt. Wenn der Glaube neue Farbe und Kontur gewinnt, wenn Fragen aufbrechen und Antworten sich andeuten, wenn die Lektüre Christen dazu anregt, mündig zu werden und nicht länger einfach »Ja und Amen« zu sagen, hat es sein Ziel erreicht.

Regina Groot Bramel

Hinweis für die Leserinnen und Leser

Zur Unterscheidbarkeit der Urheber sind in diesem Buch die Texte der Herausgeberin kursiv, die Texte von Bischof Kamphaus hingegen gerade gesetzt. Das gilt auch, wenn Texte des Bischofs in Texten der Herausgeberin (gelegentlich in abgewandelter Form) zitiert werden. Die Texte von Bischof Kamphaus wurden für dieses Lesebuch zum Teil gekürzt und hier und da mit neuen Überschriften versehen, ohne dass diese Abweichungen von den Erstveröffentlichungen im Einzelnen gekennzeichnet sind.

Der Verlag

»Ich glaube an Gott …«

An eine höhere Macht zu glauben, die hinter oder über den messbaren Phänomenen unserer Lebenswelt waltet und gestaltet, zu der wir aufschauen, an die wir uns wenden können und die womöglich sogar aus freien Stücken uns zugewandt ist, stellt eine Ur-Sehnsucht der Menschen dar. Alle Religionen sind Versuche, auf dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sinn zu antworten.

Gott ist nicht beweisbar, sonst wäre er nicht Gott. Es entspricht seinem Wesen, un-beweisbar, un-ermesslich, un-endlich, un-definierbar zu sein. Rational können wir uns ihm nicht vollständig nähern, seine Existenz aber auch nicht widerlegen. Tragfähiger Glaube kann ebenso wenig auf der Grundlage irrationaler Gefühle gedeihen wie durch reine Willensbekundung. Die Basis des Glaubens ist das Vertrauen darauf, dass es einen tiefen Zusammenhang und einen hintergründigen Sinn im Leben eines jeden Menschen und der ganzen Weltgeschichte gibt. Wodurch entsteht dieses Vertrauen, in wem oder was ist es begründet?

Wer sich entscheidet, Christ zu sein, setzt sein Vertrauen auf den Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, und steht in der Nachfolge Jesu. Was bedeutet es, in diesem Glauben zu leben, nicht nur mit ihm zu kokettieren? Glauben heißt, erfüllt zu sein, eine Mitte gefunden zu haben, auf ein Ziel hin zu leben. Es heißt, Gott das ganze Leben anzuvertrauen und ihn nicht nur zur Verzierung bestimmter Festanlässe zu bemühen.

Wozu stehen wir in guten und in bösen Tagen? Was ist uns im Leben und auch fürs Sterben wichtig? Was ist uns heilig? Vor wem gehen wir in die Knie?

Was steht im Mittelpunkt?

In einer Kunstausstellung stießen die Besucher gleich am Eingang auf ein eigenartiges Werk. Auf dem Parkettboden lagen zwei große Rahmen aus rostfreiem Stahl, der eine kreisrund, der andere quadratisch, sonst nichts. »Ist das alles?«, fragten sich viele Besucher und schüttelten den Kopf: »Was hat das für einen Sinn?« – Ein leerer Rahmen, in der Mitte ein gähnendes Loch.

Ist das nicht bei vielen Zeitgenossen mit dem Glauben ähnlich? Der Rahmen ist noch da, aber im Zentrum herrscht gähnende Leere. Zu bestimmten Festen des Kirchenjahres oder der eigenen Lebensgeschichte ist der christliche/kirchliche Rahmen durchaus gefragt, aber das Leben selbst geht seine eigenen Wege, ohne Orientierung am Glauben. Nichts gegen den Rahmen, aber wenn alles nur Rahmen und der Rahmen alles ist? Zunehmend mehr Menschen machen von ihrem Christsein nur noch einen feierlichen Gebrauch, um nicht ganz aus dem Rahmen zu fallen.

Heute ist viel von der Kirchenkrise die Rede. Die spüren wir auf Schritt und Tritt, nicht nur an den Austritten. Wenn’s nur darum ginge! Die Krise, in die das Christentum in unseren Breiten geraten ist, sitzt tiefer: Sie ist nicht nur eine Kirchenkrise, sondern eine »Gotteskrise« (J. B. Metz). Kann Gott in die Krise geraten? Er nicht – aber wir mit ihm, und er mit uns.

Wir sprechen heute von Fortschritt, Wachstum, Potenz. Was sich mit diesen Begriffen verbindet, ist nicht so unschuldig, wie viele meinen. Wer besitzt, kann sehr schnell von den Dingen besessen werden. Das Wachstum zum Beispiel kann sich ideologisch verselbstständigen und allein das Regiment führen. Es kann zu einem Götzen werden, dem alles geopfert wird, auf Teufel komm heraus. Und dann kommt der Teufel auf einmal heraus, zeigt sein wahres Gesicht in der Zerstörung der Umwelt und des Menschen, in der Zersetzung der Solidarität. – Entlarvt die Kirche in unserem Land, wo das Leben an falsche Götter verraten wird? Oder ist sie so viele Kompromisse eingegangen, dass sie am Ende kompromittiert ist? Dirigiert der Glaube das Geld oder das Geld den Glauben? Gott ist nicht nur fürs Innere zuständig. Er lässt sich nicht regionalisieren, es geht ihm ums Ganze. Glauben heißt, ihm das ganze Leben anzuvertrauen. »Du sollst neben mir keine anderen Götter haben« (Ex 20,3).

Man kann doch nicht zu allem »Ja und Amen« sagen! – Das ist uns Christen allemal buchstäblich ins Stammbuch geschrieben. Im Taufbekenntnis geht es um Pro und Kontra, um Ja oder Nein. Wozu stehe ich in guten und in bösen Tagen? Was ist mir im Leben und auch fürs Sterben wichtig? Wer Ja sagt zu Gott, muss Nein sagen zu allen Vergötzungen. Unterscheidung tut not und Entschiedenheit. Nur wenn ich weiß, wo ich stehe, kann ich auch widerstehen und widersagen, Widerstand leisten. Dazu brauche ich einen Standpunkt.

Woran Gott stirbt heißt eine sehr nachdenkliche Rede des Schriftstellers Martin Walser. Er fragt: »Ob ein Kind, das in einer Familie ohne Gott aufwächst, noch erschrickt, wenn es fünfzehn oder neunzehn wird und selber erlebt, dass Gott fehlt? Oder vermisst so jemand überhaupt nichts?« – Ich glaub’ nix, mir fehlt nix!

»Der die Welt beschimpfende Daumenlutscher ist unser Muster. Dem Daumenlutscher stirbt kein Gott. Er ist sein eigener Gott.« Er genügt sich selbst. Und weiter: Ist uns schon der Schrecken durch die Glieder gefahren, wenn wir »zahnwehhaft scharf spüren, dass Gott fehlt«? Ist Gott nicht auch im Bewusstsein und in der Praxis der Kirche an den Rand geraten? Er wird »in den Laboratorien der Theologie zerbröselt«, sagt Walser, »gewartet«, wie eine Maschine. Wo wird er leidenschaftlich gesucht?

Wir reden uns ständig die Köpfe heiß, aber das Herz bleibt kalt. Wir leugnen Gott nicht, aber wir rechnen auch nicht ernsthaft mit ihm. Unser Gott ist weder zum Fürchten noch zum Verlieben. Fängt jemand damit an, wird er schnell in die fun damentalistische oder charismatische Ecke gestellt, er gilt als altmodisch und verschroben. So reden und erklären wir alles Mögliche, aber es kommt kaum noch durch, was wir der Welt schuldig sind: das uneingeschränkte Bekenntnis zu Gott.

Das ist wie bei einem Magneten: Die Eisenspäne sind auf den Magnetkern ausgerichtet. Gott ist der Magnet der Kirche. Er ist anziehend. Das sind doch nicht wir. Das ist nicht die Kirche mit ihren Strukturen. Eine Kirche, in der dieser Magnet nicht mehr zu spüren ist, erübrigt sich. Merkt man ihn in unserem Leben? Was ist uns heilig? Vor wem gehen wir in die Knie? Haben Sie sich schon einmal ernstlich gefragt: Was will Gott von mir? Spielt diese Frage in unseren Gruppen und Verbänden eine Rolle, im Pfarrgemeinderat? Unser Grundproblem auch in der Kirche ist die Gotteskrise. Sie ist der Grund der Kirchenkrise.1

Die Gretchenfrage heißt auch für uns: »Wie hältst du’s mit der Religion?« Wer oder was spielt in deinem Leben die erste Geige? Und wer spielt im Gesamtorchester sonst noch mit? Worauf bist du eingestimmt? Was ist der Grundakkord in der Summe deiner Tage? Wir antworten mit unseren vielen kleinen und größeren Alltags-Entscheidungen.

Der Gott, an den wir glauben

Es ist deutlich zu spüren, dass »Gott« heute für viele ein Fremdwort geworden ist, vielleicht ganz in Vergessenheit geraten oder einfach kein Thema mehr. In der Öffentlichkeit wird er allenfalls noch bei feierlichen Anlässen erwähnt, im Übrigen ist er tabu. Unsere Welt wird wie selbstverständlich ohne Gott, gottlos geplant und gestaltet.

Ist Gott nicht auch im Bewusstsein und in der Praxis der Kirche an den Rand geraten? Wir sprechen über viele, zweifellos wichtige aktuelle Themen. Aber sie können uns so sehr in Anspruch nehmen, dass wir das Ganze dabei aus den Augen verlieren. Dann reden wir schließlich vom Inventar und vergessen das Haus, in dem die Möbel stehen. Oder wir reden über das Haus, als sei dieses selber auch ein Möbelstück. Wir machen Gott zu einem Gegenstand der kirchlichen Inneneinrichtung und vergessen, dass er der ist, »in dem wir leben, uns bewegen und sind« (Apg 17,28).

Eigentlich können wir gar nicht »über« ihn reden. Wir können allenfalls zu ihm rufen, stammelnd von ihm sprechen – unter ihm stehend, so wie man in einer Kirche unter dem Gewölbe steht und nur im Ausschreiten des Kirchenschiffes den Raum selber erfahren kann.

Sie denken vielleicht, die Sache sei doch ganz einfach: »Wir glauben ja alle an einen Gott …« – An welchen Gott glauben wir? Wen meinen wir, wenn wir »Gott« sagen? Diese Frage liegt auch für uns Christen nicht hinter uns, sie steht vor uns. Sie ist nicht erledigt, sondern aufgegeben. Wir müssen das Wort »Gott« mit unserem Leben durchbuchstabieren. Es kommt darauf an, dass wir dabei die richtigen Buchstaben wählen und sie richtig zusammensetzen, damit nicht »Götze« erscheint, wo »Gott« stehen sollte.

In der Gottesfrage geht es nicht um blutleere Spekulationen; es geht um uns, es geht darum, wie groß oder klein wir Menschen von uns selbst und von unserer Welt denken. Unser Menschsein, unsere Menschlichkeit steht auf dem Spiel: Sage mir, an welchen Gott du glaubst, und ich sage dir, wer du bist.2

Nicht weniger als zu Zeiten des Alten Testamentes sind wir in Gefahr, um eines der Goldenen Kälber zu tanzen, die unsere Konsumgesellschaft über den Markt der Möglichkeiten treibt. Glaube ist ein Halt in der Tiefe, der uns auch gegen den Strom des Zeitgeistes verankern kann. Wenn wir uns an Gott halten können, sind wir davon befreit, den äußeren Schein zu wahren und den Wahn eines an Äußerlichkeiten und an materiellen Dingen orientierten Lebens mitzumachen. Wer glaubt, lernt zu unterscheiden und sich abzugrenzen.

Wenn der Markt zur Religion wird

Die Marktwirtschaft umfasst nicht mehr nur die Organisation von Arbeit und Waren, längst zieht sie den ganzen Menschen in ihren Bann und wird zu einer neuen »Religion«. Religion des Marktes! Kaufhäuser werden zu Konsumtempeln. Traditionelle Feiertage werden zu Hochfesten der Konjunktur. »Wir finden sogar die Bereitschaft, Opfer zu bringen – Verkehrsopfer, Tieropfer, Pflanzenopfer, Luftopfer; ganze Landstriche, Flüsse und Meere werden der Macht des Marktes geopfert« (Th. Ruster). Die Gesetze des Marktes kennen keine Gnade. Immer mehr fallen ihnen zum Opfer.

Schon die Propheten des Alten Testamentes kämpften gegen Götzen, die hinter hohlem Blech und goldenen Statuen verehrt wurden. Sie kämpften gegen eine Veräußerlichung der Religion. Der schöne Schein dient der Selbsttäuschung, nicht dem Ergründen der Wahrheit. Dieselbe Oberflächlichkeit kennzeichnet die Religion des Marktes: Es geht um die Form, nicht um den Inhalt, ums Produkt, nicht um den Menschen.

Diesem leeren Treiben gegenüber will Religion Verankerung. Sie will die eigenen Erfahrungen vertiefen, nicht vertuschen. Sie will die eigenen Sehnsüchte offenlegen und nicht Konsumsüchte kultivieren zur industriellen Befriedigung. Deshalb kritisieren die Kirchen in ihrem Sozialwort nicht den Wohlstand, sondern die Verabsolutierung des Reichtums. Sie kämpfen nicht gegen die Erträge aus der Erde, sondern gegen den Allmachtswahn, den Himmel auf Erden schaffen zu wollen.

Die Logik dieses Systems gilt es zu durchbrechen. Das kann nur gelingen, wenn die Existenzberechtigung eines Menschen nicht von seiner Leistungsfähigkeit abhängt. Für den Glauben ist das der Anfangs- und Angelpunkt, denn: »Du [Herr] liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen« (Weish 11,24). Das müssen wir nicht »machen«, wir müssen es erkennen, damit es in unserem Leben Bedeutung gewinnt. Dann kommen wir zu einer »engagierten Gelassenheit« (Teilhard de Chardin): nicht blind für die Schönheiten des Lebens, aber nicht besessen vom Besitz.3

Für jedes Menschenleben gilt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Noch bevor es seine äußere Gestalt gewinnt, im gesamten Prozess seiner Entwicklung und noch in seinen letzten Regungen ist es Geschenk und Gabe, aufgegeben und aufgehoben.

Unser Glaube beginnt mit der Einsicht, dass der Grund unseres Lebens nicht bei uns selbst liegt. Keiner kann sein Leben selbst schaffen. Wir sind Empfangene. Das prägt uns von Anfang an. Das Wunderbare beginnt nicht erst an der Grenze, sondern in der Mitte des Daseins.

Das Wesen Gottes ist die Liebe. Er offenbart sich im Verlauf seiner mit den Menschen überlieferten Geschichte immer mehr als der zuvorkommend Liebende, der nicht zuerst einen Einsatz von uns fordert, sondern uns entgegenkommt und uns in die Arme schließen will. Wenn wir das glauben und hoffen können, sind wir unmittelbar verbunden mit der göttlichen Kraftquelle. Alles, was wir zu brauchen scheinen und vermeintlich erreichen müssen, relativiert sich dadurch.

Was uns von Anfang an prägt

Mehr als in anderen Zeiten scheint Gott in unserer Zeit fern. Mehr als in anderen Kulturen scheint unsere Kultur heute gottverlassen. In unserem alltäglichen Leben brauchen wir Gott nicht, wir kommen ganz gut ohne ihn aus. Er ist nicht nötig, um das Geheimnis von Blitz und Donner, Erdbeben und Sonnenfinsternis zu entschlüsseln. Wir brauchen Gott nicht, um die Erde zu verändern. Unsere Maschinen und Hände tun das, und wie! Wir brauchen Gott nicht für unser tägliches Brot. Im Überfluss ist alles da – zumindest in unseren Breiten. Mögen Menschen in anderen Völkern noch zu Gott beten, bei uns ist das doch eigentlich nicht mehr nötig, denken viele. Man kann ganz gut ohne Gott leben.

Wie können wir in einer »gottfernen« Zeit eine Beziehung zu Gott aufnehmen? Er drängt sich uns nicht auf, er bleibt Geheimnis. Dennoch können wir Spuren Gottes in unserem Leben entdecken, wir können uns an ihn herantasten. Vielleicht weniger durch Naturphänomene als im Raum unserer Person. Etwa so: In unserer Welt fügt sich nicht einfach eins zum anderen. Vieles bleibt offen, widersprüchlich. Unser Leben geht nicht auf in dem, was wir von ihm denken, nicht in den Begriffen, nicht in den Zielen. Es ist mehr, als wir von ihm wissen und zu ihm beitragen können. Es ist jeden Tag neu verwunderlich, dass wir leben.

Was wir sind, woraus wir geworden sind und was endlich aus uns werden wird, versteht sich nicht von selbst. Wir können uns oft genug selbst nicht verstehen. Unser Leben ist mehrdeutig; es bedeutet mehr, als wir durch seine Deutung wahrnehmen können. Keiner verfügt darüber, welche Erfahrungen ihm zugemutet werden und ob sein Leben gelingt. Keiner verfügt darüber, was ihm gegeben oder verweigert wird. Keiner kann sein Leben selbst schaffen. Wir sind allemal Empfangene. Das prägt uns von Anfang an.

Der Glaube beginnt mit der Einsicht, dass der Grund unseres Lebens nicht bei uns selbst liegt, sondern in Gott. Das Wunder beginnt nicht erst an den Grenzen unseres Daseins, sondern in seiner Mitte. Es ist Gottes Gnade, dass wir sind.4

Alles, was wir brauchen

»All you need is love«, sangen die Beatles. Sie haben recht: Alles, was wir brauchen, ist Liebe. Aber woher bekommen wir sie? Man kann sie nicht im Laden kaufen wie irgendein Ding, sie ist unbezahlbar. Mit dem Unbezahlbaren aber haben wir heute offenkundig unsere Probleme. Immer mehr Leute meinen, alles sei käuflich, und das Käufliche sei alles. Das ist ein großer Irrtum. »Alles, was ihr braucht, ist Liebe …« – und die ist nicht zu kaufen, für kein Geld in der Welt. Wie aber kommen wir zur Liebe?

Viele denken: Man muss den Leuten einfach ins Gewissen reden, das Ganze ist eine Sache der Moral. Sie setzen auf den Appell: Ihr müsst, ihr sollt! Ob das so einfach ist? Liebe geht nicht auf Kommando. Man kann Blinden nicht zurufen: »Macht doch die Augen auf!« Der Appell bringt’s nicht. Liebe ist nur durch Liebe zu wecken.

Ein islamischer Mystiker fragt seine Schüler: »Worin besteht das rechte Verhalten des Menschen Gott gegenüber?« Sie antworten: »Darin, dass man Gott liebt.« Der Meister schüttelt den Kopf: »Nicht darin, dass ihr denkt, wir lieben Gott«, sagt er. »Wer denkt, er liebe Gott, der steht noch unter dem Zwang. So sollt ihr sprechen: Ich glaube fest, dass Gott mich liebt. Das ist das rechte Verhalten des Menschen Gott gegenüber.« Wer der Liebe Gottes glauben kann, der ist an der Quelle. Denn »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,16). Er ist zunächst und vor allem nicht ein Forderer, sondern der große Förderer unserer Liebe.

»Er hat uns zuerst geliebt« (1 Joh 4,19). Das ist der Grundsatz unseres Glaubens, eine Art Vorzeichen vor der Klammer. Plus oder minus – das betrifft alles. »Er hat uns zuerst geliebt.« Vor unserer Entscheidung für Gott steht seine Entscheidung für uns. Es ist nicht so, als müssten wir erst durch Studium und Askese Bedingungen schaffen, um von Gott geliebt zu werden. »Er hat uns zuerst geliebt.« Das steht vor allem. Gott schreibt uns unverbrüchlich ins Herz: Du bist geliebt. Du hast bei mir einen festen Platz, du bist nicht nur in der äußersten Ecke geduldet, sondern in meinem Herzen.5

Wie ist der Mensch? Ist er in seinem Wesensgrund gut oder böse, autonom oder abhängig? Ist er so einzigartig, wie er zu sein wünscht, oder doch nur eine Laune der Natur? Für Christen ist die Antwort klar:

Wer der Liebe Gottes glaubt, der ist ein Christ. Das prägt unser Bild vom Menschen. Für Christen gilt nicht der kategorische Imperativ, sondern ein kategorischer Indikativ: »Ich bin von Gott geliebt, also bin ich.«

Das gilt für jeden Menschen. Von Gott zur Freiheit berufen, tragen wir alle die Möglichkeit zum Guten wie zum Bösen in uns. Entscheidung und Entschiedenheit sind gefragt! Auch wer sich halbherzig oder gar nicht entscheidet, schafft damit Fakten, die sein Leben prägen und Einfluss auf die Mitwelt haben. Neben der Herausforderung, die aus einer Entscheidung zum Christsein erwächst, steht die für viele Menschen »unglaubliche« Zusage eines Lebens, das den Tod überdauert.

Es geht nicht um das Allerweltscredo vom lieben Gott, nicht um Vertröstung auf ein Leben nach dem Tod. Es gibt neben fragwürdiger Jenseits-Vertröstung die noch viel fatalere Vertröstung mit dem Diesseits. Dann wird dieses Leben zur letzten Gelegenheit. Dies führt zu Lebenssucht und Todesangst, Hektik und Überforderung. Die Frage der Lebensperspektive über den Tod hinaus muss in der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden gestellt werden. Hier scheiden sich die Geister, hier bekennt das Christentum Farbe.

In welchen Farben malen wir uns unser Leben und sein Ende aus?

Der Liebe Gottes glauben

Was ergibt sich nun, wenn wir das alles bedenken? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Röm 8,31–39)

Amor, ergo sum

Kein Mensch kommt auf die Welt ohne die unstillbare Sehnsucht, in der Liebe eines anderen zu hören und zu erfahren, dass er erwünscht ist und bejaht. Ahnen wir, was das heißt, dass »Gott für uns ist« (Röm 8,31) und wir seiner Liebe gewiss sein dürfen? Dann kann uns letztlich keiner mehr etwas. Das gibt Raum zum Leben. Seit den Tagen Adams und Evas ist es für keinen Menschen mehr selbstverständlich, erwünscht zu sein. Wer weiß denn schon aus sich, dass sein oft armseliges Leben trotz allem ein Geschenk ist an die Welt? Das wissen wir nicht aus uns selbst. Das kommt uns von Gott her zu. »Gott hat seinen eigenen Sohn … für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?« (Röm 8,32). Alles hat er gegeben, nicht nur etwas – sich selbst. Gott steht zu uns. Wer der Liebe Gottes glaubt, der ist ein Christ.

Das prägt unser Bild vom Menschen. Descartes hat zu Beginn der Neuzeit definiert: »Cogito, ergo sum« – Ich denke, also bin ich. Bei allem Respekt vor der Vernunft – die christliche Aussage, auf den Punkt gebracht, lautet: »Amor, ergo sum« – Ich bin von Gott geliebt, also bin ich (vgl. Franz von Baader). Das ist der letzte Grund unserer Christen- und Menschenwürde. Das Christsein beginnt nicht mit einem kategorischen Imperativ, sondern mit einem kategorischen Indikativ: Du bist von Gott geliebt.

Das ist das Geheimnis von Ostern. »Lieben heißt: Ich sage dir, du wirst nicht sterben« (Gabriel Marcel). Das sagt Gott uns heute: Ich sage dir, du wirst nicht sterben. »Weder Tod noch Leben … können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn« (Röm 8,39). Sie ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Daseins. Von dort her bekommt alles andere seinen Ort und Stellenwert.

Vieles spricht dagegen

Von Gott geliebt – kann man das so einfach sagen? Es versteht sich nicht von selbst. Vieles spricht dagegen. Viele sprechen heute dagegen. Die Fragen, die Paulus hier stellt, lassen sich aus unserer Situation heraus schnell beantworten, aber ganz anders:

»Wer ist gegen uns?« (Röm 8,31). – Ganze Heere von Sprechern und Schreibern! »Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen?« (Röm 8,33). – Jeder meint heute, er könne es. »Wer kann sie verurteilen?« (Röm 8,34). – Das geschieht am laufenden Band. Wer von uns erlebt das denn nicht? Und die Anklagen gegen Christentum und Kirche sind ja nicht alle aus der Luft gegriffen.

Nicht nur der Glaubende hat Rechenschaft zu geben. Warum muss eigentlich der Ungläubige, warum muss der, der gleichgültig in den Tag hinein lebt, sich nicht rechtfertigen? Man muss auch das »ohne Gott« verantworten, mit allen Konsequenzen für die Entwicklung unserer Gesellschaft und der Welt. So einfach ist das nicht! Mit einem »Ich glaub’ nix, mir fehlt nix« ist es nicht getan. Das bleibt weit unter dem Niveau unserer menschlichen Verantwortung.

Doch vielleicht sind es nicht einmal so sehr die Kritiker vom Dienst, aus welcher Branche auch immer, die uns zu schaffen machen. Vielleicht sind es viel mehr die alltäglichen Erfahrungen, die uns an Gottes Liebe zweifeln lassen: Not und Bedrängnis, Angst, Leiden und Tod (vgl. Röm 8,35); die Nachrichten von immer neuen Unmenschlichkeiten sinnloser Lebenszerstörung, die uns an der Menschheit verzweifeln lassen. Und nicht nur an ihr! Das schreit doch zum Himmel. Das schreit gegen den Himmel. Nichts kann »uns scheiden von der Liebe Gottes« (Röm 8,39)? Vieles!

Einer spricht dafür

Vieles spricht dagegen. Eins spricht dafür. Einer spricht dafür: »Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein« (Röm 8,34). Leiden und Tod werden nicht bagatellisiert, sondern relativiert. Sie werden zur Geschichte Jesu in Beziehung gesetzt. Er selbst hat Blut geschwitzt. Er lässt uns nicht hängen, auch nicht am Kreuz. Er lässt uns in der letzten Instanz nicht allein.

»Du, ich mag dich leiden«, sagen wir gelegentlich. Eigenartig, dass wir »leiden« sagen, wenn wir »lieben« meinen. Beides gehört enger zusammen, als wir denken. Gott ist nicht trotz des Elends der Welt da, er hat sich darin eingemischt. Wer von Gottes Liebe spricht, sagt »Jesus Christus«. Mit ihm hat Gott sich auf diese unsere Welt festgelegt.

Das ist nicht das Allerweltscredo vom lieben Gott: »Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.« Die Sache ist anders: Gott »hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?« (Röm 8,32). Er hat sich nicht geschont, alles hat er gegeben. Er hat sich mit Jesus Christus festgelegt auf diese unsere Welt mit ihren Kalamitäten. Er geht darin nicht unter, sondern steht auf. Er steht zu uns. Es gibt noch Stärkeres als Anklagen und Verurteilungen, als Leiden und Tod. »All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat« (Röm 8,37). Die Liebe ist stärker als der Tod.

Das Leben als letzte Gelegenheit?

Ist das Vertröstung auf das Leben nach dem Tod? Wo das »jenseits des Todes« schlechterdings als Vertröstung verdächtigt wird, da wird das Diesseits trostlos. Denn wer tröstet dann diejenigen, die wir mit bestem Willen nicht trösten können, wer tröstet die längst Verstorbenen, wer tröstet die Opfer, wer tröstet die, die leer ausgehen – wer?

Keine Frage, es gibt eine fragwürdige Vertröstung auf das Jenseits, aber es gibt die noch viel fatalere Vertröstung mit dem Diesseits. Wenn das Leben vor dem Tod alles ist, dann wird es schließlich zur »letzten Gelegenheit« (M. Gronemeyer): Ja nichts verpassen, alles jetzt! Tempo, Tempo! Die Zeit tickt. Das erleben wir heute mit allen Konsequenzen der Lebenssucht und Todesangst, der Hektik und Überforderung. Mächte und Gewalten, die ihre Opfer fesseln und bannen. Das ist mörderisch. Menschen wollen dem Tod auf eigene Faust entkommen und sich verewigen, und sie verfallen ihm umso sicherer. Wir können machen, was wir wollen, wir werden aus diesem gnadenlosen Kreis nie durch uns selbst herauskommen. Nur die Liebe kann uns daraus befreien. »All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat« (Röm 8,37). – Wer jetzt nicht alles haben muss, weil ihm das Beste immer noch bevorsteht, verliert die Angst, zu kurz zu kommen. Er hat Zeit, sich anderen zuzuwenden – besonders denen, die keinen Menschen haben. Er kann gelassen ans Werk gehen.

Hier, in der Frage der Lebensperspektive über den Tod hinaus, hier ist der Ort der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden. Sie kann nicht über eine dünnere Decke geführt werden. Mit einem verwässerten Christentum ist niemandem gedient.

»Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben … noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn« (Röm 8,39). – Ich wüsste nicht, von welcher Hoffnung ich leben sollte, wenn ich dessen nicht gewiss wäre. Ich wüsste nicht, wofür ich leben und arbeiten sollte, wenn ich nicht darauf vertraute. Meine ganze Lebenshoffnung ist darin versammelt, dass ich der Liebe Gottes glauben darf.6

Einem Gott, der uns vorbehaltlos annimmt, dem wir unser Leben und alles, was es schön macht, verdanken, können wir antworten, indem wir uns freuen und dieser Freude sinnenhaft Ausdruck verleihen! Es gibt Gottesdienste, in denen ein solches Gefühl spürbar wird und der Funke überspringt. Wir werden dann nicht nach kalkulierbarem Zweck und wirtschaftlichem Nutzen fragen, nach einem Zugewinn an Wissen oder einer Technik zur Bewältigung anstehender Probleme. Wer weiß, dass Gott die Welt in Händen hält, wird sich nicht überheben. Die Freude an Gott ist unsere Stärke!

Weil Gott uns annimmt, dürfen auch wir uns annehmen und brauchen uns selbst nichts vorzumachen. So entsteht ein gutes Klima in unserem Lebens-Raum, denn wer sich selbst nicht riechen kann, der »stinkt« auch den anderen! Als Angenommene können wir einander annehmen. Als Getragene können wir einander tragen.

Lobpreis Gottes

Das Lob Gottes steht am Anfang unseres Glaubens. Der Glaube hat Musik, hat Klang und Farbe. Er ist weit davon entfernt, nur Gedanke zu sein. Er wird im Herzen geboren, nicht im Kopf. Und wenn das Herz davon ergriffen ist, dann öffnet sich der Mund, und wir singen.

Oft denken wir: Der Glaube ist eine Fülle von Lehrsätzen. Da muss man viel nachdenken, Gott zu erklären versuchen. Sicher hat die Lehre Bedeutung in unserem Glauben. Aber am Anfang unseres Glaubens stehen nicht Lehrsätze, sondern Psalmen, Gesang. Das alles ist nicht etwa nur Ausschmückung der Liturgie, das ist die Sache selbst. Unser Glaube hat Klang und Farbe, nicht nur Papier und Druckerschwärze.

»Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch … Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade« (Kol 3,16). Lobpreis Gottes! Können wir das heute noch? Spielt das in unserem Leben eine Rolle? Wenn wir nach Gott fragen, dann in der Regel so: »Herrgott, warum muss mir das passieren?« »Wie habe ich das verdient?« Glaube an Gott: Was habe ich davon? Was springt dabei heraus? Gottesdienst: Was bringt er mir? Komme ich auf meine Kosten? – Bei alledem ist von Lobpreis keine Spur mehr zu finden. Da regiert der Zweck. Da geht’s nicht eigentlich um Gott, sondern um unseren eigenen Nutzen.

Lobpreis Gottes, der kann nur gelingen, wenn wir nicht mehr nach Zweck und Nutzen fragen, wenn wir nicht bei uns selbst stehenbleiben, sondern von uns selbst absehen und auf Gott hinschauen, wenn wir über uns selbst hinausgehen, wenn wir – wie in der Liebe – zu Gott hingerissen sind.

Im Gloria singen wir: »Wir rühmen dich und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit.« Wir sagen Gott nicht Dank, weil wir etwas davon haben. Wir sagen Gott Dank ohne Hintergedanken, ohne ihn funktional für uns zu vereinnahmen. Wir sagen Gott Dank, weil er so ist, wie er ist. Liebe kommt erst dort an ihr Ziel, wo ich den anderen nicht mehr wegen etwas, sondern um seiner selbst willen liebe; wo ich mich einfach darüber freue, dass er ist, dass es ihn gibt.7

Die Freude an Gott

Freude – wer möchte sich nicht von Herzen freuen? Wer möchte nicht, dass die Belastungen von ihm abfallen, dass sich der Krampf löst und er frei wird und seines Lebens und Glaubens froh! Aber wie denn? Was kann man da machen? Die Freude ist nicht zu machen, noch weniger als das Wetter. Die Freude kommt nicht auf Befehl. Sie stellt sich ein. Sie macht sich von selbst bemerkbar, sie spricht für sich. Wer sich von ihr ergreifen lässt, der strahlt – wie die Sonne, wenn sie lacht.

Hat die Freude etwas mit Gott zu tun? Allerdings: »Die Freude an Gott ist eure Stärke« (Neh 8,10). Wie soll man das verstehen? Eine tiefsinnige und zugleich humorvolle Fabel erzählt von einem Vogel. Er liegt auf dem Rücken, die Beine starr gegen den Himmel gestreckt. Ein anderer Vogel sieht das und fragt verwundert: »Was ist denn mit dir los? Warum liegst du auf dem Rücken und streckst die Beine so starr nach oben?« Der antwortet: »Ich trage den Himmel mit meinen Füßen. Wenn ich sie zurückziehe, stürzt der Himmel ein.« In diesem Augenblick löst sich in der Nähe ein Blatt vom Baum und fällt raschelnd zu Boden. Erschrocken dreht sich der Vogel um und fliegt – so schnell er kann – davon.

Sich getragen wissen oder nicht – das ist ein himmelweiter Unterschied. Wer weiß, dass der Himmel trägt, der kann sich ihm überlassen, und er ist ganz frei in seinem Element und seines Lebens froh. Wer sich nicht getragen weiß, der bildet sich schließlich ein, er müsse die Welt und den ganzen Himmel tragen. Es gibt die überanstrengten Weltverbesserer (auch in der Kirche), die alles machen wollen, mit verbissenen Gesichtern, ohne eine Spur von Freude. Sie meinen, sie müssten die Welt retten, und vergessen dabei, dass sie längst gerettet ist. Gott hält sie in seinen Händen und uns dazu.

Und das sollte kein Grund zur Freude sein? Der Grund! Da liegt unsere Stärke. Nirgendwo sonst! Vielleicht ist das gerade unsere Schwäche, dass wir uns von der Freude an Gott zu wenig erfassen lassen, dass wir gar nicht wissen, wo unsere Stärke ist.8

Von Gott angenommen

Das Entscheidende im Leben können wir uns nicht selbst geben. Dass wir absolut geliebt und angenommen sind, trotz unserer Grenzen und über den Tod hinaus, das ist nicht zu machen. Das können wir uns nicht einreden! Das können wir uns nur sagen lassen von dem, der über den Dingen steht und über der Welt, der Schuld und Tod überragt. Das ist geschehen. Dafür steht der Name Jesus Christus. In ihm hat Gott uns angenommen.

Kaum zu glauben! Nicht zu fassen! Ein Geschenk des Himmels. Hat das etwas mit dem Leben zu tun? Und ob! Wir wissen doch, was das bedeutet, ob ein Kind von den Eltern angenommen ist oder nicht. Das ist lebensentscheidend. Ahnen Sie, was das heißt, ob ich mich von Gott angenommen weiß oder nicht? Das ist lebensentscheidend. Das ist wie ein Vorzeichen vor der Klammer, es betrifft das Ganze.

Lange bevor eine Mahnung oder gar ein Befehl ergeht, darf ich mir das sagen und gesagt sein lassen: Du bist geliebt, du bist angenommen. Jeder von uns kann sich das sagen (und es ist gut, dass er das tut, dass er diese Wahrheit tief in sich hineinlässt): Ich bin angenommen. Wert und Anerkennung muss ich mir nicht selbst verschaffen; ich brauche sie mir nicht von anderen zu erbetteln oder zu erzwingen. Sie sind mir von Gott geschenkt. Ich bin ihm trotz meiner Grenzen und Erbärmlichkeiten liebenswert genug. Darum darf ich der sein, der ich bin. Ich brauche anderen und mir selbst nichts vorzumachen. Ich darf mich annehmen, ohne rot zu werden, ohne Wehleidigkeit und Selbstbemitleidung. Wer sich selbst madig macht, wird kaum einen anderen annehmen und erst recht nicht bei sich aufnehmen können. Wer sich selbst nicht riechen kann, »stinkt« auch den anderen.

Wir sind von Gott angenommen. Das ist das Erste und Wichtigste. Alles Weitere kommt von dorther. Als Angenommene können wir einander annehmen. Als Getragene können wir einander tragen.9

Denkanstöße

♦Der Mensch, der sich nicht im Letzten gehalten weiß, der Gott nicht im Rücken hat, dem sitzt schnell die Angst im Nacken und treibt ihn immer höher hinaus. Was für eine Art von »Fortschritt« findet dabei statt?

♦Der Mensch mit dem Gotteskomplex, dem Größenwahn, wie Gott sein zu wollen, wird un-menschlich. Missverstandene Selbstverwirklichung führt in die Selbstvernichtung.

♦Wir sind eingeladen zu einem Leben, das Gott die Ehre gibt. Das ist der Weg, den unmenschlichen, selbstzerstörerischen Gotteskomplex zu durchbrechen.

♦»Mach’s wie Gott, werde Mensch!«, ein Mensch, der die Grenzen seines Menschseins anerkennt und Gott die Ehre gibt. So dient er dem Frieden.

♦Je mehr Raum wir Gott geben, desto menschlicher wird die Welt!

»… den Vater«

Wenn Gott unser Vater ist, bleiben wir dann ein Leben lang unmündige, seinem Wohlwollen und Urteil ausgesetzte Kinder?

Vergessen wir nicht, dass der Titel »Vater« für Gott nur ein Bild ist, welches durch entsprechende Lebenserfahrungen zum Zerrbild entstellt worden sein kann, mütterliche Seiten übersehen mag und immer zu kurz greift.

Eine geglückte Eltern-Kind-Beziehung ist von Gegenseitigkeit geprägt; durch feinfühlige Fürsorge entsteht Urvertrauen und eine sichere Basis. Von da aus kann das heranwachsende Kind seine Welt Stück für Stück erkunden und sich zu eigen machen. Die elterliche Zuwendung zielt auf Selbstständigkeit.

»Kinder Gottes«, das Wort ist nicht von gestern, es gilt für heute und für morgen. Wir empfangen das Leben von ihm, wir brauchen es nicht selbst zu schaffen. In diesem Vertrauen nennen wir Gott unseren Vater. Aber damit ist nicht alles gesagt. Die Erde ist nicht Gottes Kindergarten. Hier ist nicht von Kindsköpfen die Rede, sondern von »Erben Gottes und Miterben Christi«.

Sicher gebundene Menschen sind in sich gefestigt. Sie sind in der Lage, von eigenen Dringlichkeiten abzusehen, wenn es erforderlich ist. Sie sind frei für die Übernahme von Verantwortung und für die Gestaltung verbindlicher Beziehungen.

Gottes Geist stärkt uns den Rücken zum aufrechten Gang, in der Kirche und in der Welt.

Söhne und Töchter Gottes

Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, sodass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. (Röm 8,14–17)

Wes Geistes Kind sind wir? Wir sind Kinder unserer Zeit, sagen wir oft. Des Zeit-Geistes? Paulus denkt anders: »So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind« (Röm 8,16). Kinder unserer Zeit – Kinder Gottes.

Kinder Gottes?

Wir sind doch schließlich keine Kinder mehr. Wir sind erwachsene Frauen und Männer. »Kinder Gottes« – sollen wir Kinder bleiben? Das ist unter scheinbar frommen Vorzeichen oft genug versucht worden. Denken Sie nur an die »Pfarrkinder«, an den »Abbé«, den »Pater«, den »Heiligen Vater«. Dieser Sprachgebrauch hat nicht selten kindliche, ja kindische Abhängigkeit religiös eingeübt und die Reifung im Glauben behindert.

Mein Vater war ein einfacher Bauer. Ich habe noch in den Ohren, dass er nicht selten nach dem Sonntagsgottesdienst ärgerlich sagte: »Der Pastor predigt, als wären wir Kinder.« Er sah sich mit seinen über 80 Jahren eines christlichen Lebens nicht ernst genommen.

Liegt das nur an bestimmten kirchlichen Strukturen oder Personen? Oder macht der Glaube selbst unmündig? Die Religionskritik der Neuzeit (Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud) sagt: Der Glaube verhindert, dass der Mensch zu sich selbst kommt; er macht ihn unmündig. »Das Ganze ist so offenkundig infantil, so wirklichkeitsfremd, dass es einer menschenfreundlichen Gesinnung schmerzlich wird zu denken, die große Mehrheit der Sterblichen werde sich niemals über diese Auffassung des Lebens erheben können« (Sigmund Freud). Im Ernst, kann man das noch sagen: »Kinder Gottes«? Was ist das für ein Geist, der uns »Abba, Vater« rufen lässt? Sind wir da von allen guten Geistern verlassen?

Erwachsen werden

Vor Jahren sprach man von der »vaterlosen Gesellschaft«. Wir haben unsere Erfahrungen damit. Wer meint, sich an allen Ecken und Enden gegen die Väter (und auch gegen die Mütter) auflehnen zu müssen und den Autoritätskonflikt auf Dauer stellt, verpasst schließlich die Chance, sich in Beziehungen und Bindungen einzuüben. Er wird immer infantil bleiben; wie diejenigen, die sich hinter übergroße Väter oder Mütter oder dergleichen Institutionen verstecken und nicht wagen, sich zu lösen und freizuschwimmen, nie erwachsen werden.

So oder so, der Verlust eines wirklichen Gegenübers hat ungeahnte Folgen. Das Beziehungsgefüge im Spannungsfeld von Distanz und Nähe gerät aus den Fugen. Wo Freiheit nur als Unabhängigkeit verstanden wird und jede Bindung suspekt ist, da geht schließlich nicht nur die Freiheit verloren. Menschen werden unfähig zur Verantwortung, zur Solidarität (»Entsolidarisierung«), zu verbindlicher Liebe. Die Anonymität wächst. Und schließlich werden Beziehungen zu Dingen (Computern) wichtiger als zu Menschen. Oder wird Narziss, der Göttersohn aus der griechischen Mythologie, zum Schlüsselbild unserer Gesellschaft? Zur Mittagszeit sitzt er am Brunnen und entdeckt sein eigenes Spiegelbild auf dem Wasser. Er verliebt sich darin – und verschmachtet!

Es ist die Aufgabe unseres Lebens, zu reifen und erwachsen zu werden, so mühsam und schmerzhaft das oft auch ist. Doch wir sind und bleiben Kinder unserer Väter und Mütter, auch wenn wir 100 Jahre alt werden. Kind ist man nicht durch Arbeit oder Verdienst, sondern von Geburt her, biologisch, psychologisch, existenziell. Keiner hat sich selbst gemacht. Wir verdanken uns nicht unserer Entscheidung. Manche hadern damit und sagen: Ich bin doch gar nicht gefragt worden. In der Tat, wir sind uns vorgegeben. Das bestimmt unser ganzes Dasein.

Ja zum Kind in uns

»Kinder Gottes«, das Wort ist nicht von gestern, es gilt für heute und für morgen. Es deutet an, dass Gott uns immer voraus ist und bleibt. Wir empfangen das Leben von ihm, wir brauchen es nicht selbst zu schaffen. Die »Macher« leben in der Knechtschaft ihrer eigenen Leistung, ständig unter Druck. Wir empfangen das Heil von Gott, wir können und müssen uns nicht selbst erlösen. Zu uns selbst finden wir nicht, indem wir (wie Narziss) in den Brunnen schauen und uns in unser eigenes Bild verlieben. Gott sieht uns an, das gibt uns Ansehen. »Ich bin geliebt, also bin ich!«

In diesem Vertrauen rufen wir: »Abba, Vater!« (Röm 8,15). Wir haben es nicht nötig, uns mit Zähnen und Klauen gegen einen Über-Vater-Gott emanzipieren zu müssen. Die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind von solchen Rechtfertigungs-zwängen befreit. Wo dieser Geist weht, da ist Luft zum Atmen, zum Aufatmen. Da regt sich was, da wird’s kreativ durch den creator spiritus.

Erben Gottes

Kinder Gottes, ja! Aber damit ist nicht alles gesagt. Die Erde ist nicht Gottes Kindergarten. Gott hält seine Kinder nicht klein und abhängig, er lässt sie in seiner Nähe groß werden und frei, erwachsen, mündig. Er entscheidet nicht einfach über die Köpfe hinweg: »Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, … ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen [und Töchtern] macht« (Röm 8,15). Hier ist nicht von Kindsköpfen die Rede, sondern von »Erben Gottes und Miterben Christi« (Röm 8,17). Erben sind die, denen ich alles anvertraue, was mir am Herzen liegt. Ich traue ihnen zu, dass sie eigenständig und verantwortlich damit umgehen.

»Wir sind Miterben Christi«, mit allen Hypotheken: »Wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden« (Röm 8,17). Gottes Geist bindet uns ein in die Solidarität mit dem Leiden Jesu, dem Leiden an der Schöpfung. Ein Geist, der sich um diese Seite der Realität drückt, der einen Bogen macht um die dunkle Seite unserer Erfahrungen, der nicht gerade im Tal des Todes das Banner der Hoffnung aufrichtet, kann Gottes Geist nicht sein. – Kein leichtes Erbe, aber ein kostbares. Gottes Geist befähigt uns, dieses Erbe anzutreten.

Wenn Gott uns so sieht, als erwachsene Söhne und Töchter, als Erben, muss man das nicht spüren in der Kirche? Wir können uns doch nicht anders sehen, als Gott uns sieht. Wir können und dürfen doch nicht nach dem überholten Schema von Sklavenhaltern verfahren. Wir dürfen auch nicht so tun, als seien wir immer noch im Kindergarten. Und Gott will nicht, dass einige Erbhöfe verwalten und andere abhängig halten. Alle sind wir »Erben Gottes und Miterben Christi«. Das gilt nicht wegen des gewachsenen Demokratiebewusstseins heute, sondern weil Gottes Geist das bezeugt. Für Getaufte gibt es nur mehr geschwisterliche Instanzen (vgl. auch Mt 23,9), ohne Autoritätshörigkeit, ohne Unterwürfigkeit und Ängstlichkeit. Gottes Geist stärkt uns den Rücken zum aufrechten Gang, in der Kirche und in der Welt.10

Viele Generationen von Christen mussten mit dem Bild des strengen, gerechten Patriarchen leben, der unendlich weit, unerreichbar und zugleich kontrollierend, bewertend jede Lebensregung überwacht. Dieser »Vater im Himmel« war zum Fürchten. Dabei finden sich schon im Alten Testament Texte, die eine andere Sprache sprechen:

Gott ist wie eine Mutter zu seinem Volk. Gott lässt sich letztlich von mütterlicher Barmherzigkeit leiten. Gott richtet das Böse. Das Wort vom Gericht gehört unveräußerlich zu unserem Glaubensbekenntnis. Aber sein letztes Wort ist ein überwältigendes, unbegründbares, »unvernünftiges« Erbarmen.

Das Gottesbild, das sich durch Jesus im Neuen Testament erschließt, schildert einen liebevollen Vater, der Umkehr ohne Gesichtsverlust ermöglicht und sich für die Zugehörigkeit jedes Einzelnen einsetzt.

Ins Herz geschlossen

Gott ist wie eine Mutter zu seinem Volk – das sagt der Prophet Hosea (11,1–9) zu Israel, dem Volk Gottes. Darin ist auch das neue Gottesvolk angesprochen. Gott hat Israel in sein Herz geschlossen. Er hat das Volk zu sich gerufen, aus Ägypten.

Ägypten ist der Inbegriff von Knechtschaft und Sklaverei. Da kommt Israel her, von Gott höchstpersönlich gefreit. Er stellt es auf die Beine, er lehrt es die Schritte in die Freiheit, den ganzen Weg durch die Wüste. Rührend, wie Gott sich seines Volkes annimmt: »Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen« (Hos 11,4).

Doch jetzt kommt das Ungeheuerliche. Es ist einfach nicht zu fassen: Israel/Kirche, so geliebt und gefreit, wendet sich ab: »Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg« (Hos 11,2). Es ist nicht zu glauben, aber so ist es: Israel geht fremd, es wendet sich dem Baal zu (Hos 11,7), dem Götzen des Erfolges und der naturwüchsigen Kraft. Der Tanz um das goldene Kalb …

Was soll man da tun? Einfach laufen lassen? »Wenn du es nicht anders willst, dann lauf doch weg. Du kannst mir gestohlen bleiben.« So redet Gott nicht. Was tun? Es ist zum Heulen! Der »glühende Zorn« (Hos 11,9) steigt hoch. Es kocht in ihm, man merkt’s den Worten an: »Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel? … Mein Herz wendet sich gegen mich, meine Barmherzigkeit/mein Mutterschoß entbrennt« (Hos 11,8).

Gott lässt sich somit letztlich nicht vom starken Mann leiten, sondern von der mütterlichen Barmherzigkeit. Akzeptieren wir das? Heute möchte niemand mehr von »Gnade und Barmherzigkeit« leben. Aber wovon leben wir denn? Vom Recht? Bei aller Liebe zum Recht, ich kann vor kein Gericht der Welt gehen und sagen: »Ich klage dich an, dass du mich nicht liebst. Ich klage dich an, dass du nicht barmherzig bist zu mir.« Liebe und Barmherzigkeit gehen über das Recht hinaus. Und vielleicht ahnen wir, wohin wir kommen, wenn wir von der Barmherzigkeit nichts mehr wissen wollen. Dann stirbt der Mutterschoß, aus dem wir alle hervorgegangen sind und leben.11

Wie geht Gott mit dem Bösen um?

Wer unser Gott ist, offenbart sich ganz wesentlich in der Art, wie wir – in Gesellschaft und Kirche – mit dem Bösen umgehen. Christen sind ja nicht die Einzigen, die sich um das Böse Gedanken machen. Justiz und Erziehung, Literatur, Kunst und Therapie, Politik und Wissenschaft können sich ebenso wenig der Frage entziehen, was unter uns »gut« und was »böse« heißen soll und warum wir uns gegenseitig so fundamental bedrohen, um das Glück unseres Lebens betrügen und am Leben behindern. Gerade weil der Kampf gegen das Böse kein Monopol der Kirche ist, stellt sich die Frage: Was ist das Böse, wenn wir auf Gott angewiesen sind, um damit fertig zu werden? Und wer ist Gott, dass wir auf ihn angewiesen sind, um mit dem Bösen fertig zu werden? Wie geht Gott damit um? Gott richtet – sagt unser Glaube und bekennt damit, dass kein Vergehen so geheim und keine Bosheit so subtil ist, dass sie nicht von ihm zur Rechenschaft gezogen würde. Das Wort vom Gericht gehört unveräußerlich zu unserm Glaubensbekenntnis.

Gott ist der Anwalt des Abel, wo immer er auf dieser Erde unter den Schlägen seines Bruders Kain verblutet. Aber – und hier offenbart sich die Paradoxie der biblischen Rede von Gott – der Gott, der den Abel rächt, erbarmt sich auch des Kain (Gen 4,10-15). Der Gott, dessen Gesetz die Gerechten von den Sündern trennt, »lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (Mt 5,45). Darum nimmt sich Jesus die Freiheit, mit Zöllnern und Dirnen zu essen. So weiß er sich als der Sohn, und so ruft er uns auf, »vollkommen zu sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist« (Mt 5,48). Gott richtet, aber sein letztes Wort ist ein überwältigendes, unbegründbares, »unvernünftiges« Erbarmen.12

Zuvorkommend