Macht und soziale Intelligenz - Michael Pauen - E-Book

Macht und soziale Intelligenz E-Book

Michael Pauen

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Beschreibung

Demokratien können auch durch die Mehrheit der Bevölkerung in Frage gestellt werden. Eine demokratische Gesellschaft schien lange Zeit die attraktivste Organisationsform für Bürger zu sein. Doch der Rückhalt für Demokratien sinkt – weltweit. In seiner Studie untersucht Michael Pauen, warum sich Menschen immer wieder für politische Systeme entschieden haben, die im Widerspruch zu ihren eigenen Interessen standen. Ausgehend von einem richtig verstandenen Machtbegriff und in Rückgriff auf Erkenntnisse über Primaten und frühe Gesellschaften zeigt Pauen, dass Macht nicht in Gewalt, sondern durch Konsens besteht und soziale Intelligenz voraussetzt. Ein Verständnis ihrer Rolle ist zentral, um die gegenwärtige politische Lage zu begreifen. Denn eines dürfte klar sein: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.

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Michael Pauen

Macht und soziale Intelligenz

Warum moderne Gesellschaften zu scheitern drohen

FISCHER E-Books

Inhalt

EinführungErster Teil Eine sozialpsychologische Theorie der MachtI. Kapitel GrundlagenII. Kapitel Sozialpsychologie der Macht1. Sozialpsychologische Erkenntnisse2. Verhaltenstheorie der Macht3. Fallstudie: Soziale Intelligenz und Egalitarismus in frühen menschlichen GesellschaftenIII. Kapitel Ökonomische und kulturelle Einflüsse1. Fallstudie: Die Neolithische Revolution2. Macht und ökonomische Ungleichheit3. Systematische StudienFazit: Psychologische und ökonomische MechanismenZweiter Teil Geschichte und Gegenwart von MachtIV. Kapitel Ökonomische und psychologische Faktoren in historischen Fallstudien1. Die Entstehung der Demokratie in Griechenland2. Das Römische Reich3. Die Entwicklung des Feudalsystems im Mittelalter4. Der Schwarze Tod: Pestepidemien im 14. und 15. Jahrhundert5. Weitere Entwicklung bis zum 19. JahrhundertZwischenbilanzV. Kapitel Das Zeitalter der Weltkriege und Revolutionen1. Die Zeit der großen Kriege2. Die Nachkriegszeit3. Sozialpsychologie4. Das Ende des Kalten KriegesVI. Kapitel Modernisierung und Rechtspopulismus in der Gegenwart1. Individualisierung und Schwächung des inneren Zusammenhalts2. Ungleichheit und Globalisierung3. Ökonomie des Rechtspopulismus4. Psychologie des RechtspopulismusFazit – Was kann man tun?NachwortLiteratur

Einführung

Das Ultimatumspiel

Sind wir Menschen wirklich Egoisten? Die Frage ist seit jeher umstritten. Philosophen, Religionsstifter und Psychologen haben sich darüber jahrhundertelang den Kopf zerbrochen. Zu einer Einigung haben sie es nicht gebracht. Doch es gibt ein einfaches Spiel, das mehr über uns verrät als endlose Debatten. Das Spiel heißt Ultimatumspiel, und es ist in den achtziger Jahren von Werner Güth, einem Kölner Wirtschaftswissenschaftler, eingeführt und seitdem vielfach wiederholt worden. Es gibt zwei Teilnehmer: Der Anbieter erhält eine bestimmte Summe, sagen wir 10 Euro, die er mit dem zweiten Spieler, dem Empfänger, teilen soll. Wie der Anbieter sie teilt, ist seine Sache. Der Empfänger kann den Betrag annehmen oder ablehnen. Nimmt er ihn an, dann erhalten beide ihren Anteil; lehnt der Empfänger den Betrag ab, gehen beide leer aus. Danach ist das Spiel zu Ende; eine zweite Runde gibt es nicht.

Wären Menschen tatsächlich reine Egoisten, dann wäre die Sache klar. Der Anbieter würde so wenig abgeben, wie eben möglich, denn dann käme er am besten weg. Der Empfänger würde jeden Betrag akzeptieren. Auch ein kleiner Betrag wäre schließlich besser als gar nichts. Affen, mit denen man das Experiment gemacht hat, verhalten sich in der Tat so: Die Anbieter behalten so viel wie eben möglich, und die Empfänger nehmen, was sie bekommen – nur wenn sie leer ausgehen, weisen sie das Geschäft zurück.

Menschen verhalten sich ganz anders. Als Anbieter überlassen sie ihren Mitspielern zwischen 40 und 50 % der Summe – als Empfänger verlangen sie mindestens 20 % – sonst weisen sie das Angebot zurück. Offensichtlich orientieren Menschen sich damit an Fairnessprinzipien, und sie verzichten dabei – als Anbieter und als Empfänger – auf mögliche persönliche Vorteile: Reiner Egoismus sieht anders aus. Immerhin käme der Anbieter in der Regel auch durch, wenn er eine geringere Summe abgeben würde. Und der Empfänger ist bereit, auf einen Gewinn zu verzichten, wenn das Angebot unfair ist. Offenbar will er den Anbieter, der in diesem Falle ebenfalls leer ausgeht, veranlassen, beim nächsten Mal ein besseres Angebot zu machen – auch wenn der Empfänger selbst dann keinen Vorteil daraus ziehen wird: Das Spiel ist, wie gesagt, nach einer Runde zu Ende. Affen interessieren sich offenbar nicht für Fairness – die Empfänger weisen unfaire Angebote im Allgemeinen nicht zurück. Doch selbst wenn sie es tun, lernen die Anbieter nicht, sondern bleiben bei ihrer Linie.

Das Experiment liefert einen ersten Hinweis auf ein Phänomen, das im Folgenden eine zentrale Rolle spielen wird: Menschen unterscheiden sich von Affen vor allem durch ihre höhere soziale Intelligenz. Soziale Intelligenz ist die Fähigkeit, die Beziehungen in einer Gruppe so zu regeln, dass das Zusammenleben gut funktioniert und möglichst wenig Konflikte entstehen. Fairness ist eine wesentliche Voraussetzung dazu: Wer seinen Partner übers Ohr haut, braucht sich nicht zu wundern, wenn er beim nächsten Mal alleine dasteht. Doch faires Handeln ist gar nicht so einfach: Man muss eine Vorstellung davon haben, was dem anderen zusteht, man muss sich selbst so unter Kontrolle haben, dass man dem anderen tatsächlich übrig lässt, was ihm zusteht. Schließlich sollte man einen Blick dafür haben, ob andere sich an die Regeln halten – und notfalls eingreifen, wenn sie das nicht tun. Mit anderen Worten: Es ist schon ein gewisses Maß an sozialer Intelligenz erforderlich, wenn sich Fairness wirklich in einer Gruppe durchsetzen soll.

Unterschiede in sozialer Intelligenz können drastische Konsequenzen haben – erkennbar ist dies an den großen Unterschieden zwischen Affenhorden und frühen menschlichen Gesellschaften. Affenhorden sind in der Regel streng hierarchisch aufgebaut. Ein Alphamännchen steht an der Spitze und hat den ersten Zugriff auf Nahrung und Sex. Die Kooperation zwischen den Mitgliedern der Horde dagegen hält sich in engen Grenzen. Steinzeitliche Horden von Jägern und Sammlern dagegen sind nach allem, was wir wissen, halbwegs egalitär. Anführer, wenn es sie denn gibt, verfügen nur über eine begrenzte Macht. Überschreiten sie ihre Grenzen, dann müssen sie mit dem Widerstand der anderen Gruppenmitglieder rechnen. Zudem herrscht hier ein hohes Maß an Kooperation. Die Mitglieder steinzeitlicher Horden gehen nicht nur zusammen auf die Jagd oder geben ihre Kenntnisse weiter; sie teilen auch ihre Beute und ihre Werkzeuge miteinander.

Menschen gewinnen damit eine ganze Reihe von wichtigen Vorteilen: Wer seine schnell verderbliche Beute teilt, statt sie verkommen zu lassen, kann damit rechnen, bei der nächsten Gelegenheit etwas von der Beute anderer Gruppenmitglieder abzubekommen. Angesichts der Launenhaftigkeit des Jagdglücks hat das beträchtliche Vorteile. Doch egalitäre, kooperative Gesellschaften sind viel komplexer als strenge Hierarchien. Wenn man seine Beute mit anderen teilt, muss man immer ein wenig im Blick behalten, wer zur Gemeinschaft beiträgt und wer nicht. Genau diesem Zweck dient die Orientierung an Fairnessprinzipien, wie Menschen sie im Ultimatumspiel zeigen. Doch auch einige übel beleumundete Emotionen wie Neid und Missgunst spielen offenbar eine wichtige Rolle für unsere soziale Intelligenz – sie dürften uns dazu motivieren, die Unterschiede und Ungerechtigkeiten in menschlichen Gesellschaften nicht überhandnehmen zu lassen. In frühen Phasen unserer Geschichte geschah dies sehr langsam, danach aber hat sich dieser Entwicklungsprozess immer weiter beschleunigt.

Machtstrukturen

Erkennbar wird damit die zentrale These dieser Arbeit: Machtstrukturen basieren nicht primär auf Gewalt, sondern auf sozialer Intelligenz. Und sie dienen dazu, das Verhalten der Gruppenmitglieder zu koordinieren, Konflikte zu vermeiden und Kooperationen zu ermöglichen. Nicht aus moralischen oder ideologischen Gründen, sondern weil es schlicht für alle besser ist. Um einander zu verprügeln, braucht man schließlich keine stabilen sozialen Beziehungen, und auch die Anforderungen an die Intelligenz der Kontrahenten sind eher moderat: Was man wirklich benötigt, sind Muskeln, ein paar Fäuste und vielleicht zwei stabile Knüppel. Doch gewaltsame Konflikte haben ihren Preis: Im günstigsten Fall verschwendet man Zeit und Energie, in weniger günstigen Fällen gibt es ernsthafte Verletzungen, oder man riskiert gar sein Leben. Und auch für Kooperationen sind solche Auseinandersetzungen eher hinderlich.

Machtstrukturen, so werde ich im Folgenden zeigen, versuchen, das soziale Zusammenleben so zu regeln, dass derartige Auseinandersetzungen vermieden werden. Damit schaffen sie gleichzeitig bessere Bedingungen dafür, dass eine Gruppe ihren eigentlichen Zweck erfüllen kann, nämlich dass sie die Zusammenarbeit ihrer Mitglieder erleichtert. In beiden Fällen, bei der Kooperation ebenso wie bei der Vermeidung von Konflikten, spielt soziale Intelligenz die zentrale Rolle.

Soziale Intelligenz und die mit ihr möglichen Formen der Kooperation und Konfliktregulation machen es auch möglich, dass Menschen voneinander lernen und damit ihre Gesellschaft und ihre Kultur weiterentwickeln. Menschliche Gesellschaften wurden damit immer komplexer und meist auch größer. Es brauchte daher ein höheres Maß an sozialer Intelligenz, wenn Konflikte und Koordinationsprobleme nicht zunehmen sollten.

Offenbar kann hier eine Art Rüstungswettlauf in Gang kommen: Soziale Intelligenz kann die Kooperation verbessern und damit die Entwicklung einer Gesellschaft vorantreiben. Die Gesellschaft wird größer und komplexer, doch das erfordert mehr soziale Intelligenz. Gelingt eine solche Steigerung der sozialen Intelligenz nicht, dann können sich die Konflikte wieder verstärken, und die Kooperation nimmt ab. Wir werden sehen, dass wir gerade heute mit diesem Problem zu tun haben.

Konflikte und ökonomische Entwicklungen

Menschliche Gesellschaften existieren nicht im luftleeren Raum; ihre Entwicklung wird von einer Vielzahl äußerer Bedingungen geprägt. Besondere Bedeutung haben dabei zwei Faktoren. Zum einen haben äußere Konflikte einen wichtigen Einfluss auf Gruppenstrukturen. Unter äußerem Druck rücken Gruppen zusammen, begraben interne Konflikte und unterstützen schwächere Mitglieder: Äußerer Druck spielt z.B. bei der Entstehung der Demokratie in Griechenland eine wichtige Rolle, aber auch bei der Entwicklung von Wohlfahrtssystemen nach den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts. Sind die Konflikte vorbei, dann passiert das Gegenteil: Die Mitglieder rücken auseinander, und die Zahl der inneren Konflikte nimmt zu.

Dabei kommt der zweite Faktor ins Spiel: die ökonomische Entwicklung, insbesondere die Entwicklung der ökonomischen Ungleichheit. Die Jäger und Sammler der Steinzeit besaßen in der Regel gerade so viel, wie sie zum Leben benötigten – mehr konnten sie auf ihren Wanderungen auch gar nicht mitnehmen. Für ökonomische Unterschiede war auch deshalb einfach kein Raum. Doch mit der Einführung von Ackerbau und Viehzucht sowie dem Beginn der Sesshaftigkeit in der Neolithischen Revolution vor ca. 12000 Jahren ändert sich das: Der Getreideanbau produziert Überschüsse, die sich zudem länger lagern lassen, auch weil man nicht mehr umherzieht. Ökonomische Ungleichheit entsteht, und die lässt sich leicht in politische Ungleichheit umsetzen: Wer mehr besitzt, vergrößert auch seinen politischen Einfluss.

Ökonomische und politische Macht konzentrieren sich nach der Neolithischen Revolution in bestimmten Schichten. Und das geschieht von nun an mit einer gewissen Regelmäßigkeit: In Zeiten der Stabilität werden die Reichen nicht nur immer reicher, vielmehr gewinnen sie damit auch mehr politische Macht. Da diese Zusammenballung von Reichtum und Macht das Gruppenleben in vielfacher Weise behindert, werden immer wieder neue Versuche unternommen, die Entstehung von Ungleichheit zu verhindern.

Gesellschaftliche Institutionen

Doch wie lässt sich soziale Intelligenz steigern? Die Entwicklung der sozialen Intelligenz jedes einzelnen Individuums ist vor allem ein Werk der Evolution, doch auf die Evolution können wir uns kaum verlassen. Sie braucht viel zu lange, zudem arbeitet sie mit sehr zweifelhaften Methoden: Wer nicht angepasst ist, muss damit rechnen umzukommen. Doch soziale Intelligenz lässt sich auch auf eine andere Weise weiterentwickeln, nämlich so, wie wir auch andere wissenschaftliche, kulturelle oder technische Fähigkeiten vervollkommnen: Indem wir unsere Erfahrung nutzen, das Gelernte von Generation zu Generation weitergeben und damit Regeln und Institutionen entwickeln, die auf unseren Stärken aufbauen und unsere Schwächen zu kompensieren versuchen.

Am Beginn dieser Entwicklung stehen dabei vor allem Strategien, die den Zusammenhalt der Gruppenmitglieder untereinander, aber auch ihre Bindung an die Gruppe verstärken. Dazu gehören z.B. gemeinsame Mythen und Rituale, Trachten oder ein für die Gruppe charakteristischer Körperschmuck. Auch religiöse Überzeugungen, die die Gruppe selbst, ihre Führer oder ihre Gesetze auf höhere Mächte zurückführen, tragen entscheidend zum Zusammenhalt einer Gruppe bei. Einen weiteren Schritt markiert dann die Entwicklung rechtlicher Prinzipien und demokratischer Institutionen in der griechischen und römischen Antike. In neuerer Zeit kommen das staatliche Gewaltmonopol und die Gewaltenteilung hinzu.

Die These

Kurz zusammengefasst – und damit massiv vereinfacht – lautet die zentrale These dieses Buches, dass Machtstrukturen der Koordination und Konfliktvermeidung dienen und dass sie dies vor allem mit Mitteln der sozialen Intelligenz erreichen. Anders als von vielen klassischen Theoretikern wie Thomas Hobbes oder Max Weber behauptet, basiert Macht also nicht auf Gewalt. Ganz im Gegenteil: Sie basiert auf psychologischen, genauer sozialpsychologischen Fähigkeiten, und sie dient nicht zuletzt der Zurückdrängung von Gewalt. Machtstrukturen stehen dabei immer unter dem Einfluss äußerer Faktoren. Während äußere Konflikte dazu führen, dass Gruppenmitglieder zusammenrücken und besser zusammenarbeiten, führen ökonomische Fortschritte häufig zu größeren sozialen Unterschieden und belasten damit den Zusammenhalt. Zudem können ökonomische Entwicklungen dafür sorgen, dass Gruppen größer und komplexer werden. Sie stellen damit höhere Anforderungen an die Koordination und drohen die soziale Intelligenz zu überfordern. Menschliche Gesellschaften können diesen Anforderungen jedoch gerecht werden, indem sie Institutionen und Regeln entwickeln, die das Zusammenleben erleichtern. Zu diesen Institutionen gehören z.B. Religionen, Rechtssysteme, aber auch die Demokratie. Sie können dazu führen, dass sich neue Spielräume zur Weiterentwicklung der eigenen Kultur und damit auch zur Ausweitung des Handlungsspielraums breiter Bevölkerungsschichten ergeben. Wird eine Gesellschaft diesen Anforderungen nicht gerecht, dann können Konflikte ausbrechen, was im Extremfall zum Zerfall einer Gesellschaft führen kann.

Stimmt diese Analyse in ihren Grundzügen, dann kann sie nicht nur einen Schlüssel zum Verständnis von Machtstrukturen und ihren Entwicklungen liefern. Wenn Macht ein sozialpsychologisches Phänomen ist, dann sollte ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen auch Möglichkeiten schaffen, Fehlentwicklungen zu erkennen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Dies gilt insbesondere für die rechtspopulistischen Bewegungen, die in den letzten Jahren in praktisch allen westlichen Ländern auf dem Vormarsch sind. Ich werde versuchen zu zeigen, dass auch hier sozialpsychologische Faktoren eine zentrale Rolle spielen: Die Ängste und Ressentiments, die diese Bewegungen motivieren, lassen sich verstehen als Symptom einer Überforderung der sozialen Intelligenz: aufseiten der Rechtspopulisten selbst, die von der Komplexität, aber auch von den Unsicherheiten einer globalisierten, hochindividualisierten Gesellschaft überfordert sind, aber auch aufseiten der liberalen Mehrheitsgesellschaft, der es bislang nicht gelungen ist, die Funktionsfähigkeit unserer sozialen und politischen Strukturen unter diesen Bedingungen sicherzustellen.

Aufbau

Das vorliegende Buch gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil wird eine sozialpsychologische Theorie der Macht entworfen, im zweiten Teil wird diese Theorie in historischen Fallstudien überprüft und dann zur Analyse der gegenwärtigen Situation verwendet. Im ersten Kapitel des systematischen Teils sollen zunächst zentrale Begriffe wie »Macht« und »soziale Intelligenz« geklärt werden. Im zweiten Kapitel werden dann die psychologischen Mechanismen untersucht, die der Entstehung von Machtstrukturen zugrunde liegen. Dabei geht es nicht nur um sozialpsychologische Erkenntnisse über die Funktion menschlicher Gruppen. Auch der Einfluss äußerer Konflikte auf den inneren Zusammenhalt von Gruppen soll hier thematisiert werden. Wichtig sind auch Erkenntnisse über den Zusammenhang von sozialer Intelligenz und Macht, die sich aus einem Vergleich unterschiedlicher Machtstrukturen bei sozial lebenden Tieren gewinnen lassen. Schließlich wird sich das dritte Kapitel mit dem Einfluss ökonomischer Faktoren, insbesondere der ökonomischen Ungleichheit, auf Machtstrukturen befassen. Neben systematischen Untersuchungen kommen hier auch Fallstudien z.B. zur sogenannten Neolithischen Revolution zu Wort. Dort zeigt sich, wie die Einführung von Privateigentum, Ackerbau und Viehzucht dafür sorgt, dass an die Stelle der egalitären Strukturen früher menschlicher Gesellschaften wieder klare gesellschaftliche Hierarchien treten.

Der zweite Teil beginnt mit Kapitel vier. Dort werde ich die zuvor gewonnenen Erkenntnisse über den Einfluss psychologischer und ökonomischer Faktoren zur Analyse einiger besonders wichtiger Phasen der Entwicklung menschlicher Machtstrukturen verwenden. So spielen z.B. die psychologischen Wirkungen äußerer Konflikte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Demokratie in Griechenland. Bauern und Bürger können hier demokratische Rechte einfordern, weil sie für die Kriegsführung in immer wieder neu aufflammenden Konflikten gebraucht werden. Erleichtert wird die demokratische Entwicklung aber auch durch das vergleichsweise geringe Maß der ökonomischen Ungleichheit in Griechenland.

Tatsächlich haben es egalitäre Machtstrukturen schwer, wenn die ökonomischen Ungleichgewichte zu groß werden. Fatal ist dies, weil die ökonomische Ungleichheit von Menschen schwer zu kontrollieren ist: Substantielle Einbrüche gibt es in der Regel nur bei großen Kriegen oder Katastrophen wie dem Zusammenbruch des Römischen Reiches.

In Kapitel fünf sollen dann die bislang gesammelten psychologischen, ökonomischen und historischen Erkenntnisse verwendet werden, um zu einem besseren Verständnis wichtiger Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zu gelangen. Beginnen werde ich dabei mit der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts, die paradigmatisch ist für die tiefgreifenden sozialpsychologischen Folgen großer Katastrophen.

Als Reaktion auf die Schrecken und Zerstörungen der Kriege, aber auch auf die fortwährende Bedrohung durch die atomare Vernichtung werden aufwendige Wohlfahrtssysteme eingerichtet, die den sozialen Zusammenhalt zunächst massiv verbessern, die ökonomische Ungleichheit reduzieren und soziale Konflikte entschärfen. Doch mit dem Verblassen der Erinnerung an die Schrecken des Krieges und dem Wegfall der äußeren Bedrohung durch den Warschauer Pakt werden diese Wohlfahrtssysteme nach dem Ende des Kalten Krieges zurückgefahren, die Ungleichheit steigt wieder an und der soziale Zusammenhalt verringert sich. Dies alleine vergrößert schon die Komplexität der westlichen Gesellschaften nach dem Ende des Kalten Krieges; zusätzlich verstärkt wird sie durch die zunehmende Individualisierung, die die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen immer weiter voneinander entfernt; schließlich erhöht die Globalisierung die Unsicherheiten für unterprivilegierte Gruppen und benachteiligt sie auch ökonomisch.

Sowohl die psychologischen wie auch die historischen Erkenntnisse, von denen bislang die Rede war, sprechen dafür, dass diese Bedingungen zu einer ernsthaften Gefährdung demokratischer Machtstrukturen führen können. Angesichts der überwältigenden Erfolge rechtspopulistischer Bewegungen in den letzten Jahren, so werde ich in Kapitel sechs zeigen, handelt es sich hierbei nicht nur um theoretische Spekulationen. Weil diese Bewegungen Strukturen und wichtige Konventionen demokratischer Systeme in Frage stellen, besteht hier offenbar eine echte Gefahr.

Die Entstehung des Rechtspopulismus lässt sich allerdings nicht allein auf objektive ökonomische und soziale Veränderungen zurückführen. Eine wichtige Rolle spielen hier die psychologischen Besonderheiten der rechtspopulistischen Wählerklientel. Sie reagiert auf Veränderungen und Unsicherheiten besonders stark mit Ängsten, zudem hat sie eine starke Neigung zu Ressentiments und autoritärem Denken. Es sind genau diese Dispositionen, die sich die Anführer rechtspopulistischer Bewegungen zunutze machen und damit unterprivilegierte Gruppen zur Wahl von Parteien verleiten, die mit ihren neoliberalen Programmen die ökonomische Situation ihrer eigenen Wähler weiter zu verschlimmern drohen.

Dieser Verstoß gegen die eigenen Interessen ist verhängnisvoll für demokratische Institutionen: Diese basieren auf der Annahme, dass Bevölkerungsgruppen eine dauerhafte Verletzung ihrer Interessen dadurch verhindern, dass sie ihre Bedürfnisse in den demokratischen Institutionen, vor allem also durch die Wahl geeigneter Interessenvertreter verhindern. Wenn rechtspopulistische Wähler aber Parteien wählen, die ihre sozialen Interessen verletzen, dann funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr: Der Staat scheint sich dauerhaft gegen sie zu stellen – die Ressentiments gegen die offenbar nutzlosen demokratischen Institutionen werden so weiter verstärkt.

Was die Rechtspopulisten selbst angeht, so zeigt sich an der Verletzung eigener Interessen auch, dass der Aufstieg dieser Bewegungen mit einer Überforderung sozialer Intelligenz zu tun hat. Dafür spricht zudem, dass die Anhänger dieser Bewegung mit ihrer Aversion gegen demokratische Spielregeln und ihren Ressentiments gegenüber Minderheiten Zusammenhalt und Funktion der Gesellschaft gefährden, auf die sie doch eigentlich angewiesen sind.

Ein besseres Verständnis der sozialpsychologischen Mechanismen, die dem Rechtspopulismus zugrunde liegen, erklärt im Übrigen auch, warum es wenig hilfreich ist, den Forderungen dieser Bewegungen entgegenzukommen. Man würde damit nur die Ängste und Ressentiments als berechtigt anerkennen und damit den rechtspopulistischen Bewegungen noch mehr Zulauf verschaffen. Doch das bedeutet nicht, dass wir dieser Entwicklung hilflos zuschauen müssten. Die Analyse zeigt vielmehr, dass wir an den ökonomischen und sozialen Veränderungen ansetzen müssen, denen diese Bewegungen ihren Ursprung verdanken: dem Verlust des sozialen Zusammenhalts, der damit verbundenen Ausgrenzung, aber auch den Unsicherheiten und Ängsten, die dadurch ausgelöst werden. Auch die Mehrheitsgesellschaft muss ihre soziale Intelligenz steigern, will sie ihr eigenes Scheitern verhindern. Anhand konkreter Beispiele werde ich zeigen, dass die angesprochenen Strategien tatsächlich wirksam sind.

 

Die Erfolge des Rechtspopulismus und die Gefährdung demokratischer Strukturen und Werte sind kein Schicksal, dem wir einfach ausgeliefert sind. Vielmehr handelt es sich um Indizien für tiefer liegende Fehlentwicklungen sozialer und ökonomischer Strukturen. Die Chancen, sie zu beheben, sind umso größer, je besser man die sozialpsychologischen und ökonomischen Mechanismen versteht, auf denen Machtstrukturen basieren.

Genau das ist das Thema dieses Buches.

Erster TeilEine sozialpsychologische Theorie der Macht

I. KapitelGrundlagen

Soziale Intelligenz

Es wird in diesem Buch also um Macht und soziale Intelligenz gehen. Doch was ist Macht? Und was ist soziale Intelligenz? Beginnen wir mit Letzterem. Statt mich an der mittlerweile schon unübersehbaren Zahl von Versuchen zu beteiligen, Intelligenz zu definieren, werde ich einfach Auskunft darüber geben, was in diesem Buch mit Intelligenz und insbesondere mit sozialer Intelligenz gemeint sein soll.

Unter Intelligenz soll hier die Fähigkeit verstanden werden, Probleme mit geistigen Mitteln zu lösen, und zwar möglichst schnell und flexibel. Wer den Gordischen Knoten kurzerhand mit Gewalt durchschlägt, der mag damit bei seinen Gefolgsleuten als Krieger punkten – mit Intelligenz hat eine solche Brachiallösung wenig zu tun. Wirkliche Intelligenz hätte der tapfere Krieger bewiesen, wenn er durch Überlegung einen Weg gefunden hätte, den Knoten zu entwirren. Und wenn ihm dies schnell gelungen wäre und er sich auch bei anderen Gelegenheiten als Problemlöser bewährt hätte, dann würden wir ihm sogar eine besonders hohe Intelligenz attestieren.

Für soziale Intelligenz gilt dies analog. Soziale Intelligenz beweist, wer soziale Probleme mit geistigen Mitteln schnell und flexibel zu lösen versteht. Doch was sind soziale Probleme? Nun, die wichtigsten Probleme betreffen wohl das Zusammenleben und die Zusammenarbeit in einer Gruppe. Eine Person, die soziale Intelligenz besitzt, vermag diese Probleme zu lösen und trägt damit zum Funktionieren des Verbands bei. Sie stärkt dessen Stabilität, stützt die Regeln und sorgt dafür, dass Konflikte, vor allem gewaltsame Konflikte, gelöst oder gar vermieden werden. Schließlich sollte sie dafür sorgen, dass die Gruppe die wichtigsten Bedürfnisse ihrer Mitglieder befriedigt – nur unter dieser Bedingung kann sie selbst sich auf die Gruppe verlassen. Soziale Intelligenz betrifft immer auch die eigenen Probleme. Einer Person, die soziale Intelligenz besitzt, gelingt es also auch, ihre eigenen sozialen Schwierigkeiten zu überwinden: Sie findet z.B. die richtigen Ansprechpartner, ist imstande, sich mit ihnen zu einigen, und vermag ihre Interessen innerhalb der Gruppe geltend zu machen, ohne dabei die Bedürfnisse anderer aus dem Blick zu verlieren. Das wäre einfach deshalb nicht intelligent, weil damit nur neue Probleme aufgeworfen würden.

Soziale Intelligenz ist wie Intelligenz allgemein zunächst einmal eine Fähigkeit von einzelnen Lebewesen und insbesondere von einzelnen Menschen, die jeweils individuell mehr oder minder gut dazu in der Lage sein mögen, die Koordination einer Gruppe zu verbessern und Auseinandersetzungen zu vermeiden. Ich spreche in diesem Zusammenhang von individueller sozialer Intelligenz. Doch wie gut die Mitglieder einer Gruppe miteinander kooperieren, hängt nicht nur von den einzelnen Individuen ab. Wichtig sind auch die Formen des Umgangs miteinander, die Regeln und die Institutionen der Gruppe. Ich werde in diesem Zusammenhang von institutioneller sozialer Intelligenz sprechen.

Sie ist vor allem deshalb wichtig, weil wir Institutionen und Regeln verändern können. An der individuellen Intelligenz ist wenig zu machen. Selbst wenn man sie durch Training und Erziehung zu steigern vermag: Diese Einflüsse dürften nicht dazu ausreichen, gravierende Probleme in unserem Zusammenleben zu lösen – zumal man Umerziehungsmethoden unseligen Angedenkens verwenden müsste, damit bei so einem Projekt überhaupt etwas herauskäme. Doch die Art und Weise, wie wir zusammenleben, hängt auch von unseren Regeln, unserer Kultur des Zusammenlebens und von den Institutionen ab, die dieses Zusammenleben bestimmen, also von unserer institutionellen sozialen Intelligenz. Und an der lässt sich etwas ändern. Das geht umso besser – so jedenfalls eine Behauptung, für die ich in diesem Buch argumentieren werde –, je mehr wir über die andere, individuelle Form von sozialer Intelligenz wissen.

Macht

Von Intelligenz im oben skizzierten Sinne ist seit wenig mehr als einem Jahrhundert die Rede,[1] über Macht haben sich schon antike Autoren den Kopf zerbrochen.[2] Besonders einflussreich sind bis heute die Überlegungen von Niccolò Machiavelli (1469–1527), Thomas Hobbes (1588–1679) oder Max Weber (1864–1920). Sie alle stehen für eine sehr weitverbreitete Theorie der Macht, die sogenannte Konflikttheorie. Wie der Name schon andeutet, unterstellt diese Theorie, dass Macht auf Konflikt und Gewalt basiert. Macht gewinnt man dieser Theorie zufolge, indem man Gewalt ausübt oder zumindest androht, und man unterwirft sich der Macht, weil man entweder gewaltsam gezwungen wird oder aber mit Gewalt rechnen muss, sofern man Widerstand leistet. Psychologische Einflüsse spielen in dieser Theorie praktisch keine Rolle.

Zweifellos gibt es einen Zusammenhang von Macht und Gewalt. Vor allem bei der Etablierung von Machtstrukturen, aber auch bei der Eroberung von Machpositionen spielt Gewalt häufig eine wichtige Rolle; ich werde hierauf im zweiten Kapitel zurückkommen. Doch selbst in solchen Situationen ist diese Rolle begrenzt: Ein Usurpator wie Wilhelm der Eroberer mag seine Gegner mit Gewalt aus dem Weg räumen – die Loyalität seiner eigenen Truppen und Gefolgsleute kann er nicht mit Gewalt sichern: Offensichtlich müssen hier psychologische Momente wie Loyalität und Vertrauen, vermutlich auch Gewohnheit eine Rolle spielen. Noch gravierender ist, dass die Konflikttheorie der Macht nur schwer erklären kann, warum Gewalt insbesondere in stabilen Machtstrukturen kaum eine Rolle spielt. So sind Gewalt und Gewaltdrohung aus dem Alltag moderner Staaten weitgehend verschwunden,[3] obwohl das Ausmaß an Macht und Kontrolle, das hier ausgeübt wird, wesentlich größer ist als z.B. in den staatlichen Gebilden des Mittelalters oder der frühen Neuzeit. Auch dies spricht dafür, dass Machtstrukturen nicht primär auf Gewalt gründen können.

Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass in den vergangenen Jahrzehnten ein ganz anderer Ansatz an Bedeutung gewonnen hat: Die sogenannte Konsenstheorie der Macht. Ihr zufolge basiert Macht nicht auf Gewalt, sondern auf der Zustimmung der Beherrschten. Die bekannteste Vertreterin dieses Verständnisses von Macht dürfte Hannah Arendt sein; prinzipiell vergleichbare Ansätze sind von Talcott Parsons[4] und Mark Haugaard[5] vertreten worden.

Arendt betrachtet Macht als ein konstitutives Element der Existenz von Gruppen. Macht wird der Gruppe nicht gewaltsam aufgezwungen, vielmehr ergibt sie sich aus dem Konsens, der eine Gruppe insbesondere im Akt ihrer Gründung trägt. Macht und Gewalt sind in Arendts Augen unvereinbar, ja Gewalt vernichtet die durch Konsens begründete wahre Macht.[6]

Schwierigkeiten bereitet Theorien dieses Typs nicht nur die Beobachtung, dass die Suche nach einem übegreifenden Konsens insbesondere im Alltag nichtdemokratischer Staaten allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Unklar ist zudem, warum sich die Bürger auf einen Konsens – wenn es ihn denn jemals gegeben hat – einlassen sollten. Immerhin geben sie damit die Kontrolle über ihr eigenes Leben zumindest teilweise auf, ohne irgendeine Gewähr gegen den Missbrauch der Macht zu haben.

 

Auch die Konsenstheorie der Macht lässt also wichtige Lücken. Ich möchte zeigen, dass diese Lücken durch sozialpsychologische Erkenntnisse geschlossen werden können. Menschen sind aus vielen Gründen auf das Leben in einer funktionierenden Gruppe angewiesen. Dies gilt insbesondere für unsere Kindheit. Doch die Allermeisten wären auch als Erwachsene völlig überfordert, müssten sie ganz auf sich allein gestellt überleben – vor allem dann, wenn sie nicht insgeheim doch noch die Segnungen der modernen Zivilisation in Gestalt moderner Expeditionsausrüstungen und halbwegs friedlicher Lebensumstände auch in entlegenen Gebieten in Anspruch nehmen könnten.

Tatsächlich müssen wir nicht nur in einer Gruppe leben, wir können dies auch. Sozialpsychologie und soziale Neurowissenschaften haben mittlerweile eine große Zahl von Belegen dafür vorgelegt, wie wir quasi von Natur aus auf ein Leben in einem Verband eingestellt sind. Dies bedeutet auch, dass wir in vielen Fällen individuelle Interessen zurückstellen, ja uns scheinbar völlig irrational verhalten, nur um stabile soziale Beziehungen zu ermöglichen. Wenn es gleichzeitig zutrifft, dass stabile Machtstrukturen unerlässlich für das Funktionieren einer Gruppe sind, dann liegt die Vermutung nahe, dass Menschen eine natürliche Anlage für das Leben in solchen Machtstrukturen haben. Ich möchte hier schon einmal darauf hinweisen, dass solche Anlagen unser Verhalten nicht determinieren, sondern nur einen mehr oder minder starken Einfluss ausüben. In keinem Fall lässt sich aus solchen natürlichen Anlagen eine Rechtfertigung spezifischer Machtstrukturen ableiten. Unterdrückung wird nicht weniger verwerflich dadurch, dass wir als Einsiedler keine gute Figur machen würden.

Wie weiter unten noch im Einzelnen zu zeigen sein wird, gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Belegen für solche Anlagen. Diese finden sich nicht nur bei Menschen, sondern auch bei sozial lebenden Tieren. Zusammengenommen liefern diese Belege wichtige Aufschlüsse über die Zwecke von Machtstrukturen ebenso wie über die psychologischen Mechanismen, die ihrer Entstehung zugrunde liegen.

Ein empirisch gestütztes Verständnis von Macht

Hieraus ergibt sich ein empirisch gestütztes Verständnis von Macht, genauer von Machtstrukturen. Es bestätigt in Grundzügen den oben skizzierten Klärungsvorschlag. Machtstrukturen dienen also der Koordination des Verhaltens der Gruppenmitglieder und insbesondere der Lösung und Vermeidung von Konflikten. Basis dieser Strukturen ist in der Regel weder die Anwendung von Gewalt noch die Drohung mit ihr, sondern soziale Intelligenz: Sie befähigt uns, mit anderen zu kooperieren und dabei Konflikte weitgehend zu vermeiden. Diesem Verständnis zufolge basiert Macht also nicht auf Gewalt – ganz im Gegenteil: Macht ist der Gewalt entgegengesetzt, weil sie gewaltsame Konflikte durch psychologische Mechanismen ersetzt.

Es wird sich herausstellen, dass viele dieser Mechanismen bereits bei sozial lebenden Tieren wirksam sind. So vermeidet z.B. eine strikte Rangordnung Kämpfe um die Beute oder andere Ressourcen, indem sie festlegt, welches Tier den ersten Zugriff hat. Die meisten dieser Mechanismen arbeiten auch beim Menschen noch; allerdings wirken sie unbewusst und sind daher schwer dingfest zu machen. Und da sie oft zu einem Verhalten führen, das zumindest auf den ersten Blick irrational erscheinen mag, findet man sie auch nicht, indem man nach vernünftigen Gründen sucht. So reagieren Menschen z.B. mit schmerzähnlichen Symptomen, wenn sie aus einer Gruppe ausgeschlossen werden, und zwar auch dann noch, wenn sie mit der Gruppe um Himmels willen nichts zu tun haben wollen.[7] Vernünftig ist das nicht – offenbar ist hier einfach noch ein psychologischer Mechanismus wirksam, der so früh in der Evolution entstanden ist, dass er von unseren bewussten Gründen nur schwer unter Kontrolle zu bringen ist.

Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass diese Mechanismen der Forschung lange entgangen sind. Die disziplinären Barrieren zwischen der Sozialpsychologie einerseits und den Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits dürften erklären, warum viele psychologische Erkenntnisse bis heute nicht in die Theoriebildung von Philosophie, Politik- und Sozialwissenschaften eingeflossen sind – auch wenn es mittlerweile eigene Zeitschriften gibt, die sich der Verbindung zwischen Sozialwissenschaften und Psychologie widmen.[8] Ich möchte demgegenüber zeigen, dass diese Erkenntnisse nicht nur zu einem tieferen Verständnis von Macht führen können, sondern auch bessere Voraussetzungen für eine Lösung der Probleme schaffen, die solche Machtstrukturen bis heute aufwerfen: Wenn wir verstehen, wie Macht entsteht, dann dürften sich auch unsere Möglichkeiten verbessern, die negativen Seiten der Macht zu bewältigen.

Konflikttheorien

Schauen wir uns zunächst aber die beiden klassischen Ansätze etwas genauer an. Konflikttheorien der Macht wie die von Max Weber betrachten Macht als die Fähigkeit, Widerstände zu überwinden – in der Regel durch die Ausübung oder zumindest die Androhung von Gewalt. Deutlich erkennbar ist dies an Max Webers berühmter Definition der Macht. Sie lautet:

Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.[9]

Auch positive Anreize können hier eine Rolle spielen, also Vergünstigungen, mit denen ein Machthaber sicherstellt, dass er seinen Willen durchsetzen kann.

Zumindest auf den ersten Blick ist dieses Verständnis bestens nachvollziehbar, unterstellt es doch nur, dass Menschen in der Regel ihren rationalen Interessen folgen: Wir unterwerfen uns also den Herrschaftsansprüchen anderer, um Nachteilen zu entgehen und Vergünstigungen zu gewinnen. Im Prinzip wird Macht hier als Analogon von Kraft verstanden: So wie eine Billardkugel eine andere Billardkugel in Bewegung setzt, indem sie Kraft auf diese ausübt, lässt eine Person jemand anderen ihrem eigenen Willen folgen, indem sie Macht auf diesen ausübt. Die direkte Ausübung von Gewalt ist dazu nicht notwendig. Wir müssen nur wissen, dass diese Möglichkeit besteht. Vernünftig wie wir sind, nehmen wir uns davor in Acht: Insofern spielen psychologische Gesichtspunkte schon hier eine Rolle. Aber die Gewalt steht immer im Hintergrund, um dem Machtanspruch Nachdruck zu verleihen – Weber definiert daher Machtstrukturen durch ihre Gewaltsamkeit: »Jeder Staat«, so behauptet er, Trotzki zitierend, »wird auf Gewalt gegründet.«[10]

In paradigmatischer Form war dieses an Kraft und Kausalität orientierte Verständnis von Macht schon von Thomas Hobbes vertreten worden. Macht ist in Hobbes’ Augen ganz allgemein die Fähigkeit, irgendein Gut zu erlangen. Doch da Menschen in ständiger Konkurrenz zueinander stehen, kann von wirklicher Macht nur so lange die Rede sein, wie die eigene Macht größer ist als die potentieller Konkurrenten: Meine Macht wird durch eine größere Macht vernichtet und durch eine gleich große Macht neutralisiert.

Die Analogie von Macht und Kraft wird hier besonders deutlich: Menschen verhalten sich in Machtverhältnissen wie physikalische Körper – psychologische Faktoren sind hier bestenfalls sekundär. Tatsächlich stellt Hobbes einen direkten Vergleich zwischen Macht und Kausalität her: »Die Macht eines Handelnden und die wirkende Ursache sind dasselbe«.[11]

Da die Macht den Schlüssel zur Erlangung sämtlicher Güter darstellt, haben Menschen eine unstillbare Gier nach Macht. Im Naturzustand führt dies zu einem permanenten Kampf aller gegen alle. Beenden lässt sich dieser Kampf nur dann, wenn eine Partei ein so großes Übergewicht gewinnt, dass jeder Widerstand zwecklos erscheint. Hieraus erwächst die auf Gewalt gründende staatliche Autorität. Jede Schwäche aufseiten des Staates würde durch den jederzeit lauernden Willen der Untertanen zum Widerstand ausgenützt – nur überlegene Gewalt kann ihn brechen. Insofern ist es aus Sicht aller Beteiligten vernünftig, dem Staat eine solche Übermacht zuzugestehen, andernfalls würde der Kampf aller auf ewig andauern.

Hobbes’ Verständnis von Macht und staatlicher Herrschaft mag zu Zeiten des Bürgerkrieges, der die Gegenwart des Autors prägte, gut nachvollziehbar gewesen sein. Als generelles Modell greift es jedoch entschieden zu kurz, weil es die psychologische, vor allem die sozialpsychologische Dimension von Machtverhältnissen ignoriert. Schon längst setzt der Staat nicht mehr auf die physische Übermacht gegenüber seinen Bürgern. Hobbes’ und Webers kausalistisches Verständnis von Macht, das fast ausschließlich auf das Gewaltpotential des Staates setzt, greift daher offensichtlich zu kurz.

Konsenstheorien

Trotz aller Schwierigkeiten, sozialpsychologische Prozesse dingfest zu machen, ist die Bedeutung dieser Vorgänge den Theoretikern der Macht natürlich nicht entgangen. Tatsächlich gibt es neben den Konflikttheorien der Macht eine zweite wichtige Theorieströmung. Sie führt Macht auf einen sozialen Konsens zurück. Ansätze dazu finden sich bereits im Mittelalter, beispielsweise bei Wilhelm von Ockham,[12] an Bedeutung gewinnt diese Tradition aber erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts, nachdem sich bereits Vierkandt, Tarde oder Gramsci mit den sozialen Voraussetzungen von Macht befasst hatten.[13]

Hannah Arendt

Die wohl wichtigste Konsenstheorie der Macht stammt aber von Hannah Arendt. Im erklärten Gegensatz zu den Konflikttheorien verzichtet Arendt nicht nur darauf, Macht aus Gewalt abzuleiten; in ihren Augen stehen beide vielmehr im Widerspruch zueinander: Macht schließt Gewalt aus, Gewalt zerstört Macht. Arendts zentrale Annahme lautet, dass Macht aus dem Konsens entsteht, in dem sich eine Gruppe zusammenfindet.

Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält.[14]

Nur wenn es einen solchen Konsens gibt, kann sich eine Gruppe bilden, und solange die Gruppe fortexistiert, bleibt auch die auf Konsens gegründete Macht erhalten:

Die einzige rein materielle, unerläßliche Vorbedingung der Machterzeugung ist das menschliche Zusammen selbst. Nur in einem Miteinander, das nahe genug ist, um die Möglichkeit des Handelns ständig offen zu halten, kann Macht entstehen, und die Stadtgründungen, die durch die antiken Stadtstaaten beispielhaft wurden für die gesamte Geschichte politischer Organisation im Abendland, sind daher historisch in der Tat die eigentliche Voraussetzung für die Machtentfaltung der europäischen Völker. Was eine Gruppe von Menschen als Gruppe zusammenhält, … ist Macht, die wiederum ihrerseits dadurch intakt gehalten wird, daß die Gruppe sich nicht zerstreut.[15]

Anders als bei Hobbes und Weber ist Macht hier also nicht die Fähigkeit einer Person oder einer Minderheit, der Mehrheit gewaltsam ihren Willen aufzuzwingen, Macht ist vielmehr so etwas wie der Wille der Gruppe selbst. Kein Zufall, dass Arendt die Stadtstaaten der griechischen Antike als Musterbeispiele solcher machtbegründenden Gruppenbildungen betrachtet:

Die eigentliche Würde der Politik, die bis tief in die Neuzeit gehalten und selbst heute noch nicht ganz verblaßt ist, weist auf Erfahrungen zurück, die damals in der Frühzeit abendländischer Geschichte [i.e. im Athen des Perikles; M.P.], auf kleinstem Raum und innerhalb weniger Jahrzehnte sich unvergessen der europäischen Menschheit eingeprägt haben.[16]

Arendts Grundidee scheint dabei zu sein, dass die Gründung einer Gruppe bereits ein Mindestmaß an Konsens voraussetzt, andernfalls würden die Gründungsmitglieder sich gleich wieder in alle Winde zerstreuen. Der Konsens wird der Gruppe nicht aufgezwungen, sondern entsteht aus ihrer Mitte; er verleiht ihr die Handlungsmacht, die aus einer Ansammlung von Menschen überhaupt erst eine Gruppe entstehen lässt.

Das gilt nicht nur für Staaten: Auch ein Fußballverein muss ein Mindestmaß an Konsens aufbringen, um ein Fußballspiel zu organisieren: Man muss sich einigen, wo man spielt, wer mitspielt und welche Regeln gelten. Schafft man das nicht, zählt man nicht mehr als Fußballverein. Eine mächtige Vorsitzende wird den Willensbildungsprozess des Vereins stärker beeinflussen können als eine machtlose, aber auch sie ist auf den prinzipiellen Konsens der Mitglieder angewiesen, sonst vermag sie ihre Entscheidungen nicht in die Tat umzusetzen, und die Gruppe wird früher oder später zerfallen.

Zweifellos hat Arendt eine gewisse Tendenz zu Idealisierung – z.B. wenn sie die Sklavenhaltung in den antiken Stadtstaaten damit begründet, dass sie den Sklavenhaltern die Teilnahme an demokratischen Willensbildungsprozessen erlauben sollte.[17] Das ändert aber nichts daran, dass Arendt eine zentrale Voraussetzung für die Entstehung von Machtstrukturen erkannt hat: nämlich die psychologische Dynamik von Gruppen. Das gilt im Übrigen nicht nur für antike Demokratien, sondern ebenso für moderne Militärdiktaturen. Natürlich regiert ein Diktator mit Gewaltdrohungen. Aber um ein ganzes Volk in Schach halten zu können, benötigt er eine Armee und einen Verwaltungsapparat, deren Funktionieren nicht wieder durch weitere Gewaltdrohungen zu erklären ist. Tatsächlich muss es hier ein Mindestmaß an Bindung und Loyalität geben, das über die bloße Reaktion auf Drohungen hinausgeht. Nur so ist auch der bereits mehrfach erwähnte Befund zu erklären, dass die Kontrolle, die moderne Staaten ausüben, weit über das Machtpotential mittelalterlicher Körperschaften hinausgeht, obwohl das Gewalt- und Drohpotential eher zurückgegangen ist. Am Eingang moderner Städte gibt es kein Stadttor mehr, das man notfalls verschließen oder hochziehen kann, es gibt auch keine Wachen, die ihre Waffen präsentieren – dennoch ist das Risiko, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, heute ungleich geringer als im Mittelalter.

Arendt hat also vollkommen recht, dass die Entstehung einer Gruppe ohne ein Mindestmaß von Konsens nicht zu erklären ist; auch im Zusammenhang mit einschneidenden Ereignissen wie der deutschen Wiedervereinigung mag dieser Begriff angemessen sein. Aber kann man bei einer Person, die in bestehende staatliche Strukturen hereingeboren wird, davon sprechen, dass sie sich an einem Konsens beteiligt?

Religionen mögen solche bekenntnishaften Akte in Übergangsritualen wie z.B. der Konfirmation oder der Firmung verlangen, aber moderne Staaten verzichten im Allgemeinen auf derartige Bekenntnisse. Der Konsens wird einfach vorausgesetzt, und solange man nicht protestiert oder die Staatsbürgerschaft aufkündigt, bleibt der staatliche Verband bestehen.

Offen bleibt zudem, wie der von Arendt unterstellte Konsens zustande kommen soll, zumal die Bedingungen der Staatengründung in der Regel nicht so günstig sind wie im antiken Griechenland. Immerhin ist der Aufbau von Herrschaftsstrukturen mit einem Verlust individueller Autonomie verbunden. In einem Fußballverein mag das zu verschmerzen sein, aber ein Staat erfasst die gesamte Existenz – bis zum möglichen Verlust des Lebens durch Strafe oder im Krieg. Warum also soll man sich dem Konsens zum Aufbau von Herrschaftsstrukturen anschließen?

Halten wir fest, dass Arendt mit dem Verweis auf den Konsens eine wichtige Lücke schließt, die die Konflikttheorien der Macht offenlassen – allerdings nur um den Preis, dass die Lücke an anderer Stelle wieder aufreißt: Arendt scheint die Rolle des Konsenses in bestehenden Gesellschaften zu überschätzen; zudem vermag sie nicht zu erklären, was die Bürger bei der Gründung einer Gruppe dazu bewegt, mit ihrem Konsens auf ihre jeweils individuellen Freiheitsspielräume zu verzichten.

Parsons

Arendt steht mit ihrer Konsenstheorie der Macht schon längst nicht mehr allein. Einen Versuch, den Ursprung von Macht aus der sozialen Dynamik abzuleiten, hat auch der amerikanische Soziologe Talcott Parsons in der Mitte des letzten Jahrhunderts unternommen.[18] Zentral für seine Theorie ist dabei der Vergleich von Macht und Geld: So wie Geld das entscheidende Medium ökonomischer Beziehungen ist, so ist Macht das Medium politischer Beziehungen. In beiden Fällen geht es um den Zugang zu bestimmten Gütern und um die Wahrnehmung von Verpflichtungen.

In ökonomischen Beziehungen handelt es sich bei den Gütern um Waren, die Verpflichtungen betreffen die Erbringung bestimmter Leistungen. Machtverhältnisse dagegen regeln z.B. die Verteilung staatlicher Wohlfahrtsleistungen, aber auch den Zugang zu Land und Bodenschätzen. Die Verpflichtungen betreffen die Erbringung von Steuern und die Einhaltung von Gesetzen, aber auch Dienstverpflichtungen wie z.B. den Wehrdienst. Sowohl Geld wie Macht haben zudem symbolischen Charakter: Geld, so wie es heute in Umlauf ist, besitzt praktisch keinen Eigenwert, sondern stellt lediglich ein Versprechen auf die Erbringung ökonomischer Leistungen durch andere dar, die dafür ihrerseits das gleiche Versprechen erhalten. Der Wert des Geldes hängt dabei entscheidend von dem Vertrauen der Handelspartner in die Erfüllung dieser Versprechen ab. Sinkt das Vertrauen, dann sinkt ihre Leistungsbereitschaft und damit auch der Wert des Geldes.

Parsons geht davon aus, dass dieses Versprechen durch den Staat, konkreter durch die Notenbank garantiert wird. Tatsächlich war die amerikanische Notenbank zur Zeit der Publikation von Parsons Aufsatz, also zu Beginn der 1960er Jahre, verpflichtet, 35 Dollar gegen eine Feinunze Gold einzutauschen. Die Verpflichtung wurde 1971 abgeschafft, ohne dass das Geldsystem substantiellen Schaden erlitten hätte. Gedeckt wird das Leistungsversprechen nach neueren Auffassungen eben nicht durch die Notenbank, sondern durch die Leistungskraft einer Volkswirtschaft, genauer: durch das Vertrauen in diese Leistungskraft – also wiederum durch einen psychologischen Faktor. Die Notenbank hat nur die Aufgabe, eine Ausweitung der Geldmenge zu verhindern, die die Leistungskraft der Volkswirtschaft überfordern und damit das Vertrauen untergraben würde.

Parsons glaubt, dass Macht, genauer gesagt: staatliche Macht, ganz ähnlich funktioniert. Sie stellt ebenfalls ein