Mädcheniade - Reinhard Knoppka - E-Book

Mädcheniade E-Book

Reinhard Knoppka

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Beschreibung

Inhalt:
Keine Hexen
Und ich glaubte, ich träume
Unverhofft
Das Marmormädchen
Engel
In einer Balthus-Ausstellung
Cybervamp
Der Gottesmann
Reiten und reiten
Mädcheniade

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Reinhard Knoppka

“Mädcheniade“

Erzählungen

Für Alice, Lolita und Fränzi

Verlag & Vertrieb:

www.trotz.medien-vvg.org

[email protected]

 

ISBN eBuch: 978-3-96686-229-5

9783966862295

 

 

© Trotz Verlag

Köln 2011

Alle Rechte vorbehalten

 

Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammen sitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.

Albert Einstein

 

 

 

 

Kleine Hexen

 

 

 

 

Immer wenn Birgit aus der Schule nach Hause kam und ich ihr die Tür aufmachte, wunderte ich mich, wie winzig sie noch war, hatte ich sie doch viel größer in Erinnerung, vielleicht weil sie für mich wuchs, wenn sie da war, riesig wurde mit ihrem Geschrei und Gehüpfe, womit sie die Stille und Leere ausfüllte, die mich eben noch umgeben hatte, als ich mit dem Rad hierher gefahren war, unter einem grauverhangenen Himmel, an abgeernteten Feldern vorbei, durch verlassene Parks mit laubbedeckten Rasenflächen und kahlen Bäumen, in diese Vorortsiedlung mit umgegrabenen Blumenbeeten in den Vorgärten, und ein Gefühl der Trostlosigkeit hatte sich in mir ausgebreitet, das sich bei ihrem Erscheinen schlagartig auflöste: da stand sie in der Tür, klein und zart vor dem großen Ranzen, der eckig über ihre schmalen Schultern hinausragte, die sie jetzt zurückbog, so daß er an ihrem Rücken runterrutschte und zu Boden polterte, von wo ich ihn aufhob, um ihn ihr hinterher zu tragen, dachte sie doch nicht daran, ihn selber aufzuheben, mochte ich auch noch so rufen, verschwand sie vielmehr lachend im Haus, riß sich Mütze, Schal und Handschuhe herunter, ließ alles mitsamt dem Anorak einfach fallen, rannte dann zum Schrank, schob einen Stuhl davor, kletterte hinauf und griff nach der Steingutschale mit den Süßigkeiten, erreichte sie aber nicht, öffnete die linke Schranktür, benutzte die Innenfächer als Stufen und kletterte affenartig hinauf, klemmte sich mit ihrem linken Arm an der hin- und herschwingenden Tür fest, griff mit der freien Hand in die

 

Schale, stopfte sich Bonbons und Plätzchen in die Hosentasche, verlor den Tritt, hing strampelnd an der pendelnden Tür und schrie um Hilfe, aber ich sammelte erst mal ihre Sachen auf, hängte sie an die Garderobe, sah aus den Augenwinkeln, wie sie sich bäuchlings über die Türkante schob, während sie mit den Schuhen gegen das Holz trat und mich herbeirief, ließ sie noch etwas zappeln, tat dann ganz verwundert, als ich schließlich doch hereinkam, gab der Tür noch einen Schubs, worauf Birgit loskreischte, und pflückte sie endlich herunter.

Der Weg zum Kindergarten, von dem wir Elsa, Birgits Schwester, abholten, war voller Hundekacke, ein Jux für die beiden Mädchen, die sich auf dem Rückweg gegenseitig in die Köttel hineinzurempeln versuchten, über die sie hinwegsprangen, bis sie auf die Idee kamen, sich gegen mich zu verbünden, mich gemeinsam zu schubsen, und ich machte Storchenbeine, taperte, stolperte in einen Haufen hinein, glitschte schlitternd aus, hüpfte auf einem Bein, kratzte mit einem Stöckchen das stinkende Zeug aus den Sohlenrillen, während Elsa mich von hinten schubste, was mich fast zu Fall brachte, und Birgit griff mich von vorne an, drückte ihren Kopf in meinen Magen, wobei ich durch den Gegenstoß mein Gleichgewicht wiederfand, und ich lief mit aufklatschenden Sohlen davon, um den Hundedreck aus dem Profil zu schlagen, der auf dem Pflaster zurückblieb und über den die Mädchen sprangen, die mich verfolgten, ärgerlich stehenblieben, als ich mich nicht einholen ließ, und ich ging in die Hocke, worauf sie angerannt kamen, mit flatternden Haaren, und sich in meine Arme warfen, und ich drehte mich mit ihnen im Kreis, bis uns schwindelig wurde – da spielten wir Betrunkene auf dem Heimweg von der Kneipe, taten so, als müßten wir uns übergeben, umschlangen Laternenpfähle und taumelten lallend nach Hause.

Unbeholfen zog Birgit mit der linken Hand einen Bogen, der ausrutschte, über die hellgraue Linie hinausfuhr, zu einem Spitzdach verunglückte, das sie wütend durchstrich, worauf sie zu einem neuen U ansetzte, dabei den Zeigefinger mit dem Trauerrand, der an ein Keepsmiling erinnerte, fest auf den störrischen Bleistift drückte, um ihn im Zaum zu halten, in Rechts- und Linkskurven zu zwingen, doch er brach immer wieder aus, und statt schöngeschwungener Schleifen entstanden häßliche Zickzacklinien, aufgeblähte Rundungen, die den Buchstaben etwas Krankhaftes, Mißgestaltetes verliehen: ein U war spitzig abgemagert, das nächste unförmig dick, aber sie standen immerhin, wenn auch wie besoffen torkelnd, doch dann wurden sie vom nachrutschenden, verschwitzten Faustballen der Linkshänderin verschmiert, die das allerdings nicht störte, weil sie nur nach vorn guckte, auf das Ende der Zeile konzentriert war, um sogleich die nächste anzugehen, wieder die nächste, bis das Seitenende erreicht wäre, aber es war noch schrecklich weit entfernt, und eine endlose weiße Fläche mit hellgrauen Linien trennte sie vom Ziel, wie eine hohe Schneedecke, durch die sie nur mühsam vorwärtskam, immer wieder einsackend, kaum von der Stelle kommend, den verkrampften Zeigefinger mit dem Trauerrandgrinsen auf den rutschigen Rücken des widerspenstigen Bleistifts gedrückt, der stumpf über das rauhe Papier schabte, als er plötzlich an einer Un9 ebenheit hängenblieb, worauf sie noch fester drückte, bis die Spitze abbrach, jäh aus der sich verjüngenden Holzfassung knickte, was mich an Birgits Milchzahn erinnerte, der ihr ausgefallen war, als sie an meinen Beinen gehangen hatte, während ich am Herd vor dem Nudeltopf gestanden und darin herumgerührt hatte – da hatte sie mir ins Hosenbein gebissen, und ich hatte sie abschütteln wollen, aber sie hatte sich plötzlich stumm um mein Bein zusammengerollt, beide Hände auf den Mund gedrückt, und ich hatte schon geglaubt, ein Wasserspritzer hätte ihr Gesicht verbrüht, und ihr ängstlich die Hände weggebogen, aber nichts war zu sehen gewesen, und ich hatte gedacht, sie habe mich mal wieder angeschmiert, doch da hatte sie den Mund aufgerissen, und in ihrer unteren Zahnreihe hatte ein Loch gegähnt, davor ihr nach außen heruntergeklappter Zahn, ein kleiner Elfenbeinsplitter, nach dem sie getastet, den sie mit Daumen und Zeigefinger gepackt, auf- und abgebogen, dann mit einem Ruck herausgedreht und in ihrer hohlen Hand betrachtet hatte, eine porzellanweiße Scherbe in einer rotschäumenden Speichellache, und auf meine Frage, ob sie Schmerzen habe, hatte sie genickt und mit einer Leidensmiene an ihrer Zahnlücke geschlürft, doch der Schalk hatte ihr aus den Augen geschaut – na warte!

So lange wir das Haus für uns allein hatten, tobten wir durch alle Räume und spielten im Keller Verstecken, wo ich mit Elsa in einem dunklen Raum hockte, die ich flüsternd beruhigen mußte, was uns verriet, und als Birgit die Tür mit einem Schrei aufriß, spürte ich etwas Nasses auf meinen Knien: Elsa hatte sich in die Hose gemacht und umklammerte mich, während ich mit ihr die Treppe hochging, vorbei an Birgit, der ich zurief, sie solle frische Wäsche für ihre Schwester holen, die ich im Bad auszog, während sie mich mit großen Augen ansah – „Halb so schlimm“, sagte ich und wusch sie mit einem warmen Lappen ab, die Schenkel, den schmächtigen Po mit den eingehöhlten Backen, wenn sie ihn anspannte, und sie schlüpfte in die Babyrolle, steckte den Daumen in den Mund und sagte mit Kindchenstimme: „Esa böse dewesen, Esa kiegt Haue“, worauf sie sich selber auf den Hintern klatschte, und ich ging mit dem Handtuch dazwischen, trocknete sie ab, sah ihre Gänsehaut, den Flaum, der sich darauf sträubte und im Sonnenschein flirrte, und wurde aus meiner Betrachtung gerissen, als Birgit mir Strumpfhose, Schlüpfer und Jeans von ihrer Schwester ins Gesicht schmiß, die sie von mir wegriß, worauf sie sich auf mich stürzte und mich fast erdrosselte, während Elsa heulend in der Ecke saß, und ich machte mich von Birgit los, half ihrer Schwester beim Anziehen, worauf sich die Mädchen wieder gegen mich verbündeten, kleine Hexen, die mich ansprangen, eine auf meinen Rücken, während mich die andere von vorn umklammerte, und nun sollte ich sie runtertragen, hü!

Wie still es war, als ich die Mädchen zur Orff-Stunde gebracht hatte und Wolfgang, ihr zehnjähriger Bruder, soeben aus der Schule gekommen, im Wohnzimmer aß, während ich spülte, die Teller ins lauwarme Wasser tauchte, in dem Salatblätter schwammen, die um sich selber kreisten und im Trüben versanken, als mich ein Strahl im Nacken traf, worauf ich zu Wolfgang herumfuhr, der grinsend im Türrahmen stand, bewaffnet mit einer Plastikflasche, die oben eine Düse hatte, aus der beim Drücken auf den Griff ein Spritzer schoß, jetzt gegen meine Brillengläser, und Tropfen rannen an mir herunter, versickerten im Kragen, bis ich ganz durchnäßt war, so daß ich die Brille abnehmen und die Augen zukneifen mußte, als er auf meine Hose zielte, dann die Flucht ergriff, denn ich sprang auf ihn zu, verfolgte ihn über Tische und Stühle, die er mir in den Weg schob, während er mich mit Wassersalven eindeckte, bis die Flasche leer war, und dann hatte ich ihn, warf ihn zu Boden, wo er sich einrollte, zog ihn an den Füßen auseinander, setzte mich auf ihn, spürte seinen schnellen Puls, roch eine Mischung aus Schweiß und Waschmittel und bot ihm Frieden an – okay, aber dann müßten wir eine Friedenspfeife rauchen, und ich steckte eine Zigarette an, inhalierte, ließ ihn daran ziehen, worauf er sie mir nicht zurückgab, sondern vor mir aufrauchte, routiniert, mit tiefen Lungenzügen, und dann erklärte er, ich hätte ihn zum Rauchen angestiftet, er würde das seinen Eltern sagen, dann flöge ich raus, worauf ich mit den Schultern zuckte, und er rief hitzig, außerdem würde ich ständig an seinen Schwestern kleben, worauf ich lachend erwiderte, sie klebten ja wohl eher an mir, ob er vielleicht eifersüchtig sei, und er fauchte, er sei doch nicht schwul, und schob türenknallend ab: da stand ich, buchstäblich wie ein begossener Pudel, wischte mir die Tropfen mit dem Ärmel aus dem Gesicht und rückte die Möbel auf ihre Plätze zurück, während von oben Rockmusik herunterdröhnte.

 

Während Birgit Zahlen ins Rechenheft schrieb, schob sie ihre Zunge zwischen die Lippen, fuhr über aufgesprungene Stellen, richtete ein loses Hautstückchen auf, packte es mit den Zähnen und zog es ab, so daß eine Wunde entstand, über die ihre Zunge fuhr, ehe sie einen anderen Fetzen aufspürte, den sie mit den Zähnen benagte, immer so weiter, bis der Mund brennend rot war und sie sich in meine Arme warf, worauf ich ihre Lippen abtupfte und eincremte, sie weiß machte, was ihr einen besonderen Reiz verlieh, und jetzt spitzte auch Elsa ihre Lippen, die ich ebenfalls einschmierte, wobei sie nach meinem Finger schnappte, ihn mit den Zähnen festhielt und erst wieder freigab, als ich sie kitzelte, und ich massierte den Bißkranz um meinen Finger, während ich mich wieder Birgit zuwandte, die an ihrem Bleistift kaute und mich anstrahlte mit ihrer Zahnlücke, diesem Loch im Zaun, durch das ein rosa Tierlein lugte, als Elsa mit einem Bilderbuch auf meine Knie kletterte, aus dem ich ihr vorlesen sollte, doch kaum begann ich damit, sagte Birgit, sie könne sich nicht konzentrieren, und ich schlug Elsa vor, in ein anderes Zimmer zu gehen, aber Birgit war damit gar nicht einverstanden und zog ihre Schwester von meinen Knien, worauf Elsa sie schlug und bespuckte, während sie sich an mir festkrallte, was Birgit wütend machte, die sie an einem Fuß packte und herunterriß, wobei ich den Aufprall gerade noch verhindern konnte, indem ich sie auffing, und nun hielt ich die beiden auseinander, bis sie sich beruhigt hatten, zog sie dann an mich und wischte ihnen die Tränen ab.

 

„Bleib stehen!“ rief Elsa, die sich an meinen Hosenbeinen festhielt und auf meine Füße stieg, während sie ihre Arme um meine Hüften schlang, und so stapfte ich, ihre Gehmaschine, mit ihr durchs Zimmer, wobei sie nicht den Boden berühren durfte, denn wir befanden uns in einem Sumpf, und bei einem falschen Schritt würden wir versinken in dem heimtückischen Morast, der von Schlangen und Kröten wimmelte, und Elsa drückte ihr Gesicht gegen meinen Bauch, wischte ihren Schnodder an mir ab, bog den Kopf zurück, wobei sich ein Schleimfaden von meinem Bauch zu ihrer Nase zog, den ich mit einem Papiertuch einfing, mit dem ich auch eingetrocknete Gemüsereste an ihrem Mund abputzte, die hartnäckig kleben blieben, so daß ich mit Spucke nachhelfen mußte, aber mit ihrer, und sie spuckte in mein Tempo, trat mir dann auf die Zehen und erklärte, wir müßten uns beeilen, wenn wir noch vor der Dunkelheit aus dem Moor herauskommen wollten, und ich setzte mich wieder in Bewegung, zeigte auf einen Sessel und sagte, das sei ein Felsen, auf dem wir übernachten könnten – aber er stellte sich als eine Riesenschildkröte heraus, die nach uns schnappte, und wir retteten uns hinter einen Stuhl, umrundeten den Tisch, befanden uns endlich in Sicherheit, wie Elsa mit zurückgeneigtem Gesicht erklärte, in dem schon wieder Rotz hing, zwei silberne Schnecken, die in die Nasenlöcher schlüpften und wieder herauskamen, jetzt bis zum Mund, aus dem die Zunge fuhr, die sie ableckte, worauf neue entstanden, und ich ließ sie in ein frisches Papiertaschentuch schniefen.

 

Birgit sprang von Sessel zu Sessel, machte einen Purzelbaum, knallte gegen eine Kristallschüssel, die zersplitterte und ein Loch in ihrem Hinterkopf hinterließ, aus dem Blut herauslief, eine hellrote Zunge, die sich durch ihr blondes Haar schlängelte, in das sie hineingriff, und sie wischte das Blut an ihrer Hand am T-Shirt ab, faßte wieder ins Haar, starrte die roten Rinnsale an ihren Fingern an, von denen sie heruntertropften, während ich den Topf auf dem Tisch abstellte und Stephan, der ältere Bruder, aufsprang und aus dem Haus lief, um Hilfe zu holen, worauf ich zu Birgit hinging, die auf einen Sessel gesunken war, mit einem verstörten Ausdruck im blassen Gesicht, in dem Blutspuren zurückblieben, als sie das über die Augen gefallene Haar wegstrich und hinter den Ohren festklemmte, das nun verklebt war vom Blut und wirr um ihren Kopf stand, an dem es hinten weiter herausleckte, und ich nahm das Mädchen an die Hand, das mir zum ersten Mal widerstandslos folgte und eine Tropfspur hinter sich zurückließ, führte es die Treppe hinauf, zum Bad im ersten Stock, neigte dort ihren Kopf über das Waschbecken und tupfte die Ränder der Platzwunde, auf der sich Schorf zu bilden begann, behutsam mit einem feuchten Handtuch ab, als die Nachbarin, gefolgt von Stephan, hereinstürmte, Birgit zur Badewanne zog und die Wunde mit lauwarmem Wasser aus der Brause abspülte, während ich die Tropfen vom Boden aufwischte und der Frau Platz machte, die Birgit mit einem turbanartig um den Kopf geschlungenen Handtuch heruntertrug, aufs Sofa legte, sich verabschiedete, und ich bedankte mich, sammelte die Scherben vom Teppichboden, ging mit dem Staubsauger darüber, um auch die kleinen Splitter zu ent15 fernen, machte mich dann an den Abwasch, sah zwischendurch nach der Patientin, die schon wieder lebhaft wurde und bald vom Sofa rutschte mit ihrem Turban, der ihr etwas Orientalisches verlieh, ein wenig lädiert in ihren blutverschmierten Sachen, die ich zu wechseln vorschlug, worauf wir wieder die Treppe hinaufgingen, in ihr Zimmer, wo ich sie umzog, was sie willig geschehen ließ, und ich sagte: „Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!“ – „Und du hast nicht auf mich aufgepaßt“, erwiderte sie und stibitzte mir die Brille, was mir sogar recht war, denn ich mußte mich unwillkürlich umdrehen und mir die Augen wischen.

Nachdem ich mit den Eltern noch einen Kaffee getrunken und Belangloses über die Kinder gesprochen hatte, schwang ich mich aufs Rad und fuhr durch die Siedlung, wo die Mädchen das Pflaster mit bunter Kreide bemalten und auf Rollschuhen hinter mir herliefen, sich an meinen Gepäckträger hängten und bis zum Ende der Straße mitziehen ließen, worauf ich alleine weiterfuhr, während ich das Gefühl hatte, sie begegneten mir überall wieder, im Sonnenschein auf einem Baumstamm, in zwei gelben Stiefmütterchen in einem sonst kahlen Garten, in der Behendigkeit eines Spatzen in einem Brombeergebüsch, bis mir ein Schlagloch fast die Lenkergriffe aus den Händen riß, doch nach dem Schreck dachte ich wieder unentwegt an Birgit, ihr hellblondes Haar, das ich gekämmt und zu Pippi-Langstrumpf-Zöpfen geflochten hatte, worauf sie es wieder aufgelöst und durch mein Gesicht gefegt hatte, seidenweiche Ströme aus Gold, und dann hatte ich es noch einmal flechten müssen, Elsas Haare auch, und sie hatten Pippi Langstrumpf gespielt, wie sie die Füße aufs Kopfkissen gelegt, Kuchenteig auf dem Fußboden ausgerollt, ihre Nudeln mit den Händen gegessen, was sie bei den Eltern nicht durften, auch nicht ihre schäbigsten Lieblingsklamotten anziehen, in denen sie nicht aufpassen mußten, sich nicht dreckig zu machen, und bei mir hatten sie sich auch nicht benehmen müssen, sondern Sachen durch die Gegend geworfen, sich sogar ein Ei auf dem Kopf zerschlagen, wie Pippi es gemacht hatte, und dann hatte ich ihre Haare waschen, fönen und wieder zu zwei seitlichen Zöpfen flechten müssen, worauf sie sich Sommersprossen mit Filzstift ins Gesicht gemalt hatten, dann von Möbelstück zu Möbelstück gesprungen waren, ohne den Boden zu berühren, bis diesmal die Obstschale zu Bruch gegangen war, oh weh, und ich hatte es vor ihren Eltern auf mich genommen, ohne daß meine heldenhaften Komplizinnen mir widersprochen hätten.

Birgit wollte etwas anderes als immer Pippi Langstrumpf hören, etwas aus dem Panorama-Teil im Stadtanzeiger, Katastrophen und Verbrechen aus aller Welt, wovon Elsa aber nichts wissen wollte, die sich die Ohren zuhielt, nach der Zeitung schnappte und sie zerreißen wollte, aber Birgit stieß sie zurück, strich die zerknitterten Seiten wieder glatt, und Elsa verdrückte sich plärrend, während Birgit auf meinen Schoß kletterte und mir befahl, ihr vorzulesen, worauf ich die Überschriften überflog und möglichst harmlose Sachen herauspickte, daß Schüler alten Frauen die Handtasche weggerissen hatten oder ein Vulkan am anderen Ende der Welt ausgebrochen war, denn ich wußte von den Eltern, daß Birgit überaus ängstlich war, sich nachts nicht allein auf Toilette traute, wobei ihre Schwester sie begleiten mußte, die auch sonst mutiger als ihre Schwester war, die noch nicht mal allein zur Schule gehen wollte und von ihren Brüdern begleitet werden mußte, und ausgerechnet dieser Angsthase wollte von mir die schrecklichsten Geschichten aus der Zeitung hören, Banküberfälle, Mord und Totschlag oder wie man Leichenteile im Worringer Bruch gefunden hatte, wovon ihre Brüder Andeutungen gemacht hatten, ach du meine Güte, und ich versicherte, daß nichts Entsetzliches passiert war, verdeckte das Bild von einer zugedeckten Toten, Opfer eines Gewaltverbrechens, aber sie hatte es schon gesehen und wollte Einzelheiten wissen, und ich erfand einen tragischen Verkehrsunfall – da kamen ja ihre Brüder aus der Schule, und ich mußte ihnen das Essen warm machen.