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Paris, im 19. Jahrhundert: Madeleine wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Als sie in der Garderobe des Stadttheaters anfängt zu arbeiten lernt sie ein ganz anderes leben kennen, das Leben der Schönen und Reichen, die täglich das Theater besuchen. Sie möchte so sein wie sie, doch das ist gar nicht so einfach... Madeleine beginnt an sich zu verkleiden und zu lügen. Durch ihre kindische Naivität ist sie sich überhaupt nicht bewusst, was sie damit anrichtet...
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ich war erst zwölf Jahre alt als ich begann im wahren Leben eine Schauspielerin zu werden.
Nicht gewollt, meine Lebensumstände zwangen mich dazu. Wir waren acht Kinder, ich war die Nummer vier. Wir hatten große finanzielle Probleme und Vater hatte aufgehört zu arbeiten.
Meine Mutter ließ uns nicht anmerken das sie eigentlich unglücklich war, nicht nur wegen Papa sondern auch die ganzen Lebensumstände in dem wir uns befanden machten ihr zu schaffen.
Ich glaube ich erzähle ihnen lieber die ganze Geschichte, meine Geschichte, die im Jahre 1880 begann. Da wurde ich in Paris geboren.
Mein Vater hieß Enrico Rossi und war Italiener, in Venedig geboren. Er war nach Paris gekommen um dort in einer Möbelfabrik zu arbeiten.
Er war Schreiner.
Ein Jahr später hatte er meine Mutter kennengelernt, eine Schneiderin. Sie nähte für das Theater, für einen Hungerlohn.
Es fehlte uns immer an Geld. Meine Mutter hieß Claudette, sie hatte blaue Augen und war Brünette.
Sie war wunderschön. Sie hatte lockiges langes Haar, das sie nur zuhause schonmal offen ohne Haarspange trug. Ansonsten hatte sie meistens ihre Haare hochgesteckt.
Sie lief immer sehr gepflegt herum.
Man könnte glauben das sie aus einem sehr wohlhabenden Haus stammen würde. Doch dem war leider nicht so. Sie sagte immer, insbesondere zu ihren Töchtern. „Für Sauberkeit und Pflege muss man nicht reich sein. Eine Frau muss immer gut riechen und gut aussehen“.
Mein Vater war groß, hatte braune Augen und volles dunkles Haar, man sah ihm seine italienische Herkunft nicht wirklich an, er würde sogar als Franzose durchgehen wenn da nicht sein italienischer Akzent wäre.
Nachdem meine Eltern sich kennengelernt hatten, heirateten sie einige Zeit später und so begann unsere Familie zu wachsen.
Erst kam unser ältester Bruder Jakob zur Welt, dann Manuel, dann André, dann kam ich, Madeleine.
Nach mir wurden meine kleinen Geschwister geboren.
Margit, Susan, Rosè und unser jüngster Raoul. Jakob war auch groß, genau wie Papa.
Er hatte dunkelblonde Haare und wie meine Mutter auch blaue Augen und sah sehr gut aus.
Viele Mädchen waren verliebt in ihn aber er verliebte sich immer in die falschen. Dazu später mehr.
Manuel und André sahen ihm sehr ähnlich nur das sie keine blauen Augen hatten.
Margit hatte dunkle Haare genau wie Papa aber sie hatte grüne Augen, wie die italienische Großmutter von uns.
Susan war Mama in Klein, so sehr ähnelte sie ihr. Rosè hatte Ähnlichkeit mit mir, wir waren beide brünette wie Mama und hatten grüne Augen wie Großmutter.
Raoul hatte lockiges dunkles Haar und braune Augen, genau wie Papa. Er war unser Nesthäkchen.
Schon als Kleinkind musste ich Hol- und Bringdienste machen um meine Familie zu unterstützen. So half ich unseren Nachbarn im Haushalt oder ich putzte Schuhe und erledigte diverse andere Sachen. Selbstverständlich halfen meine Geschwister ebenfalls.
Da wir aber noch Kinder waren verdienten wir nicht viel. Es war wie ein kleines Taschengeld, das wir noch nicht mal für uns selber ausgeben konnten.
Wir wohnten in einem kleinen Haus, den Mutter von ihren Eltern geerbt hatte. Sie war ein Einzelkind so das es für uns keine Onkeln und Tanten Mütterlicherseits gab. Sie hatte ihre Eltern einige Jahre zuvor, bevor sie meinen Vater kennenlernte verloren. Erst wäre Großvater und dann Großmutter gestorben.
Meine Großmutter wäre auch Schneiderin gewesen und Großvater war Künstler.
Wir haben überall im Haus viele Gemälde an den Wänden die Großvater gemalt hätte. Es sind wunderschöne Bilder. Ein Bild gefällt mir besonders gut, da ist das Stadttheater drauf.
Großvater hat es sehr gut gemalt. Aber auch die anderen Gemälden waren alle traumhaft schön.
Zu seinen Lebzeiten hätte Großvater auch seine Bilder verkauft. Mutter erzählte mir, das es einen Monsieur Etienne gegeben hätte, der viele Bilder von Großvater gekauft hätte und ihn als Künstler sehr bewundert habe.
Großvater hätte ihn in einem Museum kennengelernt als er dort bei Restaurierungsarbeiten geholfen hätte. Sie wären ins Gespräch gekommen und mein Großvater erzählte ihm das er auch malt.
Daraufhin wollte er seine Bilder sehen. Sie trafen sich und Großvater zeigte ihm seine Werke.
Er kaufte sofort zwei Bilder und daraus entstand eine große Freundschaft. Monsieur Etienne hätte seine Kunst so sehr bewundert, das er jedes neue Bild von Großvater sehen wollte. Als er es sah kaufte er es sofort. Monsieur Etienne hätte ihm auch andere Kunstinteressenten vorgestellt. Ihnen verkaufte er dann auch.
Als Großvater krank geworden wäre und starb, wäre Monsieur Etienne zu seiner Beerdigung gekommen. Er hätte versprochen wieder vorbeizukommen damit meine Großmutter
ihm seine letzten Werke zeigen kann.
Doch man hörte nichts mehr von ihm.
Kurz vor Großmutters Tod hätten sie erfahren, dass Monsieur Etienne, kurz nach Großvaters Tod ebenfalls gestorben wäre.
Mutter erzählte oft über ihre schöne Kindheit und Jugendzeit, sie hätten nie große finanzielle Probleme gehabt.
Denn Monsieur Etienne hätte immer gut bezahlt für Großvaters Werke. Durch die Großzügigkeit von ihm und durch seine Beziehungen zu anderen Kunsthändlern und Kunstinteressenten konnte Großvater viele Gemälde zu guten Preisen verkaufen. So hätten meine Großeltern auch das Haus kaufen
können, indem wir lebten.
Mama hatte es schuldenfrei geerbt.
Nachdem ich von Mutter erfahren hatte das die Malerei von meinem Großvater so bewundert wurde, hatten die Bilder von Großvater für mich noch eine größere Bedeutung. Ich selbst versuchte sogar einige Male etwas zu malen.
Aber mir fehlte es an Talent. Ich wisch sehr vorsichtig immer den Staub von den Bildern ab um die Werke zu schützen. Sie bedeuteten mir genauso viel wie für meine Mutter.
Claude Martin, so hieß mein Großvater. Marie hieß meine Großmutter. Schade, das sie nicht mehr lebten, wie gern hätte ich sie kennengelernt. Da meine Mutter keine Geschwister hat, wollte sie immer eine große Familie haben.
Dieser Wunsch ging in Erfüllung.
So wurde aus einer kleinen Familie eine Großfamilie mit acht Kindern.
Meine Mutter liebt es wenn das Haus voller Leben ist.
Sie sagte es wäre immer sehr einsam in dem Haus gewesen bevor sie Papa heiratete, denn sie lebte nach dem Tod ihrer Eltern alleine dort.
Mein Vater hatte noch einen Bruder und eine Schwester, die in Venedig lebten.
Selbstverständlich lebten auch noch seine Eltern also unsere Großeltern, die schon alt waren.
Wir waren einmal dort. Die Reise dauerte sehr lange.
Wir waren tagelang unterwegs, mit der Eisenbahn, mit Kutschen und zeitweise sogar zu Fuss.
Für die Reise hatten meine Eltern sehr lange gespart. Sie wollten das wir unsere Verwandten in Italien kennenlernen.
Insbesondere unsere Großeltern und unseren Onkel und unsere Tante.
Als mein Vater noch gearbeitet hatte konnten meine Eltern was zurücklegen, doch als die Fabrik schloss, indem Vater arbeitete änderte sich unser Schicksal auf schlimme Weise.
Denn Papa wurde arbeitslos und Mutter verdiente leider nicht viel.
Anfangs suchte mein Vater nach einer anderen Arbeit, doch es war sehr schwer eine Arbeit zu finden und dann hörte er einfach auf zu suchen und ergab sich seinem Schicksal.
Er suchte keine Arbeit mehr und als wir ihn darauf ansprachen wurde er aggressiv oder er belog uns sagte das er eine Arbeit in Aussicht hätte... und so verging die Zeit.
MeinVater gewöhnte sich daran zuhause zu sein und wir Kinder schlugen uns mit kleinen Arbeiten durchs Leben. Aber nichts reichte aus. Papa half meiner Mutter im Haushalt, manchmal kochte er sogar.
Mein Bruder Jakob wollte unbedingt studieren aber studieren konnten meistens nur die Reichen. Wir waren arm und konnten froh sein das wir nicht hungern mussten. Wir waren am Leben, hatten was zu Essen, was will man mehr könnte man jetzt sagen.
Doch wir mussten immer aneinander helfen und konnten einfach kein eigenes Leben aufbauen. Jeder half dem, der Hilfe brauchte, eigentlich sehr gut nachvollziehbar.
Doch das war nicht so einfach wie man es vielleicht denken könnte.
Denn jeder von uns war anders, wir hatten Wünsche, Träume, Ziele die nicht verwirklicht werden konnten, da wir ständig und immer aneinander helfen mussten.
Wir waren immer für den anderen da. So hielten wir uns über Wasser.
Als mein ältester Bruder eine Arbeit in einer Buchhandlung begann, war er derjenige der für die meisten Kosten aufkommen musste.
Wir gingen damals alle noch zur Schule.
Jakobs Traum eine Universität zu besuchen blieb ein Traum.
Er arbeitete und unterstützte seine Familie. Die Älteren unterstützten die Jüngeren.
Es war unser Kreislauf des Überlebens. Der Kreislauf der auf ein Wunder wartete. Doch dieses Wunder kam natürlich nicht. Noch nicht...
Als Jakob eine Frau kennenlernte, die aus gutem Hause war, das bedeutete damals so wie heute auch, das ihre Eltern wohlhabend waren und mit Sicherheit niemals einer Ehe außerhalb Ihres Standes zustimmen würden, begann für Jakob eine schwere Zeit und Krise.
Für uns Kinder war es auch eine schwere Zeit. Es war einfach ungerecht, das Leben war ungerecht und wir waren traurig wegen Jakob.
Jakob konnte dieser Frau nichts bieten obwohl er sie liebte.
Sie liebte ihn auch.
Es vergingen einige Monate und immer noch konnte Jakob ihr kein Heiratsantrag machen, weil er sie erst nach Hause bringen wollte um sie auch unseren Eltern vorzustellen. Doch dafür war er zu stolz, nicht das er sich wegen uns schämte sondern es war ihm unangenehm ihr unser altes Haus und unsere Armut zu zeigen.
Er schämte sich, damals konnte ich es nicht verstehen.
Mittlerweile verstehe ich ihn sehr gut. Denn wir lebten in einer Welt wo nur gleichgesinnte zueinander finden durften. Es ist zwar Schwachsinn aber die Menschen sind nun mal sehr oberflächlich. Wen interessierte schon der gute Charakter oder das gute Aussehen.
Hast du Geld, dann bist du Jemand.
Hast du nichts, dann bist du Nichts. Jakob hatte leider die Erfahrung machen müssen, das die Eltern von Clara sich über Jakob informiert hatten. Das bedeutet, sie haben recherchiert und wollten wissen wer dieser Jakob Rossi war. Als sie erfuhren, das der Vater von Jakob keiner Arbeit nachging und seine Mutter fürs Theater und für die Nachbarschaft nähte, Jakob keinen Universitätsabschluss hatte, sondern nur in einer Buchhandlung arbeitete und er darüberhinaus noch sieben Geschwister hatte und Mitversorger dieser großen Familie war, war es vorbei mit ihr und seiner geliebten Clara.
Die Eltern hätten Clara in ihr Zimmer eingeschlossen, so das es ihr nicht mehr möglich war sich mit Jakob zu treffen. Ihr wurde jeglicher Umgang mit ihm verboten.
Das war die kurzweilige dramatische Liebe von meinem Bruder Jakob.
Jakob war todunglücklich, denn er liebte sie sehr.
Doch die Eltern von Clara hätten niemals einer Hochzeit zugestimmt. Im tiefsten inneren wusste Jakob das mit Sicherheit auch, denn warum sonst hatte er sie nie mit zu uns gebracht.
Er hatte Angst das Clara ihn verlassen würde, wenn sie gesehen hätte das wir in einem kleinen alten Haus lebten, das renovierungsbedürftig war und wir nur drei Zimmer hatten die wir uns mit unseren Geschwistern teilten.
Es war also das Ende einer großen Liebe. Das meinte ich auch vorhin als ich schrieb, das Jakob sich immer in die falschen verliebt.
Jakob trauerte ihr lange nach, wie es um Clara ging wussten wir nicht.
Denn immer wenn Jakob zu ihr ging, durfte er sie nicht sehen. Man hätte ihn immer abgewimmelt. Das Letzte mal als er da war, hatte man ihn sogar verprügelt.
Ich werde nie vergessen wie meine Mutter am Küchentisch saß mit einer kleinen Schüssel Wasser und einem Tuch in der Hand und weinend die Wunden von Jakob säuberte. Es muss schrecklich für eine Mutter sein, ihren Sohn so traurig und verletzt zu sehen, dachte ich mir. Sie tröstete ihn und um ehrlich zu sein, war ich innerlich so sehr wütend auf die Familie von Clara das ich sie hasste ohne sie zu kennen.
Diese Oberflächliche eingebildete dumme Kuh dachte ich mir nur, wie konnte sie zulassen das mein Bruder geschlagen wird und wieso war sie jetzt nicht da, bei ihm.
Sie muss ihn nicht so sehr geliebt haben wie mein Bruder sie liebte. Das kann keine Liebe sein versuchte ich mir und meinem Bruder einzureden. Doch er meinte nur, „du bist noch ein Kind, was verstehst du schon von Liebe?“ Es dauerte nicht lange bis wir erfuhren das Clara sich verlobt hätte. Jakob hatte es in der Buchhandlung gehört als zwei Damen sich unterhielten. Er hätte sogar gefragt, „reden sie über Clara Durand?“
Die Antwort hätte er am liebsten nicht gehört, denn sie bejahten es. Clara hatte sich nur wenige Monate später mit einem reichen Mann verlobt. Das war zwar traurig aber so konnte Jakob ein Schlussstrich ziehen und nach vorne schauen.
Jakob war so klug und intelligent und hätten wir die Möglichkeiten gehabt, dann wäre aus ihm ein Anwalt oder ein Doktor für Geschichte geworden, denn er las sehr gerne, daher hatte er lange eine Arbeit in einer Buchhandlung oder in einem Museum gesucht.
Er war sehr glücklich das er eine Arbeit mit Büchern hatte, denn dort konnte er lesen ohne die Bücher kaufen zu müssen.
Hätte Jakob studieren können dann wäre er später sogar Professor geworden. Mit Sicherheit wäre er ein berühmter Professor geworden. Meine Brüder Manuel und André durchlaufen ähnliche Schicksale aber sie waren schlau genug und sprachen ein reiches Mädchen erst gar nicht an.
