Maere - Grüne Vorzeichen - Florian Herlan - E-Book

Maere - Grüne Vorzeichen E-Book

Florian Herlan

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Beschreibung

Als Gawean eines Morgens aufwacht, ist nicht nur seine gesamte Heimatstadt Ginada von einem wild wuchernden Wald umgeben, der über Nacht gewachsen ist, auch spricht ihn eine geheimnisvolle Katze von seinem Fensterbrett aus an und fragt ihn, ob er der Hüter sei. Verwirrt folgt Gawean seinem Großvater Fortasan, einem Jägersmann, in den Wald und findet mit Hilfe der Falknerin Lunete Linde, ihrem sprechenden Waldkauz Teketeh und dem verirrten Ritter Askalon bald die Spur ins Herz des Waldes. Während die Menschen Ginadas gegen die Naturgewalten kämpfen, finden Gawean und seine Begleiter heraus, was es mit dem so genannten Volk und der lange zurückliegenden Säuberung auf sich hat - und dass sie weit über die Grenzen ihrer Welt hinaus denken müssen, um zu überleben.

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Seitenzahl: 465

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Maere - Grüne Vorzeichen

Florian HerlanImpressum

Florian Herlan

Maere

Grüne Vorzeichen

-Eine Lornheimgeschichte-

Roman

Copyright © Florian Herlan

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel – Die Verwilderung

Zweites Kapitel – Der Zwerg

Drittes Kapitel – Schattenspiele

Viertes Kapitel – Das Düsterholz

Fünftes Kapitel – Die Hexe

Sechstes Kapitel – Der fahrende Ritter

Siebtes Kapitel – Munsalveile

Achtes Kapitel – Die Säuberung

Neuntes Kapitel – Die Katastrophe von Elding

Zehntes Kapitel – Im Märchenwald

Elftes Kapitel – Der Eichenkundige

Zwölftes Kapitel – Die Sünder Maeres

Dreizehntes Kapitel Der Heideturm

Vierzehntes Kapitel – Der Wolf und der Bär

Fünfzehntes Kapitel – Der Austausch

Sechzehntes Kapitel – Der Professor und der Kirchenvater

Kapitel 1 Die Verwilderung

Gawean Munsal wachte aus einem seltsamen Traum auf. Das allein sagte noch nicht viel aus, da fast alle Träume seltsam waren, aber dieser Traum stach für ihn doch hervor. Boten doch die meisten Aspekte von Träumen berechtigte Zweifel an Logik und allgemeiner Glaubwürdigkeit, hatte Gawean in dieser Nacht eine Episode erlebt, wie sie realistischer nicht sein konnte. Keine unerhörten Zeitsprünge, keine Vermischungen von bekannten Gesichtern mit fremden und auch kein zwanghaftes Drehbuch, das unerbittlich auf ein bestimmtes Ende zustrebte. Nein, er hatte stets die Wahl gehabt. Und entschieden hatte er sich am Ende für...

„Das darf nicht wahr sein“, murmelte er, nicht schlaftrunken, sondern hellwach. Zähneknirschend versuchte er die Entscheidung am Ende seines Traumes festzuhalten, doch sie war ihm schon längst entglitten und so versank damit einhergehend der gesamte Traum in Bedeutungslosigkeit. „Verdammt nochmal“, murmelte Gawean und schwang die Beine aus dem Bett. Wieder nichts für sein Traumtagebuch. Seufzend barg er für einen Moment den Kopf in den Händen, dann stand er auf und streckte sich ausgiebig. Hinter dem schweren Vorhang am Fenster deutete sich die in hellen Grautönen auftretende früheste Morgenstunde ohne Sonne an. Gawean wachte immer vor dem ersten Sonnenstrahl auf. Immer. Es war eine feste Instanz, ein Schicksal. Langsam schlurfte er zum Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Eine große Katze saß auf dem Fenstervorsprung und legte den Kopf schief, als Gawean perplex zurückschrak. Mit ihrem dichten Fell und dem buschigen Schwanz wirkte sie weitaus wilder als die Katzen, die tagtäglich durch Ginada streiften. Jetzt hob sie die Pfote und strich ungeduldig über das Fenster.

„Bist du der Hüter?“ fragte sie und fixierte den jungen Mann mit ihren bernsteinfarbenen Augen.

Für eine sehr lange Sekunde fühlte Gawean sich orientierungslos, als ob ein plötzlich eintretender Schwindel ihn fast zur Bewusstlosigkeit zwang. Seine Aufmerksamkeit driftete weg, irgendwohin an einen dunklen Ort, kehrte dann jedoch genauso schnell wieder zurück. Er fing sich wieder. Und eine weitere Sekunde fand ein kurzer, hässlicher Kampf in seinem Inneren statt, um zu entscheiden, ob er schreiend und stotternd, oder abgeklärt und ruhig reagieren sollte. Letztere Variante trug mit Leichtigkeit den Sieg davon. Zuerst musste er feststellen, ob die Katze wirklich gesprochen hatte, oder ob er verrückt geworden war.

„Wer...bist du?“ fragte Gawean deshalb, merkte aber, wie seine Stimme leicht schwankte. Er nahm sich zusammen und öffnete das Fenster einen Spalt.

„Ich bin eine Sucherin“, maunzte die Katze und leckte sich die Pfoten. „Ich heiße Wandelunge.“

„Aha“, murmelte Gawean verwirrt. „Und was suchst du?“

Die Katze blickte plötzlich auf. „Den Hüter, das sagte ich doch schon“, antwortete sie leise.

Das Biest sprach also wirklich und hatte sogar irgendeinen Auftrag. „Wer hat dich denn auf deine Suche geschickt? Und was ist ein Hüter?“

Seufzend wandte Wandelunge den Kopf in Richtung des großen Waldes, der den ganzen Horizont einnahm. „Das kann ich dir leider auch nicht sagen“, murrte sie.

„Warum nicht?“ beharrte Gawean.

„Weil ich es nicht weiß.“ Sie blickte wieder zum Wald. Dann sah sie zu Gawean zurück und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Plötzlich klickte etwas im Geist des Jungen und er japste unwillkürlich. Sein Blick heftete sich auf das Meer von Bäumen dort draußen und als er die Tür zur Veranda aufriss und hinausstürzte, hörte er aufgebrachte Stimmen von überall her. Leute liefen durch die Gassen und Straßen der kleinen Stadt Ginada und schrien wild durcheinander. Gawean wohnte am Rand der Stadt, sodass sich nicht weit vom Haus entfernt eine ganze Menschentraube eingefunden hatte, ein Knäuel aus wild gestikulierenden Armen und nicht stillstehenden Mündern.

„Was...?“ Gawean starrte unverwandt auf die Baumbatterien, schaute links und rechts, doch kein Ende war in Sicht, in keiner Richtung. Irgendetwas bewegte sich sogar und erst als Gawean sich zur Ruhe ermahnte, sah er, dass es nicht die im Wind wogenden Baumkronen waren. Nein, es schien so, als ob...

„Der Wald gedeiht“, meinte die Katze lakonisch und gesellte sich zu dem Jungen. Sie blickte zu ihm hoch. „Du hast so etwas noch nie gesehen, nicht wahr?“

Entgeistert versuchte er so etwas wie Spott in den Augen des Biestes zu erkennen. „Nein“, sagte er schließlich und seine Stimme hörte sich merkwürdig an. „Hier...gibt es seit Jahrzehnten keinen Wald mehr. Und schon gar keinen Wald, der über Nacht aus dem Boden schießt und auf einmal alles bedeckt!“ Die letzten Worte hatte er so laut gerufen, dass die Leute unten zu ihm hochschauten. Gawean konnte sich nicht daran erinnern, wann er zum letzten Mal in einem der weit von Ginada entfernt liegenden, kleinen Wäldchen gewesen war. Als Kind, zusammen mit seinem Großvater Fortasan, der schon immer eine Faszination zu Wald und Natur im Allgemeinen gepflegt hatte.

Das Haus von Gaweans Großvater war etwas Besonderes. Überall hingen Gemälde von wilden Tieren, eingefangen in ihrem Leben im Unterholz von dichten Wäldern, die von verborgenen Höhlen und tiefliegenden Geheimnissen wisperten. Tierköpfe schauten hier und da von den Wänden und in den Fluren und Zimmern gab es so viele verschiedene Pflanzenarten, dass Gawean immer noch nicht alle klassifiziert hatte. Als er nun die Treppe hinunterging, drängte sich ihm all dies mit seltsamer Ironie auf, denn bisher hatte er das Haus als Museum gesehen, ausgestattet mit Artefakten längst vergangener Zeit und verklärten Malereien, die in romantischen Zügen die Schönheit einer verloren gegangenen Natur beschrieben. Doch nun wucherte dort draußen ein gigantischer Wald, dessen Atem deutlich hörbar zu den Menschen in ihren Steinhäusern herüberwehte. Einzelne Bäume, ja. Kleine Wäldchen, sicherlich. Aber im Grunde gab es auf der Welt Maere keine zusammenhängenden Waldregionen mehr – schon die Generation vor Gawean hatte nur noch die vom Wind abgetragene Ödnis gekannt sowie endlose Grasmeere, durchsetzt mit scharfkantigen Felsformationen. Aber das wichtigste war ohnehin: Wie sollte es möglich sein, dass die Natur über Nacht einen ganzen Wald emporwachsen ließ?

„Großvater!“ rief Gawean und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. „Wo bist du?“ Auch Küche und Werkstatt waren verwaist.

„Er wird draußen sein“, prophezeite die Katze, die sich wie selbstverständlich und ohne weitere Erklärungen an die Fersen des jungen Mannes geheftet hatte. Tatsächlich. Fortasan stand auf der Terrasse, die Arme verschränkt. Sein Blick richtete sich starr auf die Waldung und ein verstohlenes, fast seliges Lächeln hatte sich auf seine sonst so strengen Lippen geschlichen.

„Großvater! Was...?“

„Ich muss mit Harkon sprechen“, sagte der alte Mann und seine Stimme vibrierte in einem fast jugendlichen Eifer. „Das Rathaus wird wahrscheinlich überfüllt sein mit verängstigten Leuten“, fügte er mit einem kurzen Glucksen hinzu. „Komm mit, mein Junge!“

„Warte! Was ist denn passiert? Weißt du etwas?“ Gawean stolperte völlig aufgelöst hinter dem rasch voranschreitenden alten Mann her.

Doch Fortasan brummte nur. „Wird sich zeigen“, sagte er jedoch, als sein Enkel nicht lockerließ und ständig weiter fragte.

„Ist das...eine Art Angriff?“ fragte Gawean und lachte kurz und unecht auf.

Fortasan blieb wie angewurzelt stehen. „Schon möglich“, murmelte er und spähte zwischen zwei Häuserzeilen hindurch zum dunkel dräuenden Wald. „Aber...wenn es so ist, haben wir es verdient.“ Ohne sich zu erklären, ging er weiter. Sie ließen das Flussviertel hinter sich und passierten den Marktplatz, der komplett verlassen war. Je näher sie dem Aufstieg zum Regierungssitz kamen, desto lauter tönten auch die Stimmen der Menschen durch die seltsam aufgeheizte Luft. Gawean schnappte Diskussionsfetzen auf, doch konnte er sich auf nichts davon einen Reim machen. Niemand wusste Bescheid, aber eines einte die Menschen bei all ihrer Unsicherheit dennoch: eine rasch hochkochende, angenehm befreiende Wut. Irgendetwas oder irgendjemand hatte alles durcheinandergebracht, aber eines strahlte natürlich darüber hinweg: Was auch immer geschehen war, richtete sich gegen die Menschen Maeres und deshalb übten sie sich schon einmal darin, eine kollektive Aggression aufzubauen gegen das, was da draußen geschah. Unwillkürlich und unangenehm deutlich wurde Gawean bewusst, dass Ginada nicht im Ansatz über eine durchgehende Stadtmauer verfügte. Hier und da erhob sich ein Mauerrest, es gab Stadttore und ein paar Brettergerüste, die im Wind schwankten, aber prinzipiell definierten die nach außen gewandten Rückseiten der Häuser das Ende der Stadt, zusammen mit ebenfalls nach außen gebauten Werkbänken, kleinen Gärten und Verschlägen aller Art. Trutzig nannte er etwas anderes. Was hier geschah...sickerte in seiner ganzen Bedeutung nur langsam in Gaweans Gedanken. Vielleicht lauerten Ungeheuer zwischen den grimmigen Baumreihen und warteten nur auf eine Gelegenheit, hervorzubrechen und die Stadt zu stürmen?

„Sehr wahrscheinlich warten dort Ungeheuer, wenn du daran glaubst“, meinte Wandelunge, ohne ihn anzusehen. Fast entschuldigend wandte Gawean sich an seinen Großvater und wollte ihm erklären, dass die sprechende Katze wohl ein Symptom dieser ganzen Sache war, aber Fortasan sagte gar nichts und wirkte auch nicht besonders verwundert. Er zwinkerte Wandelunge nur kurz zu und schritt dann weiter.

Die Ratshalle quoll über vor Leuten, aber alle machten Fortasan respektvoll Platz. Gawean wusste, warum. Schließlich war sein Großvater einer der alten Jägersleute, die in Zeiten großes Ansehen genossen, von denen Gawean so gut wie nichts wusste. Doch auch wenn die Erinnerung daran in Ginada nicht tradiert wurde, hatte sich doch ein harter Kern von Verhaltensweisen in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Dazu gehörte der Respekt vor Leuten wie Fortasan und zudem...die Angst vor dichten Wäldern.

„Liebe Leute!“ versuchte Torbald Harkon sich Gehör zu verschaffen. Er wedelte verzweifelt mit den Armen und strich sich in regelmäßigen Abständen immer wieder über den beeindruckenden Backenbart, um danach wieder mit dem Wedeln fortzufahren. Die Menge schrie und tobte, Furcht und Verwirrung schlug dem hilflosen Gemeinderat entgegen, der doch selbst nicht weiterwusste.

„Was verdammt nochmal ist das da draußen?“ rief eine junge Frau mit krausen Locken und deutete sinnlos in irgendeine Richtung.

„Wie kann das sein? Ist das eine böse Zauberei? Werden wir heimgesucht?“, ereiferte sich ein untersetzter Mann mit Halbglatze.

„Warum hat das niemand kommen sehen?“

„Was sollen wir jetzt tun?“

„Dieses unnatürliche Gebilde bewegt sich!“

„Es kommt auf uns zu!“

„Es wird uns verschlingen!“

Die einzelnen Ausrufe verbanden sich bald zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der durch den Raum schwappte und den armen Harkon wie einen Ertrinkenden aussehen ließ. Auf einmal ärgerte Gawean sich. Was konnte denn der Gemeindevorsteher für diese groteske Situation?

„Bitte! Liebe Leute!“ rief Harkon hilflos und rang mit den Händen.

„Gebt endlich Ruhe!“ donnerte Fortasan mit seinem mächtigen Organ. Gawean war sich nicht sicher, ob allein die Lautstärke des Ausrufs die Meute zur Ruhe brachte, oder ob noch etwas anderes in der Stimme seines Großvaters mitschwang, das Respekt einflößte. Jedenfalls wandten sich Dutzende aschfahle Gesichter vom schwitzenden Harkon ab und sahen Fortasan nun erwartungsvoll an. Langsam bahnte dieser sich einen Weg durch die Reihen und erklomm die Stufen hoch zum Ratstisch. Harkons Miene drückte einerseits Dankbarkeit aus, andererseits passte es ihm aber auch nicht, dass seine Autorität so untergraben wurde.

„Ich fasse mich kurz. Etwas Unerhörtes ist heute geschehen. Wir werden von unserer Vergangenheit eingeholt.“ Fortasans graue Augen suchten nahezu jeden Anwesenden heim. Die Leute murmelten unruhig, doch noch wagte es niemand, seine Stimme wieder zu erheben.

„Ihr wisst natürlich alle, manche mehr, manche weniger, wovon ich spreche. Die Erde vergisst nicht. Und eines Tages kommt noch jede vergraben geglaubte Sünde wieder ans Tageslicht. Heute ist der Zeitpunkt gekommen.“ Der alte Mann hielt kurz inne und schien zu überlegen. „Wir haben nun die Wahl, wie wir uns verhalten wollen. Wir können unsere Sünden annehmen und entsprechend handeln. Oder wir suhlen uns weiterhin in unserer Ignoranz.“

Das Murren schwoll an, doch Fortasan tat nun nichts mehr, um das Wort zu behalten. Abwartend verschränkte er die Arme und stand wie ein Fels über den aufgebrachten Leuten. Schließlich brach sich der Unmut Bahn, als ein älterer Mann mit rotem Gesicht trotzig das Kinn reckte. „Von was du da redest, Fortasan!“ rief er mit vorwurfsvoller Stimme. „Unsere Sünden! Pah! Wir haben nichts getan! Und nun sind wir durch eine seltsame Magie von der Außenwelt abgeschnitten! Wir müssen uns schützen...und auch verteidigen, sage ich!“

„Ja!“

„So ist es!“

„Wir sind die Leidtragenden!“

„Wir müssen Pläne zu unserem Schutz schmieden!“

„Wer weiß, was dort drin lauert!“

„Es gibt schon Gerüchte über grässliche Ungeheuer, die aus dem Wald hervorkriechen, um des Nachts unsere Kinder zu holen!“

Schweigend hörte Fortasan zu, wie die Leute sich gegenseitig aufpeitschten und nach einer Weile, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die Leute nach besten Kräften eine Verschwörungstheorie nach der anderen aufstellten, wandte er sich leise an Harkon. „Sie gehören wieder dir, mein Freund. Ich mache mich auf den Weg.“

„Wohin denn?“ zischte Harkon und wischte sich die Hände an seiner Wollhose ab.

Fortasan antwortete nicht. Doch als er sich schon wieder durch die diskutierende Menge schob, ertönten von draußen auf einmal panische Schreie.

Die Tür sprang auf, knallte an die Steinwand und ein völlig aufgelöster junger Wachtposten tauchte im Rahmen auf.

„Monster vor den Toren!“

„Teketeh!“ rief Lunete Linde und hielt ihren behandschuhten Arm hoch. Der kleine Waldkauz riss seinen Blick vom erwartungsvollen Publikum los und sah herüber zur Falknerin. Dann stieß er sich kraftvoll vom Zaunpfosten ab, nahm Kurs auf die vorderen Sitzbänke und strich mit den Flügeln sanft über die Köpfe zweier quietschender Kinder. Applaus ertönte von den Bänken und beflügelte Teketeh zu einer weiteren Runde, bevor er elegant den Regenwurm aus der Luft fischte, den Lunete mit einer schwungvollen Bewegung in die Höhe befördert hatte. Missmutig sah die junge Frau zum Himmel hinauf. Leise tröpfelte Regen auf die Köpfe der Anwesenden und Lunete wusste, dass ihre Vorführung damit so gut wie beendet war. Sie seufzte. Nur noch ein paar Sid, dann könnte sie zum Pfandhaus gehen und ihre Sachen einlösen. Halsabschneider. Nur weil sie sich etwas übernommen hatte bei der Einrichtung ihrer Falknerei, räumte das Amt ihr die Wohnung aus. Und gerade bei den Erbstücken ihrer Familie verstand sie keinen Spaß. Schon standen einige der Zuschauer auf, um sich vor dem einsetzenden Regen in Sicherheit zu bringen.

„Na gut, Teketeh“, murmelte sie in den aufkommenden Wind und wusste dabei, dass ihr kleiner Waldkauz sie genau hörte. „Lass uns für heute Schluss machen.“

Teketeh segelte langsam von einem hohen Pfosten zu ihr herab, um schließlich wie immer auf ihrer Schulter zu landen, doch dieses Mal geschah etwas Seltsames. Mitten im Flug erstarrte Teketeh und fiel für einen Sekundenbruchteil wie ein Stein herab. Lunete schrie auf und so auch das verbleibende Publikum, doch schon breitete der kleine Waldkauz seine Schwingen wieder aus – und flog über die hohe Mauer hinweg, raus aus der Stadt. Entgeistert lief Lunete zur Mauer und sprang in Ermangelung einer Alternative daran hoch. „Teketeh!“ rief sie atemlos und erklomm den letzten Rest der Wand Was sie von dort oben sah, ließ ihr das Herz in die Hose rutschen. In vielleicht einem Kilometer Entfernung ragten hunderte, tausende Ungetüme mit grünen Kronen empor und erst nach einem langen Augenblick verknüpfte Lunetes Gehirn ihre bisherigen Sehgewohnheiten mit dem, was sie dort sah und was den gesamten Horizont bedeckte. Weitere Leute hatten sich Rampen geschaffen oder bildeten Räuberleitern, um dem entwischten Waldkauz hinterherzusehen, doch fingen sie an zu schreien, als sie die Baumreihen sahen und mancher wandte sich ängstlich und schaudernd wieder ab. Lunete wusste nichts um die Gedanken der anderen Leute bei diesem Anblick, denn ihre erste Sorge galt Teketeh, der sich auf direktem Luftweg zu diesem offenbar magisch aus dem Boden geschossenen Wald aufmachte, wahrscheinlich durch irgendeine Kuriosität angezogen. Die Falknerin ließ die Besucher ihrer Flugvorstellung allein und hastete nach Hause. Sie war wohl während ihrer Arbeit am Rande der Stadt etwas isoliert gewesen, denn das Brodeln eines Hexenkessels war nichts gegen den Zustand Ginadas an diesem Tag. Überall liefen Leute kreuz und quer durcheinander, fuchtelten bedrohlich mit Waffen oder gaben Warnschüsse aus Gewehren in die Luft ab. Auf dem Marktplatz predigte jemand wild gestikulierend von der Kanzel und vor dem Rathaus bildeten sich lange Schlangen. Lunete ließ all das Chaos nicht an sich heran, sondern steuerte zielstrebig auf die Tischlerei Wortram zu. Sie platzte unsanft herein und warf nur einen flüchtigen Blick auf das Innere der Werkstatt. Niemand da. Drei Stufen auf einmal nehmend lief sie die Treppe im hinteren Bereich herauf und rannte den Flur zu ihrem Zimmer entlang. Zum Glück war sie ein sehr ordentlicher Mensch, sodass sie alles Nötige schnell zusammenhaben würde.

Mit geröteten Wangen und fahrigen Bewegungen suchte sie also die passende Ausrüstung für einen kleinen Waldspaziergang aus. Lunete schnaubte bei dem Gedanken. Ledercape und Gürteltasche schmiegten sich bereits nach Sekunden an Lunetes Körper. Sie legte ihren Utensiliengurt quer über die Schulter und zurrte ihn fest. Ihr Medikamentenschrank förderte einige kleine Flakons zutage, von denen sie achtsam eine Reihe in die dafür vorgesehenen Schlupfwinkel in ihrer Kleidung verschwinden ließ. Sie packte noch dies und das zusammen, doch das wichtigste kam zum Schluss: Ihr eleganter Bogen, hauchdünn geschnitten, mit Leichtigkeit zu spannen, doch mit einer Durchschlagskraft, die das Fürchten lehrte. Mit einem letzten Rundumblick und wehendem Zopf ließ sie ihr Zimmer hinter sich und fiel direkt an der Türschwelle in einen Dauerlauf, der sie rasch zum Waldrand tragen würde. Auf dem Weg ignorierte Lunete das Gezeter der Leute und auch den ein oder anderen verwunderten Blick in ihre Richtung.

„Gehst du jagen?“ rief ihr ein Jungspund zu.

„Natürlich! Du etwas nicht?“ gab sie keck zurück und lief weiter.

Doch am Osttor hielt Mandorn sie auf. „Was hast du vor, Mädchen?“ fragte der bärbeißige Riese und verschränkte stoisch die Arme vor der breiten Brust.

„Lass mich durch, Mandorn“, forderte Lunete den Torwächter auf. „Ich muss da raus. Teketeh ist weggeflogen, direkt in den Wald.“

Doch Mandorn schüttelte den Kopf. „Tut mir leid“, sagte er ohne eine Spur Bedauern. „Anweisung von Harkon. Kinder dürfen die Stadt nicht mehr verlassen, selbst in Begleitung von Erwachsenen nicht. Dort draußen gibt es Ungeheuer, die jeden Menschen in seine Einzelteile zerlegen. Glaub mir, was immer dein kleiner Kauz dort draußen sucht...er muss es ohne dich finden.“

Für zwei Herzschläge sah Lunete den Schrank von einem Mann an, dann legte sie binnen eines Herzschlags einen Pfeil auf die Sehne und zielte direkt auf Mandorns Kopf.

„Lass mich ein paar Dinge klarstellen“, begann sie mit honigsüßer Stimme. „Erstens: Bilde dir nicht zu viel auf deine Muskeln ein. Wie du siehst“, sie deutete mit dem Kinn auf die glänzende Pfeilspitze, „bringt das nicht immer was. Zweitens: Harkon ist der Gemeindevorsteher, was nicht bedeutet, dass er Befehlsgewalt über mich oder irgendjemand sonst hat. Drittens: Ich bin kein Kind mehr, schon lange nicht mehr, und meine Eltern sind tot. Ich reise in meiner eigenen, erwachsenen Begleitung, sozusagen. Und Viertens: Jede Bestie, die mir in die Quere kommt, wird schnell und schmerzhaft bemerken, dass die Menschen Ginadas sich nicht einschüchtern lassen.“ Lunete zog fragend die Augenbrauen hoch und spitze die Lippen. „Ist das jetzt klar?“

Mandorn hatte mit großen Augen und alarmierter Haltung zugehört und nun öffnete und schloss er den Mund mehrmals. Dann lachte er schallend, fing sich jedoch schnell wieder. „Na, Mädchen. Wenn alle Menschen nur halb so mutig und angsteinflößend sind wie du, werden die Ungeheuer dort draußen jaulend den Schwanz einziehen und in ihren magischen Wald zurück stolpern!“ Mit einer einladenden Geste machte er den Weg durch das Tor frei.

„Wie nett von dir“, meinte Lunete und nahm den Pfeil von der Sehne. Ohne den Torwächter noch eines Blickes zu würdigen, stolzierte sie an ihm vorbei. Knirschend öffnete sich das breite Tor vor ihr und schloss sich wieder mit einem dumpfen, endgültigen Poltern. Das hohe Gras wogte im Wind, der stärker wehte als sonst. Mit einem flauen Gefühl im Magen machte sie sich auf den Weg zum in der Ferne liegenden Waldrand, der sicherlich sogar mehr als einen Kilometer entfernt lag, aber dennoch bereits sehr deutlich und ungewöhnlich detailliert zu erkennen war. Auf ihrem Weg über das freie Feld fühlte Lunete sich mit der Zeit immer exponierter, angreifbarer. Zwar schien die Sonne scheinbar freundlich herab, doch erreichte ihre Wärme nicht Lunetes Herz. Das Licht wirkte eher grau und passte nicht zur Jahreszeit. Vielleicht bildete sie sich das aber auch nur ein. Der Wind zerrte mittlerweile fast mit wütender Vehemenz an ihren Haaren und ihrem Cape, sodass Lunete nicht anders konnte, als eine gewisse Feindseligkeit gegenüber dem zu verspüren, was sie nun nahe vor sich sah. Die Bäume flößten Lunete eine ungeahnte Angst ein, denn sie waren höher, als sie erwartet hatte, höher als jedes Haus in Ginada. Eine finstere und vor allem aus einer uralten Zeit stammende Bedrohung lag über den dicken Stämmen, die wie die erste Reihe einer Invasionsarmee ihre Stellung hielten, jedoch nur auf den Befehl warteten, langsam aber stetig und vor allem unerbittlich voran zu marschieren.

„Eine Jägersfrau“, tönte eine ungewohnt kehlige Stimme von irgendwo hoch oben. Erschrocken wich Lunete einige Schritte zurück und blinzelte nach oben in die Baumkronen. Auf einem der unteren Äste saß ein riesiger Uhu, der mit einem nachsichtigen Blick auf das Mädchen herabblickte. „Du bist nicht die erste heute“, fuhr der Uhu fort. Seine Krallen bewegten sich unruhig und hinterließen tiefe Furchen im Holz. „Ein alter Waidmann kam vor nicht allzu langer Zeit auch des Wegs und verschaffte sich Einlass. Er schien mir vertrauenswürdig zu sein. Ein offener Geist. Mal sehen...“ Der Uhu starrte Lunete für einige Augenblicke eindringlich an. Dann schüttelte er sich. „Naja, vielleicht wird das ja noch“, meinte er.

„Wer...wer bist du?“ fragte Lunete verdattert und wusste nicht, ob sie wach war oder träumte.

„Urth bin ich“, meinte der Uhu und breitete lautlos seine beeindruckenden Schwingen aus. Als keine weitere Erklärung folgte, fragte Lunete das erstbeste, was ihr in den Sinn kam. „Hast du...einen kleinen Waldkauz hier vorbeikommen sehen?“

Urth drehte den Kopf nach hinten. „Ja, in der Tat“, sprach er. „Ein flatternder, junger Waldkauz kam ganz aufgeregt des Wegs und plapperte etwas von einer Quelle.“

Lunete erstarrte. „Er...plapperte? Er hat geredet?“

Der Uhu richtete seine starren Augen wieder auf das Mädchen. „Ja“, sagte er schlicht. „Der kleine wirkte seltsam auf mich. Als ob er...einem Ruf gefolgt sei. Ohne zu wissen, warum überhaupt.“

„Teketeh...“, flüsterte Lunete und schüttelte dann den Kopf. „Ich verstehe nicht...warum...warum kannst du sprechen?“

Urth antwortete zuerst nicht. Dann sagte er: „Es nützt dir doch, nicht wahr?“

„Ja, schon“, begann Lunete, brach jedoch wieder ab.

„Wie dem auch sei“, sagte Urth. „Finde heraus, was du willst. Geh hinein, ich halte dich nicht auf!“

Lunete sah abwechselnd den sprechenden Uhu und die finsteren Ränge des Waldes an. Schließlich wagte sie einen Blick zurück auf die Stadt. Sie wirkte erschreckend klein von hier aus. Unerreichbar. Lunete legte die Hand auf ihr Jagdmesser, danach auf die Flakons an ihrem Brustgurt. Schließlich nahm sie den Bogen von der Schulter und legte einen Pfeil auf.

„Was glaubst du, was du dort drin findest?“ fragte Urth und drehte den Kopf in Richtung Wald.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte Lunete. „Aber nichts Gutes, fürchte ich.“

„Aha“, meinte Urth und richtete die tellergroßen Augen wieder auf die Falknerin. „Naja. Wenn du das glaubst, wirst du sicher Recht behalten.“

Irritiert schaute Lunete den Uhu noch einmal an, doch gedanklich hatte sie den Schritt in den düsteren Wald bereits getan. Sie fasste sich ein Herz und betrat das Unterholz der Waldung, auf der Suche nach ihrem kleinen Freund Teketeh.

Die Haut schien hart wie Stahl zu sein, obschon sie in einem sanften Grünton schimmerte. Doch weder der rasch geworfene Speer, noch der Schlag mit der Heugabel hatte dem Untier etwas anhaben können. Sämtliche Farbe wich aus Gaweans Gesicht, als Bermand von einer riesigen Klaue gepackt und in die Luft gehoben wurde. Er schrie wie am Spieß, als sich die knorrigen Finger der Bestie in seine Seite bohrten. Zum Glück handelten die anderen Dorfbewohner geistesgegenwärtig. Sie versuchten nicht mehr, dem Gegner Verletzungen zuzufügen, sondern machten sich daran, ihn umzustoßen. Dies gelang auch nach einigen Anläufen mit Hacken und Stangen und den Speeren der Wächter, sodass Bermand sich bald aus dem nachlassenden Griff seines Peinigers befreien konnte.

„Weg hier!“ brüllte Romba mit sich überschlagender Stimme und das ließen sich die auf der Stelle tretenden Umstehenden nicht zweimal sagen. Gawean schloss sich mit einem letzten Blick auf das Waldmonster der Menge an und erst als das Tor Ginadas sich mit einem beruhigend endgültigen Krachen schloss, atmete er auf. Er ließ sich eine Weile von der Menge mitreißen, die zusammen mit den Wächtern vor Ginadas Toren gegen die Untiere des Waldes gekämpft hatten. Schließlich löste er sich von den anderen und stützte sich an einer Hauswand ab. Erst jetzt bemerkte er, dass sein Großvater offenbar nicht mehr an seiner Seite war.

„Großvater...?“ Wo war er hin? Die seltsame Katze war auch verschwunden. Gawean sah durch den feinen Regen zurück zum Tor, an dem sich bereits einige Wächter zu schaffen machten, darunter Mandorn der Riese. Er hievte dicke Stahlseile herbei und gemeinsam mit den anderen verbarrikadierte er das Tor, in Erwartung eines Ansturms der Biester von draußen. Gawean schauderte. Als ob ein geschickter Künstler seiner Phantasie freien Lauf gelassen hätte, spuckte der Wald unheilvolle Kreaturen aus, die an Bösartigkeit alles übertrafen, was Gawean jemals gesehen hatte. Knorrige, aus dem Holz alter Eichen geschnitzte Beine und mit fingerlangen Dornen versehene Klauen, dazu ein gähnender Schlund als Maul, mit einem wirren Geäst als Geweih – gab es für so etwas einen Namen? Ungläubig betrachtete Gawean jetzt einige dicke Nebelschwaden, die durch die Gasse waberte. Dann packte ihn plötzlich jemand an der Schulter. „Junge“, sagte eine kriegerisch aussehende Frau in Lederkluft, mit einem Dreispitz auf dem blonden Haar und einer schimmernden Laterne am Gürtel. „Du solltest dich in Richtung Marktplatz aufmachen. Hier am Tor ist es zu gefährlich für dich. Die Dämmerung naht und die Leute sind aufgebracht. Wer weiß, was geschehen wird...“ Sie zog ihr Schwert, in dessen eine Schneide scharfkantige Zähne geschmiedet waren. Ein Sägeschwert? Gawean schauderte wieder. Er nickte nur benommen und machte sich auf den Weg. Die Frau lag richtig: Mit unangenehmer Geschwindigkeit verabschiedete sich das Sonnenlicht und übergab der Dunkelheit die Herrschaft. Schon bald fand sich Gawean in den wirren Gassen des Handwerkerviertels wieder und sah kaum noch die Hand vor Augen. Wie konnte es sein, dass die Nacht so unversehens hereinbrach? Dieser Tag war an Unnatürlichkeit nicht zu übertreffen. Gawean seufzte. Er würde am Marktplatz nach dem Rechten sehen und dort vielleicht einige seiner Freunde treffen. Mal sehen, was sie an Informationen zusammentragen konnten. Plötzlich erschrak er bis ins Mark. Eine kleine Gestalt stand direkt vor ihm, in der Dunkelheit der Gasse, regungslos.

„Wer...wer ist da?“ rief Gawean und seine Stimme zitterte mehr, als ihm lieb war.

Ein Schluchzen wehte zu ihm herüber, doch der Schatten rührte sich immer noch nicht. Mit einem mulmigen Gefühl näherte Gawean sich mit quälend langsamen Schritten seinem Gegenüber. Ein Kind, dachte er. Schwer ausatmend ging er in die Hocke und brachte sein Gesicht auf die gleiche Höhe wie das des Kindes. „Was ist passiert?“ fragte er und versuchte, recht unbekümmert zu klingen.

„Der Wolf...“ sagte das Kind leise.

„Welcher Wolf?“ Alarmiert sah Gawean sich um. „Wo...?“

„Im Wald...“

„Was hattest du im Wald zu suchen?!“

„Der Wolf hat böse Augen“, flüsterte das Kind verängstigt. Ein kalter Schauder jagte Gawean über den Rücken. „Hat er dich verfolgt?“ fragte er und senkte seine Stimme unbewusst ebenfalls zu einem Flüstern.

„Nein“, antwortete das Kind. „Er hat mich nur aus einem Busch heraus angestarrt, mit leuchtend roten Augen. Und dann...dann sagte er seinen Namen...“

Unwillkürlich schluckte Gawean schwer und sah sich nervös um. „Der Wolf...hat gesprochen?“ fragte er nach.

„Ja“, wisperte das Kind. „Sein Name ist Volkodlak.“

Gawean schluckte wieder. „Geh nach Hause. Du solltest so spät am Abend ohnehin nicht mehr draußen sein, schon gar nicht jetzt. Was wolltest du denn im Wald?“

Das Kind schaute ihn verwundert an. „Ich wollte Munegrin suchen“, sagte es und seine Stimme gewann wieder an Festigkeit. „Den Zwerg. Er soll mich zur Hexe Keye bringen. Meine Freunde sind schon im Wald...“ Plötzlich sprang das Kind in die Luft. Mit einem Keuchen fuhr Gawean zurück und setzte sich auf den Hosenboden. „Was?!“

„Ich muss zu den anderen, sonst sind sie zuerst da!“ Wie der Blitz rannte das Kind los, fegte um die Ecke und verschwand. Fluchend setzte Gawean ihm nach, doch es war zu spät, bei dem Nebel war einfach nichts zu erkennen. Großvater. Er musste es seinem Großvater erzählen. Irgendeine fremde Macht lockte die Kinder der Stadt in den Wald!

Als er das Haus erreichte, hatte der Nebel sich verzogen, doch dafür zogen Schlieren von dichtem Regen auf und durchnässten ihn bis auf die Knochen. Der Wind trug ein vernehmbares Knacken und Ächzen von der nahen Waldung aus her und Gawean glaubte zu sehen, wie die Bäume sich in Sekundenschnelle ausdehnten und in die Höhe wuchsen. Ein einzelner Schrei tönte von irgendwo her, dann noch einer. Vielleicht sahen einige andere Leute auch die rasante Ausdehnung des Waldes und so langsam schien die Furcht um sich zu greifen. Die Haustür stand offen, was Gawean allerdings in seiner Aufregung und Eile kaum registrierte. Er ließ den düsteren Flur hinter sich und hastete die Treppe zum Arbeitszimmer hinauf.

„Großvater!“ rief er, während er fast gestolpert und der Länge nach hingeschlagen wäre. „Großvater! Bist du hier?!“

Keuchend stieß er die schwere Tür zum Arbeitszimmer seines Großvaters auf. Das Fenster klapperte im Wind. Das Zimmer war leer. Langsam beruhigte Gawean seine Atmung und ging zum wehenden Vorhang herüber. Er sah einzelne Lichter, die zwischen den Bäumen umhertanzten, als ob sie sich gegenseitig Nachrichten zukommen ließen und so ein ganzes Netzwerk durch den Wald spannten. Gawean wandte den Blick von dem Schauspiel ab und schaute sich im Zimmer um. Fortasans Jägermantel war verschwunden. Seine Flinte war auch weg, ebenso sein alter Jagdhut und sein Rucksack. Wahrscheinlich fehlte auch von der Jagdausrüstung jegliche Spur, dachte Gawean. Sein Großvater hatte sich ganz offensichtlich auf den Weg in die Waldung gemacht. Angst stieg in Gawean auf, gleichermaßen verursacht durch den Gedanken an seinen Großvater, der allein durch den gefährlichen Wald streifte und dem Entschluss, dem alten Mann folgen zu müssen.

Kapitel 2 Der Zwerg

Hannah Lorendt hörte den Ausführungen des übereilt begründeten Gremiums zur „Kontrolle des Naturbereichs“ mit großen Augen zu. „Kontrolle des Naturbereichs“ diente den bärtigen Männern in ihren hochlehnigen Stühlen wohl als beschönigende, nebulöse Beschreibung für eine totale Abholzung des Waldes. Hannah fühlte sich immer noch fremd in der Welt Maere, bei diesen Leuten, doch ihr leuchtete es schlichtweg nicht ein, warum jemand einen wie magisch aus dem Boden sprießenden Wald voller nützlicher Dinge so schnell wie möglich wieder zu Brennholz verarbeiten wollte. Zugegeben, beängstigend war das alles schon. So über Nacht von einem grünen, dornigen, von einem rauschenden Blätterdach gekrönten Ungetüm umgeben zu sein. Und dieses Ungetüm wuchs ohne Unterlass weiter, so schien es jedenfalls. Aber die Menschen leiteten ja schon ihre gesamte Energie in Maßnahmen, die Kontrolle nicht zur zu erlangen, sondern diese auch aggressiv auszuspielen. Brandrodungen und Häcksler inklusive. Während Torbald Harkon mit emotionsbereinigter Stimme über das Recht Ginadas referierte, den ganzen Wald zu beanspruchen und plattzumachen, dachte Hannah an die möglichen Hintergründe dieser aggressiven Haltung der Leute. Es lag natürlich auf der Hand. Romuraxes steckte dahinter und bohrte seine geisterhaften und gleichwohl glühenden Krallen in die Herzen der Ginader, um Angst zu schüren. Wütend erinnerte Hannah sich daran, wie der verdammte Dämon damals, kurz nachdem er und Hannah ineinander gekrallt und zähneknirschend in Maere aufgeschlagen waren, direkt die erstbeste Gelegenheit genutzt hatte, um Zwietracht in seiner neuen Umgebung zu säen. Das ganze gipfelte in einem bewaffneten Konflikt zwischen Ginada und Elding, einem Nachbarort. Nur mit viel Fingerspitzengefühl und einer Prise roher Kraft war es Hannah gelungen, den Kampf zu beenden. Trotzdem waren ein Dutzend Menschen ums Leben gekommen. Und Romuraxes war natürlich entwischt. Doch hielt er sich mit Sicherheit noch auf Maere auf, vielleicht hockte er sogar in einem finsteren Loch in den Katakomben unter der Stadt und heckte Pläne aus und lachte über Hannah. Innerlich seufzte die Nachtwächterin. Damals in Lornheim, unter der Führung von Arcturus Brandt, war alles einfacher gewesen. Die Nachtwache Lornheims behütete die einsame Weltenstadt und behielt sämtliche Bedrohungen von innen und außen im Auge, stets daran glaubend, den Wiederaufstieg des Wächtergeschlechts von Lornheim noch mitzuerleben. Doch dann war so viel auf einmal geschehen. Und alles mündete in einer titanischen Schlacht gegen ein Ungeheuer, von dessen Existenz Hannah nicht einmal geträumt hatte – den König der Tiefen. In all das Chaos stürzten dann auch noch Horden von Dämonen, sodass Hannah und die anderen Nachtwächter in einer Art kollektivem Konsens übereinkamen, sich je einen Dämonen zu packen und ihn aus Lornheim herauszureißen. Irgendwohin, nur weg aus dieser so wichtigen Weltenstadt. Schaudernd fühlte Hannah immer noch das Zerren Romuraxes', der sie wahrscheinlich in den Abgrund verfrachten wollte, zu seinesgleichen. Hannah hatte dagegen gehalten und schließlich waren sie ineinander verhakt auf Maere gestürzt. In den Sümpfen Dolmirs hatte Hannah schließlich die Spur des Dämons verloren. Doch sie spürte stets seine Anwesenheit, als ob ein Fragment von Romuraxes in ihr steckengeblieben wäre. Ein unangenehmes Gefühl, das Hannah ab und zu in depressive Episoden zwang. Und auch jetzt fühlte sie dieses Stechen unter der Haut. Der Einfluss des Dämons war unverkennbar. Er vergiftete die Herzen dieser Leute und spornte sie zu schmählichen Taten an. Harkon und seine Beisitzer informierten den Gemeinderat und die Bürger gerade über die Pläne zu einer hohen Grenzmauer, die ganz Ginada umschließen und vor der Wucherung des Waldes beschützen sollte. Bausubstanz sollten die so genannten Eiseneichen werden, ein kräftiger Baum innerhalb dieses neuen Waldes, den ausschließlich die Maschinen-Häcksler zu Fall zu bringen vermochten. Und das in großem Stil, denn eine halbe Hundertschaft dieser Automaten stand bereit, Schneisen durch den Wald zu schlagen, in dichter Begleitung von Begradigern, Rüsseltrons und Maschinen, die Hannah bisher noch nie gesehen hatte und deren Bezeichnung sie nicht kannte. Die Ausschlachtung, Kontrolle und Zurückdrängung des „Naturbereiches“ war bereits in vollem Gange, diese Diskussionsrunde heute war nichts anderes als eine reine Informationsveranstaltung. Tatsächlich rührte die wahnhafte Angst der Ginader wahrscheinlich nicht nur von Romuraxes' desaströsem Einfluss her, sondern auch durch etwas, das die Säuberung genannt wurde. Aber nur hinter vorgehaltener Hand. Hannah wusste darüber so gut wie nichts, außer Andeutungen ließen die Einheimischen nichts verlauten. Ein ominöses Volk spielte wohl auch eine Rolle darin, doch über dieses Volk schwiegen die Leute noch eiserner als über die Säuberung.

„Liebe Leute“, begann Harkon nun seinen Abschlussmonolog, „wir kommen überein, dass Handlungsbedarf besteht. Die nötigen Schritte sind bereits eingeleitet worden. Zu unser aller Vorteil wollen wir gemeinsam den anstehenden Herausforderungen entgegentreten. Sicherheit und Schutz, sowie die menschengerechte Nutzung dieses Waldes stehen an oberster Stelle.“

Hannah wandte mit leidendem Blick die Augen von dem alten Mann ab. Nicht nur wiederholte Harkon eigentlich genau das, was er zu Beginn des Gemeindetreffens gesagt hatte, darüber hinaus setzte er allen Anwesenden auch vollendete Tatsachen vor die Nase, formulierte dies aber so, als ob jeder davon erst hier und heute überzeugt worden wäre.

Als Hannah sich an den anderen vorbei nach draußen schob, traute sie ihren Augen nicht. Hatten sie wirklich den ganzen Tag in der Ratshalle verbracht? Die Dämmerung war bereits weit fortgeschritten und irgendetwas versuchte, die letzten Sonnenstrahlen mit aller Gewalt von Ginada fernzuhalten.

Plötzlich erscholl ein schreckliches Kreischen und fuhr allen Anwesenden tief in die Glieder.

„Sie sind vor den Toren!“ Die Stimme hallte quer über den Platz. Mit angehaltenem Atem sahen die Leute sich an, während Hannah in all dem Durcheinander bereits den markanten Federhut ihres einzigen Freundes Helion suchte.

„Aus dem Weg“, murmelte sie und reckte den Kopf. Die Menschen wogten wie eine undefinierbare Masse über den Rathausplatz, als wüssten sie nicht, wohin sie ausweichen sollten. Ein Donnerschlag peitschte durch die Nacht, gefolgt von einem so lauten Bersten, dass Hannah es intuitiv mit dem am nächsten gelegenen Stadttor in Verbindung brachte – das nun offenbar hinüber war. Und da stand Helion, inmitten eines Trupps Stadtwachen. Er überprüfte gerade die Ladung seines Gewehrs und setzte sich bereits in Bewegung, Richtung Tor.

„Helion!“

Der junge Mann wandte sich mit suchendem Blick um und lächelte, als er Hannah in der Menge ausmachte. Er winkte und deutete dann heftig Richtung Tor.

„Komm mit!“ rief er über das Geschrei der Leute hinweg und lief zusammen mit den Stadtwächtern los.

Mit einem letzten Rundumblick, der die ganze Panik der Ginader in sich aufnahm, rannte die Nachtwächterin den anderen Kriegern hinterher. Auf dem Weg kamen ihnen wimmernde Menschen entgegen, die teilweise sogar verletzt waren. Am Tor bot sich ihnen ein heilloses Chaos. Dutzende Menschen liefen hin und her, versuchten sich in Sicherheit zu bringen und kamen doch nicht weg. Mehrere hundeartige Geschöpfe wieselten umher, schnitten den Leuten den Weg ab und bissen in alles, dessen sie habhaft werden konnten. Dazu kam ein abnormes Ungetüm mit einem riesigen Hirschgeweih auf dem Kopf, das auf zwei Beinen durch das eingerissene Tor trat und in einer Mischung aus blöken und röhren seine Wut zum Ausdruck brachte. Unerbittlich schlug das Hirschwesen auf die Leute ein, stampfte mit den Hufen und schwang das Geweih hierhin und dorthin. Inmitten des Getümmels ragte noch eine zweite Gestalt auf und verteilte Hiebe mit einer schweren Keule. Mandorn blutete bereits aus zahlreichen Wunden, sein Gesicht war gerötet vor Zorn und Angst, aber er hielt verbissen seine Stellung, auch wenn das tobende Hirschwesen ihn gleich erreicht haben würde.

„Was für ein Hass...“, murmelte Harkon. Sein Gesicht war blass und er stützte sich schwer auf seinen Stab. Hannah hatte gar nicht bemerkt, dass er mitgekommen war.

„Was hast du hier zu suchen, alter Mann?“ herrschte eine drahtige Frau den Gemeindevorsteher an und packte ihn am Arm. „Es ist viel zu gefährlich hier! Geh! Geh zu den anderen und beruhige sie! Wir erledigen das hier schon!“ Die kurze Ablenkung genügte, um einem gehörnten Mischwesen mit vier Beinen zu einem Sprung auf die Frau zu verhelfen. Gerade noch rechtzeitig schwang Hannah ihr Schwert und schlitzte dem Biest den Hals auf. Gurgelnd stürzte es zu Boden, rappelte sich jedoch trotz der Wunde wieder auf und nahm nun Hannah ins Visier. Sie ging in eine Verteidigungshaltung über, doch die herrische Frau stürmte bereits heran und schwang einen gewaltigen Kriegshammer. Berstend zersprang der Schädel des Untiers unter einem beidhändigen Schlag, sodass der Körper unter Zuckungen liegen blieb.

„Danke“, sagte die Frau und betrachtete Hannah abschätzend. „Milena Vrenjia“, stellte sie sich dann vor. „Ich schlage vor, wir merzen zuerst diese Ungeheuer aus und begießen dann unsere Bekanntschaft?“

Hannah nickte. Gemeinsam stürzten sie sich in das wenig geordnete Scharmützel und hatten alle Hände voll zu tun, sich die kläffenden und knurrenden Biester vom Leib zu halten. Die Hunde wiesen übergroße Köpfe auf, mit riesigen Mäulern, in denen wohl ein menschlicher Schädel Platz gefunden hätte. Dies war jedoch auch ihre Schwäche, befand Hannah. Ihnen mangelte es an Gleichgewicht. Geschickt wich sie den vorhersehbaren Sprungattacken der Ungeheuer aus und nutzte die ungelenke Landung ihrer Gegner zum Nachsetzen. Bald lagen vier Hunde tot am Boden und die Nachtwächterin schaute sich nach neuen Gegnern um. Milena Vrenjia hatte sich mit Helion und zwei Stadtwächtern zusammengetan, um das urtümliche Hirschwesen am Tor festzunageln. Ohne Unterlass ließ Helion Sprengladungen auf das Untier regnen, während die beiden Wachen es mit langen Spießen am Vorwärtskommen hinderten. Milena packte derweil ihren Kriegshammer und wartete grimmig auf eine Gelegenheit, zuzuschlagen. In einiger Entfernung betätigte Mandorn sich als Ringer gegen ein schlammverkrustetes, menschliches Wesen, das doch nur noch eine entfernte Ähnlichkeit mit seinesgleichen hatte. Der bullige Mann würgte seinen Gegner und plötzlich brach das Genick unter dem Druck und zersprang unter einem lauten Knall. Mit einem überraschten Schrei stieß Mandorn die Moorleiche von sich und starrte sie gramerfüllt an. Trotzdem atmete Hannah auf. Die Menschen hatten bereits die Oberhand gewonnen. Nur noch zwei Hunde liefen umher, wurden jedoch rasch niedergemacht und ein ohrenbetäubendes Krachen zeugte von Milenas Schlagkraft mit ihrem Kriegshammer. Mit zersplittertem Geweih und zerschmettertem Schädel stürzte das Hirschwesen zu Boden und riss die letzten Reste des Osttores mit ein.

Schnaufend trat Helion zu Hannah und legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. Der junge Fährtenleser lächelte bereits wieder, doch in seine offenen und zuversichtlichen Gesichtszüge hatte sich eine tiefsitzende Sorge gestohlen.

„Hast du so etwas schon einmal erlebt?“ fragte er und spielte damit natürlich auf die Erfahrungen der Nachtwächterin an, die sie in ihrer Heimat Lornheim über die Jahre hinweg gesammelt hatte. Helion war der einzige Mensch in Maere, der um ihre Vergangenheit wusste.

„Nein“, gab Hannah zu. „So etwas noch nicht. Ich...ich weiß nicht...“

Doch Helion sprudelte bereits hervor: „Es ist, als ob die Natur sich gegen uns verschworen hätte. Sieh doch nur! Alles sprießt und wuchert, bald wird Ginada unter den Wurzeln des Waldes begraben liegen und die Menschen werden durch neue, schreckliche Kreaturen der Natur zur Strecke gebracht!“

„Das klingt fast, als ob du begeistert davon wärst!“ erklang eine laute Stimme hinter ihnen. Schweißüberströmt, doch mit wachen Augen stand Milena da und stützte sich auf ihren Kriegshammer.

„Nun, nein, natürlich nicht!“ verteidigte sich Helion. „Ich finde nur...wir täten gut daran, die Umstände dieser Ereignisse sorgfältig zu untersuchen. So etwas nennen die Historiker einen Umbruch. Eine schnell voranschreitende Entwicklung geschieht und hinterher ist nichts mehr wie vorher. Und die Wesen, die mit der rasenden Entwicklung nicht schritthalten können, bleiben auf der Strecke.“

Milena nickte missmutig. „Da hast du wohl recht. Wir müssen schnell handeln, aber auch besonnen. Wir müssen wissen, was genau vor sich geht und warum. Kein Zaudern.“

„Sehe ich genauso“, gab Helion zurück und strahlte dann ohne ersichtlichen Grund. „Ich glaube, ihr beide kennt euch noch nicht, oder?“ Er deutete auf Hannah. „Dies ist Hannah Lorendt, eine gute Freundin und sozusagen auch eine Fährtenleserin. Und dies ist Milena Vrenjia, Waffenmeisterin und gelegentlicher Dorn im Auge des Gemeinderats.“

Milena schnaubte abfällig, doch ihre Augen wurden etwas weicher, als sie Helion bei seiner großspurigen Vorstellung der beiden Frauen beobachtete.

„Wir kennen uns schon“, sagte die Kriegerin dann. „Aus dem Kampf. Die beste Gelegenheit, um etwas über sein Gegenüber zu lernen.“ Sie nickte Hannah zu und streckte der Nachtwächterin die überraschend zarte Hand hin. Lächelnd schlug Hannah ein.

Gemächlich näherte Wandelunge sich dem Waldrand. Sie sah Urth schon von Weitem und auch der Uhu betrachtete die Katze bereits, seit sie das zerstörte Tor Ginadas hinter sich gelassen hatte.

„Ist er hineingelaufen?“ fragte Wandelunge, als sie sich auf Rufweite genähert hatte.

„Ja“, antwortete Urth und drehte den Kopf nach hinten.

„Meinst du, er kommt zurecht?“

„Er ist so sehr ein Maerer, wie er nur sein kann“, meinte der Uhu ausweichend.

„Also nein“, maunzte die Katze. „Ich werde ihm wohl hinterhergehen.“

„Bist du sicher? Sei vorsichtig. Ich verlasse den Waldrand nicht, wenn es nicht sein muss. Dort drin lauert etwas und es...es übt eine seltsame Anziehungskraft auf alles Lebendige aus, aber besonders auf die Tiere.“

Wandelunge nickte gedankenvoll. „Verstehe. Was ist mit dem Mädchen?“

„Sie scheint mir recht vielversprechend zu sein. Sollte sich die Bedrohung dort drin abwenden lassen und die aufkeimende Wut der Maerer wieder abkühlen, könnte sie diejenige sein. Der alte Mann kann sich darum kümmern, solange er noch da ist.“

Wieder neigte Wandelunge den Kopf. „Es soll kommen, wie du sagst, so hoffe ich.“ Sie strich um den Baum, auf dem Urth saß und verabschiedete sich dann. „Ich gehe Gawean suchen. Behalte du die Menschen im Auge. Sie fürchten sich und das zurecht, wie ich meine.“

Urth klapperte zur Antwort mit dem Schnabel und erhob sich lautlos von seinem Ast. Langsam schwebte er in Richtung Ginada, während Wandelunge sich in die Tiefen des Waldes aufmachte. Ein leichter Nieselregen setzte ein und tauchte die Szenerie in einen milchigen Schleier.

Als ob ein lebendes, atmendes Ungetüm ihn verschluckt hätte, tastete Gawean sich voran, jeden Moment damit rechnend, dass er fortgerissen und zerfetzt würde. Unwillkürlich stiegen in ihm wieder die Bilder der Ungeheuer vor den Stadttoren Ginadas auf. Das Unterholz wuchs bemerkenswert dicht, in Anbetracht der himmelsstürmenden Bäume, deren Kronen nur spärliches Sonnenlicht durchließen. Vor allem aber fühlte Gawean sich ständig beobachtet. Nicht nur schienen die Bäume und Sträucher, die ausgedehnten Pilzkolonien und grünen Mooslandschaften ihn argwöhnisch zu beäugen, vielmehr lauerten hinter jedem Busch auch durchdringende Tieraugen, die niemals von dem Eindringling abließen. Flechten überzogen die übergroßen Bäume und Schlingpflanzen griffen nach Gaweans Hals. Die kleinen, bläulichen Blumen, die den Boden bedeckten, krochen nicht nur auf ihn zu, sondern schienen auch immer größer zu werden. Gawean fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, sich an diesem Ort zurechtzufinden. Aus einem Impuls heraus griff er in seine Tasche und zog den alten Naturführer seines Großvaters heraus. Willkürlich schlug er das Buch auf. Neyrenschlinge. Urbathkraut.

Er kannte diese Gewächse. Er hatte sie sich stets angesehen und sich im Geiste Welten ausgemalt, in denen sie tatsächlich existierten, denn auf Maere war keine der Pflanzen in Fortasans Naturführer zu finden gewesen. Bis jetzt. Fabeltrose. Die blauen Blumen hatte Fortasan Fabeltrosen getauft. Woher hatte sein Großvater das gewusst? Wo hatte er diese Pflanzen schon einmal gesehen? Gawean dachte an die alten Geschichten, die Fortasan ihm am Kaminfeuer erzählt hatte. Der alte Mann hatte ein Talent dafür gehabt, phantastische Bilder in Gaweans Gedanken heraufzubeschwören, bunte Welten voller Abenteuer und Geheimnisse. Gegen Ende hatten diese Geschichten zwar stets eine melancholische Wendung erhalten, doch war Gawean ohnehin zum Brummen der Stimme seines Großvaters vor dem Kamin eingeschlafen. Gawean sah mehrmals in den Naturführer und dann auf die unbekannten Pflanzen auf seinem Weg. Ein Blick zurück offenbarte ihm, dass er schon nicht mehr in Sichtweite des Waldrandes war. Was hatte ihn eigentlich dazu getrieben, völlig allein in den Wald zu laufen? Ohne auch nur einem seiner Freunde Bescheid zu sagen? Verwirrt schüttelte er den Kopf und steckte das Buch vorerst wieder ein. Und wie konnte sein Großvater nur so verantwortungslos sein, ihn zurückzulassen und sich in solche Gefahr zu begeben? Seufzend ging er weiter und kämpfte sich durch das Unterholz. Doch schon nach kurzer Zeit war an ein Weiterkommen nicht zudenken, zu dicht wuchsen die hohen Sträucher, die trotz des wenigen Lichts leuchtend gediehen und Gawean ratlos zurückließen. Er sah sich um. Dort, im Dunkel zwischen zwei knorrigen Bäumen, deren Stamm nicht von fünf Männern umfasst werden könnte, tat sich ein schmaler Pfad auf. Gawean hätte ihn fast übersehen, doch ein sanftes, grünes Licht tanzte auf Höhe der untersten Zweige auf und ab und lenkte den Blick des jungen Mannes auf sich. Etwas verunsichert kletterte er über einige aus dem Boden ragende Baumwurzeln und näherte sich dem mit herbstlichem Laub gepolstertem Pfad. Erst im letzten Moment sah er die Gestalt, die an einem Baumstamm lehnte und offenbar den Weg auskundschaftete. Ein Keuchen entfuhr ihm und die Gestalt drehte sich wie der Blitz um, zerrte einen geschwungenen Bogen von der Schulter und legte gekonnt einen Pfeil auf. Gleichzeitig schwirrte ein runder Federball heran und landete auf den Schultern von – Lunete Linde.

Gawean starrte sie nur perplex an, doch Lunete fing sich schneller wieder.

„Bist du verrückt, hier alleine reinzumarschieren?“ fragte sie ungläubig. Teketeh, der kleine Waldkauz auf ihrer Schulter, klickte zustimmend mit dem kleinen Schnabel. „Genau!“ piepste er und verlieh seinem dünnen Stimmchen einen Hauch von Ärger. „Es ist viel zu gefährlich hier drin!“

„Dasselbe könnte ich dich fragen!“ gab Gawean lahm zurück. Was tat die Falknerin hier? Er hatte Lunete schon immer heimlich angehimmelt, so wie wahrscheinlich jeder Junge in Ginada, aber sie so zu sehen, versetzte Gawean fast einen Schock. Sie trat so auf, als ob sie hierher gehörte. Ihr brauner Zopf hing ihr verwegen über die Schulter, auf der anderen saß ihr kleiner Waldkauz Teketeh und das Äußere der Falknerin hatte sich durch das Ledercape, die Stiefel und den filigranen Bogen zu einer wahren Abenteurerin gewandelt.

„Wie lange bist du schon hier?“ rutschte es Gawean heraus, während er Lunete ungläubig von Kopf bis Fuß anstarrte.

Sie wedelte ungeduldig mit der Hand. „Unwichtig. Noch nicht lange. Aber was machst du hier? Wo ist dein Großvater? Und was ist das für eine Katze hinter dir?“

„Was?“ rief Gawean und fuhr herum. Tatsächlich. Da saß sie, seelenruhig. „Ähm...das...das ist Wandelunge. Sie ist mir zugelaufen, gewissermaßen.“ Gawean hatte die lautlose Katze völlig vergessen. Misstrauisch verengte er die Augen.

„Aha“, machte Lunete skeptisch. Teketeh plusterte sich gewichtig auf.

„Sie sagt, sie sei eine Sucherin“, führte Gawean aus, wurde jedoch direkt wieder von Lunete unterbrochen.

„Sie sagt?“ fragte die Falknerin und schaute Teketeh an.

Erst jetzt verarbeitete Gaweans Gehirn, dass auch der kleine Waldkauz vorhin gesprochen hatte. Verunsichert schaute er erst die Katze, dann Teketeh und schließlich Lunete an.

„Was geht hier vor sich? Können jetzt alle Tiere sprechen?“

Lunete seufzte. „Es scheint so. Teketeh hier ist wie von Sinnen in den Wald geflogen und ich bin natürlich hinterher, um ihn einzufangen. Irgendetwas zieht ihn wie magisch an. Aber er weiß selbst nicht was.“

Teketeh machte eine Bewegung, die verdächtig nach einem Schulterzucken aussah, aber doch recht unbeholfen wirkte.

„In Ordnung.“ Gawean fasste sich an den Kopf. „Ein Wald taucht eines Morgens aus dem Nichts auf und umzingelt unsere Stadt. Es kreucht und fleucht in diesem Wald, dass man jeden Augenblick glaubt, verschlungen zu werden. Monster steigen aus dem Wald und greifen die Stadt an – und alle Tiere sprechen. Ach ja, und mein Großvater ist übrigens auch ohne eine Nachricht verschwunden und nach seiner seltsamen Ansprache im Rathaus heute morgen bin ich mir ziemlich sicher, dass er auch in den Wald gegangen ist...“ Gawean holte tief Luft. „Uuund deshalb bin ich nun hier.“

Lunete schwieg. Dann schürzte sie die Lippen und fragte: „Um Fortasan zu finden bist du hier, oder auch, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen?“

„Wenn du mich fragst, ist das dasselbe“, sagte Gawean.

„Gut. Wir reisen natürlich zusammen. Hier ist es gefährlich und du scheinst mir nicht der größte Kämpfer zu sein, nicht wahr?“

Gawean nickte beschämt. „Ich habe ein Messer dabei.“

„Na immerhin“, sagte die Falknerin. „Der Wald ist ein Moloch. Du hast von Monstern gesprochen, die vor Ginadas Toren sind?“ Sie setzte sich wieder in Bewegung und bedeutete Gawean, ihr zu folgen. Teketeh hob ab und kundschaftete den Weg aus.

„Ja“, antwortete Gawean. „Ich kann gar nicht beschreiben...wie furchtbar es war. Es sind riesige Bestien und niemand weiß, wie das alles überhaupt passiert ist. Die Leute sind voller Angst und Wut.“

„Ich glaube, sie werden alles daran setzen, es herauszufinden“, murmelte Lunete. „Komm jetzt, hier entlang.“

Insekten schwirrten ihnen vor den Nasen her, Spinnweben landeten in nervötender Regelmäßigkeit in ihren Gesichtern und die unterschiedlichen Tierlaute, die ständig an ihre Ohren drangen, vermischten sich zu einem bald kaum noch aktiv wahrgenommenen Hintergrundrauschen. Die Falknerin hatte ihre Augen überall zugleich, mit der einen Hand bahnte sie sich einen Weg durch das Unterholz, die andere lag ständig auf dem Knauf ihres Dolches. Plötzlich hörten sie schwere Schritte, begleitet von einem blechernen Scheppern. „Was ist jetzt los“, hauchte Lunete und packte Gawean am Kragen, nur um sich schleunigst hinter einer Rotbuche zu verstecken. Wandelunge sprang am Stamm hoch und kauerte sich auf einen der ausladenden Äste. Ihre jetzt grünen Augen blickten starr auf ein undurchdringliches Dickicht aus Hornplattrich und mehreren Artrohns. Schemenhaft sah Gawean eine Gestalt inmitten der Sträucher. Sie wirkte viel zu groß und unförmig für einen Menschen, sodass er gleichsam an einen Riesen und an das Monster vor den Toren Ginadas dachte, vor dem er geflohen war.

„Lass uns hier verschwinden“, wisperte Lunete und zog Gawean mit sich. Teketeh hatte sich zu einem kleinen Fellknäuel zusammengekrümmelt und nur eines seiner Augen blickte ängstlich unter seinem Flügel hervor. Sie brachten einige Entfernung zwischen sich und die Erscheinung, bevor sie aufatmeten.

„Was war das wohl?“ fragte Lunete.

„Vielleicht ein Baumriese?“ meinte Teketeh mit leiser Stimme.

„Was ist denn ein Baumriese?“ gab Lunete zurück.

Wandelunge leckte sich die Pfoten. „Eine humanoide Gestalt, die jedoch zur Hälfte aus knorriger Rinde und Pflanzensäften besteht“, sagte sie ohne eine Spur von Ironie.

„Du meinst...so etwas gibt es tatsächlich?“ Gawean schauderte.

Die Katze blickte ihn an und er meinte, eine gewisse Belustigung in ihren Augen zu erkennen. „Du zweifelst wirklich daran, dass es Baumriesen gibt?“

„Vergiss es“, winkte Gawean ab. Er sah sich um. „Wo lang jetzt?“ fragte er niemanden bestimmten und taxierte die in seinem Sichtfeld befindlichen Pflanzen und Bäume. Wie von selbst sprang Fortasans Naturführer in seine Hände. Gefleckter Aronstab, Taubnessel und Bengelkraut. Dort drüben eine Gruppe junger Beth, ansonsten eine Mischung aus Buchen und Wyrden. Er schlug das Buch wieder zu und steckte es zurück in den Gürtel. Was sollte ihm dieses Wissen schon nützen?

„Vielen Bäumen wohnt eine bestimmte Bedeutung inne, zumindest wenn man an sie glaubt“, meinte Wandelunge und einmal mehr dachte Gawean, dass sie wenn schon nicht seine Gedanken, dann zumindest seine Gefühle las.

„Aber ich kenne die Bedeutung ja nicht“, gab Gawean zu bedenken.

„Hat dein Großvater ein Bilderbuch herausgegeben oder gibt’s auch Text?“ schnappte Lunete.

„Es gibt auch Text“, antwortete Gawean beleidigt. Er seufzte. „Also schön.“ Er schlug den Naturführer wieder auf. „Buchen sollen weise Ratschläge erteilen...Beth schützen vor Unheil und Wyrden bringen Unheil.“

Wandelunge schwieg und sah die beiden Jugendlichen erwartungsvoll an.

„Na gut, das bringt uns gar nichts“, gab Lunete zu und lachte.

„Sag' ich doch“, murrte Gawean.

„Ich sage, wir gehen hier entlang“, meinte Teketeh und flatterte zu einem schmalen Wildpfad, an dessen Rändern sich Reihen von Onns erhoben.

„Ist mir recht“, sagte Lunete und sah Gawean fragend an. Er nickte resigniert.

„Onns schützen vor Hexerei“, murmelte Wandelunge und folgte den beiden in einigem Abstand. Der Pfad erstreckte sich gefühlte Kilometer in gerader Linie, gesäumt von hunderten Onns, die wie die stumme Armee eines namenlosen Herrschers über die Büßer wachten, die sich den abgetretenen Pfad entlang quälten, bis zu seinem ungewissen Ende. Gawean schaute mit trübem Blick an sich herunter. Rutschte er tatsächlich auf den Knien? Unsanft packte Lunete ihn bei den Schultern.

„Pass auf, dass du nicht vom Weg abkommst!“ rief sie. Aber auch die Falknerin kämpfte augenscheinlich mit ihren Sinnen. Schritt um Schritt plagten sie sich den eintönigen Pfad entlang, während eine Art Tunnelblick ihre Wahrnehmung vernebelte. „Der Weg ist wirklich lang“, ächzte Lunete. Während Wandelunge schon seit einer Stunde nichts mehr gesagt hatte, flatterte Teketeh voller Energie vor ihnen her.

„Es ist nicht mehr weit!“ versicherte er. „Dort vorn öffnet sich der Pfad zu einer großen Lichtung!“

Lunete keuchte und blieb für einen Moment stehen. „Sehr schön...dann ruhen wir uns am besten etwas aus.“

Eine unsäglich dreckige und hässliche Gestalt lungerte auf der Lichtung herum, doch all dem Unrat zum Trotz, haftete diesem wilden Mann offenbar eine andere Art von Anziehungskraft an, denn ein Dutzend Tiere tummelte sich zu seinen Füßen und mit gespitzten Ohren lauschten Eichhörnchen und Igel, Mäuse und Wiesel seinen unzivilisierten Worten, die nur aus gutturalen Grunzlauten zu bestehen schienen. Teketeh flatterte zu dem sehr kleinen, aber ungemein breitschultrigen Mann und setzte sich zutraulich neben einen winzigen Igel.

„Teketeh!“ rief Lunete, den Bogen schon in der Hand.

„Ah, da seid ihr ja“, grollte der Zwerg, ohne aufzublicken. Er saß im Schneidersitz auf einem mit Pilzen bewachsenen Baumstumpf. „Hat ganz schön gedauert. Ich dachte schon, ihr wärt dazu nicht fähig. Etwas zögerlich, was? Naja, sei's drum.“ Er hob sein Gesicht, das so sehr vor Schmutz starrte, dass unmöglich Gesichtszüge zu erkennen waren. Nur zwei bösartig glimmende Augen ließen eine vage Vermutung ob der Gesinnung dieses Wesens zu.

„Bleib hinter mir“, knirschte Lunete und legte vorsichtshalber einen Pfeil auf die Sehne.

Der Zwerg lachte hässlich. „Das kannst du dir sparen, Mädchen. Ich werde euch nichts tun. Im Gegenteil. Ich habe eine Aufgabe für euch. Deshalb seid ihr doch hier, oder? Einer Aufgabe willen, eines Rätsels Lösung auf der Spur, des Lüftens eines Geheimnisses wegen?“

Wandelunge setzte sich geziert neben den Zwerg auf den modernden Baumstumpf. „Willst du dich nicht erst einmal vorstellen, bevor du große Reden schwingst?“ fragte sie keck.

Der Zwerg schaute die Katze scheel von der Seite an und schlug sich dann glucksend auf den Schenkel. „Dass diese Sache solche Früchte tragen würde!“ rief er begeistert und strich der Katze sanft über den Kopf. „Unglaublich“, flüsterte er. „Nun denn!“ Sein Tonfall änderte sich von ruppig zu geschäftig. „Man nennt mich Munegrin den Zwerg. Ich bin hier, um Reisende wie euch zu prüfen und sie dann entsprechend ihrer Eignung weiterzuschicken.“ Er grinste breit und offenbarte zwei Reihen widerlich gelber Zähne. Gawean bildete sich ein, den schlechten Atem selbst über die weite Entfernung zu riechen.

„Tja, und ihr beide“, Munegrin streckte seine dicken Zeigefinger aus und zeigte ungeniert auf die beiden Jugendlichen, „habt bestanden.“

„Was haben wir bestanden?“ fragte Gawean.

Wandelunge schlenderte derweil um den Zwerg herum und schnupperte an ihm. Dann setzte sie sich wieder und legte überlegend den Kopf auf die Seite.

„Na, die Prüfung, die Prüfung“, sagte Munegrin ungeduldig.

Verständnislose Blicke.

Der Zwerg machte ein unflätiges Geräusch. „Ihr habt die magische Prüfung des Waldes bestanden und dürft nun fortfahren. Ihr seid gesegnet und...ähm...auserwählt?“

Lunete schüttelte missbilligend den Kopf. „Was verdammt nochmal erzählst du da?“

„Aber er hat recht, wir müssen tiefer in den Wald!“, schaltete Teketeh sich ein. „Wir müssen die Quelle erreichen!“

„Ja!“ rief der Zwerg begeistert und wedelte mit den Armen. „Ganz genau. Der Kleine sagt es. Zur Quelle des Ganzen müsst ihr.“

Hier stimmte etwas nicht. Gawean trat einen Schritt vor. „Munegrin. Wo ist diese Quelle? Und was ist sie?“

„Tiefer hinein müsst ihr gehen“, sagte der Zwerg ohne eine Miene zu verziehen. „Dort wartet die Hexe Keye auf euch. Im Düsterholz hat sie ihre Domäne.“ Er wies in eine für Gawean nicht zu bestimmende Richtung, die aber jedenfalls wenig vertrauenerweckend aussah, da der Weg dort mit vom Geäst der Bäume herunterhängenden Efeuranken gesäumt war, die in ständiger Bewegung waren.

Lunete schaute Gawean an und schüttelte ganz leicht den Kopf. „Lieber Munegrin, warum sollten wir deiner Meinung nach eine Hexe aufsuchen und das auch noch an einem Ort tief im Wald, den du das Düsterholz nennst?“ fragte sie halb belustigt, aber auch etwas beunruhigt.

Der Zwerg blickte das Mädchen scharf an. „Ihr wollt doch dem Gewuchere hier Einhalt gebieten, oder nicht?“

„Nun...ja, schon“, gab Lunete zu.

„Tja, dann solltet ihr auf mich hören. Nun geht, geht. Ich habe noch zu tun. Ihr seid ja nicht die einzigen Anwärter hier.“

„Anwärter? Was für Anwärter?“ hakte Gawean nach.

„Unwichtig“, winkte Munegrin ab. „Wichtig für euch ist nur, dass ihr vorankommt in dieser Geschichte.“

„Wir sollten auf ihn hören“, meinte Wandelunge und schaute dem Zwerg dabei unverwandt ins schmutzige Gesicht.

„Ist das dein Ernst?“ fragte Lunete.

„Naja, sie ist eine Sucherin“, meinte Gawean. „Vielleicht...sollten wir ihrem Urteil vertrauen.“

„Wir wissen aber doch nicht, was sie sucht!“ rief Lunete und fing an, nervös auf und ab zu gehen.

„Die Quelle“, sagte Wandelunge ruhig und schaute in die Richtung, die der Zwerg ihnen gewiesen hatte. „Ich suche die Quelle.“

„Na, dann ist ja alles gesagt“, murmelte Lunete.

„Wir haben vorhin eine Gestalt zwischen den Bäumen gesehen...sie wirkte...schwerfällig und schepperte bei jedem Schritt“, sagte Gawean rasch.

„Haltet euch von dieser Blechdose fern“, murrte der Zwerg. „Er ist ein Irrer, der irre durch den Wald irrt und verirrte Reisende in die Irre führt.“ Wieder lachte Munegrin gehässig. „Er ist also das genaue Gegenteil von mir, nicht wahr?“

Teketeh landete kurz auf dem Kopf des Zwergs und tippte mit dem Schnabel in den verhornten Schädel.

„Hey, hey, ksch, ksch“, machte Munegrin. „So und nun, fort mit euch. Da entlang. Und grüßt Keye von mir.“ Er lachte leise und setzte sich wieder auf den Baumstumpf, um in ein stilles Brüten zu verfallen. Aus irgendeinem Grund wusste Gawean, dass der Zwerg nicht mehr mit ihnen reden würde, jedenfalls momentan nicht. Zusammen mit Lunete und Wandelunge näherte er sich dem Durchgang, den Munegrin für sie auserkoren hatte. Er lag im Schatten eines weit ausladenden Baumes, der die Grenze der Lichtung markierte.

„Hm, ein Apfelbaum“, sagte Lunete und zeigte auf die kräftigen Äste mit saftigen Blättern und roten Früchten. „Hast du daran gedacht, genug Proviant mitzunehmen?“

„Naja, für ein, zwei Tage wird es reichen“, meinte Gawean und befühlte seine Taschen. „Aber es kann sicher nicht schaden, einige Äpfel mitzunehmen.“

Gemeinsam begaben sie sich in den Einflussbereich des Apfelbaumes und pflückten eine Handvoll Äpfel. Gawean betrachtete die festen Früchte einen Moment lang und biss dann vorsichtig in eine hinein.

„Scheint in Ordnung zu sein“, sagte er kauend.

Lunete drehte einen Apfel mehrmals in der Hand und zuckte dann mit den Schultern. „Du bist der Naturbursche, ich vertraue auf deine Kenntnisse.“ Sie schnitt mit ihrem Messer ein Stück vom Apfel ab und aß es.

„Naja...vertraue eher auf meinen Großvater“, gab Gawean zurück und klopfte auf den Naturführer, den er sich unter den Gürtel geklemmt hatte, um ihn bei Bedarf gleich zur Hand zu haben.

Als sie den Schatten des Baumes verließen, schreckte Lunete plötzlich zurück.

„Huch“, machte sie und sah nach oben. Weiße Blütenblätter regneten herab, doch sie konnte nicht erkennen, woher sie kamen.

„Kommt es dir auch so vor, als sei der Himmel zwar da, aber dennoch unendlich weit weg?“ fragte sie.

Gawean nickte. „Ja, schon.“ Er betrachtete den Blütenschauer und fühlte sich für einen Moment entrückt. Eine weitere, sonnige Lichtung tat sich vor ihnen auf, in deren Mitte eine gewaltige Linde ihr Domizil pflegte. Ein tastendes Ziehen in seinem Kopf ließ Gawean etwas schneller gehen. Das Gras unter seinen Füßen wirkte fast kultiviert, zumindest aber bemerkenswert gleichmäßig abgefressen, sodass er unwillkürlich an einen Versammlungsort dachte.

„Verdammt, was ist das denn?“ wisperte Lunete und deutete auf einen Felsen, der hinter dem breiten Stamm der Linde hervorlugte. „Ist das...?“

„Es ist ein Haus!“ piepste Teketeh, der bereits voran geflogen war und sie nun von den unteren Ästen des Baumes her ansah. „Ein kleines Steinhäuschen! Ob wohl jemand darin wohnt?“