Orenda - Florian Herlan - E-Book

Orenda E-Book

Florian Herlan

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Beschreibung

Als der Arkanwächter Skarsgard zusammen mit einer Expedition aus Magiern in das ferne Crentia reist, gerät seine Weltsicht völlig aus den Fugen. Die einheimischen Laisen werden zum Schlachtfeld der so genannten Mageia und der Kirche, die jeweils andere Interessen verfolgen und letztendlich für eine schreckliche Katastrophe sorgen. Gleichzeitig führt die Erzmagierin Asterna eine Horde wiedererweckter Menschen durch die Welt Orenda, um sie schließlich in den Abgrund zu schicken. Dort sollen die armen Seelen gegen eine dämonische Bedrohung kämpfen, damit ein Schicksal abgewendet wird, das weit über Orenda hinaus reicht. Schließlich müssen Skarsgard und Asterna erkennen, das ihre Verantwortung gegenüber der Schöpfung größer ist, als sie jemals ahnen konnten - und sie ihren kindischen Egoismus ablegen müssen, den alle Menschen zur Schau stellen.

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Seitenzahl: 579

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Orenda

TitelseiteCopyright © Florian HerlanAlle Rechte vorbehaltenInhaltsverzeichnisZweites Kapitel – Das KlosterViertes Kapitel – SchwertfelsSechstes Kapitel – AgonieAchtes Kapitel – RassenhassZehntes Kapitel – VereinigungKapitel 1 – Die ExpeditionKapitel 2 – Das KlosterKapitel 3 – Der KaltsandKapitel 4 – SchwertfelsKapitel 5 – Körper ohne GeistKapitel 6 – AgonieKapitel 7 – Eine fremde WeltKapitel 8 – RassenhassKapitel 9 - Zerbrechliches DaseinKapitel 10 – VereinigungKapitel 11 – Magie und GlaubeKapitel 12 - Die Kraft der BesiegtenKapitel 13 – Der KosmosKapitel 14 – AbrechnungKapitel 15 - Das Gewicht der WeltImpressum

Florian Herlan

Orenda

Der Wächter, die Seele und das silberne Band

Roman

Copyright © Florian Herlan

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel – Die Expedition

Zweites Kapitel – Das Kloster

Drittes Kapitel – Der Kaltsand

Viertes Kapitel – Schwertfels

Fünftes Kapitel – Körper ohne Geist

Sechstes Kapitel – Agonie

Siebtes Kapitel – Eine fremde Welt

Achtes Kapitel – Rassenhass

Neuntes Kapitel – Zerbrechliches Dasein

Zehntes Kapitel – Vereinigung

Elftes Kapitel – Glaube und Magie

Zwölftes Kapitel – Die Kraft der Besiegten

Dreizehntes Kapitel – Der Kosmos

Vierzehntes Kapitel – Abrechnung

Fünfzehntes Kapitel – Das Gewicht der Welt

Kapitel 1 – Die Expedition

Was geschieht eigentlich, wenn die Welt in einem gewaltigen Sturm leergefegt wurde von aller Existenz, bis auf eben jene Spezies, die den Sturm verursachte und sich nun selbst genug sein muss. Kein lebendes, atmendes Etwas huscht mehr umher, kein Garten dient der beschaulichen Lust, die Welt steht als Gegenüber nicht mehr zur Verfügung. Der Blick verliert sich im Nichts. Als Spiegel, als Möglichkeit, die eigene Existenz überhaupt wahrzunehmen, dienen nur noch die Abkömmlinge der eigenen Spezies. Lechzen diese dann nach der Aufmerksamkeit des jeweils anderen, verlieren sie sich in den Augen des anderen, weil sie das sie umgebende Nichts nicht ertragen können? Oder kratzen sie sich gegenseitig gar aus einer Art morbider Todessehnsucht die Augen aus, um nun auch sich selbst und die ihren zu tilgen, damit die Welt vollends leer und kalt ist?

Die Liebe hat viele Gesichter, so sagen die Menschen.

Junge Liebespaare fragen sich, welcher Art die Liebe des anderen ist. Huscht sie auf den Wegen der Beliebigkeit umher oder rumpelt sie auf dem steinigen Pfad zur aufopfernden Liebe entlang, an dessen Ende die Glückseligkeit lockt?

Gereiche ich nur zur Notwendigkeit einer präsenten Ehefrau, die das gute und schöne Leben erfordert oder bin ich die Brandung, die den Geliebten mal sanft umspült, um ihn dann stürmisch zu überwältigen? Taucht der Geliebte in mich ein wie in eine andere Welt, fühlt er die Magie meiner Seele, wenn er mit mir vereint ist oder bin ich nur eine fleischliche Hülle für ihn? Und wenn ich geistig mit jemandem verschmolzen bin in einem endlosen Mäander, spielt das Geschlecht noch eine Rolle?

Glaube und Wissenschaft umkreisen sich in einer endlosen Hatz, kontrollieren sich gegenseitig unentwegt, um jede Blöße des anderen erbarmungslos auszunutzen. Für Liebe reicht da der Platz nicht.

Ich bin verwirrt.

Aus: Marduks Tagebuch

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Orenda war nicht die größte Welt und sicherlich gab es auch Welten, hinter deren Bedeutung Orenda zurückstand. Doch wer mochte schon die Bedeutsamkeit einer Welt oder auch nur eines einzelnen Lebens bewerten. Jedenfalls hatte Orenda einiges zu bieten und auch schon einiges durchgemacht. Auf ihr und in ihr lebte eine Vielzahl von Wesen und wie so oft tat sich eine Spezies besonders hervor – ob im Guten oder im Schlechten, hing wohl vom Blickwinkel des Betrachters ab. Die Menschen beherrschten mit eisernem Willen und vor allem züchtigender Hand zwei gewaltige Kontinente, die jedoch umgeben waren von tiefen Meeren mit endlosen Horizonten und dahinterliegenden, geheimnisvollen Orten, von denen mutige Seefahrer nur raunend und schaudernd berichteten. Im Lande Rivanor auf dem östlichen Kontinent lebte ein nicht mehr ganz junger Mann namens Skarsgard. Durch Geburt, Erziehung und Erfahrung war er so sehr in das menschliche Schalten und Walten eingeflochten, wie es nur sein konnte. Jedoch unterschied er sich von gewöhnlichen Menschen in einer wichtigen Sache, denn er gehörte einer in jeder Hinsicht herausragenden Institution an: Der Mageia. Eine mächtige Vereinigung von gottlosen Magiewirkern, die ihre neugierigen Nasen in jeden Aspekt des menschlichen und nicht-menschlichen Lebens steckten und als schmerzhafter Dorn in den Augen der Kirche galten. Als so genannter Arkanwächter diente Skarsgard dem skrupellosen Erzmagier Andoryl treu und stand ihm mit seinem Schwert zur Seite, sollte es denn einmal nötig sein. Prinzipiell gestaltete sich der Alltag eines Arkanwächters recht anspruchslos, denn diese Position fungierte nur als Zugeständnis an die Kirche, die jedem Erzmagier und Hexenmeister einen Soldaten zur Seite gestellt hatte. Sollte ein Magiewirker sich übernehmen und so Schaden an sich oder anderen Menschen verursachen, durfte ein Arkanwächter eingreifen, um drohendes Unheil abzuwenden. Dies geschah jedoch so gut wie nie und die Erzmagier und Hexenmeister sahen mit kaum verhohlener Arroganz auf die Arkanwächter herab, hielten sie sich als Schoßhunde oder machten sich einen Spaß daraus, sie von den ausnahmslos weiblichen Idisi verführen zu lassen, hintergründigen Zauberinnen mit manipulativen Kräften, die jeden das Fürchten lehrten. Skarsgard war seit einiger Zeit in Wildherz stationiert, dem zentralen Fürstentum des Königreichs Rivanor. Hier lebten und darbten noch viele der überlebenden Elfen aus dem großen Rassenkrieg in ihren Wäldern und die Menschen ließen sie zumeist in Frieden. Die Mageia hatte vor langer Zeit einen großzügigen Bereich um den Fluss Grünwasser abgefackelt und flugs einen protzigen Turm errichtet, den die Elfen Sternblick nannten, ein Name, der so gut wie jeder andere war, jedoch tatsächlich auch inhaltlich Sinn ergab. Von hier aus schauten die Magier sich den Himmel über Orenda an – und nicht nur das. Sie linsten natürlich auch hinter den Himmel, hinter den Schleier der für die meisten Menschen normalen Realität, und was sie dort mitunter erblickten, ließ jedes Entdeckerherz höherschlagen und natürlich auch das Herz eines jeden Eroberers. Und von diesen gab es unter den Menschen selbstverständlich genug. Der Himmel wölbte sich an diesem Tag blau und wolkenlos über Sternblick und Skarsgard rechnete mit einem weiteren ruhigen Tag im Turm der Mageia, angefüllt von Rundgängen durch die einzelnen Etagen, einigen wirren Gesprächen mit Erzmagiern und Hexenmeistern sowie den Angstschweiß auf die Stirn treibenden Begegnungen mit den Idisi in ihren raschelnden Kleidern. Zusammen mit seinem Kollegen Hagen, der für den Erzmagier Marduk den Wächter mimte, zog Skarsgard durch die luftigen Gemäuer der Turmanlage und beide ließen es sich nicht nehmen, an jedem Fenster innezuhalten und den Ausblick auf Wald und Fluss zu genießen. Sogar das ferne Sim’Dro sah man von den oberen Stockwerken Sternblicks aus und manchmal fragte Skarsgard sich, zu welchen Wundertaten die Elfen in der Hochzeit ihrer Kultur fähig gewesen waren. Heutzutage allerdings galt der schlanke, gläserne Turm als verfluchte Ruine, beherrscht von einem alten Elfenzauberer, der mit unerbittlicher Rastlosigkeit über eine Truppe untoter Elfensoldaten herrschte und eines Tages zum Sturm auf die Menschenwelt ansetzen würde. Natürlich war das alles Unsinn, den man kleinen Kindern zur Unterhaltung auftischte. Zwar war Sim’Dro tatsächlich eine alte Elfenruine, doch die Menschen hatten längst jeden Restwiderstand der Elfen gebrochen und so lebten um den verfallenen Turm herum nur versprengte Gruppen von einfachen Elfen, die keinem Menschen etwas zuleide tun würden, geschweige denn konnten. Schließlich hatten die Götter der Menschen, Adavil und Towak, penibel darauf geachtet, ihre Herrscherrasse mit größerer Macht auszustatten als die bereits lange vorher auf Orenda existierenden Elfen, Zwerge und Orks. Deren Götter schlummerten ohnehin in einem unruhigen Schlaf und so setzten Adavil und Towak schlichtweg ihre mächtigen Schachfiguren auf das Spielfeld und fegten alle anderen hinweg. Begonnen hatte ihr Werk vor 2000 Jahren der menschlichen Zeitrechnung und bis auf weiteres abgeschlossen hatten die Menschen es im großen Rassenkrieg vor mehr als eintausendvierhundert Jahren, als sie die Elfen versklavten und die Zwerge und Orks im lebensfeindlichen Osten des Kontinents verrotten ließen. Etwas wehmütig stand Skarsgard nun an einem großen Bogenfenster und ließ seine Augen über die weite Landschaft schweifen. Weit im Westen an der Küste lockte die Hauptstadt Schwertfels mit seinen Wunderbauten, im Osten ragten die Gipfel der gewaltigen Silberwand bis in den Himmel und im Süden dampfte der Boden im Fürstentum Kaltsand, von fähigen Erzmagiern künstlich abgekühlt, um der Hitze des dräuenden Abgrundes im Zentrum entgegenzuwirken. Die Jahre in Sternblick hatten Skarsgard zunehmend zermürbt und die Langeweile hatte tiefe Furchen in sein Gesicht getrieben. Als nun sein guter Freund Hagen mit einer Neuigkeit herausrückte, die sein gesamtes Leben aus dem Ruder laufen lassen sollte, reagierte Skarsgard erst einmal gewohnt skeptisch.

„Hast du schon gehört?“ raunte Hagen ihm zu. „Die Erzmagier bereiten eine Expedition vor.“

„Wirklich?“ Skarsgrad zog die Augenbrauen hoch und streckte sich. „Wohin geht es denn diesmal? Zurück nach Finsterhall? Darauf kann ich nun wirklich verzichten…“

Finsterhall war ein Reinfall gewesen. In der Regel kam jeder Arkanwächter während seiner Dienstzeit in den Genuss genau einer Expedition der Mageia und davon musste er dann bis ans Ende seiner Jahre unter der Fuchtel seines zugeteilten Magiers zehren. Der einzige Lichtblick im Leben eines Arkanwächters, ein Moment des panoramatischen Blicks, im Zuge dessen der geistige Horizont in vielerlei Hinsicht erweitert wurde. Nicht jeder Mensch kam schließlich in den Genuss des Besuchs einer anderen Welt. Aber Finsterhall stellte sich als ein Ort völliger Dunkelheit heraus und war dazu noch bevölkert gewesen von gefährlichen Ungeheuern. Letztendlich hatte die Mageia dort genau das getan, was sie erreichen wollte und danach den Riss im Schleier – den Übergang von Orenda nach Finsterhall – wieder versiegeln lassen. Skarsgard glaubte kaum, dass das nötig gewesen wäre, denn Finsterhall war seines Erachtens nach zur Gänze von jeglicher lebenden Existenz befreit worden. Die Hexenmeister der Mageia hatten das Leben dort gewissermaßen negiert.

„Aus welchem Grund unternehmen wir diese Expedition?“ hakte Skarsgard nach. Ein ungutes Gefühl begann sich in seiner Magengegend auszubreiten und streckte sich bereits in Richtung seines Brustkorbes. Er unterdrückte es.

Hagen zuckte die Achseln. „Irgendetwas wegen…Überwindung der materiellen Fesseln…Herrschaft des Geistes über den Körper…du kennst das ja. Magiergeschwurbel.“

Skarsgard nickte gedankenvoll.

„Aber noch wichtiger als wohin und warum ist doch, wer den Trupp anführt“, sagte Hagen verschwörerisch.

„Ja und? Wer denn?“ fragte Skarsgard.

„Kael Baelnor!“

Skarsgard sog geräuschvoll die Luft ein. „Tatsächlich?“ meinte er gedehnt und sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Das bedeutet, dass wir dieses verdammte Gemäuer demnächst verlassen werden! Schließlich residiert Kael Baelnor im Hauptturm in Schwertfels.“

„Du sagst es“, nickte Hagen. Dann seufzte er. „Ich bin froh, hier endlich wegzukommen. Marduk zehrt mit seiner Art jeden Tag mehr an meinen Nerven, auch wenn ich zugeben muss, dass er ein bemerkenswert…netter Magier ist. Im Verhältnis zu den anderen, natürlich.“

Gedankenverloren strich Skarsgard sich über seinen kurzen, gepflegten Bart. Hagen hatte natürlich recht. Er hatte mit seiner Stellung als Arkanwächter für den Erzmagier Marduk Glück gehabt. Die anderen Erzmagier waren nicht so umgänglich, sondern triezten ihre Wächter, wo es nur ging. Allen voran natürlich Andoryl, dem Skarsgard die Koffer hinterhertragen durfte. Innerlich verdrehte er die Augen. Dieser verdammte Bastard hielt sich nicht nur für den schlausten und wichtigsten Menschen auf ganz Orenda, leider verfügte er auch noch über unglaubliche magische Kräfte, um sich in nahezu allen Belangen durchzusetzen.

„Wir gehören damit übrigens zu den wenigen Arkanwächtern, die mehr als eine Expedition miterlebt haben!“ fügte Hagen noch hinzu und verschränkte selbstgefällig die Arme. „Hat es sich wohl doch gelohnt, bei der Kirche anzuheuern.“

„Abwarten“, knurrte Skarsgard.

„Was macht ihr beiden hier?“ schallte plötzlich eine Stimme von oberhalb der Wendeltreppe, die in die Spitze des Turms führte. Die beiden Arkanwächter fuhren herum und erblickten Diandra, die in ihrer vollen Rüstung die Stufen herunterstolzierte. „Wir sollen uns oben im Konferenzzimmer einfinden. Andoryl hat uns etwas zu sagen.“

„Es geht um die Expedition, nicht wahr?“ fragte Hagen mit leuchtenden Augen.

„Ach was!“ schnappte Diandra und funkelte den jungen Arkanwächter an. Sie selbst stand schon seit mindestens einer Dekade im Dienst einer Idisi namens Jaina und Skarsgard wusste, dass es Wächterinnen unter der Fuchtel einer Idis stets schlecht erging. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Idisi nicht zu altern schienen und von jedem einzelnen Menschen, gleichgültig welchen Geschlechts, als unwiderstehlich wahrgenommen wurden – auch wenn sie auf Männer natürlich die größte Wirkung hatten. Diandra war das Paradebeispiel einer sich überflüssig fühlenden, alternden und missmutig auf ihre schöne Herrin starrenden Dienerin, die irgendwann vor Kummer Selbstmord begehen oder aus Frust jemanden anderen erschlagen würde. Skarsgard beneidete sie nicht um ihr Schicksal. Er sah Hagen bedeutungsvoll an und gemeinsam folgten sie Diandra die Treppe hinauf in die oberen Turmgemächer. Wie durch Zauberhand eröffnete sich den drei Arkanwächtern in der Spitze des Turms ein Labyrinth aus Fluren, Zimmern und merkwürdig verdrehten Korridoren und jeder Idiot merkte sofort, dass die äußere Architektur des Turms nicht zum inneren Aufbau passte. Skarsgard und die anderen waren diese Diskrepanz jedoch seit Jahren gewohnt und so fanden sie den Weg zum Konferenzraum ohne Probleme. Die Flure lagen still vor ihnen, dicke Teppiche dämpften die Schritte und eine aus den Wänden selbst dringende Ruhe erstickte jedes laute Geräusch. Still und leise öffnete sich schließlich eine schmale, doch dafür übertrieben hohe, rote Tür und gab den Blick frei auf ein rundherum mit Fenstern gespickten Raum, in dessen Zentrum ein rustikaler Tisch prangte. Andoryl saß stirnrunzelnd am Kopf des Tisches und brütete über einem Stapel Schriftstücke. Das war nicht ungewöhnlich. Normalerweise vertieften sich Magier stets in irgendwelche Texte, bevorzugt sogar mehrere gleichzeitig – oder sie starrten Löcher in die Luft. In jedem Fall verhielten sie sich oftmals absonderlich und passten nicht so recht zu normalen Menschen, wenn sie auch die intellektuelle Speerspitze aller Menschenvölker zu sein schienen. Am Tisch saßen noch einige andere Angehörige der Mageia, so erkannte Skarsgard die Idisi Jaina, süffisant lächelnd wie immer, außerdem Torgal, ein Hexenmeister, den man besser nicht reizen sollte, sowie natürlich den Erzmagier Marduk, der gerade herzhaft gähnte. Das andere knappe Dutzend Personen kannte Skarsgard nur flüchtig, was aber nicht verwunderlich war, denn in Sternblick flogen die Magier ein und aus wie ein Schwarm von Wespen. Schließlich hatte die Mageia überall auf dem Kontinent ihre Finger im Spiel, mischte in der Regierung der Hauptstadt Schwertfels mit, stützte die halsbrecherischen Konstruktionen der Stahlfaust in der Silberwand mit Magie und half beim Schmieden des begehrten Blausilberstahls in der Blausilbersenke im Südosten Rivanors. Gleiches galt für das südlich gelegene Königreich Armalor, in dessen Hauptstadt Artania die Mageia ein verglastes Ungetüm gesetzt hatte, balancierend auf unsichtbaren, magischen Stelzen, die das protzige Gebäude hoch in den Himmel hoben. Nur im fernen Süden, in Califala, schwand der Einfluss der Mageia verhältnismäßig. Dort regierten die Gurus mit ihren den Geist malträtierenden Kräften und nur selten taten sie sich mit dem einen oder anderen Hexenmeister aus der Mageia zusammen. In diesem Augenblick sah Andoryl auf.

„Ah“, sagte er missmutig. „Unsere geschätzten Wächter. Willkommen.“ Er machte sich nicht einmal die Mühe, den Arkanwächtern einen Platz anzubieten. „Ich fasse mich kurz. Wie ihr vielleicht schon gehört habt-„

„Oder auch nicht“, warf Marduk laut und deutlich ein,

„-wollen wir bald eine neue Expedition starten“, fuhr Andoryl fort und warf Marduk einen frostigen Blick zu. „Zu diesem Zweck werden wir noch einige weitere Personen aufgabeln und uns dann nach Schwertfels begeben. Dort öffnet uns Kael Baelnor ein Portal zur vielversprechenden Welt Crentia und…Marduk hier“, er wedelte mit der Hand, „wird uns hindurchteleportieren.“

„Wie immer“, meinte Marduk und nickte leicht.

„Gut“, knurrte Andoryl ungehalten. „Ich nehme an, ihr seid bereit für die Abreise?“

Hagen stockte der Atem, doch Skarsgard legte ihm eine Hand auf den Arm. „Natürlich, werter Erzmagier“, sagte er mit seiner tiefen Stimme und lächelte eisig. „Für die Mageia sind wir stets zu allem bereit.“

„Na dann“, sagte Andoryl und lächelte gehässig. Er fischte einige Taschen und Utensilien aus der Luft und war innerhalb einiger Lidschläge voll ausgerüstet. Dasselbe galt für die Idisi Jaina und einen Hexenmeister, den Skarsgard nicht kannte.

„Marduk, wärst du so gut?“ fragte Andoryl und schaute seinen Magierkollegen auffordernd an.

Marduk schnippte mit dem Finger und sagte Plumps. Bevor Hagen anfangen konnte zu lachen, riss es alle Anwesenden durch den Schleier der Realität, hinaus aus dem Turmzimmer und hinunter auf das saftige Gras unterhalb des Turmsockels. Skarsgard knirschte mit den Zähnen, als er seine Knie aufgrund des unsanften Aufpralls knacken hörte.

„Verzeihung“, sagte Marduk und zog eine Grimasse.

Andoryl schaute ihn missmutig an. „Plumps?“ fragte er säuerlich. „Was soll das, Marduk. Du machst uns lächerlich mit deinem Verhalten!“

„Das schaffen wir auch so“, schnappte Marduk und lachte kurz auf. Er schlug Andoryl mit einem schelmischen Grinsen auf die Schulter, doch Skarsgard sah in den Augen des Magiers einen ernsten Ausdruck, den er nicht zuordnen konnte. Marduk war eindeutig der seltsamste Erzmagier, den Skarsgard in seinen Jahren im Dienste der Mageia kennengelernt hatte.

Gemeinsam machte sich die kleine Gruppe nun zu den Ställen auf und nahm einige gesattelte und gezäumte Pferde in Empfang. Ihr Weg sollte sie zuerst nach Sim’Dro führen, das südlich von Sternblick lag und einen Stamm Elfen beherbergte. Einige von ihnen hatten sich vor langer Zeit für die Mageia verdingt – im Gegenzug erhielten sie Schutz vor den Häschern der menschlichen Sklavenhändler. Diese Elfen dienten nun als Magiespeicher für die Erzmagier. Sollte sich ein Magier je selbst ausbrennen und somit vorübergehend seiner Magie beraubt sein, entnahm er einem Elf schlichtweg einen Streifen Haut, in dessen Struktur Magie eingewoben und gespeichert war. Nach dem Verzehr des Hautfetzens strömte wieder Magie durch die Adern des Magiers und er konnte sein Werk fortsetzen. Skarsgard widerte diese vampirische Teufelei seit jeher an, doch er wusste zumindest, dass nicht jeder Erzmagier dieser Perversion frönte.

Die Reise von Sternblick nach Sim’Dro kam Skarsgard ungewöhnlich kurz vor, aber vielleicht hatten sie auch nur Glück, die richtige Straße gewählt zu haben. Die Meilen flogen unter den Hufen der Pferde nur so dahin und bereits nach einem Tag glitzerte der Grünwasser vor ihnen in der Sonne. Skarsgard und Hagen versuchten sich zu orientieren, um die Lage der nächsten der allesamt von Menschenhand geschaffenen Brücken zu verorten, doch Andoryl hielt sich mit so etwas erst gar nicht auf. Mit einigen knappen Handbewegungen und murmelnden Worten richtete er seine Konzentration auf das dahinströmende Wasser. Nur Lidschläge später fror der Fluss zur Gänze ein, doch Skarsgard fragte sich, ob es nicht nur eine Illusion war, denn das Flirren in der Luft irritierte seine Augen und ließ ihn an seinen Sinnen zweifeln. Trotzdem überquerten sie die glatte und in keiner Weise rutschige Oberfläche des Flusses, als ob es fester Boden wäre. Danach pflügten die Pferde stoisch und unermüdlich weiter durch die Gräsermeere von Wildherz, vorbei an dichten Hainen, vereinzelten Lagern von Orks, die den vorbeipreschenden Menschen besorgt hinterhersahen. Elfen bekamen die Durchreisenden nicht zu Gesicht, was aber auch daran lag, dass Elfen und Menschen ein noch schlechteres Verhältnis hatten als Menschen und die von ihnen abschätzig Stoßzähne genannten Orks. Schließlich hausten unzählige Elfen in den Städten der Menschen und verdingten sich unter zermürbenden Voraussetzungen als Arbeiter – und nicht zuletzt entführten die Menschen ihnen gefällige Elfen und hielten sie sich als Diener in ihren Häusern. Nach einem weiteren Tag durch das grüne Herz Rivanors gelangte die Gruppe schließlich an die Ausläufer eines rohen Hügels, auf dessen Spitze Sim’Dro in die Höhe wuchs. Einstmals ein Monument elfischer Architektur, strahlte der zersplitterte Turm jetzt nur noch eine abweisende Bedrohlichkeit aus. Fast anklagend reckte er sich trotz seines Verfalls gen Himmel, als ob er jedem Reisenden ein Mahnmal sein wollte – für was, das blieb im Verborgenen, denn kein Mensch interessierte sich für marode, elfische Bauwerke. Vor den zerfallenen Trümmern des Eingangs campierte eine Gruppe Elfen in einfachen Tuniken. Sie blickten allesamt wie verschreckte Rehe auf, als die Menschen auf ihren Pferden heranpreschten und erhoben sich schleunigst. Andoryl näherte sich den abgerissen aussehenden Elfen wie ein Gutsherr seinen Arbeitern. Obwohl die Elfen mit ihren hochgewachsenen, eleganten Gestalten schön anzusehen waren, strahlten ihre Gesichter nichts von dieser Anmut aus. Ihre Blicke klebten förmlich an Erzmagier Andoryl und Skarsgard fragte sich, ob ihre Furcht tatsächlich derartige Intensität annahm oder ob sie dem Magier etwa hörig waren. Doch als der blumige Hauch eines zarten Parfums zu ihm herüber wehte, verstand er und gab sich innerlich eine schallende Ohrfeige. Natürlich. Die Idisi, Jaina. Sie manipulierte die Elfen und machte aus ihnen fast willenlose Puppen. Nach einer mehr als knappen Konversation brachen die Elfen ihr Lager ab und verstreuten sich – bis auf einen einsamen Elf, der zurückblieb. Er trottete hinter Andoryl her wie ein abgerichteter Hund. Skarsgard musterte die sehnige Gestalt des Elf, machte aber nichts Bemerkenswertes an ihm aus. Seine Arme schienen tätowiert zu sein, doch instinktiv betrachtete Skarsgard diesen Umstand als elfische Eigenart.

„Wartet hier“, befahl Andoryl den Arkanwächtern knapp. Er überließ den Elf ihrer Obhut und betrat dann zusammen mit dem unglücklich dreinsehenden Marduk sowie dem Hexenmeister und Jaina den Turm.

„Was hoffen sie, dort zu finden?“ fragte Hagen leise und betrachtete die baufällige Ruine abschätzend.

„Geht uns nichts an“, knurrte Diandra ungehalten. Sie warf den beiden Männern einen geringschätzigen Blick zu und setzte sich dann etwas abseits an den Hang. Mit spitzen Fingern löste sie ihre Panzerung vom Körper und inspizierte jeden Zentimeter Blausilberstahl auf Unebenheiten.

„Ob wir mal mit ihm sprechen sollen?“ fragte Hagen besorgt.

„Mit wem?“ Skarsgard setzte sich ächzend ins Gras. Sein Hintern fühlte sich nach dem Kräftezehrenden Ritt nicht gut an.

„Na, mit dem Elf.“

Skarsgard schaute stöhnend auf. „Wozu denn? Was soll das bringen?“

„Immerhin will Andoryl ihn offensichtlich mitnehmen. Er ist also unser Reisegefährte!“

Skarsgard blies die Wangen auf und seufzte. „Wenn es denn sein muss“, murmelte er dann. Zusammen schlenderten sie über das Gelände der Turmruine und blieben vor dem im Gras sitzenden Elf stehen.

„Grüße“, sagte Hagen etwas großspurig. „Ich bin Hagen, im Dienste des ehrenwerten Erzmagiers Marduk.“ Er deutete auf Skarsgard. „Dies ist mein guter Freund Skarsgard. Er dient Andoryl. Wie ist dein Name?“

Der Elf blickte nicht auf. „Elenin“, sagte er lakonisch.

„Wie…geht es dir?“ fragte Hagen. „Alles in Ordnung?“ Der Arkanwächter lächelte unbeholfen.

„Meine Gefährtin Hyse wurde von einem menschlichen Mann vergewaltigt, bis sie irgendwann starb“, sagte Elenin ausdruckslos. Er wickelte eine Reihe von ledrigen Streifen wie eine zweite Haut um seine nackten Arme.

Hagen wurde blass. „Das…so meinte ich das nicht…“

Der Elf hielt inne und sah auf. „Ach ja“, murmelte er. „Ihr Menschen plappert ja gern über euer oberflächliches Befinden, weil euch tiefergehende Gefühle fremd sind. Also, um deine Frage zu beantworten: Mir geht es gut. Und selbst?“ Er wickelte seelenruhig weiter die Streifen um seinen Arm.

„Wurde sie…schwanger?“ fragte Skarsgard ruhig. Eine gewisse Kälte bemächtigte sich seiner und ihm wurde bewusst, dass er bis jetzt noch nie eine richtige Unterhaltung mit einem Elf geführt hatte.

Elenin sah wieder auf, diesmal mit ungläubigem Blick. „Ein Kind? Du weißt nicht viel von der Welt oder?“ sagte er mit einem schiefen, irgendwie bedauernden Lächeln. Dann zeigte er mit dem Finger zuerst auf Skarsgard und dann auf sich. „Du und ich, wir gehören unterschiedlichen Spezies an, mein Freund. Wir können uns untereinander nicht fortpflanzen, unsere Geschlechtsmerkmale -deins und meins- ähneln sich nicht einmal. Also, nein, sie wurde nicht schwanger. Sie ist einfach tot.“

Skarsgard schloss irritiert die Augen. „Aber wieso…? Wieso hat er dann deine Frau…?“

Seufzend wickelte Elenin weiter die Fetzen um seinen Arm. „Unsere Frauen haben mit den menschlichen Weibern eine rudimentäre Ähnlichkeit. Nur viel…verletzlicher und kleiner.“ Er sah kurz auf und betrachtete Skarsgards leichenblasses Gesicht. Dann sagte er ruhig: „Und menschliche Männer sind unersättlich und brutal. Sich auf so perverse Art an weiblichen Elfen zu vergehen liegt wohl in eurer Natur.“ Eine kaum verhohlene Bösartigkeit lag in der Stimme des Elfen.

Skarsgard legte die Hand auf seine Stirn. Plötzlich schwitzte er heftig. Hagen sagte keinen Ton.

„Entschuldigt“, sagte Elenin gelassen. „Ich gehöre einem alten Stamm von Waldelfen an. „Wir reden eigentlich nur, wenn es etwas zu sagen gibt. Schnörkelloser Informationsaustausch, allerdings sehr ergiebig und gehaltvoll. Ich bin es nicht gewohnt, seichte Unterhaltungen zu führen. Dafür könnte ihr mich nachts jederzeit wecken und flugs in ein philosophisches Gespräch einsteigen. Das ist doch auch etwas, nicht wahr?“

Skarsgard war sich nicht ganz sicher, ob Ironie in der Stimme des Elfen mitschwang oder ob er tatsächlich versuchte, sich zu erklären. Da Elenin die beiden Wächter erwartungsvoll ansah, nötigte Skarsgard sich eine abschließende Antwort ab. „Du hast recht, wir haben uns wohl missverstanden. Tut mir leid.“ Er stieß Hagen an und wandte sich dann mit einem Kopfnicken ab. Sie gingen zu Diandra, die immer noch dabei war, ihre Rüstung auszubessern. Als sie ihr vom Gespräch mit dem Elf erzählten, lachte sie böse.

„Warum gebt ihr euch auch mit diesem Abschaum ab?“, schnaubte sie. „Die meisten Magiespeicher sind komplett irre. Was meint ihr, was mit jemandem passiert, dessen Haut die ganze Zeit vor Magie kribbelt, bis sie ihm von den Knochen gezogen und verspeist wird – nur um dann schmerzhaft nachzuwachsen?“ Sie beäugte Elenin aus der Ferne. „Der dort ist ein besonderes Exemplar“, schnurrte sie. „Seht nur, er hat sich vor einiger Zeit selbst die mit Magie gefüllte Haut abgezogen und wickelt sie sich jetzt um seine Arme. Zwei Schichten Magie also für unseren guten Andoryl. Dieser Elf ist erfinderisch!“

Hagen würgte. „Das ist ekelhaft. Was soll das eigentlich, wer hat sich das ausgedacht?“

Diandra zuckte mit den Schultern. „Was fragst du mich so etwas? Irgendein blutdürstender Hexenmeister wahrscheinlich, mit einer Vorliebe für Kannibalismus. Warst du mal im Hauptturm der Mageia in Schwertfels? Die Erzmagier und Hexenmeister und Idisi dort sind allesamt verrückte, egoistische, versaute, fortschrittsbesessene Bastarde. Denen steigt ihr ganzes Wissen und ihre ganze Macht zu Kopf! Irgendwann, wenn ein Geist gefüllt ist bis oben hin mit Erkenntnissen, erwachsen daraus abstoßende Aberrationen, die man bei normalen Menschen nicht findet. Ist dir das nicht klar?“

„Doch, natürlich“, meinte Hagen schwach.

„Anscheinend nicht!“ versetzte Diandra. „Kannst froh sein, dass du Marduk abgekriegt hast“, knurrte die Wächterin. „Jeder andere Magier oder Hexenmeister hätte dich schon längst zermürbt.“

Eine Stunde verging, bis die Zauberwirker wieder aus dem Turm kamen. Andoryl sah beleidigt aus, aber das mochte keinen besonderen Grund haben. Er und Marduk verstanden sich nicht sonderlich und Andoryl ließ seinen Kollegen wohl nur deshalb an Expeditionen teilnehmen, weil dieser über unerreichte Fähigkeiten in aller Art von Reisemagie verfügte. Mit knappen Worten befahl Andoryl den Aufbruch und er preschte ohne Rücksicht auf die Energiereserven seines Pferdes weiter, stets in östlicher Richtung. Wiederum fraßen sie sich geradezu durch die Landschaft, passierten den Herzweg und damit die zentrale Passage durch die Region Wildherz. Bald jedoch wandelte sich die Landschaft und statt dem saftigen Grün von Pflanzen blickte Skarsgard auf kargen Fels und wenn er den Blick hob, überdachte ihn kein Himmel aus Baumkronen, sondern wohl ein düsteres Abbild von Towaks zornigem Gesicht. Unwillkürlich dachte Skarsgard an seine Kindheit zurück, die kurz und entbehrungsreich gewesen war. Sein Vater, ein hartherziger Ritter des Towak, huldigte kompromisslos den Göttern und sparte nicht an Tadel im täglichen Umgang mit seinem Sohn. Schon früh fand Skarsgard sich unter den Fittichen anderer Kirchenanhänger wieder und durchlief eine Ausbildung, die rückblickend einer Gehirnwäsche nicht unähnlich schien. Manchmal glaubte er, dass er von Glück reden konnte, mit welcher Überzeugungskraft seine Mutter Bekarna ihren Mann dazu überredet hatte, den gemeinsamen Sohn nach Schwertfels zur Mageia zu schicken. Sie argumentierte, dass ein ausgebildeter Ritter des Towak gute Chancen hätte, letztendlich einem Magier zu dienen – und damit den Göttern einen außerordentlichen Dienst erwies. Dass diese Stellung nichts anderes als eine undankbare Tätigkeit als Spitzel für die Kirchen war, davon wusste Skarsgard damals noch nichts. Ohnehin wiesen ihn die Magier als zu jung und unerfahren ab, sodass er noch einige endlose Jahre unter den wachsamen Augen eines Magierjägers der Kirche des Towak verbrachte. Vrenkolin entpuppte sich als ebenso gnadenlos wie Skarsgards Vater und er ließ nichts unversucht, den jungen Mann zu brechen. Doch Skarsgard hatte durchgehalten und stand Jahre später mit neuem Wissen und um viele unschöne Erfahrungen reicher wieder im Namen der Kirche des Towak vor dem Turm der Mageia. Diesmal gewährten die Magier ihm Einlass – und die Tortur nahm ihren Anfang. Skarsgard seufzte und wandte sich vom personifizierten Towak in Gestalt eines dräuenden Himmels ab und richtete seine Augen auf den Horizont. Unglaublich. Girnazakath befand sich schon in Sichtweite. Natürlich tat Marduk irgendetwas, um ihre Reise maßgeblich zu beschleunigen. Aber zur Gänze teleportieren wollte der Erzmagier die Gruppe anscheinend nicht.

Kurz vor Girnazakath hob Andoryl schließlich die Hand. Die Pferde kamen schlitternd zum Stehen und rührten sich keinen Millimeter mehr vom Fleck.

„Wir legen eine kleine Rast ein“, verfügte Andoryl und stieg ohne weiteren Kommentar ab. Die Gruppe verstreute etwas über die staubige Ebene mit Namen Rayk Tharis, die sich von Girnazakath aus nach Nordosten in Richtung Grünschimmerhains bis nach Siegharm und darüber hinaus erstreckte und im Südwesten mit der Eisenwüste verschmolz, wo die Hochburg der Goldunion auf sie wartete – Mora’Donium. Den Zwergen dort würden sie als nächstes einen Besuch abstatten. Doch zuerst wartete der düstere Gurutempel vor ihnen auf sie. Skarsgard kniff die Augen zusammen und betrachtete das Gebäude eingehend. Aus Sandstein errichtet, waberte es in einem für Skarsgards Augen anstrengenden Hitzeflimmern hin und her. Erschöpft ließ er sich im Schatten eines formidablen Felsens nieder und streckte die Beine aus. Sie befanden sich hier auf der Schwelle zwischen Wildherz und dem Kaltsand, einer unwirtlichen Region im Süden Rivanors. Zwei Stunden lang warteten sie in der Hitze des Nachmittages und als die Tür des Tempels sich schließlich rumpelnd öffnete, fühlte Skarsgard sich wie gerädert.

Ein Gerippe von einer Person trat aus der Tür, hochbepackt mit Taschen, einem Wanderstab und verschiedenen Geräten, die Skarsgard beim besten Willen nicht identifizieren konnte. Zwei hässliche Dolche hingen dem Guru dort herab, wo normale Männer eigentlich keine Messer haben wollten. Doch dies war kein normaler Mann. Wahrscheinlich hatte er sich selbst kastriert. Mit kaum verhohlenem Ekel betrachtete Skarsgard den Guru an und verschränkte die Arme.

„Was nützt uns dieser Haufen Knochen?“ murmelte der Wächter und schaute Hagen bedeutungsvoll an. Dieser nickte und grinste abfällig.

Der Kopf des Gurus fuhr herum und seine dumpfen Augen musterten beide Wächter, als ob sie sie bereits auf einem Seziertisch sahen. „Das werdet ihr schon merken, wenn wir in der anderen Welt sind“, flüsterte der Guru. Dann wandte er sich Andoryl zu. „Warum teleportiert er euch nicht direkt?“ fragte er mit einem Fingerzeig auf Marduk. „Ich hatte eigentlich erwartet, dass die Mitglieder der Mageia nicht mehr auf konventionelle Reisen – Pferde, nächtliche Lagerfeuer und dergleichen – angewiesen wären.“ Seine Stimme schwang zwischen Belustigung und Schadenfreude hin und her.

Obwohl Andoryl den schmierigen Guru sicherlich verachtete, ließ er sich nicht zu einem Schlagabtausch herab. „Wir haben unsere Gründe“, antwortete er knapp und bedeutete der Gruppe dann, sich zum Aufbruch bereits zu machen.

„Religiöse Gründe“, murmelte Marduk und verdrehte die Augen.

Der Guru verzog seinen Mund zu einem Haifischgrinsen, sagte jedoch nichts.

Chutrik stellte sich als ein angemessen unangenehmer Reisegefährte heraus und Skarsgards Meinung über ihn meißelte sich unauslöschlich in seinen Schädel – er wollte mit dem Bastard aus Girnazakath nach ihrem Auftrag nichts mehr zu tun haben. Eine derartig menschenverachtende Denkweise war Skarsgard noch nicht untergekommen. Während Hagen ob der an Niedertracht unübertrefflichen Aussagen des Gurus regelmäßig erbleichte, lachte Diandra oft genug aus vollem Halse. Skarsgard drehte sich der Magen um, als er bemerkte, dass Wächterin und Guru ihre Abendstunden miteinander verbrachten und dabei gar auf Tuchfühlung gingen. Chutriks Weltbild setzte sich aus drei Konstanten zusammen. Leben und Tod waren nur zwei Zustände organischen Materials von vielen weiteren. Etwa so wie fest, flüssig oder gasförmig diffundierten auch menschliche Körper angeblich in andere Zustände – ohne dass der Guru sich dazu aber näher äußerte. Den Drang nach geistiger Erleuchtung hatte jeder Mensch zweitens um jeden Preis sein Leben lang aufrechtzuerhalten. Damit harmonierten die Gurus wohl perfekt mit dem Erkenntnisdrang der Mageia, musste Skarsgard zähneknirschend zugeben. Die Vergänglichkeit des Fleisches hatte zur Folge, dass drittens eine Art Läuterung in eines jeden Menschen Leben stattzufinden hatte. Auch hier sorgten die schmallippigen Erläuterungen des Gurus nur für dürftige Erhellung, aber eigentlich interessierten Skarsgard die widerlichen Marotten der Califer auch nicht. Im Gegenteil, er fragte sich sogar, warum die Fürsten Rivanors es zuließen, dass die perversen Südländer sich mitten im Herzen des Reiches niederlassen durften.

„Welchem Kult gehört dieser Guru eigentlich an?“ fragte Hagen. Er ritt mit Skarsgard so weit wie möglich entfernt von Chutrik. „Den Yussoniten? Den Leerenwandlern?“

Skarsgard zuckte die Schultern. „Frag ihn doch. Wahrscheinlich aber gehört er zu den Yussoniten aus der Gottstadt.“

Zwei Tage später erreichten sie die Ausläufer Mora’Doniums, einer tristen, gelben Wüste aus endlosen Dünen und nebligen Hügeln. Skarsgard und die anderen Wächter wussten, dass es hier gefährlich wurde. Sie befanden sich in der Nähe des Kaltsandes und des weiter im Süden gelegenen Passgebirges. Die Kreaturen, die in diesen Gegenden lebten, konnten selbst für Menschen gefährlich werden. Die Magier schien das jedoch nicht zu kümmern und schon bald schlief Marduk scheinbar tief und fest unter einem Felsvorsprung, während Andoryl sich tatsächlich seinen Schreibtisch herbeigezaubert hatte und sich in seine Bücher vertiefte. Chutrik hatte sich zum Zwecke einer Meditationsübung auf einen Hügel begeben und wollte nach eigenen Aussagen bis zur Ankunft des nutzlosen Zwerges aus Mora’Donium nicht gestört werden. Da der Hexenmeister – Nurmen hieß er wohl, wie Skarsgard herausgehört haben wollte – und die Idisi Jaina die Köpfe zusammengesteckt hatten, hing es an den drei Arkanwächtern, die Umgebung auszukundschaften und potenzielle Gefahren im Keim zu ersticken. Langsam legte sich die Nacht über die Ebene und tauchte alles in einen bläulichen Schein. Towak war mit ihnen, dachte Skarsgard und machte sich mit Hagen und Diandra an seiner Seite auf den Weg zur Nachtwache.

Kapitel 2 – Das Kloster

Zur selben Zeit, im Süden des Kontinents, hatte sich eine Erzmagierin ebenfalls auf eine Expedition begeben, ganz im Sinne von Mageia und Kirche und zum Wohle Orendas. Die Wüsten Califalas beherbergen den ganzen Schund der Menschheit, der in Rivanor und Armalor keinen Platz mehr gefunden hat. Nun wird er vom Licht der Sonne bestrahlt und gedeiht prächtig in den dekadenten Palästen der Yussoniten, die von der Gottstadt Libasson aus nicht wenige Geschicke der Welt lenken.

Aus: Marduks Sicht auf die Welt

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Der Sand knirschte wie Schnee unter ihren Füßen, als Asterna sich mühselig vorankämpfte. Still und heimlich stieg eine bleiche Kälte aus dem Boden, verursacht durch das Hereinbrechen der Nacht, den nach Metall schmeckenden Winden aus dem östlichen Dros Ereb oder einer Mischung aus beidem. Asterna zog sich den Mantel enger um die schmalen Schultern. Immerhin ragte das schmutzig-gelbe Klostergebäude bereits vor der Erzmagierin auf und in der mählichen Dunkelheit rissen die Mauern ihre Konturen wieder an sich, befreit vom die Wahrnehmung vernebelndem Wabern der Wüste. Wie immer ekelte sie an, was sie in Yar’Gul zu tun hatte. Asterna hatte einen Pakt mit den Schnittern Califalas geschlossen – und dieser war schlicht und einfach notwendig, um ihre Magierkollegen im Norden zumindest ein wenig zu unterstützen. Ein riesiger Obelisk ragte aus dem dampfenden Wüstensand bis hinauf in den wolkenverhangenen Himmel. Schnuppernd reckte Asterna ihre Nase in die Luft. Das Cali-Wasser, das die südlichen Küsten des Kontinents umspülte, trug in dieser Nacht mit Sicherheit Regen heran. Stimmen ertönten plötzlich im Kopf der Magierin, leise und säuselnd. Wütend starrte sie zur Spitze des Obelisken. Rötliches Glimmen umspielte das glattpolierte Metall und sandte seinen Ruf aus.

„Fort mit euch“, knirschte Asterna und verbannte die Stimmen aus ihrem Geist. Diese verdammten Gurus mit ihren okkulten Kräften. Zwei in lange, schmutzig-gelbe Gewänder gekleidete Wächter standen vor dem Klosterportal, einem runden Stein, der zur Seite rollte, falls jemand Einlass begehrte. Dies kam selten genug vor, denn im Inneren der düsteren Mauern gingen wenig verlockende Dinge vor sich.

„Wen verlangt es nach der Nähe der Toten?“ fragte eine hohle Stimme.

Asterna sah fest in die rot flackernden Augen der Wächter, die ihre Gesichter hinter glatten Helmen verbargen, Nachbildungen längst von der Welt getilgter Antlitze, die jenen der Menschen in nahezu jeder Hinsicht glichen. Doch nicht ganz. Die Gesichtszüge – nun eingefroren in stählernen Masken – strahlten eine archaische Erhabenheit aus, einen unbeugsamen Stolz, gepaart mit wahrer Todesverachtung. Mit ausdrucksloser Miene nickte Asterna den Wächtern zu. „Erzmagierin Asterna ersucht nach einer Audienz bei Chral Ulszon.“

„Zu welchem Zweck?“ fragte der andere Wächter blechern.

Asterna reckte das Kinn. „Rekrutierung.“

Die beiden Wächter nickten stumm. Wie durch Geisterhand geführt, bewegte sich der runde Stein rumpelnd zur Seite und gab den Blick frei auf einen dunklen Schlund, aus dem eine Kakophonie aus furchterregendem Gesang und einer röhrenden Maschinerie drang, als ob alle Schmiede und Handwerker und Krieger Orendas ihre Hämmer und Spaten und Schwerter zugleich und in endloser Abfolge aufeinanderschlugen. Im inneren der Klostermauern wehte eine kaum wahrnehmbare, kühle Brise, die ständig ihre Richtung wechselte und für leichte Konzentrationsstörungen sorgte, denn sie trug leise Stimmen mit sich, die allerdings nur unverständlich daher brabbelten. Asterna durchschritt einsam die Sonnenkammer des Klosters. Vereinzelte Lichtstrahlen fielen aus dem Gewölbe über der Erzmagierin auf den aus Steinquadern bestehenden Boden, doch blieben stets einige Bereiche des Raumes in Dunkelheit gehüllt, nur um alsdann ebenfalls vom Licht berührt zu werden. Asterna wusste nicht wie und vor allem warum die Yussoniten dieses Lichtspiel initiierten, jedoch diente es sicherlich einem verborgenen Zweck. Die imposante Statue eines drei Meter messenden Menschen lugte nun aus der Dunkelheit der Kammer hervor, umkränzt von einem blau-silbernen Schimmer, der Herrschaftlichkeit vermittelte und gleichzeitig Ehrfurcht erweckte. Mit unbeweglicher Mimik schauten hell glimmende Augen aus einem ungeschlachten Schädel auf die Erzmagierin herab und sie wusste, dass die Ähnlichkeit des Kopfes mit den Masken der Wächter in diesem Kloster kein Zufall war. Asterna hätte sich zwar nie in Glaubensangelegenheiten der Kirche eingemischt, aber dennoch fragte sie sich manchmal, weshalb die penetrant dogmatischen Adavilanhänger und die latent jähzornigen Towakspeichellecker hier nicht einschritten. Heilige kannte der menschliche Glaube nicht und andere Götter wurden nicht toleriert. Schließlich wandte Asterna sich schulterzuckend von der archaischen und bemerkenswert anziehenden Figur eines offenbar lange vergessenen und unter dem ewigen Sand der Wüste begrabenen Gottes ab. Zwei Rahwen hielten sie schließlich auf. Sie materialisierten sich förmlich vor der Erzmagierin, so plötzlich traten sie aus am Rande eines breiten Ganges lodernden Flammengruben und hielten ihre Speere kampfbereit. Asterna gehörte nicht gerade zu den gelehrten Mitgliedern der Mageia und so hatte sie bisher auch keine erhellenden Erkenntnisse über die Herkunft der Rahwen – sie als menschlich zu bezeichnen entsprach allenfalls zur Hälfte der Wahrheit, wenn überhaupt. Die langen, dürren Beine verliehen ihnen eine fast schlaksige Figur, konterkariert jedoch von einem muskulösen Oberkörper inklusive Stiernacken, auf dem ein unförmiger Schädel thronte. Ein ständiges Klickern und Klackern ging von den Rahwen aus, die ihre Gesichter hinter einer dichten Verschleierung verbargen. Ein leiser Schauder lief Asternas Rücken herunter, während sie die beiden Rahwen bei ihrer Annäherung beobachtete. Bei jeder Bewegung knickten die Beine an der Schwelle zwischen Ober- und Unterschenkel nach hinten ein, was eben im exakten Kontrast zum Menschen stand. Drei Schritte vor der Erzmagierin blieben die Wesen stehen. Das beständige Klickern wurde noch von einem Knarzen untermauert, als ob an den Rahwen immer noch die Flammen leckten. Asternas Zähne fingen an zu schmerzen, doch sie wartete schlichtweg ab.

„Geh. Der Chral wartet auf dich.“ Die Stimme kam von irgendwoher, denn Asterna konnte beim besten Willen nicht feststellen, ob die beiden Wächter vor ihr überhaupt Münder besaßen und wie sich in diesem Fall wohl ihre Stimmen anhören mochten. Die Rahwen zogen sich in das Licht der flackernden Feuer zurück und verschmolzen augenscheinlich mit den Flammen.

Im Kloster Yar’Gul gingen Dinge vor sich, die nur schwer zu verstehen und für so manchen wahrscheinlich noch schwerer zu ertragen waren. Doch zum Glück führte Asternas Weg recht geradlinig an den Kammern, Gruben und Kavernen vorbei und sie war froh, nicht in die Tiefen dieses Ortes hinabsteigen zu müssen. Stattdessen sah sie bald sogar wieder Sonnenlicht, während sie eine steile Treppe aus gelbem Stein hinaufstieg. Sie erreichte eine sonnendurchflutete Galerie, weit oberhalb des Eingangs und man hätte von hier vielleicht im Westen sogar das von Blätterschnee bedeckte Mirgalgebirge sowie den dahinter liegenden Cali-Dschungel sehen können, während im Norden die Wüste brannte und der Süden die Augen mit dem grün schimmernden Cali-Wasser umschmeichelte. Ein guter Arbeitsort für einen Aristokraten wie Chral Ulszon, dessen Gier nach Luxus ihm aus jeder Pore strömte. Seine Kammer lag an der Spitze des Klosters, umgarnt von leichten Vorhängen aus Seide und ausgestattet mit einer Vielzahl von Annehmlichkeiten. Vor dem offenen Durchgang zu seinem Raum wachten zwei ausgemergelte Gestalten, wie so viele in Califala hinter Gewändern und Schleiern verborgen. Weißes, brüchiges Haar umrahmte die knochigen Gesichter und die schweren Speere lagen im Griff eiserner Hände. Vreists. Sie regten sich nicht und würdigten Asterna auch keines Blickes, als sie an ihnen vorbeitrat, den Vorhang beiseite schob und in das Zimmer des Chrals trat. Mehr Fenster als Wandfläche verliehen dem Ort eine gewisse Leichtigkeit, wenn auch an jeder freien Wand ein überbordendes Bücherregal bis zur hohen und spitz zulaufenden Decke reichte und damit wieder eine dezent erdrückende Atmosphäre geschaffen wurde. Das Studierzimmer eines Gelehrten ebenso wie ein Wohnraum zum Müßiggang und gleichzeitig der Sitz eines Herrschers. Asterna verbeugte sich unbewusst, als sie inmitten des Raumes Halt machte. Der Chral betrachtete gerade ein System aus unterschiedlich bemalten Kugeln, die von der Decke hingen und durch weiß lackierte, dünne Verstrebungen miteinander verbunden waren. Die Verstrebungen wirkten recht brüchig und zudem waren sie nicht starr metallisch, sondern offenbar aus einer verformbaren Substanz gefertigt, wie Spinnennetzte, und sie hielten das Kugelsystem in ständiger, wenn auch gemächlicher Bewegung.

„Asterna“, begrüßte der Chral die Erzmagierin mit seiner angenehm vollen Stimme, in der stets ein dezent belustigter Unterton lag. Asternas Phantasie reichte absolut nicht aus, um sich auszumalen, weshalb der Chral sich an einem verdorbenen Ort wie Yar’Gul amüsierte. Vielleicht erfreute er sich hämisch an der Vergewaltigung des Lebens, die hier im Kloster in mechanisierte Strukturen gebracht worden war, geradezu in eine Art Industrie. Die Vreists, die hier erschaffen wurden, verteilten sich immerhin über den gesamten Kontinent, von der Gottstadt Libasson über die Geisterbarrikaden an den Grenzen Dros Erebs bis hin nach Norden in die Schmieden des Blauen Feuers oder eben den Abgrund im Kaltsand Rivanors. Als Asterna mit ihrem Anliegen an den Chral herantrat, seufzte dieser schwer. Für einen Moment schien er nachzudenken, aber schließlich gab er nickend seiner Einwilligung Ausdruck. „Ich kann dir dreißig Hüllen mitgeben“, sagte er. „Sie sind allerdings frisch und müssen noch in Yussons Grabmal gesegnet werden.“

„Ich kümmere mich darum“, murmelte Asterna.

Der Chral nickte bedeutungsvoll. „Bist du allein hier?“

„Nein. Ich habe einige der Sandläufer angeheuert. Sie warten mit Dünensteigern auf mich.“

„Gut, gut. Denn frische Hüllen sind nicht gut zu Fuß. Sollen wir sie in Kisten stapeln, sodass ihr sie verladen könnt?“

Asterna schauderte innerlich. „Nein, danke. Sie können doch laufen?“

„Ja, allerdings nur sehr gemächlich.“

„Das muss genügen.“

Der Chral schaute die Erzmagierin für eine Weile aus seinen schrägstehenden Augen an. Seine weite Robe war über und über mit Runen bedeckt, die für Asterna – obwohl in magischen Dingen sehr bewandert – keinerlei Sinn ergaben. Wie immer fühlte sie sich unter dem Blick dieses Oberhauptes des Kultes der Schnitter, wie die Yussoniten auch genannt wurden, sehr unwohl, als ob eine kosmische Entität, die rein gar nichts mit wie auch immer gearteter Menschlichkeit zu tun hatte, sie taxierte.

„Du kannst gehen“, verkündete der Chral dann in huldvoller Eleganz seines Baritons. „Ich lasse die Vreists nach draußen bringen. Mögen Adavil und Towak über dich wachen.“

Wieder verbeugte Asterna sich, wenn auch steif und nur angedeutet. Sie ging ohne ein weiteres Wort denselben Weg zurück und bemerkte dabei, wie ihre Schritte sich zunehmend beschleunigten. Dieses verdammte Kloster war einfach ein unangenehmer Ort voller menschlicher Abgründe und unmenschlichen Ungeheuern. Als die Erzmagierin die Sonnenkammer hinter sich gelassen hatte und die Stiefel wieder auf heißen Wüstensand setzte, erschrak sie für einen Moment bis in ihr Akram. Der große Schnitter-Obelisk warf seinen Schatten mittlerweile über den Sand bis zum Eingang des Klosters und verwandelte den gelben Wüstensand in graue Schlacke. Inmitten des irritierenden Spiels aus Licht und Dunkelheit reihten sich fast drei Dutzend finstere Gestalten in abgerissener Kleidung auf, die roten Augen starrten die Erzmagierin ausdruckslos an.

Eine heisere Stimme drang aus der Kehle einer der Hüllen. „Bin ich…bin ich da?“

Keine für Asterna wahrnehmbare Gefühlsregung bewegte das Antlitz des Vreists und die Erzmagierin wünschte sich für einen Moment, die Hüllen doch allesamt in fest verschlossene Kisten gesperrt zu haben, um sie nie wieder ansehen zu müssen.

Der Obelisk thronte weiterhin im Wüstensand, umgeben von windigem Gesäusel, das Asterna nun aber tunlichst aus ihren Gedanken aussperrte. Am Rande des Sockels ragte eine annähernd menschengroße Figur auf, allerdings regungslos, als ob jemand sie schnell aus einem der nahe liegenden Felsen gemeißelt hätte. Die Skulptur warf einen langen Schatten neben dem des Obelisken und wirkte fast wie ein zweites, kleineres Monument, für immer an Ort und Stelle verhaftet. Doch als Asterna nähertrat, löste die Gestalt sich aus ihrer Erstarrung und bewegte sich auf die Magierin zu.

„Mein Name ist Ebrahim“, sagte der Mann und verneigte sich. Seine dunklen Augen huschten beiläufig über die Horde Vreists im Rücken der Erzmagierin.

„Asterna. Entschuldige mich. Ich habe eine lange und beschwerliche Reise vor mir.“

„Das weiß ich“, antwortete Ebrahim und verneigte sich nochmals. „Ich will dich begleiten.“

Asterna lachte hell. „Das willst du nicht. Wo ich hingehe, will mir niemand folgen.“

„Ganz im Gegenteil“, murmelte Ebrahim. Er setzte seine Kapuze ab und offenbarte einen schwarzen Haarschopf. Sein Mantel war dünn und Asterna glaubte, dass er den Mann in der Wüste gut verbergen würde. Sie musterte ihn eingehend. Zum Reisen taugliche Stiefel, offenbar prall gefüllte Provianttaschen, eine für die rote Wüste, die die Einheimischen Yussons Vermächtnis nannten, typische Kleidung, robust und gleichzeitig luftdurchlässig. Asterna stutzte. „Bist du ein Sonnenpirscher?“

„So ist es, werte Dame.“ Ebrahim lächelte offen.

„Hat dich jemand geschickt?“ fragte Asterna misstrauisch.

„Nun, nicht direkt. Jedes Mal, wenn Vreists aus dem Kloster geholt werden, folgt ihnen ein Sonnenpirscher, bis hinauf zum Klagewald an der Grenze zu Armalor. Ich begleite dich allerdings noch weit darüber hinaus, bis zum Abgrund und in ihn hinein.“

„Aha.“ Auf ihren bisherigen Reisen hatte Asterna nie die Anwesenheit eines dieser Wüstensöhne bemerkt. Sie würde besser auf ihre Umgebung achten müssen. „Zu welchem Zweck begleiten Sonnenpirscher die Vreists durch die Wüste?“ fragte sie.

Ebrahim zuckte unmerklich mit den Schultern. „Überprüfung der Funktionsfähigkeit“, antwortete er lakonisch.

„Funktionsfähigkeit“, wiederholte Asterna. Sie schaute nach hinten, in die Gesichter der reglos dastehenden Vreists. Mechanisierte Körper. Prinzipiell traf das wohl zu.

„Und weshalb willst du dich in die Schrecken des Abgrunds begeben?“

Ebrahim neigte wieder den Kopf. Er hob leicht die Hand, als ob er auf die Vreists deuten wollte. „Diese da…sie sind Schwestern und Brüder, geformt von der Hand unserer Götter. Ich glaube, wir schulden ihrem Opfer etwas, wir alle.“

„Und du willst diese Schuld begleichen, indem du dein Leben in die tödlichste Gefahr bringst und wahrscheinlich deinen Verstand verlierst?“

„So ist es.“

Asterna leckte sich über die Lippen und überlegte. Ein Verrückter, zweifellos. Aber die Zeiten wurden immer unsicherer. Die Kulte Califalas fielen seit einigen Jahren übereinander her und Orkmarodeure verhielten sich immer dreister. Etwas zusätzlicher Geleitschutz konnte nicht schaden.

„Nun gut, Ebrahim von den Sonnenpirschern. Du darfst mit mir reisen und mit diesen...Wesen“, verkündete die Magierin.

Ebrahim verbeugte sich wiederum elegant. „Unsere Reiseroute?“

„Stets nach Norden“, meinte Asterna schulterzuckend.

Gemeinsam ließen sie den Obelisken hinter sich und gingen auf das kleine Lager der Sandläufer zu, die sich weder dem Schnitter genannten Obelisk noch dem Kloster hatten nähern wollten. Die großen Körper der Dünensteiger zeichneten sich scharf gegen den mittlerweile dunkeln Himmel ab, denn in ihrem Inneren brodelte ein unauslöschliches Feuer, das ihren Lebensfunken mimte. In den Reihen der Sandläufer befanden sich auch einige Orks, vornehmlich als Lastenträger, wenngleich ein paar auch anderen Aufgaben nachgingen. Asterna sah zu, wie ein Ork sanft über die Nase eines Dünenschreiters strich und dabei unmerklich die wulstigen Lippen bewegte. Währenddessen schliff ein anderer Ork mit einem unhandlichen Metallwerkzeug die stählernen Vorderbeine des Wesens ab. Im Vorbeigehen spürte Asterna deutlich die Wärme, die von dem einstmaligen Drachen ausging und sie warf einen flüchtigen Blick auf den aufgeblähten und durchscheinenden Bauch des geschuppten Ungetüms. Flammen begehrten in ihm auf und Asterna hatte schon vor geraumer Zeit von den Sandläufern erfahren, dass das innere Drachenfeuer die künstlich installierten mechanischen Vorderbeine der eigentlichen Zweifüßer antrieb. Ein passendes Schicksal für solch gefährliche Bestien wie Drachen, hatte Asterna bei ihrem ersten Kontakt mit diesen mechanisierten Ungeheuern gedacht. Ihrer Flügel beraubt, mit zwei zusätzlichen Beinen den Erfordernissen der Wüste angepasst und die Schuppen ausgetauscht gegen Panzerplatten aus dem wertvollen Blausilberstahl aus Rivanor, fügten sich diese ehemals aus den Lüften Feuer speienden Wesen perfekt in die menschliche Welt ein.

Asterna zeigte auf die Orks und wandte sich an Ebrahim. „Kümmern sich stets Stoßzähne um die Bedürfnisse der Dünenläufer?“ fragte sie unschuldig. Es konnte nicht schaden, das Weltwissen dieses jungen Eiferers auf den Prüfstand zu stellen.

Der Sonnenpirscher nickte. „Ja. Scheinbar verstehen die Stoßzähne einiges von Drachen und anderen derartigen Kreaturen. Deshalb heuern die Sandläufer immer wieder Orks aus den Grauen Landen oder Weißatem an.“ Er betrachtete die zusammengewürfelte Schar aus Nomaden. „Nicht wenige Menschen, die sich den Sandläufern anschließen und ein Leben zwischen den Geheimnissen der Wüste wählen, kommen aus dem Norden, aus dem Wildherz in Rivanor oder Herloydrasam in Armalor. Sie bringen nicht selten Stoßzähne aus dem Norden mit, die ihnen meist als Diener oder langjährige Arbeitskräfte unterstellt waren.“

„Ah ja“, machte Asterna. Sie winkte Varlome, der Vorsteherin der Karawane und diese gab das Zeichen zum Aufbruch. Keiner der Sandläufer interagierte mit den Vreists, die auf Asternas Fingerzeig hin fügsam auf die Dünenschreiter kletterten. In fast vollständiger Stille brachen die in den Farben der Wüste gewandeten Nomaden ihr Lager ab und folgten einem nur für sie sichtbaren Pfad nach Norden, dicht gefolgt von den Dünenschreitern, deren rumpelnde Schritte und leicht metallischen Ausdünstungen den alleinigen Geräuschpegel bildeten. Mehrere Tage stapfte die Karawane durch das so genannte Reich der Schnitter, ließ tiefe Schluchten links liegen und überwand ein ums andere Mal bis an den Himmel reichende Dünen, denn die Wüste schien nur aus dem Gelb des Sandes und dem Blau des Himmels zu bestehen, die beide nahtlos ineinander übergingen. Das Mirgalgebirge zeichnete sich grünlich schimmernd im Westen ab, während die Reisenden ihren Weg nach Norden fortsetzten, mitsamt einer Horde stummer Wesen, die nicht wussten, wer sie waren und wohin sie gingen. Fast schienen die Berge zu schweben, einhüllt in dichten Dunst, der vom Boden aufstieg und erst an einer unsichtbaren Grenze Halt machte und sich unschlüssig verteilte. Die Reise durch die Sandwüsten des Reichs der Schnitter nagte auch auf dem Rückweg wieder an Asternas Nerven.

Schließlich lag das Tal der fluchenden Zungen vor ihnen, ein steiniger und damit nicht weniger schlauchender Teil der Wüste, doch immerhin mit einem interessanteren Horizont, der nun nicht mehr nur aus wabernden Dünen bestand, sondern hoch aufragende Klippen als Halt für das Auge bot. Westlich würde sich bald eine felsige Landschaft auftun, die alsbald hoch zur Wüstenwindstraße führte, während hinter den Klippen im Norden die haushohen Felsnadeln lagen, die den Übergang zur Wüste von Thedaris einläuteten.

„Wir begleiten euch noch bis zum Aufstieg der Wüstenwindstraße, dann biegen wir nach Osten ab, zurück in unser Lager“, informierte Varlome die Erzmagierin, nur um sich direkt nach dieser Informationsweitergabe wieder anderen Dingen zuzuwenden.

„Wir reisen nicht zur Hüllenbastion?“ fragte Ebrahim überrascht.

„Warum sollten wir? Mitten im Hitzeflimmern der Wüste von Thedaris haben wir nichts verloren. Außerdem dienen die Vreists dort zur Abwehr allzu unverschämter Orkrabauken.“ Sie warf einen Blick auf die schweigsamen Gestalten auf den Rücken der Dünenschreiter. „Diese hier sollen aber im Kaltsand ihren Dienst leisten.“

Ebrahim schwieg für einen Moment, doch dann sagte er: „Ich dachte nur, dass jeder Vreist zuerst zur Hüllenbastion gebracht wird, um dort…“

„Was?“

„Seinen Geist wiederzuerlangen.“

Asterna blieb wie angewurzelt stehen. „Wer hat dir das erzählt?“ fragte sie lauernd.

„Ich…habe es irgendwo gehört“, antwortete Ebrahim ausweichend. Er schlug die Augen nieder.

„Was immer du auch davon gehört hast, ist falsch. Die Vreists sind rein körperliche Wesen, ihr Geist, wie wir ihn kennen, ist weg. Sie besitzen keine Erinnerung, sind wie ein unbeschriebenes Blatt. Man kann sie programmieren, ihnen Verhaltensweisen antrainieren – was die Gurus in Libasson doch auch mit Erfolg praktizieren. Das wars.“

Ebrahim nickte langsam. „Automaten also, tatsächliche Hüllen.“

„So ist es“, sagte Asterna ernst. „Wollen wir weiter?“

Obwohl die meisten Geschichten über das Tal der fluchenden Zungen wohl übertrieben waren und in kalten Wüstennächten die Gemüter erfreuen sollten, vermochte niemand die Tatsache zu leugnen, dass die Geister längst verblichener Wesen hier umgingen. Erforscht von Gelehrten der Halle des Fortschritts in Schwertfels und der Akademie der göttlichen Künste in Artania, ständig durchreist von den Kulten Califalas und erforscht von Mageia und den Kirchen, hatte bisher niemand das Rätsel der vielen Sprachen gelöst, die durch das Tal wehten und miteinander in endlosem Streit zu stehen schienen. In dieser letzten Nacht vor ihrem Aufstieg zur Wüstenwindstraße lauschten Asterna und Ebrahim dem unverständlichen Gezänk fremder Geister und malten sich in ihren Köpfen ganz unterschiedliche Realitäten aus. Das Lagerfeuer knisterte vernehmlich und schoss ein ums andere Mal Funken in die Sternenklare Nacht. Leise trompetend, zog eine Herde Ghardonte in einiger Entfernung vorbei und für Asterna stapften die Dickhäuter am Rande zwischen Erde und Himmel über den Horizont, wie eine Prozession in eine ungewisse Zukunft. Durch eine rasche Bewegung oder ein Geräusch erschreckt, reckte das Führungsweibchen ihren langen Hals in die Höhe und lauschte mit großen, immer wieder zuckenden Ohren. Doch schon bald zog die Herde weiter, unbehelligt von jenen, die in den Schatten der Dünen lauern mochten. Die Gespräche der rastenden Sandläufer plätscherten gedämpft dahin und auch Magierin und Sonnenpirscher tauschten ihre Erfahrungen aus.

„Vreists lassen sich nicht teleportieren“, erklärte Asterna nüchtern.

„Warum nicht?“

Die Magierin schaute in die dreißig rot glimmenden Augenpaare ihres stummen Bataillons.

„Wir wissen es nicht“, gab sie zu. „Einige Gelehrte vermuten allerdings, dass es mit der Abwesenheit eines echten…Geistes zu tun hat. Die Vreists sind reine Körper, die angetrieben werden von…“ Asterna verstummte nachdenklich. „Jedenfalls verfügen sie nicht über die Geisteskraft und das Erinnerungsvermögen eines Menschen. Sie sind anders. Mechanisierte Körper.“

„Aber ich sehe keine mechanischen Komponenten“, warf Ebrahim ein.

„Sicherlich nicht“, sagte Asterna. „Aber ein Körper, der ohne die Freiheit existiert, die der Geist ihm verleiht, funktioniert wie eine Maschine…“

Ebrahim nickte langsam. „Ich verstehe. Nun, die Gurus der Schnitter weihen andere Kulte nicht in die Details ihrer…Zeremonien…ein.“ Er seufzte. „Ich fürchte, mein Wissen um die Hintergründe dieser Art von Totenerweckung ist kaum mehr als ein Rinnsal.“

Asterna zog in der Dunkelheit die Augenbrauen hoch. „Ich bin schon lange in diesem Teil der Welt unterwegs“, sagte sie, „und Zeit meines Lebens sind die Schnitter die uneingeschränkten Herrscher Califalas. Wahrscheinlich hängt Geheimniskrämerei mit nachhaltigem Machterhalt zusammen.“

„Wie lange dauert dieses Leben eigentlich bereits?“ fragte der Sonnenpirscher und versuchte vergeblich, seiner Stimme die mehr als unterschwellige Neugier zu nehmen.

Asterna lachte leise. „Wegen der Wüstenwindstraße?“

„Asternas Wüstenwindstraße“, sagte Ebrahim deutlich.

Die Magierin lächelte in sich hinein und dachte an ihre Zeit auf der Portbrücke sowie in den Welten Zohork und Mornheim. „Zeit ist eine interessante Größe“, sagte sie geheimnisvoll. „Sie fließt auf Orenda wie ein stetiger Strom in eine Richtung. Doch verlässt man die Einfachheit einer einzelnen Welt und begibt sich in das Gefüge der Welten“, sie zeigte mit dem Finger auf den Sternenhimmel, „so gerät man in reißende Stromschnellen, die den Fluss bald aufgabeln und einen Wanderer zunehmend in die Irre führen.“ Fast glaubte sie zu hören, wie Ebrahim mit den Zähnen knirschte. Bis auf einige wenige Angehörige der Mageia und eine unklare Anzahl anderer kundiger Wesen vermochte niemand auf Orenda diese Welt zu verlassen, geschweige denn, sich das Weltengefüge vorzustellen, an dessen silbernen, kosmischen Fäden auch Orenda hing. Doch Asterna hatte nicht vor, dem Sonnenpirscher die Einzelheiten des relativen Zeitverständnisses zu erläutern, zumal selbst die Mageia dieses Phänomen nicht in seiner Bedeutung durchdrang.

„Aber du hast recht“, meinte sie wegwerfend. „Es ist meine Wüstenwindstraße.“

Kapitel 3 – Der Kaltsand

Eine dieser unsäglichen Binsenweisheiten erzählt uns doch, dass jede Welt sich ihre eigene Hölle schafft und jedes Wesen irgendwann in seinen ganz privaten Abgrund blickt, seit jeher gehegt und gepflegt durch böse Taten. Nun, Orenda verfügt über einen leibhaftigen Abgrund.

Aus: Marduks Sicht auf die Welt

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Siegharm lag hinter ihnen und damit auch die außerordentliche Zurschaustellung menschlicher Kunstfertigkeit und Architektur. Calahan hatte die Festungsstadt nie gemocht. Sie diente einzig dem Zweck, den Menschen die eigene Macht vorzuhalten, als ob sie sich in einem goldenen Spiegel in der eigenen Herrlichkeit sonnte. Calahan stand bereits einige Jahre im Dienste der Kirche Adavils, doch die Arroganz des Großteils der Ritter hatte nicht auf ihn abgefärbt. Stattdessen zeichnete ihn eine Art von nachdenklicher Selbstreflexion aus, die von seinen Waffengefährten mitunter als Verweichlichung angesehen wurde. Der Kaltsand lag jetzt vor der kleinen Gruppe aus Rittern und Magiern und mit ihm die Verheißung eines furchtbaren Todes.

„Ich weiß allerdings nicht, ob es wirklich nötig ist, diese Wesen allesamt auszulöschen“, meinte Calahan und rollte seine Decke zusammen. Er dachte unwillkürlich an seine Vision zurück, damals, nachdem er zusammen mit seinen Rittergefährten eine Säuberung im Stoßzahnreservat südlich des Zweigesichtersees durchgeführt hatte. Sicherlich, die Orks vermehrten sich unkontrolliert und diesem Umstand musste Rechnung getragen werden. Aber die anschließende Nacht hatte ein düsteres Licht auf die blutige Pflicht der Ritter geworfen. Den Kopf unruhig auf sein Bett aus Stein gelegt, unter dem freien Sternenhimmel liegend, hatte Calahan sich in einer trostlosen Landschaft wiedergefunden. Der Boden war voller grobkörniger Kiesel gewesen, die unter den Schritten des Ritters zu weißem Sand zerbröselten. Bei jedem Schritt hatte Calahan gezittert. Weißer Sand konnte nur eines bedeuten. Sternenstaub. Eine unerträgliche Erwartung erfasste Calahan und er verspürte das unbedingte Bedürfnis sich zu entleeren. Nicht nur das, aller Schmutz sollte von ihm getilgt werden. Unrein. Er fühlte sich unrein. Plötzlich tauchte eine große Gestalt vor ihm auf und gleichzeitig schälten sich die Konturen eines Berges aus dem unerreichbaren Horizont. Sofort wusste Calahan, wen er vor sich hatte. Adavil, sein Gott, stand einsam in der Weite der Landschaft und die verkrüppelte linke Hand lag auf dem Heft seines Schwertes, das so fest in der schnörkellosen Scheide steckte, als ob der Gott es nie wieder ziehen wollte. Calahan keuchte. Langsam wandte der Kopf Adavils sich um.

„Hey!“ rief Veronika und schüttelte Calahan kräftig durch. „Hast du gehört? Es spielt keine Rolle, was wir denken. Die Mageia macht das, was sie für richtig hält.“

Calahan schüttelte benommen den Kopf. War er gerade in diesem Moment wieder in die Domäne seines Gottes gezogen worden? Er schaute seine Rittergefährtin an. „Ja, ich weiß. Doch Calian ist nicht ohne Grund mit Kael Baelnor gereist, nicht wahr?“

Veronika seufzte. „Wir haben hier unsere eigene Aufgabe zu erfüllen. Konzentrieren wir uns darauf.“

„Was wird die Kirche auf Crentia tun?“ bohrte Calahan weiter.

„Es spielt keine Rolle, ob du dir den Kopf darüber zerbrichst“, antwortete Veronika. „Sie sind schon dort und werden tun, was im Sinne Orendas ist. Und jetzt still.“ Die Kirchenritterin hob den Kopf. „Ich höre etwas.“

Auch der Erzmagier Alberich und Hexenmeister Stralsan rappelten sich von ihren Lagerstätten auf und stellten sich neben die beiden Kirchenritter an der Klippe.

Calahan schaute hinunter auf einen califalen Tempel, ein eckiges Gebäude aus gelbem, grob behauenen Stein, dessen architektonische Ausarbeitung bestenfalls eine Beleidigung für das Auge war.

„Seht“, sagte Veronika plötzlich mit belegter Stimme.

Als Calahan den Blick hob, fror sein Gesicht ein. Der Nebel hatte sich gelichtet und einem Panorama von glühender, flirrender Luft Platz gemacht, das sich über den gesamten Horizont erstreckte, vom westlichen Kaltsand bis hin zur Blausilbersenke im Osten. Obwohl der große Riss noch mehrere konventionelle Tagesritte entfernt war, dröhnte mit einem Mal ein unablässiges Stampfen und Wummern in Calahans Ohren, komplettiert zu einer Disharmonie durch ein quälendes Reißen und Schlingern aus den Untiefen, als ob die Erde selbst sich unter den schrecklichen Erschütterungen in unerträglichem Schmerz hin und her wälzte.

Das war der Abgrund.

Stumm sattelten sie die Pferde und ritten weiter. Noch einmal gelang es Alberich unter Einsatz seiner gesamten Magiereserve, die Reise zu verkürzen. Wie herbeigezaubert tauchten die Stadtmauern Festgrunds vor ihnen auf, rötlich glimmend in der Abendsonne. Bei näherem Hinsehen gewahrte das aufmerksame Auge jedoch die tief hineingefressenen Brandspuren im Gestein, als ob die Mauer mit blutroten Adern durchzogen wäre. Die kleine Gruppe machte in der Stadt Halt und gönnte sich eine Rast im örtlichen Towaktempel, einer finsteren, verrauchten Halle voller missmutiger und gebrochener Towakanhänger, die mürrisch in den Ecken saßen, um entweder in die Luft zu starren, Selbstgespräche zu führen oder mit zittriger Feder Tagebuchseiten mit den unsagbaren Erfahrungen zu füllen, die sie aus dem Abgrund mitgebracht hatten. Glaubensvollstrecker Brenk sprach nur ein paar knappe Worte mit den Neuankömmlingen, dann kniete er sich wieder vor die Towakstatue im hinteren Teil der Halle und betete grimmig. Doch Towak schaute nur verächtlich herunter auf seine Ritter, das wallende Haar zurückgestrichen und über seine breiten Schultern fließend, die durch eine schwere Rüstung noch wuchtiger wirkten. Ein gewaltiger Turmschild bedeckte seinen Rücken und der mächtige Zweihänder, dessen Heft weit über Towaks Kopf hinausragte, hatte angeblich den Orkgott Crom in zwei Hälften gespalten und ihn von der Klippe im nördlichen Arakas stürzen lassen. In Calahans Augen war Towak eindeutig der kaltherzigere der beiden Götter, die über das Menschengeschlecht herrschten. Die Arroganz sprach aus seinem glänzenden Stahlgesicht wie der leibhaftige Hochmut und bedachte jeden Gläubigen mit dem bornierten Blick eines Wesens, das frei von Liebe war. Calahans Blick verhärtete sich. Er straffte den Rücken und legte die Hand auf sein Schwert. Niemals würde er Towak die Genugtuung geben, wimmernd in der Ecke zu sitzen und das eigene Schicksal zu beweinen, wie es die Elfen und Orks taten mit ihren schwächlichen Gemütern. Hoch erhobenen Hauptes folgte er Veronika und den beiden Mageiaanhängern zur Leiter nach unten, doch als er die Statue Towaks passierte, glaubte er, ein zufriedenes Lächeln im unbeweglichen Gesicht des Gottes zu erkennen. Mit einem letzten Blick auf Towak stieg Calahan seinen Gefährten hinterher.

„Der Geist darf sich niemals vollends über den Körper erheben“, sagte Veronika gerade, während sie sich in der Dunkelheit der Schmiedehalle unter dem Tempel zurechtfand. „Adavil und Towak gaben uns diese Hülle. Sie ist heilig.“

Stralsan zuckte mit den Schultern. „Mir soll es recht sein“, meinte der Hexenmeister. „Ich brauche ohnehin frische Körper in meiner Umgebung. Irgendwoher muss ja meine Kraft kommen, nicht wahr?“ Er lachte hässlich.

Alberich jedoch seufzte tief. „Du wirst es noch erfahren, Veronika. Diese Forschung ist essentiell für das Überleben der Menschheit. Warte ab. Wenn Andoryl aus Crentia zurückkommt, wird ein neues Zeitalter eingeläutet werden. Und das wird auch euch zugutekommen. Ich wage gar nicht, die Zahl der toten Ritter im Abgrund zu schätzen. Macht es euch Spaß, so verheizt zu werden, unter den gleichgültigen Augen eurer Götter?“

„Sie sind auch deine Götter“, knirschte Veronika.

Alberich winkte ab. „Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Calahan lauschte dem ins Leere laufenden Streit seiner Gefährten nur mit halbem Ohr. Seine Aufmerksamkeit galt dem Schmied Raxtapan, der ihnen kommentarlos die Waffen abnahm und sie in einer riesigen Esse bearbeitete. Blaue und grüne Funken fegten durch die Halle und verliehen ihr das Aussehen einer Höhle, in denen veränderliche Pflanzen lumineszierten. Calahan hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was Raxtapan innerhalb dieses Funkensturmes anstellte, doch nach einer halben Stunde drückte er ihnen wortlos ihre Waffen in die Hände, scheinbar ohne jede sichtbare Veränderung. Der Schmied würdigte die Magier keines Blickes, wünschte Veronika und Calahan jedoch viel Glück. Dann wandte er ihnen den Rücken zu und hämmerte lautstark und in bis auf sein flackerndes Schmiedefeuer völliger Finsternis an einem unförmigen Gegenstand auf seinem Amboss herum. Die Straßen Festgrunds lagen still vor ihnen. Niemand hielt sich unnötig lang außerhalb eines Gebäudes auf, denn die Luft schwelte vor sich hin und war so aufgeladen, dass Calahan ständig dachte, gleich in einem Feuerblitz aufzugehen. Das Südtor öffnete sich mit einem protestierenden Ächzen und die beiden Glaubenswachen, die die Winde bedienten, schauten den Reisenden mit stumpfen Blicken nach, bis sie außer Sichtweite waren. Die Pferde hatten sie in der Stadt zurückgelassen, denn kein Tier vermochte den vor ihnen liegenden Strapazen zu trotzen. Endlos tat sich nun eine Weite auf aus kaltem, farblosem Sand, der sichtlich mit seiner Beschaffenheit kämpfte, indem er einerseits dem Drang unterworfen war, in Flammen aufzugehen und gleichzeitig die Magie der Erzmagier für einen ihm immanenten Frost sorgte. Nach einem kräftezehrenden Marsch standen sie mehrere Kilometer südlich von Festgrund an der Grenze zum Riss. Ein heißer Wind stieg aus den Tiefen empor und wehte ihnen unerbittlich ins Gesicht. Schon bald bildeten sich Brandblasen auf Calahans Gesicht, obwohl er es mit einem Tuch verhüllt hatte. Er schwitzte heftig und spürte förmlich, wie seine scharfen Sinne nachließen, seine Reaktionsgeschwindigkeit abnahm und auch seine Willenskraft Sprünge bekam. Er warf einen Seitenblick auf Stralsan und seufzte. Der Hexenmeister steckte die sengende Hitze aus der Schlucht nicht nur spielend weg, vielmehr labte er sich an der nahezu in Brand gesetzten Luft und atmete genüsslich ein. Mit einem unverschämten Grinsen wandte er sich an die beiden Ritter und Alberich.

„Wollen wir?“ fragte er einladend und deutete auf das Höllenloch unter ihnen. Veronika grunzte nur und ging mit scheppernder Rüstung voran. Der Abstieg hätte schlimmer nicht sein können. Im Abgrund schoben sich diffuse Massen abartiger Kreaturen über die schwelende Glut aus dem Unterreich der Welt. Manche von ihnen überragten selbst die höchsten Gebäude der Menschen, andere erreichten nur die Größe von Hunden, doch ihnen allen gemein war eine Aura der Angst, die bis hoch zu den Rittern und Magiern waberte.

„Wäre es jetzt nicht nützlich, wenn unsere Gegner uns nicht das Fleisch von den Knochen reißen könnten?“ fragte Calahan keuchend. „Wenn wir sie stattdessen mit unseren geistigen Fähigkeiten in die Schranken weisen könnten?“

Veronika schüttelte den Kopf. „Diese Hülle ist unser Bollwerk gegen die Fänge der Endlosigkeit“, meinte sie rätselhaft. „Wir dürfen sie nicht aufgeben zugunsten einer Ewigkeit als formlose Existenz, die Realität nicht mehr von Phantastereien unterscheiden kann.“

Alberich schmunzelte, erwiderte jedoch nichts.

Auf halbem Wege zum in fiebriger Hitze zerfließenden Boden des Risses stand ein breiter Felsvorsprung aus der Steilwand heraus. Der Geruch nach konzentriertem Blausilbereisen kroch in Calahans Nase und vertrieb für einige himmlische Augenblicke den Gestank aller Abfälle der Welt, der im Riss vorherrschte.

„Sehet da“, meinte Stralsan. „Der beeindruckende Vorposten der eifrigen Krieger der Götter. Eine Festung des Wahnsinns, ausgestattet mit Lethargie als Mauer und mit Furcht als moralische Schützenhilfe.“

„Halt dich zurück, verdammter Hexer“, ächzte Veronika, als sie vorsichtig die letzten Meter nach unten kraxelte.