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Ein Krimi voll Würzburger Geschichte Mitten in der Würzburger Altstadt wird die Leiche einer Geschichtsdoktorandin gefunden, direkt vor dem ehemaligen Wohnhaus von Tilman Riemenschneider. Das Opfer scheint auf der Suche nach einer verschollenen Figur des Holzschnitzers gewesen zu sein und forschte zu seiner Rolle im Bauernkrieg. Für die beiden Kommissare Nadja Gontscharowa und Peter Steiner beginnt eine abenteuerliche Ermittlung in den alten Gemäuern der Stadt – bis sie sich fragen müssen: Kann etwas, das fünfhundert Jahre zurückliegt, heute noch einen Mord auslösen?
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Anja Mäderer wurde 1991 in Gunzenhausen geboren. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Würzburg und veröffentlichte dabei ihren ersten Krimi. Sie schmiedet neue Mordpläne, während sie mit ihren beiden Kindern auf dem Friedhof spielt. Als Anja Stapor schreibt sie auch Thriller.
www.anja-maederer.de
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© 2025 Emons Verlag GmbH
Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: lookphotos/Markus Ixmeier
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Dr.Marion Heister
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-98707-262-8
Franken Krimi
Originalausgabe
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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf, München.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §
Für Papa.
Prolog
Würzburg, Mai 1525
Tilman Riemenschneider rannte. Er rannte, wie er noch nie gerannt war und wie er mit seinen nunmehr vierundsechzig Jahren auch nicht mehr hatte rennen wollen.
Den in Leinen eingeschlagenen Gegenstand, den er mit sich trug, presste er fest an seine Brust. Ein Keuchen drang aus seinem Mund, hastige, pfeifende Atemzüge, die doch nicht genug Luft in seinen Brustkorb pumpten.
Mit der menschlichen Anatomie kannte er sich aus wie nur wenige. Es war sein Beruf, genau hinzusehen, mit den Augen dem Verlauf von Muskeln und Sehnen zu folgen, die kühle Haut abzutasten und im Geiste zu erahnen, wie der warme Leib darunter beschaffen war. Das gehörte als Bildhauer und Bildschnitzer zu seinem Beruf, und selbst der Bischof musste darüber hinwegsehen, wenn Tilman die Lebenden und die Toten studierte. Denn der Bischof wollte ja die schönsten, die wahrhaftigsten Statuen für seine Kirchen.
Dennoch musste Tilman vorsichtig sein mit dem, was er erschuf. Er durfte niemanden verärgern, niemandem auf die hochwohlgeborenen Zehen treten, musste sich zu den Auftragsarbeiten zwingen. In den Momenten, in denen seine Hände eine andere Richtung einschlagen wollten als die der christlichen Kunst, musste er sie vom Werkstück wegreißen, ihnen eine andere Beschäftigung geben, bis dieser Drang nachgelassen hatte.
Die profanen Aufträge waren wenige. Ein Lüsterweibchen für das Rathaus in Ochsenfurt, der wunderbare Tisch für die Würzburger Ratsherren, daran hatte er lange getüftelt. Aber wie selten kam das vor im Vergleich zu all den Heiligen und Altären, mit denen er beauftragt wurde.
Doch einmal, da hatte er etwas Neues gewagt – nur wenige Wochen war es her. Als die Nachrichten von den heranziehenden Bauernhaufen drängender geworden waren und der Fürstbischof Nervosität zeigte. Er hatte in den einzelnen Stadtvierteln nachfragen lassen, ob sie treu zu ihm stehen würden, doch die Antworten waren zurückhaltend ausgefallen. Die Würzburger wollten sich an kriegerischen Aktionen gegen die Bauern nicht beteiligen, das fürstbischöfliche Regime war nicht beliebt, alle hatten die Brise der Freiheit in der Nase.
Auch Tilman hatte es bemerkt. Die Aufregung, die in der Luft lag. Die Spannung. Übermütig von der Verheißung auf einen Neuanfang hatte er seine Hände auf ein schönes, vorgetrocknetes Stück Lindenholz gelegt und gespürt, dass sich unter seinen fragenden Fingern etwas regte.
In dem Holz steckte etwas Besonderes, etwas Großes. Nach und nach, zuerst zögerlich, dann von einem Eifer beseelt, der ihn selbst erschreckte, hatte er gearbeitet. Tag und Nacht, hinter verschlossener Tür. Die besorgten Rufe seiner Frau, das Klopfen seines Dieners hatte er nur mit einem Brummen beantwortet.
Der Schaffensrausch nahm ihn völlig ein, hielt ihn über unzählige Stunden hinweg wach und aufmerksam. Die Lehrlinge ließ er nicht zu sich, die konnten sich die Zeit auch anderweitig vertreiben. Es war keiner dabei, der wirkliche Größe versprach, und Tilman wusste, dass sie es nie über das Mittelmaß des unsicheren Vorantastens hinausbringen würden. Sie brauchten seine Vorlagen, um etwas zustande zu bringen, um die Körper aus dem Stein zu klopfen, den Faltenwurf der Gewänder abzubilden und das Spiel der Füße zu gestalten. Das ließ er sie machen, korrigierte nur hin und wieder, schimpfte ein wenig, wenn sie einen teuren Stein verdarben, aber nicht zu viel, denn es waren ja gute Jungen.
Das Korrigieren im Holz ging besser, manches konnte man noch retten, er war nun mal dafür bekannt, beide Fertigkeiten meisterlich zu beherrschen. Einzig seinem Sohn Jörg, der mittlerweile auch Meister war, traute er einiges zu, aber gerade ihn wollte er aus der Politik heraushalten. So hatte auch Jörg dieses Kunstwerk nicht zu sehen bekommen.
Bevor ein Stück seine Werkstatt verließ, legte er immer selbst Hand an. Dann entstanden die Gesichter, die ihm so wichtig waren, und die Hände, von denen man sagte, sie könnten jeden Moment aus ihrer Erstarrung erwachen und einen Apfel ergreifen, den man ihnen zuwarf.
Diesmal hatte er jeden einzelnen Arbeitsschritt selbst ausgeführt, und vielleicht hatte er deshalb das Gefühl, dass das Holz in seinen Armen raunte und flüsterte, dass es ganz seins war, die Essenz seines Schaffens, der Ausbruch aus dem Altvertrauten.
Seine Finger klammerten sich so fest an das Bündel, dass er die Kanten des Holzes darunter fühlen konnte.
Tilman Riemenschneider hatte eine neue Zeit vor sich gesehen. Eine Zeit der Freiheit, eine Zeit der Künstler, eine Zeit der Gerechtigkeit. Aber diese Zeit war nie angebrochen. Sie verhallte mit dem Donnern der Kanonen von der Festung und den Schreien der Elenden, die gegen die unbeugsamen Mauern anrannten. Auch die Stadt wurde beschossen. Und nun hetzte er durch die Gassen, auf der Suche nach einem Versteck.
Über sich hörte er flehentliche Stimmen aus einem Fenster schallen. Die Weiber beteten um Gnade, aber die würden sie bei Gott nicht finden, wenn sein Stellvertreter auf Erden zur Rache entschlossen war. Der Fürstbischof Konrad von Thüngen war feige aus seiner Stadt geflohen und würde sich an denen rächen, die ihn in diese Lage gebracht hatten. Tilman ahnte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Fürstbischof zurückkehrte. Der Hauch von Grausamkeit, der seine Taten begleitete, würde zu einem Sturm des Zorns werden. Tilman würde nicht verschont bleiben, gerade er nicht.
Er trat in eine Pfütze. Unrat befleckte seine ledernen Schuhe, doch Tilman achtete nicht darauf. Aufmerksam spähte er um die nächste Ecke. Niemand durfte ihn sehen.
Tilman stolperte. Das Bündel in seinen Armen hielt er so fest umklammert, dass er sich nicht abstützen konnte und fiel. Noch im Fallen schützte er es, zog den Kopf ein, drehte sich, sodass er mit der Schulter hart auf den Steinen aufschlug. Taubheit breitete sich in seinem Arm aus, gefolgt von wütenden Schmerzen, die durch seine Gelenke zuckten. Taumelnd stand er auf. Die Häuser entlang der Gasse schienen immer dichter zusammenzurücken, auf ihn hinabzusehen. Waren Menschen hinter den Butzenfenstern, Feinde, die ihn beobachteten? Wenn jemand auch nur ahnte, was er in Händen trug, war er des Todes.
Er sollte es vernichten, es den Flammen preisgeben, die so vieles verzehrten, mit dem man sie fütterte. Aber er konnte es nicht. Nicht sein größtes Kunstwerk. Wenn sie es fanden, dann …
Mit dem unverletzten Arm hielt er das Bündel umklammert. Der andere hing nun nutzlos herab. Tilman stolperte weiter. Mit einem letzten, ängstlichen Blick zurück verschwand er mit dem Bündel unter dem Arm in einem Hofeingang. Sein größtes Kunstwerk. Niemand durfte es finden. Niemand.
1
499Jahre später Nadja / Montag, 13.Januar, Franziskanergasse
Nadja Gontscharowa stand im orangefarbenen Licht einer Straßenlaterne und sah auf die Tote hinab. Die Szenerie hatte etwas Unwirkliches an sich. Die dunkle Gasse, die Tote mitten auf der Straße, Dunst, der aus einem Gully aufstieg. Sie fühlte sich wie an einem Filmset. Oder mitten im viktorianischen London auf der Jagd nach Jack the Ripper. Beinahe erwartete sie, dass ein Arzt mit blutigen Handschuhen neben sie treten würde. Ein Köfferchen in der Hand und hinter einem altmodischen Zwicker Augen, die vom Kokain glänzten.
Stattdessen schob sich ein Arm in einem dunkelgrauen Kaschmirmantel unter ihren, eine Hand verschwand in ihrer Manteltasche und drückte kurz ihre Finger.
»Sie sehen so verloren aus, Verehrteste. Wie eine Schwindsüchtige im Fiebertaumel.«
Also hatte auch er das Gefühl, eine Szene aus längst vergangenen Zeiten mitzuerleben. Sie sah zu Professor Lars Nauke auf, dankbar für das Gefühl von Heimat, das sie beim Anblick der sorgfältig gestutzten Koteletten, der ebenso sorgfältig geputzten Brille und des Schals mit dezent kariertem Muster überkam, den er sich um den Hals geschlungen hatte. Ihr Blick wanderte weiter zu seinen Ohren, die rot leuchteten.
»Mützen sind wohl unter Ihrer Würde?«
»Haben Sie jemals einen Mann gesehen, dessen Attraktivität durch eine Mütze gesteigert worden wäre?«
»Ich kann zumindest sagen, dass die Attraktivität eines Mannes mit einer Mittelohrentzündung und Zwiebelwickeln um den Kopf rapide abnimmt.«
»Auch wieder wahr. Vielleicht leihe ich mir die Kopfbedeckung von Kollege Steiner aus.«
Lars Nauke, Chef des rechtsmedizinischen Instituts, ging zu Peter hinüber, der an der Absperrung lehnte und mit der jungen Beamtin vom Kriminaldauerdienst sprach, die sie verständigt hatte.
Nadja betrachtete stumm das Opfer. Eine Frau, vielleicht Ende zwanzig, klein, aber mit breiten Hüften in der nassen Jeans. Ihr gefütterter Anorak stand offen und gab den Blick frei auf einen beigefarbenen Pulli und etwas, das wie ein schwarzes Loch darin wirkte. Eine ihrer Hände lag ausgestreckt auf dem Pflaster, als hätte sie sich an dem Stein festklammern wollen. Schöne Hände, die langen Finger geschmückt mit mehreren Silberringen.
Nadja ging in die Hocke, zog sich einen Handschuh über und nahm die Hand vorsichtig in ihre. Die Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt. Doch die unnatürliche Kälte passte nicht zu dem Gefühl von weicher Haut. Sie musterte die unlackierten Nägel und die Ringe. Drei davon machten mit verschlungenen Mustern einen altertümlichen Eindruck. Nur der Ringfinger hob sich davon ab. Hier protzte ein durchscheinend weißes Steinchen in einer Halterung aus Weißgold. Ein typischer Verlobungsring, kein günstiger.
Nachdenklich legte Nadja die Hand zurück auf den Boden. Sie war der Frau nun so nahe, dass sie dem Blutgeruch nicht mehr entkam, der von ihrem Oberkörper aufstieg. Nadja zwang sich, ihm standzuhalten, ihn einzuatmen wie etwas, das die Tote ihr mitgab auf den Weg, der nun vor ihnen lag.
Sie wandte sich dem stillen Gesicht zu. Ein Lippenpiercing glitzerte im Licht der Laterne. Die Augen waren geöffnet. Nadja beugte sich tiefer und erkannte den leichten Rand von Kontaktlinsen vor der braunen Iris.
Was hatte sie gesehen, kurz vor ihrem Tod? Nadja legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Es wirkte fast so, als ob die Straßenlaterne das ganze Licht der Gasse in sich versammelte, statt es auszustrahlen. Dann gerieten die Giebel der umliegenden Häuser in ihr Blickfeld, das Wirtshausschild eines Steakhauses, das natürlich längst geschlossen hatte, der Turm der Franziskanerkirche, und darüber öffnete sich ein nächtlicher Januarhimmel. Kalt und klar, mit Sternen, die boshaft funkelten.
Nadja wurde schwindelig bei dem Blick in die Unendlichkeit, und sie schloss die Augen, das Gefühl von Kälte unter den Lidern.
»Was sagt sie dir?« Peter war neben sie getreten und sah auf Nadja und die Tote hinunter. Sein Blick huschte zwischen ihnen hin und her, als würde er sie vergleichen. Er trug einen gefütterten Parka und hatte sich die Kapuze über den Kopf gezogen. Nadja konnte nur die Silhouette der Nase sehen und die schmalen Lippen, aber nicht die Lachfältchen, die sein Gesicht so prägten. Peter mochte den Winter nicht. Er bekam schon schlechte Laune, wenn das Thermometer unter die Fünf-Grad-Marke fiel.
Nadja glaubte, sich aus ihrer Kindheit an ganz andere Winter zu erinnern. Winter, in denen das Leben gleichsam stillgestanden hatte. Wo der Ofen der Mittelpunkt des Häuschens gewesen war und das wirbelnde Weiß vor dem Fenster die Autos vergraben hatte, bis man gar nicht mehr wegkam, selbst wenn man gewollt hätte. Nicht wie hier in Deutschland, wo der Alltag niemals unterbrochen wurde und das Wetter nur eine Begleiterscheinung war, manchmal eine schöne, manchmal eine nervige. Hier ärgerte man sich, wenn man keine Garage hatte und morgens die Scheiben freikratzen musste. Aber so war auch der Frühling eher eine nette Überraschung als die Naturgewalt, wie Nadja ihn aus Sibirien in Erinnerung hatte.
»Sie passt so gar nicht hierher, und doch ist das Bild sehr stimmig.«
Peter nickte. »Ich weiß, was du meinst. Das Piercing, die gefärbten Haare, aber dabei diese zeitlose Tragik, die sie ausstrahlt. Die dunkle Gasse, die wie der Inbegriff des geheimnisvollen Tatorts wirkt, wo schon seit Jahrhunderten Mädchen vor Männern mit schwarzen Hüten davonlaufen.«
»Davonlaufen, das ist das Nächste. Was macht sie hier? Wie ist sie hierhergekommen? Ist sie auf offener Straße erschossen worden, oder hat sie jemand hier abgelegt, oder warum sind keine Blutspuren ringsum zu sehen?«
»Das lassen Sie mal meine Sorge sein.« Lars Nauke war wieder neben sie getreten. Nadja starrte ihn an. Er trug nun ein rosafarbenes Stirnband mit aufgestickten bunten Plastikperlen, die fröhlich klimperten. Es spannte deutlich an seiner Stirn.
»Leiern Sie es bloß nicht aus, das vergibt Mariechen mir nie«, kam es von Peter.
»Verzeihen Sie, dass mein Kopfumfang an Zartheit mit dem eines Kindes nicht ganz mithalten kann.« Lars Nauke kratzte sich am nur unzureichend bedeckten Ohrläppchen und setzte eine neue Kaskade an Klimpern in Gang. »Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn ich die Leiche genauer untersucht habe, kann ich Ihnen hoffentlich mehr über die Verletzung sagen und ob wir von einem anderen Tatort ausgehen müssen oder nicht. Bei einer Schussverletzung wie dieser kommt es sehr stark darauf an, was die Kugel auf ihrem Weg alles mitgenommen hat. Es könnte schon sein, dass die Frau noch eine Weile gelebt hat.«
»Wissen wir, wer sie ist?«, fragte Nadja.
Peter schüttelte den Kopf. »Laut den Kollegen vom Kriminaldauerdienst trägt sie nichts bei sich, was Aufschluss darüber geben würde. Keinen Geldbeutel, kein Handy, keinen Schlüssel …«
»Also fehlt etwas, ihre Tasche vermutlich. Denn ohne Schlüssel geht ja wirklich niemand aus dem Haus«, stellte Nadja fest. »Und was ist das da?«
Sie deutete auf die Manteltasche der Toten, die sich nach außen wölbte. Peter zog seine Handschuhe zurecht und griff hinein. Er holte eine grüne Wollmütze heraus. Schweigend betrachteten sie den oben aufgesetzten Puschel.
Nadja strich über die Wollfasern. »Wenn ihr eine Mütze dabeihättet, würdet ihr sie bei dieser Kälte dann in der Manteltasche lassen?«
»Nein!«, kam es prompt von Peter.
»Stochern Sie ruhig in der Wunde herum, also in meiner.« Lars Nauke tastete erneut nach seinem geliehenen Stirnband. »Aber nein, wenn ich eine hätte, würde ich sie selbstverständlich tragen.«
»Wir müssen alle Anwohner befragen. Womöglich wohnt sie in der Nähe oder kam aus einem der Häuser.« Nadja wandte sich zum Steakrestaurant um. »Oder vielleicht hat sie hier gearbeitet.«
Lars Nauke folgte ihrem Blick. »Im ›Tilmans‹? Ich kann mich zumindest nicht erinnern, sie schon mal dort gesehen zu haben. Ich esse hier ab und zu, wenn ich Lust auf ein gutes Stück Black Angus habe.«
Nadja stand auf und stellte sich näher zu ihm. Die Vorstellung von Lars Nauke, wie er alleine vor einem Steakteller saß und Selbstgespräche über die Qualität des dazu servierten Weines führte, hatte etwas Trauriges. Bestimmt kannte er alle Kellnerinnen dort. Aber vielleicht war er ja gar nicht allein. Seit den Erlebnissen rund um den Onlinedating-Fall im letzten Sommer hielt Lars Nauke sich sehr bedeckt, was sein Privatleben anging.
Nadja warf ihm einen besorgten Blick zu. Er lächelte sie an. »Das kriegen wir raus, keine Sorge. Ich mache die Tote zur Priorität.«
Nadja nickte, und Peter grinste. »Bevor Sie sich jetzt aus dem Staub machen: Das Stirnband will ich zurück, gewaschen und gebügelt!«
Peter / Montag, 13.Januar, Franziskanergasse
Die Kälte ging vom Boden aus und stieg seine Beine empor, obwohl er die festen Wanderschuhe trug und die Kniestrümpfe aus kratziger Wolle, die seine Oma vor Jahrzehnten gestrickt hatte und die mittlerweile eine ganze Reihe Löcher aufwiesen.
Peter wackelte mit den Zehen, um sie aus ihrer Kältestarre zu lösen. Nadja schienen die für Würzburg so untypischen Minusgrade nicht zu stören. Reglos kniete sie neben der Leiche, fast ebenso starr wie der Körper, der mit jeder Minute auf der eiskalten Straße weiter abkühlte und steif gefroren sein würde, wenn sie nicht bald fertig waren und dem Fahrer des Leichenwagens den Abtransport in die Rechtsmedizin ermöglichten.
Professor Nauke hatte sich schon verabschiedet. Aber Nadja sah nicht so aus, als würde sie in den nächsten Minuten ihr stummes Rätseln aufgeben.
Seufzend grub Peter sein Diensthandy aus der Tasche und ging zu der älteren Dame, die in einem Hausflur stand, die Tür weit offen, und die Szenerie neugierig beobachtete. Sie hatte den Notruf abgesetzt, und die Kollegen vom Kriminaldauerdienst hatten ihr wegen der Kälte empfohlen, in ihrer Wohnung zu warten, bis sie befragt wurde. Doch offenbar war die Wärme ihrer vertrauten Umgebung weniger verlockend als die eisige Straße mit der Leiche, sodass sie sich für eine Zwischenlösung entschieden hatte.
Ein schlanker weißer Schäferhund saß neben ihr, und nur das leichte Zittern seiner durchgestreckten Vorderbeine zeigte, dass er eine andere Wahl getroffen hätte als sein Frauchen.
Peter schniefte, als er näher kam, und der Hund stieß ein Knurren aus, das tief in seinem Brustkorb zu rollen schien. »Ho, ho«, brummte Peter beruhigend, und das war offenbar genau das Falsche. Der Hund sprang auf, und sein Knurren ging in wütendes Bellen über, das in dem gekachelten Flur bedrohlich widerhallte.
»Scht! Purzel, aus!« Sein Frauchen zog an der Leine.
Peter starrte den Hund an. Selten hatte er einen so unpassenden Namen gehört. Kein Wunder, dass es da unterdrückte Aggressionen gab. Mittlerweile hatten sich alle Polizistinnen und Polizisten, die um die Leiche herum zugange waren, zu ihnen umgedreht.
»Die Kapuze! Sie machen ihm Angst!« Das Frauchen des Hundes wedelte mit der Hand, bis Peter seine Kapuze vom Kopf zog. Prompt spürte er den eisigen Wind, der durch die Gasse fegte, in den Ohren und schauderte. Doch der Hund brach sein Gebell ab und begnügte sich nun damit, Peter seine Fangzähne zu präsentieren.
»Sie sind kein Hundemensch, was?« Die Frau winkte ihn näher zu sich. Peter ignorierte die unterschwellige Kritik und stellte sich vor. Frauchen hieß Gabriele Kutja und lebte seit Jahrzehnten in ihrer Wohnung an der Sterngasse. »Und so was, das gab’s hier noch nie!«
Peter konnte nicht heraushören, ob sie das gut oder schlecht fand. Er stand nun so nah bei ihr, wie er es mit Blick auf Purzel wagte. Auch im Flur war es kaum wärmer als draußen. Anscheinend lauerte Frau Kutja schon länger auf ihrem Beobachterposten, sodass das Haus stetig auskühlte. Aber zumindest blieben sie hier vom Wind verschont.
Sie blickte ihn verschwörerisch an. Offenbar machte sein Status als Polizist die mangelnde Hundekenntnis zumindest teilweise wett.
»Wir haben das arme Mädchen noch laufen sehen. Hab mich da schon gewundert. Aber man spricht ja nicht einfach wildfremde Leute an, vor allem nicht nachts.«
»Warum haben Sie sich gewundert?«
»Na, weil sie keine Mütze getragen hat. Das Licht der Laterne ist auf ihre Haare gefallen, und die haben rot geglänzt, aber kein natürlicher Farbton, eindeutig aus der Tube.«
Sie griff sich an die eigene ausladende Pelzmütze, die aus braunen und weißen Fellen bestand. Vermutlich hatte Purzel drei Kaninchen und einen Polarfuchs erlegt. Peter seufzte. Seine Finger waren derart steif gefroren, dass er kaum das Handy halten konnte. Demnächst würde wahrscheinlich ein Eisbär um die Ecke biegen. Oder eine Gruppe Pinguine vorbeiwatscheln und über den mangelnden Schnee meckern.
»Ist Ihnen etwas an der Frau aufgefallen, abgesehen von der Mütze und der Haarfarbe?«
»Wir haben sie nur ganz kurz gesehen. Wir sind aus dem Haus raus und zum Sternplatz vorgegangen. Dort beginnt immer unsere nächtliche Runde durch die Stadt. Die Frau kam nur langsam voran, zögernd. Ich dachte, sie ist vielleicht aus einem Club raus oder so was und hat Drogen genommen. Damit wollten wir dann erst recht nichts zu tun haben.«
Peter drehte sich zu der Toten um. Nadja war mittlerweile aufgestanden und zum Steakhaus hinübergegangen, wo sie offenbar die Aushänge an der Tür studierte. Die Frau lag nun alleine da. Peter wünschte sich, die Beamten von der Spurensicherung würden sie wenigstens zudecken.
Er fragte sich, ob das Opfer überlebt hätte, wenn Frau Kutja und Purzel sofort den Notarzt gerufen hätten. Wenn nicht die Scheu vor dem unbekannten Menschen verhindert hätte, dass sie die Situation richtig erfassten.
»Woher ist sie genau gekommen, konnten Sie das erkennen?«
»Sie schlurfte mitten auf dem Weg, war also wahrscheinlich nicht gerade erst aus einem Haus getreten. Vermutlich kam sie die Franziskanergasse von Süden her. Wir sind so zwanzig Minuten später wieder zurückspaziert und haben sie hier liegen gesehen. Nur ein paar Meter weiter als bei unserer ersten Begegnung. Drogen, hab ich gedacht, und wir sind gleich hoch in meine Wohnung, um den Notruf zu wählen.«
»Den Hund haben Sie mit hochgenommen? Und danach wieder mit hinunter?« Wahrscheinlich hatte Purzel die Lesebrille gebracht, damit sein Frauchen die Tasten sehen konnte.
»Er hat doch auch ein Recht, mitzubekommen, was hier geschieht. Sonst muss ich ihm hinterher alles erklären.«
»Natürlich.« Peter fragte sich, was Gretchen sagen würde, wenn sie die Aufnahme abhörte, um das Protokoll abzutippen. Kurt Heideckert, der Einzige im Team, der selbst einen Hund hielt, wäre bestimmt begeistert. Allerdings wäre sein chinesischer Nackthund Babe von der Größe her eher ein Quietschspielzeug für Purzel.
»Der Tilman tät sich im Grab rumdrehen!« Frau Kutja seufzte.
»Tilman? Der Eigentümer des Steakhauses?«
»Tilman Riemenschneider, den werden Sie doch wohl kennen!« Ihre verkniffene Miene zeigte deutlich, dass Peter ihren Respekt nun endgültig verloren hatte.
Endlich verstand Peter, worum es ihr ging. »Tilman Riemenschneider hat hier gelebt, der berühmte Künstler?«
»Bildschnitzer! Und Bildhauer! Hier in diesem Hof, wo jetzt das Steakhaus ist, hatte er sein Wohnhaus und seine Werkstatt! Sie sind wohl auch einer von denen, die hundert Fotos in der Stadt knipsen und keine Ahnung haben, welche historischen Dimensionen sich dahinter verbergen!«
Peter mühte sich vergebens, seine Mundwinkel zu einem Lächeln hochzuziehen. Sie schienen wie festgefroren. Er nahm eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie Frau Kutja entgegen.
»Falls Ihnen noch etwas einfällt.«
Sie versenkte die Karte irgendwo in den Tiefen ihres Dekolletés. »Die Tote hier wusste das bestimmt auch nicht. Legt sich einfach hin und stirbt, direkt vor Tilmans Haus. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht.«
Purzel jaulte zustimmend. Vielleicht dachte er aber auch nur, dass es Zeit war, sein Frauchen an seine ungemütliche Lage zu erinnern. Prompt nahm sie die Leine straffer.
»Wenn Sie noch was brauchen, Sie wissen ja, wo ich wohne. Wir können nicht die ganze Nacht hier herumstehen. Komm, Purzel.«
Purzel sprang auf, knurrte noch einmal in Peters Richtung, was aber nun deutlich weniger überzeugend klang, und drehte sich weg.
Jetzt erst stellte Peter fest, dass Purzel nur einen jämmerlichen Schwanzrest hatte, mit dem er nicht einmal richtig wedeln konnte. Frau Kutja bemerkte seinen Blick.
»Er musste amputiert werden, nach einem Unfall mit einem Auto. Aber ich sage immer, dass es trotzdem Glück war. Das Auto hat ihn bloß ganz hinten erwischt statt frontal. Mein Purzel ist nämlich sehr schnell.« Stolz tätschelte sie Purzels Kopf. »Mein erster Hund hatte nicht so viel Glück, Gott hab ihn selig.« Wieder griff sie sich an ihre Mütze. Dann wandte sie sich um und ging auf die Treppe zu. Purzel schlich dankbar nebenher.
Peter starrte ihr nach. Bei näherer Betrachtung war ihre Pelzmütze mit etwas gesäumt, das verdächtig nach dem Schwanz eines weißen Schäferhundes aussah.
Nadja / Montag, 13.Januar, Franziskanergasse
Während sie noch vor dem Steakhaus stand, klingelte ihr privates Handy. Nadja holte es irritiert aus der Manteltasche. Diese Nummer hatten nur wenige Menschen, und keiner von ihnen würde mitten in der Nacht anrufen. Außer vielleicht Mukki, ihr Freund, aber der wusste, dass sie zu einer Leiche geholt worden war. Sie hatte ihn im warmen Bett zurückgelassen, neben ihm der noch offene Laptop mit dem halb angesehenen Film und die Packung Linsenchips, deren Krümel sie beim Nachhausekommen auf ihrem Kopfkissen vorfinden würde.
Eine unbekannte Nummer. Sie nahm den Anruf an. »Nadja hier.«
»Frau Gontscharowa?« Eine weibliche Stimme, geschäftsmäßig, professionell.
»Ja?«
Eine Pause, dann: »Wir wollten Ihnen mitteilen, dass Ihre Mutter vor etwa einer Stunde gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig verstorben ist.«
Nadja presste das Handy ans Ohr, ohne etwas zu sagen. Mutter. Lange hatte sie das Wort nicht ausgesprochen, nicht einmal gedacht.
»Sie ist ganz friedlich eingeschlafen. Eine unserer Pflegerinnen war bei ihr und hat ihre Hand gehalten. Sie stehen in den Unterlagen als nächste Verwandte, deshalb dachte ich …«
Jemand hatte ihre Hand gehalten. Eine Fremde. Statt die eigene Tochter. Nadja wusste nicht, ob sie sich den Vorwurf, den sie aus den Worten herauszuhören glaubte, nur einbildete.
»Möchten Sie sie sehen, bevor sie eingeäschert wird?«
Instinktiv schob Nadja den Mantelärmel zurück und sah auf die Uhr. Als würde es irgendeinen Unterschied machen, wie spät es war. Die Frau am Telefon bekam es gar nicht mit. Nadja musste nicht vortäuschen, ernsthaft zu überlegen. Ihre Entscheidung stand sowieso fest.
»Nein. Nein, ich glaube nicht.«
»Wegen der Beerdigung können Sie sich mit Herrn Böring absprechen. Er war der staatlich bestellte Betreuer.« Ihre Stimme klang nun noch kühler. Nadja vermutete, dass dieses Gespräch sie mit Widerwillen erfüllte. Doch die Angestellte tat ihre Pflicht und rief an. Eine Tochter, die sich nicht kümmerte, die die Verantwortung für die alt gewordene Mutter abschob, sie seit Jahren nicht besucht hatte.
»Er kann das doch alleine entscheiden, oder? Also ich meine … er braucht mich nicht unbedingt für die Planungen?«
»Wie Sie wünschen.«
»Vielen Dank.«
»Wenn noch etwas ist, wissen Sie ja, wie Sie mich erreichen.«
»Ja, natürlich.«
Natalia Gontscharowa hatte ihre letzten Jahre in einem Seniorenheim in der Nähe von Nürnberg verbracht. Nadja war einmal dort gewesen, als ihre Mutter aufgenommen worden war, hatte die Desinfektionsmittelspender gesehen, die langen Flure, in denen sich die Lampen an den niedrigen Decken spiegelten, die Kunstblumengestecke auf den Tischen. Natalia hatte das Heim selbst ausgesucht und aus eigener Tasche bezahlt. Sie hatte es, gleich in doppelter Hinsicht, verdient.
Nadja war unendlich erleichtert gewesen, als sich die lautlosen Türen hinter ihr schlossen, nachdem sie das Heim wieder verlassen hatte. Am Parkplatz stieg sie ins Auto, legte den Kopf aufs Lenkrad und erlaubte sich zu weinen. Eine Viertelstunde lang vielleicht. Dann wischte sie die Tränen ab, startete den Motor und fuhr davon.
»Mein Beileid.« Damit legte die Angestellte des Wohnheims auf.
Langsam nahm Nadja das Handy vom Ohr. Sie blickte auf die Leiche zu ihren Füßen. Ein altes Kapitel war abgeschlossen. Ein neues hatte begonnen.
2
Nadja / Dienstag, 14.Januar, Kommissariat 1
Als Nadja die Tür zum K1 öffnete, spürte sie die Kühle der Klinke unter ihren Fingern. Unwillig zog sie die Ärmel ihres Rollkragenpullis über ihre Fingerspitzen. Sie hatte zu wenig geschlafen und noch nicht gefrühstückt. Dazu die eisigen Temperaturen draußen, die ihr in der Nacht nicht das Geringste ausgemacht hatten, jetzt aber in ihrem Körper nachwirkten. Ihr war von innen heraus kalt.
Sie lenkte ihre Schritte in die Küche, wo sie ein wenig ratlos in den Regalen stöberte. Einen Wasserkocher gab es, aber wo waren die Teebeutel? Nadja trank sonst nur Kaffee und konnte sich nicht erinnern, sich hier jemals einen gesunden Kräuteraufguss zubereitet zu haben. Aber Heideckert lief doch ständig mit seinen streng duftenden Tassen durchs Kommissariat.
Als der Wasserkocher zu brodeln begann und sich ausschaltete, weil die gewünschte Wassertemperatur erreicht war, gab Nadja auf. Sie lief die paar Meter zum Schreibtisch der Sekretärin. Vor einigen Wochen hatte diese verkündet, ihren Arbeitsplatz hübscher und persönlicher gestalten zu wollen. Nun hing ein Kalender mit schleifentragenden, lieblich gähnenden Kätzchen an der Wand, und die Blumentöpfe hatten selbst gehäkelte Manschetten in Pastelltönen bekommen.
Nadja räusperte sich. »Kann man eigentlich auch Mützen stricken oder häkeln? Ich meine, geht das leicht?«
Gretchen blickte ungläubig von ihrem Leitzordner auf. »Du willst doch nicht … Hast du überhaupt Häkelnadeln daheim?« Sie musterte Nadja, als trüge sie die langen Nadeln in ihrem BH versteckt, darauf lauernd, Gretchen Konkurrenz zu machen.
»Nein. Aber ich bewundere gerade deine Handarbeiten hier. Dabei ist mir eingefallen, dass Professor Nauke gestern am Fundort der Leiche furchtbar gefroren hat, weil er keine ordentliche Mütze besitzt.«
»Oh«, kam es mitleidig von Gretchen. »Oh!«, wiederholte sie nach einer kurzen Denkpause deutlich enthusiastischer. Sie riss eine ihrer Schreibtischschubladen auf und musterte die darin enthaltenen Wollknäuel. Ihr Blick blieb an einem besonders wuscheligen lila Exemplar hängen.
Nadja lächelte in sich hinein. »Gretchen, haben wir zufällig Tee im Haus?«, fragte sie dann.
Gretchen sah von ihrer Schublade auf. »Du auch noch? Werden jetzt alle krank?« Besorgt raffte sie ihre Unterlagen an sich und rückte ein wenig vom Tisch ab. »Peter hat den Tee entführt und bei sich im Büro gestapelt. Er behauptet, das brauche er heute.«
»Hätte ich mir denken können.«
Nadja ging den Gang entlang und klopfte alibihalber an die Tür. Ein Schniefen drang aus dem Raum. Sie öffnete die Tür so weit, dass sie den Kopf hindurchstecken konnte. Peter saß wie ein Häufchen Elend hinter seinem Schreibtisch. Auf der Tischplatte lag eine stattliche Anzahl benutzter Taschentücher, und aus einem Topf dampfte es. Anscheinend hatte er keine Thermoskanne gefunden und beschlossen, sich seinen Heiltrank gleich in größtmöglicher Menge anzurühren.
»Bist du krank?«, fragte Nadja überflüssigerweise.
Peter schniefte erneut. »Halsweh, Schnupfen, Druck auf den Ohren. Bloß Fieber hab ich leider nicht, sonst wäre ich im Bett geblieben.«
Nadja musterte seine rote Nase und den gigantischen Wollschal, der einen ähnlichen Farbton hatte. »Vielleicht kannst du heute früher gehen«, bot sie an. »Wir ziehen das Meeting durch, verteilen die Aufgaben, und ich schaue, dass du nichts Zeitaufwendiges abbekommst.«
»Das geht doch nicht. Nicht mit einem frischen Mord vor der Haustür.«
Nadja gab ihm insgeheim recht. Sie schob sich nun doch ins Büro, um einen Beutel Tee abzustauben. In diesem Moment nieste Peter, und sie ergriff die Flucht. Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, las sie das kleine weiße Etikett: »Minze-Ingwer«.
Minztee, den hatte Natalia immer getrunken. Der Duft hatte Nadja empfangen, wenn sie nach den langen Nachmittagen und Abenden bei ihrem Vater im Krankenhaus nach Hause gekommen war, wenn sie die Schuhe auszog, direkt an der Tür, um keinen Schmutz mit hineinzutragen, wenn sie in die Küche schlich und sich die Ohren zuhielt, weil sie die Geräusche aus dem Schlafzimmer nicht hören wollte.
Minztee. Nadja warf den Beutel in den nächsten Mülleimer und ging wieder in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen.
Als Nadja fünfzehn Minuten später den Meetingraum betrat, waren schon alle versammelt. Ihre direkten Kolleginnen und Kollegen Elif Yilmaz, Kurt Heideckert und Steffen Neumann hatten sich zusammengesetzt. Gretchen saß an ihrem üblichen Platz und ließ die Hände über der Tastatur schweben, um zu zeigen, dass sie bereit für ihren Einsatz war. Widukind von der Spurensicherung hatte es neben den Staatsanwalt Viktor de Mancini verschlagen, was ihm nicht besonders zu behagen schien. Und die Kriminaldirektorin Waltraud Bullinger, genannt Bully, tippte auf ihrem Smartphone herum, das zu klein und zierlich für ihre breiten Finger aussah.
Einige Streifenbeamtinnen und -beamten, die nachts in der Nähe des Tatorts noch von Haus zu Haus gegangen waren, saßen auch mit dabei. Gretchen hatte sie mit Kaffee und Gebäck versorgt, und so wirkten sie zwar müde, aber zumindest einigermaßen gut gelaunt.
Nur Peter saß isoliert da, offenbar wollte niemand neben ihm Platz nehmen. Er schniefte mitleiderregend. Heideckert beäugte ihn von der Seite, als könnte er eine dunkle Virenwolke um Peters schmerzgeplagten Kopf kreisen sehen.
»Guten Morgen!«, begrüßte Nadja die Anwesenden und erntete zustimmendes Gemurmel und Nicken. Das musste genügen. Sie schaltete den Beamer ein, koppelte ihn mit ihrem Laptop und warf Fotos von der Leiche an die weiße Wand.
»Unsere Priorität ist eindeutig, die Tote zu identifizieren. Wir müssen herausfinden, wer sie war und wo sie herkam oder hinwollte. Solange wir das nicht wissen, haben wir wenig Ansatzpunkte.«
Gretchen tippte eifrig mit. Nadja nickte ihr dankbar zu. Sie hatten sich angewöhnt, bei den größeren Fällen ein Protokoll der täglichen Meetings zu führen. So konnte jeder und jede von ihnen im Nachgang noch einmal die Infos und die Aufgabenverteilung in der Zusammenfassung durchlesen.
Nadja ließ zuerst Neumann, der die nächtliche Erkundungstour rund um den Fundort geleitet hatte, zu Wort kommen.
»Ausgehend von einem Gespräch mit Professor Nauke, den ich gefragt habe, wie weit die Tote mit der Verletzung wohl gelaufen sein könnte, habe ich einen abzusuchenden Radius bestimmt.« Neumann gab ihr ein Zeichen, und Nadja schaltete weiter zu der Karte, die Neumann ihr vorab gemailt hatte. Ein Bereich der Würzburger Innenstadt war umkreist. Er reichte vom oberen Mainkai bis zur Bibrastraße und vom Hotel Rebstock bis zum Dom.
Enttäuschte Seufzer wurden laut. Nadja war klar, weshalb. Das Gebiet war größer, als sie erwartet hatten, und nicht so leicht zu durchkämmen. Die verwinkelten Gassen wurden von mehrstöckigen Häusern mit etlichen Wohnungen darin gesäumt. Wollte man all die Menschen befragen, die in diesem Radius wohnten, wäre man lange beschäftigt, sehr lange. Und dann gab es die Domstraße und die Augustinerstraße entlang noch zahlreiche Geschäfte. Was, wenn die Tat dort in einem Hinterzimmer geschehen war?
Neumann winkte ab. »So schlimm, wie es jetzt aussieht, ist es nicht. Das ist der weitestmögliche Radius. Professor Nauke hat mir gesagt, dass er ihn nach der Obduktion sicher noch genauer eingrenzen kann. Und: Wenn sie auf den größeren Straßen gelaufen sein sollte, dann kriegen wir das raus. Da hat sie sicherlich jemand bemerkt. Scarlett arbeitet schon an einer Pressemeldung.«
Scarlett Miller war die Pressesprecherin des Präsidiums. Im letzten Sommer hatte Nadja notgedrungen viel mit ihr zusammengearbeitet und war damals sehr froh gewesen, dass jemand mit Verstand diesen Job ausübte.
»Bisher haben wir aber leider keinerlei Ergebnisse. Niemand, den wir befragt haben, will die Tote gesehen oder gekannt haben. Und das, obwohl wir heute Nacht wirklich viel geschafft haben.« Auf ein Zeichen Neumanns hin schaltete Nadja weiter, und man überblickte die vielen Häuser, die schon abgearbeitet und mit einem X markiert waren. Sterngasse, Wolfhartsgasse, Franziskanergasse. Neumann und sein Team hatten offenbar die ganze unmittelbare Umgebung abgegrast.
Nachts waren die meisten Menschen daheim, eigentlich praktisch für eine Befragung von Tür zu Tür.
Heideckert meldete sich. »Was, wenn sie jemand mit einem Auto hergefahren und hier nur abgesetzt hat?«
Nadja nickte. »Das müssen wir natürlich im Kopf behalten. Aber derjenige wäre ein großes Risiko eingegangen. Macht es wirklich Sinn, jemanden in der Innenstadt abzusetzen, den man eigentlich erschießen wollte? Sorgt man dann nicht lieber dafür, dass sie wirklich tot ist? Die Frau war ja offenbar in der Lage, zu laufen. Vielleicht hätte sie auch noch sprechen und den Mörder oder die Mörderin verraten können.«
Elif meldete sich zu Wort. Die Kommissarin mit der wunderschönen dunklen Haarpracht war seit letztem Sommer im Team und ersetzte Maximilian Braun. Nadja schätzte die Diskussionen mit ihr sehr.
»Außer es war eine nicht beabsichtigte Tat«, sagte Elif. »Derjenige, der geschossen hat, hat Panik bekommen, wollte nicht, dass bei ihm eine Leiche gefunden wird, hat sie ins Auto gehockt und irgendwo rausgeworfen, wo keine Verbindung zu ihm besteht. Sie hat sich dann noch ein Stück weitergeschleppt, und das war es dann.«
»Auch das ist eine Möglichkeit.« Nadja seufzte. »In diese Richtung können wir aktuell aber wirklich nur mutmaßen und hoffen, dass wir zügig Zeugenaussagen bekommen, die uns auf die richtige Fährte bringen.« Sie betrachtete noch einmal die Karte. Ein Gedanke stieg gerade an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Häuser. Autos. Fährte. »Wir brauchen Mantrailer!«, sagte sie plötzlich.
Aller Augen richteten sich auf sie. Mancini nickte langsam. »Das wäre einen Versuch wert.«
Mantrailer oder Personenspürhunde wurden darauf trainiert, den Individualgeruch einer Person nachzuverfolgen. Meist wurden sie eingesetzt, um vermisste Personen aufzuspüren, aber es gab auch immer wieder aufsehenerregende Fälle, bei denen sie den Tätern auf die Spur kamen. Das funktionierte zum Teil sogar, wenn die verschwundene Person ein Stück mit dem Auto gefahren war. In Berlin hatten Mantrailer geholfen, einen Mordfall mit kannibalistischem Motiv aufzuklären. Mehrere Hunde waren unabhängig voneinander der Spur des Opfers gefolgt, das mit dem Taxi zum Täter gefahren war, und zeigten den Ermittelnden so die Wohnung des Täters.
»Bodo wäre bestimmt dabei, aber wir brauchen mehrere, oder? Wo kriegen wir die her?«, fragte Neumann.
Bei der Würzburger Kripo gab es nur einen ausgebildeten Menschensuchhund. Normalerweise zogen sie bei Einsätzen aber mehrere Hunde dazu, da die Mantrailer schnell ermüdeten. Zudem war es wichtig, dass die Spur, die ein Hund gefunden hatte, von einem anderen bestätigt wurde. Bei früheren Ermittlungen hatten sie deshalb meist drei oder vier Hunde nachsuchen lassen.
Nadja überlegte. »Wie gesagt, der Radius ist diesmal wirklich überschaubar. Das wird nicht stundenlang dauern, aber einen weiteren Hund brauchen wir auf jeden Fall.«
Bully knurrte etwas Unverständliches. Dann räusperte sie sich. »Wir holen jemand aus Mittelfranken oder Oberfranken dazu. Ich kümmere mich darum.«
Nadja bedankte sich. Wenn das funktionieren sollte, war Eile geboten. Während sie hier redeten, verwischte die Geruchsspur immer weiter. Bully stand auf, als hätte sie Nadjas Gedanken gelesen, zeigte auf ihr Handy und ging hinaus.
Nadja wandte sich an die gesamte Runde. »Vielleicht haben wir Glück, und das klappt. So lange machen wir weiter wie geplant. Deshalb möchte ich, dass wir – also der Rest von uns, der nicht die Anwohnerbefragungen durchführt – uns auf die Identifizierung konzentrieren.« Nadja nahm einige Arbeitsblätter vom Tisch. »Ich würde gerne mal etwas Neues mit euch ausprobieren. Es geht um eine intuitive Methode, einen Ansatz zu finden. Wir alle sind erfahrene Ermittler, haben viel gesehen und gehört, Hunderte Opfer und Täter kennengelernt und aufgespürt. Daraus entwickelt sich mit der Zeit ein Bauchgefühl, das tatsächlich weniger mit Gefühl zu tun hat als mit Erfahrung.«
Elif nickte, als wüsste sie genau, was Nadja meinte. Es kam oft genug vor, dass die Autobahnpolizei von zwanzig Lkws genau den herauswinkte, dessen Fahrer die Ruhezeiten nicht einhielt, oder dass Ermittler in Zivil am Bahnhof sofort ahnten, wer Drogen mit sich führte.
Nadja ging im Raum herum und verteilte die Blätter. »Jeder von euch bekommt eins. Darauf ist das Aussehen der Leiche noch einmal zusammengefasst. Was sie anhatte, ihr Piercing, die Ringe, die Mütze in der Jackentasche, die Haarfarbe und allgemeine körperliche Merkmale, soweit Lars Nauke mir das schon mitteilen konnte. Die Fotos dazu seht ihr hier vorne auf der Präsentation. Ich möchte, dass jeder für sich aufschreibt, was ihm oder ihr spontan dazu einfällt. Es können ganz flüchtige Überlegungen sein. Das ist Schritt eins, ihr könnt jetzt loslegen.«
Nadja gab jedem einen Bleistift, auch Gretchen. Nadja registrierte mit Belustigung, dass sie dafür ein lila Wollknäuel und zwei lange Nadeln weglegte. Offenbar nutzte sie die Diskussionspausen für Handarbeiten.
Dann beobachtete Nadja, wie Elif in energischen Strichen aufs Blatt schrieb, wie Neumann an seinem Bleistift kaute und wie Heideckert zu seinem Nebenmann hinüberschielte. Überraschenderweise ließ sich sogar Mancini dazu herab, einige Worte hinzukritzeln.
Heute würden sie der Toten ein Stück näherkommen, das spürte sie.
Peter / Dienstag, 14.Januar, Kommissariat 1
In Peters Kopf dröhnten die Stimmen seiner Kolleginnen und Kollegen durcheinander. Alle schrieben etwas auf ihre Blätter und begannen sich erst leise, dann lauter zu unterhalten.
Er stützte das Kinn in die Hände. Irgendjemand hatte Beton in seine Nebenhöhlen gegossen und ein Reibeisen in seinem Hals installiert. Jeder Schluckvorgang raspelte und schmerzte. Er goss sich Tee aus seinem Topf nach und packte eine neue Lutschtablette aus. Ekelhaftes Teufelszeug, aber wenigstens betäubte es den Schmerz etwas.
Nadja sammelte derweil die Blätter ein. Soweit Peter sehen konnte, hatte Widukind am meisten aufgeschrieben, am wenigsten die Streifenbeamten, die das Team verstärkten. Wahrscheinlich trauten sie sich noch nicht so recht. Nadja legte die Blätter neben sich und bat Elif, vorzukommen, um ihr die Ergebnisse vorzulesen. Sie öffnete eine Mindmap, die sie vorbereitet hatte und die bereits die wichtigsten optischen Kennzeichen der Leiche enthielt. Das Bild war aufgebaut wie ein neuronales Netzwerk. Verknüpfungen waren möglich und konnten beliebig hinzugefügt werden.
Elif diktierte ihr mit leiser Stimme die Stichpunkte, und Nadja trug sie in die Mindmap ein. Im Saal herrschte Schweigen. Alle verfolgten die stetig wachsende Darstellung. Hin und wieder erhaschte Peter einen Blick auf die Blätter, die Elif in Händen hielt. Er erkannte Mancinis gestochen scharfes Schriftbild – natürlich hatte er mit einem schwarzen Füller geschrieben statt mit dem Bleistift –, sein eigenes Gekrakel und Gretchens mädchenhafte Schwünge und kringelige i-Punkte.
Zum Thema »Hand und Ringe« gab es die Äußerungen: praktisch veranlagt (kurze Nägel, kein Nagellack), körperliche Arbeit möglich – hier waren den Kollegen Schwielen am Daumen und am Handballen aufgefallen, einige gut verheilte Kratzer am Handgelenk und auffällig viel Dreck unter den Fingernägeln der rechten Hand. Da würde das Labor sicherlich schnell herausfinden, worum es sich handelte.
Es wurde aber auch angemerkt, dass die Tote für regelmäßige körperliche Arbeit eigentlich nicht durchtrainiert genug aussah. Ihre Haut war sehr hell und zart, was eigentlich eher auf einen Job schließen ließ, den man drinnen ausübte.
Der vermutliche Verlobungsring fiel als nicht zum Rest passend auf. Die Überlegungen diesbezüglich liefen aber in unterschiedlichste Richtungen. Gretchen meinte, die Tote könnte ihn geklaut haben, während Neumann davon ausging, dass die Tote und ihr Verlobter sich in zwei verschiedenen Welten bewegten. Einig waren sie sich jedoch bei der möglichen Einordnung ins Metal- oder Rockerumfeld wegen der keltischen Zeichen auf den anderen Ringen. Ihr Kleidungsstil schloss das zumindest nicht aus.
Peter lehnte sich im Stuhl zurück und beschattete mit der Hand die Augen. Welch Wohltat, wenn das Licht nicht mehr stach. Er lauschte Nadjas kühler Stimme, die die Ergebnisse zum Aussehen der Toten vorlas:
»Die Haare werden als vermutlich selbst gefärbt beschrieben. Es sieht etwas nachlässig aus, was den Schluss nach sich zieht, dass sie nicht so viel Wert auf ihr Äußeres gelegt hat. Der Ansatz ist auch schon ein Stück rausgewachsen. Gleichzeitig ist die Farbe aber eher progressiv als dezent, was nahelegt, dass ihre Arbeitsstelle offenbar keine besonderen Ansprüche an das Aussehen der Mitarbeitenden stellt. Sie wird vermutlich nicht in einer Anwaltskanzlei gearbeitet haben und weder Schauspielerin noch Friseurin gewesen sein.«
Peter öffnete die Augen wieder und besah sich das Foto vom Tatort. Mit einem Meter dreiundsechzig war die Tote eher klein, hatte aber eine weibliche Figur und ein breites Becken. Nadja deutete darauf. »Einer oder eine von euch hat hier das Wort ›gebärfreudig‹ notiert. Das finde ich einen interessanten Punkt. Bisher hat Lars Nauke nichts davon erwähnt, aber wir müssen ihn auf jeden Fall fragen, ob es Hinweise gibt, dass sie eines oder mehrere Kinder geboren hat.«
Peter dachte an Rebekka und ihre schlanke Statur. Trotzdem hatte es bei Mariechens Geburt keinerlei Probleme gegeben. Zum Glück, er war auch so aufgeregt genug gewesen und hatte das stoische Abwarten der Hebamme nicht nachvollziehen können, während seine Frau schrie wie ein verendender Pavian und er am liebsten die ganze Klinik aufgemischt hätte, um ihr irgendwie zu helfen.
»Ihr stimmt darin überein, dass sie nicht besonders sportlich aussieht, also eher keine Mitgliedschaft im Fitnessstudio anstrebte und vielleicht eine überwiegend sitzende Tätigkeit ausgeübt hat. Das ist jetzt schon zum zweiten Mal ein Widerspruch zu den Schwielen an ihren Händen und unserem Gefühl, dass sie irgendwo mit angepackt hat. Das sollten wir im Kopf behalten.« Sie blickte zu Gretchen, die eifrig in die Tasten hieb.
Nadja fuhr fort. »Dass ihre Hose fast etwas zu eng ist, haben zwei von euch notiert. Hier gehen aber die Meinungen auseinander, warum das so ist. Entweder hat sie rasch zugenommen, oder sie ging nicht gerne shoppen, oder sie hat gehofft, dass sie bald wieder abnimmt.« Nadja taxierte die Anwesenden.
Widukind, Mancini und Elif nickten.
»Gut, jetzt kommen wir zum großen Ganzen. Allgemein findet ihr, dass ihr Gesicht humorvolle Züge trägt, sie sieht für euch überwiegend sympathisch aus. Auf einem Zettel steht, dass sie vermutlich tatkräftig war. Jemand, der weniger Mäuschen ist als vielmehr Löwin. Wahrscheinlich besaß sie eine emanzipierte Einstellung. Und, was ich eine sehr interessante Beobachtung finde: Sie sieht aus wie eine Frau, die im Beruf möglicherweise mehr mit Männern zu tun hatte als mit Frauen und privat ebenso. Jemand zum Pferdestehlen.« Das hatte Peter auf den Zettel geschrieben, und er freute sich, dass Nadja seiner Einschätzung folgte.
»Kommen wir also zu den Berufen, die ihr für plausibel haltet …«
Nadja wurde von einem Klopfen unterbrochen. Sie sah sich irritiert unter ihren Kolleginnen und Kollegen um, bis sie begriff, dass das Klopfen von der Tür gekommen war. Heideckert stand auf und öffnete.
Draußen wartete eine Beamtin von der Pforte. Die Polizistin flüsterte auf Heideckert ein. Dieser nickte, schloss die Tür wieder und drehte sich zu ihnen um.
»Ein William van der Waal hat gerade eine Frau als vermisst gemeldet. Eine Geschichtsdoktorandin. Die Beschreibung passt zu unserer Leiche. Sie schicken ihn jetzt hoch.«
***
William van der Waal kam ihnen im Flur schon entgegen. Er schien sichtlich verwirrt und spähte auf beiden Seiten des Ganges in die halb geöffneten Türen der Büros. Er war groß und schlank, trug einen weinroten Pullover mit hellblauem Hemd darunter und eine ebenfalls blaue Steppjacke.
Nadja begrüßte ihn und stellte Peter und sich kurz vor.
»Todesermittlungen? Wieso Todesermittlungen? Ich bin hier falsch, entschuldigen Sie. Die Mitarbeiterin hat wohl nicht richtig verstanden, warum ich gekommen bin. Sie hat mich hierhergeschickt, dabei wollte ich doch bloß … Entschuldigen Sie die Umstände, ich werde …«
»Herr van der Waal«, unterbrach Nadja ihn sanft. »Lassen Sie uns ganz in Ruhe besprechen, worum es geht. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten oder einen Tee?«
Über van der Waals Oberlippe bildeten sich Schweißperlen. Er nickte nur, und Peter beschloss, ihm einen Tee zu machen. Er holte eine Tasse aus der Küche und legte einen Zwischenstopp in seinem Büro ein, um den Kamillentee aufzubrühen. Dann trug er die dampfende Tasse, eine Flasche Wasser und ein Glas vorsichtig hinüber in Nadjas Büro.
Dort hatte Nadja den Besucher offenbar dazu gebracht, seine Jacke abzulegen und auf einem der Stühle Platz zu nehmen. Sie selbst setzte sich hinter ihren Schreibtisch. Jetzt, da van der Waal saß und Peter stand, konnte er die kahle Stelle auf dessen Kopf besser erkennen. Nur noch wenige Haare bedeckten seinen Schädel am höchsten Punkt. Es ließ ihn verletzlich wirken.
Peter stellte die Getränke auf dem kleinen Tischchen neben van der Waals Beinen ab und zog sich ebenfalls einen Stuhl heran. William van der Waal ignorierte den Tee, trank das Wasser aber in einem Zug aus. Peter bemerkte, wie sich sein Adamsapfel beim Schlucken bewegte. Er füllte ihm das Glas erneut. Der Mann schenkte ihm ein schwaches Lächeln und fokussierte sich dann wieder auf Nadja.
»Sie möchten jemanden aus Ihrem privaten Umfeld als vermisst melden, ist das richtig?«, begann Nadja.
»Emily Yaeger. Meine Freundin. Lebensgefährtin. Verlobte. Herrgott, wie sagt man das heutzutage denn richtig?« Der Mann räusperte sich wiederholt, als steckte ihm ein Kloß im Hals. Da Nadja die Gesprächsführung übernommen hatte und auch am Computer mittippte, nahm Peter sich die Zeit, William zu betrachten.
Er hatte einen kantigen Unterkiefer und durch den zurückweichenden Haaransatz eine hohe Stirn. Das eine Auge schien etwas tiefer unter den Brauen zu liegen, was ihm einen nachdenklichen, vielleicht sogar argwöhnischen Ausdruck verlieh. Trotzdem war es kein unsympathisches Gesicht. Eher eines, das auf Ernsthaftigkeit und Zuverlässigkeit schließen ließ.
»Emily ist gestern Nacht nicht nach Hause gekommen. Sie war den ganzen Abend schon unruhig, das passte gar nicht zu ihr. Sie ist sonst sehr fröhlich und lebhaft und redet unglaublich viel.« William van der Waal lächelte ein wenig, als er das sagte. »Gegen zweiundzwanzig Uhr nahm sie ihren Rucksack und meinte, dass sie noch etwas für die Arbeit erledigen wollte. Ich habe Fernsehen geschaut und bin dann irgendwann ins Bett gegangen.«
»Ist das denn ein normales Verhalten für Emily? Dass sie nachts plötzlich die Wohnung verlässt, um noch etwas zu arbeiten, und Sie gar nicht mitbekommen, wann sie nach Hause kommt?«
»Schwer zu sagen.« William kaute unentschlossen auf seiner Unterlippe herum. »Wissen Sie, ich verbringe beruflich bedingt den Großteil der Woche in Frankfurt. Montags kann ich manchmal Homeoffice machen, da bleibe ich dann den Tag über in Würzburg. Gestern war das so, ich wollte heute früh wieder nach Frankfurt fahren, aber dann habe ich gemerkt, dass Emily nachts nicht heimgekommen ist. Es gibt also mehrere Abende jede Woche, in denen Emily alleine in Würzburg ist. Soweit ich weiß, arbeitet sie dann schon häufig.«
Peter konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Welchen Beruf übt Emily denn aus?«
William van der Waal sah ihn überrascht an. »Sie ist Doktorandin. Geschichtsdoktorandin am Lehrstuhl für Landesgeschichte der Uni Würzburg.«
Peter nickte. Er dachte an sein Studium zurück, an die Vorlesungen um zehn Uhr cum tempore, also mit der akademischen Viertelstunde Verspätung, an das Hoffen auf genießbare Mensa-Gerichte, an die langen Nächte in der Bibliothek, wenn eine Prüfung bevorstand oder eine Hausarbeit abgegeben werden musste. Lebte man als Doktorand dieses Studentenleben mit der gewohnten Zeiteinteilung einfach weiter?
»Wo wollte Emily an diesem Abend hin, und was hatte sie in ihrem Rucksack?«, fragte Nadja.
William van der Waal schüttelte den Kopf. »Leider habe ich nicht gefragt. Ich hatte das Gefühl, dass sie etwas Zeit für sich braucht, dass sie vielleicht irgendein Quellenproblem beschäftigt. Sie arbeitet viel mit Texten aus dem 16. Jahrhundert, und bei der Thematik kann ich ihr leider nicht helfen. Sie hat sich ganz normal die Jacke und die Schuhe angezogen – glaube ich. Und sie hat so einen alten Rucksack, dunkelgrün, mit einigen Buttons drauf, den hat sie mitgenommen. Wahrscheinlich war ihr Laptop drin. Vermutlich auch ihr Geldbeutel und der Schlüssel und das Handy. Die Sachen habe ich in der Wohnung zumindest nicht gefunden. Aber schauen Sie, ich habe ein Foto von ihr!«
»Das ist gut.«
Nadja ließ nicht erkennen, dass dieses Foto auch für die Ermittlergruppe eine besondere Bedeutung hatte. Würden sie gleich die Frau aus der Franziskanergasse vor sich sehen? Bekam ihre Leiche heute einen Namen und eine Geschichte? Peter beugte sich erwartungsvoll vor. Wohl deshalb hielt van der Waal ihm das Bild zuerst hin.
Peter sah eine lachende junge Frau mit einem Glas Sekt in der Hand. Auf dem Kopf trug sie einen Hut in Form einer plüschigen Hochzeitstorte. Darauf standen »Frank und Boris« sowie ein Datum vom letzten Sommer. Offenbar war Emily Gast auf einer Hochzeit gewesen und hatte die Fotobox genutzt, um ein Selfie zu machen und es auszudrucken. Peter betrachtete die lachende Frau und verglich sie im Geiste mit der Toten, deren Foto sie vor einer halben Stunde noch im Morgenmeeting analysiert hatten.
Emily trug ein bodenlanges grünes Kleid mit Spitze am Oberteil. Es saß nicht besonders gut und warf Falten am Ausschnitt. Aber sie strahlte. Die blitzenden braunen Augen hinter der Brille ließen sie sehr sympathisch wirken, warmherzig, jemand, mit dem man gerne feierte und der bei der Hochzeit ganz sicher für gute Laune gesorgt hatte. Soweit er es unter dem riesigen Hut sehen konnte, leuchteten die Haare in frischem Rot. Derselbe Ton wie bei ihrer Toten?
Er hob den Blick vom Foto und nickte Nadja zu. Sie atmete aus, als hätte sie die ganze Zeit die Luft angehalten. Ihre Nasenflügel blähten sich leicht. Sie hatte verstanden. Sie streckte die Hand nach dem Foto aus, und er gab es ihr. Auch sie musterte die lachende Emily Yaeger für einige Sekunden. Dann adressierte sie William van der Waal.
»Herr van der Waal, wir haben vergangene Nacht eine weibliche Leiche in der Innenstadt gefunden. Wir haben Grund zu der Annahme, dass es sich dabei um Emily handelt.«
»In der Innenstadt? Ich hatte sie so verstanden, dass sie zur Uni hochfahren wollte oder in eine der Bibliotheken. Sie irren sich bestimmt. Sie ist es nicht.«
»Das Foto zeigt schon eine deutliche Ähnlichkeit«, sagte Peter vorsichtig.
»Das ist ja keine besonders gute Qualität. Man sieht ihr Gesicht gar nicht so genau im Schatten dieses seltsamen Party-Hutes. Das ist irreführend. Außerdem ist es schon ein halbes Jahr alt, das war auf einer Hochzeit von einem Freund, wissen Sie, und es hing bei uns am Kühlschrank. Es war das erste, das ich auf die Schnelle gesehen habe. Deshalb habe ich es mitgebracht, aber ich glaube jetzt, dass die Aufnahme täuscht. Man erkennt sie da wirklich schlecht. Auf dem Handy habe ich bestimmt bessere Bilder, wollen Sie …?« Er sprach immer schneller und schneller.
Nadja wartete ab, bis er zwischendrin Luft holte, und sagte dann: »Hundertprozentig sicher können wir natürlich noch nicht sein, aber die Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen.«
Der Mann schluckte, und sein Adamsapfel wurde wieder sichtbar. »Was machen wir denn jetzt?«, fragte er. Hilflosigkeit schwang in seiner Stimme mit.
Peter fragte sich, ob Nadja ihm die Fotos vom Tatort vorlegen würde, doch sie entschied sich offenbar anders.
»Wir schauen sofort, ob wir die Tote identifizieren können. Am besten geht das mit Hilfe eines DNA-Abgleichs. Unsere Rechtsmediziner werden den Fall priorisieren.«
»Aber dann müssen Sie nach Emily suchen!«
»Wenn sie nicht die Tote ist, dann tun wir das natürlich. Jetzt möchte ich, dass Sie noch mal für einen Moment nachdenken, ob Emily nicht doch in der Innenstadt gewesen sein könnte. In der Nähe des Sternplatzes, wenn man in die Sterngasse abzweigt und dann ein Stück nach Süden läuft. Da trifft man auf ein Steakhaus, ›Tilmans‹. Kennen Sie sich dort aus?«
»›Tilmans‹?« William van der Waal sah sie mit einem Blick an, der Befremden verriet. »Dort wurde die Leiche gefunden?«
»Ja. Hatte Emily einen Grund dafür, nachts dorthin zu gehen?«
Ihr Verlobter schwieg.
»Herr van der Waal?«
»Ja, es ist … es ist ein seltsamer Zufall.«
»Weshalb?«
»Emily geht oft zu diesem Haus, sehr oft sogar. Wissen Sie, vor ein paar hundert Jahren war der Hof Wohnhaus und Werkstatt von Tilman Riemenschneider. Emily meint, dort seine Anwesenheit besonders deutlich zu spüren. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über ihn.«
Peter und Nadja starrten ihn an.
»Das ist wirklich ein seltsamer … Zufall …«, sagte Peter langsam.
Nadja / Dienstag, 14.Januar, Institut für Rechtsmedizin
Nadja begleitete William van der Waal zunächst zur Spurensicherung, wo Widukind ihn routinemäßig auf Schmauchspuren prüfte. Die winzigen, für das menschliche Auge nicht sichtbaren Schmauchpartikel setzten sich nach einer Schussabgabe auf Umgebung, Schützen und Opfer ab und blieben vor allem an den Händen des Schießenden haften.
Um diese Partikel zu finden, stempelte Widukind Williams Hände nun bis zu den Unterarmen hoch ab und würde die Abdrücke dann unter dem Mikroskop untersuchen.
Nadja beobachtete William, doch dieser zeigte keinerlei Regung bei der kurzen Prozedur. Er wehrte sich auch nicht dagegen, starrte nur auf seine blassen Unterarme, als sähe er sie zum ersten Mal.
Je schneller die Untersuchung nach der Tat erfolgte, desto besser. Waren erst einmal mehrere Tage vergangen, schwand die Wahrscheinlichkeit immer weiter, dass noch irgendwelche Schmauchspuren zu entdecken waren. Auch durch normales Duschen und Händewaschen gingen sie verloren. William war bisher ihre einzige Kontaktperson des vermutlichen Opfers, also hatte Nadja sich entschieden, die Untersuchung schnell durchführen zu lassen.
Auf dem Weg zum Parkplatz rief Nadja noch kurz Neumann an, um ihn zu bitten, mit Emilys Telefonanbieter Kontakt aufzunehmen. Sie mussten schnellstmöglich herausfinden, wo ihr Handy eingeloggt gewesen war. Er versprach, sich darum zu kümmern.
Dann stieg Nadja ins Auto ein, wo William van der Waal brav angeschnallt schon wartete. Sie wollte sowieso zum Institut für Rechtsmedizin und konnte ihn am Bahnhof absetzen. Währenddessen war eine Streifenbeamtin unterwegs zu Emilys Eltern. Sie benötigten genetisches Vergleichsmaterial von nahen Verwandten, um Emilys Identität zweifelsfrei zu beweisen.
Später würde Nadja sich mit Widukind und Kollegen an der Wohnung von Emily und William treffen, damit sie diese absuchen konnten. Vielleicht stellte sich ja heraus, dass die Wohnung der Tatort war. William hatte ihnen bereits den Schlüssel überlassen und wollte die nächsten Stunden in einem Café ausharren.
Im Auto schwiegen sie. William knetete ein Taschentuch zwischen den Händen und merkte gar nicht, dass er Papierfitzel in Nadjas Auto hinterließ. Nadja schaltete das Radio an, drehte die Lautstärke aber so weit herunter, dass das Schweigen nicht so auffiel, aber auch nicht der Eindruck entstand, sie wolle pietätlos Popmusik hören.
»Kann ich sie denn nicht identifizieren?«, fragte William schließlich.
Nadja schüttelte den Kopf. »Nein, das ist in einem solchen Fall nicht üblich. Wir haben gerne den eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis. Wissen Sie, das ist ein bewährtes Vorgehen. Auch bei schon stark verwesten Leichen kann man meist gut ein Stück Achillessehne entnehmen und davon die DNA …«
Abrupt verstummte sie. William schaute sie entsetzt an.
Nadja setzte den Blinker und hielt am Bahnhof an. »Ich verstehe vollkommen, dass Sie sich gerne verabschieden möchten. Und ich bin sicher, dass Sie diese Gelegenheit noch bekommen werden. Wenn wir ganz sicher sein können, dass es sich um Emily handelt.«
»Aber Sie sehen sie jetzt, ja?« Er schluckte offenbar mühsam die Tränen hinunter. »Dann sagen Sie ihr … sagen Sie ihr bitte, dass es mir leidtut.«
»Was tut Ihnen leid?«, fragte Nadja behutsam. Hinter ihr hupte ein Taxi, doch sie ignorierte es.
»Emily weiß schon, was ich meine …«, murmelte er, stieg aus und ging mit schleppenden Schritten davon.
***
Am Institut angekommen, erfuhr Nadja, dass der Professor noch nicht verfügbar war. Also machte sie sich auf die Suche nach ihrem Freund Mukki. Als sie in der Nacht heimgekommen war, hatte er längst geschlafen. Und als sie morgens aufgestanden war, war er schon gegangen, vermutlich hatte Professor Nauke ihn zeitig herzitiert.
Sie fand Mukki in der kleinen Bibliothek, seinem Lieblingsraum im Institut.
»Hier steckst du also.« Wenn Mukki seine Pausen nicht mit den Kolleginnen und Kollegen verbrachte, aß er in der Bibliothek sein mitgebrachtes Mittagessen und schmökerte nebenbei in der Sammlung aus Anatomiebüchern, wissenschaftlichen Aufsätzen und Lehrwerken.
Mukki schmunzelte bei Nadjas Anblick und rutschte mit dem Stuhl ein Stück vom Tisch weg, damit sie sich auf seinen Schoß setzen konnte.
Von Nahem betrachtet sah er müde aus. Seine dunkle Haut ließ keine Augenringe erahnen, wie sie bei Nadjas hellem Teint immer sofort sichtbar wurden, doch sie erkannte es an seinen langsamen Bewegungen und dem verhaltenen Lächeln. Sanft strich sie die Fältchen um seine Augen glatt und beobachtete fasziniert, wie sie sich sofort wieder bildeten. Er schloss die Augen und lehnte die Stirn an ihre Schulter.
Nadja fuhr mit den Fingern durch sein schwarz gekräuseltes Haar. »Danke für die Brotzeit und den Zettel.«
Seit Mukki bei ihr eingezogen war, ging Nadja selten ohne Snackbox aus dem Haus. Wenn sie das Abendessen verpasst hatte, packte er ihr für den nächsten Tag Wraps, Reis oder gebratenes Gemüse ein. Ansonsten gab es frisches Obst, Käsebrote, Gemüsesticks und Dip. Auch heute hatte sie wieder zwei Tupperboxen vorgefunden.
Mukki nickte nur. »Du hast gesprochen im Schlaf«, sagte er plötzlich.
»Wirklich? Was habe ich gesagt?«
»Geh weg, lass mich in Ruhe, so was in der Art. Und meinen Namen.« Er starrte auf sein Buch hinab.
Nun wusste Nadja, was ihn beschäftigte. »Das war nicht gegen dich gerichtet. Ich habe von meiner Mutter geträumt, sie ist gestern gestorben. Eine Pflegerin hat mich mitten in der Nacht angerufen, als ich noch am Tatort stand.«
»Wirklich?« Überrascht sah er auf. »Wie geht’s dir damit?«
»Gut.«
