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Eigentlich heißt es: Fang bloß nichts mit deinen Klienten an. Aber was, wenn dein Klient genau das ist, was du suchst?
Nach einer schlimmen Trennung wagt London den Neuanfang in Cleveland. Als eine der besten selbstständigen Partnervermittlerinnen des Landes findet sie für jeden Topf einen passenden Deckel. Doch ausgerechnet ihr erster Klient stellt ihr Können auf die Probe: Dr. Dom Daly, Star-Kardiologe, der mit seinem eisblauen Blick und seinem markanten Kinn jede Frau in die Notaufnahme schicken könnte.
Die perfekte Partnerin für ihn sähe London jedenfalls zum Verwechseln ähnlich. Doch er sucht nur nach einer Zweckehe, um bei einem Mediziner-Gremium zu punkten. Und obwohl London den professionellen Abstand zu wahren versucht, beschleicht sie immer mehr das Gefühl, dass Dr. Dom versucht, sie zu erobern ...
»Make me Yours« ist der dritte Teil der Bayshore-Reihe um die Daly Brüder. Alle Teile können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Wir wünschen viel Vergnügen.
Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team
Eigentlich heißt es: Fang bloß nichts mit deinen Klienten an. Aber was, wenn dein Klient genau das ist, was du suchst?
Nach einer schlimmen Trennung wagt London den Neuanfang in Cleveland. Als eine der besten selbstständigen Partnervermittlerinnen des Landes findet sie für jeden Topf einen passenden Deckel. Doch ausgerechnet ihr erster Klient stellt ihr Können auf die Probe: Dr. Dom Daly, Star-Kardiologe, der mit seinem eisblauen Blick und seinem markanten Kinn jede Frau in die Notaufnahme schicken könnte.
Die perfekte Partnerin für ihn sähe London jedenfalls zum Verwechseln ähnlich. Doch er sucht nur nach einer Zweckehe, um bei einem Mediziner-Gremium zu punkten. Und obwohl London den professionellen Abstand zu wahren versucht, beschleicht sie immer mehr das Gefühl, dass Dr. Dom versucht, sie zu erobern ...
»Make me Yours« ist der dritte Teil der Bayshore-Reihe um die Daly Brüder. Alle Teile können unabhängig voneinander gelesen werden.
Ember Leigh stammt aus dem nördlichen Ohio und lebt derzeit mit ihrem argentinischen Ehemann und zwei Kindern in der Nähe des Eriesees, wo sie einen argentinisch-amerikanischen Food Truck betreiben.
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Ember Leigh
Make Me Yours
Aus dem Amerikanischen von Michelle Landau
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Grußwort
Informationen zum Buch
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Widmung
Kapitel 1 — LONDON
Kapitel 2 — DOM
Kapitel 3 — LONDON
Kapitel 4 — DOM
Kapitel 5 — LONDON
Kapitel 6 — DOM
Kapitel 7 — LONDON
Kapitel 8 — LONDON
Kapitel 9 — DOM
Kapitel 10 — DOM
Kapitel 11 — LONDON
Kapitel 12 — DOM
Kapitel 13 — LONDON
Kapitel 14 — LONDON
Kapitel 15 — DOM
Kapitel 16 — LONDON
Kapitel 17 — DOM
Kapitel 18 — LONDON
Kapitel 19 — LONDON
Kapitel 20 — DOM
Kapitel 21 — LONDON
Kapitel 22 — LONDON
Kapitel 23 — DOM
Kapitel 24 — LONDON
Kapitel 25 — DOM
Kapitel 26 — LONDON
Kapitel 27 — DOM
Kapitel 28 — LONDON
Kapitel 29 — DOM
Kapitel 30 — LONDON
Kapitel 31 — DOM
Kapitel 32 — LONDON
Epilog — LONDON
Impressum
Lust auf more?
Widmung
Dieses Buch ist all den Neuanfängen gewidmet, die zu den besten Geschichten führen.
LONDON
»London, London, London.«
Sie heißt Nancy, und die Art, wie sie meinen Namen ausspricht, deutet entweder darauf hin, dass sie gleich einen Witz macht – den ich garantiert schon mal gehört habe – oder dass sie sehr zufrieden mit unserem ersten persönlichen Treffen ist.
Da ich erst seit zehn Minuten mit ihr in diesem Büro sitze, kann ich sie noch nicht gut genug einschätzen. Ich kenne diese Frau kaum, geschweige denn ihren Tonfall. Eins weiß ich allerdings: Sie liebt Lila. Das verraten mir die zahllosen Lavendel-Schattierungen ihres geringelten Oberteils.
Das hier ist das letzte Gespräch des definitiv, absolut sicher, hoffentlich letzten Vorstellungsprozesses, bevor ich dieser Phase meines Lebens endlich das Etikett NICHT MEHR ARBEITSLOS anhängen kann.
In den letzten Wochen haben wir uns schon eingehend via E-Mail ausgetauscht, während ich meine Wohnung zusammengepackt und mein Leben in Columbus, Ohio, hinter mir zurückgelassen habe. Der Job hier hat sich aufgetan, nachdem ich mein Profil bei HireMe aktualisiert und mit angehaltenem Atem gewartet habe. Zwei geschlagene Wochen lang Stille, kein einziges passendes Jobangebot in Cleveland. Nein, das stimmt nicht ganz. Es gab jede Menge Angebote, aber keines davon ist über ein erstes Gespräch hinausgegangen.
Ich kann mir schon denken, woran das liegt. Ich bin die Neue in der Stadt. Die Neue mit einem gigantischen, widerlichen Makel. Wie ein Rotweinfleck auf einem weißen Teppich, auf den dann noch ein Hund gekackt hat. Und damit sich auch die ganze Welt für immer und ewig daran erinnert, wurde das Ganze fotografiert und ins Internet gestellt.
»Nancy, Nancy, Nancy.« Ich lächle sie an, obwohl ich nicht weiß, was mich erwartet. Nach all den E-Mails, die wir gewechselt haben, könnte man uns beinahe als Brieffreundinnen bezeichnen, wenn es so was heutzutage noch gäbe. Sie hat etwas von einer netten Tante, mit der ich mein ganzes Leben lang kein Wort gewechselt habe, bis ich sie um einen Gefallen bitten musste. Und natürlich wird sie mir den Job geben, was auch sonst.
Oder vielleicht sind das auch nur meine übertrieben positiven Mantras, mit denen ich das Universum dazu bringen will, mir wieder ein sicheres Einkommen zu gewähren. Bitte, Nancy und Gott, lasst mich diesen Job bekommen, damit ich weiterhin meine Rechnungen bezahlen und eine erfolgreiche Erwachsene sein kann.
»Ich muss sagen, läge die Entscheidung allein in meinen Händen, würde ich dir den Job auf der Stelle geben.« Grinsend legt Nancy meinen Lebenslauf beiseite, den sie vermutlich jeden Abend vor dem Schlafengehen liebevoll streichelt.
»Und ich dir«, witzle ich mit einem Zwinkern. Mit Grübchen in den Wangen lächelt sich mich an. Ja, wir sind definitiv auf dem richtigen Weg, um Wein-Freundinnen zu werden. Bitte, Nancy und Gott, lasst uns Wein-Freundinnen sein.
»Aber du weißt natürlich, dass es noch einen wichtigen letzten Schritt gibt.« Vorsichtig legt sie die Hände auf den Tisch, und ihr Lächeln verrutscht etwas. Von irgendwoher streift mich eine kalte Brise und erinnert mich daran, dass wir eben doch noch keine Wein-Freundinnen sind.
»Ja«, sage ich, mich an die Laptoptasche auf meinem Schoß klammernd. Dieser letzte Schritt ist der Grund, wieso ich heute hier bin. Die letzte Hürde zwischen mir und einem potenziellen Megaklienten, der mir die nächsten sechs Monate finanzieren wird.
»Du musst den Doc kennenlernen.« Nancy lehnt sich zurück, als wollte sie sagen: Da kann ich nichts machen. Ihr zimtbraunes Haar schimmert im Sonnenlicht dieses Septembermorgens, das in ihr Büro fällt. Sie ist sicher ein echter Hingucker, wenn sie nicht gerade ihre Krankenhausuniform trägt und sich nach der Mittagspause sehnt. Ihre schmalen Augenbrauen verraten mir alles, was ich wissen muss. Diese Frau und ich sind uns ähnlicher, als ihr bewusst ist.
Und genau genommen gehört das alles zu meinem Job. Dem Job, den ich großartig machen würde, wie Nancy sehr genau weiß.
Dem Job, den »Doc« mir noch geben muss.
»Lass uns in sein Büro gehen.« Nancy erhebt sich.
Auf wackligen Beinen warte ich, bis sie hinter ihrem Tisch hervorgekommen ist und mich zu der schlichten schwarzen Tür führt, auf der »DOKTOR DALY« steht.
Noch will ich mich nicht zu sehr in Sicherheit wiegen, obwohl Nancy und ich vermutlich die besten Freundinnen werden könnten. Obwohl Nancy mich persönlich kontaktiert hat, weil sie so beeindruckt von meinem HireMe-Profil war.
Ich bin zögerlich, weil mein guter Name beschmutzt wurde – von meinem Ex-Chef, der auch in anderen Bereichen meines Lebens als Ex bezeichnet werden kann. Und da dieses Arschloch jeden in der Branche kennt, will niemand mehr mit mir in Verbindung gebracht werden. Deswegen dachte ich, die Medizinbranche sei vielleicht eine sicherere Wahl. Ich habe noch nie mit Ärzten und Ärztinnen gearbeitet. Nur mit Leuten aus Politik, IT, Profisport – und natürlich unbeholfenen Datengenies. Da wäre es doch mal eine nette Abwechslung, mit jemandem zu arbeiten, der sich meinen kleinen Zeh anschauen und mir sagen könnte, ob er tatsächlich gebrochen ist, nachdem ich ihn mir vor drei Wochen angehauen habe.
Ich kann nur beten, dass mein Ex dieses Feld nicht auch schon für mich ruiniert hat.
Nancy führt mich in das große, perfekt gestylte Büro von Dr. Daly. Es riecht unterschwellig nach Rasierwasser und Latex. Nancy bedeutet mir, auf einem der beiden Stühle vor dem edlen Schreibtisch Platz zu nehmen. Sie verspricht, dass der Doktor bald kommt, und sobald die Tür hinter ihr zuschnappt, gehe ich in den Analysemodus über.
Dr. Daly. Seinen vollständigen Namen kenne ich immer noch nicht, weil das gesamte Jobangebot so geheim ist, dass Nancy mir erst in der vierten E-Mail verraten hat, dass er Arzt ist. Viele Menschen wollen nicht mit mir in Verbindung gebracht werden, und das verstehe ich. Es kann ziemlich uncool sein, zuzugeben, mit einer Imageberaterin zusammenzuarbeiten oder, schlimmer noch, einer Partnervermittlerin. Ich bin beides – und stolz darauf –, je nach Situation mal mehr das eine und mal das andere.
So oder so poliere ich das Image meiner Kunden, ob es nun an die ganze Welt gerichtet ist oder nur an eine ganz bestimmte Person.
Ich beuge mich über Dr. Dalys Schreibtisch, suche nach Hinweisen auf seinen Charakter. Das Gebäude wird von einer Vielfalt medizinischer Fachleute genutzt, ich befinde mich allerdings in der kardiologischen Abteilung. Sein Schreibtisch verrät mir nichts. In einem Metallbecher stehen mehrere Stifte, ein einsames Laptopkabel deutet darauf hin, dass der Doktor das Gerät dabei hat. Es gibt keinerlei persönliche Elemente. Keine herzerwärmenden Familienfotos. Keine unordentlich gestapelten Akten oder hingekritzelte Notizen, die ihn daran erinnern, den Truthahn aufzutauen oder dringend neue Unterwäsche zu kaufen.
Dieser Mann hat mir keinen Hinweis auf seinen Charakter oder seine Vermittelbarkeit hinterlassen. Stirnrunzelnd lehne ich mich wieder zurück und trommle mit den Fingern auf der Armlehne meines Stuhls, während ich das restliche Büro betrachte. Alles ist so sauber und ordentlich, dass es mich nicht wundern würde, wenn der Teppich jede Nacht professionell gereinigt wird.
Der Mann legt also Wert auf Sauberkeit. Vermutlich ist er ein Ordnungsfanatiker – was Sinn ergibt, schließlich arbeitet er im Gesundheitswesen, wo Bakterien ein ständiges Thema sind. Vielleicht grenzt es sogar an eine Keimphobie? Ich werde darauf achten müssen, mir nicht mit der Hand über die Nase zu wischen oder zu popeln. Nicht, dass ich das jemals vor einem Klienten tun würde, aber es ist immer gut, die absoluten No-Gos schon vor dem ersten Treffen zu kennen. Ins Gesicht husten sollte ich ihm auch nicht.
Aber was noch? Ich entdecke ein paar Rahmen an der Wand, daneben einen hohen Holzschrank und eine weitere Tür, vermutlich ein Wandschrank oder der geheime, nur für Star-Chirurgen vorbehaltene Zugang zum Operationssaal. Ich stehe auf und gehe hinüber zu der Wand mit den Rahmen. Manche enthalten Zertifikate, im größten wird seine Doktorurkunde ausgestellt.
Die UNIVERSITÄT VON WASHINGTON verleiht DOMINIC DAMON DALY den akademischen Titel DOKTOR DER MEDIZIN.
Dominic Daly. Ich blinzle ein paarmal, während mein Blick über die schnörkelige Schrift huscht und ich die Worte verarbeite. Der Name kommt mit bekannt vor. Viel zu bekannt.
Stimmen vor der Tür lenken meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich nehme hastig wieder Platz. Die Tür öffnet sich, und ich höre eine tiefe Stimme: »Einen Moment.« Es ist fast schon ein Bellen. Das muss Dr. Daly sein. Kurz darauf kommt Nancy mit einem angespannten Lächeln ins Zimmer.
»Dr. Daly ist gleich für dich bereit«, sagt sie. »Er hatte gerade einen Beratungstermin in der Chirurgie und braucht immer ein paar Minuten, um sich mental einem neuen Thema zu widmen.«
Ich verstehe, was sie sagt, erkenne aber vor allem die wahre Bedeutung ihrer Worte. Er ist eine Primadonna, die man mit Seidenhandschuhen anfassen muss. Ich habe schon mit genug hohen Tieren gearbeitet, um zu verstehen, dass diese Situation voller Eierschalen und Seidenhandschuhe ist.
Einen Moment später schwingt die Tür hinter Nancy auf, und Dr. Daly tritt ein. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich drei volle Sekunden oder nur eine halbe braucht, bis ich bemerke, mit wem ich es zu tun habe. So oder so dauert es nicht lange. Das hier ist mein Spezialgebiet. Und mein interner Computer verrät mir das Folgende:
Dieser Mann ist ein Fuchs.
Dieser Mann ist ein Arsch.
Und dieser Mann arbeitet zu viel.
Mit dem Laptop unter dem Arm hat er den Blick auf ein paar Unterlagen in seiner Hand gesenkt, achtet kaum darauf, wo er hintritt. Um ein Haar prallt er mit Nancy zusammen, die ihm hastig aus dem Weg springt, wie sie es vermutlich jeden Tag tun muss.
Sein dunkles, beinahe schwarzes Haar ist in sanften Wellen zur Seite gekämmt, umrahmt zusammengezogene schwarze Brauen, als er an mir vorbei und hinter seinen Schreibtisch tritt. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt weiß, dass ich hier bin. Möglicherweise ist es ihm aber auch schlichtweg egal.
Doch als der Luftstoß, den sein rascher Schritt hinterlässt, an mir vorbeizieht, erhasche ich den Hauch von Vetivergras in seinem Parfum, und etwas tief in mir zieht sich zusammen. Wobei dabei wohl auch die Breite seiner Schultern und seine gut Eins Achtzig in diesem sexy weißen Kittel eine Rolle spielen.
Schließlich legt er seufzend seinen Laptop auf den Tisch und richtet den Blick aus seinen eisblauen Augen auf mich, womit er Teile meines Körpers, von deren Existenz ich nicht einmal wusste, in Flammen setzt. Mit diesem Blick könnte er sogar meine Milz erotisch aufladen, und ich frage mich unwillkürlich, ob seine Patienten trotz Vollnarkose erregt sind.
Doch als er mir schließlich ins Gesicht sieht, zuckt noch etwas anderes durch meinen Körper. Wiedererkennen. Nicht nur das peinliche Gefühl, jemandem nach zehn Jahren zufällig im Supermarkt zu begegnen, sondern die undeutliche Ahnung, sich plötzlich in einer sehr heiklen Situation zu befinden.
Ich kenne diesen Mann. Mit einem endgültigen, donnernden Klick fügen sich sein Gesicht und der Name auf dem Diplom zusammen.
Dominic Daly. Natürlich.
Was für ein Flashback aus meiner Bayshore-Vergangenheit. Ein unfassbar attraktiver, superheißer Flashback. Ein Flashback, der mich gerade mit gerunzelter Stirn mustert, sein Blick scharf wie Messerstiche.
»Soll das ein Scherz sein?«, spuckt er aus. Wie ein Peitschenschlag wandert sein Blick von mir zu Nancy. Ich bete für dich, Nancy.
Nancy tritt deutlich selbstbewusster an den Tisch, als ich es erwartet hätte. Vermutlich ist es nicht gerade ein Vergnügen, mit diesem Typ zu arbeiten. »Was meinen Sie?«
»Sie.« Dom deutet auf mich, als wäre ich nur ein Gegenstand. Schlimmer noch, als wäre ich ein Haufen Müll, der seit sechs Wochen am Straßenrand vor sich hin gammelt. Als wäre ich die vergessene Tupperdose ganz hinten in der untersten Schublade, an die sich schon lange keiner mehr erinnern will. »Sie ist nicht die Richtige für den Job. Vorstellungsgespräch beendet.«
Mit zusammengebissenen Zähnen beobachte ich, wie er die Fingerspitzen auf die Tischplatte presst, sich vorbeugt, um seine Dominanz deutlich zu machen. Ich straffe den Rücken, während ich in Gedanken meine Optionen durchgehe. So wenig ich damit gerechnet habe, dieses Gespräch heute mit Dominic Daly zu führen – eine solche Reaktion habe ich noch viel weniger erwartet.
In der Highschool hatten wir nie Probleme miteinander. Ich habe keine Ahnung, wieso er mich jetzt so behandelt. Es sei denn, mein Ex ist irgendwie zu ihm vorgedrungen. Doch das erscheint mir unmöglich. Wie etwas aus einem übertriebenen Fiebertraum.
Ich habe keine Zeit, mich so behandeln zu lassen. Nicht mehr. Nicht nach dem, was in Columbus passiert ist. Nicht einmal, wenn ich damit ein fünfstelliges Honorar für einen sechswöchigen Job ausschlage.
»Großartig. Vorstellungsgespräch beendet.« Ich sehe Dominic direkt in die Augen, als ich mich erhebe, damit er die eiserne Schärfe in meinem Blick auch sicher spürt.
Nur Nancys enttäuschter Blick löst einen kleinen Funken Reue in mir aus, als ich an ihr vorbeimarschiere.
DOM
Diese ganze Woche war einfach beschissen. Nein, schlimmer noch. Sie war ein Wanderzirkus mit unheimlichen Clowns und unterernährten Elefanten und Karussellbetreibern, die mir versprechen, dass ihr Fahrgeschäft in letzter Zeit niemanden umgebracht hat.
Und gerade hat der Star dieses zweitklassigen Zirkus die Manege betreten – und sogleich wieder verlassen, während meine zuverlässige Assistentin aus meinem Büro stolpert, um der einen Frau zu folgen, die ich niemals einstellen könnte.
»London!«, ruft Nancy, als sie durch die Tür rennt. »Warte doch bitte!«
»Lassen Sie sie gehen«, knurre ich, aber Nancy hört nicht auf mich. Natürlich nicht. Ich habe ihr dieses bescheuerte Projekt übertragen, und sie hat es gehegt wie ein neugeborenes Katzenbaby, das seine Milch nicht trinken will. Was bedeutet, dass meine Meinung plötzlich nicht mehr zählt. Anscheinend weiß Nancy es besser.
Stille füllt mein Büro, lässt die rasenden Gedanken in meinem Kopf zu einem Dröhnen anschwellen. Ich habe einen höllischen Morgen in der Notaufnahme und meine Routinerunde durch die Kardiologie hinter mir. Bei allen Patienten und Patientinnen, die ich heute besucht habe, war die Folgeversorgung der behandelnden Ärzteschaft mehr als mangelhaft. Ich musste sechs neue Patienten in meinen ohnehin schon übervollen Terminkalender quetschen, und das aus Gründen, die mit der grundlegendsten medizinischen Versorgung hätten vermieden werden können.
Wie üblich muss ich anderer Leute Fehler ausbügeln. Weil ich der einzige Idiot bin, der sich noch wirklich kümmert.
Vom Flur dringen gedämpfte Stimmen zu mir herein. Ich kann nicht ausmachen, ob Nancy London überzeugen konnte zu bleiben, hoffe aber, dass dem nicht so ist. Denn London ist keine Option. Und das hat nichts mit der Tatsache zu tun, dass mir vom bloßen Anblick ihres blond schimmerndes Haars flau im Magen wird, oder dass ihre locker sitzende Bluse diesen Kardiologen beinahe selbst mit Herzproblemen in die Notaufnahme befördert hätte.
Nein, ich könnte einen ganzen Block mit all den Gründen füllen, wieso London keine Option ist. Ich könnte diese Liste sogar alphabetisch sortieren, wobei ich das realistisch gesehen wohl eher Nancy überlassen würde. Ganz oben steht jedenfalls: Sie kommt aus Bayshore.
Wir sind zusammen zur Schule gegangen, was bedeutet, dass sie mich damals kannte, inklusive meiner unfassbar bescheuerten Frisur im letzten Schuljahr, die aussah, als wäre ich in einen Wirbelsturm geraten, der meine Haare senkrecht in die Höhe geföhnt hat.
Schlimmer noch, sie ist Hazel Mathesons beste Freundin. Hazel ist die aktuelle Partnerin meines jüngeren Bruders Grayson. In den letzten paar Wochen habe ich London immer wieder in Graysons Social-Media-Posts aufblitzen sehen, wenn er glücklich verliebte Fotos davon postet, wie er sich in Hazels Leben in Bayshore integriert. Natürlich beinhaltet das auch Unternehmungen mit Hazels bester Freundin und Komplizin, dieser platinblonden Bombe, die gerade noch direkt vor mir saß.
Wenn es irgendjemanden gibt, der nichts davon erfahren soll, dass ich eine Partnervermittlerin anheuern muss, weil ich zu beschäftigt bin, um mir selbst eine Frau zu suchen, dann sind es meine Brüder. Vor allem aber Grayson.
London kennt meine Familie. Also weiß sie zu viel. Es ist völlig ausgeschlossen, ihr diesen Job zu geben.
Einen Moment später streckt Nancy den Kopf durch die offene Tür, die Augen zu Schlitzen verengt. Es ist nicht zu übersehen, wie aufgebracht sie ist, aber vermutlich steht London hinter ihr und verhindert somit einen richtigen Wutausbruch.
»Dr. Daly«, presst sie durch zusammengebissene Zähne hervor.
»Ja, Nancy?« Ich klappe meinen Laptop auf und logge mich ein.
»Sie müssen London kennenlernen.« Ihre Stimme ist leise, bedrohlich. Eine Tonlage, die ich noch nie zuvor an ihr gehört habe. Ich mustere sie von oben bis unten, versuche herauszufinden, wo genau wir uns auf der Ich meine es verdammt ernst-Skala befinden.
»Wieso?«
»Weil ich Wochen damit verbracht habe, die perfekte Kandidatin zu finden, und sie die Einzige ist, die infrage kommt.«
Ihre aufgebrachten Worte erinnern mich schmerzhaft daran, wieso ich überhaupt in dieser Situation bin. Ich habe ihr diesen zweifelhaften Auftrag gegeben – Suchen Sie mir eine Kupplerin, damit ich endlich eine Ehefrau finde. Im besten Fall unangenehm, im schlimmsten unprofessionell. Doch die Uhr tickt, und ich habe keine Zeit mehr für Anstand.
Ich hätte schon vor drei Wochen eine Ehefrau gebraucht.
»Sie verstehen das nicht«, sage ich. Genervt stehe ich auf. »Sie. Passt. Nicht.«
»Nein, Sie verstehen nicht«, erwidert Nancy, bevor sie ein paar Schritte in mein Büro macht. Ihre Hände sind zu Fäusten geballt, und plötzlich ist glasklar, wo wir uns auf der Ich meine es verdammt ernst-Skala befinden. Ich bin zu weit gegangen. »Es gibt keine andere. Also müssen Sie damit klarkommen, mein Lieber.«
Ich knirsche mit den Zähnen, halte ihrem Blick in einer Art merkwürdigem Showdown stand. Wären wir im Wilden Westen, hätten wir Pistolen in der Hand. Wären wir im OP, wären es Skalpelle. Doch hier in meinem Büro haben wir nur zusammengebissene Zähne und unterdrückte Beleidigungen.
»Na schön.« Plötzlich ist mir so heiß, dass ich meinen weißen Kittel ausziehe und ihn an die Badtür hänge. Sie hat mich noch nie »mein Lieber« genannt, und das ist der entscheidende Hinweis, dass ich etwas nachgiebiger sein muss. Ich will mich nicht mit London unterhalten, aber ich kann Nancy zumindest etwas entgegenkommen. Ich werde mit London reden, bis ich mir irgendeinen absurden Grund ausgedacht habe, um sie zu feuern.
Trotzdem ist das verdammt peinlich. Denn London ist die Art Frau, die jeden haben kann, und meine Situation erweckt den Anschein, als wäre bei mir das Gegenteil der Fall. Das hier ist die unattraktivste, unmännlichste Position, in der ich mich jemals befunden habe. Klar, ich weiß, wie man ein Skalpell schwingt, was mir immer ein paar Attraktivitätspunkte einbringt, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich damit bei dieser Hammerfrau, die mir eine Gattin suchen soll, durchkomme.
Nancy verlässt mein Büro und kehrt einen Augenblick später mit einer misstrauisch wirkenden London zurück. Nachdem London wieder vor meinem Schreibtisch Platz genommen hat, bleibt Nancy an der Tür stehen.
»Soll ich bleiben?«, fragt sie.
»Vermutlich solltest du ihn im Auge behalten«, sagt London trocken. »Falls er mich wieder rauswirft.«
»Machen Sie, was Sie wollen, Nancy«, sage ich und schiebe die Hände in meine Hosentaschen. Ich bin noch nicht bereit, mich London gegenüberzusetzen, deswegen bleibe ich am Fenster stehen und sehe auf den Parkplatz hinaus. Ich versuche mich auf unwichtige Details zu konzentrieren: Heute sind jede Menge Autos hier. Das Laub der Bäume fängt langsam an, die Farbe zu wechseln. Irgendein Arschloch hat wieder mal viel zu dicht an meinem BMW geparkt.
Doch alles, was ich sehe, als ich über die Innenstadt von Cleveland blicke, sind das unvollendete Dokument auf meinem Computer und die letzten Worte meines Patienten – »Ich bin bereit, diesen Schmerz hinter mir zu lassen«.
Und unter all dem brodelt die saure Angst, direkt unter der Oberfläche. Eine Anspannung, die seit knapp einem Jahr in mir wächst.
London – beziehungsweise der Job, den sie erledigen soll – ist angeblich der Schlüssel, um diese Gefühle loszuwerden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das wirklich kann.
»Ich lasse die Tür angelehnt«, sagt Nancy schließlich mit erhobenen Händen wie eine resignierte Mom, die in ihrem Leben schon zu viele Streitereien schlichten musste. »So kannst du mich rufen, London, falls er dich anfallen sollte.«
Nicht gut. Sie verbünden sich jetzt schon gegen mich. London lacht trocken und inspiziert dann ihre Nägel, was absurderweise bedrohlicher wirkt als alles andere, was sie hätte tun können. Die unausgesprochene Erwiderung auf ihren Lippen fleht mich nahezu an, mehr zu verraten. Und Gott, ich bin viel neugieriger, als ich zugeben will.
Auf alles, was diese Hammerblondine zu bieten hat.
Mit zusammengebissenen Zähnen kehre ich an meinen Schreibtisch zurück. Ich kann das. Ich kann höflich ihre Qualifikationen überprüfen, mich künstlich über irgendeine mangelnde Dienstleistung in ihrer Arbeit aufregen und Nancy so dazu zwingen, in Windeseile eine Notfalllösung zu finden. Na ja, eine Notfall-Notfall-Lösung. Denn der tatsächliche Notfall hat schon vor zwei Wochen begonnen. Inzwischen sind wir schon bei Heilige Scheiße. Aber Nancy wird mir verzeihen. Ich bezahle sie dafür, mir zu verzeihen.
London sieht mich direkt an, als ich ihr gegenüber Platz nehme. Ich begehe den Fehler, ihrem Blick zu begegnen, und wieder passiert diese merkwürdige Sache in meiner Brust. Als Kardiologe bin ich nicht vertraut mit diesem Symptom, habe es vor langer Zeit aber schon einmal erlebt. Vor sehr langer Zeit, um genau zu sein. Damals, als ich dem Trugschluss der Romantik erlegen bin.
Ihre Augen sind grün, doch es ist kein gewöhnliches Grün. Sie sind gischtgrün, zugleich matt und wirbelnd. Es ist eine Farbe, die man nur in edler Kunst und tiefen Höhlen findet. Ich kann meinen Blick nicht davon losreißen.
»Was?«, fragt sie schließlich, als die Stille sich in die Länge zieht.
»Ignoriert er dich?«, ruft Nancy von ihrem Schreibtisch im Vorraum. »Das macht er bei mir auch ständig.«
Innerlich krümme ich mich vor Verlegenheit. »Nancy, das reicht jetzt.«
»Sorry, Dr. Dom«, sagt sie so lieblich, dass man das Lächeln in ihrer Stimme hören kann.
»Hör zu, ich weiß nicht, was meine Assistentin dir erzählt hat«, beginne ich in dem geschäftlich bestimmten Tonfall, der sonst nur Pharmazievertretern und besonders widerspenstigen Patienten vorbehalten ist, »aber die Tatsache, dass wir uns kennen, stellt ein Problem dar.«
»Ich verstehe nicht, wieso«, erwidert London. Ihre Stimme schwebt durch die Luft wie sanfte Harfenklänge. Wieder begegne ich ihrem Blick und bereue es sofort. Plötzlich kann ich nur noch an das Bild denken, das Grayson vor drei Wochen gepostet hat, als sie zu dritt auf dem Lake Erie fischen waren. Londons grau-schwarzer Bikini – und die sonnengeküssten Kurven darunter – hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt.
Ich rede mir gern ein, dass es nur daran liegt, dass ich seit einem Jahr mit keiner Frau mehr zusammen war, aber irgendwas an Londons Lächeln hat mich sogar durch den Bildschirm hindurch gefangen genommen. Das ist jetzt alles egal. Ich werde gleich mit ihr fertig sein.
»Das ist eine sehr delikate Angelegenheit«, erkläre ich, lehne mich zurück und lasse meinen Kugelschreiber klicken. »Es hat viel mit meinem Ruf zu tun, und sollte jemals etwas davon an die Öffentlichkeit dringen, dass ich … das hier tue, könnte es das Ende meiner Karriere bedeuten.«
»Aber die Tatsache, dass wir uns kennen, sagt nichts über meine professionellen Standards aus«, erwidert London und strafft die Schultern. »Es hat keinerlei Einfluss darauf, ob ich unsere Zusammenarbeit vertraulich behandle oder nicht.«
Sie hat recht. Ich muss wohl deutlicher werden.
»Du bist mit Hazel befreundet.« Wieder blitzen die Bilder von den dreien beim Fischen in meinem Kopf auf. Grayson muss mindestens dreißig Fotos hochgeladen haben. Ich könnte nicht sagen, ob sie auch nur einen einzigen Fisch gefangen haben, weiß dafür jetzt aber alles über Londons Lachgrübchen. »Und die ist mit meinem Bruder Grayson zusammen.«
Londons Miene fällt etwas in sich zusammen.
»Wie du dir vielleicht denken kannst, sind meine Geschwister und Eltern die letzten Menschen auf diesem Planeten, die von unserem Arrangement erfahren dürfen. Deswegen tut es mir leid, aber das Risko ist einfach zu groß.«
Sie macht sich keine Vorstellung von dem Wetteifer, der durch sämtliche Daly-Adern fließt. Wie unsere Familie daran wächst, sich gegenseitig zu überbieten und den eigenen Wert zu beweisen. Sie versteht nicht, dass genau dieser Wetteifer der Grund ist, wieso ich ihre Dienste überhaupt brauche.
Grayson hat die Liebe gefunden. Connor hat die Liebe gefunden. Und ich?
Ich habe keine Zeit für Liebe. Aber ich muss es so aussehen lassen, als hätte auch ich sie gefunden. Denn dieser Anschein wird mir die prestigeträchtigste, begehrteste, selbstgerechteste Position einbringen, auf die ich jemals hoffen kann: einen Platz im Aufsichtsgremium der Ärztekammer, einer hoch angesehenen – und berühmten – Vereinigung, die sich aus den renommiertesten Ärzten des Landes zusammensetzt. Mein Dad wird tot umfallen, wenn ich mir diese Position schnappe, und ich habe es fast schon bis in die finale Auswahlrunde geschafft.
Doch das ist noch nicht alles. Sollten sie mich akzeptieren, werde ich das jüngste Mitglied aller Zeiten sein. Ich bin bereit, Geschichte zu schreiben. Meinem überragenden Lebenslauf fehlt dafür nur eine Sache.
Und das ist eine Ehefrau.
»Wir können eine Vertraulichkeitsvereinbarung aufsetzen«, sagt London mit schmalen Augen, ein Ausdruck, der mir wohl klarmachen soll, wie offensichtlich diese Option ist. »Bei meinen hochkarätigen Klienten ist das ohnehin Standard. Ich kann gern einen entsprechenden Vertrag zu deiner Prüfung aufsetzen. Aber ich verspreche« – sie beugt sich vor, erlaubt mir damit einen winzigen Einblick in den Ausschnitt ihrer cremeweißen Bluse – »du musst dir keine Sorgen darum machen, dass meine privaten Beziehungen meine professionelle Integrität in irgendeiner Art und Weise beeinträchtigen. Hazel wird nichts von dieser geschäftlichen Vereinbarung erfahren, ebenso wenig wie Grayson.«
Jenseits meiner Bürotür stößt Nancy ein zufriedenes Mhm aus. Mit knirschenden Zähnen werfe ich den Stift, den ich die letzten fünf Minuten malträtiert habe, zurück in den Becher.
»Ich meine es ernst«, sage ich und fahre mir mit dem Daumen übers Kinn. »Wenn das hier irgendwie an die Öffentlichkeit gerät, bist du nicht nur gefeuert. Dann will ich mein gesamtes Geld zurück. Und ich werde dafür sorgen, dass du in ganz Cleveland keinen einzigen Auftrag mehr bekommst.«
Etwas blitzt in ihren Augen auf, verrät mir, dass meine Drohung Wirkung zeigt. Mit gesenktem Kinn bohrt sich ihr gischtgrüner Blick in mich.
Einen Moment später schießt ihr Hand vor, bereit, einzuschlagen. »Dann haben wir einen Deal, Dr. Daly«, sagt sie.
Bevor ich auch nur darüber nachdenken kann, ergreife ich ihre kühle, zarte Hand. Wir starren uns gleichermaßen herausfordernd und misstrauisch an, und mit einem Schlag wird mir etwas klar.
Ich will, dass es zwischen uns viel mehr gibt als nur diesen Deal.
Doch niemand ist besser darin als ich, die professionelle Grenze als fette schwarze Linie aufrechtzuerhalten.
London wird nicht mehr sein als eine unangenehme Lösung.
Eine wunderschöne, Fantasie anregende Unannehmlichkeit mit Engelsstimme.
LONDON
Es ist Mittwoch, neun Uhr morgens, und damit bin ich nun offiziell seit einer Woche in meinem neuen Zuhause/Büro in Cleveland. Hier in dem Viertel namens Larchmere, das gut zu meiner unkonventionellen, künstlerischen und gemeinschaftsorientierten Ader passt, habe ich die perfekte Wohnung für mich gefunden. Schon nach der ersten Besichtigung war mir klar, dass ich problemlos die nächsten zehn Jahre hier verbringen könnte.
Davon ausgehend, dass Dr. Dom seine Drohung nicht wahr macht, mich wie eine Art Kardiologen-Mafioso aus der Stadt zu jagen, stehen die Aussichten darauf, mir hier ein gutes Leben aufzubauen, gar nicht mal schlecht.
Auf meinem frisch eingerichteten, spärlich, aber elegant dekorierten Schreibtisch steht eine dampfende Kaffeetasse. Anscheinend haben Dr. Dom, dieses Arschl… – ich meine, potenzieller neuer Klient –, und ich einen ähnlichen Geschmack.
Ich runzle die Stirn. Mein extrem verkrampftes Vorstellungsgespräch mit dieser Mischung aus McSteamy und Henry Cavill ist jetzt schon zwei Tage her, und ich habe immer noch keine Rückmeldung zu dem Entwurf der Vertraulichkeitsvereinbarung bekommen, den ich ihm noch am selben Tag geschickt habe. Ich denke viel zu oft über ihn nach, und das nicht nur in Bezug auf die Frage, ob er vorhat, mich anzustellen, sodass ich mir die nächsten sechs Monate etwas zu essen leisten kann. Nein, ich denke auf all die Arten an Dom, auf die eine Frau nicht an ihren potenziellen neuen Klienten denken sollte.
Zum Beispiel an seine Haare. Sie sind unmöglich und machen mich einfach wahnsinnig. Als hätte man ihm die künstliche Plastikfrisur einer Ken-Puppe transplantiert, nur dass sie an ihm wellig und weich aussieht. Genau genommen ist er eine Ken-Puppe, die limitierte OP-Edition, Skalpell inklusive.
Aber ich will nicht wirklich an etwas anderes denken als an seine Haare, denn das ist schon gefährlich genug. Mein Höschen könnte spontan explodieren, wenn ich zum Beispiel an seine Fingerknöchel denke, mit denen er sich über sein kantiges Kinn gestrichen hat. Oder an diese Schultern, breit und stark unter dem weißen Kittel, als wäre er in Wirklichkeit ein Model, das in Hollywood angeheuert wurde, um Arzt zu spielen. Und Himmel, diese Augen. Der Inbegriff von blauem Eis.
Ganz bestimmt sollte ich nicht darüber nachdenken, wie er wohl privat ist. Mir vorstellen, wie er sich im Kino Popcorn in den Mund wirft. Oder wie er an einem lauen Sommerabend lachend mit dem Rad einen Hügel runtersaust. Obwohl er vermutlich nie ins Kino geht oder Fahrrad fährt, ist es irgendwie erotisch, sich auszumalen, wie er Spaß hat.
Nein, daran darf ich wirklich nicht denken. Aber – ups, zu spät. Mein Höschen ist schon leicht angesengt.
Nancy hat mir versichert, dass unser Deal zustande kommen wird, aber das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Vielleicht sollte ich die Vertragsunterschrift von einem Notar beglaubigen lassen, nur um sicherzugehen, dass Dr. Dom auch wirklich vorhat, sich daran zu halten, und nicht einfach nur aus Spaß meine Karriere ruiniert.
Denn für mich ist diese Situation ein zweischneidiges Schwert. Erst vor Kurzem hat ein anderer Mann meine Karriere ruiniert, ohne mir vorher auch nur den Hauch einer Warnung zukommen zu lassen. Also muss ich mich wohl bei Dr. Daly für die Ankündigung bedanken, dass er mein Leben ruinieren wird. Aber nachdem ich ins berufliche Exil geschickt wurde und deswegen nach Cleveland flüchten musste, kann ich eigentlich nicht noch tiefer sinken. Hier habe ich mir noch nichts aufgebaut, was er einreißen könnte.
So wie ich mich kenne, werde ich im ersten Quartal nächstes Jahr allerdings schon vor den Grundmauern meines neuen Imperiums am Lake Erie stehen.
Was soll ich sagen? Ich bin eben effizient.
Mit einem leisen Bimmeln verkündet mein Computer den Eingang einer neuen Mail, und eine Welle der Aufregung schwappt durch meinen Körper. So wie bei jeder neuen E-Mail. Ist es endlich die unterschriebene Vertraulichkeitsvereinbarung, auf die ich warte? Ist es eine Antwort auf eine der vielen anderen Jobanfragen, die ich seit meinem Neustart in Cleveland verfolgt habe? Oder ist es nur ein weiterer Newsletter von diesem Yogastudio in Austin, in dem ich einmal war – vor zwei Jahren! –, von dem ich immer wieder vergesse, mich abzumelden?
Ich sinke auf den neuen, eleganten Bürostuhl, der meinen spartanisch schicken Stil unterstreicht. Die meisten Einrichtungsgegenstände habe ich aus meinem alten Büro in Columbus mitgehen lassen, als Kontrast dazu habe ich ein paar neue Teile in dem Vintageladen um die Ecke erstanden. Eine Wand meines Büros ist komplett verglast, sodass das goldene Herbstlicht den Raum erfüllt. Ich liebe dieses Büro jetzt schon. Es ist definitiv der beste Neuanfang, den ich mir nie gewünscht habe. Nie wollte. Den ich nach dem ganzen Mist aber absolut nötig hatte.
Neue E-Mail: Dominic Daly
Mein Magen zieht sich zusammen, als ich auf die Mail klicke. Sein Text füllt meinen Bildschirm. Zuerst fällt mir die Anrede ins Auge, »Liebe Miss Hayes«. Darunter steht nur eine Zeile: »Bitte Anhang beachten.«
Beigefügt ist die Vertraulichkeitsvereinbarung, und wer hätte das gedacht, sie ist sogar ausgefüllt und unterschrieben.
Ein kurzer Jubelschrei bricht aus mir hervor, und ich stoße eine Faust in die Luft. Gott sei Dank! Der Neustart meiner Karriere kann endlich offiziell beginnen. Ja, dieser Neustart hängt an dem attraktivsten Klienten, mit dem ich jemals zusammengearbeitet habe. Und ja, das Risiko, dass er sich als die unangenehmste Person herausstellt, mit der ich mich jemals werde auseinandersetzen müssen, ist extrem hoch.
Trotzdem ist dies der erste Schritt in meine Selbstständigkeit hier in Cleveland, und das, nachdem ich die berufliche Katastrophe des Jahrhunderts überlebt habe. Das hier ist eine vielversprechende Wendung nach einem langsamen Start. Und ich glaube fest daran, dass es weiter bergauf gehen wird, unter anderem wegen des Paragrafen in unserer Vertraulichkeitsvereinbarung, die es mir erlaubt, Dr. Dominic Daly als Klienten zu listen – natürlich ausschließlich unter Imageberatung. Von der Suche nach einer Ehefrau wird nirgendwo auch nur ein Sterbenswörtchen zu lesen sein.
Ich nehme mir ein paar Minuten, um diesen Sieg auszukosten, scrolle jubelnd durch den Vertrag, den ich vielleicht in einer passwortgeschützten Ecke meines Computers rahmen werde. Denn es ist offiziell: Ich habe meinen ersten großen Klienten an Land gezogen. Und damit natürlich jede Menge Arbeit.
Nachdem ich mich wieder gesammelt und meinen Kaffee getrunken habe, wähle ich Dominics Nummer. Nach dem zweiten Klingeln nimmt Nancy ab.
»Ich dachte mir schon, dass du es bist«, jubelt Nancy. »Ist das nicht aufregend?«
Wenn man sie so hört, könnte man denken, sie wäre diejenige, die gerade einen Megaklienten gewonnen hat. Dr. Daly muss sie wirklich gut bezahlen, dass sie so viel in sein Privatleben investiert.
»Ich bin froh, dass wir doch noch zusammengefunden haben«, sage ich, was so viel bedeutet wie: Wurde aber auch Zeit.
»Er wird auch froh sein«, verspricht Nancy. »Also, was ist der nächste Schritt?«
»Ich muss mit Dr. Daly reden«, erkläre ich. »Wir werden uns noch ein paarmal treffen müssen, bevor die eigentliche Partnersuche beginnen kann. Ich muss ein Gespür dafür entwickeln, wonach er sucht und warum.«
»Tja, dann hast du Glück«, sagt Nancy mit gesenkter Stimme, »er kommt nämlich gerade auf mich zu.«
Ich kann ihn regelrecht vor mir sehen: den ernsten Blick auf ein paar Unterlagen in seiner Hand gesenkt, dieser unerträglich großspurige Gang eines Mannes, der weiß, dass er der Einzige im Raum ist, der schon mal ein schlagendes menschliches Herz in der Hand hatte.
Es raschelt kurz am anderen Ende der Leitung, und ich höre gedämpft, wie Nancy den Doktor begrüßt, dann schiebt sie mich in die Warteschleife. Eine gefühlte Ewigkeit später klickt es wieder in der Leitung. Das Räuspern, das durch den Hörer dringt, lässt meine Arme prickeln – es ist Dominic.
»Okay«, sagt er statt einer Begrüßung.
»Ja«, erwidere ich, verliere jetzt schon die Geduld. »Hi. Ich bin’s, London.«
»Ich weiß.«
Ich schlucke schwer, spüre, wie meine Wangen rot anlaufen, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gibt, schließlich ist dieser Grießgram mindestens fünf Meilen Luftlinie von mir entfernt. »Ich habe deine E-Mail bekommen. Also gehe ich davon aus, wir können anfangen?«
»Klar.«
Er klingt nicht begeistert, aber damit habe ich auch nicht wirklich gerechnet. Im Hintergrund kann ich das Klappern seiner Tastatur hören. Entweder will er sich mit Arbeit von unserem Gespräch ablenken, oder er schickt Nancy gerade eine interne Nachricht: Ich werde mich noch dafür rächen, dass du mich überredet hast, London anzuheuern.
»Ich kann dir garantieren, dass der Prozess vollkommen schmerzfrei ist. Ich bin Profi.« Plötzlich wird mir bewusst, wie hochnäsig ich klinge, und mit einer erneuten Hitzewelle in den Wangen halte ich inne. Normalerweise mache ich mir keine Gedanken über so was, aber mit Dom bin ich einfach durchgehend angespannt. Warte nur darauf, dass er zuschlägt, entweder mit seiner Laune oder seinem unfassbar guten Aussehen. »Als Nächstes steht ein kurzer, simpler Fragebogen an. Der hilft mir dabei, dich besser kennenzulernen. Und damit meine Methode funktioniert, muss ich etwas über dich wissen.«
Er brummt. Mehr nicht. Stirnrunzelnd frage ich mich, ob ich irgendwas verpasst habe.
»Hast du das alles verstanden?«, frage ich.
»Ja.« Seine Tastatur klackert immer weiter.
»Okay, ich mach mir gleich eine Notiz, dass Gorillagrunzer bei dir Ja bedeuten.« Mein Witz stößt auf absolute Stille, also spreche ich schnell weiter. »Wir sollten ein Treffen ansetzen.« Ich öffne meinen digitalen Kalender, in dem sich unzählige leere Tage aneinanderreihen. Früher in Columbus war ich immer vollkommen ausgebucht. Und ich bin überzeugt davon, dass es bald wieder so sein wird.
Wenn ich mir diesen sexy Dämon aus der Kardiologenhölle angeln kann, dann schaffe ich alles.
»Ich bin ein viel beschäftigter Mann«, sagt er mit einem leichten Seufzen. »Können wir das nicht via E-Mail machen?«
»Könnten wir schon, aber dann kann ich dir nicht den erstklassigen Service bieten, für den du – ich meine, Nancy – mich angestellt hast.« Wenn er brüsk, unhöflich und kurz angebunden sein kann, dann bin ich eben spitzzüngig. Das ist eine allgemein bekannte Wechselwirkung in Klienten-Dienstleister-Beziehungen. Und ganz im Ernst, ich habe genug Stolz, um mich nicht einfach geschlagen zu geben und an meiner überhöflichen Unterwürfigkeit zu ersticken, wie manch andere in dieser Branche. »Es hat seinen Grund, wieso ich die ersten Interviews nicht per E-Mail führe. Auf dem Weg ist es zu einfach, zu lügen. Und ich bin hier, um jemanden zu finden, der mit dir arbeitet, nicht gegen dich.«
»Ehrlich gesagt, ich muss sie nicht mal wirklich mögen.«
Ich blinzle ein paarmal. Es ist nicht das erste Mal, dass ich es mit einem Klienten zu tun habe, der nur das Statussymbol der Liebe will, ohne die dazugehörigen Gefühle. Aber es überrascht mich jedes Mal aus Neue. Was gibt es Besseres, als jemanden zu finden, der dein Herz schneller schlagen lässt? Auch wenn ich momentan eine Auszeit von all diesen warmen, flauschigen Gefühlen nehme, während die Risse in meinem Herzen heilen, glaube ich trotzdem daran, dass es für jeden den passenden Partner beziehungsweise die passende Partnerin gibt. Für mich. Und ja, sogar für ihn.
Doch realistisch betrachtet duldet Dr. Dom vermutlich nichts, das den regelmäßigen Rhythmus seines steinernen Herzens aus dem Takt bringt.
»Das ist egal. Du hast mich für einen bestimmten Job angeheuert, und den werde ich auf die Art und Weise erledigen, die ich für richtig halte. Was bedeutet, dass ich jemanden für dich finden werde, der deine Grunzer und spärlichen Antworten zu schätzen weiß. Also, lass uns einen Termin festsetzen. Ich brauche sechzig bis neunzig Minuten deiner Zeit. Das Meeting kann überall stattfinden, zu jeder Zeit. Ich werde mich nach deinem Terminkalender richten, weil ich ja weiß, was für ein viel beschäftigter Mann du bist.« Am liebsten würde ich die Augen verdrehen, weil ich innerlich immer noch ein bissiger Teenager bin. »Die meisten dieser Treffen finden in einem Café, bei dem Klienten zu Hause oder in meinem Büro statt.«
Die darauffolgende Stille macht mich nervös. Nachdem ich so viel gesprochen habe, ist die Absenz seiner Stimme am anderen Ende besonders durchdringend.
»Klär das mit Nancy«, sagt er schließlich, und schon bin ich wieder in der Warteschleife.
Seufzend lehne ich mich zurück. Der Blick nach draußen lenkt mich von meiner Frustration ab. Ein süßes Hipster-Pärchen schlendert Hand in Hand an meiner Fensterfront vorbei, mit zusammenpassenden Nasenpiercings. Mein Blick wandert zu dem steinernen Blumentopf an der Tür, erinnert mich daran, dass ich mir noch überlegen muss, was ich dort anpflanzen will. Ab und zu genieße ich es richtig, zu gärtnern. Einfach um mich daran zu erinnern, dass ich etwas am Leben halten kann. Es ist sicher nicht meine oberste Priorität, scheint mir aber eine gute Fähigkeit zu sein. Für den Fall, dass mir unerwartet jemand eine Aloe schenkt oder die Apokalypse über uns hereinbricht.
»London?«, fragt Nancy, nachdem es in der Leitung klickt.
»Ja?«
»Oh, gut, er hat nicht einfach aufgelegt.« Nancy seufzt angespannt, ein Geräusch, dass ich schon oft gehört habe, nachdem sie mit Dr. Dom interagiert hat. »Also, dann schauen wir doch mal.«
»Sei ehrlich. Ist er immer so?«
Im Hintergrund höre ich Nancy tippen. »Immer wie?«
»Du weißt, wovon ich rede.« Als Nancy weiterhin nicht auf meine Frage eingeht, nehme ich all meinen Mut zusammen, um die Wahrheit auszusprechen. »Ist er immer so drauf, als hätte er einem Patienten das falsche Bein amputiert und ließe jetzt alle anderen dafür bezahlen?«
»Dr. Daly macht keine Amputationen«, sagt Nancy.
Das ändert nichts an meiner Aussage, doch Nancys gezischter Fluch lenkt mich davon ab, weiter nachzubohren. »Verdammt. Sein Terminkalender will sich nicht öffnen.«
»Machst du alle Termine für ihn aus?«
»Ja. Er ist gerade auf dem Weg in den OP, also ist es am besten, wenn ich ihm einfach sage, wann er wo sein soll.«
»Klingt nach einem Mann, der gern Befehle bekommt.«
Sie lacht bellend auf. Und lacht immer weiter. Als sie sich schließlich wieder unter Kontrolle hat, sagt sie: »O Gott, das war witzig.«
»Danke. Also habe ich recht?« Das hier ist schließlich alles Recherche. Wenn Dom eine geheime unterwürfige Ader hat, muss ich das wissen, bevor ich ihn mit jemandem verkupple.
»Nein. Überhaupt nicht. Ich meine, ja, es wirkt so, aber …« Sie hält inne, gedämpft höre ich sie dann sagen: »Ja, Dr. Daly. Alles wird auf Ihrem Schreibtisch bereitliegen, wenn Sie zurückkommen.«
Einen Moment lang dringt nur Stille durch die Leitung, als Nancy wieder spricht, ist ihre Stimme gesenkt. »Okay, er ist weg. Man könnte vielleicht sagen, dass Dominic die Hosen anhat, es aber mag, wenn jemand anderes seinen Gürtel festzieht. Wenn du weißt, was ich meine?«
Diese Antwort ist deutlich schlüpfriger, als ich es Nancy zugetraut hätte, vor allem in Bezug auf ihren Boss. Das wirft so viele Fragen auf. Woher weiß sie, wie er seinen Gürtel trägt? Und: Welche Farbe hat wohl seine Unterwäsche?
»Seid Dom und du …?«
»Nein, so habe ich das nicht gemeint! O bitte. Niemals. Ich bin verheiratet.«
»Das wollte ich auch gar nicht andeuten.« Ich muss gegen ein Lachen ankämpfen. Nancy klingt ernsthaft gekränkt. »Er ist nun mal ein attraktiver Mann.« Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Ihn als attraktiv zu bezeichnen ist, wie den Mount Everest einen Hügel zu nennen. »Ich bin mir sicher, er hat jede Menge … du weißt schon. Freundinnen. Dates. One-Night-Stands. Wie auch immer man es nennen will.«
Nancy schnaubt. »Dr. Dom hätte jede Menge Dates, wenn er jemals etwas anderem als seinem Computer und seinen Patienten Aufmerksamkeit schenken würde. Und genau da kommst du ins Spiel. Ich will, dass dieser Mann glücklich ist. Er behauptet, es macht ihn glücklich, Leben zu retten, aber wir wissen beide, dass er mehr braucht.«
Das ist faszinierend. Er liegt Nancy tatsächlich am Herzen. Obwohl er grunzt wie ein Wildschein und versucht, Leute aus seinem Büro zu werfen.
»Bezahlt er dich dafür, das zu sagen?« Die Frage klingt scherzhaft, ist aber ernst gemeint.
Wieder lacht Nancy, so heftig, dass sie ganz außer Atem ist, als sie hervorstößt: »Bist du immer so witzig?«
Nein. So witzig bin ich nur, wenn ich nicht versuche, überhaupt witzig zu sein, oder wenn mich der wahre Charakter eines neuen Klienten verwirrt. Beides kommt nur sehr selten vor. Laut sage ich: »Aber natürlich.«
Nachdem sie sich beruhigt hat, sagt Nancy: »Dr. Daly wirkt sehr ruppig, wenn man ihn nicht kennt, aber seinen Patienten gegenüber ist er einfühlsamer als jeder andere Arzt, den ich kenne. Und das will was heißen. Er mag von Stacheldraht umgeben sein, aber innen drin ist er pure Schokolade, weich und süß.«
Ich blinzle mehrmals, versuche, das plötzliche Verlangen nach Doms Schokoladeninnereien zu verdrängen. Aber verdammt, ich liebe Schokolade. Vor allem die weiche Sorte, die auf der Zunge schmilzt. »Das muss ich dir dann wohl glauben.«
Danach machen wir uns auf die Suche nach der ersten verfügbaren Lücke in Dominics Terminkalender. Durch einen glücklichen Zufall ist die schon morgen Mittag. Er macht immer eine Stunde Mittagspause, die er meistens in seinem Büro verbringt, wie mir Nancy erklärt. Doch da sein Ein-Uhr-Termin morgen abgesagt wurde, hat er keine Ausrede, um sich meinem Fragebogen zu entziehen. Nancy schlägt ein Lokal mit leichter Mittagskarte vor, da Dominic herzfreundliche Gerichte bevorzugt, wie Fisch und Mineralwasser.
»Typisch Kardiologe, oder? Vermutlich ist er gesetzlich dazu verpflichtet, so was zu essen«, murmle ich abwesend, was einen weiteren Kicheranfall bei Nancy auslöst. »War bestimmt Teil des hippokratischen Eids«, füge ich hinzu, was sie nur noch heftiger lachen lässt.
Als wir schließlich auflegen, kann sie kaum noch sprechen vor lauter Lachen, und ich fühle mich zugleich wie ein Rockstar und eine inkompetente Anfängerin. Wenn doch nur Nancy meine Klientin wäre. Nicht nur würde ich den absolut besten Partner für sie finden, sie würde für den Rest unseres Lebens meine Fünf-Sterne-Rezension von allen Dächern singen.
Aber Dom? Wenn ich Glück habe, gibt er mit drei Sterne – und das vermutlich nur auf Bing –, vorausgesetzt, ich finde auch nur eine einzige Person, die sein tiefgefrorenes Herz erwärmen kann.
Das Fragebogeninterview ist der perfekte Lackmustest, um herauszufinden, wie schwierig die nächsten sechs Monate wirklich werden. In beruflicher Hinsicht, aber auch auf sexueller Ebene.
Denn es gibt nicht ein einziges Körperteil an mir, das nicht auf diesen Mann reagiert, sobald ich ihn sehe. Die zehn Silben, die er mir heute übers Telefon zugeworfen hat, hätten genauso gut ein minütlich bezahlter Sexchat sein können. Er ist der Mount Everest der Attraktivität, und ich darf diesen Berg wirklich, wirklich nicht besteigen.
Dr. Dom will eine Zweckehe, und ich werde die passende Frau dafür finden.
Ich wünschte nur, wir wären uns unter anderen Umständen begegnet. In einer vollkommen anderen Realität. Einer Realität, in der er vielleicht eher in Betracht ziehen würde, sich zu mir hingezogen zu fühlen, denn mein Körper bettelt nahezu danach, etwas ganz anderes Zweckmäßiges mit ihm zu tun.
Aber jetzt ist er mein Klient. Diese Grenze zu überschreiten ist und war schon immer ein großes Tabu. Und nachdem, was ich in Columbus erlebt habe, ist diese Grenze deutlicher denn je.
DOM
Am ersten Oktober treffe ich mich mit London zum Mittagessen.
Nein, nicht zum Essen, für unser Interview. Etwas, das professionelle Geschäftsleute häufig für gewöhnliche, langweilige, nicht sexuelle Zwecke nutzen. Es ist kein Date, das zu Küssen, heißen Berührungen und Fummeln in der Besenkammer eines Restaurants in der Innenstadt von Cleveland führen wird.
Richtig. Das sollte ich mir eigentlich merken können. Ich sage mir diese Worte immer wieder vor, während ich meinen Wagen auf der Suche nach einem Parkplatz durch die engen Seitenstraßen lenke, bevor ich London auf der Dachterrasse des Restaurants treffe, das für seinen spektakulären Blick über den Lake Erie bekannt ist. Ich war erst einmal hier, ironischerweise bei einem der wenigen Dates, die ich nach der Uni hatte.
Natürlich war das Date damals ein Reinfall, hat mich nur an die zweite unerschütterliche Wahrheit erinnert, die mein Studium mir neben dem hippokratischen Eid eingetrichtert hat: Romantik ist Zeitverschwendung, weil Liebe ein Mythos ist.
