Makellose Männer -  - E-Book

Makellose Männer E-Book

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Beschreibung

Makellose Männer – im Leben schwer zu finden, im Text durchaus. Hier sind sie, die Träumer und Realisten, die Workaholics und Faulenzer, die Ehemänner und Liebhaber, die Väter und die Kinderlosen, die Skurrilen und sogar Surrealen. Und mancher Mann wird leider erst im Tod so richtig gut, das soll nicht verschwiegen werden. 14 Texte hat die Jury ausgewählt, die besten Texte haben Preise bekommen. Aber ob die besten Männer nun wirklich in den Preistexten zu finden sind, oder doch in den elf anderen? Mit Texten von: Nicola Tams, Anita Liebmann, Katrin Deibert, Christian Berner, Rosemarie Hinsch, Henrik Lode, Rainer Schildberger, Florian Schneider, Frank Schültge, Emm Stumm, Aylin Ünal, Andreas von Radetzky, Alexander Rapp, Isobel Markus, Doris Wiesenbach

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2019

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periplaneta

ALEXANDRA LÜTHEN (Hrsg.): „Makellose Männer – Wettbewerbsanthologie“

1. Auflage, Oktober 2019, Periplaneta Berlin, Edition MundWerk. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Korrektorat und Projektleitung: Melanie Jacobsen Cover: Thomas Beckmann Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-95996-166-0 epub ISBN: 978-3-95996-167-7

Makellose Männer

Anthologie zum Wettbewerb 2019

Autorenforum Berlin e.V.

Herausgeberin: Alexandra Lüthen

periplaneta

Vorwort

“Makellose Männer”

Bei den ersten beiden Wettbewerben mit den Themen „Der Kühlschrank verweigert jedes Gespräch“ und „Schlamm“ hatten wir noch viel Assoziationsspielraum gegeben. 2019 wurde es im dritten Wettbewerb ganz konkret: Makellose Männer waren gefordert.

Die eingereichten Texte eröffneten der Jury einen Kosmos von Wünschen und Vorstellungen, wie makellose Männer sein könnten, vor allem aber, an welchen empfundenen Makeln Männlichkeit erfahren wird. Ausgezeichnet werden drei Texte von außergewöhnlicher literarischer Qualität in drei ganz verschiedenen Dimensionen.

Den ersten Platz erhält „Die Krake“ von Nicola Tams. Ein Text, der sich achtarmig dagegen sperrt, sich klassifizieren zu lassen. Ein Mann, der sich gegen das Mannsein verwahrt und lieber anderen Spezies zurechnet, als das Risiko zu gehen, das ganze Leben mit nur einem Herzen und einem Gehirn und allenfalls zwei Armen zu erfahren.

Der zweite Platz geht an „Doppelbilder“ von Anita Liebmann, einen Text, der sich auf besondere Weise mit den Forderungen an Männlichkeit auseinandersetzt. Welche Rollen im Männerleben angeboten werden, für welches Fach man besetzt wird und ob man das Eine spielen kann ohne das Andere zu sein – das sind Fragen, die in den Doppelbildern gestellt werden.

Den dritten Platz verleihen wir für „Wünsch Dir was“ von Katrin Deibert. Auch hier ist der Mann an sich nur schwer zu sehen. Seine Makellosigkeit scheint ihm wichtig genug zu sein, dass er bereit ist, den finalen Preis dafür zu zahlen.

Alle drei Preistexte sind literarisch fein gearbeitet, haben einen unverkennbaren Erzählton, der die jeweilige Geschichte trägt und begleitet, und sind konsequent in dem, was es zu erzählen und vor allem auszulassen gilt.

Über die Preistexte hinaus haben wir eine Auswahl für die Anthologie getroffen, die die Breite des thematischen Arbeitens zeigt. Die Texte experimentieren mit Form und Inhalt. Es gibt szenische Dialogtexte, prosaische Betrachtungen, Verschränkungen von virtuellen und realen Welten. Es gibt verführerische Männer, abgründige, erträumte und verträumte. Verstorbene auch, was wäre das Mann-Sein schon ohne den Tod? Es gibt absurde Szenarien über im Wortsinne klebengebliebene Männer und welche mit unbezähmbarem Drang nach Abstand zu allem Möglichen.

Den „Makellosen Mann“ haben wir nicht gefunden. Aber ist die Suche nicht der schönste Teil der ganzen Sache?

Viel Freude beim Lesen wünscht im Namen der Jury und des Autorenforum Berlin e.V.

Alexandra Lüthen

Die Krake

Nicola Tams

Ich sehe die Vögel vor mir auf einem Stacheldraht sitzen und sitze in diesem kleinen Käfig, wie ein Ezra Pound, der für Mussolini im Gefängnis war. Genauso bezichtige auch ich mich des Rassismus, halte mich für einen Intoleranten, für einen, der für eine Haltung – aber was für eine? – im Gefängnis eine Strafe absitzt. Das Gefängnis ist wie ein offener Käfig, es ist dieser Metallkäfig draußen, in dem ich mit meiner Platzangst sitze und die Zeit abwarte, hoffe, dass durch das Warten ein wenig Linderung auftritt. Wie weit werde ich noch in diesem Käfig kommen können? Nicht weit, denke ich und begehre, dass auch mir eine Schwarze Schließerin zwei Mal am Tag die eisernen Türen öffnet, um magere Rationen auszuteilen. Ich möchte sie dann auch „Gottes Sendbote“ nennen. Auch ich fühle die Folgen der Dämmerung, es wird mir schwarz vor Augen, obwohl helllichter Mittag ist. Der einzige Ausweg ist manchmal der Wahnsinn oder das Krankenzelt. Ich träume davon, dass auch ich Hochverrat begangen habe. Unter tropischer Sonne. Wenn man in Einzelhaft ist, heißt das, dass man nicht kommunizieren darf. Aber schlimmer noch als die Einzelhaft ist es, inmitten einer Horde von Polizisten zu sein, wenn man Raumangst hat.

Du willst gar nicht aufstehen, schlägst die Decke noch nicht einmal zurück, hältst deine Füße unter ihr verschlossen, wie ein einarmiges Männchen, ziehst deinen Kopf aus der Umklammerung durch dich selbst hervor, als es klingelt und die Textnachricht eingeht - “lass mich hier nicht vor der Tür warten.”

Du hechtest, deine langen Arme im Gepäck, blau als würdest du dunkelblau schimmernden Lipgloss tragen, krakenartig hetzt du aus dem Bett, um einem Menschen, den du noch nie zuvor gesehen hast, die Tür zu öffnen. Der Andere im Zimmer kann nicht malen. Er ist ein verhinderter Künstler. Er ist die eigentliche Krake, sitzt da mit seiner schlechten Laune und versucht sie dir zu verderben. Aber er verdirbt sie dir nicht, kommt nur ein wenig durch auf deinen Lippen, die noch blau sind, als du die Tür öffnest und eine Frau vor dir steht.

“Da bist du, ich hatte dich erwartet,” sagst du, um euch beiden den Start ein wenig leichter zu machen und das Hotelpersonal nicht allzu sehr zu verwundern. Sie tritt in das Zimmer, als kanntet ihr euch schon Jahre, so wie du sie begrüßt hast. Sie lässt es sich nicht nehmen, dich warten zu lassen, hat als Erstes dein T-Shirt vom Sessel genommen und es auf einen anderen fallen gelassen. Sie hat es sich am Fenster bequem gemacht. Sie schaut nach draußen, während du noch die Tür abschließt. Sie beschwert sich und du öffnest sie wieder. Dann ziehst du dich unter die weißen Laken zurück und stellst dich vor. Sie kennt nun deinen Namen. Sie kann zu dir herein kommen unter das schützende Weiß, es wäre so einfach, warum warten, wenn es auch schnell gehen kann, komm doch, aber sie will nicht. Sie genießt es, dass du bettelst, ihr seid beide in eine Rolle eingetaucht. Später wird sie schon kommen, sagt die Logik, sie ist eine halbe Stunde für dich Fahrrad gefahren, sie hat eine Stunde auf einer Bank vor dem Hotel für dich verbracht. Der Kerl vor dir hämmert auf seine Leinwand. Du ziehst ihm den Pinsel weg und sagst, er soll warten, bis die Inspiration kommt. Es spielt keine Rolle, welche Farbe man wählt, wenn die Inspiration da ist. Sie sitzt genauso wenig an Tischen wie die Frau in das Bett kommt und du denkst daran, dass jede Minute, die sie nicht kommt, verloren ist. Sie scheint das anders zu sehen, gewinnt jede Minute etwas mehr Mut, dich hinein zu ziehen in das Spiel, in dem sie die Regeln macht. Als das Wesen endlich neben dir liegt, fällt dir zunächst der Bauch auf. Du kletterst den Körper entlang, siehst, dass er muskulös ist, auch wenn das Wesen sagt, es tanze nur und du willst einfach nicht aufhören. Ist die Krake jetzt endlich still, will sie gar nicht mehr, dass du abhaust? Du zeigst dich, schüttest die Farben auf die Leinwand, sodass es knallt auf dem Bild. Es wird sehr laut. Sehr, sehr laut. Und das Wesen wird bei jedem Biss weicher. Irgendwann hast du es geknackt. Hast verstanden, es mit deinen acht Armen und drei Herzen und neun Gehirnen zu umschließen und einen Spermiensack in eine Mantelhöhle zu entladen, sodass es mehr will. Nur hast auch du dich an die Berührung gewöhnt. Das Wesen ist kein Wesen mehr, es ist eine Frau mit einer Stimme und einem Charakter und sie beschwert sich, weil du mit deinen drei Herzen hinter einen Berg aus Schultern hältst. Die Musik ist laut, die Sonne grell. Ihr solltet spazieren gehen. Aber wer braucht schon Vorsicht, du jedenfalls nicht, du Faulpelz, ruft die Krake, du willst ihr ein für alle Mal das Schweigen beibringen, deswegen küsst du sie jetzt, küsst sie, bis das Blau sich von deinen Lippen löst und du wieder aufwachst, nein, das war kein Traum, diesmal nicht, sie sitzt noch neben dir und streicht sich über die sportliche Schulter, bedeutet dir, dass sie noch weiter gestreichelt werden will und du machst es, sitzt neben ihr auf dieser Bank, was du nie getan hättest, ein Typ wie du macht so was nicht, sitzt also schon seit einer Stunde neben ihr auf dieser Bank und versuchst, sie nicht zu quälen. Aber die Situation ist ungewöhnlich, sie schaudert dich, unter einem einfachen Baum, das Nichtstun, die vielsagende Stille, das nebeneinander miteinander Stillsein, die Tintenfischarme wissen nicht, wohin sie sollen, also legen sich ihre um dich und du deine auf ihrem Oberschenkel ab, wo sie aufhören zu zappeln. Die Nacht verbringst du allein im Schock und sie in der Badewanne. Sie schreibt dir jede Sekunde, was sie macht und du versuchst auszugehen, aber bleibst schließlich zuhause mit deinen Farben und dem Meerestier, beschließt dann, ihn dort zu belassen und am Morgen, ganz früh, zu ihr zu gehen, in die Sonne, dahin, wo du jetzt mit ihr sitzt und sie in deinen acht Armen, die jetzt nur noch zwei sind, vor dem Bösen in dir selbst versteckst, vor deinen drei Herzen, deinen neun Gedächtnissen und der Angst, dass aus den zwei Armen wieder eine Vielzahl werden könnten und du sie mit deiner achtarmigen Umarmung so sehr drückst, dass sie von dir fortlaufen könnte an einen anderen Ort. Plötzlich bist du es, der sich in sie hineinziehen lässt, nur ohne Penis, weil du das entscheidende Etwas vergessen hast und es ihr nicht anders geht. Irgendwie seid ihr doch alle gleich, ihr zehntausend Fische in diesem Meer. Gleichverrückt, gleichzuckend, gleichgleichgleich. Du hast es doch nur auf ihren Bauchnabel abgesehen, du Spinner. Deshalb hängst du jetzt auch halb zappelnd an dieser Leine, mit hundert Wäscheklammern angehängt, glatt und spiegelnd, fragst aber noch, ob sie dir einen Blowjob geben möchte. “Spinner!” Wird sie dich jetzt noch einmal sehen wollen, fragst du dich, während du dich wieder zwischen deinen Kissen begräbst, dahin, wo das Licht nicht kommen kann, dahin, wo sie dich nicht finden werden, die Armeen unglücklicher Affen, die in den Bäumen hinter der Bank sitzen und nur darauf warten, dass du dich verletzbar zeigst.

Doppelbilder

Anita Liebmann

Zwei makellose Menschen. Einer, der den Blick vor Ergriffenheit nicht abwenden kann. Der andere mit geschlossenen Augen. Der eine, den seine Liebe verdoppelt, der andere, in Fürsorglichkeit in den Armen gehalten.

Ich versinke in das Delacroix-Gemälde. Als Vater. Verinnerliche den Blick des Vaters auf sein Neugeborenes. Weiß intuitiv, man sagt es nicht nur so – man gibt es, das eigene Leben für das seines Kindes. Weil sich der Sinn verdoppelt hat. Und aus Demut vor der eigenen Reichweite. Ich betrachte das Bild und weiß, wie absolut ausgefüllt ein Augenblick sein kann. Meine Vaterarme wissen, wie schwer ein Kinderkörper in den eigenen Armen wird, wenn er eingeschlafen ist. Wie man ihn endlos so halten kann. Weil die Dauer aus der Zeit entfernt ist. Ab und an eine Bewegung in Streichelgeschwindigkeit. Sporadisch Unmut auf das Dielenholz unter den Füßen, das knarrt wie ein Magen ohne Mahlzeiten, während sich gerade ein Augenpaar schließt.

Ich erschließe mir die Bildbiografie. Delacroix malte die Szene inspiriert von den Worten aus Chateaubriands Atala