Malé - Roman Ehrlich - E-Book

Malé E-Book

Roman Ehrlich

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Beschreibung

Longlist - nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020

Alle Versuche, die Malediven vor dem steigenden Meeresspiegel zu retten, sind gescheitert, Pauschaltouristen haben sich neue Ziele gesucht, und der Großteil der Bevölkerung musste die Inseln verlassen. Gleichzeitig ist die heruntergekommene Hauptstadt Malé zum Ziel all jener geworden, die nach einer Alternative zum Leben in den gentrifizierten Städten des Westens suchen. Und so wird die Insel für die kurze Zeit bis zu ihrem Untergang zur Projektionsfläche für Aussteigerinnen, Abenteurer und Utopistinnen, zu einem Ort zwischen Euphorie und Albtraum, in dem neue Formen der Solidarität erprobt werden und Menschen unauffindbar verschwinden. Mit »Malé« fängt Roman Ehrlich die komplexe Stimmungslage unserer Zeit ein und verwebt die Geschichten rund um die Sehnsüchte und das Scheitern seiner Figuren zu einem Abbild all der Widersprüche, die das Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausmachen.

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© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

[Motto]🌒🌓🌔🌕🌖🌗🌘🌑
🌒

Dem Gefesselten erscheint es seltsam, dass man ihn in einen Kellerraum gebracht hat. Er ist immer davon ausgegangen, dass es auf der Insel keine Kellergeschosse gibt oder dass sie längst geflutet sein müssten.

Der Gefesselte wurde auf einen Holzstuhl gesetzt und dort festgebunden. Davor hatte man ihm einen Baumwollsack über den Kopf gestülpt und mit einem harten Gegenstand gegen das Gesicht geschlagen. Der Gefesselte hat eine Wunde unter dem linken Auge. Er spürt, wie sie im Rhythmus seines Herzschlags pulsiert. Die linke Gesichtshälfte ist angeschwollen, die Haut spannt. Der Gefesselte würde seine Wunde gern desinfizieren. Wer weiß, denkt er sich, wer diesen Sack vor mir schon über dem Kopf gehabt hat.

Seine Entführer haben ihn auf den Stuhl gebunden, er hörte ein spitzes Hämmern, einige Schläge und dann ein kontinuierliches Rauschen und Plätschern, als würde ein Schwimmbad eingelassen. Der Baumwollsack wurde ihm vom Kopf gezogen, der Gefesselte hörte, wie in seinem Rücken eine schwere Stahltür zugeschlagen wurde. Er schaute sich um und begriff, dass man ihn in einen Kellerraum gebracht hatte, was ihm seltsam vorkam, eben weil er auf der Insel noch nie in einem Kellerraum gewesen war und geglaubt hatte, dass sie nicht existieren oder längst geflutet sein müssten.

Der Kellerraum wird von einer Leuchtstoffröhre beleuchtet, die an der niedrigen Decke befestigt ist. Ein schmales Kellerfenster aus dicken Glasbausteinen befindet sich unterhalb der Zimmerdecke, dem Gefesselten gegenüber. In einen dieser Glasbausteine ist von den Entführern – das war das spitze Hämmern, das ich gehört habe, denkt der Gefesselte – ein Loch geschlagen worden, durch das jetzt mit großem Druck ein modrig brauner Wasserstrahl in den Kellerraum hereingeschossen kommt. Ich habe keinen Prozess bekommen, denkt der Gefesselte, fast belustigt von der einfachen Klarheit des Satzes. Überhaupt fühlt er sich nicht panisch, sondern sehr ruhig – auf eine unbeschreibliche Art überlegen. Es gab keine Anklage, man hat mir keine Gelegenheit gegeben, mich zu verteidigen. Ich weiß nicht, was mir vorgeworfen wird, wofür ich bestraft werden soll.

Der Gefesselte sieht keinen Sinn darin zu schreien. Das laute Hereinströmen des Wassers füllt den Raum, es ist um seinen Kopf herum und in den Ohren das einzige Geräusch, und der Gefesselte hat den Eindruck, als krieche das Rauschen des hereinströmenden Wassers auch unter die geschwollene Gesichtshälfte, als wäre die Wunde unter seinem Auge eine Öffnung, durch die das Rauschen in seinen Kopf gelangt, wie feine Finger oder Rauch, vielleicht ist auch der Schädel verletzt, denkt der Gefesselte.

Der gesamte Fußboden ist bald von einem gleichmäßigen, dunklen Wasserspiegel bedeckt. Kleine Galaxien aus Öl und Staub rotieren auf der Oberfläche um sich selbst, dazwischen aschene Papierfetzen und grobe Farbschuppen, die von den Wänden abgefallen sind. Aus der Wasseroberfläche heraus, wie die Gebäude der Insel aus dem Ozean, ragen Kabelrollen, Kisten, Papierstapel, Haufen aus Kram. Die Schuhe des Gefesselten stehen bis zum oberen Rand ihrer Sohlen im Wasser. Der Gefesselte spürt die Feuchtigkeit an seinen Füßen. Von dort, wo der Wasserstrahl auftrifft, treiben kleine Schaumberge zitternd davon und verteilen sich im Raum.

Dem Gefesselten wird klar, dass er sich vorsichtig bewegen muss. Dass ein Umfallen des Stuhls die Lebenserwartung in seiner speziellen Lage nochmal drastisch verkürzen würde.

🌒

An der Stelle, an der Frances Ford vor einer fast blinden Fensterfront steht, im Licht der schmutzigen Scheiben, die von den grell zwischen den Wolken hervorbrechenden Strahlen der Nachmittagssonne angeschienen werden, der ganze Staub, das Salz und der Dreck auf dem Glas golden aufleuchtend, ist der dunkelblaue Teppichboden über die Jahre ganz bleich geworden. Selbst in den Augenblicken, in denen die Sonne hinter den schwer dahintreibenden Wolken verschwindet, das Leuchten der schmutzigen Scheiben weggedimmt wird, steht Frances Ford in einem lichten, hellblauen Rechteck, im verwaisten Frühstücksraum des Royal Ramaan Residence Hotels, in der sogenannten Daisy Street, in einem Viertel, das die neuen Bewohner der Stadt als Stearson Patch bezeichnen, benannt wahrscheinlich im Andenken an einen der frühen Pioniere, die sich hier nach dem völligen Zusammenbruch der Inselrepublik als Erste angesiedelt haben und denen die bereits bestehenden Namen der Orte nichts bedeuteten oder einfach zum ständigen Aussprechen zu kompliziert waren.

Über die Möbel hat sich eine dichte Staubschicht ausgebreitet. Auch auf der Luft, die sich seit Jahren nicht bewegt hat, liegt der Staub, alt und tot, denkt Frances Ford, und jeder Atemzug dieser staubigen Luft beißt in der Nase und füllt die Lunge mit einem schweren, das Herz ganz düster verschattenden Gefühl. Nirgendwo in dem weiten Raum, der tiefer im Innern des Gebäudes in permanente Dunkelheit getaucht ist, wollten sich die beiden gerne hinsetzen.

 

Seit ein paar Tagen steht das Wasser fast knietief in den Straßen. Durch den Dreck auf den Scheiben kann Frances Ford die Umrisse eines Fahrzeugs ausmachen, das sich vom Gebäude des Hotels entfernt und in eine schmalere Seitenstraße einbiegt. Ein Amphibienfahrzeug, mit hohen Reifen und einem Schiffsrumpf, davon hat sie schon einige in der Stadt gesehen. Vielleicht ist es auch nur jedes Mal dasselbe, das ihr ständig wiederbegegnet, weil der Raum, auf dem man sich hier bewegt, so begrenzt ist. Es ist durch die schmutzigen Scheiben nicht wirklich zu erkennen, für Frances Ford aber bereits aus der Erinnerung an den Anblick einfach zu ergänzen, wie das Fahrzeug seine Spur durch das dunkle, ölige Wasser zieht, wie kleine Wellen sich keilförmig am Heck des Fahrzeugs bilden und an die Ränder der Straße hinrollen, gegen die Hauswände schwappen, wo sie einen Tumult verursachen unter den Plastikflaschen und dem anderen Müll, der sich dort angesammelt hat.

Frances Ford hat sich mit dem Vater der verstorbenen Schauspielerin Mona Bauch im Frühstücksraum des Royal Ramaan Residence Hotels verabredet, weil dieses Hotel – wie auch die Schauspielerin Mona Bauch – sehr häufig in den Aufzeichnungen des Lyrikers Judy Frank erwähnt wird, dem sie selbst in vergeblicher Mission hinterhergereist ist und dessen Tagebücher, Briefe und Gedichte ihr unter die Haut und in die Seele gefahren sind wie die Feuchtigkeit in die Mauern dieser verlorenen Stadt.

Frances Ford ist etwa anderthalb Wochen vor dem Vater der Schauspielerin Mona Bauch in Malé angekommen. Sie empfindet dem verzweifelten Mann gegenüber einen Vorsprung an Wissen über die Verhältnisse. Gleichzeitig hat sie das Gefühl, dass ihr weniger Zeit übrig bleibt, bevor die umfassende Trägheit, das schwer über den Köpfen hängende schwüle Wetter, der Regen, die nagenden Wellen und die von einem bleichen Mond über die Insel hinweggezerrten Springfluten ihren Antrieb, ihre Kraft und ihren Willen vollständig aufgezehrt haben werden.

Der verzweifelte Vater hat seine Suche gerade erst begonnen. Für ihn gibt es außerdem einen Anhaltspunkt, der Frances Ford fehlt: Die Schauspielerin Mona Bauch hat sich vor zwei Monaten irgendwo hier in der ehemaligen Hauptstadt der Republik das Leben wahrscheinlich selbst genommen, ihr toter Körper wurde gefunden, es gibt Zeugen, die davon ausführlich berichtet haben, und zwei unterschiedliche, sehr unappetitliche Fotografien einer übel verunstalteten Wasserleiche, die für eine Weile im Internet kursierten. Vermutlich wurde sie auf einem der umliegenden Atolle verbrannt oder in einem Sammelgrab bestattet. Der Lyriker Judy Frank ist dagegen ohne Spur verschwunden. Über seinen vielleicht sogar zeitgleichen Selbstmord wird nur spekuliert. Man nimmt an, dass sie gemeinsam gegangen sind.

Der Vater der Schauspielerin Mona Bauch wird zuhause in Deutschland von seinen Angestellten beim Nachnamen genannt und von seinen Freunden, in Ableitung dieses Nachnamens, schon seit der Schulzeit eigentlich, im milden Spott der Zuneigung: Belly. In der Kneipe, in der man ihn gestern nach seinem Namen gefragt hat, wusste er nicht, wie er sich vorstellen sollte. Bauch war ihm zu förmlich, Belly zu privat und sein eigentlicher Vorname so fremd, als gehöre er einem anderen. Dabei war Elmar Bauch aufgefallen, dass er schon sehr lange niemanden mehr kennengelernt hat oder sich außerhalb der Arbeit einer fremden Person vorstellen musste. Er entschied sich zur Vorstellung in seiner Funktion, die ihn auf die Insel gebracht hat, als Vater der verstorbenen Schauspielerin Mona Bauch, um gleich auch klarzustellen, welche Art von Information er sich von den Leuten hier erhoffte: Klärung, einen Hintergrund, vor dem so etwas wie Trauer überhaupt erst möglich wäre, die dann hoffentlich die dumpfe Betäubung ablösen könnte, die ihn umfängt, seit er über sein Endgerät, von einer Push-Nachricht aus der Kategorie Celebrity Check, über den Tod der eigenen Tochter in Kenntnis gesetzt wurde.

 

In der Kneipe, die der verzweifelte Vater gestern zur ersten Orientierung auf der Insel aufgesucht hat, erzählte man ihm, es existiere eine Art Abschiedsbrief seiner Tochter. Man sei unter Umständen auch bereit, ihm diesen Brief zugänglich zu machen, es ließe sich da etwas einfädeln, ein Treffen arrangieren, zum gegenseitigen Nutzen. Frances Ford überhörte das Gespräch zwischen dem neu Angekommenen und der sehr muskulösen, strikt und kompromisslos auftretenden Niederländerin Hedi Peck am Tresen der Kneipe. Sie bot dem unbeholfen auftretenden Vater an, sich mit ihm am nächsten Tag im Royal Ramaan Residence Hotel in der Daisy Street zu treffen, sie habe ihm keinen Deal vorzuschlagen und sie könne ihm vielleicht auch nicht wirklich weiterhelfen, aber es gebe da eine Überschneidung von ihrer eigenen Suche und seiner, die ihn interessieren könnte.

Frances Ford erklärt dem Vater, der im Raum ein Stück weit hinter ihr steht, nicht im hellen Rechteck auf dem Teppichboden, aber noch im Licht der Fensterfront:

»Ich komme aus einer schönen Gegend in den Vereinigten Staaten, wo es im Winter noch richtig kalt wird und im Frühling sehr grün und lebendig ist, und ich habe an der Universität in meiner Heimatstadt Deutsche Sprache und Literatur studiert und auch einen Ph.D. in dem Fach gemacht, über deutsche Lyrik der Gegenwart. Mich haben vor allem die Lyrikerinnen und die Lyriker interessiert, die nach der Jahrtausendwende geboren wurden, in die Umbrüche nach 9/11, die großen Finanzkrisen und die ganzen Widersprüche der Zeit hinein, und wie sie das in ihren Gedichten versucht haben zu fassen, ganz grob formuliert, von ihrem Standpunkt in Europa aus, mit der speziellen Geschichte von Deutschland, wobei ich alles über das Motiv von der blauen Blume angeschaut habe, die ja für die Romantiker ein wichtiges Symbol gewesen ist, was auch in der DDR eine Rolle gespielt hat und dann später oft ein Chiffre geworden ist für die Politik von den Rechten im Land. Ich weiß nicht, ob Sie sich für zeitgenössische deutsche Lyrik interessieren. Das Symbol von der blauen Blume ist dort sehr präsent. Die ganze Symbolsprache der Romantik hat in der deutschen Lyrik der letzten Jahrzehnte eine Renaissance gehabt. Mein Doktorvater, für den ich an der Uni gearbeitet habe, wollte, dass ich meine akademische Karriere voranbringe und Aufsätze veröffentliche und er hat immer versucht, mir neue Themen zuzuspielen. Ich wollte aber meine Karriere nicht voranbringen. Ich wollte eigentlich gar nicht mehr an der Uni arbeiten. Vor ein paar Monaten hat mir mein Doktorvater von einer Konferenz in Deutschland den gesamten Nachlass von dem deutschen Lyriker Judy Frank mitgebracht, von dem wir damals noch nicht gewusst haben, dass es ein Nachlass ist, aber inzwischen glaube ich eben, dass Judy Frank gar nicht mehr am Leben ist, was auch mit ihrer Tochter zu tun hat.«

Der Vater der Schauspielerin Mona Bauch hört der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Frances Ford mit einer ihm selbst unbekannten Geduld bei ihren Ausführungen zu. Er erfasst jede Einzelheit überdeutlich und in völliger Klarheit und hat endlich das Gefühl, hier setzt jemand dazu an, ihm all das zu erklären, was bislang so unbegreiflich, unwirklich und albtraumhaft verschlossen gewesen ist. Der Vater der Schauspielerin Mona Bauch hat sich nie für zeitgenössische deutsche Lyrik interessiert.

»Der Lyriker Judy Frank«, fährt Frances Ford fort und hält dabei ihre zählenden Finger zwischen sich und den sehr aufmerksam zuhörenden Vater, »hat bei seinem Verlag in Deutschland neun Gedichtbände veröffentlicht – Verweilen unter schwebender Last, Motorisierte Mädchen, Welt ohne Ende, Die Lümmel aus dem Dritten Reich, Mein Leben als Kind, Ein Zweig und ein Zweiter, Eklipsen, Der Vibe von Wittenberg und Lachs, mein Hase –, bevor er seinem Verleger angekündigt hat, dass er nach Malé gehen will, weil es ihm auf dem Festland nicht mehr gefällt. Frank hat gehofft, dass er hier in Malé unter den Ausgewanderten eine Situation vorfinden könnte, die so wäre, wie er sich immer das Westberlin aus den achtziger Jahren vorgestellt hat, das ja auch eine Insel gewesen ist, die ein bisschen verloren war und wo auch nur hingewollt hat, wer schon etwas gesponnen hat und mit der ordentlichen Gesellschaft nicht richtig zurechtgekommen ist.«

Der Vater der verstorbenen Schauspielerin erzählt Frances Ford, während er noch auf ihre Finger schaut, die sich nach dem Aufzählen der Gedichtbände Judy Franks zu einer Form verschränkt haben, die ihn das Wort Indianertipi denken lässt, dass auch Mona von der Geschichte der geteilten Stadt Berlin fasziniert gewesen sei und dass er sich erinnern könne, wie sie einmal gesagt habe, das wäre das einzige Berlin, in dem sie gerne leben würde, dieses Westberlin von früher. »Ich glaube, mit dem richtigen Berlin von heute ist sie einfach nicht warm geworden. Und dann ist sie ja auch bald nach Frankreich gegangen und danach dann nach Kalifornien. Ich hätte es besser gefunden, wenn sie in Kalifornien geblieben wäre oder nach Deutschland zurückgekommen, aber ich wurde natürlich nicht gefragt, sie war ja längst erwachsen. Ich konnte mir das alles hier gar nicht vorstellen, aber ich dachte, es ist vielleicht gefährlich.«

Frances Ford nickt, ohne dem Gegenüber dabei ins Gesicht zu schauen. Sie will versuchen, so viel Abstand wie möglich zur Trauer des verzweifelten Vaters einzuhalten. Sie spürt, dass dieser Mann sie als jemanden oder etwas wahrzunehmen beginnt, der oder das in der Lage dazu sein könnte, ihm eine sehr schmerzliche, sehr frustrierende Puzzlearbeit abzunehmen und die bislang noch schlechtsortierten Teile zu einem verstehbaren Gesamtbild zusammenzubringen.

»Frank ist vor drei Jahren hierhergekommen. Und er hat von hier aus seinem Verleger in Deutschland immer wieder E-Mails und Manuskripte und Tagebücher geschickt. Er ist wahrscheinlich davon ausgegangen, dass der Verleger in Deutschland alles sortieren und veröffentlichen würde und ihm ein bisschen Geld überweisen, aber der Verleger ist sehr krank geworden und schließlich gestorben, und die Frau vom Verleger hatte kein Interesse, den Verlag weiterzuführen. Sie hat die ganze Korrespondenz und die Archive sortiert, verschiedene Festplatten angelegt, E-Mails ausgedruckt, Konten aufgelöst und dann alles verteilt und verschenkt an die Erstbesten, die sich dafür interessiert haben. So sind die Sachen dann über meinen Doktorvater zu mir gekommen. Ich habe die Gedichtbände von Judy Frank schon gekannt. Seine Inseltagebücher, Gedichte, Skizzen und Briefe aus Malé haben mich aber noch so viel mehr fasziniert als die publizierten Bücher. Erst habe ich versucht, über die Witwe von seinem Verleger einen Kontakt aufzubauen, dann ihm selbst direkt zu schreiben, und weil das alles nicht funktioniert hat, habe ich bei meinem Doktorvater Urlaub beantragt und bin hierhergekommen, um nach diesem deutschen Lyriker zu suchen, was ziemlich verrückt ist, weil er wahrscheinlich eh schon nicht mehr lebt und weil ich auch gar nicht sagen könnte, was passieren würde, wenn ich ihn finde. Also was ich mir vorstelle, was passieren soll. Vielleicht wäre ich gar nicht hierhergekommen, wenn ich nicht schon gewusst hätte, dass es keine Hoffnung gibt.«

»Ich fürchte, ich kann Ihnen da gar nicht weiterhelfen. Ich habe von meiner Tochter nur ein paar E-Mails bekommen, während sie hier gelebt hat. Die können wir uns aber gern nochmal gemeinsam anschauen, wenn Sie meinen, dass Ihnen das etwas bringen könnte.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihre Tochter und Judy Frank ein Paar gewesen sind oder zumindest romantisch verbunden waren. Meine Vermutung ist, dass Frank für Ihre Tochter einen Kosenamen gehabt hat. Wenn das stimmt, dann hat er sie Luna genannt und dann kommt sie in seinen Texten wirklich sehr oft vor.«

»Luna.« Elmar Bauch spricht den Kosenamen seiner Tochter ein paarmal laut aus und es gefällt ihm überhaupt nicht, wie das Wort sich unaufhaltsam ausbreitet, über sein Gehirn und die Erinnerung an das eigene Kind. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schrecklich das ist. Luna.«

»Es ist schwer zu sagen, wie man die Sache mit dem Abschiedsbrief Ihrer Tochter bewerten soll. Ich würde Ihnen aber raten, vorsichtig zu sein, dass man Sie nicht ausnutzt.«

In Gedanken fügt Frances Ford für sich noch die Worte im Moment Ihrer größten Schwäche hinzu.

 

Im Royal Ramaan Residence Hotel ist es nach seiner Aufgabe nie zu einer dauerhaften Hausbesetzung oder Weitervermietung der Räume gekommen. Vereinzelt liegen noch verschimmelte Matratzen in den Betten, mehrheitlich sind die Zimmer aber leergeräumt, alles von Wert abgeschraubt und herausgebrochen, es gibt keinen Strom und die Wasserleitungen sind längst tot und verrostet. Judy Frank hat das Hotel häufig zu beschreiben versucht. Er hatte sich gewünscht, eine Sprache zu finden, die über den üblichen Verfallstourismus und die Faszination für Ruinen hinaus darstellen könnte, was das für ein Ort ist, den die Menschen den Pilzen und Milben zum Aufbau ihrer mikroskopischen Gesellschaften überlassen haben.

[...]

Über Roman Ehrlich

Roman Ehrlich, geboren 1983 in Aichach, aufgewachsen in Neuburg an der Donau, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Bislang sind von ihm die Bücher ›Das kalte Jahr‹ (2013), ›Urwaldgäste‹ (2014), ›Das Theater des Krieges‹ (2017, mit Michael Disqué) und ›Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens‹ (2017) erschienen.

 

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Über dieses Buch

Alle Versuche, die Malediven vor dem steigenden Meeresspiegel zu retten, sind gescheitert, Pauschaltouristen haben sich neue Ziele gesucht, und der Großteil der Bevölkerung musste die Inseln verlassen. Gleichzeitig ist die heruntergekommene Hauptstadt Malé zum Ziel all jener geworden, die nach einer Alternative zum Leben in den gentrifizierten Städten des Westens suchen. Und so wird die Insel für die kurze Zeit bis zu ihrem Untergang zur Projektionsfläche für Aussteigerinnen, Abenteurer und Utopistinnen, zu einem Ort zwischen Euphorie und Albtraum, in dem neue Formen der Solidarität erprobt werden und Menschen unauffindbar verschwinden.

 

Mit »Malé« fängt Roman Ehrlich die komplexe Stimmungslage unserer Zeit ein und verwebt die Geschichten rund um die Sehnsüchte und das Scheitern seiner Figuren zu einem Abbild all der Widersprüche, die das Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausmachen.

Impressum

Originalausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2020 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Büro Ziegler

Coverabbildung: PeterHermesFurian/iStock und Nasa

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490200-5

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