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Am Malibu Beach wartet das Glück Nachdem ihr Mann viel zu früh gestorben ist, erscheint Caro die Welt nur noch grau und trostlos. Doch zum Glück hat sie gute Freundinnen, die sie wieder lachen sehen wollen. Kurzerhand organisieren sie einen Urlaub nach Malibu für sie. Zusammen mit einer Gruppe eigentümlicher Reisegefährten macht Caro sich auf an in die traumhafte Küste Kaliforniens. Aber auch hier lauern die Schatten der Vergangenheit. Kann Miturlauber Tom den Sonnenschein in Caros Herz zurückbringen? Und muss sie dafür ihre verlorene Liebe für immer loslassen?
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2019
MIRA® TASCHENBUCH
Copyright © 2019 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
Coverabbildung: StockSolutions/GettyImages E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN E-Book 9783745750706
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Ich lebe an einem märchenhaften Ort, obwohl mein Leben im Moment alles andere als märchenhaft ist. Andererseits können Märchen auch grausam sein. Aber haben sie nicht meistens ein Happy End?
Das Haus meines Großvaters zu übernehmen war ein Glücksgriff, auch wenn es ziemlich heruntergekommen war. Was wir in den letzten Jahren daraus gemacht haben, Aarón und ich, ist wirklich ganz wunderbar. Allein die Kletterrosen hinten an der Hauswand mit ihren dicht gefüllten cremefarbenen Blüten sind ein Blickfang. Ausgerechnet in diesem Jahr scheinen sie besonders prächtig auszutreiben. Als wollten sie mich trösten.
Jeden Tag nach dem Aufstehen laufe ich barfuß durch das taufeuchte Gras, atme die kühle Morgenluft und freue mich darüber, hier leben zu dürfen.
Ich zwinge mich zu diesem Ritual, damit wenigstens etwas bleibt, an dem ich mich festhalten kann. Auch wenn mir das Grün im Garten weniger freundlich und das Gelb der Osterglocken weniger leuchtend erscheint.
Die alten hohen Bäume, die mein Vater am liebsten gefällt hätte, weil die Buchen im Herbst so viel Laub abwerfen und die Tannen im Winter keine Sonne in den Garten lassen, sorgen an Sommertagen für ein zauberhaftes Spiel aus Licht und Schatten. Jetzt, im Frühjahr, sitzen die Elstern den ganzen Tag in ihren Baumwipfeln und schnattern. Deren Gesellschaft hätten wir sicher nicht, wenn wir die Bäume gefällt hätten.
Aarón hatte recht, sie können manchmal ganz schön nervig sein. Wenn es ihm zu viel wurde, hat er ihr Tschäk, Tschäk, Tschäk! lauthals nachgemacht. Er hat die Arme gehoben und ist flatternd durch den Garten gelaufen, um sie zu verscheuchen.
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Und dann sogar ein bisschen Schadenfreude. Ich glaube, sie haben sich nur über ihn lustig gemacht. Elstern sind intelligente Tiere.
Wenn Aarón erfolgreich war, sind sie dann bis hinüber auf Günters Grundstück geflogen, wo man sie nicht mehr wahrgenommen hat.
Irgendwie gehören sie doch dazu.
Irgendwie hat Aarón auch dazu gehört, sagt die Stimme in mir, aber ich möchte, so kurz bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit mache, nicht daran denken. Zumal ich heute einen Termin mit meinem derzeit wichtigsten Kunden habe.
Ich eile zum Hauseingang zurück. Lucía, die hinter den Rhododendronbüschen ihr morgendliches Geschäft erledigt hat, trottet mir gemächlich hinterher. An der Kokosmatte trete ich das Gras und Moos ab, das an meinen Füßen hängt, und beeile mich, unter die Dusche zu kommen.
***
Als ich abends halb sieben nach Hause fahre, sind meine Freundinnen schon da. In meiner Küche brennt Licht, und ihre Fahrräder stehen im Hof. Ich parke den Transporter daneben und stecke die Planungsunterlagen von Hattori, die ich auf dem Beifahrersitz liegen habe, in meine Tasche.
Normalerweise sind meine Kunden eher kleinere Fische, und meine Aufträge bestehen häufig darin, den Rasen zu mähen, die Hecke zu schneiden, mal einen Baum zu setzen oder, was des Öfteren vorkommt, einen zu fällen.
Zum Glück sind wir hier einigermaßen mit Tourismus gesegnet, und so lassen auch ein paar Hotels von mir gelegentlich ihre Rabatten pflegen. Doch Hattori will seinen kompletten Garten neu gestalten lassen. Mittlerweile plant er sogar einen Teich, was eine schöne Abwechslung für meinen Kollegen Yannick und mich wäre. Und das Beste ist: Geld spielt bei ihm offenbar keine Rolle. Eigentlich genau das, was ich im Moment brauche. Endlich mal keine Kompromisse! Enthusiastisch schlage ich aufs Lenkrad und steige aus.
Ich muss zugeben, heute freue ich mich sogar auf Tanya und Julchen. Mal sehen, was sie diesmal vorbereitet haben. Von Pizzaservice über köstliche Drei-Gänge-Menüs bis Barbecue mitten im Februar war schon alles dabei. Erst letzten Sonntag gab es bei Julchen einen tollen Osterbrunch für mich. Mit einem Berg selbstgemachter grüner Götterspeise, die derzeit zu meinen Hauptnahrungsmitteln zählt, vor allem an Tagen, an denen mir der Appetit fehlt.
Die beiden lassen seit Monaten nichts unversucht, um mich abzulenken. Mindestens zweimal in der Woche kommen sie zu mir, oft sogar noch zusätzlich am Wochenende. Dabei hätte ich manchmal lieber meine Ruhe.
Tanya reißt die Tür auf, als ich aufschließen will. „Da bist du ja, Süße! Ich wollte gerade noch den Apfelwein reinholen.“
Ich umarme sie und verpasse Lucía ein paar Streicheleinheiten. Die Jagdhündin hat hinter der Tür schon auf mich gewartet.
Dann gehe ich zu Julchen in die Küche und begrüße sie. „Danke, dass du dich heute um Lucía gekümmert hast. Zu Mister Superreich wollte ich sie nun wirklich nicht mitnehmen, und im Auto kann ich sie nicht mehr lassen.“
„Kein Problem! Ab und zu geht das. Ich war vorhin sogar schon ausgiebig mit ihr spazieren.“
„Du bist genial! Normalerweise kümmert sich Günter um sie, aber mein lieber Nachbar ist mal wieder verreist.“
Mit Schrecken fällt mir ein: Ich darf nicht vergessen, seine Hühner zu füttern. Julchen steht in Stöckelschuhen an meinem Herd und rührt in einem großen schwarzen Topf, den sie mitgebracht haben muss. Sie ist ein paar Jahre älter als ich und heißt eigentlich Jula. Ein wirklich schöner und seltener Name, wie ich finde. Aber sie ist so klein, dass ich eigentlich niemanden kenne, der sie nicht Julchen nennt. Sogar Sascha, ihr Mann.
Neugierig schaue ich über ihre Schulter. „Selbstgemachte Gulaschsuppe? Lecker! Ich bin gleich wieder da.“
Ich lasse mich zehn Minuten später frisch geduscht in Jogginghose und Aaróns blauem Lieblingsshirt auf die Eckbank plumpsen. Einen halben Tag lang Hecke schneiden und davor noch Projektplanung bei einem so peniblen Kunden war ganz schön anstrengend. Mehr als Butterbrot hätte es bei mir heute sicher nicht gegeben.
„Liebe hält anscheinend wirklich jung“, sage ich zu Julchen. „Ich fühle mich bereits um Jahre gealtert, dabei ist Aarón gerade mal ein paar Monate tot.“
Julchen starrt mich an, und ich wundere mich selbst, wie leicht mir dieser Satz über die Lippen gegangen ist.
Tot. Wie das klingt. So kurz und unscheinbar. Dabei ist das, was für die Angehörigen darauf folgt, verheerend.
„Das hat gar nichts damit zu tun. Ich hab dir immer prophezeit: Ab dreißig geht’s abwärts.“
„Ich bin aber erst neunundzwanzig!“, protestiere ich und stibitze mir eine Karotte vom Tisch.
„Nur noch vier Wochen!“ Julchen macht mir bewusst, dass ich immer noch nicht über meinen Geburtstag nachgedacht habe. Forschend sieht sie mich an. „Wir könnten im Ort einen Raum mieten. Ich kann mich ja mal erkundigen, was das so kostet.“
„Untersteh dich!“, sage ich barsch und rudere gleich zurück. „Nach Feiern ist mir im Moment einfach nicht zumute, Julchen. Dreißigster hin oder her.“
Julchens Blick ist verständnisvoll.
Tanyas hingegen sehr besorgt. „Du siehst geschafft aus, Caro!“, sagt sie, während sie uns Wein einschenkt.
„Vielleicht solltest du doch nach Berlin gehen, wo den Leuten das Geld locker sitzt, und du mehr Mitarbeiter einstellen kannst.“
„Wollt ihr mich so dringend loswerden?“, scherze ich. „Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit Yannick.“
„Eigentlich!“
Ich verdrehe die Augen und beiße in meine Karotte.
„Aber der Knochenjob!“, versucht Tanya es noch einmal.
„Den ich liebe! Ich könnte gar nicht wie du den ganzen Tag im Büro sitzen.“
„Ich mache Ausgleichsport!“
Julchen wendet sich vom Herd zu mir. „Wir meinen es doch nur gut mir dir, Caro!“
„Dann gebt mir endlich was zu essen. Ich falle gleich um!“
Sie stellt den Topf mit der Suppe in die Mitte des Tischs. Dann setzt sie sich zu mir. „Apropos Geld. Warst du heute erfolgreich?“
„Der Typ hält mich ganz schön hin. Ist ja klar, dass er es nicht eilig hat, er hat ja einen Garten. Aber wir sind wenigstens wieder einen Schritt weitergekommen.“
„Ich hab das Gefühl, der Mann bringt dir kein Glück“, sagt Julchen, doch davon will ich nichts hören.
„Aber ihr!“ Ich rühre mit der Kelle im Topf herum und schöpfe Suppe auf meinen Teller.
„Ach!“ Tanya winkt ab. „Der will doch nur Zeit schinden, um mit ihr zusammen zu sein.“ Sie zwinkert Julchen zu. „Wie alt ist er denn?“, fragt sie mich.
„Ende dreißig?“
„Siehst du, du guckst schon ganz verliebt!“
Vielleicht könnte Hattori, den ich nun schon seit dem Herbst mit allen Mitteln umwerbe, Tanya und Julchen sogar gefallen, aber ich kann mich ehrlich gesagt noch nicht einmal richtig an sein Gesicht erinnern. Warum auch. Alles, an was ich denken kann, ist Aarón. Selbst wenn ich es könnte, ich will Aarón noch gar nicht vergessen. „Er hat eine Frau und zwei kleine Kinder“, sage ich deshalb etwas unterkühlt.
„Das sind oft die Schlimmsten“, meint Tanya.
Du bist schlimm, denke ich und brumme: „Hör auf damit. Ich versuch doch auch nicht ständig, dich zu verkuppeln!“
Julchen legt ihre Hand auf meine. Ich senke den Kopf und esse meine Suppe.
Tanya holt tief Luft. „Ich bin Single aus Überzeugung!“
„Oder aus mangelnder Gelegenheit!“, werfe ich ihr vor.
„Dafür nimmst du deine Gelegenheiten nicht wahr!“
„Gebt Ruhe und esst eure Suppe. Ich hab mir viel Mühe gegeben!“, bemüht sich Julchen, das Gezanke zu schlichten.
„Das hast du.“ Ich schaue sie dankbar an und auf einmal kommen mir die Tränen. „Es schmeckt köstlich. Was täte ich nur ohne euch? Wahrscheinlich wäre ich längst verhungert.“
„Oder du würdest dich von Hundefutter ernähren.“
„Igitt, Jula! Sag so was nicht während wir Gulaschsuppe essen!“, beschwert Tanya sich zu Recht.
Ich muss trotzdem lachen und hebe mein Weinglas: „Auf den schönen Abend, Mädels!“
***
Günters Hühner sind kleine Prinzessinnen. Erstens heißen sie schon so: Victoria, Amalia, Theresia. Und was die gefüttert bekommen: Rosmarin, Minze, Karottenstücke. Das alles in Bio-Qualität, ein Luxus, den ich nicht mal mir selbst gönnen würde. Wenn sie Auslauf haben, steht ihnen der ganze Garten zur Verfügung. Zum Leidwesen von Günters Frau Marianne, die im Sommer ständig aufpassen muss, dass sie beim Sonnen nicht in die Hühnerkacke tritt.
Auch der Hühnerstall ist herrschaftlich gehalten, sodass ohne Probleme weitere zwanzig Hühner darin Platz hätten. Deshalb habe ich sie die letzten drei Tage auch drinnen gelassen. Vor allem Amalia hat ihren ganz eigenen Kopf, was das Heimkommen angeht, und ich habe keine Lust, das schwarz-braune Huhn jedes Mal stundenlang im Halbdunklen hinter Ligusterbüschen und Forsythien zu suchen. Günter wird das wohl oder übel verstehen müssen. Und so lange ist er ja nicht verreist.
Nachdem ich die Hühner gefüttert habe und meine Haustür aufschließen will, klingelt mein Handy. Ich kann in dem Moment nicht rangehen, denn ich will mir erst einmal die Hände waschen. Ich versuche zwar immer, nicht mit den Mehlwürmern in Berührung zu kommen, denn die finde ich echt eklig. Aber meistens bin ich mit meinen Gedanken woanders, wenn ich in die Tüten greife, und dann habe ich doch wieder die falsche Packung erwischt. Igitt!
Nachdem ich meine Hände abgetrocknet habe schaue ich auf mein Handy, um herauszufinden, wer mich erreichen wollte. Es war Tanya. Ich rufe sie zurück.
„Wo steckst du denn, Caro?“ Meine Freundin klingt ungeduldig, will noch nicht mal wissen, was ich gemacht habe.
„Wir müssen eine außerordentliche Sitzung einberufen“, sagt sie stattdessen.
„Ihr wart doch gerade erst hier.“
„Ja, aber wir haben eine Überraschung für dich, Süße! Und zwar eine megagroße!“
Ein Lächeln macht sich auf meinem Gesicht breit, ich kann es nicht stoppen. Für Überraschungen bin ich immer zu haben.
„Sag schon!“, fordere ich Tanya auf, doch die rückt nicht raus mit der Sprache. „Das kann man nicht am Telefon besprechen.“
„Ach bitte, Tanya!“, flehe ich, doch Tanya bleibt konsequent.
„Ohne Julchen geht gar nichts. Ihr haben wir das nämlich zu verdanken.“
Ich überlege, was es sein könnte, komme aber auf keine vernünftige Idee. Widerwillig verabrede ich mich also für Freitag. Das sind noch zwei Tage, wie soll ich das aushalten?
Als ich auflege, spüre ich eine gewisse Unruhe in mir. Wer weiß, was die beiden wieder ausgeheckt haben. Tanya und Julchen kommen auf die ausgefallensten Ideen, und nicht alle davon würde ich als genial bezeichnen. Zu Weihnachten haben sie mir einen kuscheligen Overall für Lucía geschenkt, um mich aufzuheitern. Dabei würde ich meinen Hund niemals in so einem Strampelanzug herumlaufen lassen. Was sollen denn die Leute denken? Noch dazu war er so groß, dass ich die Beine hätte umkrempeln müssen.
Ob ich Julchen anrufen soll? Vielleicht ist aus ihr ja mehr herauszubekommen. Doch kaum habe ich mir im Bad die Zähne geputzt und es mir im Bett bei Kerzenlicht mit dem Handy gemütlich gemacht, fällt mein Blick zu den Erinnerungsstücken, die auf der alten Kommode gegenüber meinem Bett aufgereiht sind.
Plötzlich muss ich an Aarón denken. Seine größte Überraschung für mich war gleichzeitig die schönste und emotionalste. Am Tag zuvor hatten wir uns in Sitges am Strand in aller Öffentlichkeit so heftig gestritten, dass ich weinen musste.
Was für eine Dummheit. Wir merkten beide schnell, wie sehr wir den anderen aus einer Nichtigkeit heraus verletzt hatten, und wollten das nicht noch einmal wiederholen.
***
Als wir am nächsten Tag zum Strand gehen, verhalten wir uns wie ein frisch verliebtes Teenager-Pärchen. Ich trage ein Lächeln auf meinem Gesicht und habe das Bedürfnis, Aarón die ganze Zeit anzufassen. Wir bleiben häufig stehen, um uns zu küssen.
Obwohl das Meer noch kühl ist, gibt es schon ein paar Touristen hier. Aarón sucht einen Platz auf der rechten Seite der Bucht, nah am Wasser, an einer Stelle, an der wir für uns sind. Der Vorfall vom Vortag ist ihm peinlicher als mir. Ich glaube, er hat Angst, die Strandbesucher würden ihn wiedererkennen, immerhin stammt er von hier.
Ich will am Meer entlanglaufen, bin ungeduldig, schließlich war ich war noch nicht oft am Strand. Aber Aarón zögert noch, also gehe ich allein. Ich zeichne mit nackten Zehen Spuren in den Sand. Lasse mich von der Gischt nassspritzen. Genieße die Maisonne, die durch die Wolken dringt.
Plötzlich steht Aarón hinter mir. Er umarmt mich, dreht meinen Körper zu sich und schaut mich an.
„Komm, Liebes.“ Ein sanfter Kuss, er nimmt meine Hand, und wir laufen ein paar Schritte am Meer entlang.
Ein Aufflackern in der Brandung erhascht meine Aufmerksamkeit. „Schau mal, da schwimmt etwas!“
„Wahrscheinlich irgendein Müll“, entgegnet Aarón und zieht an meinem Arm.
Ich finde gern Sachen. Selbst der bunte Kunststoff eines defekten Schwimmreifens konnte mich als Kind begeistern. „Hey, vielleicht etwas Wertvolles. Stell dir vor, es wäre eine Flaschenpost!“ Ich wate ins kühle Nass.
„Sei vorsichtig!“
Als ich zu der Stelle komme, hat das Meer den Gegenstand verschluckt. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich warte einen Moment. Und mit der übernächsten Welle wird er wieder nach oben gespült. Stolz ziehe ich eine dunkelblaue Flasche aus dem Meer. „Ich glaube, es ist eine Flaschenpost, Aarón!“
„Wirklich? Zeig her! Ich will sie aufmachen!“
„Das hättest du wohl gerne! Ich hab sie gefunden!“ Ich verstecke die Flasche hinter meinem Rücken und renne aus dem Wasser, dicht gefolgt von Aarón. Dann überholt er mich und bleibt kurz vor mir stehen. „Na gut, komm her, lass uns nicht schon wieder streiten!“
Ich bin misstrauisch und schaue ihn mit gesenktem Kopf prüfend an. Bestimmt ist das ein Trick. Doch er scheint es ernst zu meinen, also widme ich mich wieder der Flasche.
„Außen steht ‚I love you‘, wie romantisch!“
„Ich glaube, die ist nicht für uns bestimmt. Wir sollten sie wieder ins Wasser werfen“, sagt Aarón, viel zu vernünftig.
„Ich will wenigstens wissen, was drinnen steht!“, protestiere ich und versuche, den Korken zu öffnen, aber er steckt ziemlich tief im Flaschenhals. Ich kriege es nicht hin.
„Siehst du, jetzt brauchst du mich doch!“, sagt Aarón. „Was bekomme ich, wenn ich sie dir aufmache?“
Lust durchströmt augenblicklich meinen Körper, als ich in seine fordernden Augen blicke, doch so leicht lasse ich mich nicht manipulieren. Ich gebe mich unschuldig. „Du erfährst, was drinnen steht!“
Aarón schaut mich enttäuscht an, nimmt mir aber die Flasche aus der Hand und geht damit zu unserer Decke. „Zum Glück habe ich Werkzeug dabei!“, sagt er und holt ein scharfes Messer aus der Picknicktasche.
„Damit hätte ich sie auch aufbekommen! Aber wenn wir den Korken kaputt machen, können wir die Flasche nicht wieder ins Meer werfen.“
„Müssen wir vielleicht auch nicht“, sagt Aarón leise.
Ich sehe ihn an. „Du willst sie behalten?“
Plötzlich überkommt mich eine Vorahnung. Ich werde ganz aufgeregt. Er schneidet den Korken aus der Flasche. Was immer es ist, hier wird gleich etwas ganz Wunderbares passieren. Ich kann die Ungewissheit kaum noch ertragen.
Kaum hat Aarón das letzte Stück entfernt, nehme ich ihm die Flasche weg. „Mein Fund!“
Ich drehe sie um und versuche, an den Zettel zu gelangen, der darin steckt. Schnell bekomme ich ihn zu greifen und drehe ihn vorsichtig heraus, damit er nicht zerreißt. „Da steht etwas auf Deutsch!“ Neugierig lese ich.
Ich liebe dich wie keine andere.
Die Sehnsucht nach dir ist größer
als der Ozean, der uns trennt.
Als alles auf der Welt.
Von dir habe ich gelernt,
dass Vertrauen eine freiwillige Gabe ist,
ohne die man nicht glücklich sein kann.
Ich bin glücklich mit dir, Caro.
Du bist meine Königin.
Du bist mein Zuhause.
Mein Gesicht wird ganz heiß. Und dann laufen sie leise, die Tränen, und durch ihren wässrigen Schleier sehe ich Aarón in die Augen. „Du hast das geschrieben.“
Aarón umfasst mit seinen Händen mein Gesicht und wischt mir mit den Daumen die Tränen weg.
„Ich hätte gern, dass du mich heiratest“, sagt er ruhig, doch mit belegter Stimme. Er ist aufgeregt.
Ich kann das nicht aushalten, dieses Gefühl, dieses Glück. Ich werfe mich in seine Arme, schmiege mich an seine Brust und lasse mich halten.
***
Als ich in die Realität zurückkehre, liege ich mit angewinkelten Beinen im Bett und habe die Decke um mich geschlungen. Tränen strömen über mein Gesicht, ich kann nicht aufhören zu weinen, und jetzt ist keiner mehr da, der mich tröstet. Niemand, bei dem ich mich geborgen fühle. Mein ganzer Körper bebt, bis ich keine Kraft mehr habe. Und obwohl diese Erinnerungen so schmerzen, tauche ich erneut in sie ein. Ich kann nicht genug von ihnen bekommen, sie sind mein Sauerstoff. Sie zu verdrängen, würde meinen Tod bedeuten, deshalb will ich sie festhalten. Sie dürfen niemals verschwinden.
***
Nach ein paar Minuten beruhigte ich mich und konnte Aarón mit einem Kuss antworten. Ich weiß, dass dieser Kuss alles – unser Leben, unsere Liebe, unsere gemeinsamen Jahre, und seien es noch so wenige – besiegelte.
Wir packten zusammen, denn der öffentliche Strand war nicht mehr der richtige Ort für uns.
Unsere Schritte werden immer schneller, je näher wir dem Hotel kommen. Wir stolpern die Treppe nach oben in den ersten Stock. Aarón öffnet die Zimmertür und verriegelt sie hinter uns. Endlich allein!
Er zieht mich zum Bett. Dort liegt ein Ring. Mein Herz schlägt wild.
„Probier ihn an!“, sagt Aarón und nimmt ihn, um ihn mir anzustecken.
Wie filigran er ist. Und wie er glänzt. Eine Schönheit sondergleichen. „Für mich?“, frage ich atemlos.
Aarón küsst mich.
„Wie eine zweite Haut“, sage ich und falle ihm um den Hals. „Ich habe noch nie so etwas Kostbares bekommen!“
Aarón lächelt zufrieden und küsst mich noch einmal. „Ich auch nicht.“
Die Balkontür haben wir offengelassen, und der seidenweiße Vorhang bewegt sich elegant im Wind. Die Sonne blitzt durch ihn hindurch und wärmt unsere noch kalten Körper auf den Laken, auf denen wir nun ausgezogen gemeinsam liegen.
Ich liebe Aaróns Bräune. Man sieht ihm an, dass er schon einige Wochen hier ist. Auch wenn wir erst Frühling haben, die Sonne im Süden kommt nie zur Ruhe. Unsere Liebe auch nicht.
Wir beginnen, uns lang und intensiv zu küssen. Aarón fährt mit den Fingern über meine empfindliche Haut am Rücken, am Po, sodass ich noch mehr Lust bekomme.
Ich liebkose mit meinen Lippen seinen Hals, die Muskeln seiner Oberarme, seine Brust.
Dann setzt er sich auf und hebt mich zu sich. Ich spüre seine Erregung an meinem Schoß, und wir werden eins. Keiner von uns will jetzt länger warten. Und obwohl wir beide ungeduldig sind, lieben wir uns langsam, ganz so, als hätten wir ewig Zeit.
Die Welt um uns herum ist stehen geblieben. Der weiße Vorhang ruht. Nur die Sonne, die ins Hotelzimmer scheint, Aarón und ich. Zwei Körper, die von einer Lustwelle getragen immer erregter werden.
Ich möchte in dem Hotelzimmer sein. Ich möchte ihn an meiner Haut spüren. Ich möchte ihn nie verlieren.
***
Irgendwann spät muss ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Die Kerzen waren ausgegangen, aber das Nachtlicht brannte am Morgen noch.
Ich habe schlecht geschlafen und noch schlechter geträumt. Ich hatte einen Schnitt im Bauchraum, mit dem ich herumgelaufen bin. Ich dachte mir, das muss sicher genäht werden, es platzt doch sonst immer wieder auf.
Tanya und Julchen sagten, sie könnten mir nicht helfen, haben es dann aber wenigstens zugeklebt. Was für eine Erleichterung. Was für ein Wahnsinn. Im Bad vor dem Spiegel betrachte ich das Resultat des gestrigen Abends: Meine Augen sind verquollen, und ich trage ausnahmsweise Make-up auf, um es ein bisschen zu kaschieren. Trotzdem grüßt mich Yannick mit den Worten „Du siehst verdammt fertig aus“, als er morgens auf den Hof fährt.
Ich antworte nur mit einem Seufzen, und das ist okay so. Yannick ist auch nicht der Gesprächigste, was sein Privatleben angeht. Ist er glücklich? Hat er Träume? Geht es ihm gut? All das wüsste ich gern. Aber wenn ich ihn darauf anspreche, ernte ich nur ein „Na komm, Caro! Träume!?“.
Ich will ihn nicht drängen. Ich glaube, genau deswegen ist er bei mir. Dennoch freut mich seine Aufmerksamkeit, und ich bin erleichtert, dass ich jetzt nicht allein arbeiten, die Strecke nicht allein fahren muss. Er umarmt mich heute kurz, als er aussteigt.
„Wie gehen wir heute vor?“, fragt er.
„Ich kann uns in meinem Wagen fahren. Ein Auto reicht, wir haben ja den Container für die Gartenabfälle anliefern lassen.“
„Alles klar!“, lautet seine Antwort. Er fängt an, die Leiter und das Werkzeug von seinem Transporter auf meinen zu laden. Ich helfe ihm.
Als ich das Holzbrett holen will, mit dem ich Lucía für gewöhnlich in die für sie schlecht erreichbare Fahrerkabine einsteigen lasse, winkt Yannick ab.
„Komm, mein Mädschen, das schaffen wir schon so!“, sagt er zu Lucía, und sein „Mädchen“ klingt immer noch nach seiner Heimat. Yannick hat die ersten Jahre seines Lebens in der Bretagne verbracht.
Er krault Lucía ordentlich das Fell und hebt die Hündin ins Auto. Obwohl sie im letzten Jahr stark abgebaut hat, wiegt sie immer noch über fünfzehn Kilo. So viel kann ich nicht regelmäßig hochheben. Yannick hingegen ist ein Bär, und die Hündin zu heben, ist ein Kinderspiel für ihn. Außerdem sind sich die beiden äußerst vertraut. Nicht nur, weil wir oft zusammen zu Kunden fahren: Als Aarón im vergangenen Herbst gestorben ist, hat Yannick eine Woche lang nicht nur meine ganze Arbeit übernommen, sondern sich auch um Lucía gekümmert. Ich konnte ganz mit mir und meiner Trauer allein sein. Dafür war ich ihm sehr dankbar, zumal Lucía nach dem Unfall verstört und verängstigt war und ich komplett von ihr überfordert.
Yannick und seine Frau haben schon seit vielen Jahren einen Hund, während wir Lucía erst vor knapp zwei Jahren bekommen haben, und sie auch eher Aaróns „Projekt“ war. Ich mag diesen Ausdruck nicht besonders, aber so muss man es wohl nennen.
Die beiden, Yannick und seine Frau, haben jedenfalls mehr Erfahrung als ich. Lucía hat sich sehr wohlgefühlt bei ihnen und ist durch ihre freundliche Labradorhündin richtig aufgeblüht. Die Hände in die Hüften gestützt stehe ich da und lächle vor mich hin.
Yannick schließt seinen Wagen ab und verstaut seine Tasche mit der Brotdose und den Getränken hinter dem Beifahrersitz. Dann sieht er mich erwartungsvoll an. „Los geht’s!“
Ich lächle ihm zu und steige ein.
***
Vielleicht hätte ich doch Yannick fahren lassen sollen. Auf dem Beifahrersitz geht es nämlich ziemlich eng zu, Lucía liegt zu Yannicks Füßen, und der hat seine langen Beine irgendwie um sie herum gefaltet. Andererseits müssen wir auch irgendwann ankommen, und Yannick ist nicht gerade für seinen flotten Fahrstil bekannt. Außerdem ist Lucía erstaunlich ruhig in seiner Anwesenheit. Auch ich fühle mich ganz besonders heute am Steuer und mit ihm neben mir wohler.
Der Weg, der mir heute bevorsteht, macht mir Angst.
Ich starte den Motor und schnalle mich an. Wir fahren in eine achtzehn Kilometer entfernte Kleinstadt, um Obstbäume zu schneiden. Das Grundstück ist über zwei Hektar groß. Die Routine wird mir guttun, und wir müssen uns sputen, um heute fertig zu werden. Da bleibt keine Zeit für böse Gedanken.
***
Abends kehrt mit der Müdigkeit auch meine Sentimentalität zurück. Bevor das wieder ausufert, rufe ich Alma an. Ich muss mit jemandem reden, der meine Trauer versteht, und ich habe das Gefühl, meine Schwägerin ist die Einzige, bei der das wirklich der Fall ist. Alle anderen hätten gern, dass ich wieder funktioniere, dass ich über Aaróns Tod hinwegkomme. Nach sechs Monaten.
Aber kann man Trauer in Zeiträume fassen? Einfach abhaken wie ein erledigtes Projekt? Nach dem Motto: Tut mir leid, Sie hatten nur vier Wochen. Ihre Frist ist abgelaufen.
Tanya hat noch nicht mal einen festen Freund, die weiß gar nicht, wovon ich rede. So etwas nervt mich einfach. Ich bin da sicher ein bisschen ungerecht, ich habe selbst nicht immer Geduld mit meinen Mitmenschen. Aber vielleicht brauche ich bei manchen Dingen einfach etwas länger. Mir sind auch erst mit sieben die ersten Milchzähne ausgefallen und mit fünfzehn Brüste gewachsen. Na und? Tanya müsste das doch wissen, wir kennen uns schließlich lang genug.
„Hi, Liebes!“, begrüßt mich Alma am Telefon, und sofort verschlägt es mir die Sprache. Das sind die Worte, die Aarón für mich benutzt hat. Ich bringe nur ein leises „Hi.“ heraus.
Alma spürt das und lässt mir Zeit.
„Wir sind heute an der Unfallstelle vorbeigefahren, Yannick und ich“, sage ich in die eingetretene Stille hinein. Was Alma wohl dazu sagen wird?
„Kein Wunder, dass es dir schlecht geht. Das war das erste Mal, oder?“
„Ja. Ich habe zum Glück am Steuer gesessen und musste mich auf die Straße konzentrieren. Trotzdem war es schlimm, die Erinnerungen an den Tag waren alle wieder da.“
Alma atmet tief ein.
„Und Yannick?“, fragt sie dann. „Hat er dir wenigstens beigestanden?“
„Er hat getan, als wäre da gar nichts, und ein Gespräch angefangen. Dabei weiß er doch genau, wo es passiert ist. Vermutlich wollte er mich ablenken.“ Ein tiefer Seufzer dringt aus meinem Innersten. „Ach, Alma! Er fehlt mir so schrecklich!“ Ich möchte weinen.
„Ich weiß, Liebes. Mir fehlt er auch noch jeden Tag. Manchmal bezweifle ich sogar, dass ich ohne ihn leben kann. Mit Philipp darf ich darüber gar nicht reden. Er will nichts vom Tod wissen.“ Almas Stimme bricht ab. Wieder einmal wird mir bewusst, dass auch sie trauert und ich damit nicht allein bin. Ebenso wenig wie mit der Tatsache, dass die Menschen um uns herum nicht besonders gut damit umgehen können.
Ich dachte immer, Alma kann den Verlust besser ertragen als ich, weil ich mich an ihren Worten aufrichten kann. Dabei hat sie es besonders getroffen. Sie hat nicht nur einen Bruder verloren. Als Zwilling fehlt ihr eine Hälfte.
Der Gedanke macht mich noch trauriger, aber ein warmes Gefühl schleicht sich in meine Brust. Zum Glück ist mir Alma geblieben. Ich habe den Eindruck, wir sind uns in den letzten Monaten noch nähergekommen.
„Ich will am liebsten die ganze Zeit an ihn denken“, sage ich. „Gestern Abend, als meine Freundinnen weg waren, kam mir plötzlich sein Heiratsantrag in den Sinn. Das war so echt, Alma. So einzigartig! Ich hab mich gefühlt wie damals.“
„Ihr wart ein einzigartiges Paar!“
Ich überhöre das lieber. „Aber es tut mir natürlich nicht gut“, antworte ich stattdessen. „Ich kann mich doch nicht jeden Abend in den Schlaf weinen.“
„Irgendwann werden die Erinnerungen nicht mehr so weh tun“, verspricht Alma. „Aber das braucht seine Zeit.“
Ich nicke.
„Ich muss mich unbedingt ablenken. Erzähl mal: Wen hast du heute unterrichtet?“
„Oh, ich weiß nicht, ob du das hören willst.“ Alma ist mit einem Mal wieder die Alte und lacht, wie nur Alma lachen kann. Dafür liebe ich sie. Augenblicklich hellt sich meine Stimmung auf, und ich lausche gespannt.
„Ich hatte eine übellaunige Kröte hier, und leider hat sie zu viel Talent, als dass ich ihr die Freundschaft kündigen will.“
„Ach Alma, du bist lustig!“
Im Hintergrund klappert Geschirr, und Philipp mischt sich ins Gespräch ein. „Du sprichst hier von den Kindern der Menschen, die unseren Lebensunterhalt bezahlen!“
„Nur von einem Kind!“, entgegnet sie. „Man hat es hier schon mit einer besonderen Spezies zu tun.“
Ich lächle und warte, wie es am anderen Ende des Hörers weitergeht. Ruhe tritt ein. Dann wieder Geschirrklappern. „Männlein oder Weiblein?“, frage ich.
„Das ist ja das Problem. Es ist sensibel wie ein Mädchen. Und aggressiv wie ein Junge. Aber ja, ein Mädchen. Spielt gefühlvoll wie keine andere Siebenjährige, wenn die Spannungen erst mal abgebaut sind. Die junge Dame hat aber auch schon die dritte Klavierlehrerin, caramba!“
„Halt durch, Alma. Wer weiß, wozu es gut ist! Nennt dich Philipp nicht immer Löwenbändigerin?“
„Leider ist es umgekehrt. Der Löwenbändiger ist er. Aber ihn kann ich mit ihr nicht ans Klavier setzen.“
„Du hast es nur noch nicht probiert!“, kommt aus dem Hintergrund.
„Ja, ja, cariño! Übertreib nur nicht.“
Die beiden amüsieren mich. Ich fühle mich, als wäre ich direkt in der Berliner Wohnung von Alma und Philipp. Und nehme dieses Gefühl der Geborgenheit mit in meinen Schlaf.
***
Meine Freundinnen sind überpünktlich zum Kaffeetrinken erschienen. Anscheinend bin ich die Einzige, die sich am Freitagnachmittag beeilen muss, dabei ist Julchen sonst immer diejenige, die gestresst ist. Kein Wunder, sie ist einfach zu perfektionistisch. Muss sich um alles allein kümmern und verzettelt sich dabei ständig.
Hier bei mir im Haus war sie in den ersten Wochen nach Aaróns Tod ständig mit Aufräumen und Putzen beschäftigt, was mir gar nicht recht war. Aber mehr als sagen, dass das unnötig ist, konnte ich auch nicht.
Jetzt sitzen meine Freundinnen entspannt im Wohnzimmer, als ich das Tablett mit Tellern, Kaffeetassen und Thermoskanne hineintrage. Endlich kann ich sie auch mal verwöhnen.
Auf dem weißen Tischtuch, das noch von meinen Großeltern stammt, hat sich ein Sonnenstrahl niedergelassen und erhellt für einen Moment nicht nur das Zimmer, sondern auch mein Gemüt. „Ich hab mich schon auf euch gefreut! Ihr habt mich echt auf die Folter gespannt mit eurer Überraschung!“
„Die gibt’s aber erst nach dem Essen“, sagt Tanya, und mein Gesicht fällt zusammen.
„Ich warte seit Mittwoch!“, beschwere ich mich, aber umsonst. Also lege ich das leere Tablett auf dem Sessel ab und setze mich zu Tanya und Julchen, direkt in den warmen Sonnenstrahl hinein. Ich recke mich kurz. „Wie ihr meint. Dann genieße ich eben erst mal meinen Kuchen.“
Ein paar Minuten später schiebe ich den Teller von mir weg, auf dem jetzt wieder die rosa Wildröschen von Großmutters Porzellan zu sehen sind. Ein kleiner Trost. Bevor ich lange nachdenken kann, wann es endlich soweit sein wird, haben Tanya und Julchen schon den Tisch abgeräumt und stehen wieder im Zimmer.
„Tatatataaaa!“
Ich schrecke auf. Tanya hält mir einen Zettel so dicht vors Gesicht, dass ich nichts erkennen kann.
„Caro-Mäuschen, wir haben etwas für dich gewonnen!“, sagt Julchen begeistert.
Ich weiche etwas zurück und versuche zu lesen, was auf dem Zettel steht: Gratis-Flugreise für eine Person.
„Malibu?“ Ich reiße meine Augen auf und überfliege den Rest des Zettels. „Wert fünftausend Euro. Wie habt ihr denn das angestellt?“
Tanya klopft Julchen auf die Schulter. „Sie war’s. Hat beim Radio-Quiz mitgemacht und prompt gewonnen, unser Glückspilz.“
„Echt jetzt?“ Ich sehe Julchen ungläubig an. „Die verschenken so was? Kein Fake?“
Sie steht vor mir und grinst. „Freust du dich?“
„Die ist doch für dich!“ Ich weiß, wie gern auch Julchen in die USA fliegen würde. Sie liebt Reisen über alles.
„Ich habe Julchen dazu gebracht, sich für dich auszugeben. Die Reise gehört dir, Caro“, sagt Tanya.
Julchen strahlt über das ganze Gesicht, und mir tut es ein bisschen leid, ihnen die ganze Freude zu nehmen. „Mädels, das ist echt nett von euch. Aber … Ich kann im Moment gar nicht verreisen.“ Ich stehe auf und setze mich mit angezogenen Beinen auf die Couch neben Lucía, streiche über ihr Fell, spüre die Wärme. „Ich kann Lucía nicht allein lassen.“ Die Hündin schaut mich aus ihren schlaftreuen Augen an.
Julchen reibt sich die Hände. „Das haben wir schon mit Yannick besprochen. Das ist kein Problem, Caro.“
Ich schüttele den Kopf und bin den Tränen nahe. „Ihr habt in den letzten Wochen immer gewusst, was gut für mich ist, aber diesmal weiß ich es besser. Ich will nicht verreisen.“
Ich will Aarón zurück.
„Ich brauche keine Ablenkung, ich will traurig sein, versteht ihr? Tanya, du sagst immer, ich hänge an der Vergangenheit, aber du hängst an meinem Leben! Ich komme besser allein zurecht, als ihr denkt.“ Ich weiß tief in mir drin, dass das nicht stimmt, aber das kann ich natürlich nicht zugeben.
Einen Moment brauchen die beiden, um zu verdauen, was sie gehört haben, dann sagt Tanya: „So schnell kommst du aus der Nummer nicht raus. Du wolltest schon immer nach Kalifornien, hast du das vergessen?“ Sie wird richtig rot.
„Mit Aarón“, sage ich leise. Mir kommen schon wieder die Tränen. Ich ziehe die Knie an meine Brust, lege meine Arme darum und muss einfach nur weinen.
***
Draußen wird es langsam dunkel. Julchen hat alle Kerzen im Zimmer angezündet, mir eine Kanne Tee gemacht und mich in eine Wolldecke eingepackt.
Jetzt sitzen die beiden am Küchentisch und reden leise, während ich die wohltuend warme Teetasse mit den Händen umfasse und ihrer Unterhaltung zuhöre.
„Hättest du gedacht, dass sie so reagiert?“
Ich höre Julchens Antwort nicht.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“
„Irgendwie müssen wir sie davon überzeugen, dass es das Richtige für sie ist. Das ist es doch, Tanya, oder?“
„Ja, das ist es. Caro muss mal raus hier. Das Haus hat schon eine richtige Melancholie angenommen. Sogar ich höre an manchen Tagen aus den Zimmerecken Aaróns Stimme. Das kann doch nicht gut tun.“
Der Schmerz trifft meine Brust, und ich schluchze erneut auf.
Meine Freundinnen reden jetzt noch leiser. Julchen sagt etwas, aber ich achte nicht mehr darauf. Stattdessen höre ich Aarón. „Wir müssen im nächsten Jahr unbedingt nach Kalifornien, Liebes. Wir kennen uns dann zehn Jahre. Wenn wir es jetzt nicht tun, schaffen wir es nie!“
Ich spüre, dass ich gleich wieder weinen muss. Damit das nicht passiert, konzentriere ich mich auf meine Antwort.
Da ist nichts. Mir ist, als hätte ich mich selbst verloren. Als gäbe es mich in meiner Erinnerung nicht mehr. Auch nicht in der Zukunft. Weil nächstes Jahr dieses Jahr ist, und weil es kein nächstes Jahr gibt.
Niedergeschlagen lege ich mich hin und ziehe die Wolldecke über mein Ohr, auch wenn das nicht hilft. Ich will das nicht hören. Weder meine Gedanken noch Aaróns Stimme noch meine Freundinnen. Ich habe Angst, dass das niemals vergeht.
An Tagen wie diesen wünschte ich, wir wären damals nach dem Streit am Strand auseinandergegangen.
***
Ich war verunsichert. Eifersüchtig. Wir waren in den Gassen, die zum Meer führten, einer Frau begegnet, die Aarón mit Umarmung begrüßte und mit der er ein paar Minuten auf Spanisch redete, ohne mich zu beachten. Eine flüchtige Bekannte, dachte ich erst. Doch dann ging die Fantasie mit mir durch. Würde er sie dann umarmen? Womöglich eine Frau, mit der er Schönes erlebt hatte. Ja, genau so war es. Das sah man den beiden doch an.
Wie kindisch. Heute schüttele ich über mich selbst den Kopf. Aarón hatte nun mal eine Vergangenheit. Und in der gab es natürlich die eine oder andere Frau. Gleiches hatte ich ja auch erlebt. Kein Grund eigentlich, aufgebracht zu sein.
Ich habe damals aber nicht gewartet, bis die beiden fertig waren. Erst hatte ich das vor, aber dann merkte ich, wie ich während des Gesprächs immer unglücklicher wurde. Ich eilte die letzten zweihundert Meter zum Strand. Und als Aarón ein paar Minuten später außer Atem hinterherkam, machte ich ihm Vorwürfe. Die er natürlich nicht auf sich beruhen lassen wollte.
Nachdem wir uns eine Weile angeschrien hatten und ich irgendwann keine Energie mehr hatte, liefen die Tränen über mein Gesicht.
Aarón bemerkte sie, sagte aber nichts. Er strich sich über die Haare, ging weg und tauchte wortlos ab ins kühle Wasser.
Höllenqualen habe ich damals ausgestanden, weil er nicht wiederkam. Ich rechnete mit dem Schlimmsten und schwor mir, nie wieder mit ihm zu streiten.
***
Nach zwanzig Minuten kam er endlich zurück und zauberte mit einem aquamarinfarbenen Glasstein ein zaghaftes Lächeln auf mein Gesicht.
„Eine Nixenträne“, sagte Aarón.
„Oh, wie traurig.“ Und wie passend, dachte ich. Ich nahm das Glas in meine Hand. Wie wunderschön es aussah. Und wie glatt es sich anfühlte.
„Hast du geglaubt, ich betrüge dich?“
Ich nickte mit gesenktem Kopf.
„Hätten wir uns dann auf der Straße vor dir unterhalten?“
Ich zuckte mit den Schultern. Wer weiß.
„Ich kenne Micaela von früher.“
„Ihr scheint so vertraut zu sein. Früher klingt schon so lange her!“
„Ist es auch“, sagte Aarón.
„Du mit deinen ganzen Frauen!“, entgegnete ich mit einem letzten Rest von Trotz.
Als hätte ich ihn bei etwas ertappt, sah nun Aarón nach unten auf seine Füße. „Und ihr Deutschen mit eurer verfluchten Unversöhnlichkeit“, brummte er.
Dann küssten wir uns. Und alles war wieder gut.
***
Natürlich haben wir uns wieder gestritten, Aarón und ich. Nie mehr so heftig, aber dafür ziemlich schnell, am Abend des nächsten Tages, als wir über unsere Hochzeit gesprochen haben.
Ich wollte in Deutschland heiraten, Aarón in Spanien. Ich im nächsten Jahr, Aarón am liebsten sofort.
„Wenn wir in Spanien heiraten, dann nicht in der Bar deiner Eltern!“, sagte ich.
„Nicht?“ Aarón zog die Stirn in Falten. „Warum nicht? Das wäre praktisch.“
„Ich will aber nicht praktisch heiraten, sondern schön!“
„Schön? Soso!“, schmunzelte er. „Und wie stellst du dir das vor?“
„Lass dir was einfallen! Du hast mir schließlich einen Antrag gemacht.“
Er seufzte. „Du bist ganz schön kompliziert! Aber gut, ich überlege mir was.“
Ich freute mich ein bisschen, da ich so etwas Zeit gewann. Ich hatte aber auch ein schlechtes Gewissen. Aarón merkte natürlich an meinem Unwillen, einen Kompromiss bezüglich des Zeitpunktes einzugehen, dass ich noch nicht bereit war.
Zum Glück fühlte ich schnell, dass ich ihn damit verletzen konnte. Das wollte ich nicht. Als er dann den Vorschlag machte, nach der Trauung in der Ermita de Sant Sebastià direkt an meinen Lieblingsstrand zu gehen, hüpfte mein Herz.
„Das ist doch bestimmt gar nicht erlaubt“, wendete ich ein.
„Lass das mal meine Sorge sein. Alles, was ich brauche, ist ein Ja!“
„Aber das Wetter. Stell dir vor, es regnet, Aarón!“
„Was glaubst du, warum ich in Spanien heiraten will! Aber wir können zur Sicherheit auch in der Bar … Alma und Philipp haben auch dort geheiratet. Dir hat es gefallen“, versuchte er noch einmal, mich zu überzeugen. Doch ich hatte mich längst entschieden. Für diese traumhafte Hochzeit an meinem Lieblingsstrand im nächsten Sommer. Und für Aarón.
Und deshalb ist es auch falsch, dass ich all das bereue, was nach unserem Streit kam. Das war nur so ein dummer Gedanke, geboren aus dieser Verzweiflung, die mich manchmal packt. Aus Liebe.
Ich hatte mir die gemeinsame Zeit mit ihm in so bunten Farben ausgemalt, und nun ist alles grau.
Ehrlich gesagt hatte ich mir auch diesen Nachmittag mit meinen Freundinnen anders vorgestellt. Das ärgert mich. Wie schrecklich muss mich im Moment meine Umwelt wahrnehmen! Aber ich kann das nun mal nicht ändern. Ich hab mir das ja nicht ausgesucht.
„Wirklich nicht?“, sagt eine Stimme in mir.
Erst will ich rebellieren, doch dann muss ich der Stimme recht geben. Bisher konnte ich nichts dafür. Aaróns Tod war Schicksal, ja. Aber es kann nicht sein, dass ich deshalb mein ganzes Leben versäume. Das will ich doch eigentlich gar nicht.
