Malvadins Zauber - Verena Grüneweg - E-Book

Malvadins Zauber E-Book

Verena Grüneweg

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Beschreibung

Jenseits unserer Vorstellungskraft liegt die magische Welt Malvadin. Ein Land der Träumer und voller Wunder. Ein Ort, in dem jedes Geschöpf lange Zeit friedlich und glücklich lebt. Doch dann nimmt das Unglück seinen Lauf. Der Mensch entdeckt diese Welt für sich, und mit ihm ziehen das Böse sowie seine Diener in Malvadin ein. Die einst friedvolle Ordnung zerbricht und ein Krieg, der jahrzehntelang tobt, zerstört alles, was jemals an Gutem in Malvadin existierte. In diese Welt wird Wusch, das Kind einer verbotenen Verbindung zwischen einer Hoch- und einem Schattenelbrax geboren. Ab dem Tage ihrer Geburt ist Wuschs Leben von Traurigkeit gezeichnet. Vom Volk verachtet, bleibt ihr nur die Magie. Als sie eines Tages einen schwerwiegenden Fehler begeht, wird die kleine Elbrax aus dem Dorf verstoßen. Fortgejagt, einsam und ohne ein Ziel begibt sie sich auf ihre Reise. Immer auf der Suche nach dem Glück. Jedoch ist der Weg steinig und gefährlich, denn Wusch verbirgt ein Geheimnis, das nicht einmal sie selber kennt.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für meinen Mann Gordon,

der jeden Tag aufs Neue

das Wunder

„Liebe“

für mich wahr werden lässt.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Malvadin

Sha

Zerza

Wusch

Wusch bei den Menschenkindern

Der Elbraxwald

Athandran

Die Reise beginnt

Wolfs Geschichte

Das Haus der Träume

Der Zauber der Vergangenheit

Wo sind die Freunde?

Die geheimnisvolle Unbekannte

Wo ist Wusch?

Nicht allein

Einst in der Vergangenheit

Zurück in der heutigen Zeit

Das Nachtlager

Die Geschichte der Knollroch

Dragon, der Beobachter

Der Morgen danach

Zerzas Vergangenheit

Die lauernde Gefahr

Wolfs Verwandlung

Die Begegnung

Wolfs Wahrheit

Estella

Das Unwetter kündigt sich an

Dragon

Der Unterschlupf

Wuschs Traum

Etwas verändert sich

Dragon greift an

Der Abschied

Wolf verliert den Kampf

Das Meer der verlorenen Seelen

Malchera

Das Inferno

Der Ruf der Mayaterra

Seid Willkommen

Das Böse schläft nie

Der Preis der Macht

Der Sturm des Krieges

Das Gefecht

Die Entscheidung

Ein Kampf um Leben und Tod

Rückkehr in das Meer der verlorenen Seelen

Der Krieg ist zu Ende

Das Ende der gemeinsamen Reise?

Epilog

PROLOG

Es war der letzte Tag im August und die Sonne strahlte heiß vom Himmel. Die Sommerferien waren vorbei und Waltraut kam von ihrem ersten Schultag erschöpft nach Hause.

Während sie die Stufen zur Eingangstür hochging, liefen ihr die Schweißtropfen von der Stirn in die Augen.

Sie brannten höllisch und Waltraut rieb sich mit den Händen über die Augen. Ein zweckloses Unterfangen, statt dass der Schmerz nachließ, vermischte sich der Schweiß mit ihrer Schminke. Somit wurde das Brennen nicht weniger, sondern verschlimmerte sich noch.

Tränen liefen in schwarzen Rinnsalen die Wangen herunter. Insgeheim verfluchte sie sich für ihre morgendliche Idee, die Augen mit dunklem Kajalstift, Wimperntusche sowie Eyeliner, großzügig zu betonen. Aus den vermeintlichen Schminkkünsten wurde jetzt ein verschmierter Film, welcher die Umgebung vor ihren Augen in einen verschwommenen Schleier tauchte.

An der Haustür angelangt, stocherte Waltraut mit dem Schlüssel ziellos am Schloss herum. Endlich, nach gefühlten hundert vergeblichen Versuchen, fand dieser das angestrebte Ziel. Genervt schloss sie auf und mehr blind statt sehend in den Flur stolpernd, warf sie die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.

„Verdammt, verdammt, verdammt!“ fluchte sie wütend, während sie die Schultasche von der Schulter zog und vor sich auf den Fußboden im Flur fallen ließ.

Sie würde sie später wegräumen. In diesem Moment war es wichtiger, diese elende Schminke irgendwie aus den Augen zu bekommen. Mit zitternden Fingern wühlte sie in den Hosentaschen ihrer Jeans. War ja heute nicht das erste Mal, dass sie ein Taschentuch brauchte! Irgendwo musste doch das Tempo sein, das sie sich in der Pause in die Tasche gestopft hatte.

Das Brennen wurde immer schlimmer. Zu den tränenden Augen hatte sich auch noch eine laufende Nase gesellt. Sehnlichst wünschte Waltraut sich, die Schminke aus dem Gesicht waschen zu können. Allerdings so die Treppe hoch ins Bad zu laufen, unmöglich!

Erleichtert atmete sie auf, als sie endlich das Tempotuch fühlte und es aus der Hosentasche zog. Zum Vorschein kam ein ziemlich zerknülltes Etwas, aber mit ein wenig Spucke reichte es aus, um Schminke, Tränen und den Schweiß zu entfernen.

Waltraut atmete auf, als endlich der Schmerz nachließ und sie nach einigen Malen Blinzeln den Flur und die restliche Umgebung wieder klar und deutlich sah.

Es war wieder einer dieser Schultage, die sie kaum als gut bezeichnete, gewesen. Schlimmer noch, heute hatte Waltraut den Bogen der Peinlichkeiten echt überspannt. Wenn sie nur an den Vorfall in der zweiten Pause zurückdachte! Selbst jetzt, Stunden später, während sie sich die Bilder zurück ins Gedächtnis rief, sorgten diese dafür, dass ihr Gesicht vor lauter Verlegenheit glühend Rot wurde.

Toll, dachte sie, wirklich klasse, meine Liebe! Mit der Vorstellung wirst du mit Sicherheit die nächsten Wochen die Lachnummer der gesamten Schule sein.

Bis auf die Knochen blamiert hatte sie sich! Sie und ihre naiven Traumvorstellungen!

Was hatte sie auch anderes erwartet? Dass Matthias, als sie all ihren Mut zusammennahm und wagte, ihn anzusprechen, nett zu ihr sein würde?

Dass er sich mit ihr unterhielt und den Rest der Pause mit ihr verbrachte? Sie beide ein Liebespärchen werden würden? Lächerlich!

„Boah, ich bin so dämlich!“, fluchte Waltraut. Statt einen coolen oder witzigen Spruch von sich zu geben, hatte sie rumgestottert und nicht mehr als ein „Ich, ich äh, ich ...“ über die Lippen bekommen. Sie hatte seinen verwirrten Blick gesehen aber anstatt wenigstens jetzt einfach den Mund zu halten und wegzugehen, stammelte sie weiter hilflos sinnlose Worte. Unter Matthias erwartungsvollen Augen benahm Waltraut sich wie ein Trottel, unfähig vernünftig zu reden.

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, blieb ihre Blamage den anderen Mitschülern nicht verborgen. Neugierig standen diese im Gang und lauschten ihrem Gebrabbel. So machte sie sich nicht nur vor Matthias, sondern gleichzeitig vor der versammelten Mannschaft der Schule zum Volldeppen.

Dabei durfte Doris, die Schulkönigin, natürlich nicht fehlen. Den Flur, wie immer umringt von ihrem Gefolge, den kichernden Freundinnen, entlanglaufend, zog Waltrauts Gestotter ihre Aufmerksamkeit auf sich. Für sie ein gefundenes Fressen, um sich mal wieder in den Vordergrund zu schieben. So blieb sie mit einem süffisanten Lächeln neben den beiden stehen.

Mit aufgerissenen Kulleraugen, die schwarzen Wimpern klimpernd, wendete sich Doris Matthias zu und flötete zuckersüß: „Ich, ich, äh, ich kann nicht sprechen. Könnte es sein, dass ich meine Stimme verschluckt habe?“ Ihre Eskorte grölte lauthals vor Lachen während Waltraut hilflos, wie erstarrt, da stand und alles über sich ergehen ließ.

Laut tönte der kaum zu überhörende Lärm durch den Flur und lockte das um die Ecke biegende größte Übel der Schule – David – auch noch an. Übers ganze Gesicht grinsend auf sie zusteuernd, blieb er schließlich direkt vor ihr stehen. Die Lippen zu einem Kussmund gespitzt, warf er sich vor ihr auf die Knie. Mit dramatischem Gesichtsausdruck hob er die ineinander gefalteten Hände in die Luft, so, als ob er Waltraut anbetete. Kurz darauf sprang er wieder auf und stolzierte wie ein Gockel im Kreis um sie herum.

„Oh, du mein Geliebter, oh du Matthias, willst du mich – Waltraut – nicht erhören? Es zerreißt vor Liebe mein Herz! Bitte, mach mich zu deiner Geliebten!“ Mit verstellter Stimme, sie sollte wohl schluchzend klingen, machte er sich über sie lustig.

Vereinzelnd begannen die anderen Schüler ihm zu applaudieren und mit Zurufen wie „Los, weiter so!“, anzufeuern. Angestachelt führte er sein Theaterspiel, oder was auch immer das, was er tat, sein sollte, fort.

Theatralisch fiel er erneut auf die Knie, doch dieses Mal wendete er sich Matthias mit erhobenen Händen zu.

Knallrot im Gesicht stand Waltraut wie angewurzelt auf der gleichen Stelle. Mehr als alles andere wünschte sie sich, eine Maus zu sein und in einem Loch verschwinden zu können. Aber Wünsche, insbesondere solche dieser Art, gingen niemals in Erfüllung. Das gehässige, dröhnende Lachen in den Ohren, ließ sie den Spott der anderen über sich ergehen.

Hilflos schaute sie Matthias in die Augen. Hoffend, er würde ihr helfen. Er war doch anders als die anderen, erwachsener und nett! Jedenfalls hatte Waltraut das bis zu diesem Augenblick von ihm gedacht.

Ein Irrtum, wie sich jetzt herausstellte. Er stimmte lauthals in das Lachen der übrigen ein. Schlimmer noch, ihm stand die Freude über den Spaß, welchen man mit Waltraut trieb, offen ins Gesicht geschrieben. Es tat weh zu sehen, wie der Junge, in den sie verliebt war, ihr Dilemma genoss.

Waltraut schluckte und kämpfte gegen den Kloß, der sich in ihrer Kehle breit machte, an. Jetzt noch anzufangen zu weinen war das Letzte, was sie wollte. Diese Genugtuung wollte sie Doris und dem Rest der Schar auf keinen Fall geben. Aber umringt von lachenden und auf sie zeigenden Mitschülern, gefangen wie ein Reh, dem Spott der anderen ausgesetzt, verlor sie den aussichtslosen Kampf.

„Fort, nur fort von hier“, dachte Waltraut und endlich reagierte ihr Körper. Schluchzend und fast blind vor Tränen, quetschte sie sich durch die Menge, welche ihr den Weg versperrte. Von den höhnischen Kommentaren verfolgt, rannte sie blindlings den Flur hinauf.

Immer wieder prallte Waltraut mit anderen Schülern zusammen. Noch mehr Aufmerksamkeit, die sie nicht wollte. Selbst, als sie ein gutes Stück entfernt von der Meute, am Ende des Ganges um die Ecke bog, hörte sie klar und deutlich das boshafte Lachen ihrer Mitschüler.

Endlich hatte sie die Mädchentoiletten erreicht. Hastig riss sie die Tür auf und stürzte in eine der Kabinen, die sie mit zitternden Händen hinter sich abschloss.

Erschöpft ließ sie sich auf den Toilettensitz fallen.

Waltraut hoffte, dass kein anderes Mädchen hereinkam und ihr Schluchzen hören würde. Aber sie hatte Glück. Keine der Mitschülerinnen nutzte, wie sonst in den Pausen, einen der Waschbeckenspiegel, um sich hübsch zu machen.

Weinend saß Waltraut auf der Toilette. Erst beim letzten Klingeln der Pausenglocke, welche den Unterrichtsbeginn ankündigte, wagte sie es, ihr Versteck zu verlassen.

Der restliche Schultag zog sich wie ein qualvoller Spießrutenlauf dahin. Jedes Mal, wenn einer ihrer Mitschüler Waltraut über den Weg lief, erklang ein gehässiges Kichern oder ein dummer Spruch. Manche hauchten »Matthias« vor sich hin und machten einen Kussmund. Es war die Hölle und sie wäre am liebsten vor Scham im Erdboden versunken.

Am meisten ärgerte sie sich über ihre eigene Dummheit. Sie hatte doch selber dafür gesorgt, dass sie zum Opfer, zum Prellbock, wurde. Was hatte sie sich dabei gedacht, Matthias anzusprechen?

Nur, weil er ab und zu mal „ Hallo“ sagte oder sie anlächelte? Wie kam sie eigentlich darauf, dass er sie gemeint hatte? Es waren ja immer genug andere Mädchen da, die ihn anschmachteten und sich in seiner Nähe aufhielten. Wahrscheinlich hatte sie sich nur eingebildet, dass sein Lächeln ihr galt.

Wie blöd konnte man sein? Zu glauben, dass er, der Schwarm aller Mädchen, ihr, der Loserin der Schule, Beachtung schenkte!

Letzte Nacht, als sie nicht einschlafen konnte, erschien es ihr in ihrer Vorstellung ganz einfach. Selbst der Gedanke, dass vielleicht sogar Matthias sich nicht traute, sie anzusprechen, kam ihr gar nicht so abwegig vor. Es musste eben nur einer von ihnen beiden anfangen. Warum also sollte nicht sie den ersten Schritt wagen. Was konnte schon großartig passieren?

In der Pause im Vorbeigehen ein paar Worte, einen lustigen Spruch loslassen und damit seine Aufmerksamkeit auf ihre Person lenken. Das war doch nicht so schwer! Ihr Schwarm würde sie endlich beachten. Alles ganz einfach, oder?

Allerdings in der Realität des nächsten Tages entpuppte sich der scheinbar großartige Plan als ein Desaster.

In der nächsten Pause erzählte Waltraut ihren Freunden Petra, Wolfgang und Andreas das schlimme Erlebnis.

Sie hörten den immer wieder von Schluchzern unterbrochenen Worten zu und versuchten, alles Menschenmögliche, um Waltraut zu trösten. Zwecklos! Niemand konnte das Jammern beenden, geschweige denn, sie aufmuntern.

Selbst jetzt, Stunden später, malte ihre Fantasie Schreckensbilder, wie sie als Lachnummer der Mitschüler den Schulalltag überstehen musste, in ihren Verstand.

Ihr Blick wanderte zu dem Flurspiegel, welcher neben der Garderobe an der Wand hing. Kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild. Wie sonst auch, fand sie nichts Ansprechendes, Hübsches an sich. Ihrer Meinung nach war sie ein nichtssagendes, hässliches, unbedeutendes Etwas.

Alles an ihr war langweilig, selbst ihr Vorname. Wer hieß heutzutage denn noch Waltraut? Warum hatten ihre Eltern sie nicht Alice oder Sky, Heaven oder Star genannt? Das wären tolle Namen gewesen! Aber nein, sie hieß Waltraut, und dann noch nicht einmal richtig mit einem D am Ende geschrieben! Der Name alleine war schon eine Katastrophe auf Lebenszeit. Kein Wunder, dass sie zu den Verlierern der Schule gehörte. Sowieso entsprach nichts an ihr dem gängigen Schönheitsideal. Im Gegenteil!

Dünn, mit langen staksigen Beinen, Streichhölzern gleich, präsentierte sich ihre Figur im Spiegel. Ausgestattet mit diesem hochgeschossenen, nicht zusammenpassenden Körper, glich sie eher einer Witzfigur als einer Schönheit in den Teenie-Magazinen.

Im Vergleich zu den anderen gleichaltrigen Mädchen ihrer Schule schnitt sie miserabel ab. Viele von ihnen wirkten schon recht weiblich. Mit den perfekten Rundungen ausgestattet wussten sie genau, die Vorzüge ihres Körpers in Szene zu setzen.

Mit ihren engen Tops und kurzen Röcken war es ein Leichtes, die Aufmerksamkeit der Jungs zu bekommen. Bei Waltraut hingegen scheiterte jeglicher Versuch, sich hübsch zu machen. Ein nagelloses Brett, auf dem noch nicht einmal Erbsen sich zeigten, schaute niemand gerne an. Auch so ein Spruch, den sie von den Schulkameraden stets aufs Neue zu hören bekam.

Einer der Gründe, warum Waltraut lange, weite schwarze Kleidung trug. Ihre Mutter mäkelte ständig an ihrem Kleidungsstil herum. Sagte, er wäre zu düster, sie solle etwas Buntes, die schlanke hübsche Figur betonendes, anziehen.

Hübsch! Klar, jede Mutter fand ihr Kind hübsch, da machte auch ihre keine Ausnahme. In Waltrauts Augen jedoch sah die Wahrheit ganz anders aus.

Mit beiden Händen umfasste sie das lange schwarze Haar und hielt es im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Meistens trug sie es offen, wie einen Vorhang, der sie vor den Blicken der anderen schützte.

Nun sah sie ein schmales Gesicht mit verschmierter Schminke, einer Stupsnase und blauen Augen im Spiegel an. Kleine Pickel prangten auf der hohen Stirn – auch nichts, was sie der Welt gerne präsentierte.

Aber das wirkliche i-Tüpfelchen des Fiaskos Waltraut, waren die spitzzulaufenden abstehenden Ohren.

Alles in allem eine wandelnde Witzfigur unter Schönheiten, die man Mitschülerinnen nannte.

Waltrauts Freunden erging es nicht besser. Wie sie ertrugen die drei tagtäglich Hänseleien in der Schule.

Petra, 1,51m groß und pummelig. Da sie den Verlockungen der Süßigkeiten ständig erlag, scheiterte jede Diät. Das rundliche Gesicht zierte eine dicke Knollnase und wenn sie sprach, amüsierten sich die Zuhörer über ihren groben Sprachfehler. Ständig verdrehte sie die Wörter in einem Satz, keines passte hinter das andere. Hübsch, niedlich oder schön? Nein, das war Petra nun wirklich nicht.

Dennoch gab es etwas an ihr, um das viele Mädchen, unter anderem auch Waltraut, sie beneideten. Wunderschöne blonde Locken flossen, wie ein goldener Wasserfall, glänzend ihren Rücken bis zur Taille hinab.

Der Zweite im Bunde, Wolfgang, entsprach komplett dem äußerlichen Gegenteil von Petra. Von großer Statur überragte der Junge die meisten seiner Mitschüler. Genauso schlaksig wie Waltraut, überforderte sein Körper ihn damit, die Glieder unter Kontrolle zu halten. Die langen Arme trafen andere schmerzhaft, wenn er mit ihnen, während er redete, herumwirbelte. Über die eigenen Beine stolperte Wolfgang mindestens zweimal am Tag.

Unter einer nicht zu bändigenden lockigen Haarpracht sah ein liebes, aber für viele einfältig wirkendes Gesicht, hervor. Die stets gleich aussehende Latzhose schlotterte an seinem Körper, das aus der Hose hängende karierte Hemd machte es auch nicht besser.

Der gutmütige Junge ertrug jeglichen Spott mit einem Lächeln. Was die Quälgeister nur noch anstachelte, ihre Gemeinheiten zu steigern. Kniffe, Tritte, sowie Schläge auf den Hinterkopf kassierte Wolfgang, wenn kein Lehrer hinschaute, ständig ein. Statt sich zu wehren, schwieg er. Das perfekte Opfer für jene, die ihren Spaß auf Kosten anderer haben wollten.

Mit dem letzten ihrer Gruppe, Andreas, verhielt es sich etwas anders. Naja, ehrlich gesagt, für ihn galt nicht das gleiche äußerliche Problem, unter dem seine Freunde litten. Gutaussehend, mit dunklen Augen, einem markanten Gesicht und durchtrainiertem Körper, zog der Sechzehnjährige die Blicke der Mädchen auf sich.

Zum zweiten Mal wiederholte Andreas die Klasse. Nicht aus Dummheit, sondern aus Faulheit blieb er immer wieder sitzen. Für die Schule zu lernen, hielt er für absolut überflüssig. Aber auch das störte keinen; der Altersunterschied machte ihn nur interessanter.

Es war eher seine kalte, arrogante Art, die ihm im Weg stand, neue Freundschaften zu knüpfen. Er schenkte niemandem, außer seinen engsten Freunden, Beachtung. Keiner kam Andreas nahe, erfuhr etwas über ihn. Kein Wunder, dass sie ihn ebenso mit Nichtachtung straften.

Die Vier wuchsen in der gleichen Siedlung auf und kannten sich seit Ewigkeiten. Sie besuchten dieselbe Schule und obwohl Andreas bei der Einschulung von Waltraut, Petra und Wolfgang bereits zu den Drittklässlern zählte, beschützte er sie vor den Attacken der anderen Schüler. Drei Jahre später gehörte er zu ihren Klassenkameraden.

Manchmal allerdings, wünschte Waltraut sich andere Freunde, angesagte – nicht abgelehnte, wünschte sich, einer der

“Top-Ten-Gruppen“ anzugehören. Aber alles, was ihr blieb, war dieser Verliererclub.

Seufzend löste sich Waltraud von ihrem Spiegelbild. Zwecklos, weiter hinein zu starren, hübscher wurde sie dadurch auch nicht. Mit langsamen Schritten ging sie den Flur entlang zur Küche. Überrascht bemerkte sie, als sie dort ankam, dass die Tür verschlossen war. Normalerweise dachten weder ihre Mutter noch sie daran, die Küchentür zu schließen. Ganz besonders dann nicht, wenn einer von ihnen beiden daheim war.

Eigentlich sollte dies Mutters freier Tag sein und Waltraut hatte damit gerechnet, sie zuhause vorzufinden. Umso missmutiger drückte das Mädchen die Türklinke herunter und betrat die Küche. Sie ahnte, was wieder einmal geschehen war und das Bild, das sich Waltraut jetzt bot, bestätigte die Vorahnung.

„Nee, das ist jetzt echt nicht ihr Ernst!“

Schon von weitem sah sie den aufgetürmten Abwasch in der Küchenspüle. Auf dem Esstisch lag wie immer der obligatorische Zettel. Ohne ihn gelesen zu haben, kannte Waltraut bereits die Worte, die ihre Mutter geschrieben und für sie hinterlassen hatte.

Mein liebes Kind,

ich musste bei der Arbeit einspringen. Eine Kollegin ist krank geworden. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht, dass wir heute nicht wie geplant zusammen kochen. Wir holen das ganz bestimmt bald nach, versprochen.

Bitte spüle das schmutzige Geschirr ab und hänge die gewaschene Wäsche an die Leine auf dem Dachboden. Ich bringe Essen vom Chinesen mit.

Bis heute Abend. Habe dich lieb, deine Mama!

Eine kleine Hoffnung, dass es diesmal anders sein würde, hatte sie noch. Vielleicht war ihre Mutter ja nur kurz einkaufen und in ein paar Minuten zurück.

Aber die Hoffnung starb in dem Moment, als sie zum Tisch lief und den Zettel las. Enttäuscht zerriss die Dreizehnjährige das Papier und warf es in den Müll.

Ihre Mutter und sie verbrachten wenig Zeit miteinander. Sie sahen sich morgens vor der Schule und abends, kurz bevor Waltraut schlafen ging. Mehr blieb ihnen nicht an gemeinsamen Stunden.

Waltraut verstand, dass ihre Mutter sofort sprang, wenn der Chef oder eine Kollegin anriefen. Sie brauchte die Arbeit, um für den Lebensunterhalt zu sorgen. Es gab nur sie beide. Ihr Vater starb, als sie noch in der Wiege lag. Die Chance, ihn kennenzulernen, hatte es für Waltraut nie gegeben.

Manchmal stellte sie sich die Frage, wie ihr Leben heute aussehen könnte, wäre er noch am Leben. Wahrscheinlich wäre es ein schöneres gewesen, denn die wenigen gemeinsamen Bilder im Fotoalbum erzählten die Geschichte einer glücklichen Familie.

Das Schicksal machte dem Glück ein Ende. Ein Verkehrsunfall nahm ihr den Vater. Was blieb, waren Waltraut und der Kampf ihrer Mutter, für sie beide zu sorgen.

Mama schaffte das recht gut. Sie beide lebten nicht schlecht. Ab und zu gönnten sie sich den einen oder anderen Luxus.

Jedoch bemerkte Waltraut oft die Müdigkeit im Gesicht ihrer Mutter. Gespräche fanden kaum noch statt und ein Lachen gab es selten von ihr zu hören. Das Mädchen hätte gerne auf die Markenklamotten und das tolle Auto verzichtet aber der Wunsch, mehr Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen, blieb unbeachtet.

Lustlos betrachtete sie das schmutzige Geschirr im Waschbecken. Dann entschied sie für sich, dass das Abwaschen und die Wäsche warten konnten. Es reichte, wenn sie die Aufgaben auf später verschob. Mutters Rückkehr von der Arbeit würde eh noch mehrere Stunden dauern. Sie hatte genug Zeit, davor etwas Angenehmes zu machen.

Waltraut verließ die Küche und lief die Treppe hoch zu ihrem Zimmer. Schwungvoll drückte sie den Türgriff herunter und öffnete den Zugang zu ihrem Reich.

Ein Platz, in dem sie ihren Problemen keinen Raum gewährte. Tapete– verdeckt mit Postern von „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“, Einhörnern, Hexen und feuerspeienden Drachen. Fantasiefiguren in sämtlichen Größen, verteilt auf Schränken, am Boden, auf der Fensterbank, machten aus dem Zimmer eine Märchenwelt.

Ein Himmelbett, wie für eine Prinzessin gemacht, stand in der Mitte des Raumes. Schön anzusehen, aber Waltrauts wertvollster Besitz befand sich gegenüber von ihrem Schlafplatz. Das bis an die Decke reichende, übervolle Bücherregal, welches eine komplette Wand einnahm.

Jeden Tag führten Waltrauts Schritte, wenn sie in ihr Zimmer kam, direkt dorthin. Andächtig schaute sie ihre Schätze an, strich sanft über die Buchrücken, zog das eine, dann das nächste heraus. Still sah sie sich die bunten Cover an, las vertieft die Klappentexte und blätterte in den Seiten.

Gestern Abend hatte sie eines der Bücher beendet. Jetzt freute sie sich darauf, ein Neues zu beginnen.

Für Waltraut stellten die Geschichten eine Flucht aus ihrem Alltag dar. Sie versank regelrecht in den Handlungen der Bücher und konnte es auch jetzt kaum abwarten, mit dem Lesen zu beginnen.

Schnell schlug sie das Buch ihrer Wahl auf. Die ersten Sätze lesend, lief sie zum Bett und ließ sich darauf fallen.

Alles rückte in den Hintergrund, einzig die Helden in der Fantasiegeschichte spielten die Hauptrolle in ihren Gedanken.

Stunden später legte sie das Buch auf den Nachttisch neben ihrem Bett. Ihre Augen brauchten eine Pause vom Lesen. Vielleicht sollte sie einige Minuten die Augen schließen. Dafür war sicherlich noch genug Zeit bis ihre Mutter heimkam. Ihr Blick auf den Wecker ließ sie allerdings erschrocken hochfahren.

,,Oh nein!“, rief Waltraut, sprang auf und stürmte ins Bad. Sie hatte sich so sehr in ihr Buch vertieft, dass sie nicht gemerkt hatte, wie schnell die Stunden vergangen waren.

Nur noch zwanzig Minuten bis ihre Mutter von der Arbeit nach Hause kam. Somit blieb ihr kaum noch Zeit, die aufgetragenen Hausarbeiten zu erledigen. Sie musste sich sputen und entschied sich dafür, zuerst die Wäsche aufzuhängen. Danach würde sie in die Küche gehen, um das Geschirr abzuwaschen.

Hektisch zog Waltraut die saubere Kleidung aus der Waschmaschine und stopfte sie in den Wäschekorb.

Bald schon war dieser randvoll, aber Waltraut schenkte dem keine Beachtung, sondern warf auch noch den Rest der Wäsche oben auf.

Erst als sie ihn schließlich hochhob, bemerkte sie das schwere Gewicht der nassen Kleidung. Sie zögerte kurz, vielleicht sollte sie ihn lieber nur halbvoll machen und zweimal die Leiter hochsteigen. Aber das kostete Zeit und Waltraut sah Mutters Gesicht bereits jetzt vor sich, wenn es ihr nicht gelang, die Aufgaben rechtzeitig vor ihrer Rückkehr zu erledigen. Wie sie schweigend, müde und enttäuscht von Waltraut, schlussendlich die Arbeit selbst verrichtete. Das musste sie verhindern; sie hatte keine Zeit, die Leiter mehrmals hoch und runter zu steigen, selbst wenn ihr die Gefahr bewusst war.

Ach was, ihr würde schon nichts passieren, beruhigte sie sich. Mit einem Ruck hob sie den Wäschekorb vom Boden hoch und stürmte im Laufschritt mit ihm in den Treppenflur.

Bei der Dachluke angekommen setzte sie diesen kurz ab, nahm den Haken von der Wand, führte ihn in die Öse der Luke ein und zog daran, bis diese sich öffnete. Die steile Klappleiter zum Dachboden rutschte herunter und stoppte vor Waltrauts Füßen.

Der kurze Blick auf die Armbanduhr an ihrem Handgelenk trieb sie zu mehr Eile an, die Zeit rannte in Höchstgeschwindigkeit. Ohne weiter nachzudenken, klemmte sie den Wäschekorb unter den rechten Arm. Mit der linken Hand sich festhaltend, erklomm sie Stufe für Stufe die Leiter, bis sie oben ankam.

Der Wäschekorb schien Tonnen zu wiegen. Mit letzter Kraft hievte sie ihn auf die Kante des Dachbodens. Leider hatte sie ihre eigene Stärke überschätzt, denn sie reichte bei weitem nicht aus. Der Korb kippte und die Wäsche rutschte ihr entgegen.

Reflexartig griff sie mit der linken Hand nach ihr … mit der Hand, mit der Waltraut sich eigentlich festhielt.

Zu spät erkannte das Mädchen den Fehler. Auch das Loslassen des Wäschekorbs half ihr jetzt nicht mehr. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel rückwärts die Leiter herunter.

Mit den Armen in der Luft rudernd, suchte sie nach Halt, scheiterte – ihre Hände fassten ins Leere.

Die steile Leiter gewährte ihr nicht den Hauch einer Chance, das Unglück abzuwenden. Zweieinhalb Meter stürzte Waltraut in die Tiefe.

Ein lauter Knall erklang, als sie mit voller Wucht auf dem Fußboden aufschlug. Blut sickerte aus einer Wunde am Hinterkopf und sammelte sich zu einer Pfütze auf dem Teppichboden. Schwer verletzt lag die Dreizehnjährige kaum noch atmend im Treppenflur.

Sie spürte keine Schmerzen, registrierte nicht, was mit ihr passierte. Sie hörte ihre Mutter nicht, als diese die Haustür aufschloss, Waltrauts Namen rief, die Treppe heraufkam, ihre Tochter leblos dort liegen sah und zu schreien begann.

Eine Nachbarin, die im selben Augenblick am Haus vorbeiging, alarmierte den Rettungswagen, der kurz darauf eintraf.

Aber Waltraut merkte nichts von all dem.

Hörte weder die Schreie ihrer Mutter, noch die Stimme des Notarztes und der Sanitäter. Sie merkte nicht, wie man sie auf eine Trage legte und aus dem Haus brachte. Auch das Sirenengeheul des Krankenwagens erreichte nicht ihr Bewusstsein. Wie er mit ihr mit hoher Geschwindigkeit und Blaulicht durch die Straßen zum Krankenhaus jagte.

In dem Moment des Sturzes stahl sie sich fort von dieser Welt und folgte den wunderschönen Bildern, die sich ihr offenbarten.

Regenbögen, Wälder, Wiesen – niemals zuvor mit solch blühenden Blumen und saftigem Grün gesehen, luden sie zum Wandern und zum Verweilen ein. Vierblitzer, die wild, mit fliegenden Mähnen durch die Landschaft galoppierten, forderten Waltraut auf, auf ihrem Rücken Platz zu nehmen. Fabelwesen, bekannt und unbekannt, der Fantasie entsprungen, empfingen Waltraut.

Sie alle umringten das Mädchen, welches bewusstlos auf dem Boden lag, und geleiteten sie in das Land:

,,Malvadin“

Ein Land, eine Welt, die nur Träumer und einsame Kinder betreten können, die Bücher lieben wie Waltraut und die nie aufhören, an Märchen zu glauben.

Ein Land, in dem Waltraut nicht dieselbe war – und niemals mehr sein würde …

MALVADIN

Vor langer Zeit gab es eine Welt, wie wir sie heute nur noch in der Fantasie unserer Träume erleben. Diese Welt nannte sich Malvadin. Hier existierten kein Neid, kein Schmerz, keine Trauer und keine Gier nach Macht.

Unbekannt waren auch Gut und Böse. Es gab keinen Gott oder Teufel, keine Religion, kein Richtig oder Falsch, so wie es die Menschen heutzutage kennen. Die Lebewesen glaubten einzig an die Magie.

Aber es war eine andere Magie, nicht die, die uns heute bekannt ist. Sie wurde nicht unterteilt in weiß oder schwarz, benutzt, um Flüche oder Liebeszauber anzuwenden. Für nichts dergleichen wurde der Zauber genutzt. Magie diente dazu, um anderen Bedürftigen zu helfen.

Vierblitzer, Elbrax, Knollroch, Magier, Hexen und viele bekannte, sowie unbekannte Wesen, lebten in Frieden miteinander in dieser Welt. Sie zollten sich gegenseitig Respekt, akzeptierten sich so, wie sie waren.

Es war eine Welt der Wunder, der Freude, der Schönheit und des Glücks.

Immer wieder kamen neue Lebensformen und Arten dazu, die Vielfalt kannte keine Grenzen. Doch eines Tages passierte leider das, was alles mit einem Schlag veränderte. Der erste Mensch wurde geboren.

Die Menschen vermehrten sich schneller als all die anderen Wesen dieser Welt.

So dauerte es nicht lange und sie verteilten sich innerhalb kürzester Zeit in alle Regionen Malvadins.

Die gute Aura, die hier herrschte, hatte zuerst noch einen großen Einfluss auf die Menschen. Sie lebten so wie all die anderen – in Frieden und Wohlgefallen an der Schönheit des Landes.

Niemand zweifelte, niemand neidete. Jeder Gedanke, jede Tat kamen aus der Seele und vervollständigte die Harmonie. Doch im Menschen schlummerte seit jeher die Gier nach Wissen. So dauerte es nur wenige Generationen, bis der Eine das Licht der Welt erblickte, der begann, all das Magische in Zweifel zu stellen.

Er wollte Erklärungen, Beweise. Er fragte und forschte. Für ihn war klar, dass am Anfang von allem irgendjemand stehen musste, das Dasein aller von einem Höheren geleitet wurde. Und er gab diesem ‘Jemand‘ einen Namen, da er ihn ohne Bezeichnung selbst nicht verstehen und an ihn glauben konnte. Er nannte ihn Gott.

Mit der Zeit entwickelte sich aus dieser Idee eine Religion. Etwas, das die Menschen anbeteten, wenn es einmal nicht so gut lief das Leben. Gott sollte schützen, Gutes tun. Dafür brauchte es Regeln, und so fingen Verbote und damit auch die Sünden an.

All das Schlechte nahm seinen Lauf. Denn jedes Volk schuf sich seinen eigenen Glauben, seine eigene Religion.

Irgendwann passte all das nicht mehr zusammen und so kam es zwischen den einzelnen Menschenvölkern zu Krieg und Zerstörung, Tod statt Leben, Misstrauen statt Verständnis.

Hiervon blieben die magischen Wesen nicht verschont.

Der Stachel des Neides, der Gewalt, infizierte auch sie.

Besonders traf das die Elbraxvölker. Sie hatten sich des Menschen am Anfang angenommen, ihm geholfen, in ihrer Welt zu überleben. Sie behandelten ihn gut und erkannten alle Menschen als Ihresgleichen an.

Viele Gemeinsamkeiten verbanden beide Völker miteinander. Gab es auch in der äußeren Erscheinung kleine Unterschiede, wie die spitzzulaufenden Ohren der Elbrax, so ähnelten sich beide doch sehr.

Ließen sich die Elbrax zunächst von Gefühlen leiten, übernahmen sie den Wissensdurst und die Neugier, welche ihre Urinstinkte verdrängten. Ihr einstiges sanftes Herz und das den Menschen entgegengebrachte naive Vertrauen, ließen sie zu guter Letzt einen großen Fehler begehen. Sie wurden blind gegenüber dem Bösen, das mit diesem Geschöpf in Malvadin einkehrte. Wie die Pest breitete es sich aus und es währte nicht lang, bis auch andere magische Wesen begannen, die negativen Eigenschaften der Menschen anzunehmen.

Aber nicht alle von ihnen konnten und wollten dies akzeptieren. Die Folge war, dass sich eines des größten ehemals gemeinsamen Volkes in zwei Lager spaltete. Die Hochelbrax und die Schattenelbrax.

Während die Hochelbrax an all dem, was vor dem Menschen wichtig war, festhielten, fingen die Schattenelbrax an, umzudenken. Statt an die Natur, die Freude, den Gesang und die Sonne zu glauben, folgten sie der Dunkelheit, dem Besitz von Gütern und Macht. So wurde aus Licht Finsternis, aus Respekt Neid und aus Liebe Hass.

Bald jedoch begannen beide Völker die Menschen zu meiden. Die Schattenelbrax wollten keine weitere Konkurrenz, die ihnen etwas wegnahm, und die Hochelbrax hatten Angst vor ihnen und ihrer Zerstörung.

Eine Zeitlang hielten sowohl Hochelbrax als auch Schattenelbrax Abstand voneinander, um einer Konfrontation aus dem Wege zu gehen. Jedes Volk lebte in einem Teil von Malvadin für sich allein. Doch die Schattenelbrax wollten sich auf Dauer damit nicht zufriedengeben. Sie begehrten, besessen von der Gier nach Besitz, immer mehr Land für die eigene Art. Skrupel, ihren Willen durchzusetzen, kannten sie nicht. Das Blut der Hochelbrax ebnete ihren Weg, wann immer sie aufeinander stießen. Denen, so sehr es ihnen widerstrebte, nichts anderes übrigblieb, als sich zu wehren und Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Es begann ein grausamer Krieg zu wüten, der Jahrzehnte des Schmerzes und des Todes mit sich brachte. Irgendwann konnte keiner mehr sagen, wie und warum die Schlacht begonnen hatte. Zu viele von ihnen starben und das Überleben beider Stämme war gefährdet.

In den Völkern wuchs der Wunsch nach einem Ende des irrsinnigen Tötens. Lieder und Legenden entstanden, die davon handelten, dass eines Tages ein Wesen geboren werde, das alle nur durch seine Liebe wieder vereinte und damit das Sterben beenden würde.

Lange Zeit verging und nichts veränderte sich. Die Lieder erklangen immer leiser, die Erzähler der Legenden verstummten.

Viele Mütter, egal ob Schattenelbrax oder Hochelbrax, verloren Söhne und Töchter. Mit ihren Tränen der Trauer und des Verlustes hätte man ganze Meere füllen können. Bald schon existierten nur noch wenige von ihnen. Sollte es auch weiterhin Hochelbrax und Schattenelbrax geben, musste dieser Wahnsinn ein Ende haben.

Endlich siegte die Vernunft und brachte sie dazu, gemeinsam eine Lösung zu suchen.

Um ein Schweigen der Waffen zu erreichen, beschlossen die Elbrax-Völker, einen Pakt zu schließen. Es kam zu einem Treffen der Führer, den sogenannten Renegaten, beider Clans. Nach langem Verhandeln entstand ein Vertrag, der mit ihrem Blut besiegelt wurde. Dieser besagte, dass keiner der beiden Völker den Lebensraum des anderen betreten dürfe. Eine Grenze wurde errichtet, die es niemandem erlaubte, sie zu überschreiten. Beachtete einer dieses Gesetz nicht, bedeutete das seinen qualvollen Tod.

Zwar wurden die Clans dadurch nicht wieder vereint, doch zumindest hatte das Morden ein Ende.

SHA

Mit dem Waffenstillstand zog der Frieden wieder in Malvadin ein. Das Leben nahm seinen gewohnten Lauf und die Elbrax begannen, es wieder zu genießen. Langsam aber sicher erholten die Völker sich und viele Elbraxkinder wurden geboren. Eines von ihnen war Sha.

Als die Tochter eines Renegaten der Hochelbrax kam sie auf diese Welt. Vom ersten Tag ihrer Geburt an, war sie ein fröhliches Kind. Aufgeweckt und glücklich hörte man ihren Gesang häufig lieblich und fein erklingen.

Als der Stolz ihres Vaters und ihrer Mutter lebte sie ein gutes Leben, in dem sie keinen Kummer, Trauer oder Hass kennenlernte.

Sha, ein äußerst neugieriges Kind, wollte alles entdecken und erlernen. Ihr unersättlicher Hunger nach Wissen trieb sie immer weiter voran. So lernte das Elbraxmädchen nicht nur die magischen Künste ihres Volkes, sondern ebenso das Lesen der verbotenen Menschenbücher.

Jeden Buchstaben der Wörter in den Geschichten, heimlich von ihrer Mutter zugetragen, verschlang sie. Ganz besonders die, welche von der Liebe zwischen Mann und Frau handelten, hatten es ihr angetan. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen.

Je älter Sha wurde, umso mehr wünschte sie sich, ein Mensch zu sein und wie in den Geschichten ihrer Bücher die große Liebe zu finden. Sie träumte davon, einem Mann zu begegnen, der sie umgarnte und zu seiner Frau machte.

Die Jahre gingen dahin, und aus dem Kind wurde eine wunderschöne Frau.

Ihr langes blondes Haar schimmerte wie Gold in der Sonne und die Augen waren tiefschwarz wie die Nacht.

Kein Maler konnte die Zartheit ihrer ebenmäßigen Züge einfangen, nie würde ein Bild ihrer Erscheinung wirklich gerecht werden. Die heiratsfähigen Elbraxmänner warben um Shas Gunst. Sie versuchten alles, um nur einen kurzen Augenblick der Aufmerksamkeit von ihrer Angebeteten zu bekommen. Sie jedoch, versunken in den Träumen ihrer Bücherwelt, erhörte keinen von ihnen.

Wenn sie nachts allein in ihren Kissen lag, ließ sie sich in ihrer Welt der Fantasie treiben, die ihr den Einen brachte, der sie liebte – so wie sie wirklich war. Dieser Eine ließ sich nicht blenden von Schönheit oder dem Status einer Renegatentochter. Einzig und allein ihretwillen bliebe er bei ihr. Das war ihr größter Wunsch und sie war sich sicher, eines Tages würde sie ihn finden.

Gerne hätte Sha mit jemandem darüber gesprochen. Doch das Verbot – Bücher der Menschen zu lesen – hinderte sie daran. Zwar wusste ihre Mutter von der Leseleidenschaft, jedoch von dem Wunsch, einen Menschen zu ihrem Ehemann zu machen, nicht. Dessen ungeachtet hätte sie ihn auch niemals unterstützt.

So hofften die ahnungslosen Elbraxmänner weiterhin, wie auch ihr Vater, dass sie bald eine Entscheidung treffen würde. Die Zeit, ein Ehegelübde abzulegen, rückte unaufhaltsam näher; bald schon würde Sha ihre Träume aufgeben müssen.

Zerza

Ebenso wie im Land der Hochelbrax ging auch das Leben der Schattenelbrax weiter.

Das Volk hatte nach dem Krieg endlich wieder zu neuer Stärke gefunden. Es wuchs stetig und zur selben Zeit wie Sha wurde auch Zerza, als Sohn des Renegaten des Stammes, geboren. Ebenso wie sie war auch er äußerst neugierig und wissbegierig.

Schon als Kind begann er, alles in seiner Umgebung zu erkunden. Stets auf der Suche nach neuen Abenteuern und unerforschten Dingen, durchstreifte er die Wälder seiner Heimat. Dabei scheute er sich auch nicht die Grenze, die diese von dem Dorf der Hochelbrax trennte, zu übertreten. Dass dies verboten und aufs Härteste bestraft wurde, falls man ihn erwischte, interessierte Zerza kaum. Im Gegenteil, gerade dieses Verbot entfachte seine Neugier umso stärker.

Eines Tages wäre er fast entdeckt worden, als das schönste Mädchen, welches er jemals in seinem Leben gesehen hatte, seinen Weg kreuzte.

Zerza hatte Sha entdeckt.

Gerade noch im letzten Augenblick, schaffte es der junge Schattenelbrax, sich im Schatten der Bäume zu verstecken. Dort kauerte er im Dickicht und starrte sie an, unfähig, die Augen von ihr abzuwenden. Verzaubert von ihrem Anblick erwachte der Wunsch in ihm, sie sein Eigen nennen zu können.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, ihr unentdeckt zu folgen, schlich er Sha hinterher. Die Sehnsucht nach ihrer Nähe zerrte an ihm. War Zerza es doch gewohnt, sich zu nehmen, was er wollte, interessierten die Gesetze der Elbraxvölker ihn kein bisschen. Sha gefiel ihm und so erkor er sie zu seiner Auserwählten.

Häufig beobachtete er, wie das Mädchen am See, versteckt vor allen anderen, las. Als Sha eines Tages, aufgeschreckt durch einen Ruf nach ihr aus dem Dorf, überstürzt davoneilte, vergaß sie eines der Bücher. Neugierig nahm Zerza es an sich und las eine der Liebesgeschichten.

Nachdenklich verließ er den Wald und lief langsam zurück zu seinem Volk. Konnte es sein, dass seine Angebetete wie ein Mensch sein wollte? Warum sonst verbrachte sie ihre Zeit mit deren Geschichten?

Sein Verlangen verstärkte sich ins Unermessliche. Kaum noch für ihn zu ertragen, kämpfte Zerza darum, die Kontrolle über sich zu behalten. Wohl bewusst, dass diese Verbindung nie ein glückliches Ende haben konnte. Sie würden sich niemals lieben dürfen und Zerza bezweifelte auch, dass Sha überhaupt irgendwann Gefühle für ihn entwickeln würde. Ja, er war schlau genug, all das zu wissen. Dennoch wurde das Elbraxmädchen zu seiner Besessenheit.

Wochen verbrachte der Renegatensohn damit, einen Plan auszuklügeln, wie er sie zu der Seinen machen konnte, ohne dass sie ahnte, wer oder was er war. Lange Zeit erschien es ihm unmöglich einen Weg zu finden, der dies ermöglichen könnte. Doch dann eröffnete ihm das eigene Volk die Möglichkeit, wenigstens einmal Sha nahe sein zu können.

Zufällig hörte er die Alten im Dorf über einen längst vergessenen Zauber sprechen. Unentdeckt, im Dunkeln der herannahenden Nacht, verborgen hinter einem Zelt, lauschte er ihren Worten, prägte sich jede Einzelheit ein.

Er benötigte nicht viel – nur eine mondlose Nacht und einen einfachen Zauberspruch.

Es dauerte nicht lange und die ersehnte Nacht brach an. Zerza stahl sich fort zum Dorf der Hochelbrax.

Den Zauberspruch murmelnd betrat er auf leisen Sohlen Shas Heimat. Die gerissene List funktionierte und Zerza nahm die Gestalt des Mannes aus ihrer Liebesgeschichte an. Er begab sich in ihr Zelt und sobald Sha ihn sah, entfaltete sich die Wirkung des Zauberspruches.

Verzaubert von der Magie glaubte sie, den Mann ihrer Träume vor sich zu haben und ihn mehr als alles andere zu begehren. Für Sha gab es keine Möglichkeit, sich dem Schattenelbrax zu entziehen und Zerzas Wunsch, Sha für eine Nacht zu besitzen, ging in Erfüllung.

Am nächsten Morgen verschwand er, lange bevor sie erwachte. Die Liebesnacht endete, ohne dass sie ahnte, wer der Menschenmann in Wahrheit gewesen war. Zerza war schlau genug gewesen, bevor er sie verließ, Sha die Erinnerung an die Nacht, und somit auch an ihn, zu nehmen.

So erwachte sie nichts ahnend, glücklich mit einem fröhlichen Lachen.

Doch ihr Glück sollte nicht lange währen.

Wie zu erwarten blieb diese Liebesnacht nicht ohne Folgen.

In den ersten Wochen plagte Sha eine Übelkeit, die es ihr unmöglich machte, ausreichend Nahrung zu sich zu nehmen. Besorgnis breitete sich im Dorf aus. Dachten doch alle, ebenso wie sie selbst, sie wäre von einer schlimmen geheimnisvollen Krankheit befallen.

Einige Monde später ließ es sich jedoch nicht mehr verbergen und es war Sha anzusehen, dass ein Kind in ihr heranwuchs. Ein Kind, dessen Empfängnis und Herkunft sie nicht erklären konnte.

Für das Mädchen begann eine schwere Zeit. Auf die Fragen der anderen, wer der Vater des Kindes sei, konnte sie keine Antwort geben.

Sie – früher verehrt und geliebt – trug jetzt das Mal der Schande. Die anderen Hochelbrax redeten schlecht über sie und mieden ihre Anwesenheit. Kein männlicher Elbrax wünschte sich jetzt noch, Sha zu seiner Braut zu machen. Ihr Los war nunmehr die Einsamkeit. Wurde sie früher auf Händen getragen, so musste sie jetzt Demütigungen und Verachtung erdulden. Niemand, nicht einmal ihre Eltern, halfen Sha.

Sie hatte nur noch eines: die Hoffnung darauf, dass, wenn ihr Kind das Licht der Welt erblickte, alles wieder besser für sie sein würde.

Wie in allen anderen Völkern in Malvadin wurden die Kinder des Volkes als etwas Besonderes, ein Schatz, der das Überleben sicherte, angesehen. So würden auch ihresgleichen Shas Kind in ihren Reihen aufnehmen. Niemand konnte dem Charme eines neugeborenen Hochelbrax widerstehen.

Durch die Liebe zu ihrem Enkelkind würden auch ihre Eltern wieder zurück zu ihr kommen und sie wäre wieder die Tochter des Renegaten.

Allein der Glaube daran hielt sie davon ab, ihrem Leben für immer den Rücken zu kehren.

Stolz ertrug sie das Gerede, das Gelächter der anderen.

Sie übersah die Blicke, ignorierte es, wenn sie von ihnen angespuckt wurde. Egal wie schlimm die Demütigungen auch waren, Sha nahm sie mit erhobenem Haupt hin. Wartend auf den Augenblick, der alles wieder zum Guten wenden würde.

Doch diese Hoffnung erlosch in jenem Augenblick, als Wusch das Licht der Welt erblickte.

Wusch

Seit dem Tage ihrer Geburt war Wusch für Sha eine einzige Schmach. Von Anfang an, sichtbar für alle, dass nie und nimmer einer der Männer ihres Volkes dieses Kind gezeugt haben konnte. Denn Wusch sah ganz anders aus als alle anderen Kinder.

Hochelbrax trugen blonde, fast rötliche lockige Haare auf ihrem Haupt, die Statur eher klein und kräftig und ihre Augen waren tiefschwarz.

Wuschs Körper dagegen zeigte sich von schlankem zierlichen Wuchs. Pechschwarze glatte lange Haare fielen ihren Rücken hinunter. Besonders auffällig waren aber ihre großen, strahlend blauen Augen.

Die Kleine wuchs ungewöhnlich schnell. Bereits im Alter von 12 Mada (Jahren) überragte sie die anderen Kinder ihres Volkes um zwei Köpfe.

Als sei das nicht schon Strafe genug für das Kind, bemerkten die anderen Dorfbewohner schnell, dass Wusch außergewöhnliche magische Fähigkeiten besaß, die keiner der Ihrigen beherrschte.

Jedoch ihre Feinde, die Schattenelbraxe, rühmten sich solcher Fähigkeiten. Die weisen Magier unter ihnen kannten Zaubersprüche, um jegliche Gestalt aller Geschöpfe, die in Malvadin existierten, anzunehmen. Auch Wusch, weder alt noch weise, geboren als Hochelbrax, beherrschte diese besondere Gabe.

Leider nicht ganz so perfekt. Sie hatte keinen Lehrer, der sie lehrte, den Zauber richtig anzuwenden.

Egal wie oft sie es auch probierte, stets wurde sie zu etwas anderem als das, was sie sich wünschte.

Wollte sie das edle Ross sein – kam nur ein Esel dabei heraus. War es der stolze Adler, der über dem Dorf seine Kreise zog, so wurde Wusch zum gackernden Huhn.

Obgleich die anderen ihres Clans sie insgeheim fürchteten, reichten ihre Zaubermisserfolge dennoch aus, um sie zum Gespött des Dorfes zu machen. Gleichwohl hatte Wusch mit noch einem weiteren Problem zu leben.

Jedes Mal, wenn sie aufgeregt war, bekam sie einen ausgeprägten lauten Schluckauf. Da sie noch dazu eine sehr nervöse Elbrax war, ereignete sich dieses sehr häufig und das Hicksen ertönte laut, sobald sie den Mund öffnete.

Trotz alledem, Wusch ließ sich nicht unterkriegen; unermüdlich übte sie verbissen ihre Zauberfähigkeiten, wann immer sich ihr die Möglichkeit bot.

Stetig dem Hohn und Spott der anderen Kinder ausgesetzt, gefror Wuschs kleine Seele. Niemand half ihr oder stand für sie ein. Freunde – ein Fremdwort für sie.

Keiner brachte ihr Wärme und Liebe entgegen.

Natürlich ging dieses nicht spurlos an dem Mädchen vorüber. Wirkte die Haltung der Elbrax sowieso schon ein wenig erhaben und überlegen, steigerte sich dies bei Wusch zu einem arroganten Auftreten. Sie wurde abweisend und kalt gegenüber den anderen ihres Volkes. Selbst wenn einer der anderen versuchte, ihr gegenüber freundlich zu sein, was sehr selten vorkam, ließ ihre spitze Zunge jegliches nette Wort sofort verstummen.

Diese ganzen Aspekte führten dazu, dass Wusch ein einsames Kind wurde. Keiner wollte etwas mit ihr zu tun haben. Selbst ihre Familie – Mutter und Großeltern – mieden das Mädchen. Wusch, der Grund für ihre Schande, verdiente es in ihren Augen nicht, geliebt zu werden. Ganz allein lebte sie in einem großen Clan, umgeben von glücklichen Eltern und deren Kindern. Sie musste zusehen, wie schön ein Leben in einer Familie sein konnte, jedoch für Wusch niemals sein würde.

Wusch bei den Menschenkindern

Jeder neue Tag, ernüchternd und kalt, folgte dem vorangegangenem, ohne eine Veränderung mit sich zu bringen.

Im Wald, zurückgezogen von allen anderen Elbrax, übte sie unermüdlich den Zauber der Gestaltenwandlung weiter. Dieses Mal war es die einer Flederratte, ein magisches, hoch angesehenes Geschöpf in Malvadin. Wie immer klappte es nicht und Wusch wurde zu einer Fledermaus.

Da hörte sie feine Stimmen in der Ferne.

Zuerst schenkte sie ihnen keine Beachtung, doch neugierig, wie sie war, konnte sie gar nicht anders, als nachzuschauen, woher diese kamen und vor allem, wem sie gehörten. Schnell die wahre Gestalt wieder annehmend, schlich Wusch, den Stimmen folgend, näher heran.

Überrascht entdeckte sie kleine, ihr unbekannte Wesen, die auf einer Lichtung im Wald spielten. Die winzigen Geschöpfe lachten, sangen und wirkten sehr glücklich auf die Lauscherin. Was Wusch noch mehr erstaunte: Sie waren ihrem Volk, bis auf die spitzen Ohren, sehr ähnlich.

Interessiert schaute Wusch ihnen eine Weile zu und dachte bei sich: „Das müssen die Menschen sein, von denen die Alten im Dorf erzählten.“

So aus der Ferne betrachtet wirkten diese überhaupt nicht gefährlich, eher harmlos, auf Wusch. Sie verstand nicht, warum ihr Volk sich so vor diesen Geschöpfen ängstigte. Allerdings gab es das ungeschriebene Gesetz, welches den Elbrax verbot, sich den Menschen zu zeigen.

Taten sie es dennoch, hieß das die Verbannung aus ihrem Clan und ihrer Heimat. Wusch wusste das; so stand sie nur da, schaute ihrem Spiel zu und lauschte dem fröhlichen Kinderlachen.

Unbemerkt hockte sie hinter einem Baum. Aber nach einer Weile begann sie sich zu langweilen und beschloss, wieder ins Dorf zurückzukehren.

Bereit zu gehen richtete sie sich auf, um ihr Versteck zu verlassen.

Doch Wusch war sehr trampelig und keineswegs elfengleich. Während sie eilig zwischen den Bäumen hindurchlief, schaute sie sich immer wieder um, sich vergewissernd, dass niemand ihr folgte.

Es kam wie es kommen musste. Abgelenkt übersah sie einen Ast an einem Baum, der ihr im Wege stand, und prallte mit voller Wucht dagegen, dass es nur so im gesamten Wald dröhnte.

Aber statt ihren Weg fortzusetzen, sich leise davonzustehlen, blieb Wusch laut fluchend und hicksend stehen.

Kein Wunder, dass die Kinder, durch ihr Gezeter aufgeschreckt, sie hörten. Im Nu rannten sie zum Ort des Wehgeschreis, entdeckten Wusch und umzingelten sie rasch.

Wusch hätte genug Zeit gehabt, um zu flüchten oder sich zu verwandeln (in was auch immer) damit sie unentdeckt blieb. Aber sie sah etwas in den Augen der Kinder, etwas Neues, Unbeschreibliches, nie für sie Gekanntes. In ihnen lag ehrliche Freude, Bewunderung, vielleicht sogar Verzückung, eine wahrhaftige Hochelbrax zu sehen. Und es tat Wusch gut, einmal keine Ablehnung zu verspüren.

Anstelle der vernünftigeren Entscheidung ihres Verstandes, zu gehen, ließ sie ihr Herz sprechen, das ihr sagte, wenigstens ein paar Stunden könne sie bei den Kindern verweilen.

Den ganzen Nachmittag verbrachte sie mit den Kleinen. Erzählte Geschichten von ihrem Volk und anderen magischen Wesen in Malvadin. Sie kicherte, war albern und spielte, als sei sie selbst ein Menschenkind. Glücklich und ermutigt von der Treuherzigkeit der Kleinen, öffnete sich Wusch und vertrauensvoll ließ sie all die verborgenen fantastischen Lebewesen ihrer Welt zum Vorschein kommen.

Eines davon, scheu und zurückgezogen im Wald lebend, waren die Vierblitzer. Einzig und allein den Elbrax schenkten sie ihr Vertrauen. So auch Wusch.

Auf ihren Pfiff hin kamen sie angaloppiert, blieben Hufe scharrend, mit weit aufgerissenen Nüstern vor ihr stehen. Mit zarter Stimme sprach Wusch auf die Geschöpfe ein, während sie sanft ihren Kopf streichelte. Beruhigt senkten die Vierblitzer ihr Haupt und knieten mit den Vorderbeinen nieder, darauf wartend, dass sich die sie Rufende auf ihren Rücken schwang.

Als Wusch das Leuchten der Kinderaugen beim Anblick der edlen Rösser sah, gab sie ihrem flehenden Bitten nach sie zu lehren, wie man diese ritt.

Ein malvadinisches Gesetz nach dem anderen brach sie. Doch das war ihr egal. Sie genoss es, wie die Menschenkinder zu ihr emporschauten und das Gefühl, endlich Freunde gefunden zu haben.

Schnell rückte der Abend näher. Langsam dämmerte es im Wald und es wurde Zeit für Wusch, sich von ihren neuen Freunden zu verabschieden. Leicht fiel es ihr nicht, Lebewohl zu sagen. Darum versprach sie gerne beim Abschied, sehr bald wieder zu kommen.

Den Kindern nahm sie den Schwur ab Stillschweigen darüber zu bewahren, was sie an diesem Tag erlebt hatten. Hoch und heilig versicherten sie der Elbrax, sich daran zu halten. Das reichte Wusch aus, um sorglos und frohgemut zurück zum Dorf zu laufen. Sie freute sich bereits auf das nächste Mal wenn sie ihre neuen Freunde wiedersehen würde.

Was sie nicht ahnte: Ein männlicher Hochelbrax war ihr gefolgt und hatte, stundenlang auf der Lauer liegend, das Geschehen beobachtet.

Er verabscheute Wusch abgrundtief. Die Genugtuung, der Wissende ihres Geheimnisses zu sein, erfreute ihn über alle