Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im letzten Teil der Seifenblasen-Trilogie müssen Kyle Wallace und Sophie Borough noch einige Hürden überstehen. Ihr Leben und das ihres Sohnes Sam nimmt eine neue Wendung - Sophie ist schwanger. Sie müssen die Probleme einer Schwangerschaft bewältigen, die Dämonen der Vergangenheit endgültig vertreiben und beweisen, dass sie wirklich zusammengehören. Werden sie es schaffen und endlich am Ziel ihrer Träume ankommen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 475
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Im letzten Teil der Seifenblasen - Trilogie müssen Kyle Wallace und Sophie Borough noch einige Hürden überstehen.
Ihr Leben und das ihres Sohnes Sam nimmt eine neue Wendung - Sophie ist schwanger.
Sie müssen die Probleme einer Schwangerschaft bewältigen, die Dämonen der Vergangenheit endgültig vertreiben und beweise das sie wirklich zusammengehören.
Werden sie es schaffen und endlich am Ziel ihrer Träume ankommen?
Stefanie Schwellnus wurde 1985 geboren und lebt, zusammen mit ihrer Familie, in einem kleinen Dorf in Sachsen.
Ihre ersten Arbeiten hat sie auf fanfiktion.de unter dem Pseudonym Skyla of the Moors veröffentlicht. Dies ist ihr vierter Roman und der letzte Teil der "Seifenblasen"-Trilogie.
Bereits erschienene Titel:
Holidays ISBN 978-3-7322-9414-5
Liebe ist eine Seifenblasen ISBN 978-3-7347-3860-9
Seifenblasen können platzen ISBN 978-3-7386-3399-3
Es ist nicht wichtig, ob man gewinnt oder verliert, sondern das man kämpft.
Für Alle, die gekämpft haben.
Kapitel 1 – Positiv oder Negativ?
Kapitel 2 – Das Gespräch
Kapitel 3 –Frauengespräch
Kapitel 4 – Schwangerschaftsbeschwerden
Kapitel 5 - Schock
Kapitel 6 – Alles anders als gedacht
Kapitel 7 - Familiendinner
Kapitel 8 - Informationen
Kapitel 9 – Nächtliche Gier
Kapitel 10 - Verrat
Kapitel 11 - Verlobt
Kapitel 12 – Junge oder Mädchen
Kapitel 13 - Rache
Kapitel 14 - Hochzeit
Kapitel 15 - Ein unvergessliches Weihnachtsfest
Epilog
Danksagung
Wie in Zeitlupe hebt sie die Hand, in der sie den Test hält und dreht ihn um. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Haben Kyle und Mom doch Recht? Bin ich vielleicht schwanger? Möglich wäre es ja, immerhin haben wir auf die Verhütung verzichtet.
Kyle nimmt meine Hand. Ich kralle mich förmlich an ihm fest. Ich kann ihn nicht ansehen, mein Blick ist an diesen Test geheftet, den meine Mutter immer noch nicht komplett umgedreht hat. Wieso dauert das so lange?
Nach einer gefühlten Ewigkeit hat sie es geschafft und sieht als Erste das Ergebnis. Ich kneife meine Augen zu. Ich hab Angst vor dem Ergebnis.
Ich höre einen schrillen Schrei und fühle, wie sie mir um den Hals fällt.
„Oh Spätzchen.“, schluchzt sie mir ins Ohr. Ich lasse Kyles Hand los und nehme meine Mutter in den Arm, die mittlerweile vor dem Sessel kniet. Mit vor Schreck geweiteten Augen starre ich auf ihren Hinterkopf. Hilflos sehe ich Kyle an. Er scheint auch nicht zu wissen, was das zu bedeuten hat.
„Was ist denn hier los?“, fragt mein Vater von der Tür her und ich wende mich ihm zu. Im ersten Augenblick sieht er uns fragend an, aber dann fällt sein Blick auf meine schluchzende Mutter. Sofort zeichnet sich Besorgnis auf seinem Gesicht ab. Schnell kommt er zu uns herüber geeilt.
„Sandra?“, fragt er ängstlich und legt ihr seine Hand auf ihre Schulter. Mom löst sich von mir und fällt ihm um den Hals. Er ist so überrascht, dass er die Balance verliert und, mit ihr im Arm, auf dem Boden landet.
„Oh Mitchell.“, schnieft sie.
„Was ist denn los? Bitte rede doch mit mir.“ Eindringlich redet er auf sie ein.
„Oh Mitchell.“ Sie weint noch immer. Dad versucht, sie irgendwie zu trösten.
„Kennst du das Ergebnis?“, fragt Kyle mich leise. Bedauernd schüttle ich den Kopf.
„Sandra, was ist denn passiert?“ Langsam scheint er zu ihr durchzudringen.
Mom hebt ihren Kopf von seiner Brust und setzt sich auf. Ohne ein Wort zu sagen hält sie ihm den Schwangerschaftstest hin. Der Knoten in ihrem Nacken hat sich gelöst und einzelne Strähnen sind total zerzaust.
Mein Vater wird auf der Stelle blass und kleine Schweißtröpfchen bilden sich auf seiner Stirn.
„Bist du dir sicher? Die Ärzte haben doch gesagt, dass du keine Kinder mehr bekommen kannst. Sie sagten, Sophie wäre schon ein Wunder gewesen.“, stammelt er. Dabei starrt er unentwegt das Stäbchen an.
Eine kleine Vorahnung steigt in mir auf und ich spüre ein kleines Flattern in meiner Magengegend. Gedanken drängen auf mich ein, aber ich schiebe sie zurück in den hintersten Winkel meines Kopfes. Ich kann sie und all die Gefühle erst zulassen, wenn ich diesen verdammten Test gesehen habe.
„Mitchell!“, lacht meine Mutter und schlägt ihm auf den Oberarm. Dann rappelt sie sich auf und zieht Kyle und mich auf die Füße, um uns ganz fest zu umarmen.
„Ich freue mich so für euch.“, murmelt sie. Das Flattern in meiner Magengegen verstärkt sich.
„Zeig mit den Test.“, bitte ich sie heiser. Mit einem breiten Grinsen reicht sie ihn mir.
Mit zitternden Fingern greife ich danach. Ich spüre, wie Kyle hinter mich tritt und seine Arme um meine Taille schlingt. Mom hat mir den Test so gegeben, das ich nur die Rückseite erkennen kann. An dem Wackeln des Schwangerschaftstestes merkt man, wie nervös ich bin. Kyle löst eine Hand von meiner Taille und legt sie auf meine.
„Zusammen. Okay?“ Ich kann die Anspannung in seiner Stimme hören. Langsam drehen wir gemeinsam den Schwangerschaftstest um. Wie blind sehe ich auf das Sichtfeld. Ich muss mehrmals blinzeln, bis ich die Bilder in meinem Kopf verarbeiten kann. Tränen treten in meine Augen und lassen meine Sicht verschwimmen.
„Zwei Striche.“, krächze ich.
„Ja.“, sagt Kyle atemlos und drückt mir seine warmen, weichen Lippen auf den Hals „Ja, zwei Striche.“, murmelt er an meiner Haut und vergräbt sein Gesicht in meinem Haar.
„Kann mich bitte jemand aufklären?“ Verwirrt sieht mein Vater zwischen uns hin und her. Unweigerlich muss ich grinsen.
„In ein paar Monaten wirst du wieder ein Enkelkind schaukeln dürfen.“, erklärt ihm Mom unter Tränen.
„Sophie ist tatsächlich schwanger?“ Er kann es nicht glauben.
„Aber der Test vor zwei Wochen war doch negativ.“
„Es war einfach zu früh dafür.“ Meine Mutter erklärt ihm in geschluchzten Worten unseren Morgen. Ich drehe mich in Kyles Armen und schlinge meine um seinen Hals.
„Hey Daddy.“, flüstere ich. Ich sehe ihn an und dabei schlägt mein Herz höher. Der Unglauben ist ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, aber in seinen Augen leuchtet schon die Liebe und das Glück über den kleinen Knopf in meinem Bauch.
„Hey Mommy.“, murmelt er und gibt mir einen innigen Kuss, in den er all seine Liebe legt. Immer und immer wieder treffen sich unsere Lippen. Das Flattern in meinem Inneren nimmt zu, bis ein ganzer Schwarm Schmetterlinge in mir herum flattert.
„Wir bekommen ein Baby!“, stelle ich atemlos fest. Sanft streichle ich ihm über die Wange. Kyle schließt die Augen und schmiegt sein Gesicht gegen meine Hand. Auch wenn es nur eine kleine Geste ist, so drückt sie doch so Vieles aus. Er wischt mir mit den Daumen meine Tränen weg.
„Darf ich meine kleine Tochter umarmen?“, fragt mein Vater hinter uns. Schnell löse ich mich von Kyle. Kaum sind seine Arme verschwunden, nehmen die von Dad mich in Beschlag. Er selber wird von meiner Mutter umarmt.
„Du bist wirklich schwanger?“
„Ja Daddy. Du wirst wieder Grandpa.“ Neue Tränen laufen mir wieder über die Wange.
„Ich freue mich so für euch.“ Fest, aber nicht zu fest, drückt er mich an sich und gibt mir einen Kuss auf den Scheitel.
„Darf ich auch?“ Lächelnd gibt mich Dad frei und ich falle meiner Mutter um den Hals.
„Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich gerade bin.“, schluchzt sie.
„Ich kann es gar nicht richtig glauben.“ Auch wenn ich das Ergebnis gesehen habe und in meinem Bauch Millionen Schmetterlinge herum flattern, ist es noch nicht ganz bis in mein Hirn vorgedrungen.
„Das wird schon noch.“
Ich werfen Kyle, über Moms Schulter hinweg, einen Blick zu. Zum wiederholten Mal nimmt mein Vater ihn in den Arm und schlägt ihm auf die Schulter.
„Da müsst ihr jetzt nach einem größeren Haus Ausschau halten.“ Mein Vater trägt ein seliges Lächeln zur Schau.
„Noch ist es nicht hundert prozentig. Ich war noch nicht beim Arzt.“ Langsam kehrt mein Denken zurück.
„Na dann, mach dich zu deinem Frauenarzt.“, drängelt mein Vater. Ich verziehe das Gesicht. Der Tag war, bis auf das Ergebnis des Schwangerschaftstests, ziemlich beschissen und ich brauche heute keinen Arzt mehr, der mit kalten Händen zwischen meinen Beinen herum fummelt. Kyle sieht meinen Gesichtsausdruck und dass sich in mir schon wieder ein Sturm zusammen braut.
„Ähm... Das muss warten. Wir haben in einer Stunde den ersten Besichtigungstermin.“
„Was? Das ist wichtiger als das genaue Wissen darüber, ob Sophie schwanger ist?“ Entgeistert sieht er ihn an.
„Mitchell, sie wird gleich am Montag zum Frauenarzt gehen. Heute ist Samstag. Lass sie die Besichtigungen wahrnehmen. Wir wissen doch jetzt, dass sie schwanger ist und Sophie wird jetzt dementsprechend auf sich aufpassen und Kyle auf die beiden.“, springt meine Mutter in die Bresche. Erleichtert atme ich auf. Denn auf eine neue Auseinandersetzung habe ich keine Lust. Es ist verdammt anstrengend, schlecht drauf zu sein, wenn man es eigentlich nicht sein will. Aber die Hormone in meinem Körper fuhren ein Eigenleben und scheren sich einen Dreck darum, was ich will und was nicht.
„Na gut. Aber du passt auf meine Kleine auf!“, gibt mein Vater klein bei und fuchtelt ermahnend mit seinem Zeigefinger vor Kyles Gesicht herum.
„Mach ich. Ich passe auf Beide auf.“ Ernst nickt er.
„Komm, wir lassen sie alleine.“ Immer noch laufen meiner Mutter Tränen über die Wangen. Bei ihr haben sich richtig die Schleusen geöffnet. Liebevoll legt Dad seinen Arm um sie. Gemeinsam verlassen sie das Arbeitszimmer.
Kyle steht fünf Schritte von mir entfernt und überwindet diese schnell, um mich in seine Arme zu reißen. Stürmisch küsst er mich. Lachend hebt er mich hoch und dreht sich mit mir im Kreis.
„Freust du dich?“, frage ich überflüssigerweise.
„Soll das ein Scherz sein? Ich bin der glücklichste Mann der Welt! Sam wird sich auch riesig freuen.“ Strahlend sieht er mich an.
„Gut, das passt. Denn ich bin die glücklichste Frau auf der Welt. Aber ich glaube, wir müssen los, oder?“ Kyle sieht bedauernd auf seine Armbanduhr.
„Wenn wir pünktlich da sein wollen, dann ja.“
Er nimmt meine Hand und wie meine Eltern verlassen wir gemeinsam das Arbeitszimmer. Den Schwangerschaftstest habe ich auf dem Schreibtisch meiner Mutter liegen gelassen. Da kann sie im Laufe des Tages noch ein bisschen die zwei kleinen, blauen Linien anhimmeln, ehe ich ihn mir heute Abend zurückhole.
„Wo müssen wir hin?“ Wir sitzen in Kyles Audi und fahren langsam die Auffahrt herunter.
„Rüber nach Downtown. Der Makler hat am Telefon nicht wirklich viel über das Haus verraten. Nur mir die Adresse gegeben und gemeint, dass er sicher ist, dass das unser Traumhaus wäre.“
„Dann lassen wir uns mal überraschen.“, murre ich.
„Nicht gleich wieder mürrisch werden, Schatz.“
„Das sind die Hormone.“
„Irgendwie habe ich die Befürchtung, dass deine Hormone jetzt wohl für die nächsten Monate die Ausrede für alles Mögliche sein werden.“, seufzt er. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Richtig geraten, Mr. Wallace. Aber ich verspreche dir hier und jetzt, dass ich meine Macken nur im Notfall auf die Hormone schieben werde.“
„Und wie oft wird es solche Notfälle geben?“ Er scheint noch nicht überzeugt zu sein.
„Oft. Sorry.“ Entschuldigend lächle ich ihn an und etwas zögernd erwidert er es. Liebevoll legt er seine Hand auf meinen Bauch und streichelt sanft darüber. Ich schließe die Augen und genieße seine zarten Berührungen.
Noch ist mein Bauch flach. Hoffentlich liebt er mich auch noch, wenn ich dick und kugelrund bin und er mir die Schuhe zubinden muss, weil ich meine Füße nicht mehr sehen kann und meine Arme zu kurz sind, als dass ich an meine Schnürsenkel gelangen könnte.
„Hey Sophie, wach auf. Wir sind da.“, höre ich Kyles sanfte Stimme. Ich öffne meine Augen und sehe mich verwirrt um. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich eingeschlafen bin. Müde reibe mir die Augen und vertreibe die Schleier.
„Komm, wir sehen uns das Haus an.“ Er steigt aus und öffnet mir die Beifahrertür, um mir aus dem Auto zu helfen.
Als Erstes nehme ich den salzigen Geruch des Meeres wahr. Aber es mischt sich auch der harzige Duft von Nadelbäumen dazu. Ich schließe die Augen und atme tief diese wunderbare Mischung ein.
„Komm.“, sagt er sanft, packt meine Hand und zieht mich neben sich. Ich öffne wieder die Augen und verliebe mich sofort.
„Das ist das Haus, das ich dir im Internet gezeigt habe.“, hauche ich.
„Sieht ganz so aus.“, murmelt Kyle wenig erfreut. Mein verzückter Gesichtsausdruck verunsichert ihn sichtlich. Er malt sich bestimmt schon die schlimmsten Szenarien aus.
Ich lasse meinen Blick über das Haus und den Teil des Grundstückes schweifen, den ich von meiner derzeitigen Position aus sehen kann.
Hinter uns erstreckt sich ein Wald und die Nadelbäume ragen hoch in den Himmel. Vor uns steht das Haus. Obwohl ich schon einige Bilder im Internet gesehen hatte, ist es in Natura viel umwerfender. Es ist ein altes Backsteinhaus und die Front ist teilweise mit Holz verkleidet, das dank der feuchten Seeluft einen silbrigen Touch bekommen hat. Das Fundament besteht aus großen, unregelmäßigen Feldsteinen. Die zahlreichen Fenster sind weiß. Über dem Eingang befindet sich ein weißer Balkon und um ihn herum ranken sich ein paar Grünpflanzen. Der Audi steht in einer kleinen Auffahrt direkt vorm Waldrand. Bis zur Tür müssen wir über eine kleine Steintreppe und einen Weg aus grobem Stein gehen. Neben der Treppe erstrecken sich Blumenbeete, in denen die ersten Narzissen blühen. An den Weg grenzen saftig grüne Rasenflächen an.
Die Eingangstür öffnet sich. Der Makler kommt heraus und läuft uns entgegen. Er ist ein Mann mittleren Alters und schiebt eine kleine Wohlstandswampe vor sich her. Durch seine Größe und den Walrossbart sieht er auf den ersten Blick ziemlich Angst einflößend aus. Aber sobald er den Mund öffnet, man seine tiefe Stimme und sein dröhnendes Lachen hört, muss man ihn einfach mögen. Er ist einer der gutmütigsten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe.
„Hallo Miss Borough.“, begrüßt er mich und hält mir seine riesige Pranke hin.
„Hallo Mr. Watson.“ Ich schüttle seine Hand.
„Hallo Mr. Wallace.“, begrüßt er Kyle.
„Hallo Mr. Watson.“ wieder werden Hände geschüttelt.
Der Makler dreht sich um und deutet zum Haus hinüber.
„Also. Das wäre jetzt ein Objekt, das in Ihre neuen Budgetzahlen passen würde.“, erklärt er und ich bin total verwirrt. Neue Budgetzahlen? Ich sehe zu Kyle rauf, aber er beachtet mich nicht. Ich merke, wie ich sauer auf ihn werde. Wir hatten abgemacht, dass wir alles zusammen entscheiden wollen, was mit unserer Haussuche zusammen hängt. Wir hatten uns nach ewigen Diskussionen auf ein Budget von knapp viereinhalb Million geeinigt und jetzt stehen wir hier. Langsam fallen mir die Zahlen ein, die ich vor einigen Wochen im Internet gelesen habe.
„Wollen wir hinein gehen?“, fragt Mr. Watson und reißt mich damit aus meinen Grübeleien.
Ich nicke ein wenig abwesend. Kyle nimmt meine Hand und gemeinsam folgen wir ihm.
Der Eingangsbereich ist weiß und lichtdurchflutet. Eine geschwungene Treppe führt nach oben und ich kann direkt in den nächsten Raum sehen. Ich lasse die Hand los und gehe in den Raum, in den ich gerade sehen konnte. Er ist riesig und die ganze hintere Wand wird von Fenstern eingenommen. Mehrere Türen sind geöffnet und ich habe ungehinderte Sicht auf eine schöne Terrasse und den Garten. Gleich hinter der Wiese liegt der Lake Michigan. Es ist ein atemberaubender Ausblick.
Die Sonne lässt das Wasser glitzern und man kann die Schreie der Möwen hören.
Mein Blick streift über den Garten, der in zwei unterschiedliche Ebenen geteilt ist, die durch eine Steintreppe verbunden sind. Wie schon im Vorgarten sind auch hier links und rechts neben der Treppe Blumenbeete, in denen Frühlingsblumen blühen. Durch eine der großen Türen trete ich hinaus und atme diese wunderbare Mischung aus Seewasser und Harz ein. Es vermittelt mir sofort ein Gefühl von zu Hause.
Ich will, dass unsere Kinder in diesem Garten herum tollen. Ich will, dass wir mit unseren Verwandten und Freunden auf der Terrasse Barbecues veranstalten und vor allem will ich in dieser Küche stehen, dessen Wand aus grobem Stein besteht und will dort für alle Kochen. Im Winter soll ein gemütliches Feuer in dem riesigen Karmin lodern. Ich will, dass in der Ecke neben der Fensterfront jedes Jahr unser Weihnachtsbaum steht und seinen unvergleichlichen Duft verströmt, dass unsere Kinder dort mit leuchtenden Augen ihre Geschenke auspacken.
Nachdem ich meinen Streifzug durch das Erdgeschoss beendet habe, gehe ich über die geschwungene Treppe nach oben. Ich lasse meine Hand über das kühle Holz des Geländers streifen. Ich habe keine Ahnung, wo Kyle und Mr. Watson abgeblieben sind. Es ist mir im Moment auch ziemlich egal. Ich bin froh darüber, dass ich allein und ohne Gequatsche dieses wundervolle Haus erkunden kann.
Im oberen Stockwerk befinden sich zwei Badezimmer und vier Schlafzimmer. Alle Räume haben einen wunderbaren Ausblick. Aber nur vom größten Schlafzimmer aus hat man einen unvergleichlichen Blick über den See.
Ich kann es gar nicht fassen, dass wir uns immer noch in Chicago befinden. Trotzdem habe ich das Gefühl, als wären wir ganz weit weg vom Trubel der Stadt.
Ich gehe auf den Balkon des Schlafzimmers und lehne mich an das Geländer. Von unten dringen die Stimmen der Männer nach oben. Sie betreten gerade den Garten und unterhalten sich über Quadratmeterzahlen und jede Menge anderes Zeug, für das ich mich im Moment nicht interessiere.
Noch ein letztes Mal lasse ich mein Blick über das Meer und den Garten streifen. Vielleicht sollte ich langsam wieder nach unten gehen.
Sie sind immer noch im Garten und Kyle betrachtet, die Hände in den Taschen seiner Jeans, die Rückseite des Hauses. Seine Stirn ist gefurcht und meine Zuversicht, dass das unser Haus werden könnte, schwindet ein wenig. Er war ja schon vor ein paar Wochen nicht unbedingt begeistert.
„Hey“, melde ich mich leise zurück. Er legt einen Arm um meine Taille und zieht mich an seine Seite.
„Na, Miss Borough, was sagen Sie zu diesem Schmuckstück?“, fragt mich Mr. Watson mit blitzenden Augen.
„Es ist ein Traum, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich unser Haus ist.“ Ich kann sehen, dass sich Kyles Mundwinkel ganz sacht nach oben ziehen. Es ist nur eine kleine Bewegung, aber die zeigt eindeutig, dass er mein kleines Schauspiel durchschaut. Kann er ja auch, nur der Makler sollte es nicht merken. Auch wenn er ein sehr netter Mensch ist, so ist er doch mit Leib und Seele Verkäufer und will natürlich so viel Geld wie möglich aus seinen Kunden quetschen.
„Miss Borough, das ist ein ideales Haus für eine Familie. Sie sind hier in fast unberührter Natur und dennoch ist es nur ein Katzensprung bis in die City.“
„Das mag sein. Aber achtmillionenzweihunderfünfzigtausend Dollar ist schon verdammt viel Geld.“
„Da Ihr Budget bei achteinhalb Millionen liegt, ist es doch voll drin.“
„Mag sein. Aber nur weil wir es uns leisten könnten, heißt das noch lange nicht, dass wir es uns auch leisten wollen.“
Kurz schaut mich Mr. Watson perplex an. Aber dann fängt er dröhnend laut zu lachen an. In einem nahen Busch beginnt ein Vogel, empört zu zwitschern.
„Sie sind eine gute Verhandlungspartnerin. Wie viel wollen Sie denn für das Haus bezahlen?“
„Keine Ahnung. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob wir es überhaupt wollen. Ich meine, in der derzeitigen Wirtschaftslage ist es schon recht riskant, so viel Geld auf einmal auszugeben.“
„In Ordnung. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich werde mit den Besitzern reden, was sich an dem Preis machen ließe und Sie geben mir bis morgen Abend Bescheid, ob Sie das Haus nehmen oder nicht.“
„Einverstanden.“ Wir besiegeln unseren Deal mit einem Handschlag. Ich lege einen Arm um Kyles Taille. Wir verabschieden uns von Mr. Watson und gehen zurück zum Auto.
„Und? Was sagst du? Wobei ich glaube, dass ich dich nicht mehr fragen muss. Ich habe deinen Blick gesehen. Das ist für dich dein Traumhaus.“, sagt er als wir wieder in seinem Auto sitzen.
„Ja, das ist es. Aber erstens, was sagst du dazu und zweitens, seit wann ist das Budget so angehoben?“ Ich bin sauer und er soll es auch merken.
„Entschuldigung, dass ich dir nichts davon gesagt habe. Aber ich wusste, dass das dein Traumhaus ist und ich will, dass du glücklich bist. Ich bin der Meinung, dass du das nur in dem Haus sein kannst, in das du dich auf Anhieb verliebst. Deine Augen hatten richtig gestrahlt als wir angekommen sind. Zu deiner anderen Frage, es ist wirklich schön.“
„Aber es kostet über acht Millionen.“, wende ich ein.
„Ich weiß und glaub mir, es kostet mich verdammt viel Überwindung, um über meinen Schatten zu springen.“, seufzt er und reibt sich über die leicht gefurchte Stirn. Mein Herz beginnt wie wild zu schlagen.
„Heißt das, du bindest mich in die Finanzierung mit ein, so wie ich es von Anfang an wollte?“, frage ich ihn hoffnungsvoll. In Gedanken schweife ich kurz in die Vergangenheit ab. Immer wieder hatten wir heftige Diskussionen, wenn es um die Finanzierung unseres Hauses ging. Kyle wollte unbedingt alles alleine zahlen und ich wollte mich beteiligen, schließlich soll es ja unser Haus werden. Um des Friedens willen hatte ich dann eingelenkt, habe seinem vorsintflutlichen Plan zugestimmt und jetzt bin ich natürlich umso mehr erfreut, zu hören, dass er das von mir ursprünglich geforderte Budget genommen hat. Ich beuge mich zu ihm hinüber und gebe ihm einen Kuss.
„Danke.“, flüstere ich ihm zu und fahre mit meinen Fingern über seine Stirn, um sie zu glätten.
„Gern geschehen. Auch wenn es mir anders herum lieber gewesen wäre.“
„Ach komm. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Da können wir das ruhig zusammen bezahlen. Es wird nicht gleich der Dorfälteste auftauchen und dich an den Pranger stellen. Aber ein bisschen böse bin ich dir schon.“ Schmollend lehne ich mich wieder in meinen Sitz zurück und verschränke die Arme vor der Brust.
„Warum?“ Erstaunt sieht er mich an.
„Du hast es ohne mich entschieden. Außerdem hast du mich angelogen. Du hast behauptet, du wüsstest nicht, um welches Objekt es sich handeln würde. Aber du hast es ganz genau gewusst.“
„Schuldig im Sinne der Anklage und ich entschuldige mich bei dir. Aber ich hatte gehofft, dass ich dir damit eine Freude machen könnte.“
„Es sei dir verziehen.“
„Danke. Soll ich die anderen Besichtigungen absagen?“ Er ist schon dabei sein Handy aus seiner Hosentasche zu angeln.
„Ich weiß nicht.“ Nachdenklich kratze ich mir am Hals. Erstaunt hält Kyle in der Bewegung inne.
„Kapier ich jetzt nicht. Ich denke das Haus gefällt dir.“
„Tut es ja auch und ich würde sofort einziehen. Aber der Preis ist schon heftig.“
„Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du in Gedanken schon alles einrichtest. Egal was für ein neues Angebot uns die Besitzer unterbreiten, wir werden zustimmen. Habe ich Recht?“
„Erwischt. Aber wenn wir noch ein bisschen sparen können, ist das doch ganz gut.“ Verschlagen grinsen wir uns an.
„Soll ich nun die anderen Termine absagen?“ Ich nicke und er beginnt, zu telefonieren. In der Zwischenzeit sehe ich mir noch einmal unser Haus aus der Ferne an. Es wird schön sein, wenn die Räume von fröhlichem Lachen erfüllt sind und die Kinder durch den Garten tollen. Vielleicht können wir uns einen Hund kaufen.
Nachdem er sein Handy in das Ablagefach der Mittelkonsole geschmissen hat, startet Kyle den Motor und wir fahren zurück in Richtung City. Ich hole tief Luft und wappne mich für das, was gleich kommen wird. All die letzten Wochen haben wir es verdrängt und wir haben die Haussuche immer wieder als Grund vorgeschoben. Aber jetzt können wir es nicht mehr.
„Kyle?“
Ja?“
„Kannst du bitte runter zum Lake Michigan fahren?“
„Klar, warum?“
„Wir müssen endlich reden.“ Er holt tief Luft und stößt sie seufzend wieder aus, ehe er nickt.
Die Fahrt verläuft schweigend. Wir haben Beide Bammel vor diesem speziellen Gespräch. Aber wir müssen es führen, ob wir wollen oder nicht und vor allem jetzt, wo wir wissen, dass wir wieder Eltern werden, ist es umso wichtiger, dass wir es klären.
Kyle muss drei Runden auf dem Parkplatz drehen, ehe wir eine freie Lücke finden. Bis jetzt war ich mit ihm immer nur abends oder nachts hier, am Tag aber noch nie. Es ist ein sehr schöner Strand und ich mag ihn sehr. Aber nach der Trennung habe ich diesen Ort gemieden, wie der Teufel das Weihwasser.
Hand in Hand gehen wir zum Wasser. Die leichte Brise lässt unsere Kleidung und unser Haar flattern. Kurz vorm Wasser bleibt er stehen und lässt meine Hand los. Seine steckt er tief in die Hosentaschen, sein Blick ist starr nach draußen auf den Horizont gerichtet.
„Du weißt, dass wir eine Entscheidung treffen müssen. Wir können es nicht länger vor uns her schieben. Wenn wir es immer wieder hinaus zögern, wird es ja auch nicht besser.“, sage ich schließlich.
„Ich weiß, dass du Recht hast. Aber am liebsten würde ich mich weiter davor verkriechen.“. seufzt er.
„Du weißt aber auch, dass ich dir beistehe. Du musst da nicht alleine durch. Aber je länger wir warten, desto schlimmer wird es werden.“
„Ich weiß.“ Kyle fährt sich mit der Hand durch die vom Wind zerzausten Haare.
„Also, wann wollen wir es in Angriff nehmen?“
„Ich habe keine Ahnung. Zumal ich noch nicht einmal weiß, wie ich es ihnen sagen soll.“
„Du sollst es ihnen ja auch nicht sagen, sondern wir. Auch wenn es ein blöde Situation ist und alles andere als angenehm ist, stehe ich dir bei. Ich bin doch erst schließlich Schuld an allem.“
„Fang nicht schon wieder damit an, Sophie.“
„Ist ja gut. Aber trotzdem müssen wir langsam mal zu Potte kommen. Glaubst du, deine Eltern würden uns vor Freude strahlend um den Hals fallen?“
„Sie werden mich verteufeln.“
„Wenn, dann werden sie mich verteufeln. Dir werden sie nur böse sein. Aber das verfliegt. Sie werden dich weiterhin lieb haben. Wann?“
„Ich weiß es nicht. Aber du hast Recht, wir gurken jetzt schon so lange um dieses Thema herum und besser oder leichter wird es auf keinen Fall.“ Er dreht sich zu mir um und schlingt seine Arme um mich. Seine Wange kommt auf meinem Scheitel zum Liegen. Immer wieder haben wir es verdrängt. Immer wieder haben wir neue Ausflüchte gefunden, um uns nicht damit beschäftigen zu müssen, dass seine Eltern noch überhaupt nichts wissen. Seit Wochen verkriecht er sich vor ihnen. Wenn sie ihren Sohn mal am Telefon erwischet hatten, dann hat er sie mit fadenscheinigen Ausreden abgewimmelt.
„Wann Kyle?!“, dränge ich ihn.
„Sophie, ich weiß es nicht. Am liebsten hätte ich es schon hinter mir. Aber da ich es nicht habe und da noch durch muss, am liebsten nie.“
“Aber das geht nicht.“
„Heute Abend?“, antwortet er schließlich nach einem tiefen Seufzer.
„Meinst du nicht, das ist ein bisschen kurzfristig?“, frage ich ihn zweifelnd.
„Kannst du dich mal entscheiden? Erst soll ich es meinen Eltern sagen und jetzt wo ich mich entschieden habe, ist es dir zu kurzfristig.“ Verzweifelt verdreht er die Augen zum Himmel.
„Ich bin schwanger. Ich darf Meinungssschwankungen haben. Die Hormone, du weißt schon.“
„Da hätten wir es. Die Hormone werden als Ausrede benutzt.“
“Aber wenn es doch so ist.“
„Ich liebe dich.“, meint er lächelnd.
„Ich dich auch.“
„Heute Abend?“
„Ja. Soll ich mitkommen?“
„Nein. Ich muss da erst einmal alleine durch. Aber danke.“
„Aber wenn etwas sein sollte, dann rufst du mich an. Okay?“
„Ja, mach ich. Versprochen.“
Wir gehen noch ein wenig am Strand spazieren. Als sich mein Magen meldet und nach Nahrung verlangt, holen wir uns einen kleinen Imbiss. Mit Heißhunger verschlinge ich das Sandwich in Rekordzeit und ich schiele auf das in Kyles Hand.
„Noch Hunger?“, fragt er mich grinsend. Beschämt nicke ich.
„Hier.“ Er hält mir sein halbes Sandwich hin. Ich schnappe es mir und beiße genüßlich hinein.
Er legt seinen Arm um mich und wir machen uns auf den Weg zurück zum Wagen.
„War das bei Sam auch so?“, will er wissen.
„Nein, die typischen Heißhungerattacken hatte ich erst im achten Monat. Die ersten vier Monate hatte ich so gut wie nichts bei mir behalten. Dann war ja noch der Krankenhausaufenthalt. Da wurde ich ja mehr oder weniger über Infusionen ernährt.“ Bei der Erwähnung des Anfangs der Schwangerschaft mit Sam versteift sich Kyle neben mir. Irgendwann werde ich mit ihm noch darüber reden müssen. Aber momentan er hat noch ziemlich viele Probleme damit und seine Schuldgefühle machen ihm zu schaffen.
Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter.
„Irgendwann müssen wir auch darüber noch reden.“
„Ich weiß.“
Ich würde gern seine Stimmung aufhellen, denn der Abend wird noch hart genug. Leider habe ich keine Ahnung, wie ich das anstellen soll.
Wir sind am Auto angekommen und er hält mir die Tür auf, damit ich einsteigen kann.
Auf dem Heimweg klammern wir das bevorstehende Gespräch mit seinen Eltern aus und konzentrieren uns auf das Haus.
„Lass mich raten, du richtest schon alles in Gedanken ein.“
„Mag sein. Aber ich will das mit dir zusammen machen. Außerdem haben wir den Vertrag noch nicht unterschrieben. Es könnte noch so viel passieren.“
„Was denn? Solche Töne aus deinem Mund?“ Liebevoll lächelt er mich an, während er den Wagen sicher durch die Straßen steuert.
„Hormone.“
„Aha. Also bekomme ich meine Sophie, die ich über alles liebe, erst in, keine Ahnung, sieben bis acht Monaten wieder?“
„Zwischendurch wird sie ab und zu mal vorbei schauen.“
„Na da bin ich ja beruhigt.“
„Hallo! Wir sind wieder da.“, rufe ich, kaum das wir den Hausflur betreten.
„Sophie? Kyle? Seid ihr das?“, höre ich meinen Vater rufen.
„Ja, sind wir.“. Wir gehen ihn suchen und finden ihn, zusammen mit Mom und Sam, auf der Terrasse. Vor jedem von ihnen steht ein großes Eis.
„Hallo.“, begrüße ich alle mit einem Kuss, wobei ich Sam einen besonders Dicken auf die Wange drücke. Was er mit einem verzogenen Gesicht quittiert, ihn abwischt und dann weiter sein Eis löffelt.
„Hey Dad. Spielen wir nachher noch eine Runde Fußball?“
„Klar Großer. Iss dein Eis auf und dann kann es losgehen.“
„Wie lief die Besichtigung und vor allem, warum seid ihr schon wieder da?“ fragt meine Mutter.
„Sag ich dir gleich.“, wende ich mich an sie und dann noch einmal kurz an Kyle. „Solltest du nicht besser anrufen?“ Beklommen nickt er, steht dann aber auf, um in den Garten zu gehen, damit er ungestört telefonieren kann.
„Wenn muss er denn anrufen?“, will Dad wissen.
„Seine Eltern.“, flüstere ich ihm zu. Wir wollen nicht, dass Sam in die Sache mit Kyles Eltern hinein gezogen wird. Er soll nicht merken, wenn es zu Problemen und Stress kommt.
„Aha. Wann wollt ihr zu ihnen?“, fragt er genauso leise. Um Sam abzulenken beginnt meine Mutter mit ihm über irgendeinen Comic zu reden.
„Er fährt heute Abend. Gerade kündigt er seinen Besuch an.“
„Was ist mit dir? Fährst du nicht mit?“
„Nein, er will erst mit ihnen alleine reden. Aber wir haben ausgemacht, dass er mich anruft, wenn es Probleme gibt.“
„Du weißt schon, dass er dich nicht anrufen wird? Er ist in gewisser Weise wie deine Brüder.“
„Ich weiß. Aber es ist schön, dass ich mir vorgaukeln kann, dass er mich anrufen würde, wenn es Probleme gibt.“
„Wenn ihr Hilfe braucht, dann sagt Bescheid.“
„Danke Daddy.“ Ich gebe ihm ein Küsschen auf die Wange.
Kyle kommt wieder zu uns zurück und setzte sich neben mich. Er versucht, ein fröhliches Gesicht zu machen, aber ich kann ihm seine Anspannung ansehen. Sanft lege meine Hand auf seinen Oberschenkel und streiche beruhigend darüber.
„Also, warum seid ihr schon wieder da?“, fragt mein Vater lauter, um meiner Mutter zu zeigen, dass das Gespräch mit mir beendet ist.
„Wir haben ein Haus gefunden.“, verkünde ich strahlend.
„Das ist toll. Habt ihr schon unterschrieben?“ Er klingt nicht unbedingt sehr erfreut.
„Nein. Sophie will noch um den Preis feilschen, als wären wir auf einem türkischen Basar.“
„Warum das?“
„Warum nicht? Wenn wir so ein bisschen sparen können. Außerdem muss Sam ja auch zustimmen.“
„Was?“, fragt unser Sohn, nachdem er unsere Blicke bemerkt hat.
„Wir haben ein Haus gefunden und du sollst es dir ansehen.“
„Wenn es sein muss.“, stöhnt er.
„Sag mal, was ist denn mit dir los?“, will ich von ihm wissen.
„Nix.“
Ich werfe Kyle einen Blick zu und er nickt nur kurz, um mir zu zeigen, dass er mit Sam beim Fußball spielen darüber reden wird. Mit gerunzelter Stirn sehe ich meinem Sohn dabei zu, wie er sein Eis löffelt. Irgendetwas hat er, aber immer wenn ich ihn darauf anspreche, fängt er an zu mauern. Hoffentlich bekommt Kyle etwas aus ihm heraus.
„Los Dad, ich bin fertig.“ Sam schiebt sich den letzten Löffel Schokoeis in den Mund und springt auf, um in den Garten zu rennen. Kyle gibt mir einen Kuss und begibt sich dann zu Sam.
„Wie ist das Haus? Wo ist es?“ Mom beginnt Fragen abzufeuern.
„Du kennst es.“
„Ich kenne es?“
„Ja. Erinnerst du dich an das eine Haus, das ich dir auf dem Laptop gezeigt hatte?“
„Ja. Das? Das habt ihr euch heute angesehen?“
„Genau.“ Ich kann mein breites Grinsen nicht verbergen.
„Das ist ein sehr schönes Haus. Also hatte er doch ein Einsehen?“
„Ja. Wir finanzieren es gemeinsam.“
„Fein. Aber jetzt mal zu einem anderen Thema. Was ist mit seinen Eltern?“
„Er fährt heute Abend zu ihnen und spricht mit ihnen. Sam und ich bleiben zu Hause.“
Nachdenklich nickt meine Mutter. Auch sie weiß, dass jetzt noch einmal eine schwierige Phase auf uns zukommen wird.
Tief seufzend lässt er sich auf die Couch im Wohnzimmer fallen und platziert seine überkreuzten Knöchel auf dem Couchtisch davor. Ich stelle den Ton der Sitcom ab. Er ist nur mit seinem dunkelblauen Bademantel bekleidet und kleine Wassertropfen lösen sich von den Spitzen seiner nassen Haare und laufen ihm über Gesicht und Hals.
„Wo ist Sam?“, frage ich ihn.
„Er wollte duschen gehen. Er hat genauso viel geschwitzt, wie ich.“
„Dass ihr es auch immer gleich übertreiben müsst.“, tadele ich ihn mit einem Lächeln und atme tief den Geruch seines Duschgels ein.
„Wir haben nicht übertrieben. Wir ...“
„Ja, ich weiß, ihr seid ehrgeizig.“, unterbreche ich ihn.
„Du hast es erfasst meine Schöne.“ Lachend gibt er mir einen Kuss auf den Mundwinkel.
„Nun sag schon, was ist mit unserem Sohn los.“
„Da kommst du nie drauf.“
„Aber was ist es?! Ich will wissen, was ihm in den letzten Wochen die Laune vermiest hat.“
„Erst wollte er es mir nicht sagen.“
„Aber er hat es dir gesagt und wenn du jetzt die Güte hättest, es mir zu sagen?“
„Ich bin mir da nicht so sicher, ob ich es dir sagen darf. Immerhin bist du eine Frau und das war ein Gespräch unter Männern.“
„Kyle! Ich mache mir Sorgen um ihn. Ich will sofort wissen, was ihn bedrückt.“, fordere ich ihn aufgebracht auf.
„Okay. Ich sag es dir. Aber nur unter der Bedingung, dass du Sam gegenüber deine Klappe hältst.“
„So schlimm?“ Angst schnürt mir die Kehl zu. In meinem Kopf laufen die verschiedensten Horrorszenarien ab.
„Wie man es nimmt.“ Ich kann echt nicht verstehen, warum Kyle immer noch so grinst.
„In Ordnung. Ich verspreche dir, dass ich ihm gegenüber den Mund halten werde. Nun aber raus mit der Sprache.“
„Er ist der Meinung, dass er nicht groß genug wäre.“
„Bitte was? Sam ist schon größer als die meisten Jungs in seinem Alter.“ Ein wenig verwirrt sehe ich Kyle an. Ich zweifle gerade echt an seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit.
„Ich meine nicht seine Körpergröße“
„Was denn dann? Du verwirrst mich gerade total. Ich habe keine Ahnung, wie ich deine Aussage einordnen soll und wie das mit Sams Grübeleien zusammenhängt?“
„Er ist der Meinung, dass er...“, er deutet auf seinen Schritt „... zu klein ist.“ Schlagartig laufe ich bei seinen Worten rot an. Hätte ich lieber nicht gefragt. Verdammte Neugier! Das ist ein Detail, das ich über meinen Sohn absolut nicht wissen will.
„Du überlegst gerade, ob du das wirklich wissen wolltest, oder?“, fragt er mich und ich nicke stumm. Mein Blick ist nach wie vor auf seinen Schritt gelenkt.
„Aber... er ...ist doch noch im Wachstum.“, stammle ich und laufe noch mehr an. Wie komme ich nur aus dieser Sache wieder raus?
„Das habe ich ihm auch gesagt.“
„Vor allem, wie kommt er auf so eine sinnlose Idee?“
„Sportunterricht.“, antwortet mir Kyle schlicht. Ich sehe ihm ins Gesicht. Er amüsiert sich königlich über mein Unbehagen.
„Du musst dich darum kümmern.“ Auf keinen Fall werde ich mit Sam ein Gespräch über seinen kleinen Freund führen. Da würden mich keine zehn Pferde dazu bringen.
„Warum ich und nicht du?“ Man kann ihm genau ansehen, dass er mich aufziehen will und sich daran erfreut, wie ich mich winde.
„Weil Sam dein Sohn ist und du bist ein Mann.“
„Ach und dein Sohn ist er plötzlich nicht mehr?“, fragt er feixend.
„So habe ich das nicht gemeint. Aber du als Mann verstehst ihn da bestimmt besser als ich als Frau. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass es Sam nicht ganz so angenehm sein könnte, wenn seine Mutter plötzlich ankommt und ihn darauf anspricht, warum er denke, dass sein Penis zu klein wäre.“
„Gutes Argument. In Ordnung, ich übernehme das. Aber sollte das hier...“, er streichelt über meinen flachen Bauch „... ein Mädchen werden, dann übernimmst du solche Gespräche.“
„Das wäre nur fair.“ Erleichtert gebe ich Kyle einen Kuss. An so etwas habe ich bei weitem nicht gedacht. Ich hatte mir alle möglichen Szenarien ausgemalt, vom verliebt sein, über Mobbing und was weiß ich nicht noch alles. Aber diese Sache habe ich bei Gott nicht in Betracht gezogen und jetzt wo ich es weiß, fällt mir eine tonnenschwere Last vom Herzen.
Ich kuschele mich an ihn und genieße seinen warmen Atem, der mir über das Gesicht weht.
„Es war für mich damals oberpeinlich, als mein Dad mit mir das erste Mal über Sex reden wollte. Jetzt weiß ich, dass es für ihn auch nicht unbedingt ein Zuckerschlecken war.“
„Danke.“
„Passt schon. Schließlich geht es um unseren Sam.“
Eine Weile sitzen wir aneinander gekuschelt da und verfolgen die tonlosen Bilder der Sitcom, die über den Fernseher huschen.
„Wann musst du los?“, frage ich schließlich in die Stille hinein.
„In zwanzig Minuten.“ Seine Unbeschwertheit von eben ist verflogen und der bedrückte und grüblerische Kyle ist wieder da.
„Du willst nicht.“
„Ja, aber ich muss.“ Damit steht er auf, gibt mir noch einen Kuss auf die Stirn und geht dann ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Ich schalte mir den Ton wieder an und versuche mich so, ein wenig abzulenken.
Eine viertel Stunde später kommt er wieder zu mir. Er trägt eine dunkle Jeans und einen grauen Pullover. Der Duft seines Aftershaves steigt mir in die Nase und ich presse unwillkürlich meine Schenkel zusammen. Dieser Geruch geht mir sofort zwischen die Beine.
„Dafür habe ich jetzt keine Zeit mehr.“, grinst er. Anscheinend muss man meinem Blick ansehen, was ich gerade von ihm will.
„Schade.“, murmle ich.
„Wenn ich wieder da bin.“, raunt er mir ins Ohr und beißt mir sanft ins Ohrläppchen. Ich brenne schon wieder vor Verlangen und alles, was ich Zustande bekomme, ist ein stummes Nicken.
„Ich sag noch Sam tschüss und dann mach ich mich los.“
„Okay. Ich wünsch dir viel Glück.“
„Danke, das werde ich brauchen. Wenn ich bis Mitternacht nicht wieder lebend aufgetaucht bin, dann ruf mal durch und wenn ich nicht ran gehe, schick einen Suchtrupp los, die sollen meine Leiche suchen.“ Ich weiß, dass es nur ein Scherz sein soll, aber ich finde ihn im Moment nicht besonders lustig.
„Bis bald und komme in einem Stück zu uns zurück.“ Ich küsse ihn noch einmal ausgiebig und wir lassen unsere Zungen tanzen. Schließlich löst er sich wiederstrebend von mir.
„Bis dann, Süße. Ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“, flüstere ich. Die Tränen wollen mir in die Augen steigen, aber ich zwinge sie zurück. Scheiß Hormone!
Kyle drückt mich noch einmal an sich und geht dann, um sich von Sam zu verabschieden. Ich lasse mich wieder auf die Couch fallen und ziehe die Beine nah an meinen Körper heran. Ich höre seine tiefe Stimme, wie er unserem Sohn eine gute Nacht wünscht. Ich höre seine Schritte die Treppe nach unten und das Aufheulen des Motors, das Knirschen des Kieses unter den Rädern und dann herrscht Stille. Tief atme ich durch. Hoffentlich läuft das Gespräch halbwegs gut. Auch wenn er es nie direkt gesagt hat, aber er vermisst seine Eltern und er wünscht sich, dass auch sein Vater mit Sam zusammen Fußball spielt, so wie es meiner tut.
„Mom?“ Sams Stimme reißt mich aus meinen Grübeleien. Er steht direkt vor mir und sieht mich ein bisschen verlegen an. Ich klopfe auf die Couch neben mich. Zögernd setzt er sich zu mir. Ich schlinge meine Arme um ihn und ziehe ihn an mich. Im ersten Moment versteift er sich ein wenig und verpasst mir damit einen Stich. Dann aber entspannt er sich und kuschelt sich an seine Mom.
„Was denn, mein Kleiner?“, frage ich ihn, da er nicht weiter gesprochen hat.
„Dad hat es dir gesagt, stimmt‘s?“ Ich vergesse immer wieder, dass unser kleiner Mann viel mitbekommt.
„Ähm... Ja.“ Es würde nichts bringen, ihn anzulügen. Er wäre nur bitterlich von mir enttäuscht. Hoffentlich ist er es jetzt nicht von seinem Dad, dass dieser nicht dicht gehalten hat.
Sam seufzt und nickt dann.
„Sei ihm aber nicht böse. Ich habe ihn überredet.“
„Ist schon gut.“
„Aber keine Angst. Ich werde ganz bestimmt nicht mit dir darüber reden. Offiziell weiß es nur dein Dad und ich bin völlig ahnungslos.“
„Gut.“
„Ich nehme an, du bist nicht deswegen zu mir gekommen, oder?“
„Mmh.“
„Willst du mit mir darüber reden?“ Liebevoll streiche ich ihm über die blonden Haare.
„Ich... also... du... und... Dad...“ stammelt er vor sich hin und er wagt es nicht, mich anzusehen.
„Sam, du kannst mit mir über alles reden, dass weißt du. Also raus mit der Sprache, was hast du auf dem Herzen?“
„Du und Dad, ihr seid nicht verheiratet.“
„Das stimmt.“ Ich ahne worauf er hinaus will, aber ich will es aus seinem Mund hören, nicht, dass ich mich irre.
„Warum?“
„Warum wir nicht verheiratet sind?“
„Mmh.“
„Dein Dad hat mich bis jetzt nicht gefragt.“
„Wenn er dich fragen würde, was würdest du ihm antworten?“
„Dass ich ihn gerne heiraten würde. Ich liebe deinen Vater und ich will den Rest meines Lebens mit ihm und dir verbringen. Wenn er der Meinung ist, dass er mich heiraten möchte, dann würde ich mich sehr darüber freuen. Aber dein Dad ist jemand, den man nicht drängen darf.“
„Verstehe. Aber warum bist du in letzter Zeit immer so sauer auf ihn?“
„Oh Sam.“ Tränen steigen mir in die Augen und hastig wische ich sie weg.
„Du bist immer so böse auf ihn und ich habe Angst, dass ihr euch trennt und...“, er lässt seinen Satz unbeendet und ich drücke ihn fest an mich. Es schnürt mir die Kehle zu, ihn so zu sehen. Er macht sich so viele Gedanken über unsere Beziehung. Er hat Angst, dass etwas nicht in Ordnung ist und dabei bin ich momentan einfach nur hormongesteuert.
„Ich werde dir jetzt ein kleines Geheimnis verraten. Eigentlich wollten dein Dad und ich es dir gemeinsam sagen, aber ich denke mal, du kannst es jetzt schon wissen.“
„Was denn?“
„Was hältst du davon, ein großer Bruder zu sein?“ Ich habe meine Wange auf seinen Kopf gelegt. Ich sacke ein wenig nach unten weg, als Sam sich ruckartig unter meiner Wange weg zieht. Aus weit aufgerissenen Augen sieht er mich an.
„Ich...“, stammelt er und ich sehe ihn ein wenig ängstlich an. Für ihn bedeutet es auch eine riesen Umstellung. Schließlich ist er dann nicht mehr unser einziges Kind. Er muss dann quasi seine Eltern teilen.
„Ich bekomme ein Geschwisterchen?“, fragt er perplex und ich nicke etwas beklommen, dann erhellt sich sein Gesicht unter einem freudigen Strahlen und er fällt mir um den Hals. Überglücklich drücke ich meinen Erstgeborenen an mich.
„Ihr müsst uns gleich lieb haben.“, flüstert er an meiner Schulter.
„Klar mein Kleiner. Das können wir dir hoch und heilig versprechen.“
„Gut. Aber warum bist du immer so sauer auf Dad?“ Er klettert auf meinem Schoß und rollt sich zusammen.
„Das sind die Hormone. Die bringen bei deiner Mom im Körper ganz schön viel durcheinander und ich weiß manchmal selber nicht, warum ich so reagiere, wie ich reagiere.“
„Aha. Ich bin dann also ein großer Bruder.“
„Genau und ich würde mich freuen, wenn du uns dann mit dem Baby helfen würdest.“
„Klar, mach ich. Das machen doch große Brüder, oder? Max hat Tante Molly und Onkel David ja auch mit Jessy geholfen.“ Bei seinen Worten muss ich grinsen. Die beiden Kinder meines Bruders sind gerade einmal ein Jahr auseinander und Sam war damals selber noch ein Kleinkind
„Genau. Ich habe dich lieb Sam.“ Es würde nichts bringen, ihn zu korrigieren. Darum lasse ich ihn einfach in dem Glauben.
„Ich dich auch. Ihr trennt euch also nicht?“
„Nein mein Schatz. Dein Dad und ich haben uns sehr lieb und wir werden zusammen bleiben. Außerdem haben wir ein Haus gefunden.“
„Können wir nicht bei Granny und Grandpa wohnen bleiben?“ Aus großen Augen sieht er zu mir hoch.
„Das würde aber zu viert ganz schön eng werden. Meinst du nicht auch? Du müsstest dann dein Zimmer teilen. Außerdem ist unser neues Zuhause nicht so weit weg von deinen Großeltern und deine Cousinen und dein Cousin wohnen auch gleich in der Nähe.“
„Muss ich auf eine andere Schule.“
„Nein, wir werden dich weiterhin jeden Morgen zu deiner Schule bringen.“ Ich spüre wie er erleichtert ausatmet.
„Das hat dich ganz schön belastet, hab ich Recht? Ich meine, zusammen mit der anderen Sache.“
„Mmh.“
„Wollen wir und die Simpsons ansehen?“, frage ich ihn, um ihn ein bisschen abzulenken. Ich glaube wir haben Beide genug Neuigkeiten für einen Abend erfahren.
„Ja.“
Schweigend sitzen wir auf der Couch, wobei nur ich darauf sitze. Denn Sam hat sich auf meinem Schoß zusammen gerollt. An dem gleichmäßigen Heben und Senken seiner Schultern kann ich erkennen, dass er eingeschlafen ist. Ich könnte ihn wecken und er würde sich in sein Zimmer schleppen, um da weiter zu schlafen. Aber ich genieße gerade diese Kuscheleinheit viel zu sehr, als dass ich es übers Herz bringen könnte.
Ich werde einfach hier sitzen bleiben, ein wenig fernsehen und auf Kyles Rückkehr warten.
„Hey.“ Kyles sanfte Stimme dringt zu mir durch und ich spüre, wie mir das Gewicht von den Beinen genommen wird. Langsam öffne ich die Augen. Ich kann gerade noch sehen, wie sein breiter Rücken aus dem Wohnzimmer verschwindet. Ächzend richte ich mich auf und bewege vorsichtig meinen Kopf hin und her. Mir tun sämtliche Knochen weh.
Verschlafen reibe ich mir die Augen und versuche, halbwegs klar im Kopf zu werden. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es kurz nach elf ist. Ich muss also keinen Suchtrupp los schicken, um seine Leiche aufspüren zu lassen.
Er kommt wieder zu mir ins Wohnzimmer und schließt leise die Tür hinter sich. Er sieht müde und geschafft aus. Dem Ausdruck in seinen Augen zufolge, ist es alles andere als gut gelaufen.
Schwer seufzend setzt er sich neben mich auf die Couch, legt den Kopf nach hinten an die Lehne und schließt die Augen. Es interessiert mich brennend, wie es gelaufen ist, aber ich will ihn nicht drängen.
Zaghaft lege ich meine Hand auf seine.
„Nun frag schon.“, murmelt er mit geschlossenen Augen, während er seine Finger zwischen die meinen schiebt. Ich kann ihm anmerken, dass er nicht über das Passierte reden will, aber er es tun wird, wenn ich ihn darum bitte.
„Du willst nicht darüber reden, also lasse ich es.“
„Schon gut. Früher oder später müssen wir es doch tun, warum dann nicht auch noch heute Abend?“, sagt er bitter. Er versetzt mir damit einen kleinen Stich. Ich komme mir ausgeschlossen vor und der deutliche Widerwillen in seiner Stimme macht es auch nicht besser.
„Na gut. Wie ist es gelaufen?“ Angespannt warte ich auf seine Antwort.
„Beschissen.“, meint er schließlich und wieder hört man ihm an, dass er nicht reden will. Es macht mich wütend. Es geht schließlich uns beide etwas an.
„Lass gut sein.“ Ich entziehe ihm meine Finger und stehe auf, um ins Bett zu gehen.
„Sophie warte!“, ruft mir Kyle nach. Aber ich höre nicht auf ihn und gehe weiter ins Bad, um mich umzuziehen.
„Scheiße!“, flucht er und folgt mir.
Ich ziehe mir gerade das T-Shirt aus, als er den Raum betritt. Durch den Badezimmerspiegel sucht er meinen Blick, aber ich halte meinen starr auf das Spiegelbild der Waschbeckenarmaturen gerichtet. Scheinbar in aller Ruhe beginne ich mit meiner Abendroutine. Er lässt mich machen, lehnt aber mit verschränkten Armen an der Wand gegenüber und beobachtet mich.
Ohne weiter auf ihn zu achten, mache ich das Licht im Bad aus und lasse ihn im Dunkeln stehen.
Tief in mir weiß ich, dass mein Verhalten total übertrieben ist, aber ich kann im Moment nicht anders. Ich kann schlecht aus meiner Haut heraus. Ich bin eine Gefangene meiner Schwangerschaftshormone.
„Kannst du mir bitte verraten, was das da gerade sollte?“ Er folgt mir wieder. Genervt zerrt er sich den Pullover über den Kopf. Aufgebracht funkelt er mich an und wartet auf meine Reaktion. Aber ich antworte ihm nicht. Stattdessen drehe ich ihm den Rücken zu und kuschle mich unter meine Bettdecke. Ich höre das Rascheln seiner Sachen und das Klappern seiner Gürtelschnalle. Kurze Zeit später schlüpft er neben mir unter die Decke. Besitzergreifend schlingt er seinen Arm um meine Taille und dreht mich auf den Rücken. Ich versuche, mich dagegen zu wehren, aber kräftemäßig bin ich ihm einfach unterlegen.
„Du wolltest reden, also reden wir. Ich kapiere nicht, warum du so austickst.“
„Du willst doch eh nicht mit mir reden! Dir ist es doch lieber, mich auszuschließen!“, gifte ich zurück. Meine Augen beginnen unheilvoll zu brennen.
„Sophie, das stimmt doch nicht. Interpretiere doch jetzt nicht wieder irgendwelche Dinge in mein Verhalten, die nicht da sind. Der Abend lief echt beschissen und ich wollte einfach mal zehn Minuten Ruhe.“ Kyle stützt sich auf einem Arm ab und sieht mich von oben herunter an.
„Fein, da hast du ja jetzt die ganze Nacht Zeit. Denn ich habe jetzt keine Lust, mit dir zu reden. Ich bin müde und würde jetzt gerne schlafen.“ Ich will mich wieder von ihm weg drehen, aber er lässt es nicht zu. Er nimmt mein Kinn in seine Hand und hält meinen Kopf fest. Sanft legen sich seine Lippen auf meine. Fest nehme ich mir vor, den Kuss nicht zu erwidern, aber als seine Zunge vorsichtig und bittend über meine Unterlippe streicht, kann ich einfach nicht wiederstehen. Ich liebe es einfach viel zu sehr, ihn zu küssen. Leider weiß er das auch und er benutzt diese Geheimwaffe gerne gegen meinen Groll und meine schlechte Laune. Seufzend schlinge ich meine Arme um ihn und ziehe ihn zu mir nach unten.
Viel zu schnell unterbricht er unseren Kuss, reibt seine Nasenspitze an meiner und entlockt mir damit ein kleines Lächeln.
„Bist du jetzt bereit, mit mir zu reden?“ Er sieht mir direkt in die Augen und ich nicke stumm.
„Gut.“, sagt er und legt sich zurück auf den Rücken, wobei er mich in seine Arme zieht. Mein Kopf kommt an seiner Schulter zum Liegen.
„Es lief echt beschissen.“, murmelt er. Ich will mich aufrichten und ihm ins Gesicht sehen, aber Kyle drückt mich wieder nach unten an seine Seite. „Bleib bitte liegen.“
„War es wirklich so schlimm?“
„Nein, schlimmer. Mein Vater ist ausgerastet. Mom hat einen Weinkrampf bekommen als ich ihnen offenbart habe, dass ich nicht mehr mit Kendra verlobt bin und es keine Hochzeit geben wird.“
„Hast du ihnen nicht erzählt, was sie damals zu dir gesagt hat und dass sie und ihr Vater an deinem Rausschmiss schuld waren?“
„Doch, aber sie wollten mir kein Wort glauben. Für sie ist Kendra die perfekte Schwiegertochter und sie konnten oder wollten es nicht glauben, was ich ihnen gesagt habe. Sie wussten ja auch nichts von dem ganzen Drama in der Firma. Für sie bin ich im Moment der größte Idiot auf Gottes Erde.“
„Das tut mir leid.“, murmle ich und ich fühle mich schuldig. Auch wenn Kendra eine verwöhnte Schlampe ist, so bin doch ich diejenige, die Schuld an Kyles Misere trägt.
„Muss es nicht. Sie werden sich schon wieder beruhigen. Es war einfach ein Schock für sie.“, seufzt er und streichelt mir unablässig über den Rücken.
„Das ist noch nicht alles, oder?“
„Nein.“
„Du willst nicht darüber reden?“
„Ja, aber da es um dich, Sam und Knöpfchen geht, muss ich es dir sagen.“
„Knöpfchen?“, frage ich belustigt.
„Ja, wir können es ja nicht ständig es nennen.“
„Gefällt mir.“ Ich streiche über meinen Bauch „Knöpfchen. Aber zurück zu dem Gespräch mit deinen Eltern.“
„Sie ...“ Schwer atmet er durch.
„Ich werde es schon verkraften. Glaub mir, ich habe mir alle möglichen Szenarien ausgemalt.“
„Sie ... sie wollen mit Sam und dir nichts zu tun haben.“, platzt er schließlich heraus und mein Herz rutscht mir in die Schlafanzughose.
„Sie wollen...?“, stammle ich.
„Ja.“
„Ich meine, mit mir okay. Ich habe echt tierischen Mist gebaut. Aber warum Sam? Er ist ihr Enkel und er kann doch überhaupt nichts dafür das seine Mutter so eine Idiotin ist.“
„Hey, hör auf so von dir zu reden.“ Kyle gibt mir einen Kuss auf den Scheitel. „Sie haben gesagt, dass sie ihn nicht kennen würden und in ihren Augen ist er nicht ihr Enkel.“ Jetzt kann ich meine Tränen nicht mehr zurück halten und schon wenige Augenblicke später tropfen die ersten auf seine nackte Haut.
„Süße, nicht weinen, bitte.“ Er drückt mich fester an sich. „Sie werden schon noch zur Vernunft kommen und wenn nicht, haben sie Pech. Dann müssen sie damit klar kommen, dass sie ihren Sohn nicht mehr zu Gesicht bekommen werden.“
„Das kannst du nicht machen! Du liebst deine Eltern.“
„Schon, aber du, Sam und Knöpfchen, ihr seid mein Leben und ich werde euch nicht aufgeben, nur weil sie das wollen. Ich bin alt genug, um zu wissen, mit wem ich mein Leben verbringen will.“
„Bis vor kurzen wolltest du dein Leben noch mit Kendra verbringen.“
„Ich plädiere auf einen Zustand geistiger Umnachtung. Aber seien wir mal ehrlich. Im Grunde habe ich nie aufgehört, dich zu lieben. Ich habe mich nur viele Jahre vor meinen Gefühlen hinter Wut und verletztem Stolz versteckt.“
„Ich liebe dich auch.“ Ich drücke ihm einen Kuss auf die nackte Brust. Sofort bildet sich eine Gänsehaut unter meinen Lippen, was ich mit einem zufriedenen Lächeln quittiere.
„Ich habe ihnen gesagt, dass sie zwei Möglichkeiten haben. Entweder akzeptieren sie Sam als ihren Enkel und dich als die Frau an meiner Seite und die Liebe meines Lebens, oder sie müssen damit leben, dass sie ihren Sohn heute Abend das letzte Mal in Natura gesehen haben.“
„Was haben sie dazu gesagt?“ Ein wenig fürchte ich mich vor seiner Antwort. Kyle kann sehr stur sein und von irgendwem muss er es ja haben.
„Ich habe es ihnen im Gehen gesagt. Ich war schon auf dem Weg zur Tür, weil ich mir ihre Vorbehalte nicht länger anhören wollte und mein Vater hat mir noch hinterher gebrüllt, dass ich nicht wieder kommen bräuchte, wenn ich jetzt gehen würde. Ich habe dann nur noch gesagt, dass ich damit seine Antwort hätte und bin gegangen.“
„Und deine Mutter?“
„Sie hat geschwiegen und sich der Hausbar gewidmet.“
„Oh Mann.“
„Genau. War nicht schön. Können wir jetzt schlafen? Ich bin echt erledigt.“
„Klar.“ Ich gebe Kyle noch einen Kuss und kuschle mich wieder in seine Arme. Er streichelt noch meinen Rücken, aber nach und nach werden seine Bewegungen langsamer und hören schließlich ganz auf. An seinen ruhigen und gleichmäßigen Atemzügen merke ich, dass er eingeschlafen ist. Vorsichtig richte ich mich auf und sehe in sein Gesicht. Er sieht so friedlich aus, wenn er schläft. Zaghaft streiche ich mit den Fingerspitzen über seine stoppelige Wange. Seine Lippen verziehen sich zu einem zufriedenen Lächeln. Seufzend lege ich mich wieder neben ihn und versuche, Schlaf zu finden. Aber mir gehen so viele verschiedene Gedanken durch den Kopf und ich komme einfach nicht zur Ruhe. Er darf seine Eltern nicht für mich aufgeben und sie müssen Sam als ihren Enkel akzeptieren. Zumal Knöpfchen ja auch ihr Enkel oder ihre Enkelin ist.
Seufzend schwinge ich meine Beine aus dem Bett, was Kyle mit einem Grummeln quittiert. Auf leisen Sohlen schleiche ich zu meinem Schreibtisch und mache die Schreibtischlampe an. Fieberhaft suche ich nach einer Lösung. Aber das einzige, was mir einfällt, ist ihnen einen Brief zu schreiben.
