Touchdown mitten ins Herz - Stefanie Schwellnus - E-Book

Touchdown mitten ins Herz E-Book

Stefanie Schwellnus

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Beschreibung

Erst muss Joni mit ansehen, wie Oliver verletzt und bewusstlos auf dem Spielfeld liegt und dann stellt er auch noch auf Durchzug und will unbedingt nach Hawaii fliegen, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Immer wieder geraten Oliver und sie aneinander. Dennoch können sie nicht ignorieren, dass zwischen ihnen ordentlich die Funken sprühen. Doch schafft es Joni die Schatten der Vergangenheit abzuschütteln und zu ihren Gefühlen zu stehen?

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Seitenzahl: 576

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Erst muss Joni mit ansehen, wie Oliver verletzt und bewusstlos auf dem Spielfeld liegt und dann stellt er auch noch auf Durchzug und will unbedingt nach Hawaii fliegen, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Immer wieder geraten Oliver und sie aneinander. Dennoch können sie nicht ignorieren, dass zwischen ihnen ordentlich die Funken sprühen. Doch schafft es Joni die Schatten der Vergangenheit abzuschütteln und zu ihren Gefühlen zu stehen?

Über die Autorin:

Stefanie Schwellnus wurde 1985 geboren und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Sachsen. Bücher und das geschriebene Wort begleiten sie schon sehr viele Jahre.

Für alle, die Geduld hatten

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 1

Ein ohrenbetäubender Jubel bricht los, als der Schiedsrichter einen regelrechten Touchdown anzeigt. Auch wenn Oliver kurz vor der Endzone zu Boden gebracht wurde, so reicht sein ausgestreckter Arm mit dem Football in der Hand aus. Sie liegt genau auf der Linie der Touchdownzone. Einen Augenblick später pfeift er das Spiel ab. Die Lions haben das Spiel gewonnen und stehen in den Play Offs.

Suzanne jubelt vor Freude und umarmt Joni überschwänglich. Amy springt laut jubelnd auf und ab. Auch Callum freut sich über den Sieg, jedoch weitaus verhaltener, was seinem zurückhaltenden Wesen geschuldet ist.

Der massige Tackle der Eagles klettert von Oliver herunter. Double T, Lucas, Jesus und der Rest der Mannschaft rennen jubelnd zu ihrem Quarterback hinüber, um ihn für diesen Coup zu feiern. Doch Oliver steht nicht auf. Er bleibt reglos liegen. Sofort werden die Rufe nach Doc Straighter, dem Teamarzt der Lions laut. Noch bevor die Zuschauer verstehen, was da unten auf dem Feld vor sich geht, rennt dieser mit seinen Assistenten auf das Feld, um sich um den verletzten und bewusstlosen Oliver zu kümmern.

Ein Raunen geht durch die Zuschauerränge und alle starren gespannt auf das Spielfeld. Sie lieben diesen Sport, wissen aber, dass er auch seine Gefahren und Tücken hat. Es benötigt nur wenige Sekunden, um einen agilen und fitten Spieler in den vorzeitigen Ruhestand oder schlimmeres zu befördern. Auch wenn die ganzen Protektoren hochmodern sind und es ständig neue Entwicklungen gibt, die die Spieler noch besser schützen, können sie dennoch nicht alles abhalten.

Entsetzt greift Joni nach Callums Hand und hält diese fest in ihrer.

»Steh wieder auf! Bitte steh endlich auf!«, flüstert sie eindringlich. Ihre Atmung geht flach und das Herz schlägt zum Zerspringen schnell. Auch Suzanne schlägt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. Sie hat schon viele Spieler gesehen, die nach einem so heftigen Hit bewusstlos auf dem Feld liegen geblieben sind und sie wird sich nie an den Anblick gewöhnen. Sie ist jedes Mal aufs Neue entsetzt, schockiert und voll von Sorge.

Straighter wedelt heftig mit den Armen und wenige Augenblicke später wird O auf eine Trage gehoben. Man hat ihm den Helm abgenommen und eine Krause um seinen Hals gelegt, da eine Verletzung der Halswirbelsäule nicht ausgeschlossen werden kann.

»Wo bringen sie ihn hin?«, will Joni wissen.

»Er wird direkt zum nächsten Krankenwagen gebracht und dann ins Krankenhaus.«

»In welches? Ich muss zu ihm!« Hektisch fährt sie sich mit den Händen durch die Haare. Es macht sie verrückt nicht zu wissen, was mit Oliver ist. Es könnte sein, dass sie sich gerade völlig unnötig Sorgen macht, es könnte aber auch genauso gut sein, dass er ernsthaft verletzt ist. Sie braucht einfach Gewissheit, um sich dann zu überlegen, wie es weiter geht.

»Gib mir einen Augenblick Zeit, ich werde es herausfinden.« Suzanne greift nach ihrem Handy und entfernt sich etwas, um ungestört telefonieren zu können.

»Komm her, es wird alles gut.« Callum zieht sie in seine Arme und drückt sie fest an sich. An der Art, wie sie seine Umarmung erwidert, erkennt er, wie sehr sie sich sorgt. Damals, als sie noch nicht wusste, dass er schwul ist und sie sich ständig Sorgen um ihn gemacht hat, hat sie sich auch immer so an ihn geklammert.

Sein Blick wandert zurück auf das Feld, auf dem nur noch wenige Spieler der Lions sind. Niemandem ist danach, den Sieg zu feiern. Ihnen ist es gerade vollkommen egal, dass sie es in die Play Offs geschafft haben. Einigen von ihnen wäre es sogar lieber, sie hätten das Spiel verloren, wenn es bedeuten würde, das Oliver nicht verletzt worden wäre. Aber so sehr sie es sich auch wünschen, können sie die aktuelle Situation nicht ändern. Sie können es nicht rückgängig machen und ihnen bleibt nichts anderes übrig als abzuwarten, bis sie wissen, was mit ihrem Quarterback ist.

»Er wird ins William P. Clements Jr. University Hospital gebracht. Am Hinterausgang steht für dich ein Wagen bereit, er wird dich direkt hin bringen.«

»Danke Suzanne.« Joni löst sich von ihrem Bruder und umarmt die Eignerin der Lions kurz und dankbar.

»Melde dich, wenn du etwas weißt. Ich werde in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass dein Bruder und deine Freundin gut nach Hause kommen.«

Joni nickt ihr noch einmal kurz zu, verabschiedet sich von Callum und Amy und macht sich auf den Weg.

So schnell ihre Füße sie tragen können, rennt sie durch die Flure und das Treppenhaus. Unten angekommen reißt sie die Tür des schwarzen Mercedes auf und lässt sich auf die Rückbank fallen. Kaum ist die Wagentür hinter ihr zu, fährt der Fahrer los.

Ihre Finger zittern, als sie ihr Handy aus der Tasche zieht, um Lucas eine kurze Nachricht zu schreiben, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus ist.

Joni lehnt sich zurück und atmet tief durch. Sie muss sich etwas beruhigen. So nervös, wie sie gerade ist, wäre sie keine große Hilfe.

Blinzelnd öffnet er die Augen und sieht direkt auf die grellen Neonlichter im Spielergang.

»Hey O, schön dass du wieder bei uns bist.« Das Gesicht von Doktor Straighter taucht in seinem Blickfeld auf.

»Hm... Haben wir gewonnen?« Seine Stimme ist verwaschen und undeutlich. In seinen Ohren dröhnt es laut.

»Keine Sorge, du hast deine Gesundheit nicht ganz umsonst aufs Spiel gesetzt. Dein Touchdown war erfolgreich.«

»Gut. Ich muss zu den Jungs...« Er versucht sich aufzusetzen, wird vom Teamarzt aber sofort wieder zurück auf die Liege gedrückt.

»Vergiss es. Du gehst jetzt nirgendwo hin, außer ins Krankenhaus.«

»Mir geht’s gut.«, brummt er, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entspricht. Sein Körper fühlt sich an, als wäre er von einem Bulldozer überrollt worden, was gar nicht so weit hergeholt ist.

»Es ist mir egal, was du jetzt von dir gibst, du wirst jetzt ins nächste Krankenhaus gefahren und lässt dich dort gründlich durchchecken.«, beharrt der Arzt.

»Doc Straighter hat Recht! Außerdem würde dich der Coach höchstpersönlich vermöbeln, wenn du dich nicht durchchecken lässt und wenn er mit dir fertig ist, würde Suzanne sich dir vorknöpfen.«, redet einer der Assistenztrainer auf ihn ein.

Oliver muss wohl oder übel einsehen, dass er auf verlorenem Posten steht. Er seufzt leise und schließt die Augen. Auch wenn der Kopfschmerz langsam nachlässt, so lässt es sich so doch etwas besser aushalten.

Sie fahren gerade vom Parkplatz herunter, als hinter dem Mercedes die Sirene eines Krankenwagens ertönt und an ihnen vorbei rast. Ihr Herz setzt erneut einen Schlag aus, als Joni bewusst wird, dass es zumindest so schlimm um ihn steht, dass er mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht werden muss.

Mit bangem Blick schaut sie auf den dichten Verkehr. Auch wenn sich die meisten Fans noch im Stadion befinden und den Einzug der Lions in die Play Offs feiern, herrscht auf den Straßen doch dichter Verkehr.

Mit jeder verstrichenen Minute, in der sie sich nur im Schneckentempo über den Asphalt bewegen, wird sie unruhiger und unruhiger.

Der Weg erscheint ihr schier endlos, auch wenn der Fahrer ihr immer wieder versichert, dass sie gleich da wären.

Im Stillen sagt sie sich, dass es ihm gut geht und alles nur eine reine Vorsichtsmaßnahme ist. Dennoch ist da diese kleine nagende Stimme, die ihr zuflüstert, dass er ernsthaft verletzt ist. Joni wird erst Ruhe geben, wenn sie endlich bei Oliver ist und ganz genau weiß, wie es um ihn steht.

Endlich kommt die Klinik in Sicht und die letzten Meter rutscht sie nur noch unruhiger hin und her. Der Fahrer ist so nett und hält direkt vor dem Haupteingang.

Kaum stehen die Räder still, stößt sie die Tür auf und springt aus dem Mercedes. Schnell ruft sie ihrem Chauffeur ein Danke zu und rennt in das Gebäude.

Sofort umfängt sie der Geruch von Desinfektionsmitteln. Hektisch suchen ihre Augen die Hinweisschilder ab. Als sie das für die Notaufnahme findet, macht sie sich schnell auf den Weg.

Unterwegs rempelt sie diverse Leute an, bei denen sie sich nur fahrig entschuldigt.

Schwungvoll stößt sie die Tür zur Notaufnahme auf. Sofort richten sich alle Augen im Wartezimmer, welches brechend voll ist, auf Joni. Doch das kümmert sie wenig.

»Ich will zu Oliver Brown!«, fordert sie von der Schwester am Empfangstresen. Deren Blick verfinstert sich augenblicklich.

»Sorry Madame, aber das wird nicht gehen.« Die Krankenschwester geht sofort in eine Ablehnungshaltung.

»Warum nicht?«, knurrt Joni. Am liebsten würde sie einfach an dem Tresen vorbei zu den Behandlungsräumen stürmen. Leider hat sie keine Ahnung, in welchem davon er sich befindet.

»Das geht Sie nichts an. Wenn ich sage, das es nicht geht, dann geht es nicht. Wenden Sie sich an die Pressestelle der Lions, wenn Sie etwas über seinen Zustand in Erfahrung bringen wollen.«

»Pressestelle? Verdammte Scheiße, ich wohne bei ihm!«, poltert sie haareraufend.

»Natürlich. Lady, wissen Sie eigentlich, wieviele das behaupten?« Nur langsam dringen die Worte der Krankenschwester in Jonis Hirn vor und es dauert bis sie sie verarbeitet und erkennt was sie bedeuten. Diese Frau wird sie keinesfalls durchlassen. Wieder liegt ein wüster Fluch auf ihren Lippen. Bei all ihrer Sorge hat sie einen wichtigen Fakt vollkommen aus den Augen verloren – Oliver ist ein Superstar, ein gefeierter Sportler, der unzählige Fans und Anhänger hat, die alle wissen wollen, wie es ihm geht, die in seiner Nähe sein wollen.

Fieberhaft beginnt sie zu überlegen, wie sie es an der Krankenschwester vorbei schaffen könnte.

Oliver setzt sich ruckartig auf der Behandlungsliege auf, als wütende Flüche zu hören sind. Er muss nicht zweimal hinhören, um zu wissen, von wem sie stammen.

»Hey Doc, würden Sie mir einen kleinen Gefallen tun?« Der Arzt dreht sich zu seinem Patienten um.

»Ich werde Sie auf keinen Fall nach Hause gehen lassen, bevor alle nötigen Untersuchungen abgeschlossen sind.« Der Arzt dreht sich wieder mit seinem Bürostuhl um und widmet sich der Anforderung für Olivers Untersuchungen.

»Wenn Sie das für mich tun, lasse ich alles mit mir machen, was Sie verlangen.« Warum lange warten, wenn man eine gute Karte auch sofort spielen kann.

»Okay, ich bin ganz Ohr.« Aufmerksam sieht der junge Arzt Oliver an.

Joni läuft unruhig vor dem Schalter auf und ab. Bei jeder neuen Runde verfinstert sich das Gesicht der Krankenschwester immer mehr.

»Sind Sie Joni McLachlan?« Wird sie plötzlich von einem jungen Mann in weißem Kittel und Stethoskop um den Hals angesprochen.

»Ja, die bin ich.«

»Gut, folgen Sie mir, Mr. Brown will Sie sehen.«

Jonis Blick wandert kurz vom Arzt zur Krankenschwester, die sie entgeistert ansieht. Dann nickt sie entschlossen und folgt ihm in das erste Behandlungszimmer. Kaum ist sie durch die Tür, sieht sie Oliver auf der Behandlungsliege sitzen. Er ist blass, das Haar ist wirr und steht in alle Himmelsrichtungen ab, aber auf seinen Lippen liegt schon wieder das schelmische Grinsen, das sie so sehr an ihm mag. Mit wenigen Schritten ist sie bei ihm. Ohne groß nachzudenken schlingt sie ihre Arme um seinen Hals und drückt ihn an sich. Als er seine Arme um ihre Taille legt und die Umarmung erwidert, fällt ein weiterer Stein von ihrem Herzen.

»Wie geht es dir?«, fragt sie murmelnd an seinem Hals.

»Eigentlich ganz gut.« Seine Stimme ist etwas kratzig und rau. Sie hofft, es liegt daran, dass er seinen Jungs auf dem Feld immer wieder Befehle zugebrüllt hat und nicht an seinem Sturz.

»Und uneigentlich?« Bei ihren Worten lacht er leise auf.

»Ich nehme an, du würdest keine Ruhe geben, bevor ich es dir nicht gesagt habe, oder?« Oliver lehnt sich etwas zurück und sieht zu ihr auf.

»Nein, würde ich nicht.«

»Ich habe Kopfschmerzen und mein Rücken tut weh. Was in Anbetracht des Tackles, den ich abbekommen habe, nicht weiter verwunderlich ist.«

»Dennoch sollten wir Sie stationär aufnehmen.«, meldet sich der Arzt aus dem Off.

Olivers schüttelt entschieden den Kopf.

»Ganz sicher nicht. Selbst wenn ich eine Gehirnerschütterung haben sollte, kenne ich die Warnsignale. Außerdem bin ich nicht alleine zu Hause und es ist jemand da, der ein Auge auf mich hat.“

»Du solltest auf den Arzt hören.«

»Joni, ich war während meiner Laufbahn schon oft genug in den unterschiedlichsten Krankenhäusern. Ich kenne meinen Körper und Gehirnerschütterungen gehören nun einmal zum Berufsrisiko dazu. So lange die Kopfschmerzen nicht schlimmer werden, nicht länger andauern und keine weiteren Symptome dazu kommen, kann ich mich auch zu Hause auskurieren und muss niemandem das Krankenbett wegnehmen, der es eventuell dringender braucht als ich.«

»Wir hatten einen Deal, Mr. Brown. Wenn ich Ihnen Miss McLachlan hole, machen Sie alles, was ich will.«

»Das ist so nicht ganz richtig Doc. Unsere Vereinbarung beinhaltete Untersuchungen, die Sie noch machen wollten. Eine stationäre Aufnahme war nie Gegenstand unserer Verhandlungen.«

»Es geht hier um deine Gesundheit, Oliver.«

»Ich verweigere mich ja nicht komplett Joni, ich will nur nicht hier bleiben. Ich lasse all diese kostspieligen Untersuchungen über mich ergehen. Anschließend werde ich nach Hause gehen und darüber werde ich bestimmt nicht diskutieren. Hätte ich mich ernsthaft am Rücken verletzt, dann würde ich hier nicht sitzen können, geschweige denn mich von deinen Schraubstockarmen umarmen lassen. Schiebt mich in euer CT oder MRT und dann ist gut.« Oliver löst seine Arme von Jonis Taille und verschränkt sie demonstrativ vor der breiten Brust. »Ich habe ein anstrengendes Match hinter mir, ich trage immer noch mein Trikot, ich stinke zum Himmel, der Dreck vom Feld klebt überall an mir und ich habe verdammt nochmal Hunger. Kann das hier keiner verstehen, das ich einfach nur unter eine heiße Dusche will, um anschließend was vom Lieferservice auf der Couch zu essen?«, stößt er frustriert hervor.

»Okay Mr. Brown, wir sehen zu, das wir alle Tests und Untersuchungen so schnell wie möglich machen. Dann können Sie nach Hause. Aber Sie müssen mir versprechen, dass Sie sofort wieder her kommen, sollten Sie sich schlechter fühlen oder neue Beschwerden auftreten und dann werden Sie definitiv hier bleiben.«, gibt der Arzt seufzend klein bei.

»Setz dich verdammt noch mal auf die Couch.«, herrscht Joni ihn an, als sie in Olivers Wohnung ankommen.

»Warum zur Hölle bist du sauer auf mich?« Wenig erfreut über ihre Laune kickt er sich die Schuhe von den Füßen.

»Musst du das echt fragen?«

»Würde ich es sonst tun? Warum müsst ihr Frauen immer so verdammt kompliziert sein?« Er geht in die Küche, holt sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und macht sich auf den Weg in Richtung seines Badezimmers.

»Gegenfrage – warum seid ihr Männer so verdammt stur? Man könnte meinen, ihr stammt vom Esel ab! Du hättest einfach im Krankenhaus bleiben sollen.« Schnaubend verschränkt sie die Arme vor der Brust. Endlich spricht sie das aus, was er die ganze Zeit schon vermutet hat.

»Das weißt du ganz genau und du kannst Gift und Galle spucken, aber ich werde nicht zurück gehen. Ich kenne meinen Körper und die Symptome einer Gehirnerschütterung – es wäre im Übrigen nicht mein Erste. Wie ich bereits in der Notaufnahme gesagt habe, werde ich jetzt duschen und dann was zu Essen bestellen. Entweder kriegst du dich jetzt wieder ein und wir verbringen den restlichen Abend gemeinsam, oder du zeterst weiter, aber dann tu dies bitte im Gästezimmer. Es liegt ganz bei dir.« Ohne weitere Worte von Joni abzuwarten verschwindet Oliver im Badezimmer. Er hat genug für einen Tag. Jeder verdammte Knochen in seinem Körper schmerzt und er ist absolut erschöpft.

Joni stößt die angehaltene Luft aus. Auch wenn sie beruhigter wäre, wenn Oliver die Nacht unter ärztlicher Überwachung verbringen würde, kann sie nicht für ihn entscheiden. Er ist erwachsen und weiß, was für ihn gut oder nicht gut ist. Auch wenn dieser Entschluss absolut kindisch und riskant ist. Sie seufzt laut auf und geht zurück in die Küche. Sie kann leise das Rauschen der Dusche hören.

Nachdenklich trommelt sie mit den Fingern auf die Arbeitsplatte. Wenn Joni seinen Entschluss auch nicht unbedingt gutheißt, will sie ihm doch einen angenehmen Abend bereiten. Auch ohne dem harten Tackle und dem Aufenthalt in der Notaufnahme war es ein anstrengender Tag für ihn und sie möchte ihm etwas Gutes tun. Sie schaut in den Kühlschrank und holt all die Zutaten heraus, die sie benötigen wird. Oliver ist sauer auf sie und auch wenn sie der Meinung ist, es war ihr gutes Recht ihre Ansicht zu äußern, will sie ihn besänftigen und da ist das Rezept ihrer Mutter genau das Richtige.

Oliver lässt sich Zeit. Er hat keine Lust, sofort wieder mit neuen Vorwürfen bombardiert zu werden.

Extra lange bleibt er unter dem eisigen Wasser stehen. Normalweise wäre er nach dem Spiel in die Eiswanne in den Katakomben des Stadions gestiegen. Aber unter den gegebenen Umständen muss die Dusche reichen. Erst als sein halber Körper taub vor Kälte ist, stellt er das Wasser ab.

Es fällt ihm nicht leicht sich abzutrocknen. Er ist so erledigt, dass selbst das simple Anheben der Arme schwer ist. Müde lehnt er den Kopf gegen die kühle und feuchte Fliesenwand. Kurz gönnt er sich einen kleinen Moment des Durchatmens.

Oliver trocknet sich fertig ab und geht ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Sein Blick fällt auf das Bett und es scheint ihn förmlich zu sich zu rufen. Doch sein Magen hat auch noch ein Wörtchen mitzureden und meldet sich lautstark.

Joni schenkt ihre volle Konzentration dem Essen. Sie hört Oliver nicht zurückkommen und bemerkt nicht, wie er sie beobachtet, während sie das Hackfleisch auf ausgebreiteten Klarsichtfolienstücken verteilt. Die Eieruhr meldet sich. Sie greift nach dem Topf und als sie sich vom Herd wegdreht, um die Eier abzukühlen, lässt sie den Topf vor Schreck fast fallen.

»Himmel! Ich habe dich gar nicht bemerkt.« Ihre Hände zittern leicht, als sie den Topf in der Spüle abstellt und die gekochten Eier in kaltes Wasser legt.

»Das habe ich gemerkt.«, lacht Oliver und kommt zu ihr. »Was machst du da? Eigentlich wollte ich was beim Lieferservice bestellen.«

»Ich mache Schottische Eier.«, erklärt sie ihm und reicht ihm ein Wasser aus dem Kühlschrank.

»Was auch immer das sein mag. Aber ich hätte jetzt lieber ein Bier.« Er ignoriert die Flasche in ihrer Hand. Oliver will selber an den Kühlschrank gehen, doch Joni hält ihn auf.

»Alkohol wäre das absolut Falsche in deinem Zustand.«

»Fängst du schon wieder damit an?«, stöhnt er genervt.

»Nein, tu ich nicht. Aber lass uns doch einen Kompromiss schließen. Du trinkst das Wasser und lässt die Finger vom Alkohol und ich akzeptiere deine Entscheidung die Nacht nicht im Krankenhaus zu verbringen.«

Nachdenklich sieht er sie an, gibt aber dann doch klein bei. Es erscheint ihm ein vernünftiger Kompromiss zu sein.

»Okay, aber nur, wenn du auch wirklich deine Klappe hältst und nicht wieder davon anfängst.«

»Geht klar.« Ein Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht und sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange. Anschließend scheucht sie ihn aus der Küche und auf die Couch, damit sie die Zubereitung das Abendessen beenden kann.

»Es heißt ja immer, britisches Essen wäre eines der schlechtesten der Welt, aber das ist echt lecker, auch wenn es eine absolute Kalorienbombe ist.« Oliver schiebt sich den letzten Bissen frittierten Hackfleisches, welches mit weich gekochtem Ei gefüllt ist, in den Mund. Satt und zufrieden lehnt er sich zurück. »Aber mit einem Bier wäre es noch besser.«, grummelt er.

»Immer diese Vorurteile.« Gespielt empört schüttelt sie den Kopf. »Das aus dem Mund eines Mannes, der aus einem Land kommt, dessen Esskultur nur aus Burgern, Hotdogs, Chips und Cola besteht.«

»Okay, ich hab es verstanden.« Oliver gähnt hinter vorgehaltener Hand.

»Geh ins Bett. Ich räume hier noch auf.« Joni steht auf und fährt ihm mit den Händen durch die Haare. Eine Hand legt sie an seine Wange. Die Bartstoppeln kratzen sie leicht, als er sich, mit geschlossenen Augen, dagegen lehnt.

Auf leisen Sohlen schleicht Joni, im Dunkeln, durch Olivers Schlafzimmer. Gleich nach dem Essen hat er sich hingelegt und schläft inzwischen tief und fest. Nachdem sie das Geschirr in den Geschirrspüler geräumt hat und sich selber eine Dusche gegönnte, hat sie sich mit einem Glas Whiskey auf die Couch gesetzt. Allein im Wohnzimmer sitzend sind die Bilder wiedergekommen. Sie hat noch einmal Revue passieren lassen, wie Oliver getroffen wurde und zu Boden ging. Im Geiste erlebte sie noch einmal den Schreck und die Ungewissheit. Sie hatte verdammt viel Angst um ihn und ist unendlich erleichtert, dass es ihm soweit gut geht. Dennoch kuschelt sie sich jetzt sehr nah an ihn heran, eine Hand auf seiner Brust, um sich zu vergewissern, dass er atmet. Um sich selber zu beruhigen braucht sie seine Nähe. Tief atmet sie seinen Geruch ein, spürt seine Wärme und seine ruhige Atmung unter ihrer Hand.

Sie merkt, dass ihr langsam die Augen zufallen. Sanft, aber bestimmt entzieht sie ihm ihre Hand, die er ergriffen hatte. Joni haucht ihm noch einen Kuss auf den Hinterkopf. Anschließend schlüpft sie aus seinem Schlafzimmer und geht rüber ins Gästezimmer, um sich selber schlafen zu legen.

Kapitel 2

Als Joni am nächsten Morgen in die Küche geschlurft kommt, kann sie ihren Augen kaum trauen. Im Flur steht ein Koffer und daneben ein schwarzer Rucksack.

»Das kann nicht dein Ernst sein!« Sie fährt zu Oliver herum, der am Tresen sitzt und in aller Ruhe eine Schüssel Rührei in sich hineinschaufelt.

»Kaffee?«, fragt er sie, ohne auf ihre Frage einzugehen.

»Du wurdest gestern verletzt! Du kannst nicht nach Hawaii fliegen!«

»Natürlich kann ich das und falls du noch nicht gepackt hast, dann solltest du es schleunigst tun.«

»Wir werden hier bleiben!«, beharrt sie auf ihrem Standpunkt. Sie holt sich eine Tasse aus dem Schrank und gießt sich Kaffee ein. Wenn sie diesen Sturkopf von der Gefährlichkeit seines Vorhabens überzeugen will, muss sie wach sein und dafür braucht sie eindeutig Koffein.

»Du kannst bleiben, aber ich werde fliegen und es ist mir egal, was du sagst. Ich bin ein erwachsener Mann und treffe meine eigenen Entscheidungen.«

»Wie du willst, dann rufe ich Suzanna an.« Sie knallt ihre Tasse auf den Tresen und geht in Richtung Gästezimmer, um ihr Handy zu holen.

»Hier, du kannst meines haben.« Er legt sein schwarzes Smartphone auf den Tresen. »Bedank dich doch bitte gleich noch mal bei ihr für das Telefonat, welches ich vorhin mit ihr geführt habe und für ihre Genesungswünsche für meine Zeit auf Hawaii.«

»Sie weiß es und du darfst gehen?« Perplex steht sie mitten in dem großen Wohn- und Essbereich.

»Inzwischen kenne ich dich ganz gut Joni. Du würdest alle Register ziehen, um mich von etwas abzuhalten und du musst ihr auch nichts von einer Party oder dergleichen erzählen. Sie hat bereits mit Jesus, Jerry und Lucas gesprochen und alle drei haben ihr versichert, dass es ein paar ruhige und entspannte Tage in der Sonne werden.« Genüsslich nippt er an seinem Kaffee.

Mit Genugtuung sieht er, wie Joni um Argumente ringt. Er wird sich den Ausflug bestimmt nicht von seiner Verletzung vermiesen lassen. Es mag nicht unbedingt die vernünftigste Entscheidung sein. Aber das ist ihm egal. Außerdem sind seine Kopfschmerzen bei weitem nicht mehr so schlimm wie gestern Abend. Das dröhnende Hämmern ist zu einem nervigen Pochen abgeklungen. Mit etwas Glück ist es morgen ganz erledigt. Ein paar Tage wird er es noch ruhig angehen lassen und dann ist er wieder ganz der Alte.

»Ich höre. Noch irgendwelche Einwände?«

»Mach doch was du willst. Wie du selber gesagt hast, du bist ein erwachsener Mann. Ich hoffe für dich, dass es dir die nächsten Tage so richtig dreckig gehen wird, so schlimm, dass du die ganze Zeit nur kotzend in deinem Hotelzimmer liegen kannst.«, giftet Joni. Sie hat genug von seiner Gegenwart und geht wieder zurück in das Gästezimmer, wo ihr noch leerer Koffer wartet.

Ihr ist eindeutig die Lust auf den kleinen Trip vergangen. Wenn Oliver nicht dabei wäre, könnte sie sich vielleicht darauf freuen, aber so, hat sie einfach ein ungutes Gefühl. Leider hat sie Jesus versprochen, dass sie mitkommt und er wäre bestimmt enttäuscht, wenn sie so kurz vor dem Abflug absagen würde. Eigentlich ist sie ja auch auf Tameka gespannt und ihre Mission in Bezug auf Lucas und Callum muss sie auch noch vorantreiben. Tief seufzend zieht sie den Koffer zu sich heran, schmeißt ihn aufs Bett und beginnt alles einzupacken, was sie für die drei Tage brauchen wird.

An Kleidung wird sie nicht so viel benötigen, da sie sich hauptsächlich am Strand aufhalten werden - zumindest hat Jesus das so angedeutet. Aber da man nie wissen kann, packt sie lieber für alle Eventualitäten die passenden Klamotten ein. Im Bad sucht sie ihre Kosmetikartikel zusammen. Dabei fällt ihr Blick auf eine Packung Kondome, die sie vor ein paar Tagen in einem Drugstore gekauft hat. Sie greift danach und wiegt die Packung mit Verhüterlis in der Hand, legt sie dann aber zurück in den Spiegelschrank. Wenn Oliver Sex will, dann wird sie ihn abblitzen lassen. Selbst wenn er endlich anfängt vernünftig zu sein, würde seine Gehirnerschütterung es nicht zulassen. Außerdem hat er es nach diesem Schlagabtausch eben in der Küche nicht verdient, sich an ihrem Körper laben zu dürfen. Zufrieden mit ihrem Entschluss legt sie noch ihren Kulturbeutel in den Koffer und verschließt ihn.

»Bist du fertig?«, fragt Oliver hinter ihr, der unbemerkt in ihr Schlafzimmer gekommen ist und sie zuckt leicht zusammen.

»Ja, warum?«

»Ich würde dann deinen Koffer gleich mit vor in den Flur nehmen. Das Taxi ist zwar noch nicht da, müsste aber jeden Augenblick kommen und ich habe keinen Bock darauf, dass ich dann noch ewig auf dich warten muss.«

»Das kann ich selber.« Sie greift nach ihrem Gepäck, doch er ist schneller.

»Mach dich nicht lächerlich. Kapier endlich, dass ich nicht totsterbenskrank bin. Ein bisschen angeschlagen vielleicht, aber das war es dann auch schon. Außerdem würde ich meine Karriere nie für einen deiner Koffer aufs Spiel setzen.«

»Tu dir keinen Zwang an.«, brummt Joni nur und beachtet ihn nicht weiter. Wenn er der Meinung ist, dass er jetzt wieder gegen sie schießen muss, dann soll er es tun. Vorerst wird sie sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Denn im Grunde ist er doch nur auf einen Streit aus, bei dem er seine angestauten Aggressionen herauslassen kann und diesen Gefallen wird sie ihm ganz bestimmt nicht tun. Doch ganz tief in ihr drinnen wurmt es sie sehr, dass er seine schlechte Laune an ihr auslebt. Ihr kurzer Waffenstillstand von gestern Abend scheint passé zu sein und er hat sie zu seinem Punchingball auserkoren.

Ohne ein weiteres Wort an sie zu richten lässt er sie wieder alleine. Jetzt muss sie nur noch ihr Handgepäck zusammen packen. Da man nie wissen kann, wann einen die Muse küsst, muss ihr Laptop auf alle Fälle mit und auch das kleine Notizbuch darf nicht fehlen. So kann sie auch unterwegs eventuelle Ideen und Eindrücke aufschreiben und muss nicht krampfhaft versuchen, sie sich zu merken. Mit ihrer neuen großen Shopper Bag über dem Arm und ihrer Sonnenbrille in der Hand will sie ebenfalls schon mal nach vorn gehen, da bleibt ihr Blick an einem New York Giant Cap hängen und ein dämonisches Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Das gute Stück hat sie ebenfalls vor ein paar Tagen käuflich erworben und wie kann man Oliver am besten ärgern? Man versucht ihn da zu treffen, wo es richtig weh tut. Er ist nun einmal ein Dallas Lion durch und durch und die Lions stehen in einer ständigen Konkurrenz zu den Giants. Immerhin spielen beide Teams in der NFC-East und jede der beiden Mannschaften will auf Platz Eins ihrer Division, selbst wenn die Saison mehr oder weniger gelaufen ist. Außerdem gilt im Football, wie in jedem anderen Sport – nach der Saison ist vor der Saison.

Schnell schnappt sie sich das gute Stück und stülpt es über ihre Locken, die sie offen trägt. Voll neuem Elan geht sie beschwingten Schrittes in den Flur. Vorn an der Wohnungstür steht ihr Koffer neben seinem und ihre Tasche landet direkt daneben.

»Was zur Hölle ist das auf deinem Kopf?!« Angebissen! Mit einem zuckersüßen Lächeln dreht sie sich um und blickt Oliver ganz unschuldig entgegen. Seine Augen sind vor Unglauben weit aufgerissen und die Hauptschlagader an seinem Hals tritt deutlich hervor. Man kann sie sogar im Takt seines Herzens schlagen sehen.

»Der allgemeine Volksmund bezeichnet so etwas als Basecap und es soll mich ein wenig vor der Sonne schützen.«, erklärt sie ihm ganz scheinheilig, als wüsste sie nicht, was er meint.

»Das weiß ich auch! Aber was soll das?!« Angewidert deutet er auf das Logo der Giants - die weißen, von rot umrandeten Buchstaben ´NY´ auf blauem Grund.

»Die Unwucht hinter deiner Stirnplatte macht sich heute wieder sehr deutlich bemerkbar. Oder war der Hit gestern doch härter, als gedacht?«

»Verkauf mich nicht für dumm, Weib! Ich will wissen, warum zum Geier du ein Cap der Giants trägst?« Sauer geht er auf sie zu.

»Ich fand es schick und weil mir heute mal danach ist, habe ich es aufgesetzt.«

»Du fandest es … Ich bekomm es echt im Kopf! Das Ding wirst du garantiert nicht tragen!«, poltert er weiter.

»Warum nicht? Außerdem hast du das nicht zu entscheiden.« Ihre Stimme ist ganz ruhig und dadurch verstärkt sich das Blitzen in seinen braunen Augen noch mehr. Wahrscheinlich ärgert er sich im Moment weitaus mehr darüber, dass sie so ruhig bleibt und auf seinen provozierenden Ton nicht eingeht, als die Tatsache, dass sie etwas am Leib trägt, was die Gegner unterstützt.

Blitzschnell schnellt seine Hand nach vorn und reißt ihr das Cap vom Kopf.

»He!«, protestiert sie und will danach greifen, aber er ist mal wieder schneller.

»Das wird vernichtet!«, entscheidet er und verschwindet in der Küche.

Kurz lacht Joni in sich hinein und folgt ihm. Von ihr aus kann er mit dem Teil machen, was er will, sie hat ihr Ziel, mehr als zufriedenstellend, erreicht.

Mit an der Frühstückstheke angelehnter Hüfte und vor der Brust verschränkten Armen beobachtet sie ihn dabei, wie er eine große Schere aus einem der Schubkästen kramt und beginnt an der Baseballkappe herum zu schneiden.

»Weißt du, es gibt Menschen, die haben nichts zum Anziehen und du zerschnippelst einfach so ein Kleidungsstück.«

»Das ist kein Kleidungsstück! Das ist eine Beleidigung!«, brummt er.

»Warum?«

»Warum? Das sind die Giants!«

»Aha und das soll mir jetzt was sagen?«

»Sag mal, wie genau hast du eigentlich recherchiert, bevor du her gekommen bist?«

»Anscheinend nicht gut genug, denn sonst wäre ich nicht bei dir gelandet.«

Oliver sieht sie noch einmal giftig an und wendet sich dann seiner heldenhaften Aufgabe der Zerstörung des Basecaps der New York Giant zu. Nach dem er sie klein genug geschnitten hat, wirft er sie in den Müll.

»Sehr erwachsen.«, schnaubt Joni und dreht sich um, da es klingelt und das kann nur das Taxi sein.

Die Fahrt zum Flughafen verläuft sehr schweigend, zumindest was Joni betrifft. Oliver hat sich auf den Beifahrersitz geschwungen und unterhält sich ziemlich angeregt mit dem Fahrer. Sie sitzt auf der Rückbank und starrt aus dem Fenster. Nur gut, dass sie schon ein paar Lieder auf ihr Smartphone geladen hat und so kann sie sich ein wenig die Zeit vertreiben.

Das Taxi fährt sie direkt zu dem Eingang, der für Privatflüge vorbehalten ist. Immer noch mit Kopfhörern in den Ohren steigt sie aus, holt sich ihren Koffer und ihre Tasche aus dem Kofferraum und betritt den Flughafen. Auf Oliver achtet sie nicht weiter. Er ist alt genug, um auf sich selber aufzupassen. Was er in den letzten zwölf Stunden oft genug gesagt hat.

Da das Terminal nicht sehr groß ist, sieht sie die anderen sofort und nimmt ihre Kopfhörer heraus.

»Hallo Bruderherz«, begrüßt sie als erstes Callum und schließt ihn erleichtert in die Arme. Egal was kommt, ihr Bruder wird immer auf ihrer Seite sein.

»Hi Kleines.«, murmelt er und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Dann begrüßt Joni die Reihe um Lucas, Double T, Terence, Jerry und Jesus. Etwas abseits stehen zwei Frauen. Eine schöner als die Andere. Jesus legt freundschaftlich seinen Arm um ihre Schulter und geht mit ihr zu den beiden Damen.

»Joni, darf ich dir meine wundervolle Verlobte Tameka vorstellen?« Er nimmt seinen Arm von ihrer Schulter und schlingt ihn um die Taille der Frau mit dem dunklen Teint und den kurzen schwarzen Haaren.

»Baby, das ist Joni.«

»Oh Wow, deine Haare! Außerdem freut es mich echt, dich kennen zu lernen.« Tameka löst sich von Jesus und zieht eine überraschte Joni in eine Umarmung.

»Freut mich auch dich kennen zu lernen. Was ist denn mit meinen Haaren?«

»Schätzchen, die sind einfach atemberaubend. Sind die von Natur aus so?«

»Ja und danke. Du bist die Erste, die mir ein Kompliment über meine Haare macht.«

»Sag bloß! Die sind der Hammer. Jesus hat mir schon viel über dich erzählt.« Joni mag die offene Art Tamekas sofort.

»Hat er das?«

»Ja und wie ich ihn kenne, hat er über mich auch getratscht. Du musst wissen, er ist schlimmer als ein altes Waschweib.«, kichert sie.

»Tameka! Muss das sein?« Es ist Jesus sichtlich peinlich, wie seine Verlobte über ihn spricht, kann ihr aber nicht böse sein.

»Ja muss es. Ich mag sie, schon allein, weil sie dieser überheblichen Schnepfe Candance Kontra bietet.«

»Bevor ihr jetzt gleich loslegt, das hier ist Jessica, Jerrys Frau«, stellt Jesus die blonde Frau vor.

»Hi, freut mich dich kennen zu lernen und ja, Jerry ist auch so ein Waschweib.«, lacht sie und drückt Joni an sich.

»Freut mich auch.« Joni ist von so viel Freundlichkeit echt überrumpelt.

»Du bist ein bisschen überfordert, oder?«, fragt Jessica sie.

»Nein das nicht, nur überrascht. Ich dachte … naja …« Sie kann jetzt schlecht offenbaren, was ihr Vorurteil gegenüber den beiden Spielerfrauen war.

»Du dachtest, wir sind eingebildete Hühner und würden unsere Nasen in den Wolken tragen, so richtig typisch Spielerfrau?«

»Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das wirklich gedacht habe.«, gibt sie dann doch zu.

»Ach mach dir nichts draus. Das kennen wir schon, aber soll ich dir mal was verraten, die Frauen, die nur für eine kurzen Affäre gut sind, entsprechen voll diesem Klischee.«

»Ich bin echt froh, dass ihr nicht so seid.«

»Das freut uns, stimmt´s Jessy?«

»Auf alle Fälle. Ach, wen haben wir denn da – O.« strahlend umarmen Tameka und Jessica Oliver. Doch dann werfen ihm beide prüfende Blicke ins Gesicht.

»Wie geht es dir? Mir ist gestern fast das Herz stehen geblieben, als ich gesehen habe, wie der Tackle dich von den Füße holte. Jerry sagte, du hättest eine Gehirnerschütterung.«

»Mach dir keine Sorgen Jess. Du kennst mich, ich bin nicht aus Glas. Außerdem geht es mir schon wieder gut.«

»Was machen die Kopfschmerzen? Bei Jesus letzter Verletzung hat er gejammert wie ein Baby.«

»Tammy, ich hatte einen verdammten Kreuzbandriss!«, empört er sich. »Über mich sagen, ich hätte gejammert und um O herumscharwenzeln, als wäre er kurz davor seinen letzten Atemzug zutun.«, fügt er grummelnd hinzu.

»Kennst du schon Joni? Eigentlich müsstest du ja, immerhin begleitet sie ja das Team.«, fragt Jessica Oliver, um das Thema zu wechseln. Was nicht so wirklich eine gute Idee ist, wie sie gleich feststellen muss.

»Olli und ich kennen uns. Leider muss ich bei ihm wohnen.«

»Wie hast du mich gerade genannt?!«, knurrt er sofort los und baut sich, mit in die Hüften gestemmten Händen, vor ihr auf. Hinter seinem Rücken kann Joni die beiden Frauen kichern sehen und plötzlich ist es auch völlig ruhig und alle Augenpaare sind auf sie gerichtet.

»Olli.« Genüsslich lässt sie die einzelnen Buchstaben auf ihrer Zunge zergehen und beobachtet, wie er rot anläuft. Irgendwie erinnert er sie gerade an eine Comicdarstellung eines Teekessels, der von unten nach oben rot vor Hitze anläuft.

»Nenn mich nie wieder so!«

»Warum nicht? Doch lieber Tam…«

»Wag es nicht es auszusprechen!«, droht er.

»Ach ja, was dann?«, stichelt Joni weiter.

»Endlich eine Frau, die ihm nicht Honig um den Bart schmiert! Sie gefällt mir immer besser. Was meinst du Tameka?«

»Ja, sie gehört ab heute zu uns. Oliver, lass sie in Ruhe und geh dich abkühlen. Wir können gleich borden. Außerdem ist es nicht gut für deinen Kopf, wenn du dich aufregst.«

»Dann sag das ihr und nicht mir! Sie hat es sich doch heute zur Aufgabe gemacht, mich zur Weißglut zu bringen.« Anklagend deutet er auf Joni.

»Ach, jetzt bin ich es wieder. Wer hat denn damit angefangen?«

»Du hast mir quasi die Pest an den Hals gewünscht und tust jetzt alles dafür, dass es so kommt.«

»Weil du es verdienst! Du...«

»Schluss jetzt, lasst uns an Bord gehen.« Jessica packt Oliver an den Schultern und schubst ihn in Richtung ihres Ehemannes.

Er bedenkt Joni noch einmal mit einem wütenden Blick und rauscht davon, um sich zu seinen Teamkollegen zu gesellen, die nur schwer ein Lachen unterdrücken können. Jessica und Tameka haben da weniger Zurückhaltung und halten sich schon gegenseitig, um nicht vor Lachen umzukippen.

»Oh Mann! Joni, du bist grandios! Wir drei Frauen werden verdammt viel Spaß zusammen haben!«

»Das glaube ich auch.«, grinst Joni und ihre gute Laune ist wieder hergestellt. Aber ganz am Rande fragt sie sich, warum Oliver so ausrastet, wenn man ihn Olli nennt.

Wenige Augenblicke später können sie die Privatmaschine betreten und da Joni der Meinung ist, das sie O erst einmal genug gereizt hat, setzt sie sich möglichst weit weg von ihm. Jessica und Tameka setzen sich völlig selbstverständlich zu ihr.

Die Maschine ist in vier mal vier Sitzplätze aufgeteilt, wobei sich immer zwei Sitze, getrennt durch einen Tisch, gegenüber befinden.

Nachdem dann auch die Herren der Schöpfung ihre Sitzplätze eingenommen und sich angeschnallt haben, starten die Piloten die Turbinen und ihr Flug zum Kona International Airport in Kailua-Kona auf der Insel Hawaii kann starten.

»Hallo Ladies!«, begrüßt Lucas die laut lachenden Frauen und setzt sich zu ihnen.

»Hey« rufen alle drei gleichzeitig und brechen schlagartig wieder in schallendes Gelächter aus. Lucas schaut etwas verwirrt zwischen Tameka, Joni und Jessica hin und her.

»Verratet ihr mir, warum ihr so lacht?«

»Aber sicher doch. Tameka hat gerade erzählt, wie sie Jesus kennen gelernt hat.«

»Lass ihn das nur nicht hören, ihm ist das immer noch total peinlich.«, mahnt Lucas, kann sich selber aber nur schwer ein Lachen verkneifen.

»Da muss er durch! Er hätte ja nicht die Hosen vor mir runter lassen müssen.«

»Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er dich echt für eine Prostituierte gehalten hat und wollte, dass du ihm einen Blow Job verpasst!« Joni laufen die Lachtränen ungehemmt über die Wangen.

»Und das in einem Haus, das ich ihm verkaufen wollte.«, lacht Jessica, welche Immobilienmaklerin von Beruf ist.

»Könnt ihr euch vielleicht mal ganz kurz beruhigen?« Genervt verdreht Lucas die Augen.

»Ja, klar. Was gibt es denn?« Jessica atmet, genauso wie Joni und Tameka, tief durch und die Frauen sehen ihn aufmerksam an.

»Joni Schätzchen, was hast du mit meinem besten Freund angestellt?« Das belustigte Blitzen ist aus seinen Augen verschwunden und er sieht sie ernst und auch nachdenklich an.

»Nichts, wieso?«

»Er ist mir letzte Woche nach dem Training schon fast an den Hals gesprungen und jetzt guckt er mich an, als würde er mir irgendeinen stumpfen Gegenstand in den Rücken rammen wollen, sobald ich mich umdrehe.«

»Ich habe keine Ahnung, was mit ihm ist. Zu mir ist er ja auch nicht anders. Vielleicht hat er wieder Kopfschmerzen, was ihm recht geschehen würde. Denn eigentlich benötigt er Ruhe und keinen Trip nach Hawaii.«

»Siehst du Jessy! Ich hab es dir ja gesagt! Zwischen O und Joni läuft was!« Triumphierend blickt Tameka in die kleine Runde.

»Was?!« Ein wenig entsetzt blickt Joni sie an.

»Komm schon, das merkt man doch. Zwischen euch sprühen die Funken.«

»Wir haben nur Sex und nix weiter.«, rutscht es Joni raus. Da das das erste ist, was ihr einfällt, als sie nach einer guten Verteidigung sucht.

»So weit seid ihr schon? Du musst uns unbedingt alles erzählen!«, fordert Jessica.

Mit den beiden Spielerfrauen ist es wie mit Lucas. Sie haben irgendetwas an sich, dass sie sofort Vertrauen fassen lässt und vielleicht ist eine weibliche Sicht der Dinge nicht schlecht und sie können ihr helfen, Oliver und sein Verhalten ihr gegenüber besser zu verstehen.

»Gut, ich erzähl es euch. Also …«, beginnt sie, wird aber sofort von Jessica unterbrochen.

»Warte! Für so eine Story brauchen wir Champagner!« Und schon winkt sie einen der Stewards herbei.

»Ähm … geht auch Wein? Ich mag diese Prickelbrause nicht so und Whiskey und Wein sind das einzige an Alkohol, was ich trinke.«

»Na klar doch, dann halt eine Flasche vom Rotwein.«, bestellt Tameka und der Steward nickt kurz, um dann seiner Wege zu ziehen, um die Bestellung zu erledigen.

»Dann lass ich euch mal alleine. Ich kenn die Story und einen Großteil sogar aus zwei Sichtweisen.«

»Lucas?«, ruft ihm Joni hinter her, nachdem er aufgestanden ist und wieder zu seinem Platz will.

»Ja?«

»Wie geht es Callum?« Sie macht sich immer noch ein wenig Sorgen um ihren Bruder. Immerhin hatten sie lange nicht mehr über seinen Exfreund gesprochen und das Gespräch bei ihrem gemeinsamen Abendessen war, seit der Trennung, das Längste über dieses Thema.

»Ich denke ganz gut, warum?«

»Das kann ich dir nicht sagen, aber Danke.«

»Okay … nichts zu danken.« Verwirrt geht Lucas zu seinem Platz.

Nachdem sie alle ein Glas wirklich köstlichen Rotweins vor sich stehen haben, erzählt Joni ihnen die ganze Geschichte. Die ganz schmutzigen und schlüpfrigen Details lässt sie aus, denn das geht nur Oliver und sie etwas an, aber sonst berichtet sie völlig schonungslos.

»Er ist eifersüchtig!« Tameka strahlt über das ganze Gesicht und Jessica nickt zustimmend.

»Eindeutig, er ist eifersüchtig und wie! Dass ich das noch erleben darf!«

»Nun hört aber auf. Ihr tut ja so, als hättet ihr schon einen Zettel um die Zehe.«

»Na so alt sind wir wirklich noch nicht. Aber das ist nun einmal die einzig logische Erklärung. Warum sonst sollte ein Mann so austicken, wenn er nicht eifersüchtig ist.«

»Ach quatsch. Er reagiert wie ein bockiger kleiner Junge, der Angst hat, dass man ihm sein Spielzeug weg nimmt und nichts anderes bin ich für ihn. Das hat er damit gemeint, als er mich im Fahrstuhl als seine Frau bezeichnete.«

»Oliver ist immer ehrlich und sagt auch das, was er denkt und von daher vermute ich, dass er es genauso gesagt hat, wie er es gemeint hat. Du und Lucas scheint ja ein sehr inniges Verhältnis zu haben und er sieht seinen besten Freund jetzt als Konkurrenz an.«

»Bist du Psychologin? Lucas und ich sind nur Freunde.«

»Ich bin Kindergärtnerin und glaub mir, wenn man mit so einem Haufen hier …« Jessica deutet mit einer Handbewegung auf die Spieler »… weggeht oder fährt, erkennt man, dass sie noch viel schlimmer als kleine Kinder sind.«

»Das kann ich mir vorstellen.«, lacht Joni und ihre betrübte Stimmung, wegen Olivers komischen Verhaltens ist weg.

Den Rest des Fluges verbringen die drei Frauen mit viel Wein und noch mehr Lachen.

In ihrem Kopf dreht es sich immer noch leicht, als sich Joni auf das Bett ihres Hotelzimmers fallen lässt. Sie ist sich sicher, in Tameka und Jessica zwei Freundinnen gefunden zu haben. Obwohl sie schon so lange in Los Angeles lebt, hat sie, abgesehen von Kevin, nie die richtigen Personen kennegelernt, um diese wirklich als Freunde zu bezeichnen. Dann ist sie gerade mal eine knappe Woche in Dallas und hat schon drei Freundinnen und einen schwulen Freund. Wenn das mal kein guter Schnitt ist.

Leise kichernd richtet sie sich auf und schwankt ins Badezimmer. In einer Stunde wollen sich alle unten in der Lobby treffen, um gemeinsam essen zu gehen. Ein Blick in den Spiegel verrät ihr, dass sie eine Dusche gebrauchen könnte, aber sie hat keine Lust dazu. Also wirft sie sich nur etwas kaltes Wasser ins Gesicht, frischt ihr Make-up wieder auf und flechtet ihre Haare zu einem Zopf.

Auch müsste sie ihren Koffer auspacken, aber der bekommt nur einen Tritt verpasst. Für die paar Tage lohnt es sich nicht, alles auszupacken. Lieber legt sie sich noch einmal auf das riesige Bett und erfreut sich daran, dass sie auf Hawaii ist.

Mit etwas Mühe kramt sie ihr Handy aus der Hosentasche und ruft einfach mal bei dem einzigen Freund in Los Angeles an.

»Du störst.«, brummt es ihr entgegen und an seinem abgehackten Atem merkt sie, was er da gerade treibt. Bleibt jetzt nur noch die Frage, mit wem. Dabei muss sie wieder leicht kichern, dieser Anruf wird jetzt ihre Retourkutsche sein, denn er war so dumm, den Lautsprecher seines Handys einzuschalten.

»Kevin, mein geliebter Schatz!«

»Au! Verdammte Scheiße! Was soll das? Willst du mir meinen Schwanz abbeißen?«, flucht er und sie muss sich auf den Zeigefinger beißen, um nicht vor Lachen loszubrüllen.

»Schatz?! Ich dachte du wärst Single!« kann sie eine wütende weibliche Stimme hören. Ha! Da hatte sie doch den richtigen Riecher gehabt.

»Ich bin auch Single! Was kann ich dafür, wenn mich dieser …«

»Baby, du sollst doch nicht immer bezüglich deines Beziehungsstatus lügen. Wie sollen Nepomuk und Cheyenne lernen, immer die Wahrheit zu sagen, wenn ihr Daddy ständig seine Ehefrau verleumdet, mit der er seit zehn Jahren verheiratet ist?« Gespielt niedergeschlagen schnieft sie in das Telefon.

»Seit zehn Jahren! Du elendes Schwein!«

»Baby, jetzt renn nicht weg! Das ist alles ganz anders, als es sich anhört!«

»Gott, ich hätte wissen müssen, das du auch so ein ehebrecherisches Schwein bist und dann hast du auch noch zwei Kinder!« Joni hört das Knallen einer Autotür und jetzt kann sie einfach nicht mehr. Wenn sie ihr Lachen noch länger unterdrückt platzt sie.

»Joni McLachlan! Wegen dir hätte sie mir fast den Schwanz abgebissen!«, brüllt er sie an und schürt damit nur ihre Heiterkeit. Inzwischen trommelt sie schon mit ihren Füßen auf dem Bett herum.

»Ist … das … deine … einzige … Sorge?«, fragt sie ihn japsend.

»Ja…Nein! Was soll der Mist?«

»Das war dafür, dass du mich beim Sex gestört hast!«

»Du hattest keinen Sex!«

»Doch und das weißt du ganz genau.«

»Gut, Brown hat dich da gerade oral befriedigt, aber er hat dir nicht fast was abgebissen.«

»Jetzt komm mal wieder runter. Du tust ja so, als wäre dein Schwanz das Nonplusultra.«

»Das ist er auch! Hast du eine Ahnung, wie weh der jetzt tut? Wegen dir werde ich wohl die nächste Woche auf Sex verzichten müssen.«

»Du Armer. Ich bedauere dich dann, wenn ich Zeit habe.«

»Du bist echt der Satan in Person.«

»Aber genau das bewunderst du doch an mir.«

»Ja, aber bisher hattest du immer andere Opfer.«

»Na eines Tages musstest du doch mal am eigenen Leib erfahren, wie das so ist, wenn ich loslege.«

»Da hast du vermutlich Recht. Wie geht’s dir?« Es hat doch etwas Gutes für sich, dass Kevin ihr nie lange böse sein kann und immerhin hat sie ihn gerade um einen Blow Job gebracht.

»Ich bin gerade auf Hawaiiiiiiiiiii!«

»Du hast getrunken.«, stellt er nüchtern fest.

»Nur ein ganz kleines bisschen Wein.«

»Was heißt ein ganz kleines bisschen?«

»Drei oder vier Gläser?«

»Und du kannst noch gerade gehen? Schätzchen, du weißt doch, dass du das Zeug nicht verträgst und morgen früh wirst du dann wieder einen Mörderschädel haben.«

»Aber der war sooooo lecker!«

»Das ändert trotzdem nichts an den Tatsachen.«

»Ja, ja. Ich muss jetzt runter. Wir wollen essen gehen.«

»Dann viel Spaß! Aber lass die Finger vom Wein.«

»Ich hab dich auch lieb Papi!«, grölt sie ihm noch entgegen und legt auf.

Unten in der Lobby warten schon alle auf sie.

»Schön, dass du auch noch kommst.«, murrt Oliver und sieht sie finster an.

»Weißt du, ich bin heute schon gekommen, jetzt erscheine ich.«, wirft sie ihm mit einem verführerischen Lächeln entgegen und gesellt sich dann zu ihren neuen Freundinnen. Während Oliver ihr hinterher starrt. Er muss ja nicht unbedingt wissen, dass das so nicht ganz richtig ist.

Im Restaurant hat man für sie einen großen runden Tisch vorbereitet. Jeder sucht sich einen Platz und als sich Lucas neben Joni setzen will, weil auf der anderen Seite Callum neben ihm sitzen würde, hört er ein tiefes Räuspern hinter sich. Als er sich umdreht, blickt er in das Gesicht von Oliver.

»Hast du dich nicht beim Platz geirrt?«, fragt er ihn grollend.

»Dir haben sie heute Morgen echt ins Hirn geschissen! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass zwischen Joni und mir nichts läuft.« Er spricht so leise, dass nur Joni und Callum ihn richtig verstehen können.

»Und das soll ich dir glauben?«

»Ähm O, auch wenn du das jetzt nicht von mir hören willst, aber Lucas hat recht.«, mischt sie sich ein, denn sie kann einfach nicht mehr mit ansehen, wie er dabei ist, seine langjährige Freundschaft mit Lucas aufs Spiel zu setzen.

»Na klar, für wie dumm haltet ihr mich eigentlich?«

»O, Lucas und ich sind nur Freunde. Auch wenn es unvorstellbar für dich ist, es gibt auch Freundschaften zwischen Männer und Frauen, ohne dass sie miteinander ins Bett gehen.«

»Und wenn du es genau wissen willst, mein Herz gehört schon jemand anderem.« Erstaunt blickt sie zu Lucas hoch und dann an ihm vorbei, um einen Blick auf ihren ebenfalls verblüfften Bruder zu werfen. Als er ihren Blick erwidert, kann sie überschwängliche Freude in seinen Augen aufblitzen sehen.

»Na siehst du. Also beruhig dich.« Joni steht auf und nimmt Olivers Gesicht zwischen ihre Hände, damit er ihr ins Gesicht sehen muss.

»Verstanden?«, fragt sie ihn leise und sie spürt die stechenden Blicke in ihrem Rücken, zumal er gerade seine großen Pranken auf ihre Taille gelegt hat und sie näher an sich heranzieht.

»Wenn ihr mich verarscht, dann …«

»Hier verarscht dich niemand. Höchstens du dich selber. Also, verstanden?«

»Verstanden.«, gibt er schließlich laut seufzend nach und bevor Joni sich wieder setzen kann, beugt er sich zu ihr hinunter und küsst sie vor allen Augen.

»Ha!«, hört sie es von irgendwo her und dann klatschen Hände aufeinander, als wenn sich zwei ein High Five gegeben haben.

Oliver lässt sich von den starrenden Personen um sich herum nicht beeindrucken, für ihn zählt nur der Kuss und das er damit gleich zeigen kann, zu wem Joni in nächster Zeit gehören wird.

Leise seufzt sie auf, als seine Zungenspitze gegen ihre Unterlippe tippt und um Einlass bettelt. Bevor sie dem nachkommen kann, werden sie unterbrochen.

»Nehmt euch ein Zimmer! Hier gibt es kleine Kinder und wir wissen doch alle, dass ihr was am Laufen habt.« Jerry haut Oliver auf die Schulter und zwingt die beiden dazu sich zu setzen.

Während des Essens fragt Joni die anderen Spieler darüber aus, seit wann sie denn wissen wollen, dass es da etwas zwischen ihr und Oliver gibt. Sie ist sehr erstaunt, als ihr Jesus entgegen wirft, dass das schon an dem Tag deutlich wurde, als Oliver sie im Hauptquartier herumgeführt hat.

»Er umgarnt sonst alles, was einen Rock tragen könnte und du warst die erste Frau, bei der ich erlebt habe, dass er absolut unhöflich war. Da wusste ich sofort, das mehr dahinter steckt. Oliver war nur zu blind, um es sofort zu bemerken.« Er zuckt mit den Schultern, als wäre es absolut sonnenklar.

Während des Abendessens fließt der Wein in Strömen und Joni hat anschließend arge Probleme, ihr Zimmer und ihr Bett zu finden.

Zum Glück ist ihr Bruder relativ nüchtern geblieben und begleitet sie.

»Brauchst du noch etwas? Willst du noch duschen gehen?«

»Nein, isch will schlafen! Geh zu Lucasch, der isch scho den ganschen Abend scharf auf disch!« Sie scheucht Callum aus ihrem Zimmer, damit er Lucas ausquetschen kann, ob er derjenige ist, an den er sein Herz verschenkt hat.

Joni spürt wie ihre Arme und Beine schwer wie Blei werden und sie schafft es gerade noch so, ihre Schuhe auszuziehen, bevor sie auf das weiche Hotelbett fällt und einschläft.

Gleißendes Sonnenlicht weckt sie am nächsten Morgen und Joni hat das Gefühl, dass sie jeden Moment sterben muss. In ihrem Kopf übt ein ganzes Orchester Beethovens Neunte und trifft dabei keinen einzigen Ton. Ihre Zunge und Zähne sind total pelzig und in ihrem Mund herrscht ein Geschmack, als wäre darin vor zwei Wochen ein Tier verendet. Ihrem Magen geht es nicht besser, der dreht Runden auf einer Achterbahn, die nur aus Loopings zu bestehen scheint. Ihre Augenlider müssen von innen mit grobem Sandpapier ausgelegt sein, denn sie reiben äußert schmerzhaft über ihre tränenden Augen.

Gequält stöhnt sie auf, als sie sich aus dem Bett rollt. Kevin hat ja so verdammt recht! Sie trinkt gerne mal ein Glas Wein, aber leider verträgt sie ihn nicht so besonders und am nächsten Morgen hasst sie sich immer selber. So auch an diesem und bevor sie versucht, sich einen Kaffee einzuflößen, muss sie erst einmal duschen und das möglichst kalt, damit ihre müden Lebensgeister wieder wach werden. Auf dem Weg ins Badezimmer schält sie sich etwas umständlich aus ihren Klamotten.

Das kühle Wasser prasselt auf sie herunter und so langsam wird sie etwas klarer. Zwar hat sie noch Kopfschmerzen, aber das sollte mit einer guten Portion Aspirin in den Griff zu bekommen sein.

Mit einem der flauschigen Hotelbadetücher rubbelt sie sich trocken und schlüpft in den Bademantel, der genauso wunderbar weich ist.

Den Koffer auf das Bett zu befördern, kostet sie eine gehörige Portion Kraft. Sie beschließt, sich nachher einfach am Strand auf eine Liege zu legen und komplett auszunüchtern.

Im Geiste geht sie schon einmal die drei Bikinis durch, die sie eingepackt hat. Aber als sie den Koffer öffnet, kann sie nicht fassen, was sie darin erwartet.

»Ich reiße ihm die Eier ab und zwar einzeln und ganz langsam!«, schreit sie vor Wut, donnert den Deckel des Koffers zu und stürmt, im Bademantel, aus ihrem Zimmer, um Oliver zu suchen, damit sie ihre Drohung in die Tat umsetzen kann.

Kapitel 3

Schnell schnappt sie sich noch die Keycard ihres Zimmers und rauscht den Flur herunter. Zum Glück hat Jesus erst morgen Geburtstag. Sonst hätte sie ihm eventuell den Tag verdorben. Wobei, so wie sie ihn kennt, würde er es noch witzig finden und sich bei ihr für die kleine Einlage bedanken.

Joni hat keinen blassen Schimmer, wie spät es ist. Auf alle Fälle kann es nicht mehr allzu früher Morgen sein, denn auf den Hotelfluren ist bereits eine Menge los.

Da ihr das Warten auf einen Fahrstuhl zu lange dauert, nimmt sie die Treppe.

Keuchend und schwitzend kommt sie in der gut besuchten Lobby an. Über der Anmeldung hängt eine Uhr und zeigt ihr, dass es kurz vor elf Uhr vormittags ist. Das Frühstück kann sie knicken..

Da sie keine Ahnung hat, in welchem der vielen Zimmer Oliver nächtigt, will sie an der Anmeldung nachfragen, doch da entdeckt sie Tameka und steuert direkt auf sie zu.

»Tammy!«, ruft sie quer durch die Lobby.

»Gott Joni. Bist du unter die Räder gekommen? Du siehst ja schrecklich aus und warum rennst du in einem halboffenen Bademantel durch die Gegend?«

Schnell blickt sie an sich herunter und errötet vor Scham. Der Knoten hat sich gelöst und jeden Moment könnte er komplett aufgehen. Ihre Brüste sieht man schon halb und ihr Schambereich hat auch nur deshalb das Glück, nicht in voller Pracht vor den versammelten Hotelgästen zu strahlen, weil der Knoten inzwischen relativ tief sitzt und das Wichtigste verdeckt. Mit hastigen Bewegungen zieht sie alles wieder zurecht und ignoriert die gaffenden Blicke so gut es geht.

»Wo ist Oliver, diese verräterische Ratte?«

«Was hat er denn gemacht?«

»Er…Gott, bin ich wütend!«

»Das sieht man. Aber was hat er nun gemacht?«

»Dieser hinterwäldlerische Ochse hat all meine Sachen aus meinem Koffer genommen!«

»Moment mal – er hat was? Wann soll er das denn getan haben?«

»Das kann nur zu Hause gewesen sein. Eine andere Möglichkeit hat er nicht gehabt.«

»Aber hast du nicht gemerkt, dass dein Koffer leichter ist?«

»Nein, das Schwein hat mir Prospekte und Kataloge rein gestopft! Das Einzige, was ich habe, sind meine Klamotten von gestern, mein Waschzeug, sowie mein Make-up, aber auch nur, weil ich es im Handgepäck hatte!«

»Okay, da hast du allen Grund sauer auf ihn zu sein.« Nun ebenfalls wütend über den Freund ihres Mannes, zieht Tameka die Augenbrauen zusammen.

»Kannst du mir bitte sagen, wo ich ihn finde?«

»Natürlich. Er ist mit den anderen unten am Strand. Aber was willst du jetzt tun?«

»Ich werde ihm die Eier abreißen!«

»Gute Idee, aber du vergisst, dass er ein ausgewachsener Mann ist, der sich beruflich mit anderen Kerlen prügelt.«

»Verdammt! Du hast recht. Ich muss mir was anderes einfallen lassen.«

»Tu das. Triff ihn am besten da, wo es besonders weh tut.«

»Darauf kannst du Gift nehmen. Wenn du mich entschuldigst, ich muss jemanden dem Erdboden gleich machen.« Mit erhobenem Haupt und entschlossenem Blick zieht Joni noch einmal den Bademantel zurecht und geht zum Strand.

Tameka sieht ihr mit einem breiten Grinsen im Gesicht hinterher. Schon vom ersten Augenblick an wusste sie, dass Joni die passende Frau für Oliver ist. Sie steht seinem Temperament in nichts nach. Auch wenn sie sich vielleicht manchmal wie kleine Kinder benehmen, macht es das ganze doch umso amüsanter und spannender.

Als Joni nach draußen tritt, lacht die Sonne in ihrer besten Manier vom Himmel.

Inzwischen hat sie sich ein wenig beruhigt, aber wütend ist sie noch immer und sie dürstet nach Rache. Tameka hat schon Recht, ein unüberlegter Angriff bringt ihr nichts weiter als Probleme. Sie muss clever und hinterlistig sein und ihn an seinen empfindlichsten Punkten treffen – seiner Männlichkeit und seinem Stolz.

»Na Dornröschen, bist du aus deinem Schönheitsschlaf erwacht?« Lucas steht plötzlich direkt vor ihr und lächelt zu ihr herunter.

»Ist Oliver am Strand?«, fragt sie ihn knurrend.

»Ja, warum willst du das wissen?« Sie macht einen Schritt zur Seite, doch er versperrt ihr den Weg.

»Lucas, es ist jetzt gerade der falsche Zeitpunkt, um deinen besten Freund zu schützen. Keine Sorge ich werde ihn nicht umbringen, sondern nur entmannen.«

»Was hat er gemacht?«

»Das verrate ich dir, wenn ich mit ihm fertig bin.«

»Süße, beruhig dich. Das letzte Mal, als du auf ihn losgegangen bist, hast du ihm einen Eimer Wasser übergekippt und dich danach ängstlich an mich geklammert.«

»Farr, geh aus der Sonne! Der Mistkäfer hat meine ganzen Klamotten aus meinem Koffer geklaut und die liegen jetzt noch in Dallas! Ich habe noch nicht mal eine saubere Unterhose!«

»Okay, mach ihn fertig Kleine! Ich gebe dir Rückendeckung.«

»Danke.« Sie küsst ihn auf die Wange und stapft dann weiter in Richtung Sandstrand.

Kaum haben ihre Füße den feinen weißen Sand unter der Haut, da sieht sie auch schon das Objekt ihrer Begierde, oder besser gesagt, das ihrer Rache. Oliver steht mit dem Rücken zu ihr, leicht breitbeinig und die Arme vor der Brust verschränkt. Da er nur eine dunkelblaue Badeshorts trägt, die ihm bis kurz über die Knie geht, kann sie ausgiebig seine muskulöse Rückansicht betrachten. Es heißt ja so schön – ein schöner Rücken kann auch entzücken.

Zu ihrem Leidwesen stellt Joni fest, dass sie diesen Rücken äußerst ansehnlich und auch anziehend findet. Würde sie jetzt ein Höschen tragen, dann wäre es garantiert schon nass.

»Er ist schon eine echte Augenweide, oder?«, fragt Lucas, der ihr gefolgt ist und nun hinter ihr steht. Zusammen beobachten sie Oliver.

»Hm«, bringt sie nur abwesend zustande. Nur zu genau kann sie sich daran erinnern, wie es sich anfühlte, als ihre Hände und auch ihre Lippen und ihre Zunge über diesen Mann gewandert sind. Ein wohliger Schauer erfasst sie und fast hätte sie ihre Mission vergessen, wenn es da nicht einen Cornerback hinter ihr gäbe, der sie wieder auf die richtige Bahn bringt.