Manchmal Liebe - Fee Grupe - E-Book

Manchmal Liebe E-Book

Fee Grupe

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Beschreibung

"Wenn sie nachts in die Wohnung zurückkehren, sagt Abdul, dass sie dort für immer bleiben werden, dass sie für immer zusammenbleiben werden, bis Ida alt und verrückt ist und er selbst alt und weise. Du Schlingel, ruft Ida und später muss sie ihm erklären, was dieses Wort bedeutet. Schlingel. Aber nicht mehr an dem Abend, an dem sie so müde aus dem Park zurückkehren, müde vor Glück." Manchmal Liebe besteht aus zwölf Erzählungen, die alle von verschiedenen Formen der Liebe und Beziehungen handeln. Verbunden werden sie durch die Figuren, die immer wieder auftauchen, aber in keinem zeitlichen Verhältnis zueinander stehen, und deren Streben nach Selbstbestimmung und Freiheit.

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Seitenzahl: 103

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für meine MutterJasmin Josepha Grupe

Fee Grupe

Manchmal Liebe

Fee Grupe, 1996 in Mönchengladbach geboren, hat einen Bachelor in Geschichte und Politikwissenschaft. Als Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung studiert sie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Sie ist Mutter eines Sohnes.

© 2019 Fee Grupe

Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN: Paperback 978-3-7497-6885-1 / Hardcover 978-3-7497-6886-8 /

E-Book 978-3-7497-6887-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

1. Das erste Kind

2. Abdul

3. Misstrauen

4. Paolo

5. Ordaour

6. Ohne Abschied

7. Frei

8. Seitensprung

9. Frühstück

10. Omar

11. Landstreicher

12. Wohnungsauflösung

1

Das erste Kind

Auf dem Foto sitzen sie zusammen auf dem Sofa. Martha hält den Telefonhörer in der Hand, aber vermutlich telefoniert sie nicht wirklich. Ida und Margot schauen zu ihr herüber. Beide tragen Kopfschmuck mit Federn. Sie erinnern sich nicht an diese Szene. Keine von ihnen erinnert sich, obwohl Margot damals schon acht oder neun gewesen sein muss.

Als Margot geboren wird, ist ihre Mutter zwanzig Jahre alt und Studentin. Ihre Noten sind so gut, dass sie ein Stipendium erhält. Sie bezahlt die Miete immer pünktlich und reicht Hausarbeiten und Essays lange vor der Abgabefrist ein. Sie war noch nie so betrunken, dass sie am nächsten Morgen Kopfschmerzen gehabt hätte. Sie ist nur weniger als fünf mal in ihrem Leben zu spät gekommen. Die Bücher stehen in alphabetischer Reihenfolge in ihrem Regal. Inga ist fleißig, organisiert und diszipliniert, steht auf dem Zeugnis, das ihr die Bibliothek nach ihrem Praktikum ausgestellt hat. Seit Kurzem hat Inga etwas mit Alex. Sie haben keine wirkliche Beziehung, zumindest nicht nach Ingas Maßstäben. Zwei mal in der Woche essen sie zusammen in Ingas kleinem Studentenzimmer zu Abend. Danach schlafen sie miteinander. Manchmal bleibt Alex bis zum nächsten Morgen, manchmal nicht. Das hängt von seinen Arbeitszeiten ab. Er hat einen Job in einem Lager. Keinen Job, um sein Studium zu finanzieren. Keinen Job, bei dem er davon ausgeht, ihn nur jetzt auszuführen und später nicht mehr, dessen Ende absehbar ist. Seit sie Alex kennt, nimmt Inga die Pille. Sie nimmt sie widerwillig und unregelmäßig. Warum nimmt sie sie unregelmäßig?

Sie macht den Test am elften Oktober. Ihre Brüste fühlen sich anders an, ihre Brustwarzen unangenehm sensibel. Seit zwei Tagen spürt sie eine leichte Übelkeit und ein Ziehen im Unterleib. Es ist nicht der erste Schwangerschaftstest, den sie macht. Damals war sie sich sicher, schwanger zu sein, heute ist sie es nicht. Fast geht sie vom Gegenteil aus. Das Ergebnis ist nicht sofort sichtbar. Und während Inga darauf wartet, dass es erscheint, wäscht sie sich die Hände und putzt die Zähne. Sie denkt an den Tag. Am Vormittag hat sie eine Vorlesung und ein Seminar, danach möchte sie einkaufen gehen. Sie braucht Butter und Reis, vielleicht kauft sie Tomaten. Ihr Blick fällt auf den Test, der neben der Toilette auf dem Boden liegt. Geldverschwendung, denkt Inga, während sie ihn aufhebt. Sie wirft einen flüchtigen Blick darauf, realisiert erst langsam, was sie gesehen hat, hält inne, schaut noch mal. Fassungslosigkeit. Zuerst ist sie fassungslos, dann wird sie von einer unbändigen Freude überwältigt, dann von Panik. Zwanzig Jahre alt, Studentin, ein Kind.

Sie kauft noch einen Test von einer anderen Marke, den sie am nächsten Morgen machen will. Aber sie hält es nicht aus und macht ihn noch am selben Abend. Zwei Striche.

Wenn Alex sie besucht, nimmt er manchmal seinen Laptop mit. Inga hasst das. Und noch mehr hasst sie es, dass er auf den Bildschirm starrt und überlegt, ob er lieber die blauen oder die schwarzen Unterhosen bestellen soll, während sie ihm etwas erzählen will. Erzählen muss.

Ich muss dir etwas erzählen, sagt sie.

Was denn, fragt Alex, ohne sie anzusehen.

Sie wartet, bis er den Blick auf sie richtet, aber er wendet ihn nicht vom Bildschirm ab.

Es ist wichtig, sagt Inga.

Dann erzähl es mir.

Wenn er wüsste, denkt sie und steht auf. Sie geht an ihm vorbei zum Fenster. Sie holt Luft, um nicht zu weinen. Warum muss sie jetzt weinen? Langsam atmet sie aus, wieder ein.

Alex fragt: Blau oder schwarz?

Ich bin schwanger, sagt Inga.

Da sieht er sie endlich an, ungläubig. Und als sei es ein Fremdwort, das er zum ersten Mal hört, wiederholt er: Schwanger?

Ja.

Alex freut sich. Später wird er sich Sorgen machen. Aber in diesem Moment freut er sich, bedingungslos, ohne Zweifel. Er steht auf und nimmt Inga in den Arm. Hält sie ein Stück von sich weg, um ihr lächelnd ins Gesicht sehen zu können. Drückt sie an sich. Schaut sie wieder an. Dann beugt er sich herunter und küsst ihren Bauch.

Unser Baby, flüstert er und da wird Inga ganz warm und sie fühlt sich so aufgeregt wie als Kind vor Weihnachten.

Sie kennen die Geschichte. Margot, Ida und Martha kennen die Geschichte. Inga hat ihnen erzählt, wie sie zum Arzt gegangen und einen Ultraschalltermin ausgemacht hat. Sie hat von der Sprechstundenhilfe erzählt, die gesagt hat: Danach geht alles ganz schnell.

Die Schwangerschaft, hat Inga unsicher gefragt.

Da ist die Sprechstundenhilfe ein wenig rot geworden und hat gestammelt: Ich meine, wenn du das Baby nicht haben willst, dann erledigen wir das ganz schnell.

Doch natürlich wollte Inga das Baby haben.

Natürlich wollte ich dich haben, sagt sie jedes Mal an dieser Stelle, zieht Margot zu sich heran und gibt ihr einen Kuss. Und dann küsst sie auch Ida und Martha, deren Geschichten niemand kennt, weil sie keine wirklichen Geschichten haben. Inga und Alex wollten ein Geschwisterchen für Margot. Und dann wollten sie noch ein Kind haben. Inga hat die Pille nicht genommen. Sie hat sie nicht unregelmäßig genommen, sondern gar nicht und innerhalb von wenigen Monaten war sie schwanger. Man könnte aus der Erinnerung eine Geschichte machen. Inga könnte von dem positiven Schwangerschaftstest erzählen, von der Freude, dem Ultraschall, der Fahrt ins Krankenhaus. Als Margot geboren wurde, riefen sie ein Taxi. Inga sagte, es sei nicht nötig, sie könnten den Bus nehmen. Doch Alex bestand darauf. Es war das erste Mal, dass sie mit dem Taxi fuhren. Und der Taxifahrer schaute immer wieder panisch in den Rückspiegel.

Vielleicht hat er später seiner Frau davon erzählt. Vielleicht hat er gesagt: Fast hätte heute ein Mädchen ihr Kind in meinem Taxi bekommen.

Er hat bewusst Mädchen und nicht Frau gesagt, weil Inga mit zwanzig so jung aussah, dass sie von der Sprechstundenhilfe beim Arzt geduzt wurde. Sie sagt: Die Leute haben mich angestarrt, wenn ich mit meinem riesigen Schwangerschaftsbauch über die Straße ging. Und wenn ich Margot im Tragetuch mit zur Uni genommen habe. Es war skandalös.

Sie sagt das nicht ohne einen gewissen Stolz. Als Ida geboren wird, ist Margot schon fünf. Martha folgt ein Jahr später. Auf dem Foto sitzen sie zusammen auf dem Sofa. Martha hält den Telefonhörer in der Hand, aber vermutlich telefoniert sie nicht wirklich. Ida und Margot schauen zu ihr herüber. Beide tragen Kopfschmuck mit Federn. Sie erinnern sich nicht an diese Szene. Keine von ihnen erinnert sich, obwohl Margot damals schon acht oder neun gewesen sein muss. Wenn man auf der Gästetoilette sitzt, fällt der Blick automatisch auf das Foto.

Für die Pädophilen, wird Martha später sagen.

2

Abdul

Abdul kommt zu spät. Und während Ida wartet, liest sie sich all die Bekanntmachungen, Verkaufsangebote und Annoncen durch, die an der Pinnwand im Flur hängen und sich längst überlappen, weil sie nie entfernt werden. Manche hingen hier schon, bevor Ida ihr Studium begonnen hat, halb verdeckt von erst kürzlich hinzugekommenen Zetteln. Einer der aktuellsten Aushänge lautet: Nachmieter gesucht, ab sofort.

Damals ist Ida jung und wagemutig und Abdul müde und traurig. Sie kennen sich seit sechs Wochen. Genau sechs Wochen sind seit ihrem ersten Kuss vergangen, als sie zusammenziehen. Zu früh, sagen Idas Eltern, aber es fühlt sich richtig an. Die Wohnung ist klein und billig. Es gibt eine Küche und ein Schlafzimmer, der Durchlauferhitzer im Bad funktioniert nicht richtig. Es ist perfekt. Sie streichen die Wände strahlend weiß. Und während sie barfuß über die Zeitung laufen, die sie auf dem Fußboden ausgelegt haben, dabei in Farbkleckse treten und Musik aus Idas altem Radio hören, vergisst sie beinahe, dass sie die Wohnung vielleicht nur bekommen haben, weil Adbul nicht mit zur Besichtigung gekommen ist und Ida den Vertrag unterschrieben hat. Vielleicht, sie wollten es nicht herausfinden, besser nichts riskieren. Sie tragen die alten Möbel vom Dachboden von Idas Eltern, hieven sie in das Auto und wieder heraus und tragen sie hinauf in ihre wunderschöne Wohnung im ersten Stock. Abdul bietet den Eltern Tee an und Ida findet, dass er nicht höflich ist, sondern zu höflich. Er hält die Luft an. Als die Eltern gegangen sind, legt er sich ins Bett und weint und Ida kriecht zu ihm unter die Decke und hält ihn fest, ganz fest. Ich schäme mich so, sagt Abdul.

Abdul ist älter als Ida. Er hat einen Krieg erlebt und eine Flucht überstanden. Er hat ihr seinen Bruder auf einem Bild gezeigt, das Caesar gemacht hat. Caesar, der Menschen fotografierte, die in syrischen Gefängnissen starben. Als Ida gegen ein neues Polizeigesetz demonstrierte, blieb Abdul zuhause. Ich habe nicht das Recht, ein Land zu verändern, in dem ich nur Gast bin, sagte er. Nur Gast. Nur Flüchtling. Nur Syrer. Ida hat nicht gewusst, wie schrecklich dieses Wort sein kann, drei Buchstaben: nur.

Ich schäme mich so, sagt Abdul. Er will, dass Ida geht. Sie soll ein glückliches, unbeschwertes Leben führen. Und er will, dass sie bleibt. Ida muss bleiben. Als sie sich sechs Wochen lang kennen, nur sechs Wochen, erscheint sie ihm überlebenswichtig. Es wird Frühling und Sommer. Die Sonne scheint in die Küche, Ida backt Schokoladenkuchen mit Erdbeeren, alle Fenster stehen sperrangelweit offen, auf der Straße spielen Kinder und Abdul weint nicht mehr. Er lädt Freunde ein, mit denen er in Homs studiert hat. Sie tanzen in der Küche zu arabischer Musik und führen Diskussionen, die Ida nicht versteht. Aber sie versteht, dass er glücklich ist, denn seine Augen leuchten. In diesem Sommer gehen Abdul und Ida abends in den Park. In der Dämmerung sitzen sie auf den Schaukeln und klammern sich aneinander, während sich das Karussell immer schneller und schneller dreht. Wenn sie nachts in die Wohnung zurückkehren, sagt Abdul, dass sie dort für immer bleiben werden, dass sie für immer zusammenbleiben werden, bis Ida alt und verrückt ist und er selbst alt und weise. Du Schlingel, ruft Ida und später muss sie ihm erklären, was dieses Wort bedeutet. Schlingel. Aber nicht mehr an dem Abend, an dem sie so müde aus dem Park zurückkehren, müde vor Glück.

Jahre später arbeiten sie an verschiedenen Universitäten, in verschiedenen Städten. Ida hat gerade eine Beziehung hinter sich, eine anstrengende, zermürbende Beziehung mit einem Masterstudenten, der unglaublich eifersüchtig war und viel zu jung für sie. Im Nachhinein fragt sich Ida, warum ihr das nicht früher aufgefallen ist. Meistens ist sie alleine, ihre Beziehungen dauern höchstens ein paar Monate und sie erzählt nie jemandem davon. Abdul sieht sie nur noch selten, aber sie schreiben sich E-Mails, die Ida ausdruckt und in einer Kiste aufhebt. Sie weiß, dass sie ihm inzwischen weniger wichtig ist als er ihr oder sie vermutet es zumindest. Er hat geheiratet und ein Kind bekommen, einen Sohn, der Robert heißt. In vielerlei Hinsicht hat Abdul sie überrascht. Er hat sie mit seiner Frau überrascht, die klein und dominant ist, die Vorsitzende einer Versicherungsgesellschaft, die Hosenanzüge in grellen Farben und einen Kurzhaarschnitt trägt. Er hat sie mit dem Namen seines Sohnes überrascht. Er hat sie damit überrascht, dass er bisher keine weiteren Kinder bekommen hat, dass er in den letzten Jahren nicht Professor geworden ist, dass er sich nie einen Hund gekauft hat, obwohl er ständig davon redete, als sie zusammen in der winzigen Wohnung lebten. Sein Leben erscheint ihr unpassend. Immer wieder muss sie sich selbst zurechtweisen: Was weißt denn du schon. Im September, als Abduls Frau für ein paar Tage auf Dienstreise ist und das neue Semester noch nicht begonnen hat, kauft Ida ein Zugticket und besucht ihn. Sie ist so fröhlich und aufgedreht wie das Mädchen, das sie in dem Sommer war, in dem sie verliebt und müde vor Glück waren.