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Mangelernährung geht mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko einher. Besonders gefährdet sind Menschen mit chronischen, schwerwiegenden Erkrankungen. Das rechtzeitige Erkennen von Ernährungsdefiziten und die Sicherstellung einer adäquaten Nahrungszufuhr gehören in die Verantwortung von Pflegenden. In diesem Buch wird aktuelles, evidenzbasiertes Wissen zur Erkennung und Behandlung von Mangelernährung dargestellt. Gefährdete Patientengruppen wie Kinder, Senioren und Patienten mit onkologischen Erkrankungen oder Demenz werden dabei besonders berücksichtigt. Die Folgen einer Mangelernährung werden aufgezeigt und dabei speziell auf chronische Wunden und Frailty eingegangen. Besonderes Augenmerk wird auf die pflegerischen Maßnahmen zur Förderung der oralen Ernährung und die Umsetzung des Expertenstandards im interdisziplinären Team gelegt. Ethische Fragen zum Umgang mit Nahrungsverweigerung runden das Buch ab. Mit einem Vorwort von Frau Prof. Sabine Bartholomeyczik, Universität Witten/Herdecke.
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Mangelernährung geht mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko einher. Besonders gefährdet sind Menschen mit chronischen, schwerwiegenden Erkrankungen. Das rechtzeitige Erkennen von Ernährungsdefiziten und die Sicherstellung einer adäquaten Nahrungszufuhr gehören in die Verantwortung von Pflegenden. In diesem Buch wird aktuelles, evidenzbasiertes Wissen zur Erkennung und Behandlung von Mangelernährung dargestellt. Gefährdete Patientengruppen wie Kinder, Senioren und Patienten mit onkologischen Erkrankungen oder Demenz werden dabei besonders berücksichtigt. Die Folgen einer Mangelernährung werden aufgezeigt und dabei speziell auf chronische Wunden und Frailty eingegangen. Besonderes Augenmerk wird auf die pflegerischen Maßnahmen zur Förderung der oralen Ernährung und die Umsetzung des Expertenstandards im interdisziplinären Team gelegt. Ethische Fragen zum Umgang mit Nahrungsverweigerung runden das Buch ab. Mit einem Vorwort von Frau Prof. Sabine Bartholomeyczik, Universität Witten/Herdecke.
Dr. rer. cur. Antje Tannen, Dipl.-Pflegepäd., Mitglied der Expertengruppe (DNQP) zur Entwicklung des Expertenstandards 'Ernährungsmanagement zur Sicherstellung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege'. Dr. rer. nat. Tatjana Schütz, Dipl.-Ernährungswissenschaftlerin, Mitarbeit bei den Leitlinien zur enteralen und parenteralen Ernährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM).
Antje Tannen Tatjana Schütz (Hrsg.)
Mangelernährung
Problemerkennung und pflegerische Versorgung
Verlag W. Kohlhammer
Pharmakologische Daten verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autor haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Gewährleistung können Verlag und Autor hierfür jedoch nicht übernehmen. Daher ist jeder Benutzer angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
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1. Auflage 2011 Alle Rechte vorbehalten © 2011 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Umschlagsabbildung: © istockphoto.com/Alexander Raths Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
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978-3-17-027946-9
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VorwortSabine Bartholomeyczik
1 Gesellschaftliche und gesundheitspolitische Relevanz von Mangelernährung – Die Bedeutung von Essen und Trinken in gesellschaftlicher HinsichtMagdalena M. Schreier
1.1 Prävalenz von Mangelernährung
1.2 Folgen von Mangelernährung: Leiden und Kosten
1.3 Verantwortlichkeiten der verschiedenen Disziplinen und Akteure innerhalb und außerhalb von Gesundheitseinrichtungen
1.4 Rolle und Verantwortung der Pflege
Literatur
2 TerminologieTatjana Schütz
Einleitung
2.1 Screening und Assessment
2.2 Ernährungsbedingtes Risiko
Literatur
3 Screening auf ein ernährungsbedingtes RisikoTatjana Schütz
3.1 Was bedeutet Screening?
3.2 Welche Screening-Methoden werden empfohlen?
3.3 Einschränkungen bei der Anwendung der Screening-Methoden
Zusammenfassung
Literatur
4 Pflegerisches Assessment der ErnährungssituationMagdalena M. Schreier
Einleitung
4.1 Grundsätzliche Überlegungen zur Ernährungssituation und Erfassung des Ernährungszustands
4.2 Parameter für Screening, Assessment und Monitoring
4.3 Anthropometrie zur Einschätzung des Ernährungszustands
4.4 Risikoerfassung ausgerichtet auf die Lebenssituation
4.5 Tiefergehendes Assessment
4.6 Monitoring
4.7 Welche Zeitintervalle für Screening, Assessment und Monitoring?
4.8 Welche Instrumente gibt es?
Literatur
5 Ursachen von MangelernährungAntje Tannen
Einleitung
5.1 Kognitive und psychosoziale Risikofaktoren
5.2 Erkrankungsbezogene Risikofaktoren
5.3 Strukturelle oder umgebungsbezogene Risikofaktoren
Zusammenfassung
Literatur
6 Ernährungstherapie bei MangelernährungChristine Smoliner und Manuela Freudenreich
6.1 Orale Ernährung
6.2 Enterale Ernährung
6.3 Parenterale Ernährung
6.4 Ethische Fragen in der Ernährungstherapie
Zusammenfassung
Literatur
7 Pflegerische Maßnahmen zur Förderung der oralen ErnährungMarlene Kraske
Einleitung
7.1 Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme
7.2 Umgebungsgestaltung, Interaktion
Literatur
8 Schluckstörungen und MangelernährungStefanie Räke
8.1 Ursachen für Schluckstörungen
8.2 Schluckphasen
8.3 Diagnostik
8.4 Aspiration
8.5 Therapie
Literatur
9 Förderung von Mundgesundheit und ZahnstatusMaren Engel
Einleitung
9.1 Mangelernährung und ihre Folgen für die orale Gesundheit
9.2 Dehydratation, reduzierter Speichelfluss und Xerostomie
9.3 Empfehlungen für die Pflegepraxis
9.4 Mundgesundheit als Pflegeziel
Glossar
Literatur
10 Allgemeine Folgen von MangelernährungAntje Tannen
Literatur
11 Folgen der Mangelernährung: Chronische WundenKathrin Raeder
Einleitung
11.1 Grundlagen der Wundheilung
11.2 Grundlagen der Wundbehandlung
11.3 Einfluss der Ernährung auf die Entstehung von Wunden
11.4 Einfluss von Mangelernährung auf die Wundheilung
11.5 Einfluss von Wunden auf den Ernährungsstatus des Menschen
Literatur
12 Folgen der Mangelernährung: Frailty, Stürze, ImmobilitätMatthias J. Kaiser und Cornel C. Sieber
Einleitung
12.1 Frailty (Adj. frail) bedeutet Gebrechlichkeit – oder doch nicht?
12.2 Frailty und Sarkopenie
12.3 Stürze und Immobilität
12.4 Therapiemöglichkeiten bei Sarkopenie und Frailty: „bed is bad“
Zusammenfassung
Literatur
13 Mangelernährung im Säuglings- und KindesalterArite Raebel und Sabine Ohlrich
Einleitung
13.1 Ursachen
13.2 Assessment
13.3 Mangelernährung durch akute infektionsbedingte Erkrankungen
13.4 Mangelernährung durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten
13.5 Mangelernährung aufgrund psychischer Störungen
Literatur
14 Mangelernährung bei älteren MenschenBianka Machowetz
Einleitung
14.1 Altersbedingte physiologische Veränderungen
14.2 Veränderung des Stoffwechsels im Alter
14.3 Funktionelle Einbußen im Alter
14.4 Gesundheitszustand
14.5 Soziale und finanzielle Situation
14.6 Ernährungsversorgung und -zustand älterer Menschen in stationären Einrichtungen
Literatur
15 Mangelernährung bei onkologischen PatientenPatrick Jermann
Einleitung
15.1 Verringerte Nahrungsaufnahme und verringerter Appetit
15.2 Tumorkachexie
15.3 Erfassung des Ernährungszustands
15.4 Ernährungsinterventionen für Krebspatienten
Literatur
16 Ernährung bei Menschen mit DemenzCharlotte Boes
16.1 Auswirkungen der Demenzerkrankung auf die Nahrungsaufnahme
16.2 Probleme bei der Ernährung von Menschen mit Demenz
16.3 Interventionsmöglichkeiten
Fazit
Literatur
17 Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Pflege im interdisziplinären TeamBarbara Pews
Einleitung
17.1 Interdisziplinäre Zusammenarbeit
17.2 Regelung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Literatur
18 Implementierung von ExpertenstandardsBarbara Pews
Einleitung
18.1 Methodische Überlegungen
18.2 Implementierung des Expertenstandards „Ernährungsmanagement zur Sicherstellung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege“
Literatur
19 Ethische Fragen zum Umgang mit NahrungsverweigerungChristian Kolb
19.1 Die Rolle der Pflegefachkraft
19.2 Analyse des Phänomens der Nahrungsverweigerung im Einzelfall
19.3 Die Bedeutung der Ernährung bei Menschen in der letzten Phase der Demenz
19.4 Entscheidungsfindung im multiprofessionellen Team
Fazit
Literatur
Stichwortverzeichnis
Autorenverzeichnis
Das Thema Mangelernährung in der Pflege wurde in den vergangenen Jahren durch veröffentlichte Skandale aus der Altenpflege sichtbar. Es darauf zu reduzieren, hieße, ihm nicht gerecht zu werden. Um die Bedeutung der Ernährung für die Pflege wieder hervorzuheben, ist dies aber ein wichtiger Anlass.
Zählten vor einigen Jahrzehnten noch Kenntnisse über die Zubereitung und Zusammensetzung von Diäten zur Pflegeausbildung, so sind derartige Aufgaben längst auf Diätassistentinnen1 und andere Spezialistinnen übergegangen. Möglicherweise wurden in der Folge die Pflegeaufgaben bei der Ernährung auf Hilfstätigkeiten reduziert und dabei wurde völlig verkannt, wie bedeutsam die Ernährung für das Wohlergehen von Patienten und Bewohnern ist.
Essen und Trinken sind lebenswichtige Aktivitäten und somit auch zentrales Thema in den Bereichen, wo Menschen pflegerische Unterstützung benötigen. Das Ernährungsmanagement gehört zu den Kernaufgaben der Pflege, zumal es bei falscher oder unzureichender Umsetzung sehr schnell existenzbedrohend werden kann. Die Bedeutung dieses Themas beruht aber auch darauf, dass Essen und Trinken nicht nur durch eine bedarfsgerechte Nährstoffaufnahme der Gesunderhaltung dienen, sondern vor allem auch mit Lust und Genuss verbunden sind. Essen und Trinken beeinflussen die Lebensqualität und sind zudem ein wichtiger Bestandteil sozialer und kultureller Identität.
Interessant ist nebenbei, dass der englische Begriff „nurse“ (Pflegende) etymologisch die gleichen Wurzeln wie „nutritious“ (nährend, Nahrung verabreichend) hat. Pflegen heißt demnach soviel wie nähren bzw. die Pflegende ist die Person, die für die Ernährung ihres Schützlings sorgt.
Eine Mangelernährung kann langwierige Behandlungen und pflegerische Versorgung nach sich ziehen. Für die Betroffenen bedeutet dies nicht nur eine Minderung ihrer Lebensqualität, sondern auch eine höhere Gefahr von Komplikationen, verbunden mit einem größeren Sterblichkeitsrisiko. Werden rechtzeitig ernährungsrelevante Gesundheitsprobleme identifiziert und bei Bedarf geeignete Interventionen eingeleitet (z. B. angemessene Unterstützung, Umgebungsgestaltung, Nahrungsangebot, spezifische therapeutische Maßnahmen), kann eine Mangelernährung verhindert werden.
Aus diesen Gründen hat der im Herbst 2008 konsentierte DNQP Expertenstandard „Ernährungsmanagement zur Sicherstellung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege“ einen großen Stellenwert. Obgleich er sich auf die Prävention von Mangelernährung konzentriert, zeigt sich die Vielfalt des Themas Ernährung, konnten doch etliche Themen nicht aufgenommen werden. Ausgeklammert werden mussten Ernährungsfragen bei Kindern, enterale und parenterale Ernährung, Mundgesundheit und Schluckstörungen, spezifische Fragen bei Demenz – nicht etwa, weil diese Themen für die Pflege nebensächlich wären, sondern weil sie jeweils eigene Standards verdient hätten.
Die Prävention von Mangelernährung als pflegerische Maßnahme kann beispielhaft einige der großen Missverständnisse gegenüber der Pflege aufzeigen, die diese auf ein geschickt auszuführendes Handwerk reduzieren. „Pflegetechnisch“ ist die Prävention von Mangelernährung in der Regel unproblematisch, sie erfordert meist keine schwierigen Handgriffe. Was sie allerdings erfordert, ist z. B. eine sehr gute und gezielte Beobachtung, um Probleme bei der Nahrungsaufnahme festzustellen. Diese Beobachtungen können nur bei entsprechend guten Kenntnissen zu den richtigen Interpretationen führen. Es kommt also auf wissensbasiertes Erkennen und Interpretieren an.
Damit eng zusammen hängt die Beziehungsgestaltung, ohne die eine Unterstützung, wenn Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme bestehen oder das Essen abgelehnt wird, kaum möglich ist. Gewohnheiten, Vorlieben, Ängste und Vorbehalte müssen erkannt und berücksichtigt werden. Die Beziehungsgestaltung ist dabei wichtiger als die Technik der Nahrungszuführung. Von jemandem, den man unsympathisch findet, lässt man sich nicht „füttern“, denn Nahrung aufzunehmen stellt einen intimen Vorgang dar.
Da die Prävention von Mangelernährung keineswegs eine ausschließlich pflegerische Aufgabe darstellt, die Pflegefachkraft jedoch dem Patienten/Bewohner am nächsten ist und für die Nahrungsaufnahme sorgen muss, nimmt sie eine Schlüsselposition im Zusammenwirken aller an der Ernährung Beteiligten ein. Sie muss die Akteure koordinieren und die verschiedenen Informationen zusammenbringen. Der Expertenstandard empfiehlt zur Klärung der multiprofessionellen Aufgaben eine verbindliche Verfahrensregelung, die auch die Zusammensetzung eines Ernährungsteams regelt. Reibungsverluste sollen damit vermieden und die Patienten-/Bewohnerbedürfnisse bestmöglich erfüllt werden.
Schließlich stellen sich schwierige ethische Herausforderungen, wenn eine Person nicht essen möchte, sich weigert, zu essen. Auch und gerade hier ist ein Ernährungsteam gefragt, denn zuallererst müssen die Gründe für die Nahrungsverweigerung gefunden werden. Erst darauf aufbauend können Entscheidungen getroffen werden, vielleicht auch die sehr schwer zu ertragende Entscheidung im Sinne des Betroffenen, keine weitere Ernährungstherapie einzusetzen.
Diese kurzen Überlegungen verweisen auf die Bedeutung des vorliegenden Buchs und machen hoffentlich Lust aufs Lesen und Lernen.
Sabine Bartholomeyczik
1 Bei der Nennung des einen Geschlechts ist jeweils auch das andere gemeint.
Magdalena M. Schreier
Nahrung ist die Grundlage menschlicher Lebensprozesse und hat auf sämtliche körperliche, psychische, soziale, wirtschaftliche und politische Dimensionen des menschlichen Lebens eine unmittelbare Wirkung. Soziale Systeme, gesellschaftliche Entwicklung und gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren in enger Abhängigkeit vom Vorhandensein ausreichender Nahrungsmittel. So wird auch das Recht auf Nahrung als einer der selbstverständlichsten Bestandteile sozialer Beziehungen angesehen (Barlösius 1999).
Der scheinbar universale und selbstverständliche Anspruch auf ausreichend Nahrung ist als ein das Überleben sicherndes, fundamentales Recht, und im Artikel 25 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der United Nation heißt es:
„... Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlergehen gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige Leistungen sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände. ...“ (Office of High Commission for Human Rights 1948).
Trotz der UN-Deklaration der Menschenrechte vor über 60 Jahren leiden nach Angaben des UN Millenium-Projects weltweit 800 Millionen Menschen an Hunger. Alle 3,6 Sekunden stirbt ein Mensch an Mangelernährung, die große Mehrzahl davon sind Kinder unter fünf Jahren (vgl. United Nations 2006).
Besonders ältere Menschen sind betroffen
Vor vollen Tellern am reich gedeckten Tisch zu hungern, das klingt unglaublich. Umso erschreckender ist die Anzahl derjenigen, die in unserer Wohlstandsgesellschaft trotz der ausreichenden Verfügbarkeit hochwertiger Lebensmittel und Nahrungsergänzungsstoffe mangelernährt sind. Davon betroffen sind vor allem kranke, pflegebedürftige und alte Menschen, die sich nicht mehr selbstständig versorgen, ihre Wünsche nicht mehr hinreichend äußern können und bei der Alltagsbewältigung, wie z. B. beim Zubereiten von Mahlzeiten oder beim Essen und Trinken, auf fremde Hilfe angewiesen sind (s. Kapitel 14).
Prävalenz in Krankenhäusern
Angesichts der hohen Ansprüche unserer Gesundheitsversorgung und der therapeutischen Möglichkeiten, selbst bei hochbetagten Menschen komplizierte Eingriffe und Behandlungen mit hoher Erfolgsquote durchführen zu können, verblüfft das Ergebnis einer Studie an Krankenhäusern in Deutschland und Österreich, wonach von 1.886 Teilnehmern nahezu 28 % Patienten mangelernährt waren, davon mit 43 % vor allem die über 70-jährigen (Pirlich et al. 2005, 2006). In einer weiteren Studie in zwei deutschen Universitätskrankenhäusern hatten 23 % von insgesamt 1.308 Patienten mit internistisch gastroenterologischen Erkrankungen eine Mangelernährung (Rosenbaum et al. 2007).
Es muss allerdings auch davon ausgegangen werden, dass Patienten eine Mangelernährung erst während ihres Aufenthalts im Krankenhaus entwickeln, was auch auf Krankheiten und Behandlungen zurückzuführen ist, die sich ungünstig auf den Ernährungszustand auswirken (z. B. intensivmedizinische Behandlungen, große Operationen, Chemotherapie). Unter Umständen kann die Gefahr einer Mangelernährung im Rahmen der Krankenhausbehandlung nicht ganz abgewendet werden, wenn ernährungsmedizinische Maßnahmen nicht in vollem Umfang genutzt oder wirksam werden können (z. B. Gefahr der Hyperalimentation bei kritisch kranken Intensivpatienten, vgl. Lochs et al. 2003).
Häufig zeigt sich bei betagten und hochbetagten Menschen, die z. B. aufgrund einer Fraktur oder Prellung nach einem Sturz eingewiesen werden, nach genauerer Untersuchung, dass es sich um ein Geschehen aufgrund einer bis dahin noch unbekannten Mangelernährung handelt.
Daten, die genaue Auskunft über die Inzidenz, d. h. das Neuauftreten von Mangelernährung bei Patienten während des Aufenthalts in deutschen Krankenhäusern geben, stehen noch nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung. Eine Studie von Whirter und Pennington zeigt allerdings sehr eindrücklich, dass die Inzidenz von Mangelernährung im Rahmen einer Krankenhausbehandlung ein ernst zu nehmendes Problem ist. Es wurden 112 Patienten des Gesamtkollektivs nachuntersucht, wobei 69 % der übergewichtigen Patienten von ungewolltem Gewichtsverlust betroffen waren. Von den normalgewichtigen Patienten verloren 39 % an Gewicht, und von den bereits als mangelernährt identifizierten Patienten hatten sogar 75 % erheblich an Gewicht verloren (McWhirter & Pennington 1994).
Prävalenz in der Langzeitversorgung
Angesichts der kürzeren Verweildauer von Krankenhauspatienten dürfte es allerdings schwierig sein, die tatsächliche Inzidenz von Mangelernährung im Zusammenhang mit einem Krankenhausaufenthalt festzustellen. Mit der zunehmenden Anzahl pflegebedürftiger älterer Menschen in der stationären Langzeitpflege ist auch dort das Problem der Mangelernährung zunehmend von Bedeutung. Eine Untersuchung in einem deutschen Altenheim ergab bei 57 % der 114 teilnehmenden Bewohner eine Mangelernährung (Norman et al. 2006). In einer Studie, die in 29 deutschen Pflegeheimen mit insgesamt 2.393 Probanden durchgeführt wurde, schwankt die Anzahl der von einer Mangelernährung betroffenen Bewohner je nach Indikatoren bzw. verwendeten Erfassungsinstrumenten zwischen 8 % und 20 % (Tannen et al. 2008). Die Pilottestung des NutritionDay in deutschen und österreichischen Altenpflegeheimen mit insgesamt 2.137 Studienteilnehmern ergab eine Prävalenz der Mangelernährung von 16 % (Valentini et al. 2009). Nach der ErnSTES-Studie, die in zehn deutschen Altenpflegeheimen mit 773 Bewohnern durchgeführt wurde, waren je nach Indikator zwischen 6 % und 11 % von einer Mangelernährung betroffen (Heseker et al. 2008). Eine umfassende Darstellung der Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen ist mangels ausreichender repräsentativer Daten auf der Basis standardisierter und bei alten Menschen validen Erfassungsparametern noch nicht möglich.
Die meisten alten Menschen kommen erst in die Pflegeeinrichtungen, wenn eine Versorgung zuhause nicht mehr möglich ist, weil bereits viele Beeinträchtigungen eine umfassende pflegerische Versorgung erforderlich machen. Deshalb wird nicht selten bereits beim Einzug in die Einrichtung eine Mangelernährung festgestellt.
Prävalenz im ambulanten Bereich
Zur Ernährungssituation und Häufigkeit von Mangelernährung bei betagten und hochbetagten Menschen in Deutschland, die weitgehend selbstständig in ihrem häuslichen Umfeld leben, liegen ebenfalls keine ausreichend aktuellen Daten vor. Allerdings muss davon ausgegangen werden, dass auch in diesem Setting Mangelernährung ein Problem ist, das häufig erst viel zu spät erkannt wird. Dafür sprechen auch die Untersuchungsergebnisse einer Langzeitstudie zur Prävalenz und Inzidenz von Mangelernährung bei älteren zuhause lebenden Menschen in Schweden. Die Basiserhebung zu Beginn dieser Langzeituntersuchung bei 576 Teilnehmern ergab eine Prävalenz von 14 %, wobei 19 % der Frauen und 11 % der Männer betroffen waren. Fünf Jahre nach der ersten Erhebung hatten 7–16 % der inzwischen 80-jährigen Menschen eine Mangelernährung entwickelt, wobei Frauen häufiger betroffen waren als Männer. Die Ergebnisse der Follow-up-Untersuchungen zeigen mit zunehmendem Alter eine deutlich höhere Gefahr für eine Mangelernährung. Dabei war ein von den alten Menschen subjektiv empfundener schlechter Gesundheitszustand, gefolgt von Depressionen, mit einem deutlich höheren Risiko für Mangelernährung verbunden (Johansson et al. 2008).
Die Folgen einer Mangelernährung wirken sich auf sämtliche Stoffwechsel- und Organfunktionen aus, es kommt häufiger zu Komplikationen und es ist mit einer erhöhten Multimorbidität und Mortalität zu rechnen (Volkert 1997; Incalzi et al. 1994, 1997; Sullivan & Walls 1994). Da sich Ernährungszustand und Gesundheitszustand gegenseitig beeinflussen, entsteht ein Teufelskreis, von dem sich insbesondere schwerkranke und alte Menschen nur sehr schwer erholen können (Volkert 1997; Müller et al. 2007). Die Betroffenen leiden jedoch nicht nur an den gesundheitlichen Folgen der Mangelernährung. Bereits wenige Tage, die ein Patient unzureichend ernährt ist, wirken sich erheblich auf seine Lebensqualität aus (Norman et al. 2006a, 2006b).
Die Folgen einer Mangelernährung zu behandeln ist sehr mühsam, und vor allem bei alten Menschen ist ein Gewichtsverlust kaum auszugleichen (Roberts et al. 1994, Roberts 2000). Angesichts der gesundheitlichen Auswirkungen einer Mangelernährung ist auch mit erheblichen Kosten für die aufwendigen Behandlungen zu rechnen.
Gesundheitsökonomische Auswirkungen
In einer Untersuchung zur Abschätzung der Kosten für die Folgen von Mangelernährung in Deutschland ergab sich eine Gesamtsumme von knapp 9 Mrd. –C, eine Größenordnung wie für die Folgen von Adipositas. Für Behandlung und Versorgung fallen allein im Krankenhaus 56 %, in der Pflege 26 % und in der häuslichen Pflege 15 % zusätzliche Kosten durch Mangelernährung an. Die Berechnungsmodelle der Studie zeigen bis 2020 einen weiteren Anstieg des gesundheitsökonomischen Problems der Mangelernährung um 22 % auf 11 Mrd. –C (Müller et al. 2007).
Bewusstsein und Verantwortlichkeiten
Eine Mangelernährung ist nicht immer nur die Folge von Krankheiten oder ungünstigen körperlichen Faktoren. Im ungünstigsten Fall entsteht eine Mangelernährung auch aufgrund von Unkenntnis, unzureichender „Awareness“, mangelnder Erfassung des Ernährungszustands und Fehler beim Ernährungsmanagement.
In einer Resolution des Europarats wurden von einer europäischen Expertengruppe fünf weitverbreitete Barrieren beschrieben, die eine angemessene Ernährungsversorgung im Krankenhaus erschweren (vgl. Committee of Experts on Nutrition, Food Safety and Consumer Protection 2002):
Mangel an einer klar definierten Verantwortlichkeit für die Planung und das Management der Ernährungsversorgung
Mangel an ausreichender, ernährungsbezogener Qualifizierung aller an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen
Mangelnder Einfluss und Kenntnisse der Patienten
Mangelnde Kooperation zwischen den unterschiedlichen beteiligten Berufsgruppen
Mangelnde Involvierung des Krankenhausmanagements
Die Expertengruppe, die hinter dieser EU-Resolution steht, fordert das rasche Beheben der aufgeführten Mängel und insbesondere die Verbesserung der interdisziplinären Kooperation.
Um eine optimale Ernährungsversorgung zu gewährleisten, müssen alle an der Versorgung beteiligten Akteure – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Einrichtungen – in die Pflicht genommen werden, ihren Beitrag in enger multiprofessioneller Absprache und Kooperation zu leisten. Dies wird im interdisziplinär ausgerichteten Qualitätsniveau für die orale Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung von Menschen in Einrichtungen der Pflege und Betreuung nicht nur ausdrücklich gefordert, sondern es werden für die jeweiligen Akteure konkrete Handlungsempfehlungen formuliert (vgl. Bartholomeyczik et al. 2008).
Eine Reihe Evidence-basierter Empfehlungen liegen für die Sicherstellung einer optimalen Ernährungsversorgung in den verschiedenen Disziplinen bereits vor. Neben dem interdisziplinären Qualitätsniveau und den ärztlichen Leitlinien für die enterale und parenterale Ernährung ist auch ein Expertenstandard zum Thema „Ernährungsmanagement zur Sicherstellung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege“ entwickelt worden (Bartholomeyczik et al. 2008; Lochs et al. 2003; Koletzko et al. 2007; DNQP 2010).
Die besten Empfehlungen können jedoch nur dann etwas bewirken und erfolgreich gegen Mangelernährung eingesetzt werden, wenn sich alle an der Ernährungsversorgung beteiligten Berufsgruppen ihrer Verantwortung und Rolle bewusst sind und gemeinsam mit den pflegebedürftigen Menschen und vor allem in deren Sinne agieren.
Seitdem es die Pflege gibt, steht die Ernährungsversorgung im Mittelpunkt ihres Wirkens. Seit sich Berufe wie Diätassistenz und Ernährungswissenschaft etabliert haben und Küche sowie Hauswirtschaft die professionelle Verpflegung in den Gesundheitseinrichtungen übernommen haben, befinden sich die Zuständigkeiten für die Zubereitung und Zusammensetzung der Speisen und Getränke nicht mehr in der Hand der Pflegeprofession. Dennoch ist die Pflege verantwortlich für eine angemessene Ernährung und den Einbezug der zuständigen Berufsgruppen (Savage & Scott 2005; Kowanko 1997). Dies ist insofern naheliegend, da die Pflege – wie kaum keine andere Berufsgruppe – aufgrund der Nähe zu den pflegebedürftigen Menschen über Einflussmöglichkeiten und Einblick in Bereiche verfügt, die für die Einschätzung der Ernährungssituation und Planung von Maßnahmen zur Sicherstellung der Ernährung notwendig sind (s. Kapitel 17).
Der Pflege steht seit 2010 der Expertenstandard „Ernährungsmanagement zur Sicherstellung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege“ zur Verfügung. In ihm werden sowohl die Rolle als auch die Aufgaben der Pflegefachkräfte bei der Ernährungsversorgung und Gestaltung des Schnittstellenmanagements ausgeführt, um zur Förderung und Sicherstellung einer bedürfnisorientierten Ernährung beitragen zu können (DNQP 2009).
Das Ziel der Sicherstellung einer bedürfnisorientierten und bedarfsgerechten Ernährung kann jedoch nur erreicht werden, wenn eine enge Kooperation mit genügend Möglichkeiten zum interdisziplinären Austausch zwischen allen beteiligten Berufsgruppen gewährleistet ist (s. Kapitel 18).
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Tatjana Schütz
Wechselwirkung zwischen Ernährungszustand und Outcome
Es ist seit Langem bekannt, dass bei Menschen mit akuten oder chronischen Erkrankungen eine Wechselwirkung zwischen dem Ernährungszustand und dem Outcome, d. h. dem weiteren Verlauf einer Erkrankung oder dem Ergebnis einer medizinischen Behandlung, besteht. Dies gilt auf der einen Seite für Patienten mit Überernährung und Adipositas, bei denen das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes und Krebserkrankungen (abhängig von der Tumorart) erhöht ist (Lenz et al. 2009). Auf der anderen Seite sind jedoch auch Patienten mit schlechtem Ernährungszustand – im Sinne einer Unterernährung oder krankheitsbedingten Mangelernährung – von einer langsameren Genesung und einem erhöhten Risiko für Morbidität und Mortalität betroffen (Norman et al. 2008).
Wie bereits in der Leitlinie Enterale Ernährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) festgestellt wird, gibt es keinen einfachen, allgemein akzeptierten Parameter, der den Ernährungszustand eindeutig und umfassend beschreibt (Pirlich et al. 2003).
Kein Goldstandard zur Bestimmung des Ernährungszustands
Somit existiert auch kein Goldstandard für Untersuchungen zum Ernährungszustand, da verschiedene Aspekte des Ernährungszustands durch verschiedene Methoden erfasst werden. Zudem fehlt ein verbindlicher Konsens zur Nomenklatur klinisch relevanter Ernährungsdefizite. Dies bedeutet für den in der Ernährungsmedizin Tätigen, dass er sich sowohl mit verschiedenen Begriffen auseinandersetzen muss, die synonym oder überschneidend gebraucht werden, als auch mit gleichen Begriffen, die unterschiedlich interpretiert werden.
Im Folgenden werden deshalb gebräuchliche Begriffe zur Ermittlung und Beschreibung des Ernährungszustands auf Grundlage der aktuellen Literatur beschrieben.
Screening
Unter Screening versteht man eine Reihenuntersuchung, die mittels schneller und einfacher Methodik bei allen Patienten zum Zeitpunkt des Arztbesuchs oder der Krankenhausaufnahme durchgeführt werden kann. Dadurch sollen Patienten mit einem ernährungsbedingten Risiko oder einer bereits vorliegenden Mangelernährung identifiziert und frühzeitig einer gezielten Maßnahme zugeführt werden. Bereits im Jahr 2003 legte der Europarat in seiner Resolution über die Verpflegung und Ernährungsversorgung in Krankenhäusern die Anforderungen an ein Ernährungs-Screening fest (Europarat 2003):
Die Bestimmung des ernährungsbedingten Risikos eines Patienten ist der erste Schritt in der Behandlung der krankheitsbedingten Mangelernährung.
Sie sollte bereits bei Aufnahme in die Klinik erfolgen und regelmäßig während des Krankenhausaufenthalts wiederholt werden.
Sowohl der Ernährungszustand als auch die Krankheitsschwere sollten beim Screening in Betracht gezogen werden.
Die empfohlenen Screening-Instrumente für das Ernährungs-Screening entsprechend den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN) (Kondrup et al. 2003) werden in Kapitel 3 vorgestellt.
Ernährungsassessment
Die genaue Abklärung einer Mangelernährung ist Voraussetzung für eine individuelle und gezielte Behandlung. Häufig ist zusätzlich zum Screening eine differenzierte medizinische Diagnostik notwendig, um den Fehlernährungstyp festzustellen. Dieses Ernährungsassessment beinhaltet eine anamnestische Befragung sowie eine körperliche Untersuchung und wird durch die Bestimmung der Körperzusammensetzung, funktionelle Tests, Laborwerte, die Dokumentation der Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr und/oder die Erfassung der Lebensqualität ergänzt. Idealerweise erfolgt das Assessment in einem multidisziplinären Ernährungsteam. Parallel zum Ernährungsassessment sollte ein pflegerisches Assessment der Ernährungssituation erfolgen (s. Kapitel 4).
Ernährungsbedingtes Risiko
Das ernährungsbedingte Risiko beschreibt das metabolische Risiko, das Veränderungen in Richtung einer besseren oder schlechteren Prognose einer Krankheit oder Operation in Zusammenhang mit dem aktuellen Ernährungs- und Stoffwechselzustand stellt. Nach den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Klinische Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN) liegt ein ernährungsbedingtes Risiko vor, wenn eines der folgenden Kriterien vorliegt (Lochs et al. 2006):
Gewichtsverlust von mehr als 10–15 % in den letzten sechs Monaten
Body Mass Index < 18,5 kg/m²
Subjective Global Assessment Grad C oder Nutritional Risk Screening ≥ 3
Serumalbumin < 30 g/l (ohne Leber- oder Nierenfunktionsstörung)
Krankheitsstress
Die Screening-Methoden werden in Kapitel 4 beschrieben.
Fehlernährung
Unter dem Begriff „Fehlernährung“ werden klinisch relevante Ernährungsdefizite wie Überernährung, Mangelernährung und Unterernährung zusammengefasst. Als Folge der Fehlernährung kommt es zu einem Mangel bzw. Überschuss an Energie oder einzelnen Nährstoffen mit messbaren unerwünschten Wirkungen auf Form und Funktion von Geweben und den klinischen Verlauf der Erkrankung. Eine erhöhte Zufuhr von Energie liefernden Nährstoffen führt dabei zu einer Überernährung/Adipositas, eine verminderte Zufuhr zu Unterernährung/Mangelernährung.
Adipositas
Adipositas ist eine chronische Gesundheitsstörung, die durch eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper gekennzeichnet ist. Berechnungsgrundlage für das Ausmaß des Übergewichts ist der Körpermasseindex (Body Mass Index: BMI). Der BMI wird als Quotient aus Gewicht und Körpergröße zum Quadrat (kg/m²) berechnet.
Übergewicht ist definiert als BMI ≥ 25 kg/m², Adipositas als BMI ≥ 30 kg/m². Die Adipositas wird weiter klassifiziert in Grad 1 (BMI 30–34,9 kg/m²), Grad 2 (BMI 35–39,9 kg/m²) und Grad 3 (≥ 40 kg/m²). Mit steigendem BMI erhöht sich das Risiko für Begleiterkrankungen.
Zusätzlich zum BMI bestimmt das Fettverteilungsmuster, und dabei besonders die viszerale Fettmasse, das metabolische und kardiovaskuläre Risiko. Zur Beurteilung des viszeralen Fettdepots wird der Taillenumfang herangezogen. Eine abdominale Adipositas liegt bei einem Taillenumfang ≥ 88 cm (Frauen) bzw. ≥ 102 cm (Männer) vor (WHO 2000).
Ist bei einer Adipositas gleichzeitig die Muskelmasse (und Muskelkraft) vermindert, so spricht man von einer „sarcopenic obesity“ (s. u.).
Unterernährung
Unterernährung ist primär die Folge einer anhaltenden unzureichenden Energiezufuhr, die den Energiebedarf des Menschen nicht deckt. Aufgrund der negativen Energiebilanz werden Energiespeicher zur Bedarfsdeckung abgebaut und die Fettmasse verringert sich. Der BMI ist niedrig (BMI < 18,5 kg/m²), aber stabil.
Mangelernährung
Der Begriff Mangelernährung wird – im Sinne einer krankheitsbedingten Mangelernährung – für die Folgen einer akuten oder chronischen Erkrankung verwendet. Dabei ist die Pathogenese der Mangelernährung von der zugrunde liegenden Erkrankung abhängig (Pirlich 2004).
Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) umfasst der Begriff Mangelernährung folgende Subkategorien, wobei es insbesondere bei einer fortgeschrittenen Mangelernährung zu Überschneidungen kommen kann (Pirlich et al. 2003):
Krankheitsassoziierter Gewichtsverlust: Unbeabsichtigter Gewichtsverlust mit Zeichen der Krankheitsaktivität. Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust > 10 % in den vergangenen sechs Monaten
bzw.
> 5 % in den vergangenen drei Monaten wird als klinisch relevant betrachtet. Allgemeine klinische Zeichen für Krankheitsaktivität sind Fieber, Nachtschweiß, Schmerzen oder Leistungsminderung.
Eiweißmangel: Eiweißmangel führt zum Verbrauch der körpereigenen Proteinreserven, wobei die Plasmaproteinkonzentrationen (somatische Proteinspeicher) zunächst zulasten der Muskulatur (viszerale Proteinspeicher) aufrechterhalten werden. Klinische Symptome wie Muskelschwäche oder -atrophie, Ödeme, Aszites, Wundheilungsstörungen u. a. können auf einen Eiweißmangel hinweisen.
Spezifischer Nährstoffmangel: Mangel an essenziellen Nährstoffen wie Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen, Wasser und essenziellen Fettsäuren. In frühen Mangelstadien sind die Symptome häufig unspezifisch. Erst bei einem ausgeprägten Mangel treten je nach Nährstoff spezifische Symptome auf (s. Kapitel 10).
Weitere Begriffe, die in der Literatur vielfach zur Beschreibung einer Mangelernährung verwendet werden, sind (nach Pirlich et al. 2003):
Protein-Energie-Mangelernährung
Der Begriff Protein-Energie-Mangelernährung beschreibt die Tatsache, dass es bei einer fortschreitenden Unterernährung nicht nur zu einem Verlust von Fettmasse kommt, sondern auch von fettfreier Masse, Muskelmasse bzw. Körperzellmasse und viszeralen Proteinen.
Marasmus
Marasmus gehört zum Krankheitsbild der Protein-Energie-Mangelsyndrome und beschreibt verschiedene Mangelzustände, die v. a. durch eine verminderte Energieaufnahme entstehen. Bei noch normaler viszeraler Proteinsynthese kommt es zu einem Verlust an Fett- und Muskelmasse. Marasmus tritt vor allem bei Kindern < 1 Jahr als Folge von Unterernährung auf.
Kwashiorkor
Kwashiorkor wurde ursprünglich als schwerer Eiweiß- und Vitaminmangelzustand bei Kindern in tropischen Entwicklungsländern beschrieben. Bei Erwachsenen (auch in Europa) beschreibt Kwashiorkor einen spezifischen Fehlernährungstyp mit unzureichender Eiweißaufnahme bei ausreichender Energiezufuhr. Es kommt zu einer verminderten viszeralen Proteinsynthese (mit z. T. extremer Ödembildung) bei noch normalem oder wenig verändertem Körpergewicht.
Wasting
Wasting beschreibt einen „Schwund“ im Sinne eines Kräfteverfalls, der mit einem Verlust an Körpergewicht einhergeht. Der Begriff „muscle wasting“ bezieht sich gezielt auf einen fortschreitenden Abbau der Muskulatur. Wasting entspricht in etwa der Definition des krankheitsbedingten Gewichtsverlusts. Verschiedene Erkrankungen wie AIDS oder Tumorerkrankungen können mit Wasting einhergehen.
Anorexie
Anorexie beschreibt eine verminderte Lust zu essen, einen verminderten Appetit bzw. Appetitverlust mit resultierender Mangelernährung aufgrund unzureichender Nahrungsaufnahme (Muscaritoli et al. 2010). Die sekundäre Anorexie ist ein verbreitetes Symptom chronischer Erkrankungen. Als Ursache wird eine entzündungsvermittelte Resistenz des Hypothalamus diskutiert, auf appetit- und sättigungsstimulierende Signale zu reagieren. Weitere Ursachen können sein: Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen, Schluckprobleme, Abneigung gegen Fleisch, Veränderungen in der Geruchs- und Geschmackswahrnehmung, psychologischer Stress.
Die Schwere der Anorexie und ihr Einfluss auf die Lebensqualität kann mit speziellen Visual Analogue Scales oder dem FAACT-Fragebogen (Functional Assessment of Anorexia/Cachexia Therapy) eingeschätzt werden (Ribaudo et al. 2001).
Kachexie
Kachexie oder „Auszehrung“ ist ein komplexes krankheitsbedingtes Stoffwechselsyndrom, das durch einen progressiven Verlust an Muskelmasse mit oder ohne einem Verlust an Fettmasse charakterisiert ist. Bei diesem fortgeschrittenen Stadium einer Mangelernährung steht beim Erwachsenen klinisch ein Gewichtsverlust im Vordergrund, der häufig mit Anorexie, Entzündung, Insulinresistenz, erhöhtem Muskelproteinabbau und Fatigue assoziiert ist (Pirlich 2004). Eine Kachexie wird bei bestimmten Krankheitsentitäten beobachtet, z. B. bei Tumorerkrankungen (Tumorkachexie) (s. Kapitel 15), chronischer Herzinsuffizienz (kardiale Kachexie), chronischer Niereninsuffizienz (renale Kachexie), chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankung (pulmonale Kachexie) u. a.
Die Stoffwechselsituation kachektischer Patienten unterscheidet sich entscheidend von der typischen Hungersituation (s. Tab. 2.1).
Tab. 2.1: Unterschiede zwischen Tumorkachexie und Hunger (Arends 2008; Kotler 2000)
Tumorkachexie
Hunger
Appetit
↓↓
↑↑
Energiezufuhr
↓↓↓
↓↓↓
Energieverbrauch
↓
↓↓
Grundumsatz
↑↑
↓↓↓
Körpergewicht
↓
Körperzellmasse
↓↓↓
↓
Fettmasse
↓↓
↓↓↓
Proteinsynthese
↑ / ↓
↓↓↓
Proteinabbau
↑↑↑
↓↓↓
Insulin
↑↑↑
↓↓↓
Glucose
↑↑↑
↓↓↓
Cortisol
↑↑↑
Stoffwechsellage
Systemische Entzündung
Ketose
Mobilität
↓
Folgende diagnostische Kriterien werden zur Bestimmung einer Kachexie bei Erwachsenen vorgeschlagen (Arends 2008):
Gewichtsverlust von mindestens 5 % in 12 Monaten, wenn gleichzeitig eine Erkrankung vorliegt oder ein BMI < 20 kg/m², wenn ein Gewichtsverlust nicht bestimmt werden kann
plus drei der folgenden Kriterien
verminderte Muskelkraft (unterste Tertile)
Fatigue (körperliche oder geistige Ermüdung infolge von Anstrengung)
Anorexie (eingeschränkte Nahrungszufuhr, z. B. Kalorienzufuhr < 20 kcal/kg Körpergewicht/Tag oder < 70 % der üblichen Nahrungszufuhr, oder schlechter Appetit)
niedriger Fettfreie-Masse-Index
Laborwerte außerhalb des Normbereichs:
erhöhte Entzündungsmarker wie CrP > 5,0 mg/l, Il–6 > 4,0 pg/ml
Anämie (Hb < 12 g/dl)
niedriges Serum-Albumin (< 3,2 g/dl)
Aufgrund der klinischen Charakteristika lässt sich die Kachexie nicht erfolgreich mit einer Ernährungstherapie alleine behandeln, sondern muss gleichzeitig mit Strategien zum Stoppen des Muskelabbaus kombiniert werden.
Sarkopenie
Unter Sarkopenie wird ein ausgeprägter, meist altersassoziierter Verlust an Skelettmuskelmasse (auch Knochenmasse) und Muskelkraft verstanden, der bei länger währender körperlicher Inaktivität oder Bettlägerigkeit z. B. bei immobilen geriatrischen Patienten auftritt.
Eine Sarkopenie entwickelt sich als primärer Alterungsprozess, der durch eine Vielzahl von internen und externen Prozessen beeinflusst wird, wie z. B. verminderte körperliche Aktivität und/oder verminderte Bildung anaboler Hormone. Eine detaillierte Beschreibung der Sarkopenie erfolgt im Kapitel 12.
Für die Diagnose Sarkopenie wird die Messung der Extremitätenmuskulatur mittels Dual Energy X-ray absorptiometry (DXA) mit einer Abweichung von mehr als zwei Standardabweichungen von einer Referenzgruppe vorgeschlagen. In der klinischen Praxis kann jedoch auch die Messung des Unterschenkelumfangs mit Werten unter 31 cm als Hinweis für eine Sarkopenie verwendet werden (Bauer et al. 2008).
Die Sarkopenie geht nicht mit einem Gewichtsverlust einher, sodass bei signifikantem Gesichtsverlust eine Kachexie vorliegen könnte. Unterschiede zwischen Sarkopenie und Kachexie sind in Tabelle 2.2 aufgeführt.
Tab. 2.2: Unterscheidung zwischen Sarkopenie und Kachexie (nach Thomas 2007)
Sarkopenie
Kachexie
Appetit
↓
Nahrungszufuhr
↓
Körpergewicht
↓ /=
↓
Fettfreie Masse
↓
↓↓
Fettmasse
↓↓
Serum-Albumin
↓
Serum-Cholesterin
↓
Cortisol
↑
Zytokine
?
↑
Entzündung
Nicht vorhanden
Vorhanden
Refeeding
Resistent
Resistent
Verlauf
Führt nicht zur Kachexie
Kann zu Sarkopenie führen
Sarcopenic obesity
Eine besondere Form der Sarkopenie ist die Sarcopenic obesity (Stenholm et al. 2008). Dabei kommt es zu einem Missverhältnis zwischen einem erhöhten Körpergewicht (Adipositas) bei gleichzeitig verminderter Muskelkraft. Es wird diskutiert, ob sich die Folgen von Adipositas und Sarkopenie potenzieren und damit zu einer höheren Morbidität und Mortalität führen.
Frailty
Frailty oder auch Gebrechlichkeit beschreibt ein multidimensionales geriatrisches Syndrom, das durch eine verminderte Reserve und Resistenz gegenüber Stressoren gekennzeichnet ist, die durch einen Verlust der physiologischen Reserven bedingt sind (Sieber 2009). Aufgrund des Verlusts der Anpassungsfähigkeit und der funktionellen Reserve geht Frailty mit einem erhöhten Risiko für Pflegebedürftigkeit und Tod einher. Prädisponierende Faktoren sind: fortgeschrittenes Alter, Verlust von Kraft, die Summe vorbestehender Erkrankungen, psychische Erkrankungen, soziale Isolation und Mangelernährung. Physische Zeichen für Frailty umfassen Gewichtsverlust (> 5 kg in 12 Monaten), physische und psychische Erschöpfung, körperliche Schwäche, verlangsamte Gangart und verminderte körperliche Aktivität. Zu den psychischen Zeichen zählen eine beeinträchtigte geistige Gesundheit, Depression, Isolation und eine geringere Lebensqualität.
Die unterschiedlichen Dimensionen der Frailty können durch das geriatrische Assessment gut erfasst werden, woraus sich dann Behandlungsstrategien ableiten lassen. Eine detaillierte Beschreibung der Frailty erfolgt im Kapitel 12.
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