Männliche Sexualität und Bindung -  - E-Book

Männliche Sexualität und Bindung E-Book

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Beschreibung

Der Umgang mit Beziehungskonflikten und die Bewältigung hoher Belastungen in Familie oder Beruf sind immer auch geprägt von kindheitlichen Erfahrungen mit den Eltern und den sich daraus entwickelnden Bindungsmustern. Diese frühen Erfahrungen mit Abhängigkeit und die damit verknüpften Emotionen beeinflussen – zumeist unbewusst – auch den späteren Umgang mit der eigenen Sexualität. So sind kindliche Beziehungserfahrungen auch in der gelebten männlichen Sexualität wirksam. Dysfunktionale oder aversive psychische Repräsentanzen der Eltern können die sexuelle Entwicklung des Jungen und die sexuelle Identität des Mannes konflikthaft beeinflussen. Diese komplexen Zusammenhänge beleuchten ausgewiesene Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen klinischen und wissenschaftlichen Perspektiven.

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Matthias Franz/André Karger (Hg.)

Männliche Sexualität und Bindung

Mit 3 Abbildungen und 5 Tabellen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99861-9

Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de

Umschlagabbildung: © Sibylle Pietrek

© 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen / Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Inhalt

Vorwort

Martin Dinges

Männliche Sexualität und Bindung als Thema der Sexualgeschichte?

Toni Tholen

Die Bedeutung von Bindung für die Modellierung von Männlichkeiten in Literatur und Literaturwissenschaft

Hans-Joachim Lenz

Sexualisierte Gewalt gegen männliche Flüchtlinge und Migranten – Skizze einer ersten Annäherung an ein verdecktes Problemfeld

Martin Schott

Äußere Beziehung und innere Objekte bei Sexualstraftätern – ihre Bedeutung für Psychodynamik und Psychotherapie

Heribert Blaß

Pornografie und die Angst vor (abhängiger) Bindung

Hans Jellouschek

»Was lange hält …« – Merkmale langjähriger Liebesbeziehungen aus männlicher Sicht

Beate West-Leuer

»Love in the Office« – Sexualität am Arbeitsplatz zwischen Flirt und Belästigung

Bernd Nitzschke

Der alte Mann und das Mehr – Über die Grenzen des (sexuellen) Begehrens im Alter

André Karger

Thanatos meets Eros – Männliche Sexualität bei Krebs

Wolfgang Bühmann

Hoden- und Prostatakrebs – sexuelle Ängste nach der Diagnose

Matthias Franz

Genitalbeschneidung – Patriarchalische Loyalität statt Bindung

Hans Hopf

Die psychosexuelle Entwicklung des Jungen und ihre Störungen

Hermann Staats

Männlicher Stolz? Bindungs- und Autonomiebedürfnisse bei Jungen und Männern

Frank Dammasch

Emotionale Starrheit und die Angst vor der Sexualität bei männlichen Jugendlichen

Sophinette Becker

Transsexualität, psychosexuelle Identität und multiple Facetten männlicher Identität

Josef Christian Aigner

Männlichkeit und männliche Sexualität als das Andere, Fremde – wovor Genderforscher/-innen Angst haben könnten

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

Der Impuls für dieses Buch stammt aus der therapeutischen Arbeit mit Männern, die sich in ihrer Beziehungsfähigkeit, Emotionalität und Sexualität als beeinträchtigt erleben. Psychoanalytiker und Psychotherapeuten sehen in ihren Behandlungen immer wieder Männer, die an der konflikthaften Unvereinbarkeit ihrer Beziehungs- und sexuellen Wünsche leiden – und sich selbst dabei oft nicht verstehen können. Anhaltende Beziehungskonflikte, aber auch das Erleben schwerer Belastungen gehen sehr häufig mit psychosomatischen Beeinträchtigungen einher – oft auch mit Auswirkungen auf die Sexualität. Ein Grund dafür ist, dass sowohl die Gestaltung von Beziehungen als auch der Umgang mit schweren Belastungen geprägt ist von kindheitlich erworbenen Bindungsmustern.

Die frühkindlichen Erfahrungen mit den elterlichen Bezugspersonen und ihren Reaktionen auf die kindlichen Affektsignale und die dahinter stehenden Impulse und Motive des Kindes werden im Wesentlichen vorsprachlich verinnerlicht und zu zeitstabilen Bindungsmustern verdichtet. Diese obligatorischen Bindungsstile spiegeln die kindlichen Erfahrungen im Umgang mit weitgehender Abhängigkeit wider. Je nach verinnerlichtem Bindungsmuster werden Abhängigkeit und emotionale Intimität in späteren Liebesbeziehungen auch noch von Erwachsenen beispielsweise als gefährlich und ängstigend vermieden oder als hilfreich oder sogar beglückend zugelassen. Dementsprechend werden die psychischen Repräsentanzen dieser kindlichen Beziehungserfahrung später zumeist unbewusst auf Liebespartner übertragen und bestimmen die konkreten Aspekte der sexuellen Begegnung.

Als sichere oder unsichere Bindungsdispositionen beeinflussen sie die späteren Ausformungen der Sexualität des Erwachsenen innerhalb von Beziehungen (Ciocca et al., 2015). So projizieren sich kindlich erworbene Bindungsmuster in die gelebte männliche Sexualität hinein. Die Integration mütterlich wie väterlich vermittelter Bindungsrepräsentanzen in die sexuelle Identität kann Ausgangspunkt einer mehr oder weniger konflikthaften sexuellen Triebentwicklung werden. Ein unsicher-vermeidendes Bindungsmuster kann sich beispielsweise in einer emotional vom Beziehungspartner abgespaltenen, physiologisch aber kompetenten Sexualität, oder in Form sexueller Funktionsstörungen vermitteln. So kann im Laufe einer Psychotherapie der (vorübergehende) Verlust zuvor unbeeinträchtigter Erektionsfähigkeit bei vermeidend-gebundenen narzisstischen Patienten paradoxerweise im Einzelfall sogar einen Therapiefortschritt anzeigen, wenn die phallische Potenzfunktion zuvor unbewusst der Beherrschung und Kontrolle des Partners zur Vermeidung von Intimität und Abhängigkeit diente (vgl. Dunkley, Dang, Chang u. Gorzalka, 2016).

Dem Zusammenhang von frühen Bindungserfahrungen und den dadurch beeinflussten Ausformungen der Sexualität Erwachsener sind die Beiträge dieses Buchs gewidmet. Wie beeinflussen frühkindliche Erfahrungen mit den primären Bindungspersonen und in diesem Zusammenhang erlebte Verletzungen die Fähigkeit, innerhalb von späteren Beziehungen mit Sexualität umzugehen? Kann eine Sexualität gelebt werden, die die Beziehung vertieft, oder dient diese gerade der Abwehr von Abhängigkeit und Intimität und wird zum Symptom? Wie manifestieren sich kindliche Beziehungserfahrungen und früh verinnerlichte Bindungsmuster im gelebten Umgang mit Sexualität und Triebhaftigkeit? Kommt es zur Koexistenz von Trieb und Objekt innerhalb wechselseitig befriedigender Liebesbeziehungen oder existiert eine schizoide Spaltung, die bewirkt, dass das eine mit dem anderen nichts mehr zu tun hat? Und wie stellt sich dieser spannungsvolle Zusammenhang gerade beim männlichen Geschlecht dar?

Schon Sigmund Freud hat in seiner Arbeit »Triebe und Triebschicksale« auf die relative Unbestimmtheit sexueller Triebimpulse hingewiesen. Er schreibt vor fast genau hundert Jahren: »Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegenstand, sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Körpers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt werden; dieser Verschiebung des Triebes fallen die bedeutsamsten Rollen zu« (Freud, 1915, S. 215).

Freud beschreibt hier den lockeren, den irritierbaren Zusammenhang von Trieb und Objekt. Die moderne Bindungstheorie weist uns darauf hin, dass frühe Erfahrungen von emotionaler Zuwendung oder Zurückweisung des Kindes durch die primären Bindungspersonen entscheidend auch für dessen Fähigkeit sind, Sexualität später als Erwachsener innerhalb einer Liebesbeziehung zu integrieren oder eben abzuspalten. Ein unsicher-vermeidender Bindungsstil wirkt sich auf die gelebte partnerschaftliche Sexualität anders aus als ein sicheres Bindungsmuster, das die emotionale und sexuelle Verbindung über alle Affektqualitäten hinweg erlaubt.

Zu diesem, Psychoanalytikern wohlbekannten klinisch-psychotherapeutischen Erfahrungswissen existieren heute auch empirische Untersuchungen. So konnte in einer explorativen Fallkontrollstudie an einer klinischen Stichprobe von Männern, die an funktionellen Erektionsstörungen litten, gezeigt werden, dass Männer mit disruptiven kindlichen Bindungserfahrungen früher und stärker beeinträchtigt unter Erektionsstörungen litten und häufiger Singles waren (Rajkumar, 2015). Stefanou und McCabe (2012) beschrieben in einer Übersicht Zusammenhänge zwischen einem ängstlich-vermeidenden Bindungsmuster und weniger befriedigend erlebten sexuellen Beziehungen, stärkerer Beeinträchtigung durch sexuelle Funktionsstörungen sowie weitere Auffälligkeiten.

Die komplexen Zusammenhänge zwischen kindheitlichen Bindungserfahrungen, Rollenstereotypen, späteren gesundheitlichen Belastungen und männlicher Sexualität beleuchteten im Rahmen des Männerkongresses 2016 (www.maennerkongress2016.de) ausgewiesene Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven. Ihre aktuellen Beiträge sind hier wiedergegeben.

Der Zusammenhang von Bindung und Sexualität markiert eine offensichtliche Leerstelle im Geschlechterdiskurs. Der Historiker und Männerforscher Martin Dinges zeigt einleitend in seinem Beitrag auf, dass in der Sexualgeschichte Verweiszusammenhänge zwischen männlicher Sexualität und Bindung kaum aufzufinden sind. Die historischen Großtrends des Männerbildes seit dem Zweiten Weltkrieg sind vielmehr durch Normierung, Befreiung, später Normalisierung, Flexibilisierung und Entgrenzung umrissen, ohne dass das Bindungskonstrukt in wahrnehmbarer Weise repräsentiert war. Dementsprechend wird in dem Beitrag eine Spurensuche versucht, bei der insbesondere die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg beachtet wird.

Toni Tholen geht es aus literaturwissenschaftlicher Sicht um die Bedeutung von Bindung für die Modellierung von Männlichkeiten. Ausgehend von Connells männlichkeitstheoretischen Überlegungen zur emotionalen Bindungsstruktur (Kathexis) zeigt Tholen, inwiefern Bindung als dynamische Kategorie bei der Konfiguration von literarischen Männlichkeiten von Bedeutung ist. Skizziert werden Schritte auf dem Weg zu einer noch ausstehenden literarischen Emotionsgeschichte der Männlichkeit, welche Schreibprozesse von exemplarischen männlichen Autoren (bspw. Knausgård) in nichtfiktionalen (z. B. autobiografischen) Texten miteinbezieht.

Hans-Joachim Lenz und Martin Schott widmen sich dem Thema der sexualisierten Gewalt, die Männer als Opfer erfahren und als Täter ausüben. Hans-Joachim Lenz befasst sich mit der männlichen Verletzbarkeit, die gesellschaftlich bis heute durch Geschlechterklischees verdeckt wird, am Beispiel der sexualisierten Gewalt gegen männliche Flüchtlinge und Migranten und ihrer kulturellen Verdeckung im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Obwohl seit Anfang der 1970er Jahre in der polizeilichen Kriminalstatistik jedes Jahr dokumentiert wird, dass die Opfer von Gewalttaten mehrheitlich Männer sind, ist (sexualisierte) Gewalt an Männern (immer noch) kein Thema der Sozial- und Gesundheitspolitik. Diese Problematik radikalisiert sich im aktuellen Umgang mit Flucht und Migration. Lenz zeigt, wie relevant sexualisierte Viktimisierung für Jungen und Männer im Kontext von Flucht und Migration ist, und kritisiert die strukturelle und personale Ignoranz herkömmlicher Geschlechter- und Migrationspolitik gegenüber der hohen Gewaltbetroffenheit von Männern und Jungen. Seine zentrale These ist, dass die Verletzbarkeit bei männlichen Flüchtlingen und Migranten doppelt verdeckt wird, da die Viktimisierung verleugnet und männliche Täterschaft einseitig in den Vordergrund gestellt wird.

Martin Schott geht auf den Zusammenhang zwischen frühesten Bindungserfahrungen, innerer Objektwelt und äußeren Beziehungen bei Sexualstraftätern ein. Viele Sexualstraftäter weisen als Ergebnis einer schwerwiegend beeinträchtigten kindlichen Entwicklung eine Persönlichkeitsstörung auf. Gestört ist dabei die fundamentale Bindung zum frühesten Liebesobjekt, zur Mutter, das mit nicht integrierbaren erotisierten und aggressiven Aspekten verinnerlicht wurde. Das ständig von innen durch Fragmentierung bedrohte unsichere Selbst muss durch Pseudoautonomie und emotionale Distanz geschützt werden. Im Delikt und der dazugehörigen Fantasie wird das traumatisierte Erleben des Kleinkindes durch Umwandlung ohnmächtigen Ausgeliefert- und Verlassenseins in narzisstischen Triumph und das Ausagieren von Wut kompensiert. Der Autor eröffnet vor diesem objektbeziehungstheoretischen Hintergrund therapeutische Zugangsmöglichkeiten und Perspektiven und hinterfragt zugleich die aktuellen forensischen Therapiekonzepte, die einseitig mehr auf eine Deliktaufarbeitung als auf einen beziehungs- und entwicklungspsychologischen therapeutischen Ansatz zielen.

Heribert Blaß betrachtet aus klinisch-psychoanalytischer und entwicklungspsychologischer Sicht das Phänomen der zumeist von Männern in Form von Internetpornografie und interaktiven Cybersexangeboten genutzten computervermittelten Sexualität. Diese virtuelle Welt lässt sich als realitätsnahe Manifestation eigener sexueller Fantasien verstehen und kann daher nicht nur als pathologisches Phänomen betrachtet werden. Unter dem Aspekt der Belebung eigener Fantasien kann sie, insbesondere bei Jugendlichen, sogar zum Aufbau eigener sexueller Repräsentanzen verwendet werden. Diese kreative Unterstützung eigener sexueller Fantasien ist aber nur möglich im Rahmen bestehender ödipaler Identifikationen, weil Pornografie hier eine Spielart sexueller Fantasie darstellt und gegebenenfalls wieder aufgegeben werden kann. Eine andere Funktion erhält sie bei unterschiedlichen Störungen der Bindung an Mutter und Vater. Insbesondere bei Fortbestehen einer dyadischen Bindung des Jungen an seine Mutter und damit auch an ihren Körper, kann Pornografie entweder als Abwehr oder als Reparationsversuch eingesetzt werden. Exzessive Nutzung von Pornografie und begleitende Masturbation können dann der Abwehr einer gefürchteten Abhängigkeit dienen. Blaß demonstriert diese Zusammenspiele anhand von Fallbeispielen.

Zum Themenbereich Bindung, Treue und sexuelle Paarbeziehung schreibt Hans Jellouschek zu den Merkmalen langjähriger Liebesbeziehungen aus männlicher Sicht. Auch für Männer ist die Dauerhaftigkeit ihrer Paarbeziehung von großer Bedeutung. Der Autor beschreibt vor dem Hintergrund seiner langjährigen therapeutischen Erfahrungen, was Männern für eine dauerhafte Bindung wichtig ist und worauf sie besonderen Wert legen. Er thematisiert Unterschiede zur weiblichen Perspektive und schildert praxis- und erfahrungsnah, welche Beziehungsprobleme daraus entstehen können.

Nirgendwo gibt es so viele Flirtmöglichkeiten wie am Arbeitsplatz – der Ort, an dem sich die meisten Liebesbeziehungen anbahnen. Beate West-Leuer weist auf die unvermeidliche Präsenz von Eros und Psyche auch in der Arbeitswelt hin. Können Führungskräfte diese Realität als arbeitsweltliche Dimension integrieren, dann können sie bei sich selbst und ihren Mitarbeitern erotische Gedanken und Gefühle zulassen, ohne diese zwanghaft auszuagieren. Flirtbeziehungen am Arbeitsplatz haben jedoch den klar definierten Grundsatz der Freiwilligkeit. Die Autorin zeigt dies anhand von Fallbeispielen und demonstriert die fatalen Folgen eines nicht offenen Umgangs mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

Der Bereich männliche Sexualität und (beschädigte) Körperlichkeit wird von Bernd Nitzschke, André Karger, Matthias Franz und Wolfgang Bühmann bearbeitet. Bernd Nitzschke setzt sich zunächst mit dem traditionellen Bild der Männerrolle auseinander. Der richtige Mann gibt niemals auf, kennt keine Schwächen und keinen Schmerz, ist durchsetzungsfähig, leistungs- und konkurrenzorientiert – bis in das hohe Alter. Mutig im Kampf und in Gefahr bleibt er doch fair und zollt seinem Gegner Respekt. Ausgehend von dem heldenhaften Archetyp, den Hemingway beschrieb und verkörperte, beschäftigt sich Nitzschke mit der Frage, was geschieht, wenn der (alte) Mann an Grenzen stößt, wenn der Schmerz des Abschiednehmens spürbar und der Rückblick auf sein Männerleben unausweichlich wird. Nicht nur Alter, sondern auch Krankheit bedrohen die narzisstische Integrität jedes Mannes. Im Besonderen stellt eine Krebserkrankung eine existenzielle Herausforderung dar, die den Erkrankten mit der Möglichkeit des eigenen Sterbens konfrontiert. Viele Patienten berichten während und nach einer Krebserkrankung über den Verlust oder deutliche Einschränkungen ihrer Sexualität. Die Problematik wird noch verstärkt, sind wie bei der häufigsten Krebserkrankung des Mannes, dem Prostatakrebs, die Sexualorgane selbst betroffen. Im Beitrag von André Karger berichten Patienten mit Prostata- und Hodenkrebs über ihren Umgang mit der Sexualität in der Partnerschaft. Dabei verstellen männliche Geschlechternormen (in unserem Gesundheitssystem und bei den Betroffenen) oft adäquate Hilfen für Männer in einer solchen Situation. Hier ist gesundheitspolitisches Handeln gefordert, um Mentalitäten (von Patienten und Ärzten) und Versorgungsbarrieren zu verändern.

Auch der Urologe Wolfgang Bühmann thematisiert die sexuellen Ängste und Fragen von Männern nach der Diagnose eines Hoden- oder Prostatakrebses: »Wie gut kann ich noch?« und »Muss ich denn noch wollen oder darf ich auch nicht mehr können?«. Neben der seelischen Belastung durch die Diagnose und die körperlichen Strapazen durch die eingreifenden Behandlungen werden die zumeist jungen Hodentumorpatienten von Versagensangst um ihre sexuelle Kompetenz und je nach Lebensstadium auch um ihre Familienplanung umgetrieben. Aber auch Prostatakarzinom-Betroffene sorgen sich um sexuelle Beeinträchtigungen als mögliche Behandlungsfolge. Stetige Behandlungsfortschritte mit Langzeitüberlebensraten von über 90 Prozent bei beiden Krebserkrankungen dürften nicht über die individuellen seelischen Probleme hinwegtäuschen. Bühmann fordert deshalb für Betroffene hinsichtlich der Stabilisierung auch der seelischen Lebensqualität eine leistungsfähige und nachhaltige psychoonkologische Begleitung.

Matthias Franz widmet sich dem Tabuthema der rituellen Jungenbeschneidung und weist auf den transgenerationalen Charakter der traumatisch erzeugten patriarchalischen Loyalität hin. Aus medizinischer Sicht gibt es keinen Grund, einem gesunden Jungen seine gesunde Vorhaut abzuschneiden. Die rituelle Beschneidung von Jungen ohne medizinische Indikation ist eine traumatische Verletzung ihrer genitalen kindlichen Integrität. Dieser potenziell mit erheblichen medizinischen Risiken verbundene Eingriff bewirkt aus psychoanalytischer Sicht bei vielen der Jungen bleibende Ängste um ihre Männlichkeit und als Reaktion darauf einen hochkränkbaren Ehrbegriff. Dies gilt besonders dann, wenn die Beschneidung in einer für die sexuelle kindliche Entwicklung vulnerablen Entwicklungsphase vorgenommen wird. Nicht selten resultieren dann Vertrauensbrüche in der Elternbeziehung und als Abwehr dieser Erfahrung eine patriarchalische Loyalität und Identifikation mit dem Aggressor. Die auf die Mutter gerichtete Enttäuschungswut, zu der vor der Beschneidung eine wechselseitige Idealisierungsbeziehung bestand und die trotzdem die Beschneidung nicht verhinderte, kann nach diesem abrupten Bruch dann später tief greifende Ängste vor einer unkontrollierten Weiblichkeit und einer selbstbestimmten weiblichen Sexualität bewirken. Für die destruktive Tiefenwirkung und die zuweilen neurotischen Ausformungen dieser sexuellen Gewalterfahrung besteht in weiten Teilen der Öffentlichkeit und der Politik trotz wachsender Sensibilisierung für den Kinderschutz bislang weder ein empathisches noch ein intellektuelles Bewusstsein.

Zu kindlichen Entwicklungsaspekten männlicher Identitäts- und Sexualitätsformen schreiben aus psychoanalytischer Sicht abschließend Hans Hopf, Hermann Staats, Frank Dammasch, Sophinette Becker und Josef Christian Aigner. Der Kinder- und Jugendlichenpsychoanalytiker Hans Hopf beschreibt zunächst die allgemeine psychosexuelle Entwicklung des Jungen. Aufgrund ihres komplexen Verlaufs von der primären Entidentifizierung über die phallische Phase sowie die Triangulierung bis hin zum Ödipuskomplex ist sie in besonderer Weise störbar. Der Beitrag verdeutlicht die Rolle des Vaters für die Entstehung der männlichen Identität und für die Entwicklung unterschiedlicher Varianten von Männlichkeit im Beziehungsdreieck zwischen Mutter, Vater und Kind. Dabei geht Hopf auch auf die Bedeutung von Übergriffigkeiten, Missbrauch und sadistischer Gewalt ein.

Hermann Staats bringt den Begriff des männlichen Stolzes aus bindungstheoretischer Perspektive in Verbindung mit Bindungs- und Autonomiebedürfnissen bei Jungen und Männern. Der Autor interpretiert männlichen Stolz als ein Erlebens- und Verhaltensmuster, das der Bewältigung von Konflikten zwischen Bindungswünschen und Autonomiebedürfnissen dient. Der Autor plädiert auch unter Berücksichtigung empirischer Befunde für einen differenzierten Umgang mit jungenhaftem und männlichem Stolz in Familien, Kitas, Schulen und im öffentlichen Raum, um männlichen Stolz in seinen Funktionen besser zu verstehen – als Beziehungsangebot, als Mittel der Bewahrung von Bewährtem, als Hilfe bei der Bewältigung von Angst und als Element männlicher Sexualität und Aggression.

Frank Dammasch beschreibt in einer psychoanalytischen Fallstudie die Behandlung eines emotional- und kontaktgestörten männlichen Jugendlichen. Er zeigt auf, dass der bewusste auf Mädchen bezogene Hass des Patienten seine Wurzeln im unbewussten Hass auf die eigenen weiblich-mütterlichen Anteile hatte. Dies hatte Entwicklungskonflikte zur Folge, welche die Entwicklung und die positive Integration sexueller Impulse und Beziehungswünsche beeinträchtigen. Dies bildete sich auch in der therapeutischen Beziehung ab. Im Zentrum des intrapsychischen Konflikts und der Entwicklungshemmung des Jugendlichen steht dessen Angst vor frühen Versagungsgefühlen und Abhängigkeitswünschen aus der Mutter-Sohn-Beziehung. Dammasch illustriert mit dieser Fallstudie mögliche Hintergründe dafür, dass männliche Jugendliche sich zunehmend der Auseinandersetzung mit den psychosexuellen Entwicklungsaufgaben der Pubertät durch Lernstörungen und Triebverleugnung entziehen.

Die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker setzt sich damit auseinander, dass derzeit in unserer Kultur die Grenzen zwischen den Geschlechtern flexibler zu werden scheinen und die Trennschärfe zwischen den sexuellen Orientierungen und Kategorien abnimmt. Viele alte Gewissheiten in Bezug auf Geschlecht und sexuelle Orientierung sind so ins Wanken geraten – und existieren gleichzeitig fort. Vor diesem Hintergrund geht sie der Frage nach, wie transsexuelle Entwicklungen bei biologischen Männern Facetten, Probleme und Krisen männlicher Identität codieren.

Josef Christian Aigner greift schließlich anknüpfend an Hopf die erst in den letzten Jahren zunehmend erkannte Bedeutung und die distinktiven Funktionen des Vaters im Vergleich zur Mutterbeziehung auf. Die herkömmliche Konstellation der patriarchalen Familie mit Mutterdominanz und fernem Vater erzeugt eine spezifische Beziehungskonstellation, die insbesondere für Jungen und ihre Entwicklung problematische Folgen zeitigen kann. Aigner kontrastiert im Weiteren die gegenläufige Tendenz aktueller Gendertheorien, welche die Bedeutung des Unterschieds zwischen Müttern und Vätern und so auch zwischen den Geschlechtern tendenziell nivelliert. Aigner geht diesem Widerspruch entlang der körperlichen und sexuellen Entwicklung nach, fragt nach den Folgen für die Jungen und versucht zu zeigen, welche Ausblendungen und genderpolitischen Befürchtungen einer Vernachlässigung oder gar Leugnung des Geschlechtsunterschieds und seiner Bedeutung für das Mannwerden zugrunde liegen könnten.

Matthias Franz und André Karger

Literatur

Ciocca, G., Limoncin, E., Di Tommaso, S., Mollaioli, D., Gravina, G. L., Marcozzi, A., Tullii, A., Carosa, E., Di Sante, S., Gianfrilli, D., Lenzi, A., Jannini, E. A. (2015). Attachment styles and sexual dysfunctions: a case-control study of female and male sexuality. International Journal of Impotent Research, 27 (3), 81–85.

Dunkley, C. R., Dang, S. S., Chang, S. C., Gorzalka, B. B. (2016). Sexual functioning in young women and men: Role of attachment orientation. Journal of Sex and Marital Therapy, 42 (5), 413–430.

Freud, S. (1915). Triebe und Triebschicksale. G. W. Bd. X. Frankfurt a. M.: Fischer.

Rajkumar, R. P. (2015). The impact of disrupted childhood attachment on the presentation of psychogenic erectile dysfunction: an exploratory study. Journal of Sexual Medicine, 12 (3), 798–803.

Stefanou, C., McCabe, M. P. (2012). Adult attachment and sexual functioning: a review of past research. Journal of Sexual Medicine, 9 (10), 2499–2507.

Martin Dinges

Männliche Sexualität und Bindung als Thema der Sexualgeschichte?

Die Einladung, als Historiker einen Beitrag für diesen Band zu liefern, zeigt das Interesse der Nachbardisziplinen für die Geschichtswissenschaft, ist aber auch eine Herausforderung. Ich habe das Problem einer angemessenen Fassung des Themas durch das Fragezeichen am Ende des Titels auszudrücken versucht. Die Bindungsforschung betraf ja zunächst entwicklungspsychologische Aspekte der Kindheit. Man hatte beobachtet, dass bestimmte Formen der Interaktion zwischen Mutter und Kind einen positiven oder negativen Einfluss auf die spätere Entwicklung haben. So fördert feinfühlige Behandlung Bindung. Missbrauch oder Vernachlässigung hingegen haben einen besonders negativen Einfluss, der eine psychische Störung auslösen oder begünstigen kann. Auch gelten stabile längere Bindungen als der wichtigste Schutzfaktor vor psychischen Störungen. Solche Beziehungen können offenbar auch die Folgen von traumatischen Erfahrungen, wie sexuellem Missbrauch oder Misshandlung, abmildern (Tress, 1986, S. 129). Schließlich gibt es einen transgenerationalen Effekt: Günstige Bindungsrepräsentanzen bei den Eltern fördern die Entwicklung entsprechend günstiger Bindungstypen bei den Kindern. Legt man das Vierphasenmodell nach Bowlby zugrunde, dann sind nach den ersten sechs Lebensmonaten insbesondere die ersten drei Lebensjahre entscheidend, auch wenn später noch eine gewisse Plastizität besteht. Allerdings sind all diese Zusammenhänge höchst komplex, wie nicht zuletzt die Mannheimer Längsschnittstudie zeigte (Laucht, 2015, bes. S. 64–68; Tress, 1986, S. 28 ff.).

Wo lassen sich nun Bezüge zum Thema Sexualität herstellen? Zusammenhänge zu liberalen Sexualverhältnissen und mangelhafter Verhütung bestehen, sind aber indirekt. Die Bindungsforschung belegt ansonsten, dass sexuell missbrauchte Jungen etwas andere Kompensationen suchen als Mädchen. Eine weitere Problemstellung wäre der Zusammenhang von Bindungserfahrung und männlicher Sexualität, die manchmal mit Bindungsangst einhergeht – aber auch das ist ein Thema für Psychologen, nicht für Historiker; da mangelt es uns schlicht an Quellen.

Ist schon der Zusammenhang von Bindungstheorie mit Sexualität nicht gerade eng, so ist eine sexualitätsgeschichtliche Rekonstruktion noch schwerer herzustellen. Natürlich könnte man in die Wissenschaftsgeschichte ausweichen und über die frühe Rezeption der Bindungstheorie und ihre empirische Überprüfung in der DDR berichten. Sie führte zu politisch so unerwünschten Ergebnissen, dass man die Forschung schleunigst einstellte (Plückhahn, 2000). Mittlerweile sind einige der damaligen Annahmen, die gegen eine frühe umfassende Betreuung sehr kleiner Kinder durch Dritte sprachen, allerdings widerlegt. Stichworte sind hier die funktionale Bindung, die Kinder zur Pflegemutter entwickeln können, und die entscheidende Bedeutung der Qualität, nicht der Quantität, der Präsenz einer Hauptbezugsperson; außerdem werden die Bindungen an die Väter höher eingeschätzt als damals. Die Väter kamen aber erst um die Jahrtausendwende in den Blick – da mittlerweile die Überbetonung der Mutterrolle in der Nachkriegspsychologie relativiert war (Zaretsky, 2009, S. 353 ff.). Immerhin zeigt sich hier die gesellschaftliche Relevanz solcher Ergebnisse. Über deren Bewertung wurde später in der BRD bei der geplanten Einführung von Krippenplätzen für ein Drittel der Kinder erneut trefflich gestritten.

In der gängigen Sexualitätsgeschichte geht es jedenfalls um ganz andere Probleme als um Bindung und Bindungsfähigkeit.1 Vielmehr thematisierte man Normierung, Befreiung, später Normalisierung, Flexibilisierung, Virtualisierung und Entgrenzung – von Sexualität (Dinges, 2017). Die Bindungswirkung von Sexualität wurde allenfalls in Bezug auf Paare erwähnt. Die Auswirkungen auf Dritte, also Kinder, waren nie von Interesse.

Ich habe mir deshalb vorgenommen, einen kurzen Überblick über die deutsche Sexualitätsgeschichte der letzten 80 Jahre zu bieten, also über die Zeit, die heute lebende Personen, die in der Beratung auftauchen, noch direkt oder indirekt beeinflusst.

Ich tue das anhand zweier Fragestellungen, die eine Beziehung zur Bindungstheorie herstellen: Wie wirkten sich die Sexualitätsregime, also die zeitgenössischen normativen Rahmungen erwünschter Sexualität, aus

1. auf die Stabilität von Paarbeziehungen und damit

2. auf die Chancen der Kinder, stabile Bindungen zu entwickeln?

Hintergrund meiner Überlegung ist der aktuelle Stand der psychologischen Forschung. Danach bieten stabilere Paare bessere Voraussetzungen für die Entwicklung solider Bindungen. Ich weiß sehr wohl, dass zwanghaft zusammenbleibende Partner kein Erfolgsmodell sind und Scheidungen lange vor ihrem Vollzug Schatten werfen. Aber die psychologische Forschung macht es plausibel, dass eine frühzeitige Beendigung der Paarbeziehung, insbesondere für sehr kleine Kinder, erhöhte Risiken birgt. Scheidungen können für alle Beteiligten hilfreich sein, für die Kinder sind sie aber oft am schwierigsten zu bewältigen. Das gilt wegen der Trennungsverarbeitung sowie der Reorganisation des mentalen Bindungsmodells. Dazu kommt die psychisch hohe Belastung der Mutter (Franz, 2013, S. 82 f.; Gloger-Tippelt u. König, 2003, S. 142 f.). Die dissoziativen Wirkungen von Trennungen sind außerdem bei Jungen höher als bei Mädchen (Franz, 2013, S. 85, S. 87 ff., S. 92–97; Schlack, 2013, S. 128–132, S. 139). Zusätzlich belastend ist es, wenn der mit dem Kind allein bleibende Elternteil – viele Jahrzehnte war das fast immer die Mutter, heute ist das wieder zu 90 Prozent der Fall – auch noch fast ausschließlich für die ökonomische Sicherung des Haushalts zuständig ist.2 Die Vollzeitbeschäftigtenquote ist auch deshalb bei Alleinerziehenden mit 42 Prozent immer noch deutlich höher, als bei Müttern in Paarhaushalten mit 27 Prozent (Kraus, 2014, S. 62 f.).3 Wiederverheiratungen sind bei allen Geschiedenen, auch denjenigen ohne Kinder, häufig: Generell waren sie in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends jedenfalls bei 35- bis 45-jährigen Frauen häufiger als Erstverheiratungen in dieser Altersgruppe (Kraus, 2014, S. 55 f.). Auch hier gilt: Patchwork-Familien können gut funktionieren, aber besonders für Kinder sind sie herausfordernd. Dementsprechend werde ich versuchen, für die einzelnen Zeitabschnitte Informationen zusammenzutragen, die Rahmenbedingungen für die Entstehung guter Bindung charakterisieren und in ihrer recht unterschiedlichen gesellschaftlichen Bewertung historisch situieren:

– Dauer von Partnerschaften und Ehen,

– Scheidungen,

– Anzahl unehelicher Geburten,

– Anzahl von Einelternfamilien und

– Berufstätigkeitsquoten von Müttern, insbesondere kleiner Kinder.

Vorbemerkung zum Kindesmissbrauch

Sexualität, insbesondere die vom Thema des Buches geforderte männliche Sexualität, kommt aber nicht nur bei Paarbildung und Dauer von Partnerschaften ins Spiel, sondern auch im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch, zu dem ich vorab noch einige Bemerkungen machen muss. Das ist eine der massivsten Beschädigungen von Bindung und Vertrauen (Engfer, 2016). Die Wahrscheinlichkeit von Missbrauch ist in zwei Typen von Elternpaaren mit sehr ungleicher Machtverteilung besonders häufig: Wenn die Mutter besonders dominant oder wenn sie besonders hilflos ist und der Vater jeweils die Gegenposition ausfüllt (Haag, 2015, S. 163). Dementsprechend sollen ausgeglichene Paarkonstellationen weniger zu Missbrauch führen. Schließlich sind Kinder, die als wenig geschützt wahrgenommen werden, stärker gefährdet; Stiefkinder gelten als klassisches Opfer. Sexueller Missbrauch ist dabei nur die Spitze des Eisberges von verschiedenen Arten des Missbrauchs, mit dem das Vertrauen von Kindern zerstört wird (Jungnitz, Lenz, Puchert, Puhe u. Walter, 2007, S. 19 ff., S. 45 ff.). Aus historischen Untersuchungen über uneheliche Kinder weiß man, dass Nichtanerkennung und Missachtung von diesen Kindern als zweitschwerste Belastung empfunden wurde – übrigens deutlich vor Erfahrungen materieller Armut (Arbeitsgruppe Illegitimität, 2004, S. 360, S. 337, S. 356; vgl. auch Dinges, 2013).

Sieht man sich allerdings aktuelle Zahlen zum sexuellen Missbrauch an, dann zeigt sich, dass der Zusammenhang mit der gängigen Kernfamilie eher indirekt ist.4 Zunächst zu den Prävalenzen: Schließt man Handlungen ohne Körperkontakt und Akte von Gleichaltrigen aus, dann bleiben in der Gegenwart folgende Größenordnungen für den zumeist einmaligen Fall des sexuellen Missbrauchs: 6 bis 10 Prozent der befragten Frauen und 2 bis 3,4 Prozent der befragten Männer machten, als sie unter 14 Jahren alt waren, solche Erfahrungen. Mädchen waren also etwa dreimal häufiger betroffen (Engfer, 2016, S. 15). Der Anteil schwerster Fälle (mit Penetration auch bei Jungen) lag bei beiden Geschlechtern etwa gleich hoch, nämlich bei einem Fünftel. Missbrauch durch Frauen ist also nicht weniger gewalttätig.

Bei 97,5 Prozent der weiblichen Opfer und bei 78,7 Prozent der männlichen Opfer sind die Täter Männer (Engfer, 2016, S. 18). Unter den zumeist männlichen Tätern stellten Bekannte die Hälfte aller Täter, Fremde ein Fünftel; alle Verwandten und Angehörigen demgegenüber nur ein Viertel. Hier ist auch der sehr geringe Anteil der Väter und Stiefväter eingeordnet – sowie die noch sehr viel seltener beteiligten Mütter und Stiefmütter.

Allerdings nimmt man an, dass der Anteil der weiblichen Täter unterschätzt wird, da Frauen mehr Körperkontakt zugestanden wird und deshalb Missbrauch leichter kaschiert werden kann, außerdem Jungen, die von Frauen missbraucht werden, dies seltener so bezeichnen (Jungnitz et al., 2007, S. 55 ff.). Sexueller Missbrauch durch Frauen wird zumeist von Müttern begangen, und dies über lange Zeit (Günther, 2000, S. 190). Insgesamt kann man aber feststellen, dass der sexuelle Missbrauch durch eine Bindungsperson, der besonders stark traumatisiert, sehr viel seltener ist als in der öffentlichen Wahrnehmung (Strauß u. Schwartze, 2016, S. 113).5 Ein besonderer Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs mit der Konstellation, dass Mütter allein erziehen, ist nach meiner Kenntnis bisher nicht belegt (Elliott, 1995, S. 176–276; Günther, 2000, S. 61–65, S. 86–89; Haag, 2015).

Schließlich sind nach der polizeilichen Kriminalitätsstatistik auch keine quantitativen Veränderungen im Zeitablauf feststellbar: Von 1985 bis 1995 blieben die Raten pro 100.000 Kinder gleich, auch die Befragungen älterer Alterskohorten ergeben keine Varianz. Ich habe deshalb das Missbrauchsthema nicht weiter verfolgt (Engfer, 2016, S. 16).6

Ich versuche nun, den Wandel der privaten Lebensformen und ihre Auswirkungen auf Bindungschancen im Rahmen der verschiedenen Sexualitätsregime ohne kulturpessimistische Färbung vorzustellen, und bin mir dabei der Schwierigkeit bewusst, mit Plausibilitäten argumentieren zu müssen.

Bevölkerungspolitisch und rassistisch inspirierte Teilentkopplung von Ehe und Sexualität während der NS-Zeit und deren Nachwirkungen

Ein Blick auf die NS-Sexualpolitik ist unumgänglich: Ziel der Rassegesetze war die Verhinderung legitimer Paarbildung und des außerehelichen Verkehrs zwischen Juden und Nicht-Juden. Dieser war nur für Männer strafbar; Frauen hielt man für passiv und wollte außerdem ihre Motivation zur Denunziation befördern. Die Erbgesundheitsgesetze gegen »geistig oder körperlich minder Bemittelte« sollten »erbkranken Nachwuchs« verhindern, was zu fast 400.000 Sterilisierungen führte.7 Demgegenüber erleichterte die NS-Regierung 1938 Scheidungen nach dem Zerrüttungsprinzip, um die Geburtenrate zu erhöhen. Das führte zu einer kurzen Welle nachgeholter Scheidungen, die Paare, die nicht zusammenbleiben wollten, nach drei Trennungsjahren entlastete.

Die Radikalisierung von Männlichkeit nach dem Modell des NS-Soldaten, das heißt die Erziehung zur Härte anderen, aber auch sich selbst gegenüber, senkte die Empathiefähigkeit von Männern gezielt ab und förderte autoritäres Gebaren in Paaren und gegenüber Kindern (Müller-Münch, 2012, S. 79 f.). Sexuelle Beutezüge der Soldaten während des Krieges lockerten die bisherige Einhegung von Sexualität in der Ehe und konnten bis zur brutalen sexuellen Ausbeutung der eigenen Kinder führen (Mühlhäuser, 2010, S. 368, S. 373 f., S. 378; Müller-Hohagen, 1994, S. 216–220; Müller-Hohagen, 2005, S. 73 f., S. 108). Die Traumatisierung durch Kriegserfahrungen und die Schwierigkeiten der Rückkehrer, diese mitzuteilen, führten zu erheblichem Druck in den Familien und konnten Gewaltneigungen fördern (Goltermann, 2009, S. 130–162).

Für das Verhältnis zu Kindern ist der Hinweis auf die ideologische Rechtfertigung von Strenge in der Erziehung besonders wichtig. Die NS-Erziehungslehre von Johanna Haarer, deren Buch »Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« bis 1987 in fast 1,2 Millionen Exemplaren verkauft wurde, setzte systematisch darauf, keine emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind entstehen zu lassen, damit diese nicht durch das Kind manipulierbar wird.8 Vielmehr sollte schon der Säugling auf Folgebereitschaft hin konditioniert werden, indem man den Blickkontakt zu ihm mied. Weiter ließ man ihn außerhalb der streng regulierten Stillzeiten schreien, auch wenn er im dunklen Zimmer nicht einschlafen wollte. Das Motto war: »Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart!« (Haarer, 1943, S. 121 f., S. 171 ff., S. 176). Im zweiten Vierteljahr seines Lebens sollte man dem Säugling beim Zufüttern Tischsitten beibringen und abgelehnte Nahrung zum nächsten Regelzeitpunkt wieder anbieten – nichts anderes (vgl. Haarer, 1951, S. 76). Kurz, man solle nicht »Psychologie« anstelle von Erziehung setzen (Haarer, 1943, S. 262, S. 274).9 Haarers zweites Erziehungsbuch für die Zwei- bis Sechsjährigen »Unsere kleinen Kinder« wurde ebenfalls bis ins dritte Jahrzehnt der Bundesrepublik weiter aufgelegt. Es betont 1936 wie 1951 mit identischen Handlungsempfehlungen die überragende Rolle der Erziehung zum Gehorsam, die Zulässigkeit und Notwendigkeit von Schlägen sowie die Bedeutung regelmäßiger Entleerungen und des frühen »Sauberwerdens« (vgl. zu Gehorsam: Haarer, 1936, S. 181; 1951, S. 93; zur Vermeidung von Verkehrs- und Hausunfällen: 1936, S. 231; 1951, S. 91; zu Schlägen: 1936, S. 184; 1951, S. 99; zur Entleerung etc.: 1936, S. 46; 1951, S. 165).10

Das NS-Sexualregime nahm mit seiner Scheidungspolitik also kurzfristig etwas Druck aus manchen Beziehungen. Viel wichtiger war anderes: Kriegsfolgen und -erlebnisse sowie das brutalisierte Männlichkeitsleitbild und die offiziell propagierte Erziehungslehre verringerten die Chancen der Kinder, förderliche Bindungen aufzubauen.11 Erschwerend kam als Kriegsfolge hinzu, dass viele Mütter zunächst Vaterabwesenheit ausgleichen und nach dem Tod des Partners als Alleinerziehende die ganze Familie ernähren mussten – also unter hohem Druck standen.

Die sogenannten »wilden Jahre« direkt nach dem Krieg waren durch große Not und erhebliche Unordnung, nicht zuletzt durch gewaltige Bevölkerungsverschiebungen, gekennzeichnet. »Die Gefallenen und Vermissten hinterließen mehr als 1,7 Millionen Witwen sowie fast 2,5 Millionen Halbwaisen und Vollwaisen. Geschätzt wuchs ungefähr ein Viertel aller Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg auf Dauer ohne Vater auf« (Radebold, 2004, S. 115–119).12 Die Erleichterung, das Grauen überlebt zu haben, führte auch zu manchem entlastenden Exzess.

Ein Indikator ist die Rate unehelicher Geburten. Sie verdoppelte sich nach geringen 8 Prozent in den 1930er Jahren 1946 einmalig auf über 16 Prozent, um von über 12 Prozent im Jahr 1947 bis 1964 wieder auf unter 5 Prozent abzusinken (Statistisches Bundesamt, 1972, S. 108). Tress hat allerdings gezeigt, dass uneheliche Geburt korrelationsstatistisch für die spätere psychische Gesundheit nicht relevant ist (Tress, 1986, S. 85). Viel wichtiger ist, welche Bindungschancen das Kind nachher hat. Insofern ist die Anzahl der mit Besatzungssoldaten gezeugten Kinder, die eine große Rolle in den Medien spielten, wichtiger, weil diese Unehelichen häufig in Heime kamen: Ihre Zahl entsprach 1946/47 etwa einem Zehntel, die der farbigen Besatzungskinder 1 Prozent aller Unehelichen (Buske, 2004, S. 196 f.).

Versuchte Zwangskopplung von Sexualität und Ehe in den 1950er Jahren als »Bewältigung« der »NS-Erbschaft«

In der Folgezeit zielte die BRD auf eine Restauration des traditionellen Ehe- und Familienmodells, das einen wesentlichen Beitrag zur moralischen Katharsis erbringen sollte (Herzog, 2005). Die deutsche Niederlage wurde gern mit der Unsittlichkeit des NS-Regimes und seiner Sexualpolitik begründet (dramatisch in Stellungnahmen der katholischen Hierarchie, vgl. Buske, 2004, S. 219 f.). Eherecht, Renten-, Sozial- und Steuerrecht wurden so modifiziert, dass alle ökonomischen Anreize für die Hausfrauenehe sprachen. Solche Versorgungsehen sind aber durch ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den Spielräumen der Partner gekennzeichnet – sie können also Missbrauch fördern. Mit der Frau am Herd hoffte man auch die Mutter im Haushalt zu produzieren, die nicht zuletzt die psychischen Wunden der Männer durch ihre Zuwendung heilen sollte. Verhütungsmittel wurden durch Abbau der Automaten ab 1959 wieder schwerer zugänglich.

Die Akzeptanz für vorehelichen Sex war 1949 mit 71 Prozent viel höher als in England. Sie sank aber bis 1963 um 10 Prozent. So war Ende der 1950er Jahre jede dritte Braut schwanger. Bei einem Sechstel der Brautleute war mindestens eine Person sogar minderjährig. Man »musste dann heiraten«, wie es damals hieß. Das zeigt, in welchem Ausmaß legitime Sexualität tatsächlich an die Ehe gebunden werden sollte. Man kann sich fragen, ob viele dieser zumeist ungewollten Schwangerschaften zu glücklichen Paaren, befriedigender ehelicher Sexualität und bindungsfähigen Eltern führten. Jedenfalls wurden im aufkeimenden Wohlstand bis 1964 immer mehr Kinder geboren.

Viele wurden allein von ihren Müttern betreut, deren ökonomische Lage aber sehr unterschiedlich war. Von 100 Witwen standen nur 29 im Erwerbsleben, von 100 geschiedenen Müttern waren 70, von 100 nicht verheirateten Müttern waren sogar 82 erwerbstätig, ein weiterer Hinweis auf deren spezifische Benachteiligung (Münch, 2008, S. 555). Nur 7 Prozent der Kinder wurden 1962/63 in Kindergärten betreut, 4 Prozent durch privat finanzierte Kindermädchen, mehr als ein Drittel durch Großeltern oder andere Verwandte.13 Dementsprechend konnte, durfte oder musste insgesamt etwa die Hälfte aller Kinder über drei Jahren auch schon damals sogenannte funktionale Bindungen an eine Betreuungsperson entwickeln. Da die entscheidende Phase für die Entwicklung sicherer Bindungen aber vor dem dritten Geburtstag liegt, ist die sehr geringe Zahl der Kinderkrippenplätze beachtlich: Die gab es nur für deutlich weniger als 1 Prozent aller unter Dreijährigen (Münch, 2008, S. 556).14

Die Erziehungslehre von Johanna Haarer wurde um die rassebiologischen Spitzen entschärft. Mehr Exemplare ihres Buches als in der NS-Zeit wurden bis 1987 verkauft. In den von Nachkriegsarmut, Flüchtlingselend und hohen Arbeitszeiten geprägten 1950er und 1960er Jahren wurden ihre Erziehungsrezepte auch befolgt.15 Es herrschte durchgehend Strenge und ein autoritäres Beziehungsmuster, das den damaligen Kindern kürzlich den Titel »geprügelte Generation« einbrachte. Gewalt in der Erziehung war völlig normal (Kiess et al., 2014, S. 155 ff.; Müller-Hohagen, 2005, S. 14 f., S. 76–80, S. 108, S. 200; Pilzweger, 2015, S. 215–219). Das waren keine guten Bedingungen für die freie, spielerische Entwicklung von Bindung.

Kopplung von Sexualität an die »Beziehung« statt nur an die Ehe ab Mitte der 1960er Jahre

Die Zeit um 1968 wird als Epoche der sexuellen Befreiung oder, weniger euphorisch, als Periode der Liberalisierung, aber auch Kommerzialisierung des Sex charakterisiert. Hintergrund dieses Befreiungsnarrativs ist das Dampfkesselmodell der Sexualität: Danach treibe das sexuelle Begehren die Menschen ständig um, befreite Sexualität führe zu befreiten Subjekten, wie umgekehrt Sexualunterdrückung zu politischer Repression passen soll.

Die Verbreitung der empfängnisverhütenden »Pille« erlaubte nun relativ gefahrlose voreheliche und auch außereheliche Sexualität. Damit einher ging eine längere Erprobungsphase vor der Eheschließung, falls diese überhaupt noch angestrebt wurde. Aus 9,5 Eheschließungen pro 1000 Einwohner im Jahr 1960 wurden 7,4 im Jahr 1970 und 6,3 im Jahr 1980. Seit 2005 hat sich der Wert bei etwa 4,7 eingependelt. Insgesamt gab es bis 2005 immer weniger Eheschließungen, außerdem immer mehr Scheidungen (Statistisches Bundesamt, 2013, S. 9, S. 11). Seither hat sich die Zahl der Eheschließungen stabilisiert, die Scheidungsraten sinken weiter (Statistisches Bundesamt, 2016a, S. 51).16 Die sogenannten »Muss-Ehen« erledigten sich weitgehend, da unerwünschte Schwangerschaften seltener vorkamen und uneheliche Schwangerschaften gesellschaftlich stärker akzeptiert wurden. Die Zahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften stieg von 1972 bis 2004 in »Westdeutschland« von 137.000 auf 1,8 Millionen, in »Ostdeutschland« seit 1981 von 327.000 auf 580.000 (Geißler, 2006, S. 341). 2015 gab es 2,9 Millionen solcher Lebensgemeinschaften, davon 766.000 in den »Neuen Ländern« und Berlin (Statistisches Bundesamt, 2016b, S. 77). Mittlerweile kommt mehr als ein Drittel der Kinder außerhalb von Ehen zur Welt, im Osten 58 Prozent, im Westen 29 Prozent (Lion, 2016).

Die Auswirkungen auf das Beziehungsgeschehen sind für die drei Halbgenerationen der 1942, 1957 und 1972 Geborenen vergleichend für Hamburg und Leipzig gut erforscht. Elternschaft wurde immer weiter aufgeschoben – das geschah früher und stärker im Westen als im Osten Deutschlands wegen der dort viel stärker ausgebauten Kinderbetreuung und der Familien- und Wohnungspolitik, insbesondere seit den 1980er Jahren.

So werden Kinder nicht mehr in der ersten, sondern immer häufiger erst in späteren Beziehungen geboren (Schmidt, Matthiesen, Dekker u. Starke 2006, S. 95). Man kann also unter den Geborenen von mehr »Wunschkindern« ausgehen. Außerdem wachsen 2014 relativ weniger Kinder in Ehen (−17 Prozent) und mehr Kinder in Lebensgemeinschaften auf (+22 Prozent) als noch 2004 (Statistisches Bundesamt, 2016a, S. 51). Die Bezugsgröße für Sexualität wurde in den 1970er Jahren die »Beziehung«, die als »reine«, emotional fundierte Beziehung gedacht war. Versorgung sollte nachrangig sein. Beziehungen wurden auch immer geschlechteregalitärer – vom Beitrag zum Haushaltseinkommen bis zur Erledigung der Hausarbeiten und der Kindererziehung (Döge, 2006; Schmidt et al., 2006, S. 98 ff.; Zulehner u. Volz, 2009). Das Aushandeln von Sexualität zwischen den Partnern gehört ebenfalls zum Leitbild. All das dürfte das Verhältnis zu den Kindern entspannt haben, da das Machtgefälle innerhalb der Beziehungen geringer wurde.

Dauer und Qualität der Beziehung standen allerdings stets in Konkurrenz, sodass Trennungen häufiger wurden (Schmidt et al., 2006, S. 33, S. 27 ff.). Lebensabschnittspartnerschaften führten zu einer Art sequenzieller Monogamie. Demgegenüber hielten sich die Tendenzen, Sexualität von Beziehung abzukoppeln, in engen Grenzen. Singles haben wenig Sex!

Unter allen Trennungen sind diejenigen von Beziehungen – also nicht mehr unbedingt Ehen – mit Kindern für unsere Frage nach den Chancen guter Bindung besonders wichtig. Sehen wir uns dazu die Entwicklung des Anteils der Alleinerziehenden während der letzten 20 Jahre an.

Alleinerziehende, die mit mindestens einem ledigen Kind unter 18 Jahren zusammenleben

Tabelle 1: Alleinerziehende in Deutschland (Statistisches Bundesamt, 2010, S. 7 f.)17

Man kann aus Tabelle 1 eine eindeutige Tendenz ablesen: Es gibt immer weniger Familien mit Kindern (−3,8 Prozent in 18 Jahren), gleichzeitig einen stetig steigenden Anteil von Alleinerziehenden (+ 23 Prozent), der mittlerweile fast ein Fünftel aller Haushalte mit Kindern ausmacht. Bereits von 1972 bis 1990 war der Anteil von Kindern in Haushalten Alleinerziehender von 6,6 Prozent auf 11,1 Prozent aller Kinder gestiegen – absolut von 1,1 Millionen auf ca. 1,3 Millionen (Voit, 1992, S. 229). 2014 waren 233.000 dieser Kinder unter drei Jahren alt (von den 1,9 Mio. Kindern dieser Altersgruppe [Statistisches Bundesamt, 2015a, S. 111] leben 12,3 Prozent bei Alleinerziehenden). Ein Viertel der Alleinerziehenden ist ledig. Zu ihnen gibt es genauere Daten: Kurz vor der Jahrtausendwende waren vier von fünf Schwangerschaften der ledigen Alleinerziehenden nicht gewollt; ledige Alleinerziehende trennten sich in 47 Prozent der Fälle bereits während der Schwangerschaft, 24 Prozent innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt (vgl. Schneider, 2003, S. 73; Befragung von 500 repräsentativ Ausgewählten). Das verweist auf erhebliche Belastungen in der wichtigsten Bindungsphase.

Auch der Neubeginn einer Partnerschaft ist für die (Stief-)Kinder nicht selten mit zusätzlichen Belastungen verbunden. Alleinerziehende haben oft bereits im ersten Jahr nach der Trennung eine neue Beziehung, bis zum vierten Jahr nach der Trennung steigt die Zahl von Haushaltsgründungen mit einem neuen Partner. Zehn Jahre nach der Trennung sind 50 Prozent wieder in einer Paarbeziehung. Allerdings gilt: Je kleiner die Kinder, desto geringer die Chancen einer Frau, einen neuen Partner zu finden (Kraus, 2014, S. 58). Dementsprechend bleibt die Belastung, allein zu erziehen, oft gerade bei sehr jungen Kindern länger bestehen.

Das Risiko der Einkommensarmut ist bei Alleinerziehenden viermal so hoch wie bei Paaren und stieg von 1998 bis 2010 noch einmal von 34,7 auf 40,1 Prozent. Das gilt, obwohl die Erwerbstätigenquote von Alleinerziehenden mit Kindern unter drei Jahren von 39,7 auf 40,9 Prozent leicht stieg; bei den Alleinerziehenden mit drei- bis sechsjährigen Kindern stieg sie sogar von 52,3 auf 62,0 Prozent (1996–2012; Lenze, 2014, S. 19–21). Die Politik lässt hier eine Gruppe, die viel für die Gesellschaft leistet, im Regen stehen, während sie mit dem Ehegattensplitting weiterhin Ehepaare ohne Kinder finanziell erheblich begünstigt. Jedenfalls erschwert das alles Alleinerziehenden, sich die Zeit zu nehmen, die (kleine) Kinder brauchen.

In den Haushalten Alleinerziehender waren die Kinder unter sechs Jahren 2014 außerdem ganz unterschiedlich auf die 1,5 Millionen Frauen und die 180.000 Männer verteilt: Bei den Frauen machten sie 32 Prozent aus, bei den Männern nur 12 Prozent. Die Trennungen finden für etwa ein Fünftel der Kinder sehr früh statt.18 Das sind keine guten Voraussetzungen für die Triangulierung. Die nächste Altersgruppe der sechs- bis neunjährigen Kinder ist bei alleinerziehenden Männern und Frauen mit etwa 20 Prozent gleich vertreten (Statistisches Bundesamt, 2016a, S. 48).

Nun ist es für die Verarbeitung von Bindungsirritation und Trennungen für Kinder entscheidend, wie das Klima in der Familie vor der Trennung war, wie die Trennungsphase verlief und welche Kontakte die Kinder nach der Trennung zu beiden Elternteilen haben. In diesem Zusammenhang sind Befunde aus der Beziehungsstudie zu den drei Generationen aus Leipzig und Hamburg interessant: Ein Drittel der Trennungen waren hochstreitig. Aber binukleare Modelle der Kinderbetreuung sind seit Mitte der 1980er Jahre auf dem Vormarsch.19 Die Kinder leben dann bei einem Partner und sehen den anderen regelmäßig mindestens zweimal monatlich. Innerhalb nur eines Jahrzehnts von 1984 bis 1995 stieg der Anteil dieser Konstellation von etwa 40 Prozent auf zwei Drittel der Fälle. Gleichzeitig wuchs der Anteil gemeinsamen Sorgerechts von 6 auf 56 Prozent, 2014 lag er schon bei 96 Prozent (Schmidt et al., 2006, S. 106; zu 2014: Statistisches Bundesamt, 2016a, S. 51). Der Anteil der Kinder, die kaum oder keinen Kontakt zum Vater haben, reduzierte sich von 55 auf 30 Prozent (Schmidt et al., 2006, S. 106). Trotzdem führt ein Fünftel aller Trennungen zum Kontaktabbruch des Kindes mit dem Vater und in einem Drittel der Fälle brechen die früheren Paare den Kontakt auch untereinander völlig ab.

Gleichzeitig hat sich ein erheblicher Wandel bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren vollzogen. Von den circa 2,2 Millionen Kindern unter drei Jahren waren Ende 2002 nur 3 Prozent in Ländern der alten Bundesrepublik in Tageseinrichtungen untergebracht; in Ostdeutschland waren es damals schon 37 Prozent (Henry-Huthmacher, 2005, S. 4). Mittlerweile hat sich das Bild sehr gewandelt.

Tabelle 2: Kinder unter drei Jahren in Tageseinrichtungen (in Tsd.)20

Der Anteil der aktuell betreuten Kinder entspricht einer Verdreifachung in 13 Jahren (vgl. Tabelle 2)! 2007 lag das Ausbauziel für 2013 mit 750.000 Plätzen sogar noch höher; das sollten wohl die 33 Prozent sein, die der EU-Gipfel von Barcelona im Jahr 2002 bereits für 2010 vereinbart hatte. Diese Quote wurde erst 2015 erreicht.

Tabelle 3: Betreuungsquoten Null- bis Zweijähriger21

Die Betreuungsquote der Unter-Zweijährigen, die im Westen zunächst nur ein Metropolenphänomen war, hat sich seit den 1990er Jahren auch sehr stark erhöht, aber immer noch nicht das Niveau Ostdeutschlands erreicht (Tabelle 3). Psychologen können sicher trefflich diskutieren, ob die verstärkte Aufnahme von sehr kleinen Kindern in Betreuungseinrichtungen ihrem Bindungsverhalten helfen kann oder ob sie es tatsächlich behindert (Böhm, 2013).

Schlussbemerkungen

Kehren wir zu unserer Ausgangsfragestellung nach der Auswirkung der Sexualitätsregime zurück. Zunächst einmal muss man hier feststellen, dass beim Zeugungsakt männliche Sexualität schlecht von weiblicher zu trennen ist; deswegen habe ich am wenigsten über die im Titel annoncierte »männliche Sexualität« sagen können. Da sexueller Missbrauch nur zum kleineren Teil zwischen Vätern bzw. Stiefvätern und -kindern bzw. deren Müttern geschieht, habe ich dieses Thema nicht weiter vertieft. Auch die Entdeckung und größere gesellschaftliche Legitimierung weiblichen Begehrens seit 1968 lässt sich schwerlich direkt auf die Bindungsthematik beziehen – es sei denn, man beachtet das Beispiel der (wenigen) Frauen, die sich Kinder ohne einen Dauerpartner wünschten und damit ein egozentrisches Bindungsmodell anstrebten.

Misst man die Stabilität von Paarbeziehungen an ihrer Dauer, dann hat sich die Liberalisierung seit 1968 auf den ersten Blick fraglos destabilisierend ausgewirkt: Es gibt weniger Bereitschaft zu rechtlich langfristiger Bindung in Ehen, und die geschlossenen Ehen wurden bis 2005 immer häufiger geschieden. Allerdings kamen auch weniger Muss- und Versorgungsehen im Stil der 1950er und 1960er Jahre zustande, die zwar länger hielten, aber durch ein erhebliches inneres Machtungleichgewicht der Partner gekennzeichnet waren. Auch Lebenspartnerschaften halten heute weniger lang als in den 1960ern.

Es ist zumindest plausibel, dass Kinder, die bereits während der ersten drei Lebensjahre mit nur einem Elternteil aufwachsen, eine Problemgruppe werden können. Das gilt derzeit auch, weil ihre Mütter ökonomisch und sozial unter zunehmendem Druck stehen. Der Anteil dieser Kinder an allen Kindern steigt außerdem. Sie haben tendenziell weniger Chancen, stabile Bindungen zu entwickeln. Allerdings kommt es sehr darauf an, wie hoch man die Bedeutung der sekundären Bindungspersonen einschätzt. Sowohl das vergrößerte, hoffentlich auch verbesserte Betreuungsangebot in Krippen als auch das stärkere Engagement der Väter relativieren die Aussagekraft der steigenden Zahl von Alleinerziehenden mit sehr kleinen Kindern.

Schließlich ist auch zu bedenken, dass heute viel mehr Zuwendung zum Kind gefordert wird, als es die autoritären Erziehungslehren der frühen Bundesrepublik nahelegten. Erziehungsstile haben sich, eher zugunsten von Bindungsentwicklung, stark geändert. Außerdem sind Kinder Alleinerziehender heute nicht annähernd so ausgegrenzt wie die unehelichen Kinder der 1950er Jahre.22 Allerdings wären detailliertere Forschungen über die Zusammenhänge von Haushaltsform, Zuwendungsmöglichkeiten und Wirkung der institutionellen Unterstützung sehr wünschenswert.

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1 Explizit wird das von einem etwas irritierten Befragten angesprochen in Schmidt, Matthiesen, Dekker und Starke (2006, S. 92).

2 Dazu trägt oft bei, dass der Erzeuger nicht zahlt – aus welchen Gründen auch immer. Siehe dazu die in den Medien stark rezipierte Studie von Lenze (2014, S. 19–21). Diese Bertelsmann-Studie zur Finanzlage der Alleinerziehenden ist umstritten, da die Datenlage, insbesondere zur Zahlungsunwilligkeit der Väter, nicht überzeugt.

3 Die Beschäftigungsquoten sanken von 1997 bis 2009 um ein Fünftel – unfreiwillig bei den Alleinerziehenden. Deren Beschäftigungsverhältnisse sind öfter befristet, also prekär – und das mit zunehmender Tendenz; Alleinerziehende sind außerdem länger und häufiger arbeitslos.

4 Zur Methodik vgl. Ernst (2005), Mosser (2009, S. 21–27), Jungnitz et al. (2007, S. 49).

5 Brisch (2003, S. 111) weist allerdings auf die ebenfalls einschneidende Rolle von Missbrauchserfahrungen mit Personen in einer Fürsorgestellung hin.

6 Günther (2000, S. 171 f.) weist auf den Rückgang im Hellfeld hin: So sank die Häufigkeitszahl pro 100.000 Einwohner von 31,9 im Jahr 1955 auf 19,2 im Jahr 1996, was vielleicht auf eine sinkende Anzeigebereitschaft zeigt.

7 Als Erbkrankheiten im Sinne des Gesetzes galten: angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, zirkuläres (manisch-depressives) Irresein (heute Bipolare Störung), erbliche Fallsucht (heute Epilepsie), erblicher Veitstanz (heute Chorea Huntington), erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere erbliche körperliche Missbildung. Ferner konnte unfruchtbar gemacht werden, wer an »schwerem Alkoholismus« litt.

8 Ähnliche Tendenzen waren aber bereits älter und existierten zeitgenössisch auch zum Beispiel in den USA, s. Höffer-Mehlmer (2003, S. 171–175); s. aber Chamberlain (1998, bes. S. 118–128).

9 Vgl. zur Implementation in Mütterschulungskursen Quindeau, Einert und Teuber (2012, S. 97).

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