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Folgen Sie dem Gewebe: Das Gespür für die Strukturen gewinnen Sie durch die praktische Arbeit mit dem Pferd.
Dieses Praxisbuch liefert Ihnen das notwendige Wissen für eine individuelle Diagnose und nachhaltige Therapie: mit einem didaktisch raffinierten Schema, großformatig und mit detaillierten, aussagekräftigen Fotos. Aufgebaut nach Körperregionen, beschreibt es Diagnostik und Therapieoptionen für den jeweiligen Bereich.
Prägen Sie sich das systematische Vorgehen für Palpation, Testgriffe und Techniken ein, um die Primärläsion zielgerichtet aufzuspüren und ein nachhaltiges Therapieergebnis zu erzielen. Nutzen Sie das komplette Spektrum der manuellen Therapie – von der klassischen Massage bis hin zur Osteopathie und Chiropraktik. Denn für jedes Pferd gibt es den passenden, individuellen Therapieansatz. Besondere Extras: Fasziendehnung, Kinesiotaping + Videos zur Ganganalyse.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 652
Veröffentlichungsjahr: 2023
Renate Ettl
3., aktualisierte Auflage
288 Abbildungen
Nichts steht still. Alles ist dem Wandel der Zeit unterworfen. Auch die Therapieformen entwickeln sich für Mensch und Pferd stetig weiter. Manches hat lange Bestand, doch vieles wird neu erfunden und optimiert. Der Gewinn an Erfahrung, die Informationen, die einem die Pferde über Jahre hinweg geben, sowie die Forschung auf dem Gebiet der Pferdeanatomie und -physiologie bringen neue Therapieformen hervor. In dieser nun 3. Auflage, die einerseits zeigt, dass die Manuelle Pferdetherapie fest etabliert ist, andererseits dem Fluss des Zeitwandels unterworfen ist, habe ich meine neuen Techniken zur globalen Fasziendehnung mit aufgenommen. Eine wortwörtlich faszinierende Form der Behandlung!
Gschaid, im Januar 2023
Renate Ettl
Tipp
Videos zur ▶ Ganganalyse.
Die ganzheitliche Pferdetherapie wird immer beliebter, weil die Pferdebesitzer erkannt haben, wie gut es ihren Pferden nach einer professionellen Behandlung geht. Um jedoch ein guter Therapeut zu werden, müssen sich die Lernenden viel Zeit nehmen. Zeit, die viele glauben, dass sie sie nicht haben. Schnell möchte man Erfolge sehen und so verstricken sich viele darin, minimalistisch strukturierte Crashkurse zu belegen oder Bücher nur oberflächlich zu studieren, und laborieren letztendlich viel zu früh am Lebewesen Pferd herum.
Ungenügend ausgebildete Therapeuten bilden sich Erfolge möglicherweise nur ein, reden Fehler schön oder entdecken gar Fehler, wo keine sind. Schließlich verbuchen halbwissende Behandler die Selbstheilungskräfte des Organismus als Folge ihres eigenen Handelns. Und nicht zuletzt können Fehlbehandlungen fatale negative Auswirkungen auf das Pferd haben. Darum sei den angehenden Therapeuten geraten, das vorliegende Buch genau zu studieren, sich damit Zeit zu lassen und vor allem eine zusätzliche, umfassende praktische Ausbildung zu absolvieren, um die Techniken und Fähigkeiten zu perfektionieren. Nur dann kann man den Pferden – neben einer adäquaten tierärztlichen Behandlung – eine zusätzliche Stütze auf dem Weg zu einem körperlichen und seelischen Wohlbefinden sein.
Mein Ansinnen ist es deshalb, mit diesem Werk eine Gedankenstütze und ein Begleitinstrument für eine umfassende Ausbildung zu geben, damit der Leser stets den fundierten und ehrlichen Weg zur hilfreichen Befundung und Therapie für jedes Pferd individuell finden kann. Es soll unter anderem den Pferdebesitzer und interessierten Leser die Möglichkeit bieten, sich in die Materie einzuarbeiten, um die Qualität der therapeutischen Arbeit besser beurteilen zu können. Viele Techniken sind aber auch vom Pferdebesitzer selbst umsetzbar – worauf im Text dann speziell hingewiesen wird.
Kein Reiter ist in der Lage, ein Pferd perfekt zu reiten, wenn ihm der Reitlehrer nur erklärt, wie er die Hilfen zu geben hat. Auch hier muss der Reiter durch jahrelanges Üben das Gleichgewicht im Sattel finden, das richtige Gespür für die Reaktionen des Pferdes und den gefühlvollen Einsatz der Hilfen erlangen. Reiten und Therapieren haben dieselben Eigenschaften: Es ist jeweils eine Kunst und man lernt dabei nie aus!
Jeder seriöse Therapeut nimmt sich deshalb die Zeit, die er benötigt, um das Feeling zu entwickeln, das Gewebe zu lesen und schließlich beeinflussen zu lernen. Eine Unterstützung in Form einer praxisnahen Ausbildung ist unabdingbar. Dieses Buch soll den Weg zu einem kompetenten Therapeuten etwas leichter gestalten. Es soll helfen, Zusammenhänge und Abläufe besser zu verstehen, um die Techniken am Pferd adäquater und erfolgreicher umzusetzen.
In der vorliegenden zweiten Auflage wurden Text und Bildmaterial erweitert, um die Techniken noch transparenter und anschaulicher zu gestalten. Die Technik des Kinesiotapings wurde zudem den ergänzenden Therapieformen hinzugefügt. Weiter sind viele Details für ein besseres Verständnis optimiert worden. Für die hilfreichen Hinweise zur Verbesserung des Werkes bedanke ich mich insbesondere bei meinen Tierärzten, den Sattelexperten, meinen Kollegen und Schülern.
Gschaid, im März 2017
Renate Ettl
Jeder gute Pferdetrainer und Reitlehrer weiß, dass es im Unterricht nicht darum geht, den Reitschülern lediglich die Technik der Hilfengebung zu vermitteln, um ihnen das Reiten und Trainieren von Pferden beizubringen. Vielmehr steht im Vordergrund eines jeden Unterrichts, das Gefühl für das Pferd zu entwickeln, denn beim Reiten hat man es mit einem lebenden Wesen zu tun. Dabei gilt es, mit dem Pferd kommunizieren zu lernen, wobei das Gefühl eine überaus wichtige Rolle spielt. Das klingt zunächst einfach, ist es aber nicht, denn immer weniger Menschen sind in der Lage, Sensitivität und Gefühl zu entfalten – die Voraussetzung, Pferde in ihrer Art zu verstehen. Der Gefühlssinn geht den Menschen leider immer mehr verloren, weil dieser viel zu selten geschult wird und der Fokus im Alltag auf andere Dinge gerichtet ist. Dennoch gibt es erfreulicherweise immer noch viele talentierte und gefühlvolle Menschen, die mit einem Pferd gut harmonieren – ob vom Boden aus oder im Sattel.
Als ich vor 25 Jahren begann, mich mit den verschiedensten Therapiemethoden für Mensch und Tier auseinanderzusetzen, erkannte ich recht schnell, dass eine manuelle Behandlung nicht allein aus dem Erlernen verschiedener Techniken besteht, sondern dass das richtige Gefühl – das „Feeling“ – die Grundvoraussetzung dafür ist, eine Technik korrekt umzusetzen. Auch in diesem Fall hat das Gefühl mit Kommunikation zu tun und zwar mit dem zu behandelnden Gewebe. „Das Gewebe spricht Bände“ – unter Osteopathen ein geflügeltes Wort, doch erst nach vielen Jahren der praktischen Tätigkeit wurde mir klar, wie viel Wahrheit in diesem Satz steckt. „Hör auf das Gewebe, fühle in das Gewebe hinein und es wird Dir den Weg zur richtigen Therapie weisen“, klingen noch die Ermahnungen meiner Ausbilder in der Humanosteopathie und Chiropraktik nach.
Merke
Die Behandlung eines Pferdes hat in erster Linie mit der Kommunikation des Therapeuten mit dem Gewebe zu tun und erst in zweiter Instanz mit der richtigen Umsetzung der Technik.
Ich habe die Mahnungen und Weisungen meiner hervorragenden Ausbilder nicht vergessen und gebe sie heute gerne meinen Schülern und Lesern weiter. Jede technische Anweisung und noch so gute Erklärung ist wertlos, wenn sie nicht mit Gefühl umgesetzt wird. Das Gefühl ist entscheidend für die Qualität der Therapie: erfolgreich oder erfolglos.
In diesem Sinne möchte ich vor einem gedankenlosen Nachmachen der vorgestellten Therapien ohne praktische Anweisungen warnen. Ich möchte aber diejenigen ermutigen, sich mit den Therapieformen vertraut zu machen, die gewillt sind, uneingeschränkt ihr ganzes Leben zu lernen und ihr Gefühl immer weiter zu entwickeln, denn wie beim Reiten lernt man auch beim Therapieren nie aus.
Gschaid, im Juli 2012
Renate Ettl
Ich empfinde es als großes Geschenk, das Talent mit auf den Weg bekommen zu haben, Pferde therapieren zu können. Doch das Talent allein reicht nicht aus, um den vierbeinigen Geschöpfen zu helfen. Viele Menschen und Tiere haben es mir ermöglicht, Pferde zu behandeln und meine Erfahrungen letztendlich in diesem Buch niederzuschreiben.
Meine Dankbarkeit richtet sich deshalb an meine zahlreichen Ausbilder in der Pferde- und Humanosteopathie, Chiropraktik und Physiotherapie, an deren Wissen ich teilhaben durfte und die meinen therapeutischen Weg geprägt haben.
Ich bedanke mich bei meinem geduldigen Ehemann Peter, der mir beim Schreiben des Buches stets den Rücken freigehalten hat und mir als Assistent bei der Therapie von Pferden seit Jahren zur Seite steht. Nicht zuletzt gilt ihm der Dank für die Unterstützung beim Anfertigen der Fotos in diesem Buch.
Besten Dank auch an meine Schüler, die mich veranlassten, stets neue und bessere Wege zu erforschen, um die Pferdetherapie noch effizienter zu gestalten, sowie für die Zurverfügungstellung ihrer Pferde für Fotoaufnahmen und Unterstützung bei den Aufnahmen.
Herzlichen Dank an den Programmbereichsleiter des Sonntag Verlags, Dr. med. vet. Martin Schäfer, der dieses Buchprojekt möglich gemacht hat. Ebenso bedanke ich mich bei meiner Lektorin Dr. med. vet. Maren Warhonowicz für die tatkräftige Unterstützung bei diesem Projekt.
Zu großem Dank bin ich auch allen meinen Kunden verpflichtet, die mir großes Vertrauen entgegenbringen und mir erlauben, ihre Pferde zu behandeln und dauerhaft zu betreuen.
Ein herzliches Dankeschön an die Tierärzte, Hufschmiede, Trainer und Sattler meiner Kundenpferde für die gute Zusammenarbeit. Ebenfalls Danke an PD Dr. Johann Maierl vom Lehrstuhl für Anatomie, Histologie und Embryologie der Veterinärmedizinischen Fakultät München für die Erlaubnis zur Ablichtung der Pferdepräparate und die stets gute Zusammenarbeit.
Nicht zuletzt bedanke ich mich bei allen Therapiepferden, da sie mir die Erlaubnis geben, ihnen zu helfen, und mir hierfür ihr uneingeschränktes Vertrauen entgegenbringen.
Ein ganz besonderer Dank geht an meine Pferde, die sich stets mit viel Geduld meinen Schülern als „Versuchskaninchen“ zur Verfügung stellen und für die Fotoaufnahmen zu diesem Buch stets parat standen. Ich danke meiner 36-jährigen New-Forest-Stute Dunya, meiner Araberstute Sidi, meiner Quarter-Horse-Stute Silena und meiner Haflingerstute Ronja für ihre Bereitschaft, ihre Gutmütigkeit, ihr Vertrauen und ihre Treue.
Renate Ettl
Titelei
Vorwort 3. Auflage
Vorwort zur 2. Auflage
Vorwort zur 1. Auflage
Danksagung
Teil I Grundlagen
1 Ausgangslage
1.1 Hilfe zur Selbstheilung
1.2 Behandlungsindikationen
1.2.1 Lahmheiten
1.2.2 Reiterliche Probleme
1.2.3 Verhaltensauffälligkeiten
1.3 Methoden im Überblick
1.3.1 Bewährte Techniken
1.4 Grundprinzipien bei der Behandlung von Pferden
1.4.1 Sicherheitsaspekte
1.4.2 Zusammenarbeit mit weiteren Fachleuten
2 Anatomie und Biomechanik
2.1 Basiswissen
2.2 Die Lagebezeichnungen am Pferdekörper
2.3 Der passive Bewegungsapparat des Pferdes
2.3.1 Der Knochenaufbau
2.3.2 Die Gelenke
2.3.3 Knochen und Gelenke des Kopfes
2.3.4 Die Wirbelsäule sowie Knochen und Gelenke des Rumpfes
2.3.5 Knochen und Gelenke der Vordergliedmaßen
2.3.6 Knochen und Gelenke der Hintergliedmaßen
2.4 Der aktive Bewegungsapparat des Pferdes
2.4.1 Allgemeine Muskellehre
2.4.2 Sehnen und Bänder
2.4.3 Faszien
Teil II Therapiemethoden
3 Manuelle Therapie
3.1 Qualifikation des Manualtherapeuten
3.2 Muskeltherapie
3.2.1 Grundlagen der Lehre
3.2.2 Klassische Massage
3.2.3 Triggerpunkttherapie
3.2.4 Myofascial Release Technique (MRT)
3.2.5 Muskeldehnungen
3.2.6 Fasziendehnungen
3.3 Parietale Osteopathie
3.3.1 Grundlagen der Lehre
3.3.2 Behandlungsprinzipien, Stilrichtungen und Techniken
3.4 Weitere osteopathische Systeme
3.4.1 Kraniosakrale Osteopathie
3.4.2 Viszerale Osteopathie
4 Physikalische Therapie
4.1 Gerätetherapie
4.1.1 Elektrotherapie
4.1.2 Magnetfeldtherapie
4.1.3 Lasertherapie
4.1.4 Infrarot-Bestrahlung
4.2 Geräteunabhängige Zusatztherapien
4.2.1 Wärme- und Kältetherapie
4.2.2 Hydrotherapie
4.2.3 Kinesiotaping
Teil III Befundung und Behandlung
5 Bestandsaufnahme
5.1 Vorgehensweise
5.2 Anamnese
5.2.1 Die Patientenkartei
5.2.2 Das Anamnesegespräch
5.3 Adspektion
5.3.1 Die Adspektion im Stand
5.3.2 Die Ganganalyse
5.4 Palpation
5.4.1 Vertrauensbildung
5.4.2 Scan-Befundung
5.5 Standardzusatzprogramme
5.5.1 Zahnkontrolle
5.5.2 Ausrüstungskontrolle
5.6 Alternativprogramme
5.6.1 Allgemeinuntersuchung
5.6.2 Neurologische Tests
5.6.3 Trainingstests
6 Diagnostik und Therapie
6.1 Allgemeine Vorgehensweise
6.1.1 Befundungs- und Behandlungsablauf
6.1.2 Muskeln, Faszien und andere Weichgewebe
6.1.3 Knochen und Gelenke
6.2 Kopfstrukturen
6.2.1 Der Kauapparat
6.2.2 Das Os hyoideum (Zungenbein)
6.3 Die Wirbelsäule
6.3.1 Das Atlantookzipitalgelenk
6.3.2 Das Atlantoaxialgelenk
6.3.3 Die untere Halswirbelsäule
6.3.4 Die Brustwirbelsäule
6.3.5 Die Lendenwirbelsäule
6.3.6 Sakrum und Iliosakralgelenk
6.3.7 Die Schweifwirbel
6.4 Rumpf und Extremitäten
6.4.1 Das Scapulothorakal- und Scapulohumeralgelenk
6.4.2 Das Humeroradiocubitalgelenk (Ellbogengelenk)
6.4.3 Das Karpalgelenk und das Os pisiforme
6.4.4 Fesselgelenk und Gleichbeine
6.4.5 Kron- und Hufgelenk
6.4.6 Die Rippen
6.4.7 Das thorakolumbale Diaphragma (Zwerchfell)
6.4.8 Das Ilium
6.4.9 Das Hüftgelenk
6.4.10 Das Kniegelenk
6.4.11 Das Sprunggelenk
7 Nachsorge
7.1 Kontrolluntersuchungen und Nachbehandlung
7.2 Pflege- und Trainingshinweise für den Besitzer
Teil IV Anhang
8 Videos zur Ganganalyse
8.1 Ganganalyse auf der Geraden
8.2 Ganganalyse an der Longe
9 Weiterführende Literatur
Autorenvorstellung
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum
1 Ausgangslage
2 Anatomie und Biomechanik
Die Kenntnis der anatomischen Strukturen sowie der physiologischen und biomechanischen Funktionen ist die Basis für die Manuelle Therapie am Pferd. Der Pferdetherapeut muss die Zusammenhänge und Vorgänge im Körper des Pferdes verstehen, um heilsame Behandlungen ansetzen zu können. Manipulationen, Dehnungstechniken oder Druckpunktsysteme sind ohne ausreichende anatomische und physiologische Kenntnisse kontraproduktiv oder gar gefährlich. Für den praktizierenden Therapeuten ist es deshalb zwingend erforderlich, sich eingehend dem Studium der Anatomie und Physiologie des Pferdes zu widmen. In diesem Zusammenhang sei auch auf die weiterführende Literatur verwiesen.
Jede Berührung des Therapeuten hat Einfluss auf die Körperstrukturen des Pferdes. So ergeben sich mechanische Reaktionen beispielsweise durch einen Fingerdruck auf gewisse Strukturen, die Blut und Lymphflüssigkeit stauen oder den Weitertransport unterstützen. Über die Stimulation von Reflexpunkten reizt der Therapeut das Nervensystem und erreicht damit ganz gezielte Reaktionen, die beispielsweise entspannend, vitalisierend oder mobilisierend wirken. Die Auswirkungen erstrecken sich auf den gesamten Körper wie Muskeln, Nervensystem, Faszien, Herz- und Kreislaufsystem.
Die alleinige theoretische Kenntnis der Funktionalität der Strukturen reicht allerdings noch lange nicht aus, um Pferde zu therapieren. Was die therapeutischen Techniken zur Kunst macht und letztendlich dazu beiträgt, den Heilungsprozess in Gang zu bringen, ist das Einfühlungsvermögen des Therapeuten bei der Arbeit mit den anatomischen Strukturen. Ein Pferd ist kein mechanisches Gebilde wie ein Auto, das beispielsweise bei exakt 300 g Druck auf das Gaspedal eine gewisse Geschwindigkeit fährt.
Jeder Reiter weiß, dass manche Pferde sensibler reagieren als andere. Somit benötigt das Pferd eine für jenes Individuum exakt angepasste Hilfe, um eine gewünschte Reaktion zu erreichen. Bei einem Pferd sind es möglicherweise 2 kg Druck mit dem Unterschenkel, um es zum Angaloppieren zu bewegen, bei einem anderen hingegen reicht allein eine leichte Berührung aus. Für keines der Pferde gibt es allerdings eine mitgelieferte Bedienungsanleitung und doch sind gute Reiter in der Lage, die unterschiedlichsten Pferde zu reiten. Dies ist deshalb möglich, weil sie in der Lage sind, sich auf das jeweilige Individuum einzustellen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Hilfen es in welcher Form und Stärke benötigt.
Der Therapeut muss sich ebenfalls auf jedes Tier individuell einfühlen können, um den Zustand jeder einzelnen Faser im Körper beurteilen und letztendlich mit der richtigen Technik und der angebrachten Druckstärke behandeln zu können.
Dabei können die anatomischen Strukturen bei Pferden sehr unterschiedlich sein. Schon äußerlich ergibt sich ein höchst individuelles Erscheinungsbild. Diese Aussage wird am deutlichsten, vergleicht man nur verschiedene Pferderassen miteinander. Ein Kaltblutpferd wartet mit einer völlig anderen Konstitution auf als ein Araber. Doch auch innerhalb der Rassen lassen sich teils signifikante Unterschiede feststellen. Nicht jeder Haflinger gleicht dem anderen und selbst die absolut innerhalb ihrer Rasse rein gezogenen Isländer sind völlig einzigartige Individuen. Jedes Tier ist einmalig, sodass der Therapeut stets neutral auf ein Pferd zugehen und sich überraschen lassen muss, welche Gegebenheiten ihn mit dieser Körper-Psyche-Konstellation erwarten.
Bevor man sich jedoch mit Individualitäten befassen kann, müssen die Grundlagen der allgemeingültigen Anatomie gelegt werden.
Sowohl in der Human- als auch der Tiermedizin werden standardmäßig spezielle Begriffe für die Lagebezeichnung ( ▶ Tab. 2.1 ) von anatomischen Strukturen verwendet, um der Problematik aus dem Weg zu gehen, dass „am Rücken oben“ plötzlich nicht mehr „oben“ ist, wenn das Pferd beispielsweise auf der Seite liegt. Aus diesem Grund verwendet man den Begriff „dorsal“, wenn die Lage in Richtung Rücken (am stehenden Pferd wäre dies also oben, am liegenden Pferd wäre dies je nach Standpunkt allerdings links, rechts oder seitlich) gemeint ist. Damit sind alle Richtungen sowie Schnittebenen mit speziellen, allgemeingültigen Bezeichnungen belegt. Dies hilft bei der Beschreibung von Läsionen, Behandlungstechniken und Abbildungen von bildgebenden Verfahren wie Röntgenbildern. Diese Begriffe müssen dem Therapeuten absolut geläufig sein.
Tab. 2.1
Die Lagebezeichnungen am Pferdekörper.
Begriff
Bedeutung
Verwendung
dorsal
rückenwärts
am Rumpf, Kopf, distalen Gliedmaßen, Vorderseite Karpal- bzw. Sprunggelenk
ventral
bauchwärts
am Rumpf und am Kopf
kranial
kopfwärts
am Rumpf und Schweif
kaudal
schwanzwärts
am Rumpf und am Kopf
medial
zur Mitte hin
gesamter Körper
lateral
seitlich
gesamter Körper
proximal
rumpfwärts
Gliedmaßen und abstehende Strukturen
distal
vom Rumpf weg
Gliedmaßen und abstehende Strukturen
palmar
handflächenwärts
an den Vordergliedmaßen unterhalb des Karpalgelenks
plantar
fußsohlenwärts
an den Hintergliedmaßen unterhalb des Sprunggelenks
median
mittig
am Rumpf und am Kopf
axial
zur Achse hin von Hand- und Fußknochen
an den Zehen
abaxial
von der Achse des Hand- und Fußknochens weg
an den Zehen
rostral
in Richtung Nasenspitze
am Kopf
externus
außen gelegen
am Rumpf und an Organen
internus
innen gelegen
am Rumpf und an Organen
profundus
tief gelegen
am Rumpf, am Kopf und an Organen
superficialis
oberflächlich gelegen
am Rumpf und an Organen
temporal
in Richtung Schläfenbein (Os temporale)
am Auge
nasal
in Richtung Nase (Os nasale)
am Auge
oral
in Richtung Maul
am Kopf
apikal
zur Spitze hin
an Nase, Zehen, Schweif
superior
oben
am Augenlid
inferior
unten
am Augenlid
Medianebene
mittige Ebene, die den Körper in zwei Hälften von links und rechts teilt
–
Paramedianebene
parallel zur Medianebene in deren unmittelbarer Nähe
–
Sagittalebene
parallel zur Medianebene, aber etwas weiter außen gelegen
–
Horizontalebene
parallel zur dorsalen Fläche (waagerecht)
–
Transversalebene
senkrecht zur Längsachse
–
Mit Ausnahme der Zähne ist das Knochengerüst ( ▶ Abb. 2.1) die härteste Struktur des Pferdekörpers. Das Skelett – auch passiver Bewegungsapparat genannt – gibt dem Körper die äußere Form. Es stellt das Fundament des Pferdekörpers dar und dient als Verankerung der Muskulatur (= aktiver Bewegungsapparat). Weitere Aufgaben des Knochengerüsts sind der Schutz von lebenswichtigen Organen sowie des zentralen Nervensystems und die Funktion eines Hebelsystems für die Bewegung. Des Weiteren dient es als Mineralstofflager (vor allem Kalzium) und als Blutbildungsstätte (rotes Knochenmark).
Abb. 2.1 Das Knochengerüst des Pferdes stellt den passiven Bewegungsapparat dar und ist mit Ausnahme der Zähne die härteste Körperstruktur.
(Nickel R, Schummer A, Seiferle E, Hrsg. Lehrbuch der Anatomie der Haustiere, Bd. 1 Bewegungsapparat. 8. Aufl. Stuttgart: Parey Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart; 2004)
Knochenmaterial ist lebendes Gewebe und besteht aus etwa 25 % Wasser, anorganischen Mineralsalzen und organischer Knochenmatrix. Die eingelagerten Mineralstoffe bestehen – je nach Knochenart – zu etwa 37 % aus Kalzium, 18 % aus Phosphor und knapp 1 % aus Magnesium. Ein 500 kg schweres Pferd hat einen Kalziumvorrat von bis zu 10 kg im Skelett eingelagert. Dabei sind 99 % des gesamten Körperkalziums im Knochen gebunden.
Trotz der Festigkeit des Knochenmaterials lässt sich ein Knochen umformen und trainieren. Durch Belastungen, Wachstum, Krankheiten oder Verletzungen ist der Knochen ständigen Umbauvorgängen unterworfen. Dieser Umbau geschieht allerdings nicht kurzfristig, sondern erstreckt sich über Wochen, Monate und Jahre hinweg.
Man unterscheidet verschiedene Arten von Knochen: Röhrenknochen (Beispiel: Femur), platte Knochen (Beispiel: Skapula), kurze Knochen (Beispiel: Kronbein) und unregelmäßige Knochen (Beispiel: Wirbel).
Die Röhrenknochen bilden im Gegensatz zu den kurzen und platten Knochen eine Markhöhle aus ( ▶ Abb. 2.2). Diese Markhöhle beinhaltet das fettreiche Knochenmark (Medulla ossium), das aus retikulärem Gewebe besteht. Dieses enthält Stammzellen, die beim jungen Pferd für die Blutbildung zuständig sind. Im Alter wird das rote Knochenmark zum Fettmark (gelbes Knochenmark) umgewandelt, womit schließlich keine Blutzellen mehr gebildet werden können.
Abb. 2.2 Schnitt durch einen Röhrenknochen.
Die platten und kurzen Knochen hingegen besitzen keine Markhöhle. Diese Knochen bestehen aus Spongiosa, einem geflechtartigen Gewebe. Die Hohlräume der Spongiosa sind mit rotem Knochenmark ausgefüllt, das zeitlebens die Fähigkeit zur Blutbildung hat.
Die Spongiosa ist bei kurzen und platten Knochen mit einer sogenannten Knochenrinde, der Kortikalis, umgeben. Die Röhrenknochen sind nur an den Knochenenden mit einer Spongiosa ausgestattet und von der Kompakta umhüllt. Umgeben ist der Knochen schließlich mit dem Periost (Knochenhaut), das aus straffem Bindegewebe, der Fibrosa sowie der Kambiumschicht (Osteoblastenzone) besteht.
Vom Periost ausgehend verlaufen Blutgefäße und kollagene Faserbündel in den Knochen hinein, um diesen zu ernähren. Im Periost befinden sich außerdem Nervenbahnen. Bei Knochenverletzungen wie Brüchen schmerzt somit nicht der Knochen an sich, sondern das Periost.
Die parallel zur Knochenachse verlaufenden Blutgefäße nennt man Havers-Kanäle, die senkrecht angelegten Blutgefäße hingegen heißen Volkmann-Kanäle. Die Blutgefäße stehen mit den Knochenzellen, den Osteozyten, in Verbindung, um diese zu ernähren. Die Osteozyten unterscheiden sich in Osteoblasten (knochenaufbauende Zellen) und Osteoklasten (knochenabbauende Zellen). Die Osteozyten sind zwischen Lamellenstrukturen eingelagert, die kollagene Fasern enthalten und – je nach Verlauf – auf Zug oder Druck belastbar sind.
Die Knochenbildung (Ossifikation) kann auf verschiedenen Wegen entstehen. Bei der desmalen Osteogenese entsteht der Knochen direkt aus dem embryonalen Bindegewebe. Vor allem die Knochen des Schädels werden auf diese Weise gebildet.
Die weiteren Skelettanteile werden über die chondrale Osteogenese gebildet, wobei aus dem Mesenchym zunächst knorpelige Strukturen (hyaliner Knorpel) entstehen, die schließlich verknöchern.
Man unterscheidet hierbei wiederum zwischen der enchondralen Ossifikation, der Verknöcherung von innen her, und der perichondralen Ossifikation
