17,99 €
Mit The Great Hidden Inspirer, dem vierten Band der Poiesis-Reihe, widmet sich der renommierte Duchamp-Forscher Michael R. Taylor der Rolle Marcel Duchamps als heimlichem Drahtzieher in entscheidenden Momenten der Kunstgeschichte. In dem titelgebenden Aufsatz deckt Taylor auf, dass es Duchamp war, der dem Surrealismus in seinem New Yorker Exil zwischen 1942 und 1947 aus der Krise half und der Bewegung eine neue Richtung gab. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Duchamps wohl provokantestem Geniestreich Fountain erscheint ein weiterer Essay von Taylor in diesem Band. »Blind Man's Bluff« beschreibt die Hintergründe des Ereignisses, bei dem ein Pissoir die Kunstwelt erschütterte. Die damaligen Versuche, dieses provokante Objekt einzuordnen, zeugen von den Schwierigkeiten seiner Kritiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sich von tradierten ästhetischen Vorstellungen zu lösen. MARCEL DUCHAMP, eigentlich Henri-Robert-Marcel Duchamp (1887–1968), zählt zu den Wegbereitern des Dadaismus und Surrealismus. Seine Ansichten stellen den gängigen Kunstbegriff radikal in Frage und führten das Readymade in die Kunstwelt ein.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2020
MARCEL DUCHAMP THE GREAT HIDDEN INSPIRER
Schriftenreihe des Duchamp-Forschungszentrums am Staatlichen Museum Schwerin
herausgegeben von edited by Gerhard Graulich und and Kornelia Röder
Michael R. Taylor
MARCEL DUCHAMP THEGREAT HIDDEN INSPIRER
Hrsg. ed. Gerhard Graulich, Kornelia Röder
Texte von Texts by Michael R. Taylor übersetzt von translated by Katharina Uhl
Michael R. Taylor
MarcelDuchamp. The Great Hidden Inspirer
Poiesis. Schriftenreihe des Duchamp-Forschungszentrums Schwerin, Staatliches Museum Schwerin / Ludwigslust/ Güstrow
Herausgeber Band 4 editor volume 4
Gerhard Graulich und and Kornelia Röder
Redaktion editing
Katharina Uhl
Lektorat copyediting
Oliver Schmidt, Katharina Uhl (Deutsch German)
Uta Hoffmann, Keonaona Peterson (englisch English)
Übersetzungen Translations
Katharina Uhl (Englisch–Deutsch English–German)
Alison O’neill (Deutsch–Englisch German – English)
Verlagsherstellung Production
Heidrun Zimmermann, Stefanie Kruszyk
© 2017 Hatje Cantz Verlag GmbH, Berlin, und autoren and authors
© 2017 der abgebildeten Werke von for the reproduced works by Marcel Duchamp / association Marcel Duchamp, Salvador Dalí / Fundació Gala-Salvador Dalí; Paul
Delvaux / Fond. P. Delvaux S. Idesbald, Belgien; und and
René Magritte: VG Bild-Kunst, Bonn;
Von by Denise Bellon: les films de l’équinoxe-fonds photographique Denise Bellon; Maya Deren: Tavia ito, re:voir video; Friedrich Kiesler: Österreichische Friedrich und lilian Kiesler privatstiftung;
Sowie bei den Künstlern und ihren Rechtsnachfolgern
As well asthe artists and their legalsuccessors
FotoNachweis credits
Board of Trustees, national Gallery of art, Washington:
S. p. 125
Centre Georges Pompidou, Paris, bpk / cnac-MnaM / Jacques Faujour: S. p. 132
Philadelphia Museum of Art: S. pp. 120–124, 127, 128, 130, 131 Staatliches Museum Schwerin / Ludwigslust / Güstrow:
S. pp. 71, 133, 134, 137, 138
Erschienen im Published by Hatje Cantz Verlag Mommsenstrasse 27
10629 Berlin Deutschland / Germany Tel. +49 30 3464678-00
Fax +49 30 3464678-29
www.hatjecantz.de
Ein Unternehmen der Ganske Verlagsgruppe
AGanske Publishing Group company
Hatje Cantz books are available internationally at selected bookstores. For more information about our distribution partnersplease visit our homepageatwww.hatjecantz.com
ISBN (print) 978-3-7757-4372-3
ISBN (ebook) 978-3-7757-4848-3
ISBN (PDF) 978-3-7757-4850-6
We cannot be held responsible for external links; the content of external links is the full responsibility of the operators of these sites.
INHALT
Der Begriff der Freiheit in der Kunst von Marcel Duchamp
GERHA RD GRAULICH, KORNELIA RÖDER
Dank
MICHAEL R. TAYLOR
BLIND MAN’S BLUFF
Duchamp, Stieglitz und der Fountain-Skandal neu betrachtet
MICHAEL R. TAYLOR
»DER HEIMLICHE Impulsgeber«
Marcel Duchamp und der Surrealismus im Exil, 1942–1947
MICHAEL R. TAYLOR
Zum Autor
TABLE OF CONTENTS
Theconcept of Freedom in the art ofMarcel Duchamp
GERHARD GRAULICH, KORNELIA RÖDER
Acknowledgments
MICHAEL R. TAYLOR
BLIND MAN’S BLUFF
Duchamp, Stieglitz, and theFountainScandalRevisited
MICHAEL R. TAYLOR
“THE GREAT HIDDEN INSPIRER”
Marcel Duchamp and Surrealism in Exile, 1942–1947
MICHAEL R. TAYLOR
About the Author
ABBILDUNGEN/FIGURES
GERHARD GRAULICHUND KORNELIA RÖDER
Die Auseinandersetzung mit Marcel Duchamps Werk verblüfft immer wieder, denn in der Forschung erfährt das, was als bekannt gilt, mitunter eine neue Deutung, nämlich dann, wenn die Fakten unter einem Anderen Gesichtspunkt studiert werden. Zuweilen sind es Details, die in einzelnen Werken übersehen wurden, Quellen, die nicht bekannt waren oder nicht zur Kenntnis genommen wurden, zuweilen sind es aber auch wegweisende Beiträge Duchamps zum Kunstgeschehen, die bisher nicht in angemessener Weise gewürdigt wurden.
Dieser Ambivalenz des Bekannten widmet sich der in England geborene Amerikanische Kunsthistoriker und Kurator Michael R. Taylor in den beiden brillanten Essays von Poiesis IV. Zum einen handelt es sich um den Aufsatz »Blind Man’s Bluff: Duchamp, Stieglitz und der Fountain-Skandal neu betrachtet«, in dem Taylor die Fakten zu dem wohl bekanntesten Readymade Fountain akribisch ausbreitet und neu zusammenführt. Zum Anderen ist der Aufsatz »›Der heimliche Impulsgeber‹. Marcel Duchamp und der Surrealismus im Exil, 1942–1947« in den Poiesis-Band aufgenommen worden, da hier zentrale Erkenntnisse zum New Yorker Surrealismus vorgestellt werden. Die Essays verdeutlichen Duchamps Weitsicht, schildern seine künstlerischen Strategien und vor allem seine Unbestechlichkeit bezüglich der Freiheit der Kunst. Von größter Bedeutung war für Duchamp, so Michael R. Taylor, stets der Respekt vor den Ideen und der individuellen Leistung des kreativ Schaffenden. Sicherlich sah Duchamp, dass Kunst immer auch einen Rahmen oder eine präsentationsform benötigt, wie sie etwa die 1916 gegründete Society of Independent Artists bot, in Deren Vorstand er tätig war. Gleichwohl akzeptierte er nicht, dass Funktionäre, Administratoren oder ideologische Anführer entscheiden, was aus moralischen, ästhetischen oder politischen Gründen gezeigt wird oder nicht. Die Conditio der Sozialstaates von 1917 war: »no jury, no prizes«, und diesen Grundsatz nahm Duchamp sehr Ernst: Wer ein Werk eingereicht hat, soll es auch präsentieren können.
Fountain war Duchamps probe aufs Exempel, die er in unglaublich kluger Weise mit seinem provokativen Objekt und seinem Bluff machte. Die Geschichte glauben wir zu kennen, doch war sie, wie Michael R. Taylor darlegt, viel komplexer, was zum einen die Diskussionen in der Society of Independent Artists, zum Anderen die Inszenierung des Stieglitz-Fotos offenbart. Und die Deutung von Fountain endet damit noch nicht, denkt man an die politische Bedeutung des 1913 entstandenen, in der Fotografie als Hintergrund verwendeten Gemäldes The Warriors von Marsden Hartley oder an die Konnotation einer öffentlichen Herrentoilette, die im damaligen New York als Treffpunkt galt, an dem gleichgeschlechtlicher Sexualverkehr stattfand, was damals verboten war. Ob hier darüber hinaus ein erstes auftreten von Rrose Sélavy, Duchamps geschlechtlich ambivalenter Kunstfigur, avant la lettre zu sehen ist, darf durchaus zur Diskussion gestellt werden.
Der zweite Essay »Der Heimliche Impulsgeber« setzt sich mit der Emigration und der Exilsituation der surrealistischen Künstler in Amerika zu Beginn der 1940er-Jahre auseinander. Taylor gibt prononcierte Antworten auf die Fragen: Welche Rolle kommt Duchamp in jenen Jahren zu? Warum wurde er zum Impulsgeber der Surrealisten, und warum verlor André Breton zur gleichen Zeit an Bedeutung? Sicherlich spielte Duchamps Weltläufigkeit, sein Esprit, seine künstlerische Radikalität eine Rolle, die man im Kreis der Surrealisten bewunderte. Demgegenüber weigerte sich Breton fast ängstlich, sich der Amerikanischen Lebensweise zu öffnen und englisch zu lernen. Breton erstarrte in seinem Anspruch, die Werte der europäischen Kultur, insbesondere die französische Sprache, zu verteidigen. Sein Ziel war es, an die Zwischenkriegszeit in Paris anzuknüpfen. Jedoch wurde ihm sehr schnell klar: New York ist anders, größer, andere Spielregeln sind hier gültig. Man musste sich verabreden, um sich zu treffen. Und, was wesentlich ist, Breton konnte nicht mehr kontrollieren und die surrealistische Ausrichtung vorgeben.
Entscheidend in jenen Jahren war, dass Marcel Duchamp die Gruppe in New York für jedermann öffnete und den Surrealismus aus dem elitären seiner fast privaten Ästhetik befreite. Vor allem durch Veröffentlichungen in den Magazinen View und VVV fand eine Verbindung von Surrealismus und populärer Kultur statt, die in der Duchamp Ausgabe von View 1945 gipfelte, an der André Breton, Gabrielle Buffet, Nicolas Calas, Joseph Cornell, Charles Henri Ford, Julien Levy, Roberto Matta, Man Ray und Ettie Stettheimer beteiligt waren. Duchamps großes Verdienst jener Jahre war, die surrealistische Bewegung zu einen, wobei es ihm nicht um Autorität, sondern um Integrität ging. Damit untergrub er ganz offensichtlich André Bretons Position wie auch dessen Vorstellung des Surrealismus, die dort an ihre Grenzen stieß, wo Sexualität offen und freizügig gelebt wurde. Charles Henri Ford und Marcel Duchamp lehnten Zensur, insbesondere die durch Breton formulierte Diskriminierung von Schwulen und Lesben ab, denn der Surrealismus war für beide letztlich ein Ausdruck von Freiheit.
Der nunmehr vierte Band der Poiesis-Reihe erscheint zum 100- jährigen Jubiläum von Fountain, dem wohl provokantesten und damit erfolgreichsten Readymade von Duchamp. Auch dieser Band setzt den lebendigen Diskurs um das vielschichtige Werk von Duchamp fort. Fragt der erste Poiesis-Band Where do wego from here? noch nach der zukünftigen Ausrichtung der Duchamp-Forschung am Staatlichen Museum Schwerin / Ludwigslust / Güstrow, so setzt der zweite Band mit dem Titel The Indefinite Duchamp – Duchamp für alle – von Thomas Girst ein Statement in Bezug auf das Selbstverständnis des Schweriner Forschungszentrums. Dessen anliegen besteht nicht nur in der Vermittlung von Duchamps komplexer Ideenwelt an unterschiedliche Interessengruppen, sondern auch darin, den Betrachter dazu anzuregen, das Kunstwerk selbst zu vollenden – ganz im Sinne Duchamps. Dieser offene Zugang lässt sich nur mit innovativen und auf die Reflexionsfähigkeit des Betrachters vertrauenden Vermittlungsformaten umsetzen, die in Zusammenarbeit mit Künstlern und Wissenschaftlern aus Geistes, aber auch naturwissenschaftlichen und Anderen Disziplinen entwickelt werden. Mit dem dritten Band von Thomas Zaunschirm zum letzten Readymade Duchamps wurde eine Methodendiskussion eröffnet, die verschiedene Betrachtungsweisen ermöglicht. In Faux Vagin werden grundlegende Kriterien verhandelt, die einen alltagsgegenstand zum Readymade werden lassen.
An diese Fragen knüpft Michael R. Taylor mit seinem Essay »Blind Man’s Bluff« an, indem er den Diskurs um die Kategorie der Freiheit erweitert. Michael R. Taylors Aufsatz »Der heimliche Impulsgeber« lässt die Zeit, als die europäischen Künstler im New Yorker Exil lebten, wieder lebendig werden. Im Kontext einer heutigen globalisierten Kunstszene erscheinen die von Taylor feinsinnig und differenziert herausgearbeiteten unterschiedlichen ReAktionen der Exilkünstler auf das neue Umfeld in einem völlig neuen licht. Der Surrealismus in New York stellt sich als ein Phänomen dar, bei dem europäische Wertvorstellungen mit einer bisher fremden Lebensweise konfrontiert wurden.
Dieser wichtige Aspekt wurde im Zusammenhang mit der Etablierung des Surrealismus in den USA bisher nicht in der Weise beleuchtetet, wie es in Michael R. Taylors kenntnisreichen Essay geschieht. Mit seiner über einen reinen Kunstdiskurs hinausgehenden Betrachtungsweise werden brisante und bis heute aktuelle Fragen tangiert, leben doch gegenwärtig zahlreiche Künstler aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihren Heimländern. Zumeist kommen auch sie – wie Anfang der 1940er-Jahre die Surrealisten – aus einem Anderen Kulturkreis. Wie inspirierend stellt sich das neue Umfeld dar? Duchamp fungierte als vermittelndes Bindeglied, als Scharnier, zwischen den beiden Zentren der Avantgarde. Ihm schien die Synthese von Paris und New York sowohl in seinem leben als auch in seinem Werk mühelos gelungen zu sein, und sie wirkte sich offenbar inspirierend auf sein leben und seine Kunst aus. Jenseits von Nationalismus und einer ablehnenden Haltung gegenüber allem Fremden, lässt sich die im Essay dargelegte Position von Marcel Duchamp als Plädoyer für Freiheit und Weltoffenheit in der Kunst verstehen.
Zudem zeugt der vierte Band von Poiesis eindrucksvoll von Michael R. Taylors Fähigkeit zur humorvollen und inspirierenden Reflexionen über das Werk Marcel Duchamps und dessen künstlerisches Umfeld. Er hat wie kaum ein anderer Kunsthistoriker mit seinen Ausstellungen, Publikationen und Vorträgen den internationalen Duchamp-Diskurs maßgeblich geprägt. Derzeit ist Taylor als chefkurator und stellvertretender Direktor des Virginia Museum of Fine Arts in Richmond (USA) tätig. Er hat zuvor lange als Kurator für die Kunst der Moderne am Philadelphia Museum of Art gearbeitet und 2009 mit Marcel Duchamp. Étant donnés ein wissenschaftliches Standardwerk zu Duchamps später Installation vorgelegt, für die ihm im selben Jahr der George Wittenborn Memorial Book Award 2009 verliehen wurde. Seit 2009 bietet Schwerin ein Forum zu Erforschung der Kunst Marcel Duchamps und seines tiefgreifenden Einflusses auf die Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Mit dem vierten Poiesis-Band von Michael R. Taylor wird ein weiterer Aspekt in der profilierung des Schweriner Duchamp-Forschungszentrums gesetzt.
Für die sensible und fachkundige Übersetzung und das gewissenhafte Lektorat der Publikation bedanken wir uns recht herzlich bei Katharina Uhl.
MICHAEL R.TAYLOR
Bei diesem Buch handelt es sich um den vierten Band von Poiesis. Diese vom Staatlichen Museum Schwerin herausgegebene und bei Hatje Cantz erscheinende Buchreihe widmet sich den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über Marcel Duchamp und zeugt vom engagierten Einsatz des Schweriner Museums für die Verbreitung von Duchamps leben, Werk und künstlerischem erbe. Meine große Anerkennung gilt den drei vorangegangenen Veröffentlichungen der Poiesis-Reihe: Impuls Marcel Duchamp. Where Do We Go From Here?, einer Sammlung von Aufsätzen, die aus der gleichnamigen Tagung, die 2009 in Schwerin stattfand, hervorgegangen ist, Ebenso wie Thomas Girsts The Indefinite Duchamp und Thomas Zaunschirms Faux Vagin. Marcel Duchamp’sLast Readymade. Daher war es eine Freude und eine große ehre für mich, als die Herausgeber von Poiesis und Leiter des Duchamp-Forschungszentrums, Gerhard Graulich und Kornelia Röder, mir vorschlugen, zwei meiner Aufsätze im vierten Band der Reihe zu veröffentlichen. Bei meinem darauffolgenden Besuch im Duchamp- Forschungszentrum im Juli 2016 war ich sehr beeindruckt von der Forschungsarbeit, die hier unter der Leitung von Kornelia und Gerhard geleistet wird. Ihr großes Engagement für die Verbreitung von Duchamps häufig ikonoklastischen und für die nachfolgende Kunstwelt höchst einflussreichen Ideen spiegelt sich in der Herausgabe von Poiesis wider.
Bei The Great Hidden Inspirer handelt es sich um zwei Aufsätze, von denen ich hoffe, dass Sie dem Leser einen hilfreichen und substanziellen Einblick in zwei zentrale Themen liefert, die das Werk und die Ideen Duchamps betreffen, nämlich zum einen in die skandalöse Rezeptionsgeschichte von Fountain im Jahr 1917 und zum Anderen in Duchamps komplexe Beziehung zu André Breton und zur surrealistischen Bewegung zurzeit des Zweiten Weltkriegs sowie kurz danach.
»›Der heimliche Impulsgeber‹. Marcel Duchamp und der Surrealismus im exil, 1942–1947« hat seinen Ursprung in einem Vortrag, den ich auf der Tagung »Der Surrealismus und alternative Sexualität« am 23. Juli 2009 im Radcliffe Institute for Advanced Study an der Harvard Universität gehalten habe. Ich danke Jonathan Katz für seine Einladung zu dieser Tagung Ebenso wie für seine Anregungen und die positiven Worte, die er im Hinblick auf meinen Beitrag fand. Meine Thesen wurden durch den Eustausch und die wertvollen Anregungen der Anderen Tagungsteilnehmer weiter geschärft. Hier seien Brad epps, Dagmar Herzog und Whitney Chadwick besonders erwähnt. Im folgenden Jahr wurde ich von David Lomas und Sharon-Michi Kusunoki eingeladen, das Thema auf der von der Edward James Foundation organisierten Tagung »Querying Surrealism / Queering Surrealism« vorzutragen, die vom 18. bis 20. Juni im West Dean College in Chichester, England, stattfand. Auch hier erhielt ich wertvolle Denkanstöße von Wissenschaftlern wie James Boaden, Jonathan Eburne, Charles Miller, Joanna Pawlik und Sarah Wilson.
Im Rahmen der Tagung »Duchamp in Sweden. On the Reception of Marcel Duchamp after World War II«, die vom 28. bis 30. April 2015 im Moderna Museet in Schweden stattfand, wurde der Aufsatz von mir in einer überarbeiteten Version vorgestellt. Ohne Daniel Birnbaum, den großartigen Direktor des Moderna Museets, hätte es diese Tagung nicht gegeben. Mein großer Dank gilt Paul Franklin und Anna Tellgren, die mich eingeladen und mir während der Ausarbeitung des Textes wertvolle Anregungen gegeben haben. Die kontinuierliche Weiterentwicklung des Themas basiert auf den Denkanstößen, die mir Kollegen und Freunde gaben, und ließ einen Aufsatz entstehen, den ich für einen meiner gelungensten halte. Aus diesem Grund war ich hoch erfreut, als Gerhard und Kornelia auf der Stockholmer Tagung mit der Idee an mich herantraten, diesen im vierten Band der Poiesis-Reihe zu veröffentlichen. Es ist mir eine ehre, mit Unterstützung des Staatlichen Museums Schwerin diesen Essay gemeinsam mit »Blind Man’s Bluff. Duchamp, Stieglitz und der Fountain-Skandal neu betrachtet« zu veröffentlichen, und ich bin Gerhard und Kornelia für ihr entgegenkommen und ihren wissenschaftlichen Rat zu tiefstem Dank verpflichtet.
Im Zuge der Vorbereitungen für die Publikation wurde deutlich, dass ein ergänzender Aufsatz zu »The Great Hidden Inspirer« für die geplante Veröffentlichung eine Bereicherung darstellen würde, und so habe ich mich nach längerer Überlegung entschieden, meinen Aufsatz über Duchamps Werk Fountain (1917) als Beitrag zum 2017 stattfinden den 100. Jahrestag von Duchamp bewusst als Provokation bei der New Yorker Society of independents eingereichtem Pissoir auszuwählen. Eine frühere Version dieses Essays wurde in dem Katalog Mirrorical Returns.Marcel Duchamp and 20th Century Art veröffentlicht, der 2004 die gleichnamige Ausstellung im Museum of Art in Osaka begleitete, die zudem im Jahr darauf im Yokohama Museum of Art gezeigt wurde. Meine tief empfundene Dankbarkeit gilt dem Kurator der Ausstellung Yukihiro Hirayoshi, der mich eingeladen hatte, den Essay »The Blind Man’s Bluff« beizutragen, den ich nun für die Veröffentlichung bei Poiesis gründlich überarbeitet habe. Bei meinen wissenschaftlichen Recherchen und bei meiner Forschungsarbeit habe ich mich stets von Anderen Experten auf diesem Gebiet anregen und inspirieren lassen. Mein Aufsatz über Fountain stellt dabei keine Ausnahme dar, und ich möchte folgenden Duchampianern für ihre inspirierenden wissenschaftlichen Beiträge zum Werk und leben des Künstlers danken Ebenso wie für ihr hilfreiches Feedback und den Einblick in ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse: Dawn Ades, Bradley Bailey, Ecke Bonk, Stefan Banz, Bill Camfield, Marc Décimo, Hans De Wolf, Anne d’Harnoncourt, Elena Filipovic, Paul Franklin, Thomas Girst, John Golding, Anne Collins Goodyear, Linda Dalrymple Henderson, David Hopkins, Walter Hopps, Amelia Jones, Dalia Judovitz, James McManus, Janine Mileaf, Herbert Molderings, Helen Molesworth, Francis Naumann, Molly Nesbit, Gavin Parkinson, Calvin Tomkins und Jeffrey Weiss. Ebenso möchte ich den erben des Künstlers danken, besonders Antoine Monnier und Jacqueline Matisse Monnier, für ihre Unterstützung bei dieser Publikation und ihr großes Wissen über Marcel Duchamp. Mein besonderer Dank gilt Katharina Uhl für ihre hervorragende Übersetzung beider Aufsätze ins Deutsche und meiner wundervollen Frau Sarah für ihre Geduld und Nachsicht während der Entstehung dieses Buches und für ihr Vertrauen in mich. Und schließlich möchte ich »The Great Hidden Inspirer« meinen Töchtern Emma und Abby Widmen, die meine Vorliebe für Gossenhumor teilen und Fountain konsequenterweise für das komischste und zweifellos größte Kunstwerk des 20. Jahrhunderts halten!
DUCHAMP, STIEGLITZ UND DER FOUNTAIN-SKANDAL NEU BETRACHTET
MICHAEL R. TAYLOR
Eine bedeutende Ursache für die fortwährende Anziehungskraft von Marcel Duchamps Fountain ist seine faszinierende Kombination aus Klarheit und Unbestimmbarkeit. Das Pissoir, das heute in Alfred Stieglitz’ berückend schöner Fotografie (Abb. 1) Ebenso fortlebt wie in den Repliken, die von Duchamp in den 1950er- und 1969er-Jahren autorisiert wurden, ist von perfekter Einfachheit, von klarer Präsenz, ein in sich ruhendes Ding – ausgewählt, festgehalten und klar umrissen. Seine glänzende Oberfläche verleiht der Keramik den Anschein von Reinheit und Unschuld, doch darunter verbergen sich, wie jeder Betrachter weiß, unliebsame und anstößige Assoziationen. Als der Künstler im April 1917 das unveränderte weiße porzellan-Pissoir unter einem pseudonym für die erste Ausstellung der Society of Independent Artists in New York einreichte, löste er bewusst einen Skandal aus, der das bisherige Schweigen der Kritiker zu den Readymades brechen würde. Da es sich um einen gezielten provokativen Streich handelte – um einen wohlüberlegten Scherz in Form einer plastischen Gestalt, der ersonnen wurde, um die Scheinheiligkeit des von der Society beteuerten, von Freiheit und Toleranz bestimmten Idealismus aufzudecken –, unterscheidet sich das Pissoir grundlegend von Anderen Objekten, die im gleichen Zeitraum zu Readymades erklärten wurden, darunter eine Schneeschaufel, eine Schreibmaschinenabdeckung und ein Hundekamm aus Metall. Während diese Gegenstände Duchamps persönliche Experimente mit dem Geschmack waren, wurde das Pissoir explizit im Hinblick auf seine Schockwirkung ausgewählt und war eher für die Öffentlichkeit als für die private Anschauung gedacht.
Die zahlreichen zwischen 1916 und 1917 entstandenen Readymades bevölkerten Duchamps Atelier in einem wilden Durcheinander, das die Besucher regelrecht genervt haben musste. Duchamp bewohnte in der 67sten Straße, 33 West, in New York einen kleinen Raum, der durch einen kurzen Flur mit dem Apartment der Arensbergs verbundenen war, und arbeitete dort mietfrei. Im Gegenzug versprach er seinen Vermietern, ihnen später Das Große Glas (1915–1923) zu überlassen. Die zu dieser Zeit entstandenen Schnappschüsse von Duchamps unaufgeräumtem Atelier veranschaulichen, wie die Readymades durch ihre bewusst unkonventionelle Anordnung auf chaotische Weise die Ordnung des Raumes stören (Abb. 2 und 3). Die Schneeschaufel mit dem Titel InAdvance of the Broken Arm (1915) und der Hutständer (1917) hingen von der Decke; Trébuchet (Stolperfalle, 1917), eine Art Wandgarderobe, war vom Künstler in einem Akt der Verzweiflung auf dem Boden festgenagelt worden, nachdem er andauernd darüber gestolpert war, wohingegen das Porzellan-Urinal, das Duchamp Fountain (1917) getauft hatte, unter den Türsturz einer Durchgangstür gehängt worden war. Freunde des Künstlers sahen sich beim Besuch seines Ateliers mit einer verwirrenden Installation konfrontiert, bei der es keine Grenzen zwischen den Readymades, den einrichtungsgegen ständen und den übrigen Gegenständen im Atelier zu geben schien.1 Dieses Experiment muss gleichermaßen physisch verunsichernd wie geistig herausfordernd gewesen sein, was Duchamps Konzept der Readymades als eine radikale Abkehr von kulturellen Codes und Praktiken deutlich macht, die das künstlerische Schaffen bestimmen.
Trotz seiner Sonderstellung innerhalb der Readymdes war es die Rezeption von Fountain, die den Diskurs und die kritische Auseinandersetzung mit den Readymades in dieser Zeit wesentlich bestimmte, was wiederum zu einem grundlegenden Missverständnis von Duchamps Werk und seinen intellektuellen Ideen führte.2 Zu allem Überfluss wurde die kritische Auseinandersetzungen mit dem anzüglich anmutenden Beitrag des Künstlers durch Stieglitz‘ ungewöhnliche Fotografie wesentlich geprägt, das das glänzende Sanitärobjekt in eine anthropomorphe Figur verwandelte. Zeitgenössische Betrachter waren sehr schnell versucht, Stieglitz’ geheimnisvolles Bild mit einer Form von religiöser Präsenz zu vergleichen, etwa einer verschleierten Madonna oder einem sitzenden Buddha, was zu weiteren Fehldeutungen hinsichtlich Duchamps ikonoklastischer Intentionen im Kontext des Fountain-Skandals führte.
Für Duchamp war das Readymade die mit abstand wichtigste Idee seiner künstlerischen Arbeit, obwohl er nie zu einer Definition oder einem Konzept gelangte, das ihn vollständig zufrieden stellte. Später betrachtete er diese Unbestimmbarkeit sogar als Anzeichen dafür, dass sein Einfall weiterhin voller Geheimnisse stecke. Nichtsdestotrotz gab der Künstler zahlreiche Interviews, nahm an Diskussionen teil und hielt Vorträge, die über einige Aspekte des komplexen Gedankengebäudes der Readymades Aufschluss geben. So bestimmte Duchamp beispielsweise in dem subtilen, wortgewandten Vortrag »apropos of ›Readymades‹« (Hinsichtlich der ›Readymades‹), den er 1961 im Museum of Modern Art hielt, einige grundlegenden Eigenschaften, die die von ihm ausgewählten Gegenstände charakterisierten: »einen punkt möchte ich ganz besonders hervorheben, nämlich den, daß die Wahl dieser ›Readymades‹ nie von einer ästhetischen Lust diktiert wurde. Diese
