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Der Märchenschatz der Ukraine enthält viele Kostbarkeiten, von denen einige der schönsten in diesem Buch zusammengetragen sind. In fünf Kapiteln finden wir "Helden, und Abenteuer", "Klugheit und List", erfahren schöne und traurige Weisheiten "Vom Miteinander", "Die Macht des Schicksals" und "Unverhofftes Glück". Wir begleiten die Märchenhelden beim Kampf mit Drachen und anderen Unholden und in unterirdische Reiche, fliegen mit dem Rabenkönig und in einem Schiff durch die Luft und begegnen dem hölzernen Kindlein Telessik, Boris Dreiersohn, dem Waldkönig Och, den Sorgenkobolden und dem Strohstier. Gemeinsam mit den gewitzten, mutigen und leidgeprüften Helden der ukrainischen Märchen entdecken wir ihre schöne Heimat.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Gemeinsam mit den gewitzten, mutigen und leidgeprüften Helden der ukrainischen Märchen entdecken wir ihre schöne Heimat. Wir begleiten sie beim Kampf mit Drachen und anderen Unholden, fliegen mit dem Rabenkönig und in einem Schiff durch die Luft und begegnen dem hölzernen Kindlein Telessik, Boris Dreiersohn und dem Waldkönig Och. In fünf Kapiteln finden wir „Helden und Abenteuer“, „Klugheit und List“, erfahren schöne und traurige Weisheiten „Vom Miteinander“, „Die Macht des Schicksals“ und „Unverhofftes Glück“.
Michaela Brinkmeier, Jahrgang 1968, ist promovierte Germanistin, studierte außerdem Kunstgeschichte und Journalistik. Sie arbeitet freiberuflich als Märchenerzähler in und Harfenspielerin, Autorin, Klangtherapeutin, Klangpädagogin und Meditationslehrerin und gibt Seminare in Klöstern und Erwachsenenbildungs-Einrichtungen zu Märchen, Meditation, Klang und Entspannung. Infos:
www.Sterntaler-Harfe.de
www.Klang-und-Meditation.com
zum Erzählen und Vorlesen
Herausgegeben und erzähltvon Michaela Brinkmeier
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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E-Book-Ausgabe 2024
© 2022 Königsfurt-Urania Verlag GmbH
Ringstr. 32, D-24103 Kiel
www.koenigsfurt-urania.com
Lektorat: Brunhilde Noffke, Bovenau
Satz: Stefan Hose, Götheby-Holm
Umschlaggestaltung: Martina Künzer, unter Verwendung der folgenden Motive von Adobe Stock: »Bright yellow flowers of sunflowers in a field of golden wheat on blue sky background« ©anisha_mur; »Oil paintings rural landscape, field in the countryside« ©yaroslavartist
ISBN 978-3-86826-095-3 gedruckte Ausgabe
ISBN 978-3-86826-375-6 EPUB
Vorwort
Helden und Abenteuer
Och
Der kleine Schafhirte
Der Gerber Kirilo
Kullererbse
Boris Dreiersohn
Das fliegende Schiff
Die Zarentochter Frosch
Das Schilfrohrmädchen
Klugheit und List
Das Geschenk für den Vater
Der Zar und der Engel
Wie das Feuer in den Stein gekommen ist
Vaters Tochter und Mutters Tochter
Sjerko
Der Hammel und der Ziegenbock
Der Heiltrank
Der schönere Traum
Wie der Bauer mit dem hochmütigen Gutsherrn zu Mittag aß
Vom Miteinander
Der Fäustling
Der Herr Kater
Die Schatulle
Die drei Brüder und ihr Ziehvater
Wahrheit und Lüge
Zwei Brüder
Die Macht des Schicksals
Der arme Bauer und der Wind
Die Sorgenkobolde
Verfolgte Unschuld
Unverhofftes Glück
Das Glücksmädchen
Der Strohstier
Frau Wind
Telessik, das hölzerne Kindlein
Vom Armen und vom Rabenkönig
Vom Glück, das auf die alten Tage kam
Quellenangaben
Wenn wir in die ukrainische Märchenwelt eintauchen, bekommen wir eine Ahnung davon, was die Ukrainer über die Jahrhunderte geprägt und bewegt hat. Es sind ganz wunderbare Geschichten, die das Herz und die Seele berühren, manchmal auch unter die Haut gehen. So phantastisch und abenteuerlich sie auch sind, sie wirken oft mitten aus dem Leben gegriffen.
Mir sind sie beim Schreiben dieses Buches sehr ans Herz gewachsen, die ukrainischen Märchenhelden: Kullererbse, Boris Dreiersohn, das hölzerne Kindlein Telessik und all die anderen namenlosen Helden.
Wenn wir erleben, dass die Märchenhelden buchstäblich durchs Feuer gehen müssen, mit bösen Drachen kämpfen, als kleiner Hirte dem Zaren die Stirn bieten, eine Königstochter aus dem unterirdischen Reich eines bösen Männleins befreien, die Sorgenkobolde und einen hochmütigen Gutsherrn überlisten, dann hoffen und bangen wir mit ihnen.
Heldenmut und Abenteuer, Gewitztheit und Kühnheit, Kummer und Leid, aber auch Herzensgüte und Gottvertrauen sprechen aus den Märchen der Ukraine. Und die Hoffnung, dass allen Irrungen und Wirrungen, allen widrigen Wendungen des Schicksals zum Trotz am Ende alles gut wird.
Möge es den Menschen in der Ukraine und ihrem schönen Land auch so ergehen.
Und mögen diese Volksmärchen Ihnen, liebe Leser, liebe Vorleser, Erzähler und Zuhörer, Freude bereiten und Sie ein wenig verzaubern.
Michaela Brinkmeier
Früher war es nicht so wie jetzt, früher geschahen noch allerhand Wunder auf der Welt, und auch die Welt selbst war nicht so, wie sie jetzt ist. Zu unsrer Zeit gibt es von alledem nichts mehr. Ich will euch ein Märchen erzählen vom Waldkönig Och, was das für ein Kerl war.
Vor langer Zeit, früher noch, als unsre Erinnerung zurückreicht, vielleicht waren auch unsre Väter und Großväter noch nicht einmal auf der Welt, da lebte ein armer Mann mit seiner Frau, und sie hatten nur einen einzigen Sohn, aber der war nicht so geraten, wie es sein sollte: Er war so faul, dass Gott erbarm! Nichts tat er, und kaltes Wasser ließ er nicht an sich heran, sondern lag immer nur auf dem Ofen und wühlte in der Hirse herum. Er war vielleicht schon zwanzig Jahre alt, aber er saß noch immer ohne Hosen auf dem Ofen und kroch nie hinunter; gab man ihm zu essen, so aß er, gab man ihm nichts, so war er auch damit zufrieden.
Vater und Mutter aber waren sehr bekümmert und sprachen: »Was sollen wir mit dir anfangen, wo du doch zu nichts zu gebrauchen bist? Andere Kinder sind ihren Eltern eine Hilfe, aber du frisst ganz unnütz unser Brot!« Er wollte aber von Arbeit nichts wissen, saß da und wühlte in der Hirse.
Zu unsrer Zeit, was so die fünf-, sechsjährigen Buben sind, die tragen schon Hosen und helfen den Eltern; jener aber war ein Kerl fast bis zur Decke und ging immer ohne Hosen.
Vater und Mutter grämten und grämten sich, und schließlich sagte die Mutter: »Was denkst du, Alter, mit ihm anzufangen, wo er doch schon erwachsen ist, aber solch ein Nichtsnutz, dass er keine einzige Arbeit versteht? Du solltest ihn irgendwohin geben und ihn verdingen, vielleicht lernt er etwas bei fremden Leuten.« So beschlossen sie es, und der Vater gab ihn zum Schneider in die Lehre. Dort blieb er drei Tage, dann lief er davon; er kroch auf den Ofen und wühlte aufs Neue in der Hirse.
Der Vater schimpfte, verpasste ihm eine Tracht Prügel und gab ihn zu einem Schuster, das Schusterhandwerk zu erlernen. Aber er lief auch dort davon.
Der Vater prügelte ihn wieder und tat ihn zu einem Schmied in die Lehre. Doch er blieb auch dort nicht lange und lief fort.
Was sollte der Vater da machen? »Ich will den Faulpelz in ein anderes Reich bringen und dem Erstbesten verdingen, vielleicht läuft er dort nicht davon.« Und er führte ihn fort.
Sie gingen und gingen, lange oder auch nicht lange, und kamen schließlich in einen Wald, der war so dunkel, dass man nur noch Himmel und Erde zu sehen vermochte. Als sie den Wald durchschritten hatten, waren sie müde geworden; am Wege aber stand gerade ein verkohlter Baumstumpf. Da sprach der Vater: »Ich will mich setzen und ein wenig ausruhen.« Und als er sich auf den Baumstumpf niederließ, sagte er ächzend: »Och! Wie bin ich müde!«
Kaum aber hatte er diese Worte gesprochen, als im selben Augenblick aus dem Baumstumpf ein kleines altes Männchen hervorkroch; ganz runzlig war es, und sein grüner Bart hing ihm bis zu den Knien hinab. »Was brauchst du von mir, guter Freund?«, fragte es. Der Bauer staunte: Von wo ist das wunderliche Ding hergekommen? Und er sprach zu ihm: »Hab’ ich dich denn gerufen? Scher dich fort!« »Wie hast du mich denn nicht gerufen?«, erwiderte das Männchen. »Natürlich hast du’s getan!« »Wer bist du denn?«, fragte der Bauer. »Ich bin der Waldkönig Och. Warum riefst du mich?« »Pack dich fort, ich hab’ nicht daran gedacht, dich zu rufen!«, sagte der Bauer. »Und doch hast du mich gerufen und hast ›Och‹! gesagt.« »Ich war müde geworden, darum hab’ ich es gesagt.« »Wohin gehst du denn?«, fragte der Och. »Wohin die Augen schauen! Ich will hier meinen liederlichen Sohn verdingen, vielleicht bringen ihm fremde Leute Vernunft bei, denn daheim lief er fort, wohin ich ihn auch gab.« »Verding ihn mir«, sagte der Waldkönig. »Ich werd’ ihn in die Lehre nehmen, aber unter einer Bedingung: Wenn du ihn nach einem Jahr holen kommst und du erkennst ihn, so nimm ihn mit; erkennst du ihn aber nicht, so muss er mir noch ein Jahr dienen!« »Schon gut«, sagte der Bauer. Und sie bekräftigten es durch Handschlag und tranken darauf den Kauftrunk, wie sich’s gehört; dann ging der Bauer heim, den Sohn aber nahm der Och mit sich.
Der Waldkönig führte ihn hinab in jene andere Welt unter der Erde und brachte ihn in eine grüne Hütte, die war von einem Rohrzaun umgeben. In der Hütte aber war alles grün: Die Wände waren grün und die Bänke, Ochs Frau war grün, und die Kinder waren grün, und auch die Wasserweibchen, die bei ihm dienten, kurz – alles, alles. »Na, setz dich«, sagte der Och zu seinem neuen Knecht, »und iss etwas!« Die Nixen brachten ihm Essen, und auch das Essen war grün; und er aß sich satt. »Jetzt geh«, sagte der Waldkönig, »schlag Brennholz klein und trag es her.« Der Knecht ging hinaus. Doch er hatte gerade einmal ein, zwei Hiebe getan, da legte er sich hin und schlief ein. Der Och kam heran und sah ihn schlafen. Da hob er ihn auf, ließ das Holz zusammentragen, fesselte den Knecht und legte ihn darauf, dann zündete er den Holzstoß an. Der Bursche verbrannte! Dann streute der Waldkönig die Asche in den Wind. Eine Kohle aber fiel aus der Asche heraus. Der Och besprengte sie mit Lebenswasser, und da ward der Knecht wieder lebendig, und er war schon ein wenig behänder geworden.
Der Och befahl ihm nochmals, Holz zu hacken, aber der Bursche schlief wieder ein. Und der Waldkönig zündete das Holz an, verbrannte den Knecht, streute die Asche in den Wind, besprengte die Kohle mit Lebenswasser, und der Bursche ward wieder lebendig und so schmuck, wie es keinen zweiten gab!
Und der Waldkönig verbrannte ihn zum dritten Mal und besprengte wieder die Kohle mit Lebenswasser, und aus dem faulen Lümmel ward ein so flinker und schöner Bursche, dass es nicht zu sagen und nicht zu denken, nur im Märchen zu erzählen ist.
Ein Jahr diente er bei dem Waldkönig. Und als das Jahr herum war, ging der Vater seinen Sohn holen. Er kam in den Wald, setzte sich auf den verkohlten Baumstumpf und rief: »Och!« Da kroch der Och aus dem Baumstumpf hervor und sprach: »Guten Tag, Bauer!« »Guten Tag, Och!« »Was willst du denn, Bauer?« »Ich bin gekommen, meinen Sohn zu holen.« »Na, so geh, erkennst du ihn, so nimm ihn mit dir, erkennst du ihn aber nicht, muss er mir noch ein Jahr dienen.« Der Bauer ging mit dem Waldkönig, und sie kamen in seine Hütte. Der Och trug ein Maß Hirse hinaus und streute sie aus: Da lief eine Unmenge von Hähnen zusammen! »Na, such ihn dir heraus«, sagte der Och. »Wo ist denn dein Sohn?« Der Bauer sah sie sich an, doch alle Hähne waren einander gleich, einer wie der andere, und er erkannte seinen Sohn nicht. »Na, dann geh nur wieder, wenn du ihn nicht erkannt hast; ein Jahr dient dein Sohn noch bei mir.« Und der Bauer ging wieder nach Hause.
Als das zweite Jahr herum war, ging der Bauer wieder zum Waldkönig. Er kam zum Baumstumpf und rief: »Och!«. Da kroch dieser zu ihm hinaus und sprach: »Komm, such ihn heraus!« Er führte ihn in die Schafhürde, die war aber voll von Schafen, und eines glich dem anderen. Der Bauer suchte und suchte und fand ihn nicht heraus. »Geh nur heim, wenn’s so steht«, sagte der Och. »Dein Sohn wird noch ein Jahr bei mir bleiben.« Und der Bauer ging wieder fort und grämte sich.
Auch das dritte Jahr ging herum. Der Bauer wanderte wieder zum Waldkönig. Und wie er so dahinging, begegnete ihm ein alter Mann, der war so weiß wie Milch, und auch seine Kleider waren weiß. »Guten Tag, Bauer!« »Guten Tag, Alter!« »Wohin führt dein Weg?« »Ich geh zum Och, meinen Sohn auszulösen.« »Wie geht das zu?« Der Bauer erzählte dem weißen Alten, wie er seinen Sohn dem Waldkönig gegeben hatte und unter welcher Bedingung. »Oh, da steht’s schlimm, Bauer!«, sagte der Alte. »Der zieht die Sache lang hinaus.« »Ich sehe ja schon selbst, dass es schlecht steht«, erwiderte der Bauer, »aber ich weiß nicht, was in aller Welt ich anfangen soll. Wisst Ihr nicht, wie ich meinen Sohn erkennen kann?« »Ich weiß es wohl!«, meinte der Alte. »Sagt es mir doch, Alterchen, ich will mein Lebtag für Euch beten! Denn immerhin, wie faul er auch gewesen sein mag, er ist doch mein Sohn, mein eigen Blut!« »Hör mal zu«, sagte der Alte, »wenn du zum Och kommst, wird er Tauben herauslassen und sie füttern; dann nimm dir aber keine andere als diejenige, die nicht frisst, sondern unter dem Birnbaum sitzt und sich das Gefieder glattstreicht: Das ist dein Sohn!« Da dankte der Bauer dem Alten und ging weiter.
Er kam zu dem Baumstumpf und rief: »Och!« Der Waldkönig kam sogleich herausgekrochen und führte ihn in sein Reich. Dann schüttete er ein Maß Weizen aus und lockte die Tauben herbei. So viele flogen zusammen, dass Gott erbarm! Und eine war genau wie die andere. »Such deinen Sohn!«, sagte der Och. »Erkennst du ihn – ist er dein, erkennst du ihn nicht – ist er mein!« Alle Tauben pickten den Weizen auf, nur eine saß ganz allein unter dem Birnbaum, hatte sich aufgeplustert und strich sich das Gefieder glatt. Da sprach der Bauer: »Das ist mein Sohn!« »Na, du hast’s erraten! So nimm ihn denn auch.« Der Waldkönig verwandelte die Taube, und ein so schmucker Bursche stand da, wie es keinen schöneren auf der Welt gab. Der Vater freute sich von Herzen, umarmte und küsste ihn. »Komm, mein Sohn, lass uns nach Hause geh’n!« Und sie machten sich auf.
Sie gingen ihres Weges und plauderten miteinander. Der Vater fragte, wie es beim Och gewesen wäre, und der Sohn erzählte, wie es ihm beim Waldkönig ergangen war. Dann klagte der Vater, wie elend sie daheim ihr Leben gefristet hatten, und sagte schließlich: »Was sollen wir jetzt anfangen, mein Sohn? Ich bin arm und du bist arm. Drei Jahre hast du gedient und nichts erarbeitet!« »Grämt Euch nicht, Vater, alles wird gut werden. Schaut, dort jagen Herrensöhne hinter den Füchsen her. Ich will mich in einen Windhund verwandeln und den Fuchs fangen, dann werden die jungen Herren mich von Euch kaufen wollen; verkauft mich für dreihundert Rubel, aber nur ohne das Halsband, so werden wir zu Geld kommen und reich werden!«
Und als sie weitergingen, jagten die Hunde am Waldrand den Fuchs und jagten hart hinterher und bekamen ihn doch nicht zu packen. Sofort verwandelte sich der Sohn in einen Windhund, jagte den Fuchs und fing ihn. Die jungen Herren kamen aus dem Wald angesprengt. »Ist das dein Windhund?« »Ja, er ist mein!« »Ein guter Hund! Verkauf ihn uns.« »Kauft nur.« »Was willst du für ihn haben?« »Dreihundert Rubel ohne Halsband.« »Was sollen wir auch mit deinem Halsband? Wir werden ihm ein vergoldetes machen lassen. Hier hast du hundert Rubel!« »Nein.« »Na, so nimm die dreihundert Rubel und gib den Hund her.« Sie zählten ihm das Geld ab, nahmen den Hund mit sich und jagten weiter. Sie ließen den Windhund auf einen Fuchs los, doch er jagte nur kurz hinter dem Fuchs her, dann lief er in den Wald, verwandelte sich wieder in den Burschen und kam zum Vater zurück.
Als sie weitergingen, sprach der Vater: »Was nützt uns das bisschen Geld, mein Sohn; es reicht nur, für die Wirtschaft was anzuschaffen und die Hütte auszubessern.« »Sorgt Euch nicht, Vater, es kommt noch mehr zusammen. Dort jagen Herrensöhne Wachteln mit dem Falken. Ich will mich in einen Falken verwandeln; die jungen Herren werden mich kaufen wollen, und Ihr verkauft mich dann wieder für dreihundert Rubel, aber ohne die Kappe.«
Sie gingen über ein Feld, und die Herren ließen den Falken auf die Wachtel los; der Falke stieß hinab, aber die Wachtel flog davon. Da verwandelte sich der Sohn in einen Falken und stieß sofort auf die Wachtel hinunter. Die jungen Herren sahen es. »Ist das dein Falke?« »Ja, er ist mein.« »Verkauf ihn uns.« »Kauft ihn nur.« »Was willst du für ihn haben?« »Gebt ihr dreihundert Rubel, so nehmt den Falken, aber ohne die Kappe.« »Wir werden ihm eine aus Brokat machen.« Und er verkaufte ihn für dreihundert Rubel. Dann ließen die Herren den Falken auf eine Wachtel los, aber er flog fort, weiter und immer weiter, verwandelte sich wieder in den Burschen und kam zum Vater zurück.
»Na, jetzt sind wir schon ein wenig reicher geworden«, sagte der Vater. Aber der Sohn meinte: »Wartet nur, Vater, es wird noch mehr werden. Wenn wir auf den Jahrmarkt kommen, will ich mich in ein Ross verwandeln, und Ihr verkauft mich dann. Man wird Euch tausend Rubel für mich geben, aber verkauft mich nur ohne das Halfter.« Und als sie in den nächsten Flecken kamen, war dort gerade Jahrmarkt. Der Sohn verwandelte sich in ein Ross, und es war feurig wie ein Drache, so dass man Furcht hatte heranzutreten! Der Vater führte das Ross am Halfter, und es bäumte sich auf und stampfte mit den Hufen auf die Erde! Da stellten sich die Händler ein und feilschten. »Für tausend ohne das Halfter«, sagte der Vater, »dann kriegt ihr es.« »Was brauchen wir das Halfter, wir machen ihm einen Zaum aus Silber und Gold!« Fünfhundert gaben sie. »Nein! Dafür bekommt ihr’s nicht.«
Da kam ein Kaufmann heran, der war auf einem Auge blind. »Was willst du, Bauer, für das Ross?« »Tausend, ohne das Halfter.« »He, teuer bist du, mein Lieber! Nimm fünfhundert mit dem Halfter!« »Nein, das passt mir nicht«, sagte der Vater. »Na, sechshundert – hier!« Aber der Kaufmann mochte noch so sehr handeln, der Bauer gab nicht nach. »Gut, ich gebe dir’s, Alter, aber mit dem Halfter.« »He, nein! Das Halfter ist mein.« »Guter Freund, hast du schon einmal gesehen, dass man ein Pferd ohne Zaum verkauft? Man kann es ja so nicht einmal dem andern in die Hände geben.« »Wie du willst, aber das Halfter ist mein!«, sagte der Bauer. »Dann will ich dir noch fünf Rubel dazulegen, Alter, aber mit dem Halfter.« Der Bauer überlegte: »Der Zaum ist vielleicht seine drei Silberlinge wert, der Kaufmann aber will fünf Rubel geben.« Da gab er ihm Ross und Halfter. Sie tranken den Kauftrunk drauf, und dann steckte der Bauer sein Geld ein und ging nach Hause, der Kaufmann aber saß auf und ritt davon. Das war aber gar kein Kaufmann, sondern der Och, der hatte sich in den Kaufmann verwandelt und so den Bauern und seinen Sohn überlistet.
Das Ross trug den Waldkönig weit fort, und trug ihn höher als die Bäume und niedriger als die Wolken. Endlich ließen sie sich in dem Walde nieder und kehrten heim zum Och, in das unterirdische grüne Reich. Er ließ das Ross auf der Weide und ging in die Hütte. »Er ist mir nun doch nicht entschlüpft, der Hundesohn!«, sagte er zu seiner Frau. Zur Mittagszeit aber führte der Och das Ross am Zügel zur Tränke an den Fluss. Doch da riss sich das Ross mit einem Mal los, warf sich ins Wasser und verwandelte sich in einen Barsch, der eilends davonschwamm. Der Och besann sich nicht lange, verwandelte sich in einen Hecht und verfolgte den Barsch. Aber sooft er ihn erreicht hatte, sträubte der Barsch seine Flossen und kehrte ihm den Schwanz zu, dass der Hecht ihn nicht zu fassen bekam. Schließlich rief der Hecht:
»Barschlein, Barschlein,
Dreh dein Köpfchen her zu mir,
Komm und plaudere mit mir!«
»Willst du, Gevatter, mit mir plaudern«, sprach der Barsch zum Hecht, »so hör ich dich auch so.« Und wieder hatte der Hecht ihn fast erreicht und rief:
»Barschlein, Barschlein,
Dreh dein Köpfchen her zu mir,
Komm und plaudere mit mir!«
Doch der Barsch sträubte nur die Flossen und sagte: »Willst du das, Gevatter, so hör’ ich dich auch so.« Lange jagte der Hecht ihm nach, aber vergebens! Endlich schwamm der Barsch ans Ufer; dort badete gerade die Zarentochter. Der Barsch verwandelte sich in einen Granatring mit goldener Fassung; den erblickte die Zarentochter und hob ihn aus dem Wasser heraus. Sie brachte ihn heim und rühmte sich: »Väterchen, schau, was für einen schönen Ring ich gefunden hab’!« Dem Vater gefiel er, und die Zarentochter wusste gar nicht, an welchen Finger sie ihn stecken sollte, so schön war er!
Und als darauf einige Zeit vergangen war, meldete man dem Zaren, dass ein Kaufmann gekommen sei. Das war aber wieder der Och, der sich verwandelt hatte. Und als der Zar hinausging und fragte: »Was willst du, Kaufmann?«, da antwortete dieser: »Ich bin auf dem Schiff übers Meer gefahren und brachte für meinen Zaren einen Granatring mit, aber ich ließ ihn ins Wasser fallen. Hat nicht vielleicht einer von Euren Dienern den Ring gefunden?« »Nein«, sagte der Zar, »aber meine Tochter hat ihn gefunden.« Und sie riefen sie herbei.
Der Kaufmann bat sie flehentlich, den Ring zurückzugeben, »denn ich kann nicht länger leben«, sagte er, »wenn ich den Ring nicht mitbringe!« Sie gab ihn aber nicht her, und damit gut! Da trat der Vater für den Kaufmann ein und sprach: »Gib ihn her, Töchterchen, sonst kommt der Arme durch uns ins Unglück; gib ihn nur!« Und der Kaufmann bedrängte sie: »Was Ihr nur wollt, nehmt von mir, aber gebt mir nur den Ring wieder!« »Na, wenn es so ist«, sagte die Zarentochter zornig, »soll er nicht mein sein und nicht dein!«, und sie warf den Ring auf die Erde. Da zerfiel der Ring: Die Granatsteine verwandelten sich in Hirsekörner und sprangen in alle Richtungen. Der Och besann sich nicht lange und verwandelte sich in einen Hahn, und fing eilends an, die Körner aufzupicken. Er pickte und pickte und hatte schon fast alles aufgepickt.
Ein Hirsekorn aber war unter den Fuß der Zarentochter gerollt, und das hatte er nicht gefunden. Und als er fertig war, flog er durchs Fenster und machte sich davon.
Das Hirsekorn aber verwandelte sich in einen Burschen, der war so schmuck, dass die Zarentochter sich sofort in ihn verliebte. Und gleich bat sie auch den Zaren und die Zarin, sie mögen ihn ihr zum Manne geben. »Mit keinem anderen werd’ ich glücklich werden«, sagte sie, »nur bei ihm ist mein Glück!« Der Zar runzelte wohl die Stirn darüber, dass er die Tochter einem einfachen Kerl geben solle, aber schließlich war er’s zufrieden. Und sie segneten die beiden und verheirateten sie und feierten eine solche Hochzeit, dass alle Welt zusammenlief.
Dort war auch ich, Met und Wein trank ich, und kam auch nichts in den Mund, so floss es doch übern Bart, und davon bin ich so weiß geworden.
Es war einmal ein kleiner Hirtenjunge, der hütete tagein tagaus die Schafe. Etwas anderes hatte er nie gelernt. Eines Tages fiel ein riesiger Felsbrocken vom Himmel, geradewegs auf die Schafweide. Der war so groß und schwer, dass ihn drei Männer nicht hätten hochheben können. Der Hirtenjunge aber spielte zum Zeitvertreib mit dem Felsbrocken: Er band ihn an seine Peitsche und schleuderte ihn hoch in den Himmel – so hoch, dass er erst am Abend wieder heruntergeflogen kam und mit einer Wucht aufschlug, dass er tief in der Erde steckte. Solch ein Kerl war das, der Hirtenjunge!
Da geschah es eines Tages, dass ein Drache ins Zarenreich kam und dort sein Unwesen trieb. Er trug gewaltige Steine zusammen und baute sich einen Palast. Dann forderte er, dass man ihm die Zarentochter zuführe. Der Zar erschrak. Seine Tochter ins sichere Verderben schicken? Das konnte und wollte er nicht. Doch wenn er sie nicht auslieferte, würde der Drache schreckliche Rache nehmen und sie mit Gewalt holen. Was also sollte der Zar tun? Er schickte Boten ins ganze Reich und hoffte, einen Ritter zu finden, der stark genug wäre, es mit dem Drachen aufzunehmen und ihn zu töten. Doch die Boten kamen unverrichteter Dinge zurück.
Auch der Hirtenjunge hörte von der Botschaft des Zaren, und da erzählte er im Dorf: »Also, ich könnte den Drachen mit meiner Peitsche töten!« Es sprach sich im ganzen Land herum, dass ein Hirte mit seiner Wunderpeitsche dem Drachen den Garaus machen könne. Schließlich hörte auch der Zar davon und ließ den Hirten holen. Als aber der Zar sah, dass er nur ein kleiner Junge war, rief er überrascht: »Wie kannst du herumprahlen und solche Lügengeschichten erzählen, wo wir so in Not sind!« »Ich lüge nicht«, sagte der kleine Schafhirte kühn, »ich kann den Drachen besiegen!« Und weil sich kein anderer gefunden hatte, der es wagen wollte, die Zarentochter zu retten, ließ sich der Zar darauf ein. Der Hirte forderte als Begleitung zwei Regimenter: ein Sängerregiment und ein Musikerregiment, und der Zar gewährte sie ihm. Da trat der kleine Schafhirte vor die beiden Regimenter und befahl ihnen, als wäre er schon mehr Jahre in der Armee gewesen als er überhaupt lebte. Als der Zar das sah, war er erstaunt und schöpfte Hoffnung.
Der Hirtenjunge zog mit seinen Regimentern zum Drachen. Als der Drachenpalast in Sicht kam, befahl er seinen Truppen: »Halt! Ihr wartet hier. Wenn Staub aus dem Drachenpalast aufsteigt, wisst ihr, dass ich den Drachen erledigt habe. Wenn es aber brennt, ist dies das Zeichen, dass er mich getötet hat.« Er ließ seine Truppen zurück und zog allein weiter.
Der Drache aber war so wild, dass er Feuer spie und jeden, der sich in die Nähe seines Palastes wagte, zu Asche verbrannte. Als er den kleinen Hirten sah, spie er ihm eine gewaltige Flamme entgegen. Der kleine Hirte aber stand da, als wäre nichts geschehen, und ihm war nicht einmal ein Härchen versengt.
»Warum bist du hier?«, fragte der Drache. »Willst du dich schlagen oder vertragen?« »Wie sollte ich mich mit dir vertragen? Ich will gegen dich kämpfen!«, sagte der Hirte. »Na, mein Jüngelchen«, sagte der Drache, »wachse erst einmal, und dann komme in drei Jahren wieder.« »Nein!«, sagte der kleine Hirte. »Ich bin groß genug.« »Und womit willst du gegen mich antreten?«, fragte der Drache. »Hiermit!«, rief der Hirte und holte seine Peitsche hervor, an die der große Felsbrocken gebunden war. »Also dann, komm her und schlag mich«, sagte der Drache. »Oh nein, du sollst zuerst schlagen.« Da nahm der Drache sein Schwert, das war drei Meter lang, holte aus und schlug den kleinen Hirten damit. Doch das Schwert zerbrach in Stücke. »Pass auf«, sagte der Hirtenjunge, »jetzt bin ich an der Reihe.« Und er schwang seine Peitsche mit dem Felsen daran und schlug den Drachen so hart, dass dieser zu Staub zerfiel. Als die Regimenter die Staubwolke über dem Drachenpalast sahen, war der Jubel groß. Die Musikanten spielten fröhliche Lieder und die Sänger stimmten mit ein und ließen den kleinen Hirten hochleben. So zogen sie zum Zarenpalast. Der Zar kam ans Tor und führte den Hirtenjungen in den Palast. Dort durfte er nun leben, und nach ein paar Jahren gab der Zar ihm seine Tochter zur Frau. Er baute dem Brautpaar einen Palast, in dem der Hirte und die Zarentochter glücklich miteinander lebten.
Doch die Herrscher der Nachbarreiche hielten dem Zaren vor, dass er seine einzige Tochter einem dahergelaufenen Hirten zur Frau gegeben hatte. Und sie redeten so lange auf ihn ein, bis es dem Zaren schließlich selbst leidtat und er heimlich Läufer durchs Land schickte, die sollten einen starken Ritter finden, der den Hirten aus der Welt schaffen sollte. Und es fanden sich zwei Ritter, die das erledigen wollten. Der Zar gab ihnen Waffen und sie traten vor den Hirten. Der saß gerade am Tisch und las ein Buch, denn seine Frau hatte ihm das Lesen beigebracht. »Warum seid ihr hier?«, fragte er die Ritter, als sie eintraten. »Kommt ihr in Frieden oder um gegen mich zu kämpfen?« »Wir sind gekommen, um gegen dich zu kämpfen«, sagten sie, und schon schwang der eine Ritter sein Schwert und schlug dem Hirten hart auf die linke Schulter, dass die Klinge in Stücke zerbrach. Da holte der andere Ritter aus und schlug dem Hirten auf die rechte Schulter, aber das Schwert ritzte nur sein Hemd.
Da erhob sich der Hirte, packte die beiden Ritter und schlug sie mit solcher Wucht zusammen, dass sie mit klappernden Knochen zu Boden fielen. Dann ging er zum Zaren und sagte: »Pass auf, sonst ergeht es dir wie deinen Schergen!« Der Zar erschrak und wagte nie wieder, Hand an den Hirten zu legen. Und da hatte der Hirte endlich Ruhe und lebte in Frieden am Zarenhof. Und eines Tages wurde er selbst Zar.
Vor langer Zeit lebte in Kiew ein Fürst, den plagte eine große Sorge: Dicht vor den Toren der Stadt hauste ein böser Drache, und der forderte Tribut: Jahr für Jahr mussten ihm die Bewohner der Stadt ein Kind als Opfer bringen. Das fraß der Drache. Jedes Jahr wurde gelost, und einen traf es. Viele hatten so schon ihr Leben lassen müssen.
Und eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Fürsten. Der Fürst konnte nichts tun! Er musste sie dem Drachen ausliefern. Die Fürstentochter aber war so schön, dass es nicht zu sagen ist, und der Drache gewann sie lieb, und er fraß sie nicht, sondern hielt sie bei sich in seiner Drachenhöhle gefangen. Und die Fürstentochter schmeichelte ihm, denn sie wollte am Leben bleiben, und gewann sein Vertrauen.
Doch die ganze Zeit überlegte sie, wie sie die Freiheit wiedergewinnen könne. Da fasste sie eines Tages einen Plan, und sie sprach zum Drachen: »Mein Drache, du bist so stark, so mächtig. Ich frage mich: Gibt es auf der weiten Welt wohl überhaupt einen Menschen, der dich besiegen könnte?«
»Nun, den gibt es«, erwiderte der Drache, »in Kiew, am Dnepr, wohnt in seiner Hütte der Gerber Kirilo Koshemjaki. Wenn der den Ofen heizt, steigt der Rauch bis zum Himmel hoch. Und wenn der an den Dnepr geht, um die Häute zu wässern, nimmt er gleich zwölf Häute auf einmal. Einmal habe ich mich schon mit ihm gemessen: Ich tauchte in den Dnepr und hielt die zwölf Häute im Wasser fest. Er aber merkte es gar nicht und zog sie mühelos heraus, und mich noch dazu. Auf Erden gibt es nur einen, den ich fürchte, und das ist Kirilo Koshemjaki, der Gerber.«
Am andern Tag, als der Drache fort war, schrieb die Fürstentochter einen Brief an ihren Vater, in dem stand: »Liebstes Väterchen, wie Ihr seht: Ich lebe noch! Doch der Drache hält mich in seiner Höhle gefangen. Und es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der ihn besiegen kann, das ist der Gerber Kirilo Koshemjaki, der unten am Dnepr wohnt. Schickt Euren Ältestenrat zu ihm. Die Ältesten sollen ihn bitten, ob er bereit ist, gegen den Drachen zu kämpfen, um mich Ärmste aus der Gefangenschaft zu befreien und die Stadt vom Drachen zu erlösen! Aber sie müssen es geschickt anstellen und ihn recht höflich bitten und jedes falsche Wort vermeiden, das ihn etwa kränken könnte. Und er soll auch reichlich Geschenke bekommen. Väterchen: Rettet mich! Und ich will jeden Tag meines Lebens für Euch und den Gerber beten.«
Diesen Brief band die Fürstentochter ihrem kleinen Täubchen ans Bein. Das hatte sie in glücklichen Zeiten daheim in Kiew großgezogen, und es war ihr zum Drachen gefolgt und nun ihre einzige Gesellschaft in der Drachenhöhle. Dann ließ sie das Täubchen aus dem Fenster, und es flog zurück zum Fürstenhof.
Dort liefen gerade die kleinen Brüder und Schwestern der Fürstentochter umher, und als sie das Täubchen sahen, riefen sie: »Väterchen! Seht! Dort, das Täubchen unserer Schwester!« Der Fürst kam in den Hof gelaufen und sein Gesicht hellte sich auf: Mochte dies ein Zeichen von seiner Tochter sein? War sie noch am Leben? Doch dann dachte er traurig: »Ach, was mache ich mir Hoffnung, der verfluchte Drache wird sie längst gefressen haben.« Mit ein paar Brotkrumen lockte er das Täubchen zu sich heran. Und da sah er den Brief an seinem Bein. Er band ihn los und las ihn. Sogleich ließ er seinen Ältestenrat zu sich kommen und berichtete von der Botschaft seiner Tochter. Und er schickte seine Ältesten zum Gerber Kirilo Koshemjaki.
Als diese an Kirilos Hütte kamen, öffneten sie zaghaft die Tür und blieben auf der Schwelle stehen. Und vor Schreck blieb ihnen die Luft weg: Dort saß der Gerber, den breiten Rücken zu ihnen gekehrt, auf dem Boden und walkte mit bloßen Händen zwölf Häute auf einmal. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er die Alten auf seiner Schwelle gar nicht bemerkte. Der Älteste unter ihnen, der auserkoren war, ihr Anliegen vorzutragen, wollte den Gerber nun ansprechen und räusperte sich. Da zuckte Kirilo vor Schreck zusammen, und – ratsch! – riss er alle zwölf Häute mitten entzwei. Er fuhr herum. Da verneigten sie sich vor ihm bis zur Erde, und der Älteste der Ältesten sagte mit zitternder Stimme: »Der Fürst schickt uns mit einer Bitte zu dir.«
Kirilo aber hatte weder Aug noch Ohr für sie; er sah nur zornig auf die zwölf Häute, die er ihretwegen zerrissen hatte, und schnaufte vor Wut. Und so war all ihr Reden, Bitten und Flehen vergeblich. Vergebens knieten die alten Männer sogar vor ihm nieder. Kirilo hörte ihnen überhaupt nicht zu. Da blieb den Ältesten nichts anderes übrig: Sie mussten gesenkten Hauptes umkehren und dem Fürsten eingestehen, dass sie rein gar nichts erreicht hatten.
Was nun? Der Fürst war betrübt. Die Ältesten waren betrübt. Sie überlegten und berieten, wie sie das Herz des Gerbers erweichen könnten. Endlich sagte der Fürst: »Wir schicken Kinder zu ihm. Die mögen ihn bitten. Vielleicht erbarmt er sich dann.«
