Märchen für Kenner - Rolf Horn - E-Book

Märchen für Kenner E-Book

Rolf Horn

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Beschreibung

Der Autor führt uns in eine Welt, in der die Grenzen zwischen unserer realen Welt und der Märchenwelt verschwimmen. Den größten Spaß wird wohl der Leser haben, der bereits alle alten Märchen kennt und eine zeitgemäße Form der Märchenerzählung sucht. Mal erzählt uns eine kleine Katze wundersames aus dem alten Ägypten, dann geraten wir unmittelbar in einen Streit von zwei Ballettschuhen. Dann lehrt uns ein Olivenbaum, wie aus seiner Sicht die Welt entstanden ist. Kaum haben wir uns davon erholt frieren wir gemeinsam mit einer verlorenen Seele im Sternbild der Kassiopeia, um im nächsten Märchen einen alten Mann kennenzulernen, dem es weder im Himmel noch in der Hölle gefällt. Ein Künstler, der totes Olivenholz wieder zum Leben erweckt, gibt uns ein wenig Hoffnung. In einem Weihnachtsmärchen lernen wir Großmutter Else kennen, die belohnt wird, weil sie gut zu Tieren ist, um später in einem gemütlichen Wiener Kaffeehaus mit Machiavelli zu plaudern.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Aquarelle und Skulpturen

Vorwort

Abgesang

Babbone

Das Kätzchen Carina

Das Olivenherz

Das trojanische Pferd

Der arabische Prinz

Der Himmel so kalt

Der Olivenbaum

Der sprachlose Poet

Der Wildschütz

Die eifersüchtigen Ballettschuhe

Die verlorenen Seele

Ein Weihnachtsmärchen

Eine Tasse Schokolade

Das Sparschweinderl

Aquarelle und Skulpturen

Kapitel 3

Das Kätzchen Canna

Aquarell

Pyramiden

Kapitel 4

Das Olivenherz

Skulptur

Herz und Seele

Kapitel 5

Das trojanische Pferd

Skulptur

Terpsichore

Kapitel 6

Der arabische Prinz

Aquarell

Osama bin Laden

Kapitel 8

Der Olivenbaum

Skulptur

Der Baum der Erkenntnis

Skulptur

Schlangen

Kapitel 10

Der Wildschütz

Foto

Jagdtrophäen

Kapitel 11

Die Ballettschuhe

Aquarell

Ballett

Kapitel 13

Ein Weihnachtsmärchen

Skulptur

Weihnachtskrippe

Kapitel 15

Das Sparschweinderl

Aquarell

Ackermann

Hinterglas

Rustiko

Aquarelle und Skulpturen von Rolf Horn

Hinterglasbilder von Marlene Horn

Vorwort

Als ich noch klein war kam am Sonntagabend die Mume um mir vor dem Schlafengehen ein Märchen vorzulesen. Die ganze Woche freute ich mich darauf, wenn die elegante alte, ein wenig Furcht einflößende Dame, mich in das Märchenreich von Feen, Riesen, Zwergen und Drachen entführte, wo neben den Menschen auch Tiere und Bäume reden konnten. Über meinem Bett hingen die schönsten Märchenbilder auf der ganzen Welt. Ein berühmter Künstler hatte sie entworfen aus Sperrholz gesägt und wundervoll angemalt. Sie beschützen mich damals und noch heute.

Später lernte ich, dass Märchen sich besonders gut zur Kindererziehung dienen, da sie die Tugenden ehren und die Kinder ermutigen sich anständig und gesittet gegenüber Mensch und Tier zu verhalten.

Mir fiel dabei auf, dass über Sex, Politik und Religion in den Märchen nicht erzählt wurde. Als ich älter wurde verblassten die wunderbaren Märchen und die brutale Wirklichkeit – will sagen Politik und Religion – beeinflussten und vergifteten mein Leben.

Warum also nicht einmal Märchen für Erwachsene schreiben, wo sich die alten Tugenden des Märchens mit der Realität auseinandersetzen?

Abgesang

Vor nicht allzu langer Zeit trafen sich drei alte Männer in ihrem toskanischen Lieblingscafé der „Bottega del Café“ um über dies und das zu plaudern. So wie es halt alte, schon jenseits des normalen Verfallsdatum befindliche pensionierte Männer zu tun pflegen.

Der Eine war um die Achtzig, dürr und sehr groß. Der Zweite, ein aus Neapel eingewanderter Zeitgenosse ging auf die Siebzig zu. War von kräftiger Statur, leicht untersetzt, wie die meisten Italiener des Südens. Er und weitere Zehntausend dieser Emigranten prägten den ehemals typisch toskanischen Ort mit seinen nun insgesamt Zweiundzwanzigtausend Seelen. Der Dritte im Bunde, ein italienisch aklimatisierter und doch sehr deutsch gebliebener Schriftsteller, führte gerade das Wort. Der Hagere, genannt Flavio das Pferd, hörte gespannt zu. Wie er zu diesem ungewöhnlichen Namen kam ist eine Geschichte für sich. Also Flavio das Pferd sah 1933 in Triest das Licht der Welt. Sie liegt im venezianischen Friaul und gehörte bis 1918 noch zu Österreich. Flavio hatte dieses weltmännische Flair geerbt. Immer gut gekleidet und erstklassige Manieren ausgestattet war er ein Kavalier der alten Schule. Der letzte und einzige Gentleman in unserer Stadt mit ihrem verloren gegangenen Charakter.

Der Kleinere war zwar Italiener und bemühte sich wie Toskaner aufzutreten, doch so sehr er sich auch bemühte, sein Dialekt war unverkennbar der eines Süditalieners. Ein neapolitanischer Intellektueller, der sich ausgerechnet auf den schon lange verstorbenen Sohn der Stadt, den Satiriker Giuseppe Giusti spezialisiert hatte und nun von allen Giusti Secondo, also „Gusti Zwei“, genannt wurde.

Der Dritte, ein weithin unbekannter Schriftsteller, hatte einen unüberhörbaren deutschen Akzent. Zu seinem baldigen Siebzigsten Geburtstag wollte er ein weiteres Buch veröffentlichen. Der Mann war geboren worden um dicke Bretter zu bohren. Wie man sich vorstellen kann ging er damit seinen Zeitgenossen auf die Nerven. Nicht jedoch dieser Altherrentruppe, die sich immer auf die spannenden Themen freuten, die er ihnen stets zur lebhaften Diskussion anbot.

An jenem Tage war er gekommen um sich Rat bei seinen Freunden zu holen. Er hatte einen eigenwilligen Bildhauer kennengelernt, der ihn faszinierte und mit dem er auf Anhieb Freundschaft geschlossen hatte. Alle seine Freunde hatten eines gemeinsam mit dem Dichter. Sie waren Außenseiter der Gesellschaft und genossen dies. Sie alle waren sich ihrer Einzigartigkeit bewusst. Der Bildhauer, um den sich die Geschichte rankt, haderte mit sich und der Welt. Er glaubte, wie wohl jeder Künstler, dass man ihm nicht die Ehrerbietung erwies, die er seiner Meinung nach verdient hätte. So klagte er dem Dichter sein Leid. Und wie er Abschied nehmen wollte von der Welt der Künste. Er benutzte dabei das Wort Abgesang. Der Schriftsteller witterte sofort die Möglichkeit einen Bestseller zu landen. Geschichten von Loosern waren gerade in. Ausschlaggebend, geradezu elektrisierend war für ihn der Zauber des Wortes „Abgesang“. Das hatte er zum letzten Male in der Schule im Literaturunterricht auf dem Gymnasium gehört. Das war nun schon mehr als fünfzig Jahre her. Er hörte noch förmlich die nasale, immer irgendwie arrogant wirkende Stimme seines Deutschlehrers: „Abgesang ist ein selten benutztes poetisches Wort. Es bedeutet: Abschied, Ausklang, Lebewohl, eine Gedenkrede – meist lobend – über etwas, das bald untergehen wird.“

Der Dichter sah vor seinem geistigen Auge, wie er einen wundervollen Roman, am besten eine Art Biografie, über den traurigen Künstler verfassen würde. Er, der Verfasser würde überhäuft werden von Ehrungen und Preisen aller Art und sogar der Nobelpreis für Literatur schien greifbar. Deutsche, wie er denken neuerdings gerne global und so würde er den Roman mehrsprachlich und damit auch in Italien veröffentlichen wollen. Das lag nahe, da er nun schon seit vielen Jahren im Lande der Giustis, Boccaccios, Petrarcas und Dantes lebte. Und genau deshalb saß er nun bei seinen literarischen Quartett um die perfekte Übersetzung für das deutsche Wort „Abgesang“ zu finden. Mit kurzen Worte erklärte er ihnen um was es sich handelte. Die Freunde waren begeistert. Sie waren die einzigen, die seine fünf Bücher gelesen hatten. Kürzlich sandte ihm sein Verleger eine Abrechnung. Daraus ging hervor, dass er fünf seiner Bücher an jeweils fünf Personen verkauft hatte. Er wollte von seinem Verleger die Namen seiner Anhänger erfahren. Aus datenschutzrechtlichen Gründen legte der Verleger die Nennung der Käufer ab. Was für Pharisäer doch in seiner Branche rumlaufen. Während sie angeblich die Leser schützen, verhökern die Verlage die geistigen Werke ihrer Schriftsteller an die Parasiten des Internets als da sind Google, Facebook, Amazon, YouTube und Co. Die Freunde machten erst kürzlich den Dichter aufmerksam, dass man all seine Bücher umsonst bei Google im Internet lesen kann. Hätten ihr Geld halt besser anlegen können.

Was für eine kranke Welt ist doch die Welt der Künste. Musik stiehlt man aus dem Internet, Bücher werden umsonst zum Lesen freigegeben, Bilder und Skulpturen kann man umsonst in den Galerien betrachten. Es sind nur noch wenige Künstler, die sich der reinen Kunst verpflichtet fühlen und unverdrossen ihrer wundervollen Arbeit nachgehen.

Aus Anerkennung wollte unser Dichter dem skurrilen Bildhauer ein Denkmal setzen. Es wäre eine, wie man neudeutsch sagt: „Eine „Win- win Situation“. Der Dichter könnte richtig in die Vollen gehen. Sich sozusagen literarisch austoben. Er war bereit Geld, Mühe und Zeit in das Buch zu investieren. Sowohl ihm dem Schriftsteller als auch dem Bildhauer winkten Ruhm und Anerkennung. Dem Bildhauer sollten dabei keinerlei Kosten entstehen. Die Meetings in der Bottega machten ihm und seinen Freunden viel Spaß. Der „Scrittore“, wie er hier von allen ehrfurchtsvoll genannt wurde, steckte sein Freunde an. Sie wollten quasi als Ko-Schriftsteller alle an dem neuen Buche mitschreiben. (Und natürlich am Ruhm partizipieren)

Wie sie so um die richtige Übersetzung des Wortes „Abgesang“ rangen kam der Vierte im Bunde. Es war der Barista, der Eigner der Bar „Bottega del Café“. Ein noch junger kunstinteressierter Mann und Jazzfan so um die Dreißig. Es war ihm gelungen aus seiner Bar einen internationalen Treffpunkt für die zehn Intellektuellen und die Handvoll Künstler des Ortes zu schaffen, wo sich diese Außenseiter der Gesellschaft ungestört und wohl fühlen konnten.

Die Suche nach dem richtigen italienischen Wort für Abgesang stellte sich als schwieriges Unterfangen heraus. Der Scrittore kannte seine Pappenheimer und wusste, dass sie als Italiener immer alle zur gleichen Zeit reden mussten. Um ein solches Palaver zu verhindern stellte er zuerst dem Hageren die Frage nach einer trefflichen Übersetzung des Wortes Abgesang und bat die andern um Geduld. Flavio das Pferd genoss den Moment der Aufmerksamkeit, legte die mächtige Stirn in Falten, nippte an seiner immer leeren Kaffeetasse und stieß dann explosionsartig das Ergebnis all seiner scharfsinnigen Überlegungen aus:

„Addio! Ja, ich mein Addio ist der perfekte Begriff, ist das perfekte Wort nach dem wir suchen.“

Ein allgemeines Stirnrunzeln war die erste Reaktion. Eine Art grundsätzliche Zustimmung war schon bei den anwesenden Italienern zu spüren. Die anderen Gäste der Bottega del Café fühlten sich natürlich auch angesprochen. Hatten sie nicht alle zweitausendjährige katholische Erziehung intus? Nur der Deutsche machte, wie immer, Schwierigkeiten. Er wandte sich an Flavio das Pferd und fragte ihn, wie könne ein Schriftsteller das Wort Addio für Abgang benutzen, der überzeugter Atheist sei. Auch der Bildhauer, um den es hier ja letztendlich ginge wolle nicht Addio sagen, da er nicht vorhabe in den nächsten Tagen zu sterben. Er wolle sich doch vorerst nur aus dem undankbaren Kunstbetrieb zurückziehen. Außerdem war der selber ein Creatore, ein Schöpfer und brauche somit keine Götter. Kurzum, das alles habe nichts mit Gott zu tun. Addio geht also ganz und gar nicht.

Mächtig legte sich Flavio ins Zeug und wollte den Deutschen, der eh kein Italienisch konnte, überzeugen, dass das Wort Addio nichts, aber auch rein gar nichts mit Gott zu tun habe. Das Wort, dozierte er, sich seiner Wichtigkeit und Kompetenz bewusst:

„Lieber deutscher Freund, Dio wird nur mit einem „d“ geschrieben, das Wort Addio hingegen mit zwei „d“. Außerdem bedeutet in Italien Addio nichts anderes als „Auf Wiedersehen“, Ciao, Tschüss oder Servus“.

Nun begann die Schlacht zwischen den Italienern. Hier Flavio das Pferd, der als katholischer Italiener seinen katholischen Gott verteidigen musste. Dort Giusti Secondo, Atheist und zugleich praktizierender Katholik. Eine Sache, die nur in Italien funktioniert. Es ging um Gott. Um die Deutungshoheit um Gott. Unser deutscher Schriftsteller hatte sein Vergnügen. Der inquisitorische deutsche Ratzinger hat Ganzes geleistet.

Für den Leser, der nicht weiß wer Ratzinger war. Er nannte sich Benedikt XVI.

Der Barista schüttelte nur den Kopf über diese schräge Diskussion. Er musste sich um seine anderen Gäste kümmern und würde erst wieder zu ihnen stoßen, wenn der Sturm vorbei war. Das konnte lange dauern bei den drei Feuerköpfen.

Der Schriftsteller lehnte sich locker zurück und wartete gespannt auf den Übersetzungsvorschlag von seinem Freund, genannt Gusti Secondo. Natürlich war dies nicht sein richtiger Name, was ja in dieser Geschichte auch überhaupt keine Relevanz hat. Er war der hier vor Ort anerkannte Fachmann in Sachen Guiseppe Giusti (*1809 Monsummano – +1850 Florenz) und die Gemeinde hatte folgerichtig Giusti Secondo als Kustoden für das unbekannte Museum eingesetzt. Er hatte demzufolge die Schlüsselgewalt über ein arg vernachlässigtes und ungeliebtes Museum, dem ehemaligen Besitz der Familie Giusti. Der Original Giusti war ein seit über hundert Jahren verstorbener Satiriker von nur nationalen Ruf. Es gab nicht eine einzige Übersetzung in deutscher Sprache. So war es unserem deutschen Schriftsteller nicht möglich beurteilen zu können von welcher Qualität dessen Satiren waren. Man streitet sich bis zum heutigen Tage ob Giusti ein Sozialist oder ein Kommunist war, was absolut unerheblich ist, denn für die Toskaner ist das eh das Selbe. Die Toskana ist traditionell rot. Farbnuancen spielen keine Rolle.

Unser Giusti, der lebende, war ein Fachmann für Literatur. Nicht nur für die Werke seines Idols. Er liebte die Literatur um ihrer selbst. Er kannte sich auch hervorragend in der deutschen Literatur und der deutschen Oper aus. Bevor er dem Schriftsteller seine Version für das deutsche Wort Abgesang verriet, musste er zuvor Flavio überzeugen, dass das Wort Addio nicht dem Wort Abgesang gerecht sei.

„Lieber Flavio. Ich bedauere es außerordentlich, aber unser Deutscher kann auch beim besten Willen als überzeugter Atheist nicht dein Wort Addio in seinem Essay benutzen. Andererseits hast Du natürlich recht, dass die einfachen Italiener Ciao meinen, wenn sie Addio sagen. Doch bei Menschen unserer Art wäre es doch Blasphemie, die reinste Gotteslästerung, zu behaupten im Wort Addio sei Gott nicht enthalten. Als Weltmann weißt Du, dass die Franzosen „Adieu“ sagen. Das wird, wie du genau weißt, mit nur einem „d“ geschrieben. Das wiederum kommt aus dem lateinischen ad deum und will sagen: zu Gott hin. Wir italienischen Banausen haben daraus Addio gemacht und nur Unwissende, Ketzer und Ignoranten tun so, als habe dies nichts mit Gott zu tun. Um zum Schluss zu kommen. Natürlich hat unser Schriftsteller recht. Ich hoffe dich überzeugt zu haben. Im Addio ist hundertprozentig Gott enthalten. Weder der atheistische Bildhauer, um den es hier in der Geschichte geht, als auch der atheistische Deutsche können im Essay das Wort Addio benutzen!“

Die Größe dieser alten Männer bestand darin, dass ein jeder von ihnen bereit war sich überzeugen zu lassen, wenn die Argumente gut vorgetragen wurden. Das war hier offensichtlich der Fall. Auch Flavio das Pferd beugte sich der brillanten Argumentation von Giusti Secondo. Doch, was war nun der Vorschlag von Giusti?

Der ganz in seinem Element fuhr fort zu dozieren: „Eine wortgetreue Übersetzung wäre das italienische Wort „commiato“. Doch es trifft nicht das, was mein deutscher Freund literarisch ausdrücken möchte. Eine lyrische Übersetzung, beziehungsweise Deutung wäre „Canto del cigno“ Giusti Secondo weidete sich an dem Gesicht des Deutschen. Der eine seiner Freunde bezieht sich bei einem Abgesang auf Gott, der andere bringt einen Schwan ins Spiel. Wahrscheinlich wird der Barista den Namen eines exotischen Chiantiweines als Metapher vorschlagen.

Ungläubig schaute der Schriftsteller seinen Freund Giusti Secondo an. Der war durch das Studium seines Vorbildes, besagten Giuseppe Giusti wohl selber zum Satiriker geworden. Während Flavio das Pferd immer kleine Scherze machte, die auch der Deutsche verstehen konnte, war es absolut unmöglich hinter die Fassade von Giusti Secondo zu schauen. Ein äußerst belesener kluger Mann, der gerne Schabernack mit dem Deutschen spielte. Während alle gebannt auf Giusti Secondo schauten fing der auf einem Male zu pfeifen an. Es war das elegisch träumerische Lied der Schwäne aus Tschaikowskis Schwanensee, als die Schwäne auf und davon flogen. Spontan fingen alle Gäste in der Bottega an in die Melodie einzustimmen. Sie hatten wie immer ihren Spaß, wenn die Drei zusammentrafen. Natürlich kannten sie alle die Melodie, doch offensichtlich wussten der Schriftsteller und Giusti Secondo mehr als die anderen. Beide hatten irgendwann und irgendwo das melancholische Ballett vom sterbenden Schwan gesehen.

Der Schriftsteller war begeistert. Ja, das war eine sehr gute Lösung seines Problemes. Schwanengesang war super. Die wörtliche Übersetzung von „Il canto del cigno“ wäre „Der Gesang des Schwanes“. Giusti Secondo hatte die Intention des Schriftstellers sinngemäß erfasst und einen wunderbaren Ausdruck des Abschiednehmens gefunden. Außerdem wäre es eine Art Geheimcode, ein Synonym was nur Eingeweihten verständlich ist. Das Leuchten in den Augen des Schriftstellers machte wiederum Giusti Secondo glücklich und mit verschwörerischer Miene flüsterte er dem Freund in dessen dichterisches Ohr.

„Lohengrin, Du erinnerst Dich?“

Es war einer dieser wenigen glücklichen Momente, die der Schriftsteller immer wieder inmitten seiner Freunde erleben durfte. Und wie er sich erinnerte. Ein weiteres gutes Beispiel von einem Abgesang, in diesem Falle der des Schwanenritters Lohengrin aus einer alten Sage. Der vom Himmel Gesandte scheiterte, wie man weiß, ebenfalls wie er selbst und der Bildhauer an den Widersprüchen zwischen Traum und der rauen Wirklichkeit. Heutzutage ist der moderne Mensch nicht in der Lage Göttlichkeit, überirdische Kunst, geistvolle Tätigkeiten als ein Geschenk der Götter anzuerkennen. Wie schwarze Krähen eine weiße Krähe zu Tode quälen, werden große Geister mit Hohn und Spott überzogen. Eine besonders perfide Art der Vernichtung.

Leider war auch unser Dichter trotz edelster Gesinnung nicht besser als seine Mitmenschen. Im Innersten ein Antiwagnerianer, doch den romantischen Opern des eigenwilligen Sachsen konnte auch er bei aller persönlichen Abneigung dem Gesäusel Wagners nicht widerstehen. Immer wieder hinderten ihn die menschlichen Defekte dieses Künstlers dessen Kunst uneingeschränkt zu genießen. Der fiese Charakter eines Wagners stand im totalen Widerspruch zu dessen herrlichen Werken.

Unser Schriftsteller stellte sich die prinzipielle Frage. Warum konnte ein Künstler und sein Werk kein Gesamtkunstwerk sein? Alle Künstler schienen eine Macke zu haben. Die einen waren sexuell falsch gepolt, die anderen vögelten sich die Seele aus dem Leib. Viele zogen sich zurück in eine selbst auferlegte Einsamkeit oder begingen Selbstmord, wenn sie sich nicht schon vorher zu Tode gesoffen hatten oder sie suchten ihr Heil in Drogen, anstatt das zu vollenden wozu sie geboren waren. Je näher sie der Sonne kamen, desto eher verglühten sie.

Alle Argumente waren ausgetauscht, die Sache war erledigt. Die Gesellschaft ging auseinander. Alle hatten es auf einmal eilig. Es war Zwölf Uhr Mittag. Da dampfen bereits die heißen Spaghetti in Italien auf dem Tisch.

Der Schriftsteller blieb noch eine Weile sitzen. Er hatte Zeit. Niemand wartete daheim auf ihn.

Voller Tatendrang stürzte sich der Schriftsteller in die Arbeit. Alles an Fakten und Daten über den begnadeten Bildhauer trug er zusammen und speicherte alles fein säuberlich auf seinem Computer ab. So ein Roman ist eine sehr zeitaufwendige Generalstabsarbeit. Welche Informationen konnten als gesichert gelten. Was war Wahrheit, was war Dichtung. Durfte man der Selbstdarstellung eines Künstlers Glauben schenken? Als Schriftsteller vereinte man viele Talente in sich. Mal war man Kriminalist, dann Psychoanalyst. Er selber war handwerklich nur leidlich begabt und konnte so die Arbeit des Bildhauers nur bestaunen aber nicht beurteilen. Er besuchte jede Ausstellung zeitgenössischer Bildhauer und war Dauergast im Bargello in Florenz um die Skulpturen Michelangelos, Donatellos und Co zu studieren. Er wanderte viele Male hinauf in die Casa dell'arte, um den Bildhauer in seiner Werkstatt inmitten dessen Olivenhains bei seiner schweißtreibenden Arbeit zuzusehen. Bestaunte mit welch einfachen Werkzeugen der seine Skulpturen erschuf. Nahm Teil an dem Entstehen der Figuren. Den Kampf, dem harten Olivenholz eine menschliche Seele zu geben ohne das Wesen des Baumes zu verändern. Der Schriftsteller konnte sich sehr gut in die Seele des Künstler hinein versetzen. Er selbst war durch ein hartes Schicksal zum Buddhisten geworden. Unter Schmerzen hatte er lernen müssen, dass es unendlich viele, sich oft widersprechende Wahrheiten gibt. Er war beim Erlernen dieser Lektionen, die das Leben einem ungebeten erteilt, wie auch sein Freund der Bildhauer, zu Außenseitern der Gesellschaft geworden. Glücklich waren sie nur bei Ihrer Arbeit. Während der Bildhauer totes Holz zu neuem Leben erweckte, rang der Schriftsteller mit den Worten. Die können noch widerspenstiger sein als das härteste Holz. Wenige Menschen können auch nur im entferntesten erahnen, welche Mühe, welcher Schweiß und wie viele Enttäuschungen ein Künstler durchleben muss, bis sein Werk vollendet war. Nur ein Bildhauer weiß, wann sein Holz das freigibt, was er in ihm sah. Nur ein Schriftsteller weiß, wann sein Roman fertig ist. Da helfen keine gut meinenden Freunde, keine freundlichen oder mehr oder weniger boshafte Kritiker. Nur das Ergebnis zählt.

Wenn alles vollbracht ist, stellt man sich der Öffentlichkeit. Der Bildhauer macht eine Ausstellung und der Schriftsteller präsentiert sein Buch. Was dann passiert liegt nicht mehr in der Macht des jeweiligen Künstlers. Nebenbei, es ist eine Mär einem Künstler zu glauben, er schaffe seine Werke nur für sich allein. Das stimmt nicht! Erstens handelt es sich um die reine Selbstbefriedigung. Zweitens will er, dass sich die Menschen mit seinen Werken auseinandersetzen. Ein entscheidender Teil ihres Lebens ist die Kritik. Egal ob sie persönlich verletzend, zustimmend oder ablehnend ist. Künstler und Werk verschmelzen zu einer Einheit. Kritisiert man das Werk meint man den Künstler und umgekehrt. Das tut oft weh.

Künstler lechzen nach Liebe, Anerkennung und Ruhm. Das galt sowohl für den Schriftsteller, als auch für seinen Freund den Bildhauer. Im Laufe der Zeit wurden sie enge Freunde auch wenn sie sich oft monatelang nicht sahen. Wenn der Bildhauer eine neue Skulptur schuf schottete er sich ab. Keiner durfte ihn besuchen, denn er kämpfte mit sich, dem Holz und seinen Dämonen.

Nicht viel anders erging es dem Schriftsteller. Es war schwierig den Charakter des Bildhauers zu analysieren. Sie beide liebten die verwinkelte und hintersinnige Welt des Unterbewusstseins. Unübersehbar bestand eine tiefe Seelenverwandtschaft zwischen ihnen. Der Freund war gerade dabei eine Traumdeutung seinem geliebten Olivenholz abzuringen. Als er damit fertig war bat der Bildhauer seinen Dichterfreund in die Werkstatt. Dort präsentierte er seine Skulptur. Sie zeigte das Antlitz von dem älteren Sigmund Freud. Im Innern des Kopfes spreizte sich wollüstig eine nackte Sirene. Direkt vor dem Antlitz des weltberühmten Psychoanalytikers stand ein überdimensionaler Penis. Offensichtlich beherrschten die betörende Sirene im Kopf und der brutale Penis vor dem Auge die Gedanken und Träume des Sigmund Freud.

Der Schriftsteller war begeistert. Er selber hatte das Buch Traumdeutung mehrere Male lesen müssen, um einigermaßen zu verstehen, was Sigmund Freud sagen wollte. Sein Freund der Bildhauer konnte mit seinem Stück Holz mehr ausdrücken als er der Schriftsteller mit all seinen Worten gekonnt hätte. Mit seiner Skulptur brachte er die gesamte Traumdeutung auf den Punkt. Ohne Zweifel, Sigmund Freud hätte seine Freude daran. Der Bildhauer bat den Schriftsteller um eine kritische Stellungnahme. Das war bei der Darstellung und der technischen Perfektion des Werkes nicht möglich. Idee, Ausführung, die Maserung des Olivenholzes machten ihn sprachlos.

Nach monatelangen Schleifen und Polieren hatte er zum Schluss die Skulptur mit feinsten „Olio Extravergine – Prima Sprematura“ eingelassen. Sie schimmerte wie Seide im fahlen Mondlicht.

Der Freund bat ihn die Skulptur anzufassen. Der Dichter war sich der Auszeichnung wohl bewusst. Nur wenige dürfen dies und nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Künstlers. Es war ein erotisches Gefühl, die samtweiche Oberfläche zu streicheln. Nicht einmal der Popo eines neugeborenen Kindes konnte glatter sein. Und wann kann man schon einmal in den Kopf des Genies, das die Psychoanalyse erfand hineinsehen? Sein Freund war einzigartig.

Er überzeugte den Bildhauer, sich am nächsten Premio Firenze zu beteiligen. Mit den Fotos eines großartigen Fotografen bewarb sich der Bildhauer und gewann auf Anhieb den begehrten Preis. Zur Verleihung bekam der Schriftsteller von seinem Freund eine Einladung in den Salone dei Cinquecento im Palazzo Vecchio. Da saßen die beiden Freunde inmitten von fünfhundert geladenen Gästen unter der Marmorstatue „Vittoria“ vom Michelangelo, dem großen Vorbild des Holzschnitzers. Dann wurde der Bildhauer auf die Bühne gerufen um seine Bronzemedaille entgegen zu nehmen. Während der Ehrung wurde überdimensional auf einer Leinwand das Foto seiner Interpretation von Sigmund Freud gezeigt. Die Zuschauer waren schwer beeindruckt. Alle prämierten Kunstobjekte waren im hinteren Teil des Saales life zu sehen. Nie zuvor hatte der Schriftsteller seinen ansonsten so schweigsamen Freund so viel reden und erklären hören. Es war der Tag im Leben des Bildhauers. Für diesen einen Moment war er geboren. Beim Anblick dieser Szene fragte sich der Dichter unwillkürlich, wer hatte hier wen geschnitzt? Hatten die Götter nicht auch den Bildhauer auf ähnliche Weise geschaffen, wie dieser dem Holz seine beseelten Werke abrang? Auch in diesem Moment des größten Ruhmes - denn nur wenigen Künstlern war es vergönnt im Saale der Medicis geehrt zu werden - blieb der Schnitzer bescheiden. Er wusste, besser als jeder andere, dass er nur ein Medium, ein Werkzeug seiner Götter und Musen war. Er schnitzte nicht für Geld und Ruhm. Anerkennung kommt und geht. Ist unstet wie das Wetter. Es war dem knorrigen Manne einerlei.

Der freute sich wie ein kleines Kind über die kleine Bronzemedaille und die große Urkunde der Stadt Florenz. Ein buntes Stück Papier und ein kleines Stück Blech und ein Künstler ist zufrieden und glücklich.

Ach wären doch alle Menschen so leicht zu beglücken.

Wie anders hingegen fühlte da sein neuer, recht anstrengender Freund. Der liebte angeblich die ganze Menschheit. Er gierte förmlich nach Zuneigung, wollte von jedem geliebt werden und konnte doch nur sich selbst lieben. Er schrieb wundervolle Romane und Essays über die Liebe, doch der Holzschnitzer konnte sich nicht des Eindruckes erwehren, dass trotz all der schönen Worte der Schriftsteller keine Ahnung hatte was Liebe denn wirklich bedeutet. Dabei ist es doch mit der Liebe so einfach. Eine innige und tiefe Verbundenheit ohne nach einem Nutzen zu suchen. Das war der springende Punkt. Der Dichter suchte ständig nach dem Vorteil. Er liebte wohl nur sich selbst.

Währenddessen hatte der Schriftsteller sein Buch fertig. Zumindest der Rohentwurf stand. Er legte ihn seinen Freunden vor. Sie waren seine besten Mitarbeiter. Sie lasen Korrektur und korrigierten häufige Wiederholungen. Alles was er in der Hitze des Schreibens falsch machte entging nicht ihrer kritischen Aufmerksamkeit. Sie bewunderten die Empathie, mit denen er die Personen in seinen Büchern beschrieb aber auch die Härte seines Wesens. Ihr Dichter fühlte sich der Wahrheit, zumindest seiner Wahrheit verpflichtet und die erzählte er jedem gnadenlos. Andere mochten ihre Wahrheiten haben, doch er war, was seine Kunst betraf resistent gegen jede Kritik und jeden Vorschlag, wenn das Wesentliche seiner Geschichten bedroht schien. Besonders wenn sie im Gewand von Gutmenschen oder Wohlmeinenden auftrat, die ihn zu beeinflussen oder zu verändern suchten. Er betete jeden Tag, der liebe Gott möge ihn beschützen vor Menschen die des gut mit ihm.meinen. Der Witz an seinem Gebet, er glaubte an keinen Gott und seine über alles geliebten griechischen Götter waren nur ein Transportmittel, um durch sie seine Meinung, seinen Glauben den Unwissenden zu erklären. Ein rhetorischer Trick.

Er hatte vor allen ein untrügliches Gespür wann eine Sache zu Ende war. Seine Freunde waren auf der Hut. Sorgsam wählten sie ihre Worte, denn viele Freundschaften beendete der Dichter abrupt, wenn man in seine Aura ungebeten und ungefragt eindrang. Das war häufig der Fall. Viele vermeintliche Freunde deuteten sein freundliches Auftreten falsch und glaubten sie wären eingeladen an ihm und seinen Werken herum kritisieren zu dürfen. Dann bat er den Eindringling zum Gespräch und erklärte ihm, warum er ab sofort die Freundschaft für beendet hielt. Ratlosigkeit und verbrannte Erde waren das Ergebnis bei den Betroffenen. Sie litten um den ihrer Meinung nach ungerechten Liebesentzug durch den Dichter. Für den war die Angelegenheit beendet. Mit einem schiefen Grinsen erklärte er dem Ärmsten: „Finito! Basta!“

„Das war's. Die Geschichte ist abgeschlossen.“

So langsam dämmerte es dem Schriftsteller, dass er bei seinem Freund dem Bildhauer einen schweren Fehler begangen hatte. Es wurde ihm bewusst, er hatte ihm eine echte Freundschaft vorgegaukelt um dessen Geschichte zu veröffentlichen und nun hatte der sich von ihm ohne viele Worte zurückgezogen. Nun erging es dem Dichter so, wie all denjenigen, denen er vor den Kopf gestoßen hatte. Er hatte auf seine alten Tage eine Lektion erhalten. Er durfte nicht mit Menschen spielen. Nicht ungebeten in deren Innerstes eindringen.

Er selber wollte immer besser sein als die normalen Menschen. Er wollte so gerne ein Vorbild sein. Doch offensichtlich musste er noch viel an sich arbeiten um seinen eigenen Ansprüchen zu genügen.

Gerne hätte er sich mit dem Bildhauer ausgesprochen, doch es gab nichts mehr zu besprechen. Der war von ihm endgültig enttäuscht.

Der Schriftsteller versuchte den Freund zurück zu gewinnen. Wollte ihm mehr Mitsprache bei der Veröffentlichung einräumen. Es wäre ein solch wunderbares Buch geworden. Nicht zuletzt doch auch viel Ehre für ihn, seinen Freund den Bildhauer. Er hatte ihm doch mit seinem Buch ein Denkmal für die Ewigkeit setzen wollen.

Leider enden nicht alle Geschichten glücklich. So auch diese. Ein letztes Mal trafen sie sich in der Bottega. zu dem abschließenden Gespräch, das katastrophal begann und auch so endete. Der Bildhauer fühlte sich offensichtlich sehr unwohl in seiner Haut. Die Anspannung und Körpersprache sagten alles. Dem Schriftsteller schwante nichts Gutes. Er sollte Recht behalten, denn wie ein Gewitter entlud sich die Spannung unter welcher der Bildhauer seit längerer Zeit litt:

„Lieber Freund, nach reiflicher Überlegung möchte ich nicht, dass Du meine Geschichte veröffentlichst.“

Nun war es raus und wie von einer schweren Last befreit stand der Bildhauer auf und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Unser Schriftsteller und seine Mitredakteure waren tief bestürzt. Monatelange Gespräche, das Kämpfen um die richtigen Worte, die ganze Arbeit – alles umsonst. Sie alle wollten nichts anderes, als dem Bildhauer ein ewiges Denkmal setzen. Was wäre dass für ein wundervoller Roman geworden. Der Kampf eines Künstlers mit seinem Material, den Menschen und die Angst vor Ruhm. Sie waren traurig über das Ende all ihrer gemeinsamen Bemühungen und Anteilnahme. Sie alle hatten den Bildhauer in den Monaten lieb gewonnen, freuten sich mit ihm über dessen Erfolge und trauerten um die Misserfolge. Doch sie taten sich leichter als der Schriftsteller. Für sie war das Ganze nur eine mehr oder weniger interessante Episode in ihrem Leben.

Giusti Secondo erkannte wohl als einziger die Situation. Er verstand die Gefühle des Schriftstellers. Der wollte mit dem Roman berühmt werden, doch der Bildhauer hatte keine Lust eine seiner Romanfiguren zu werden. Trocken meinte er lakonisch:

„Lieber Freund, du musst halt warten, bis der Bildhauer verstorben ist. Er hat keine Familie, keine Nachfahren und wenn er begraben ist, kannst du immer noch unseren Roman veröffentlichen.“

Nach wie vor treffen sich die Freunde in der Bottega schlürfen ihren Kaffee und hoffen auf das baldige Ableben des Bildhauers. Jahre vergingen und eines Tages war der Bildhauer tot.

Bei der Testamentseröffnung überreichte ihm der Notar einen ziemlich dicken Brief. Darauf stand „Persönlich! An meinen Freund, dem Schriftsteller“

Die Bottegafreunde wollten, dass er ihnen den Brief vorlese, doch auf dem Brief stand „Persönlich!“

Und persönlich bedeutet, dass diese Zeilen nur für ihn geschrieben waren und nicht an jedermann.

Zuhause angekommen zündete er das Feuer im Kamin an. Es wurde langsam behaglich. Er setzte sich in seinen Lieblingsstuhl und schaltete das Leselicht der alten Stehlampe an. Dann zündete er sich seine geliebte Pfeife an. Der Duft des Virginiatabaks mischte sich mit dem Vanillearoma Er nippte ein wenig von seinem einfachen Chianti. Nun war er bereit. Behutsam öffnete er den Brief und begann zu lesen. Es war die ungelenke Schrift eines Bildhauers. Die Worte schienen mehr geschnitzt als geschrieben.

Mein lieber, ach so anstrengender Freund, wenn Du diesen Brief liest bin ich tot.

Es tut mir leid, dass wir in Unfrieden auseinander gegangen sind. Durch unsere langen Unterhaltungen hast Du mich gezwungen über mich, mein Leben und mein Ende nachzudenken. Du wolltest deinen Roman über mein Leben den Namen „Ableben“ geben.

Ich meine, das ist ein gutes Wort für den Tod.

Es war damals für mich etwas irritierend, denn ich wollte ja noch einige Jahre leben. Nach unserem letzten Treffen hatte ich viel Zeit um über mich nachzudenken.

Ich bin zu unbedeutend und unwissend um anderen Menschen einen Rat zu geben. Doch, lieber Freund, bevor Du ein Buch über mich schreibst, solltest Du folgendes wissen:

Du wolltest mich ans Licht der Öffentlichkeit ziehen. Ich möchte dies nicht! Beim Nachdenken stellte ich fest, wie wenige berühmte Menschen es schaffen sich im richtigen Moment aus dem Rampenlicht zurückzuziehen. Da sie den optimalen Zeitpunkt verpassen, zerstören sie nahezu alles, was sie vorher geschaffen hatten. Ich wollte nicht, dass dies auch mir passiert. Also zog ich mich zurück.

Bis zu unseren Gesprächen glaubte ich, dass sich das wahre Wesen eines Menschen im Laufe seines Lebens nicht verändert. Zumindest glaubte ich das für mich und meine Person. Du machtest mich aber auf die vielen Brüche in meinem Leben aufmerksam. Alles was ich vergessen hatte - weil ich es vergessen wollte - hast Du wieder in mein Bewusstsein zurückgeholt. Das fand und finde ich gar nicht gut. Alles was ich überwunden glaubte und tief in mir vergraben hatte kam wieder hoch.

Vor vielen Jahren war ich glücklich verheiratet und wir bekamen ein Kind, das nur wenige Wochen nach seiner Geburt verstarb. Bald darauf starb auch meine geliebte Frau an gebrochenen Herzen. Seitdem bin ich allein. Nachdem ich die bleierne Zeit überwunden hatte, war ich bereit mein Leben von Grund auf zu ändern. Ich verließ Deutschland ging nach Italien in die geliebte Toskana. Dort behandelte man mich sehr freundlich. Ich liebe Italien, wie man eine Frau liebt. Das fremde Land mit seiner wärmenden Sonne und den freundlichen Menschen half mir weiterzuleben. Mein Schicksal veränderte mich von Grund auf. Ich hatte mich entschlossen keinerlei Kompromisse mehr zu schließen. Ich wurde klarer und härter im Denken und im Handeln gegenüber den Mitmenschen und Schriftstellern die mich nicht in Ruhe lassen. Ich begann Skulpturen aus Olivenholz zu schnitzen und trat damit ein in die korrupte Welt der Kunst, der Scharlatane und des Kapitalismus in seiner reinsten Form, indem ich meine geschnitzten, mir ans Herz gewachsene Werke öffentlich ausstellte. Ich war unvorbereitet und wusste natürlich nicht was da auf mich zukommen sollte. Ich bin, wie Du bestens weißt, ein naiver Mensch. Du und deinesgleichen, ihr betrachtet mich als leichtgläubig, arglos, leicht verführbar und dumm.

Es sprach sich schnell herum, dass ich sehr schöne Skulpturen aus Olivenholz schnitzen konnte und viele Galeristen baten mich diese auszustellen. Ich glaubte diese Galeristen würden mir helfen wieder glücklich zu werden. Zumindest sagten sie es. Auch du sagtest es.

Ich war einst, das wird dich sicherlich überraschen, Betriebswirt und weiß wie Galeristen und Schriftsteller ticken. Sie sind Kaufleute. Sie handeln nach den kapitalistischen Gesetzen des Kommerz. Die Galeristen vermieteten mir, wie allen anderen Künstlern, für zwei oder drei Wochen ihre Galerie. Juristisch nennt man so etwas eine Untervermietung. Die aktuellen Preise für eine Ausstellung belaufen sich zur Zeit auf 10.000 Euro aufwärts. Alternativ nehmen sie zwischen 30 bis 50 Prozent der verkauften Bilder. Die geladenen Gäste und von der Galerie bestellten Claqueure und Kunstprofessoren laben sich am Buffet schlürften Champagner auf Kosten des Künstlers. Am Ende holte ich all meine Skulpturen wieder ab. Nicht ein einziges meiner Werke hatte je ein Galerist verkauft. Ich will nicht klagen, denn ich hatte schöne Vernissagen und mir damit schöne Erinnerungen erkauft.

Ein Wort zu den handelnden Personen im Kunstbetrieb. Ich bin doch sehr überrascht, wie reich und erfolgreich all die Schriftsteller, Kritiker, Manager, Galeristen und Kunsthändler durch den Verkauf unserer Kunstwerke werden. Wir Künstler hingegen fristen oft ein armseliges, bedauernswertes wirtschaftliches Schicksal. Ich weiß wovon ich rede. Tatenlos müssen wir zusehen wie künstlerischer Mist auf dem Markt zu horrenden Preisen gehandelt wird. Es mag hart klingen, doch ich empfinde Euch alle als Parasiten oder Trittbrettfahrer von uns, die Kunst schaffen. Wir darben, wir schwitzen und bluten. Ihr hingegen habt schicke Büros, tragt weiße Hemden und Krawatten und tut de facto nichts. Neuerdings hat sich in der internationalen Kunstwelt ein neuer Beruf des Kuratoren etabliert. Das sind für mich die allerschlimmsten. Musste ich vorher nur nichtsnutzigen Kulturreferenten und Galeristen in den Hintern kriechen kommen nun auch noch Kuratoren hinzu. Die schleichen sich zwischen den Künstler und den Galeristen um uns alle zusätzlich abzukassieren.

Vor lauter Hinternlecken all dieser Parasiten und da meine ich auch Dich, kommt unsereiner kaum mehr dazu Kunstwerke zu schaffen.

Glücklich machte mich nur das Erschaffen meiner Olivenholzskulpturen. Mit meiner ersten Skulptur, dem Stinkefinger schuf ich eine Holzplastik, in der ich meine neue gefundene Philosophie in Holz schnitzte. Jeder, der dieses Meisterwerk der Ironie sah, wollte es erstehen. Doch kann man eine Philosophie verkaufen?

Verkauft man da nicht sich selbst?

Mit dem Olivenholz hatte ich ein Material gefunden, dass mir mit jeder Skulptur ans Herz wuchs. Ich schuf einzigartige Plastiken, von denen ich selber nicht weiß, woher all die Ideen kamen. Gnädige Götter führten mir die Hand und ich gewann Anerkennung, Preise und

Auszeichnungen. Nun wollten viele Menschen meine Figuren kaufen. Sie waren bereit einen Handwerkslohn dafür zu zahlen. Doch ich bin kein Handwerker, auch kein Kunsthandwerker. Ich bin Künstler.

Jahre habe ich gebraucht um in der Öffentlichkeit als Künstler aufzutreten, denn ich hatte immer eine klare Vorstellung von einem Künstler. Er sollte Teil der Gesellschaft sein und doch irgendwie außen vor. Er muss nicht politisch korrekt daherschwätzen. Er darf sich Dinge herausnehmen, wie kein anderer. Es ist ihm erlaubt Wahrheiten, zumindest seine Wahrheiten, klar, laut und deutlich auszusprechen, aufzuschreiben, zu malen oder in seinen Skulpturen auszudrücken.

Als Olivenbauer hatte ich sogar doppelte Privilegien.

Wenn mir danach war, stellte ich mich als Bauer vor. Der Vorteil war, dass keiner mich für intelligent hielt, denn ein Bauer gilt als doof. Somit konnte ich ungeniert meine einfachen Wahrheiten zum besten geben.

War das Publikum anspruchsvoll, oder glaubte elitär zu sein (so wie Du, mein Freund), dann gab ich den großen intellektuellen Künstler. In euren Kreisen galt es als ausgemacht, dass ein Künstler seine im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit nutzen darf.

Somit konnte ich unbequeme Wahrheiten aussprechen, provozierende Bilder malen und Skulpturen schnitzen, die man als politisch nicht korrekt empfand. „Ein Künstler halt“

Enttäuscht von den Praktiken der christlichen Kirchen fand ich im Buddhismus eine Lebensphilosophie die meinem Wesen entspricht. Fortan mit mir im Einklang. Erstaunlicherweise wurde ich nun von Dir und Deinesgleichen akzeptiert.

Das größte Ereignis in meinem künstlerischen Leben war die Verleihung der Bronzemedaille beim Premio Firenze im Jahre 2013. Um mein Idol Sigmund Freud zu ehren hatte ich meine Traumdeutung dem knorrigen Olivenholz eines erfrorenen Baumstammes abgerungen.

Teil der Plastik ist ein überdimensionierter Penis.

Man empfahl mir, bei der Einsendung ein Foto ohne den Penis zu wählen. Mit Penis hätte ich wohl keinen Preis gewonnen. Dabei dreht sich bei der Traumdeutung von Sigmund Freud dem großen Psychoanalytiker doch nahezu alles um Sex. Ich finde es erstaunlich, dass dies in unseren Zeiten immer noch ein Tabu ist.

Da saß ich nun zum dritten Male, dieses Mal mit Dir, im „Salone dei Cinquecento“ unter der Marmorstatue “Vittoria“ von Michelangelo, meinem großen Vorbild im berühmten Palazzo Vecchio. Durfte vor 500 geladenen Künstlern und Honoratioren des In- und Auslandes eine Auszeichnung der Stadt in Empfang nehmen, wie einst Michelangelo und Leonardo da Vinci. Ich freue mich sehr über die Bronzemedaille. Es ist wohl die schönste aller Medaillen.

Lieber Freund hast du dir schon einmal die Gesichter der Sieger bei der Siegerehrung auf dem Podest angesehen? Der Goldmedaillengewinner schaut immer sehr ernst. Er weiß, dass er dazu verdammt ist in Zukunft immer zu siegen. Der Silbermedaillengewinner schaut traurig, denn er gilt als erster Verlierer und der Bronzemedaillengewinner freut sich immer wie ein Schneekönig. Sprachlos vor Glück. Hätte ja auch Vierter oder Letzter werden können.

Das waren die berühmten 10 Minuten Ruhm, von denen einst Andy Warhol sprach.

Doch schon eine Woche später wurde ich auf den Boden der Realität zurück geholt. Um den Menschen in meinem Heimatort eine Freude zu machen, stellte ich in unserer Bottega die prämierte Skulptur aus. Auch Du und Deine Freunde waren dabei. Die von mir seit Jahren anlässlich meiner jährlichen Ausstellungen eingeladenen Honoratioren der Gemeinde glänzten wie immer durch Nichtbeachtung und Abwesenheit. Das Verhältnis zwischen Monsummano und seinen Künstlern darf man wohl als total zerrüttet betrachten. Hast Du nicht einst ein Buch geschrieben: „Monsunapoli sehen und sterben“? So war es kein Wunder, dass einer der anwesenden Gäste mir unbedingt vor coram publico mitteilen musste, dass ich eingewanderter Deutscher nach über zwanzig Jahren ein erbärmliches Italienisch spreche.

Lieber Freund, wieso glaubt in dieser Welt jeder Volldepp das Recht zu haben einen Künstler ungestraft beleidigen zu dürfen? Ich bin darüber sehr verbittert.

Tröstend sind die Worte eines großen Mannes, der vor über Zweitausend Jahren folgendes sagte: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“

Damals fasste ich den Entschluss keine Ausstellungen mehr zu machen und alle meine Werke mit mir verbrennen zu lassen. Keiner soll sich je daran bereichern. Ich kam mit nichts und gehe mit nichts.

Trotz allem bin mit mir und meinem Leben zufrieden.

Ich habe ein Haus gebaut, Bäume gepflanzt, einen Sohn geboren, über 300 Aquarelle gemalt, die Du alle nicht kennst und über 40 Holzfiguren geschnitzt.

Mein Freund die Zeit ist gekommen Abschied zu nehmen. Mal sehen, was ich in meinen zukünftigen Reinkarnationen noch so alles erleben werde. Ich werde Dir davon berichten.

Lebe wohl.

PS. Wenn Du Zeit hast, geh in mein Haus. Auf dem Tisch steht die Olivenholzskulptur des Stinkefingers.

Ein kleines Abschiedsgeschenk.

Möge sie dich an mich und unsere Gespräche erinnern.

Mühsam erhob sich der Schriftsteller aus seinem Lehnstuhl um ein paar Scheite nachzulegen. Es fröstelte ihn. Die Zeilen seines verstorbenen Freundes hatten ihm zugesetzt. Er schämte sich. Warum hatte er ihm nicht in seinen letzten Jahren beigestanden? Wäre es nicht die Aufgabe einem Freund in schweren Zeiten nahe zu sein? Er hatte total versagt. Er war kein guter Freund. Benutzen, ausnutzen wollte er ihn.

Er las noch einmal den Abschiedsbrief.

Und noch einmal und noch einmal.

Dann fällte er einen Entschluss.

Er würde kein Buch über das Leben und Wirken dieses großen Menschen und Künstlers schreiben. Zumal der Abschiedsbrief besser war als sein eigener schwülstiger Abgesang. Wenig Worte, alles auf den Punkt gebracht.

Alles gesagt was zu sagen war.

Er zog sich warm an und stieg hinauf in die „Casa dell'arte“ des verstorbenen Freundes.

Der Stinkefinger wartete auf ihn.

Babbone oder Der versteinerte Sohn

Es war schon etwas seltsam. Seit Wochen bot sich immer wieder das gleiche Bild. Auf den obersten Treppenstufen eines prächtigen Hauses in einer kleinen italienischen Ortschaft in der Toskana saß ein junger Mann. Das selbst wäre ja nicht eigenartig, denn warum sollte da nicht ein junger Mann sitzen dürfen um den vorbeifahrenden Verkehr zu beobachten? Doch irgendwann begannen die Menschen neugierig zu werden und den jungen Mann zu beobachten. Egal ob morgens, mittags, abends oder nachts, der Jüngling veränderte nie seine Position und schien jede Bewegung, jedes Auto, jeden Menschen und jedes Tier auf der Straße genauestens mit starren Blick zu mustern. Nichts schien ihm zu entgehen. Das Ganze wurde noch dadurch unterstrichen, dass er, um ja nur alles zu sehen, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt hatte. Es war unerklärlich, wie der junge Mann diese doch sehr anstrengende Position über Monate und Jahre halten konnte. Es handelte sich um einen starken Jüngling: Man konnte unter seinem enganliegenden T-Shirt einen wohlproportionierten und durchtrainierten Körper erahnen. Irgendwann gewöhnten sich die Passanten an die Situation. Doch man ließ ihn in Ruhe. Im