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Die Herausgeberin der erfolgreichen 5-Minuten-Märchen hat sich mit dieser neuen Märchensammlung einem weiteren Thema gewidmet. Wer um einen geliebten Menschen trauert, hat das Gefühl, ihm sei der Boden unter den Füßen weggerissen. Wo Halt finden, wo Trost? Ausgerechnet in Märchen? Ja, denn sie können zum Wegweiser für den eigenen Trauerweg werden. Wo der Alltagssprache die Worte fehlen, finden die Märchen einen Weg: Für das Unsagbare, das mit dem Tod ins Leben tritt, geben sie uns Sinnbilder und Symbole an die Hand, die etwas in uns berühren und zum Klingen bringen können. Märchen können uns aus der Versteinerung erlösen, mit der die Trauer uns belegt. Und sie können uns Antwort geben auf das, was uns umtreibt. Die ausgewählten Märchen erzählen vom Umgang mit Abschied und Verlust. Sie bieten Anregungen und Hilfe, die Trauer auszuhalten, Gedanken und Gefühle zu klären. Und sie weisen Wege auf, aus der Trauer herauszufinden, wieder ins Leben zurück, und dem Lebeneinen Sinn zu geben, trotzdem. Jedem Märchen folgt ein Hinweis der Herausgeberin, wie man die jeweilige Botschaft für sich selber nutzen kann. Hardcover mit Lesebändchen
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Die Märchen und Begleittexte in diesem Buch können zum Wegweiser und Begleiter für den Trauerweg werden. Sie weisen Wege, aus der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit heraus wieder ins Leben zurückzufinden. Als Wegbegleiter mögen sie Licht ins Dunkel der Trauer bringen und Trost spenden.
Die Märchen handeln vom Abschied, von der Traurigkeit und dem Davonlaufen, vom Schritt über die Schwelle und von der Vergänglichkeit, sie stellen sich Schicksalsfragen und erzählen vom Ertragen und Mit-dem-Schicksal-leben-Lernen, vom Erinnern, von Verwandlung, Vertrauen und Hoffnung, von der Liebe, die alles trägt, und vom Zurückfinden ins Leben.
Jedem Märchen ist ein Begleittext mit Impulsfragen und einem Zitat an die Seite gestellt, der Momente des Märchens beleuchtet und Anregungen gibt.
Michaela Brinkmeier, Jahrgang 1968, ist promovierte Germanistin. Sie studierte außerdem Kunstgeschichte und Journalistik. Die gebürtige Hamburgerin hat es nach Nordrhein-Westfalen verschlagen, wo sie in einem Dorf bei Gütersloh lebt. Die große weite Welt – und viele Märchen – im Herzen, zieht sie als Erzählerin übers Land. Immer mit dabei: ihre Harfe. Sie arbeitet freiberuflich als Märchenerzählerin und Harfenspielerin, Autorin, Klangtherapeutin, Klangpädagogin und Meditationslehrerin und gibt dazu auch Seminare.
(www.Sterntaler-Harfe.de und www.Klang-und-Meditation.com)
Dieses Buch widmet sie ihrer verstorbenen Tochter Marlene.
zum Erzählen und Vorlesen
Volksmärchen aus aller Welt
Herausgegeben, erzählt und mit Begleittexten versehenvon Michaela Brinkmeier
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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E-Book-Ausgabe 2024
© 2020 Königsfurt-Urania Verlag GmbH
Ringstr. 32, D-24103 Kiel
www.koenigsfurt-urania.com
Lektorat: Claudia Lazar, Kiel
Satz und Layout: Stefan Hose, Götheby-Holm
Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff unter Verwendung einer Abbildung von Adobe Stock: »Woman in victorian dress« © grape_vein
ISBN 978-3-86826-092-2 gedruckte Ausgabe
ISBN 978-3-86826-377-0 EPUB
Vorwort
Vom Abschied nehmen
Kaguyahime, die Bambusprinzessin (Märchen aus Japan)
Die drei Schwestern (Märchen aus Irland)
Der Häuptling und seine Frau (Märchen der Indianer aus Nordamerika)
Von der Traurigkeit
Die Tränenfee (Märchen aus dem Elsass)
Lumpenkind (Märchen aus England)
Das Totenhemdchen (Märchen der Brüder Grimm)
Vom Davonlaufen
Der Todesengel (Märchen aus Persien)
Die alte Frau und der Tod (Märchen aus Ungarn)
Das Land, wo man nie stirbt (Märchen aus Italien)
Der Tod in der Nuss (Märchen aus Schottland)
Vom Schritt über die Schwelle
Frau Holles Apfelgarten (Märchen aus Litauen)
Der Tod und der Gänsehirt (Märchen der Brüder Grimm)
Von der Vergänglichkeit
Schneekindlein (Märchen aus Russland)
Die Erde will das Ihre haben (Märchen aus dem Kaukasus)
Der weise König Suleiman (Märchen aus Indonesien)
Auf der Durchreise (jüdisches Märchen)
Von Schicksalsfragen
Der siebente Vater im Haus (Märchen aus Norwegen)
Der Clown Gottes (Legendenmärchen aus Italien)
Der Gevatter Tod (Märchen der Brüder Grimm)
Die Rose (Legendenmärchen der Brüder Grimm)
Vom Ertragen und Mit-dem-Schicksal-leben-Lernen
Der Klagestein (jüdisches Märchen aus dem Jemen)
Der halbe Mann (Märchen von den Molukken)
Die Palme (Märchen aus Afrika, Sahara)
Das Senfkorn (Märchen aus China)
Die Frau und der Drache (Märchen aus Italien)
Vom Erinnern
Das ewige Lied (Märchen der Indianer aus Nordamerika)
Der Fliegenwedel (Märchen aus Liberia)
Von Hoffnung, Vertrauen und Verwandlung
Das kleine bucklige Mädchen (Märchen aus Deutschland)
Die Maus, die sich fledermauste (Märchen der Caxinauá Indianer aus Brasilien)
Die Schwanenfrau (Märchen aus Litauen)
Morgen ist morgen (jüdisches Märchen aus Afghanistan)
Die Sterntaler (Märchen der Brüder Grimm)
Mütterchen Kuh (Märchen aus Russland)
Die drei goldenen Haare (Märchen aus Rumänien)
Von der Liebe, die alles trägt
Das Tränenseil (Märchen aus Tibet)
Frau Kolibri (Märchen der Indios aus Brasilien)
Die Regenblume (Märchen der Indianer aus Nordamerika)
Der Tod und das Knäckebrot (Märchen der Zigeuner aus Schweden)
Der Hirte vom Monte Cristallo (Märchen aus den Dolomiten)
Wie der Vogel Uirapuru die Liebenden tröstet (Märchen der Indios aus Brasilien)
Der Spiegel, der ins Jenseits führt (Märchen aus Argentinien)
Das Wissen der Welt (Märchen unbekannter Herkunft)
Vom Zurückfinden ins Leben
Das Kätzchen und die Sahne (Märchen aus Deutschland)
Siebenschön (Märchen aus Deutschland)
Die alte Frau, die das Land der Toten besuchte (Märchen der Eskimo aus Grönland)
Der Rabe und die Fledermaus (Märchen, den Indianern aus Nordamerika zugeschrieben)
Die Alte mit den Bohnen (Märchen aus Deutschland)
Der Laden der Wünsche (chassidisches Märchen)
Die Probe (Märchen von den Philippinen)
Wie die Laute des Helden Gassir ihre Stimme bekam (Märchen aus Westafrika)
Quellenangaben
Wer um einen lieben Menschen trauert, hat das Gefühl, ihm sei der Boden unter den Füßen weggerissen. Wo Halt finden, wo Trost? Ausgerechnet in Märchen? Ja, ausgerechnet in Märchen. Sie können zum Wegweiser für den eigenen Trauerweg werden. Denn wo der Alltagssprache die Worte fehlen, finden die Märchen einen Weg: Für das Unsagbare, das mit dem Tod ins Leben tritt, geben sie uns Sinnbilder und Symbole an die Hand, die etwas in uns berühren und zum Klingen bringen können. Märchen können uns aus der Versteinerung, mit der die Trauer uns belegt, erlösen. Und sie können uns Antwort geben auf das, was uns umtreibt. Wir können darin unsere Erfahrungen und Nöte finden: Schmerz und Leid, Traurigkeit und Verlorenheit, Sehnsucht und Hoffnung. Und – ja: auch Trost.
Die ausgewählten Märchen erzählen vom Umgang mit Abschied und Verlust, von Vergänglichkeit und Verwandlung, Schicksal und Liebe, vom Jenseits und Zurückfinden ins Leben. Sie bieten Anregungen und Hilfe, die Trauer auszuhalten, Gedanken und Gefühle zu klären. Und sie weisen Wege auf, aus der Trauer herauszufinden, wieder ins Leben zurück, und dem Leben einen Sinn zu geben, trotzdem. Die Kapitel widmen sich Fragestellungen, mit denen wir uns auf den Weg machen müssen, wenn Trauer gelingen soll, Meilensteine auf dem Trauerweg, die Orientierung geben können. Begleittexte mit Impulsfragen und Zitaten beleuchten Momente der Märchen und bieten Anregungen, in den inneren Dialog mit den Märchen und mit sich selbst zu gehen.
Mögen die Märchen und Begleittexte helfen, sich der Trauer zu stellen und neuen Halt zu finden. Und mögen sie die Hoffnung nähren, dass die Liebe stärker ist als der Tod.
Michaela Brinkmeier
Es war einmal ein alter Mann, der lebte mit seiner Frau in einer kleinen Hütte am Rande eines Bambushains. Jeden Tag ging er in den Hain, um Bambus zu schneiden. Daraus fertigten die beiden Körbe, die verkauften sie. So hatten sie ihr karges Auskommen. Eines Abends, als der Mond gerade voll und rund am Himmel stand, sah der Alte im Hain einen besonders großen und schönen Bambus, der schien von innen zu leuchten. Vorsichtig schnitt er das Bambusrohr ab, und da fand er im Innern ein kleines Mädchen, das saß da und strahlte ihn an. »Dich hat mir der Himmel geschickt«, sagte der alte Mann, hob es behutsam heraus und trug es nach Hause. Der Mann und die Frau waren glücklich, dass sie auf ihre alten Tage doch noch ein Kind bekommen hatten. Sie nannten es Kaguyahime, Bambusprinzessin, und sie hatten ihre helle Freude an dem Kind. Von nun an fand der Bambusschnitter, wenn Vollmond war, immer wieder Goldstücke im Bambushain, und so konnte er für die kleine Familie schließlich ein schönes Haus bauen.
Kaguyahime wuchs rasch heran; wie andere Kinder in Jahren, wuchs sie in Monaten. Schon bald war sie eine strahlende Schönheit, und die ersten Freier hielten um ihre Hand an. Der Alte aber wollte seine Tochter noch nicht verheiraten, sie war doch noch so jung. Schließlich erfuhr auch der Kaiser von der schönen Kaguyahime. Er wollte sie selbst in Augenschein nehmen und fuhr zum Hause des Bambusschnitters. Dort, im Garten, sah er Kaguyahime. Sogleich war er gefangen von ihrer Schönheit und bat sie, mit ihm in den Kaiserpalast zu kommen. Kaguyahime aber sagte: »Ehrwürdiger Kaiser, ich kann auf Erden niemanden heiraten, denn ich bin nicht von dieser Welt. Ich bin ein Kind des Mondes und werde nur für kurze Zeit noch auf der Erde sein.« Als die beiden Alten das hörten, waren sie ganz betrübt, und der Kaiser kehrte traurig in seinen Palast zurück.
Es wurde Sommer, und Kaguyahime wurde immer stiller. Eines Abends saß sie weinend im Garten und schaute zum Mond empor. Da sprach sie zu den Eltern: »Morgen, wenn der Mond sich ganz rundet, werden die Mondnymphen kommen und mich holen, dann muss ich zurückkehren. Ich war sehr glücklich bei euch, und liebend gerne bliebe ich, aber nun muss ich Lebewohl sagen.« Hart trafen diese Worte die beiden Alten, und sie wollten ihre Tochter festhalten, damit die Nymphen sie nicht fortholten. Aber es half nichts: Am andern Tag tanzten auf den Strahlen des Mondlichts die Mondnymphen herunter. Da sprach Kaguyahime zu den Eltern: »Ich muss nun gehen, aber eure Liebe werde ich nie vergessen; ihr wart stets gut zu mir, und so sollt ihr künftig ohne Not und Mangel leben.« Kaum hatte sie dies gesagt, warfen die Nymphen einen Kimono aus silbrigem Mondlicht über sie, und Kaguyahime schwebte mit ihren Mondbrüdern und -schwestern auf einem Mondstrahl in den Himmel.
Die beiden Alten blieben allein auf der Erde zurück. Das Versprechen von Kaguyahime aber sollte sich erfüllen: Jedes Mal zur Vollmondzeit, wenn der Alte im Hain Bambus schnitt, fand er Edelsteine und Perlen, und sie litten keine Not bis an ihr Lebensende.
Märchen aus Japan
Der Abschied in diesem Märchen ist zauberhaft: Auf einem Strahl des Mondlichts schwebt Kaguyahime davon, begleitet von den Mondnymphen. Leicht und friedvoll wirkt dieser Abschied. So leicht wie im Märchen haben wir es leider nicht. Abschied fällt schwer – denen, die gehen, und denen, die zurückbleiben. Doch auch wenn wir nicht auf einem Mondstrahl davonschweben können, steckt in diesem Märchen manches, das wir für uns annehmen können und das uns weiterhilft:
Kaguyahime kündigt ihren nahenden Abschied an. Als die beiden Alten dies erfahren, sind sie ganz betrübt. Aber damit haben sie die Chance, sich innerlich darauf vorzubereiten. Und Kaguyahime hat die Möglichkeit, Unausgesprochenes auszusprechen: Dass sie ihre Zieh-Eltern liebt und dass sie ihnen dankbar ist. Wer diese Chance hat und nutzt, kann für sich und die Angehörigen noch Dinge klären und abrunden. Sicher schmerzt auch solch ein Abschied, aber er hinterlässt weniger Fragen, das macht es erträglicher. Wenn wir aber diese Chance nicht hatten, weil der Tod den Verstorbenen plötzlich mitten aus dem Leben gerissen hat oder weil eine Aussprache nicht mehr möglich war, müssen wir lernen, mit den offenen Fragen und dem Nichtgesagten weiterzuleben. Da kann es eine Hilfe sein, dem Verstorbenen all das, was wir noch im Herzen und auf der Zunge tragen, das Nicht-mehr-Gesagte, doch noch auszudrücken: in einem Gebet beispielsweise, einem Brief oder Gedicht an den Verstorbenen, einem Bild oder einer Plastik, einem Lied oder einer Musik.
Auch für das eigene Weiterleben mag das Märchen eine Hilfe sein. Kaguyahime kann uns lehren, »abschiedlich« zu leben: Sie weiß um ihre eigene Vergänglichkeit, dass sie nur vorübergehend auf dieser Welt ist. Dieses Wissen kann helfen, sich nach dem Abschied vom Verstorbenen dem Leben wieder neu zuzuwenden und das Leben mehr wertzuschätzen.
Kaguyahime wird auf dem Weg ins Jenseits begleitet. Dieses märchenhafte Ereignis, dass wir erwartet und in Empfang genommen werden, gibt es keineswegs nur im Märchen. Menschen mit einer Nahtod-Erfahrung haben immer wieder davon berichtet. Wenn wir uns vorstellen, dass der Verstorbene im Jenseits geborgen ist, dass er nicht allein ist, können wir unsere Sorge um ihn loslassen. Und noch etwas hat dieses Märchen, das uns helfen kann, den Abschied leichter zu ertragen, denn es erzählt uns auch: Mit dem Tod ist nicht alles aus und vorbei, er ist nichts Endgültiges, sondern Übergang in eine neue Welt, Tor zu neuem Leben. So betrachtet, ist der Abschied vom Verstorbenen wie bei einer Reise mit einem Warten auf ein Wiedersehen verbunden.
Und ich?
Was möchte ich dem Verstorbenen noch gerne sagen?
Wie kann ich dies ausdrücken?
Wen mag der Verstorbene im Jenseits wohl an seiner Seite haben?
Wie stelle ich mir ein Wiedersehen vor?
Er wusste nur vom Tod, was alle wissen:
dass er uns nimmt und in das Stumme stößt.
Als aber sie, nicht von ihm fortgerissen,
nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,
hinüberglitt zu unbekannten Schatten,
und als er fühlte, dass sie drüben nun
wie einen Mond ihr Mädchenlächeln hatten
und ihre Weise wohlzutun:
da wurden ihm die Toten so bekannt,
als wäre er durch sie mit einem jeden
ganz nah verwandt; er ließ die andern reden
und glaubte nicht und nannte jenes Land
das gutgelegene, das immersüße –
Und tastete es ab für ihre Füße.
Rainer Maria Rilke (Dichter)
Es war einmal eine alte Frau, die hatte drei Töchter. Eines Tages sagte die Älteste zu ihr: »Mutter, ich will anderswo mein Glück suchen. Gib mir ein Brot und lass mich fortziehen.« Die Mutter fragte: »Was willst du haben, mein Kind: Das halbe Brot mit meinem Segen oder das ganze mit meinem Fluch?« »Sei’s drum«, sagte die Älteste, »gib mir das ganze Brot, es ist klein genug!« Die Mutter gab ihr zwar keinen Fluch mit auf den Weg, aber auch nicht ihren Segen.
Nach einer Weile setzte sich die Älteste an der Landstraße nieder und stärkte sich mit dem Brot. Da kam eine alte Frau des Weges und bat um einen Bissen. Sie aber zeigte auf das abgebrochene Stückchen in ihrem Schoß und sagte: »Das ist alles, was ich habe«, und aß wortlos weiter.
Am Abend kam sie an ein großes Bauernhaus und bat um eine Schlafstelle. »Die sollst du haben und obendrein noch einen Spaten voll Gold«, sagte die Bäuerin, »wenn du mir einen Dienst erweisen willst: Wache die Nacht hindurch bei meinem toten Sohn. Er liegt aufgebahrt im Zimmer nebenan.« Die Älteste versprach es und setzte sich in eine Ecke. Nach einer Weile begann der Tote sich zu regen, richtete sich auf und fragte: »Bist du allein, schönes Mädchen?« Starr vor Schreck saß die Älteste da und konnte kein Wort über die Lippen bringen. Er fragte sie ein zweites und ein drittes Mal, doch vergebens; da gab er ihr einen Schlag mit der Gerte, und sie war in einen grauen Stein verwandelt.
Kurz darauf verließ die zweite Tochter das Elternhaus, um ihr Glück zu suchen. Doch auch sie achtete den Segen der Mutter gering und verlangte das ganze Brot. Wie die Älteste, wollte sie der alten Frau am Wegesrand nichts abgeben und nahm ihr Versprechen, beim Toten zu wachen, nur halbherzig wahr, und so wurde auch sie schließlich zu Stein.
Da machte sich die jüngste Tochter auf den Weg, denn sie wollte ihre beiden Schwestern suchen. Sie aber erbat den Segen der Mutter und teilte ihr Brot mit der armen Frau am Wege. Als die Jüngste schließlich Herberge auf dem Bauernhof fand, versprach sie der Bäuerin, Wache bei dem toten Jüngling zu halten. Sie setzte sich ans Feuer, spielte mit dem Hund und der Katze und aß von den Äpfeln und Nüssen, die ihr die Bäuerin gegeben hatte. Mit einem Mal stand der Tote auf und fragte: »Bist du allein, schönes Mädchen?« Da antwortete sie:
»Ganz alleine bin ich nicht;
Hund und Katze sind bei mir,
Nüss’ und Äpfel hab’ ich hier
Und die schenk’ ich alle dir!«
»Mut hast du«, sprach der Tote, »doch willst du auch mit mir gehen und mich begleiten auf dem Weg, der vor mir liegt? Durch den bodenlosen Sumpf und den ewig brennenden Wald? Durch die Höhle des Schreckens? Hinauf auf den gläsernen Berg? Dort muss ich mich vom Gipfel hinab in das tote Meer stürzen.« »Ich gehe mit dir!«, antwortete das Mädchen, ohne zu zögern, »denn ich habe es nun einmal versprochen, dass ich heut’ Nacht bei dir wache!«
Da sprang der Jüngling aus dem Fenster und das Mädchen hinterher. Bald kamen sie an den bodenlosen Sumpf. Der Tote schritt leicht darüber hinweg. Wie aber sollte die Jüngste hinüberkommen? Während sie noch überlegte, wie sie es anstellen könne, da erschien plötzlich die alte Frau, mit der sie das Brot geteilt hatte. Nun zeigte sie sich in ihrer wahren Gestalt: Sie hatte schöne Kleider an und hielt in der Hand einen Zauberstab. Damit berührte die gute Fee die Füße der Jüngsten, und da konnte sie sicheren Fußes über den Sumpf gehen. Nach einer Weile gerieten sie in den ewig brennenden Wald. Wieder kam die gute Fee zu Hilfe und legte ihr einen Mantel um, und so wurde ihr kein einziges Haar versengt. Dann aber kamen sie in die Höhle des Schreckens, und von dem furchtbaren Geschrei der bösen Geister wären ihr sicher die Ohren zersprungen, wenn die gute Fee sie ihr nicht vorher verstopft hätte.
Als sie die Höhle hinter sich hatten, kamen sie an den gläsernen Berg. Der Jüngling stieg rasch hinauf. Die Jüngste aber rutschte immer wieder ab. Wie sollte sie da hinauf kommen? Doch auch diesmal erschien die gute Fee und gab ihr ein Paar Schuhe, und damit gelangte sie leicht auf den Gipfel. Dort oben aber sprach der Tote: »Ich danke dir, dass du mich bis hier so treu begleitet hast. Nun aber gehe heim zu meiner Mutter und sage ihr in meinem Namen Lebewohl!« Kaum hatte er dies gesagt, da sprang er hinunter in die Tiefe, in das tote Meer. Die Jüngste aber sprang ihm ohne Zögern nach.
Sie verlor die Besinnung, und als sie wieder zu sich kam, war sie auf einer grünen Wiese, an der Seite des Jünglings. Da fiel sie in einen tiefen Schlaf, denn der Weg hatte sie erschöpft.
Als sie endlich erwachte, lag sie in einem weichen Bett auf dem Bauernhof, und der Jüngling hielt ihre Hand. »Ich danke dir! Du hast mich erlöst!«, rief er, als sie die Augen aufschlug, »eine böse Hexe hatte mich in diesen unseligen Zustand zwischen Leben und Tod gebannt, weil ich mich weigerte, sie zu heiraten; und ich sollte nicht eher daraus befreit sein, bis ein Mädchen den Mut fände, all die schweren Aufgaben für mich zu bestehen.«
Da trat die gute Fee hinzu. Die Jüngste bat, sie möge doch ihre Schwestern erlösen, und da befreite die Fee sie aus ihrer Versteinerung, und sie machten sich auf den Heimweg. Die Jüngste aber blieb und hielt Hochzeit mit dem Jüngling. Und sie lebten lange und glücklich zusammen.
Märchen aus Irland
Die jüngste Schwester hat beim Abschied den Segen der Mutter. Was heißt das? Ein Segen, das können gute Worte sein, ein Gebet, ein Zeichen oder eine Gebärde, die etwas Gutes wünschen und um göttlichen Schutz und Beistand bitten, beispielsweise gutes Gelingen, Glück, Kraft oder Genesung. Die Jüngste macht sich mit dem Segen auf den Weg, auf dem sie viel durchmachen muss. Er erinnert an den Weg, den Trauernde bei ihrem Abschied zu gehen haben. Für die Jüngste ist er »segens-reich«: Ihr gelingt die Erlösung des Jünglings, und durch ihre Bitte auch die der Schwestern. War es der Segen der Mutter zum Abschied, der dies möglich machte? Oder ihr beherztes Handeln? Oder hängt beides miteinander zusammen? Segnen und gesegnet werden hat mit Vertrauen zu tun, mit Gottvertrauen. Das aber ist bei vielen Trauernden erschüttert. Wie kann es neu wachsen? Vielleicht ist die Sehnsucht danach schon der erste Schritt. Der zweite Schritt: die Hoffnung, nicht allein auf der Welt zu sein, sondern von guten Mächten wunderbar geborgen. Und der dritte Schritt: sich an das halten, was das Leben noch zu bieten hat, trotzdem. Den Beistand und Halt nicht einfach übersehen, sondern annehmen, wie die Jüngste im Märchen.
Sie weicht der Begegnung mit dem Toten nicht aus, sondern hält Zwiesprache mit ihm. Sie lässt ihr Herz sprechen. In dieser unheimlichen Begegnung handelt sie so beherzt, weil sie weiß: Ich bin nicht allein. Sie hält sich an Hund und Katze, in denen findet sie Beistand. Die älteren Schwestern haben kein Auge dafür und keine Wertschätzung für den Segen der Mutter, und auch die Aufgabe der Totenwache nehmen sie nur halbherzig wahr: Als der Tote sie anspricht, sind sie starr und stumm, sie versteinern. Weder ihnen noch dem Toten ist damit geholfen. Wer die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit dem Toten, mit der Trauer verdrängt, der droht, innerlich zu verhärten, zu erstarren, zu versteinern. Die beiden zu Stein gewordenen Schwestern sind somit ein Mahnmal für Trauernde.
Während die älteren Schwestern nur an sich denken und die lästige Alte am Wegesrand abweisen, teilt die Jüngste ihr Brot mit ihr. Und bekommt dafür Hilfe und Beistand zurück: Die alte Frau, die selbst um Hilfe bat, erweist sich später als gute Fee, die ihr in der Not beisteht. Für Trauernde kann es sich als segensreich erweisen, anderen zu helfen, auch wenn sie selbst bitter nötig Hilfe brauchen. Oft zeigt sich: Das, was wir geben, kommt irgendwie zu uns zurück. Die jüngste Schwester hält ihr Versprechen, beim Toten zu wachen, und begleitet ihn auf seiner Reise ins Jenseits. Auf ihrem Weg steht sie Ängste, Sorgen und Nöte durch, die auch Trauernde durchmachen müssen. Das Märchen bietet hier eine Fülle von Sinn-Bildern und Seelenlandschaften: Sie muss durch den »bodenlosen Sumpf«. Dort gibt es keinen Halt, keinen festen Grund, sie droht, darin zu versinken – wie Trauernde in der herabziehenden Traurigkeit. Sie muss durch den »ewig brennenden Wald«, durchs Feuer gehen, durch lodernden Zorn und aufflackernde Wut. Sie muss durch die »Höhle des Schreckens«, ins Dunkle, Ungewisse, Unbewusste, wo unsere Ängste und inneren Dämonen lauern. Schließlich muss sie auf den »gläsernen Berg«, ein glattes, schier unüberwindliches Hindernis zwischen Diesseits und Jenseits, dem wir hier als das »tote Meer« begegnen. Doch auf ihrem Weg bekommt sie gütigen Beistand und findet schließlich ins Leben zurück. Sie hält Hochzeit mit dem Jüngling. Hochzeit halten, das können wir auch als seelische Entwicklung sehen: den Verstorbenen ins Herz aufnehmen, uns innerlich mit ihm verbinden. Wenn wir das schaffen, dann war unser Abschied und Trauerweg ein segensreicher.
Und ich?
Um welchen Segen möchte ich für mich bitten?
Wer kann mir auf meinem Trauerweg eine »gute Fee« sein und mir beistehen?
Welchen Segen kann ich dem Verstorbenen zum Abschied geben?
Möge die Härte dein Herz nie zu Stein verwandeln,
wenn die Zeiten auch hart sind.
Und mögest du nie vergessen,
auch wenn Schatten dich umgeben:
Du gehst nicht allein.
irischer Segenswunsch
Vor vielen Sommern lebte ein junger Häuptling, der liebte das schönste Mädchen seines Stammes. Und sie erwiderte seine Liebe. Die beiden feierten Hochzeit. Ihre Herzen sangen vor Glück. Doch ihr Glück war nur von kurzer Dauer. Die junge Frau wurde krank, sehr krank. Der Medizinmann wusste keinen Rat, er konnte ihr nicht helfen. Und so starb die Frau in den Armen des jungen Häuptlings.
Wer vermag sein Leid zu beschreiben? Er weinte. Aber sein Leid wurde nicht weniger. Er suchte Ablenkung in der Jagd und im Kampf. Aber sein Leid wurde nicht weniger. Seine Gedanken und sein Herz waren immer bei seiner verstorbenen Frau. Er sehnte sich nach ihr und wollte ohne sie nicht leben. Da ging der junge Häuptling zu einem alten Indianer, der war der beste Schnitzer seines Stammes, und er trug ihm auf, ein Holzbildnis seiner Frau zu schnitzen, so gut er es vermochte.
Der alte Indianer machte sich ans Werk. Am Meer hatte er vor einiger Zeit ein großes Stück Holz gefunden; daran schnitzte er nun. Schließlich war er zufrieden und holte den Häuptling. Bangen Herzens schlug dieser den Vorhang zur Seite, und da sah er die Holzfigur sitzen. Sie war das getreue Abbild seiner Frau: schön und anmutig, wie sie es gewesen war. Sie saß da, wie sie immer gesessen hatte. Sie lächelte, wie sie immer gelächelt hatte. Und sie sah ihn an, wie sie ihn immer angesehen hatte. Der junge Häuptling freute sich. Er trug die Holzfrau in sein Zelt. Nun war er nicht mehr allein.
Der junge Häuptling freute sich am Anblick seiner schönen Holzfrau. Er sprach mit ihr. Er saß an ihrer Seite und erzählte ihr alles, was im Dorf geschah, was ihn umtrieb und was in seinem Herzen vor sich ging. Er saß an ihrer Seite, wenn er aß. Er saß an ihrer Seite, wenn er an neuen Pfeilen arbeitete. Und mit der Zeit wurde ihm leichter ums Herz.
Eines Tages, wie er bei ihr saß, schien es ihm, als ob sie seufze. Und dann sah er, wie die Holzfrau sich rührte. Es schien ihm, als atme sie, als kehre seine Frau ins Leben zurück. Er hoffte, dass sie auch die Sprache wiederfinden würde. Doch sprechen und sich rühren konnte sie nicht, und in ihre Augen kam kein Leben. Der junge Häuptling aber war glücklich. Lange lebte er so, Seite an Seite mit seiner Holzfrau.
Doch auch dieses Glück währte nicht ewig: Eines Tages, wie er bei ihr saß, hörte er ein tiefes Seufzen und dann ein lautes Knacken, wie wenn ein Baumstamm reißt. Nun war auch die Holzfrau gestorben.
Der Häuptling hob sie auf und wollte sie aus dem Zelt tragen; da sah er dort, wo sie gesessen hatte, im Lehmboden ein kleines Bäumchen. Das Bäumchen wuchs, wurde größer und größer, bis es schließlich das Zeltdach durchbrach und zu einem schönen großen Baum wurde, wie ihn die Indianer noch nie gesehen hatten.
Die Indianer nannten ihn Rote Zeder. Der Baum bekam viele Sprösslinge. Und heute gibt es die Roten Zedern im ganzen Indianerland. Die größten und schönsten aber wachsen dort, wo einst der junge Häuptling und seine schöne Frau lebten.
Märchen der Indianer aus Nordamerika
Wenn das Glück groß war, ist das Tal der Tränen umso tiefer. Und es fällt schwer, da wieder herauszukommen. Dem Häuptling gelingt dies »auf Raten«. Er schafft sich einen Ersatz für seine verstorbene Frau, ein Abbild von ihr. Seine Sehnsucht, die sonst ins Leere liefe, hat so ein Gegenüber. Bis er auch von der Holzfrau Abschied nehmen muss. Betrachten wir die Geschichte als seelisches Erleben, macht sie uns anschaulich, wie Abschied gelingen kann:
Am Anfang der Trauer brauchen wir etwas, das uns hilft, unsere Sehnsucht und Gefühle zu sammeln und auszurichten. Geformt aus den Bildern der Erinnerung, schaffen wir uns vom Verstorbenen seelisch ein Gegenüber, ein Abbild. Wir treten in einen inneren Dialog mit dem Verstorbenen, reden gedanklich mit ihm, lassen ihn teilhaben an unserem Leben und dem, was uns bewegt. Irgendwann aber müssen wir auch davon Abschied nehmen, wie der Indianer von der Holzfrau. Irgendwann können wir es. Weil wir es nicht mehr brauchen. Wir brauchen kein Abbild mehr, keinen Ersatz für den Verstorbenen, weil wir ihn in unser Herz genommen haben, uns tief im Herzen mit ihm verbunden wissen. Dort keimt etwas Neues, etwas vom Verstorbenen wird in uns »fruchtbar«, pflanzt sich fort und tritt hinaus in die Welt, wie die Sprösslinge im Märchen. Und das ist das Erbe der gemeinsamen Liebe.
Und ich?
Was hilft mir, in einen inneren Dialog mit dem Verstorbenen zu treten?
Welche »Saat« vom Verstorbenen mag in mir aufgehen?
Ach, wie so lachend,
Ach, wie so mild,
Sah ich erwachend
Am Morgen dein Bild!
Und wie so labend,
Selig vergnügt,
Hat’s mich am Abend
In Träume gewiegt!
Immer noch mein’ ich,
Dass ich es habe –
Ach! Und doch wein’ ich
Über dem Grabe!
Ernst von Feuchtersleben (Dichter)
Eines Tages, an einem Sonntag, wurde einem Melker und seiner Frau ein Mädchen geboren. Als das kleine Sonntagskind getauft wurde, erschienen zur Feier drei Feen, um das Kind mit guten Gaben zu versehen. Die erste Fee wünschte dem Kind Schönheit, die zweite Reichtum. Die dritte Fee wollte ihm die Gabe der Tränen verleihen. Da aber schritten die Eltern ein und setzten die Tränenfee vor die Tür, denn sie wollten, dass ihr Kind keine Tränen vergießen müsse. Die Tränenfee rief: »So bedenkt doch: Tränen reinigen das Herz!« Der Melker und seine Frau aber wollten nichts davon wissen.
Die Jahre vergingen, und der Wunsch der ersten Fee erfüllte sich: Das Mädchen wuchs zu einer wunderschönen Frau heran. Allein, es fehlte ihr an Gemüt: Ihr Lächeln war kalt, niemand sah sie je ergriffen oder dass sie weinte. Eines Tages nun sah ein Ritter die junge Frau und war so entzückt von ihrer Schönheit, dass er um ihre Hand anhielt, und bald darauf hielten sie Hochzeit. Und so gesellte sich zu ihrer Schönheit der Reichtum, und auch der Wunsch der zweiten Fee war in Erfüllung gegangen.
Doch das Glück auf der Burg währte nicht lange. Der Ritter wurde seiner Frau bald überdrüssig; es war ihm, als hätte er keine Sterbliche geheiratet, so unnahbar war sie. Obwohl sie stets freundlich war, wirkte sie doch kalt und herzlos. Da dauerte es nicht lange, und der Ritter war bald mehr auf der Jagd als auf der Burg. Die junge Frau merkte dies. Weinen aber konnte sie nicht. Bald mieden alle auf der Burg ihre Nähe. Die junge Frau war ihnen unheimlich.
In ihrer Not ging sie eines Nachts an den See und wollte sich hineinstürzen. Da aber tauchte aus dem Wasser die Tränenfee empor und sagte: »Ach, Kind, so wisse: Die Menschen meiden dich nicht aus Bosheit, sondern weil dir die Gabe der Tränen fehlt«, und sie erzählte, was am Tage der Taufe geschehen war. Dann sprach die Fee: »Nun will ich dich mit dieser Gabe beschenken«, strich ihr sanft über die Augen und war verschwunden. Die junge Frau ging zurück zur Burg. Sie sann über ihr Schicksal nach, und da traten ihr zum ersten Mal Tränen in die Augen. Sie rollten die Wangen herab und wollten gar nicht mehr aufhören. Alle Tränen aber, die sie weinte, verwandelten sich in Perlen. So weinte sie drei Tage lang. Da erschien wieder die Tränenfee und sagte: »Nimm die Perlen, mache eine Kette daraus und lege sie um. Morgen kommt dein Mann von der Jagd zurück. Du wirst sehen: Die Perlen werden dich noch schöner machen und dir zu deinem Glück gereichen.«
Die Frau reihte die Perlen zu einer Kette und legte sie an. Als endlich ihr Mann heimkam, staunte er über ihre Schönheit, den geheimnisvollen Glanz in ihren Augen und das Strahlen ihres Lächelns. Da war er von Herzen froh und schloss sie in die Arme. Und von da an wohnte das Glück auf der Burg.
Märchen aus dem Elsass
Die besorgten Eltern setzen die Tränenfee vor die Tür, weil sie ihr Kind vor Unheil bewahren wollen. Doch gerade damit bringen sie Unheil über ihre Tochter und machen sie unglücklich. Sie ist »unheil«, nicht heil, ihr fehlt etwas. Ohne Tränen ist sie kein ganzer Mensch, ihr fehlt die Fähigkeit, tiefe Gefühle zu empfinden. Weil sie nicht weinen kann, kann sie auch nicht lachen und kein Mitgefühl zeigen. Sie wirkt unnahbar und herzlos, und so wenden sich alle von ihr ab, sie vereinsamt und verliert den Lebensmut. Erst als ihr die Fee die Gabe der Tränen verleiht, findet sie ihr Glück. Gehören zum Menschsein, zum Ganz-Sein Tränen dazu? Gehören Tränen sogar zum Glück?
»Die Tränenfee« mahnt vor dem »Un-heil«, das uns droht, wenn wir unsere Trauer verdrängen, beispielsweise durch Ablenkung, Arbeit oder Betäubung. Das Märchen macht Trauernden und den Mitmenschen
