Märchen vom Meer -  - E-Book

Märchen vom Meer E-Book

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Beschreibung

Märchen vom Meer - Weite, Wind, Wellen - Sehnsucht Weite, Wind und Wellen - wenn wir ans Meer denken, dann steigt eine Sehnsucht in uns hoch, die so unergründlich ist wie das Meer selbst. Wer schon einmal am Meeresufer stand, der kennt sie, diese Sehnsucht: Der Blick frei bis zum Horizont, darüber der unendliche Himmel, dahinter ferne Länder und darunter die unendlichen Tiefen des Meeres mit seinen geheimnisvollen Geschöpfen. Das Meer fasziniert die Menschen seit je her und hat sie wunderbare Märchen ersinnen lassen. Märchen von mutigen Seefahrern und ihren Abenteuern, von Begegnungen mit Walen und Meerfrauen, von wunderbaren Unterwasserwelten und verborgenen Schätzen. Einige der schönsten Perlen aus diesem Märchenschatz präsentiert Königsfurt-Urania im Frühjahr 2021 mit den "Märchen vom Meer". Zusammengetragen hat sie Michaela Brinkmeier, die Herausgeberin der erfolgreichen "5-Minuten-Märchen" (2019) und der "Märchen für Trauer und Trost" (2020).

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch

Die Märchen in diesem Buch atmen Wind und Wellen, sie schmecken nach Salzwasser und wehen uns die Gewürze fremder Länder herbei. Manche riechen nach Fisch, ein wenig modderig. Die Märchen fangen etwas von der Faszination ein, die das Meer auf die Menschen seit Urzeiten ausübt, etwas von dem Unergründlichen, Weiten und Tiefen des Wassers, aus dem alles Leben stammt – voller Vielfalt und voller Gefahr.

In fünf Kapiteln finden wir Märchen aus aller Welt: »Von Abenteuern auf See«, »Von wundersamen Welten auf dem Meeresgrund«, »Von allerlei Meerleuten«, »Vom Warum und Woher – Fragen zum Meer« und »Von Fluch und Segen des Meeres«.

Über die Herausgeberin

Michaela Brinkmeier, Jahrgang 1968, ist promovierte Germanistin, studierte außerdem Kunstgeschichte und Journalistik. Die gebürtige Hamburgerin hat es nach Nordrhein-Westfalen verschlagen, wo sie in einem Dorf bei Gütersloh lebt. Die große weite Welt – und viele Märchen – im Herzen, zieht sie als Erzählerin übers Land. Immer mit dabei: ihre Harfe. Sie arbeitet freiberuflich als Märchenerzählerin und Harfenspielerin, Autorin, Klangtherapeutin, Klangpädagogin und Meditationslehrerin (Infos unter: www.Sterntaler-Harfe.de und www.Klang-und-Meditation.com).

MÄRCHEN VOM MEER

ZUM ERZÄHLEN UND VORLESEN

Herausgegeben und erzähltvon Michaela Brinkmeier

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Texte und Abbildungen in diesem Buch sind urheberrechtlich geschützt. Kein Teil dieses Buchs darf ohne schriftliche Genehmigung durch den Verlag reproduziert oder in irgendeiner Weise weiterverwendet werden; das gilt besonders auch für eine Verwendung im Internet. Ausgenommen sind kurze Zitate oder kleine Buchausschnitte innerhalb von Besprechungen dieses Buchs.

Sollte diese Publikation Links zu Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für die Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

E-Book-Ausgabe 2024

© 2021 Königsfurt-Urania Verlag GmbH

Ringstr. 32, D-24103 Kiel

[email protected]

www.koenigsfurt-urania.com

Lektorat: Claudia Lazar, Kiel

Satz: Stefan Hose, Götheby-Holm

Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff, Rendsburg, unter Verwendung des folgenden Motivs von Adobe Stock: »Fantasy boat in a starry night« © susanafh

ISBN 978-3-86826-093-9 gedruckte Ausgabe

ISBN 978-3-86826-379-4 EPUB

INHALT

Vorwort

VON ABENTEUERN AUF SEE

Der Glücks-Anders (Märchen aus Norwegen)

Der goldene Fisch (Märchen aus Turkmenien)

Die Raben von Udröst (Märchen aus Norwegen)

Makrelenfang (Märchen aus Norwegen)

Rata und sein Boot (Märchen von den Cook-Inseln, Polynesien)

Die Geschichte von Longa-Poa (Märchen aus Melanesien)

VON WUNDERSAMEN WELTEN AUF DEM MEERESGRUND

Uraschimataro (Märchen aus Japan)

Der Robbenfänger (Märchen aus Schottland)

Tseremsaaks und das Haus auf dem Meeresgrund (Märchen der Tsimschian-Indianer aus Kanada)

Nennillo und Nennella (Märchen aus Italien)

Maorigashima (Märchen aus Japan)

VON ALLERLEI MEERLEUTEN

Die alte Frau und das Meer (Märchen aus Chile)

Der Meermann Ekke Nekkepenn (Märchen aus Nordfriesland)

Das Mädchen aus dem Meere (Märchen aus Lappland, Norwegen)

Die Seehundshaut (Märchen aus Island)

Das Meerweib (Märchen aus Lappland, Norwegen)

Die gefangenen Seelen (Märchen aus England)

VOM WARUM UND WOHER – FRAGEN ZUM MEER

Die Mühle, die auf dem Meeresgrund mahlt (Märchen aus Norwegen)

Imap ukûa, die Mutter des Meeres (Märchen der Eskimo von Grönland)

Wie Hohodemi Ebbe und Flut in die Welt brachte (Märchen aus Japan)

VON FLUCH UND SEGEN DES MEERES

König Delphin (Märchen aus Griechenland)

Die Meerfrau und die Fischerswitwe (Märchen aus Flandern)

Die Galionsfigur (Märchen aus Norddeutschland)

Die Bernsteinfee (Märchen aus Pommern, Deutschland)

Das dem Meere entstiegene Mädchen (Märchen aus Karelien, Finnland)

Fortunio und die Sirene (Märchen aus Italien)

Zuerst geboren, zuerst vermählt (Märchen aus Schweden)

Der Faulpelz und der Fisch (Märchen aus Bulgarien)

Von dem Fischer und seiner Frau (Märchen der Brüder Grimm)

Quellenangaben

VORWORT

Weite, Wind und Wellen – wenn wir ans Meer denken, dann verspüren wir eine Sehnsucht, die so unergründlich ist wie das Meer selbst. Wer schon einmal am Meeresufer stand, der kennt sie, diese Sehnsucht: der Blick frei bis zum Horizont, darüber der unendliche Himmel, dahinter ferne Länder und darunter die Tiefen des Meeres mit geheimnisvollen Geschöpfen. Das Meer fasziniert die Menschen seit jeher und hat sie wunderbare Märchen ersinnen lassen. Märchen von mutigen Seefahrern und ihren Abenteuern, von Begegnungen mit Walen und Meerfrauen, von Unterwasserwelten und verborgenen Schätzen. Einige der schönsten Perlen aus diesem Märchenschatz habe ich hier gesammelt.

Mir wurde die Sehnsucht nach dem Meer sozusagen in die Wiege gelegt, denn geboren bin ich »in Hamburg an der Elbe, gleich hinter dem Ozean«, wie Hans Albers einmal so schön gesungen hat. Zumal ich ein Seefahrerkind bin. Mein Vater war früher, als die Seefahrt noch etwas von Abenteuer hatte, Matrose auf Überseeschiffen. Seine Erzählungen von damals waren meine Gute-Nacht-Geschichten, die ich ihm natürlich alle geglaubt habe, wenn sich wohl auch etwas Seemannsgarn daruntergemischt haben mag.

In diesem Buch nun finden Sie aber kein Seemannsgarn, sondern Märchen aus aller Welt. Sie scheinen unglaublich und sind doch wahr. Weil sie, wie die Meeresoberfläche, uns selbst spiegeln, unsere Sehnsüchte und Träume, unsere Ängste und Hoffnungen. Sie nehmen uns mit auf die Reise in die Tiefe und das, was hinter dem Horizont liegt, und setzen sich zusammen zu einem märchenhaften Porträt unseres wunderbaren blauen Planeten.

Michaela Brinkmeier

VON ABENTEUERN AUF SEE

DER GLÜCKS-ANDERS

Ein reicher Bauer hatte zwei Söhne, die hießen Hans Niklas und Glücks-Anders. Der Ältere war einer, aus dem man nicht recht klug werden konnte. Mit ihm war nicht gut Kirschen essen, und er war noch habgieriger und geiziger als die Leute aus Nordland gewöhnlich sind, obwohl sie selten zu wenig mit diesen schönen Eigenschaften gesegnet sind. Der andere, Glücks-Anders, war wild und übermütig, aber immer guter Laune, und wenn er noch so fatal dran war, so sagte er doch immer, er sei ein Glückspilz.

Wenn ihm der Adler, um sein Nest zu verteidigen, Kopf und Gesicht so bearbeitete, dass das Blut nur so floss, so behauptete er doch, er sei ein Glückspilz, wenn er nur mit einem Adlerjungen heimkam. Kenterte sein Boot, was auch zuweilen vorkam, und man fand ihn daran angeklammert, ganz heruntergekommen durch Nässe, Kälte und Anstrengung, und man fragte ihn, wie er sich fühle, so antwortete er: »Ach, ganz gut; ich bin ja gerettet; ich habe doch Glück.«

Als der Vater starb, waren sie beide erwachsen, und einige Zeit darauf mussten sie beide zu den Sandbänken hinaus, um einige Fischnetze zu holen, die seit dem Sommerfischen draußen geblieben waren. Es war spät im Herbst, nach der Zeit, wo die meisten Fischer auf der Sommerfahrt begriffen sind. Anders hatte seine Büchse bei sich, die ihn begleitete, wohin er auch ging. Hans Niklas sprach nicht viel auf der Fahrt, aber er dachte sich umso mehr. Zur Heimreise wurden sie erst fertig, als es gegen Abend ging.

»Hör, Glücks-Anders, weißt du was, heut’ Nacht gibt’s ein bös’ Wetter«, sagte Hans Niklas und schaute über das Meer hinaus, »ich meine, es ist am besten, wir bleiben hier bis morgen!« »Ein Wetter gibt’s nicht«, sagte Anders, »die Sieben Schwestern haben ihre Nebelhaube nicht auf, da kannst du ganz ruhig sein.« Aber der andere klagte, er sei so müde, und endlich beschlossen sie, die Nacht hierzubleiben.

Als Anders aufwachte, war er allein; er sah weder Bruder noch Boot, bis er auf den höchsten Punkt der Insel kam; da entdeckte er ihn weit draußen, wie eine Möwe, die zum Land fliegt. Anders begriff die Sache gar nicht. Ein Essvorrat war noch da, auch eine Schüssel mit Molke, seine Büchse und sein Feuerstahl. Anders dachte nicht lange nach. »Er kommt wohl heut’ Abend wieder«, sagte er und machte sich über den Proviant her, »ein Narr, wer die Courage verliert, solange er zu essen hat.«

Aber kein Bruder ließ sich am Abend sehen, und Anders wartete Tag um Tag und Woche um Woche; da merkte er schließlich, dass der Bruder ihn auf der öden Insel ausgesetzt hatte, um das Erbe selbst ungeteilt behalten zu können. Und so war es auch, denn als Hans Niklas auf der Heimfahrt Land in Sicht hatte, ließ er das Boot kentern und sagte, Glücks-Anders sei ertrunken.

Aber der ließ den Mut nicht sinken; er sammelte Treibholz am Strand, schoss Seevögel und suchte Muscheln und Wurzeln; er baute sich ein Floß aus Stangenholz und fischte mit einer Stange, die auch zurückgeblieben war. Eines Tages, als er gerade an der Arbeit war, fiel ihm eine Vertiefung im Sand in die Augen, wie die Kielspur einer großen nordländischen Jacht*, und er konnte deutlich die Windungen der Taue vom Strand bis hinauf zum Gipfel der Insel verfolgen. Da dachte er bei sich, nun habe es keine Gefahr mit ihm; denn er sah, dass es wahr war, was er oft gehört hatte, nämlich, dass die Meerleute hier ihren Aufenthalt hätten und einen eifrigen Schiffsverkehr trieben.

»Gott sei Dank für die gute Gesellschaft! Das ist gerade das, was ich brauche. Ja, es ist doch, wie ich sage, ich habe eben Glück«, dachte Anders bei sich selbst, vielleicht sagte er es auch; denn zuweilen musste er notwendig ein wenig sprechen. So lebte er den Herbst über. Einmal sah er ein Boot; da hing er einen Fetzen an eine Stange und winkte damit, aber in demselben Augenblick fiel das Segel, und die Leute setzten sich an die Ruder und fuhren in größter Eile wieder davon; sie glaubten, es seien die Meerkobolde, die da Zeichen gaben und winkten.

Am Julabend hörte Anders Fiedeln und Musik weit draußen auf dem Meer. Als er hinauskam, sah er einen Lichtschein, der kam von einer großen Nordlandsjacht, die gegen das Land zuglitt – aber ein solches Schiff hatte er noch nie gesehen. Es hatte ein unerhört großes Rahsegel, das ihm aus Seide zu sein schien, und das zierlichste Tauwerk, nicht dicker, als wenn es aus Stahldraht wäre, und alles, was dazugehörte, war so schön und fein, wie ein Nordländer sich’s nur wünschen kann.

Die ganze Jacht war voll von blaugekleideten kleinen Leuten, aber die, die am Steuer stand, war geschmückt wie eine Braut und so prächtig wie eine Königin; sie hatte eine Krone auf und kostbare Kleider an. Aber das konnte er sehen, dass sie ein Menschenkind war; denn sie war groß gewachsen und schöner als die Meerleute; ja, sie kam Glücks-Anders so schön vor, wie er noch nie ein Mädchen gesehen hatte. Die Jacht steuerte auf das Land zu, wo Anders stand; aber rasch bedacht, wie er war, eilte er in die Fischerhütte, riss sein Gewehr von der Wand und kroch hinauf auf den großen Bodenraum und versteckte sich so, dass er sehen konnte, was in der Hütte vor sich ging.

Bald merkte er, dass es in dem Raum wimmelte; es wurde ganz voll, und es kamen mehr und mehr. Da fing es an, in den Wänden zu krachen, und das Häuschen weitete sich in allen Ecken und wurde so herrlich und prächtig, wie es bei dem reichsten Kaufherrn nicht sein könnte; es war fast wie in einem Königsschloss. Tische wurden mit den köstlichsten Gerichten gedeckt, und die Teller und Schüsseln und alles Gerät war aus Silber und Gold. Als sie gespeist hatten, fingen sie an zu tanzen.

Unter dem Lärm des Tanzes kroch Anders zu der Luke, die auf der einen Seite des Daches war, und kletterte hinunter; dann rannte er zu der Jacht, warf seinen Feuerstahl über sie und schnitt, um größerer Sicherheit willen, mit seinem Messer ein Kreuz hinein, um das Schiff festzubannen.

Als er wieder hinaufkam, war der Tanz in vollem Gange. Auch die Tische tanzten, und Bänke und Stühle und alles, was in der Stube war, tanzte mit. Die Einzige, die nicht tanzte, war die Braut; sie saß nur und schaute zu, und wenn der Bräutigam sie holen wollte, so schickte sie ihn weg. Vorerst war an kein Halten zu denken: Der Spielmann ruhte nicht und rastete nicht und griff nicht nach der Mütze, sondern er spielte munter weiter mit der linken Hand und trat den Takt dazu, bis er von Schweiß triefte und die Fiedel vor lauter Staub und Rauch nicht mehr sehen konnte.

Anders merkte, dass es ihm auch in den Füßen zu zucken anfing, da, wo er stand, und dachte bei sich: »Jetzt ist es am besten, ich knalle los, sonst spielt er mich von Grund und Boden.« Also wandte er sein Gewehr, steckte es durch die Fensteröffnung hinein und schoss es über den Kopf der Braut weg ab, aber verkehrt herum, sonst hätte die Kugel ihn selbst getroffen. In demselben Moment, als der Schuss fiel, stürzte das ganze Koboldvolk übereinander zur Tür hinaus. Als sie sahen, dass die Jacht festgezaubert war, jammerten sie und krochen in ein Loch im Berge. Aber alle die Gold- und Silbergeräte blieben zurück, und die Braut saß auch noch da.

Sie erzählte dem Glücks-Anders, dass sie in den Berg verzaubert worden sei, als sie ein kleines Kind war. Als ihre Mutter einmal draußen beim Vieh war, um zu melken, hatte sie sie bei sich, aber als die Mutter auf einen Augenblick heim musste, ließ sie das Kind im Heidekraut sitzen unter einem Wacholderbusch und sagte, sie dürfe von den Beeren essen, wenn sie nur dreimal sage:

»Ich ess’ Wacholderbeer blau

Mit Jesu Kreuz darauf;

Ich esse Preiselbeer rot

Mit Jesu Pein und Tod.«

Aber als ihre Mutter fort war, fand sie so viele Beeren, dass sie ihren Spruch zu sagen vergaß, und deshalb wurde sie in den Berg verzaubert. Es war ihr dort kein anderes Leid geschehen, als dass sie das oberste Glied vom linken kleinen Finger verlor, und sie hatte es gut gehabt bei den Kobolden. Doch schien es ihr, dass nicht alles seine Richtigkeit hätte; es war, als ob etwas sie ängstigte, und sie hatte viel zu leiden unter der Zudringlichkeit des Kobolds, den sie ihr zum Bräutigam bestimmt hatten.

Als Anders hörte, wer ihre Mutter war und wo sie herstammte, da sah er, dass sie aus seiner Verwandtschaft war, und sie wurden, wie man so sagt, schnell gute Freunde. Da konnte Glücks-Anders mit Recht sagen, dass er ein Glückspilz sei. Also fuhren sie heim und nahmen die Jacht und alles Gold und Silber und alle Kostbarkeiten, die in der Hütte zurückgeblieben waren, mit sich, und damit war Anders viel reicher als der Bruder.

Der aber hatte eine Ahnung, wo all der Reichtum hergekommen sein könnte, und wollte nicht weniger reich sein. Er wusste, dass Trolle und Kobolde meist am Weihnachtsabend draußen herum ihr Wesen trieben; deshalb fuhr er um die Zeit nach den Sandbänken hinaus. Am Julabend sah er auch ein Feuer oder Licht, aber es war wie Irrlichter, die flackerten. Als es näherkam, hörte er ein Platschen, schreckliches Heulen und kalte durchdringende Schreie, und es roch nach Schlamm und Tang wie bei der Ebbe. Im Schrecken rannte er in die Hütte hinauf, von wo er die Trolle am Strand sehen konnte. Sie waren kurz und dick wie Heuhaufen, waren ganz in Fell gekleidet, Fellkittel und Wasserstiefel und riesige Fäustlinge, die fast bis auf die Erde hingen. An Stelle von Kopf und Haar hatten sie ein Tangbündel. Als sie den Strand heraufkrochen, leuchtete es hinter ihnen wie von faulem Holz, und wenn sie sich schüttelten, so sprühten die Funken um sie.

Als sie näherkamen, kroch Hans Niklas auf den Boden, wie sein Bruder es getan hatte. Die Kobolde schleppten einen großen Stein in die Hütte und fingen an, ihre Handschuhe trocken zu klopfen, und zwischenhinein schrien sie, dass dem Hans Niklas das Blut zu Eis wurde auf seinem Bodenversteck. Dann nieste einer in die Asche auf dem Herd, um das Feuer zum Brennen zu bringen, während die anderen Heidekraut und Treibholz hereintrugen, so rau und schwer wie Blei. Der Rauch und die Hitze hätten den Lauscher oben auf dem Boden fast umgebracht, und um wieder zu Atem und frischer Luft zu kommen, versuchte er, aus der Dachluke herauszukriechen; aber er war viel grobgliedriger als sein Bruder und blieb stecken und konnte weder heraus noch herein. Da bekam er Angst und fing an zu schreien, aber die Kobolde schrien noch ärger und brüllten und heulten und polterten und lärmten drinnen und draußen.

Endlich, als der Hahn krähte, verschwanden sie, und auch Hans Niklas kam los. Als er aber von der Reise nach Hause kam, da hatte er den Verstand verloren, und seit der Zeit konnte man oft auf den Speichern und im Vorratshaus, wo er gerade war, denselben unheimlichen kalten Schrei hören, an dem man in Nordland den Troll erkennt. Vor seinem Tod kam er doch wieder zu Verstand, und man legte ihn in christliche Erde, wie man sagt. Seit der Zeit aber hat keines Menschen Fuß mehr die Sandbänke betreten. Sie sanken, und die Meerleute, so glaubte man, zogen fort auf die Lekang-Inseln.

Dem Glücks-Anders ging es immer gut; kein Schiff machte glücklichere Reisen als das seinige. Aber jedes Mal, wenn er an die Lekang-Inseln kam, wurde es windstill – dann gingen die Kobolde an Bord oder an Land mit ihren Waren –, aber nach einer Weile hatte er wieder Fahrtwind. Er hatte viele Kinder, und alle waren sie tüchtig. Aber allen fehlte das oberste Glied am linken kleinen Finger.

Märchen aus Norwegen

*Jacht: Kurzbegriff für »Jachtschiff«, das als Schnellschiff unter anderem zum Verfolgen eingesetzt wurde.

DER GOLDENE FISCH

In einer Hütte am Meer lebten einst ein alter Fischer und sein Sohn. Sie waren arm und besaßen nichts als ein leckes Boot und ein löchriges Fischernetz. Aber Tair, der junge Fischer, liebte die kleine stille Bucht und er liebte es zu fischen, und so war er guten Mutes und sang bei der Arbeit. Wenn er mit seinem Vater aufs Meer hinaus fuhr und die Netze auswarf, dann klangen seine Lieder weit übers Wasser – so schön, dass alle, die ihn hörten, den Atem anhielten. Die Kunde von seinem schönen Gesang verbreitete sich im ganzen Land. Ja, es kamen sogar Leute von weit her, nur um ihn singen zu hören.

Eines Tages, als die beiden das Netz einholten, fanden sie darin einen großen goldenen Fisch. Da sprach der Alte zu seinem Sohn: »Dieser herrliche Fisch gebührt niemand anderem als dem Khan. Ich will sogleich zu ihm laufen und ihm von dem Fang berichten, er wird uns sicher reich belohnen. Bleibe du derweil beim Netz und passe auf.« Der Vater eilte davon und Tair betrachtete den goldenen Fisch, wie er im Netz gefangen war und zappelte, und er hatte Mitleid mit ihm, und da ließ er ihn wieder ins Meer.

Schon kam der Khan mit seinem Gefolge und sprach: »Nun, Fischer, zeige mir den kostbaren Fisch.« Tair verneigte sich vor dem Herrscher und sagte: »Verzeiht mir, oh Khan, aber der Fisch tat mir leid, und da ließ ich ihn wieder ins Meer.« Der Khan wurde böse und brüllte: »Was erlaubst du dir für Späße mit mir, he?« Und er wandte sich zum Wesir und fragte: »Sag, gibt es das überhaupt, einen goldenen Fisch?« Der Wesir zupfte seinen langen weißen Bart und sagte: »Nun bin ich wohl schon hundert und mehr Jahre alt, aber ein goldener Fisch? Nein, von solch einem Wunderwesen habe ich noch nicht gehört.« Nun konnte der alte Fischer beteuern, so oft er wollte, es wäre ihnen ganz gewiss ein goldener Fisch ins Netz gegangen; der Khan glaubte ihm nicht, und er befahl seinen Dienern, sie sollten den jungen Fischer fesseln, in sein Boot setzen und aufs Meer hinaus schieben. Wütend kehrte der Khan in den Palast zurück. Und der arme alte Fischer musste hilflos mit ansehen, wie sein unglücklicher Sohn immer weiter und weiter aufs Meer hinaus trieb, den Wellen und damit dem sicheren Tode preisgegeben, bis er nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont war.

Lange noch hörte Tair das Weinen und Wehklagen des Vaters. Da lag er nun in seinem lecken Boot und wartete auf seinen Untergang. Aber er ging nicht unter. Leicht glitt er auf den Wellen dahin, und kein Wasser drang in das Boot ein, obgleich es doch fast so viele Löcher hatte wie das Fischernetz. Schließlich sah er in der Ferne eine Insel, darauf steuerte das Boot geradewegs zu. Die Wellen spülten es an den Strand, und Tair gelang es, sich aus dem Boot zu wälzen. Und kaum war er an Land, sah er, wie aus einem Gebüsch ein Jüngling hervortrat, der glich ihm wie ein Ei dem anderen. Der Jüngling kam auf ihn zu, löste seine Fesseln und gab ihm zu essen und zu trinken. Dann lud er Tair in seine Hütte ein, und dort lebten sie gemeinsam auf der Insel. Sie fischten und jagten zusammen, und alles teilten sie untereinander und wurden gute Freunde.

Eines Tages trafen sie einen alten Hirten mit seiner Hammelherde. Tair verwunderte sich, denn er hatte gedacht, sie wären die Einzigen auf der Insel. Der Hirte sprach: »Drei Tagesreisen entfernt lebt der allmächtige Khan der Insel. Dieser hat eine wunderschöne Tochter, die aber hat seit ihrer Geburt noch nie ein Wort gesprochen. Und nun hat der Khan verkünden lassen, dass derjenige, dem es gelinge, die Tochter zum Sprechen zu bringen, als Belohnung seine größte Kostbarkeit bekommen solle. Wem es aber nicht gelinge, der verliere seinen Kopf. Ach, so viele Jünglinge haben es schon versucht und mussten alle ihr Leben lassen, und die Tochter des Khans ist immer noch stumm.«

Als Tair und der Jüngling dies hörten, machten sie sich auf, ihr Glück zu versuchen. Schließlich sahen sie den Palast des Khans vor sich liegen. Da sprach der Jüngling zu Tair: »Warte du hier am Meeresufer. Ich will es als Erster wagen. Und wenn es mir gelingt, die Tochter des Khans zum Sprechen zu bringen, so wollen wir die Belohnung brüderlich teilen, wie wir stets alles geteilt haben.« Damit war Tair einverstanden, und so schritt der Jüngling zum Palast. Dort warnte ihn eine Dienstmagd: »Schon so viele haben versucht, meine Herrin zu heilen, vergebens. Sieh doch: Ihre Köpfe zieren die Zaunpfähle des Palastes, und dir wird es ganz genauso ergehen!« Der Jüngling aber lächelte und trat furchtlos in das Gemach der Khan-Tochter. Er verbeugte sich und begann zu erzählen:

»Oh edle Herrin, so höret: Es waren einst drei Brüder. Der älteste Bruder schnitzte einen Vogel aus Holz, so kunstvoll, dass er lebendig schien. Da sammelte der zweite Bruder Federn und schmückte den Vogel damit; so wurde er noch weit schöner und sah nun wahrhaftig aus, als lebte er. Der jüngste Bruder aber ging in den Wald zu einer Zauberquelle und tauchte den Vogel hinein, und siehe: Da wurde der Vogel lebendig und fing an zu singen. Nun aber stritten die drei Brüder, wem der Vogel gehören solle. Und so frage ich dich, oh edle Herrin, nun: Wem gebührt der Vogel?«

Die Khan-Tochter aber schüttelte nur traurig den Kopf, zeigte auf ihre geschlossenen Lippen und blieb stumm. Da sprang der Jüngling auf sie zu und rief: »Wenn ich denn deinetwegen sterben soll, so sollst du mit mir sterben!«, und zog sein Schwert. Die Khan-Tochter schrie entsetzt auf. Da aber entschlüpfte ihrem Mund eine Schlange, die drohend zischte, doch der Jüngling sprang hinzu und hieb sie entzwei. Die Tochter des Khans dankte ihrem Retter und sprach: »Nimm diesen Ring von mir und gehe damit zum Khan, und du sollst reichlich belohnt werden.«

Der Jüngling aber ging mit dem Ring zu Tair. Als der seinen Freund sah, stürzte er ihm erleichtert entgegen, denn er hatte schon befürchtet, ihn nie wieder zu sehen. Der Jüngling gab Tair den Ring und sagte: »Es ist an der Zeit, dir ein Geheimnis zu offenbaren: Ich bin der goldene Fisch, dem du einst die Freiheit schenktest, weil dein gutes Herz es dir befahl. Ich war in dein Netz geraten, weil ich deinem Boot zu nahe kam, als ich deinen Liedern lauschte. Ich war es, der dein Boot auf die Insel zu steuerte. Und ich nahm diese menschliche Gestalt an, damit ich dir beistehen kann. Wir haben uns liebgewonnen wie Brüder, doch nun muss ich zurück in mein Wasserreich. So nimm denn diesen Ring und gehe damit zum Khan, auf dass er dir die Belohnung gebe für die Errettung der Khan-Tochter. Und solltest du je in Not geraten, so komme ans Ufer und rufe dreimal nach mir, und ich will dir helfen. Leb wohl!« Und damit lief der Jüngling in die Wellen hinein, sprang kopfüber ins Meer und verschwand.

Tair sah seinem Freund lange nach. Dann aber ging er zum Khan und gab ihm den Ring. Und der große Herrscher verneigte sich vor dem jungen Fischer und sprach: »Zum Dank für die Rettung meiner Tochter will ich dir, wie ich es versprochen habe, meine größte Kostbarkeit geben. Und das ist – meine Tochter. Ich gebe sie dir zur Frau!«

Da eilten die Diener herbei und kleideten Tair in Seide, bestickt mit Gold und Edelsteinen, und schon am andern Tag hielten sie Hochzeit. Tair lebte nun glücklich mit seiner Gemahlin in dem Palast.

Doch bald schon merkte die Tochter des Khans, dass ihr Gatte immer öfter ans Meer ging und sehnsüchtig in die Ferne schaute, auch hörte sie ihn kaum mehr singen. Da fragte sie ihn, warum er traurig sei, und er sagte: »Schau meine Hände an, sie sind es gewöhnt zu arbeiten. Ich vermisse die kleine stille Bucht, ich vermisse meinen Vater, und mir wird das Herz schwer, wenn ich daran denke, dass er mich tot glaubt und Fremde ihm einst die Augen schließen werden. Aber ich kann und will dich nicht verlassen. Ach, könntest du doch mit mir kommen, ich wäre der glücklichste Mensch auf Erden.« Da sagte seine Frau: »So will ich mit dir gehen.« Doch Tair antwortete: »Ach, Liebste, wie soll das angehen? Dort würdest du ja nicht mehr als Tochter des Khans leben. Du würdest den Palast mit einer Hütte tauschen und die Frau eines armen Fischers sein. Und du müsstest Not und Leid mit mir teilen.«

»Das will ich«, sprach seine Frau, »doch wie sollen wir dorthin gelangen? Dein Boot ist zerbrochen, und die Insel kennt keine Schiffe, wir verstehen nichts vom Schiffbau.« Da besann sich Tair auf die Worte des Jünglings und ging ans Meer. Dort rief er dreimal, da kam der goldene Fisch geschwommen und tauchte mit dem Kopf aus dem Wasser empor, und Tair klagte ihm sein Leid: »Guter Freund, hilf mir: Ich möchte zurück in meine Heimat, mit meiner Frau, aber wir haben kein Schiff.« Da sprach der goldene Fisch: »Ich werde euch helfen. Wenn die Nacht anbricht, so geht ans Meer, und es wird ein großer Fisch kommen, den will ich euch schicken. Befiehl ihm, sein Maul aufzusperren, und dann tretet furchtlos hinein. Habt keine Angst, er wird euch nicht verschlingen, sondern rasch und sicher nach Hause bringen.« Und damit tauchte der goldene Fisch wieder in die Tiefen des Meeres.

Als es Abend wurde, nahm Tair seine Frau bei der Hand und sie gingen gemeinsam ans Meer. Und mit der Dunkelheit kam ein gewaltiger Wal auf sie zu geschwommen, der blies eine riesige Fontäne und peitschte mit der Schwanzflosse. Aber Tair hielt die Hand seiner Frau nur etwas fester und befahl: »Öffne dein Maul, Wal!« Und sie traten hinein, und der Wal schwamm mit ihnen durch das weite Meer, und im sanften Wiegen der Wogen schliefen Tair und seine Frau ein.

Als sie erwachten, sahen sie die kleine stille Bucht vor sich. Dort stand noch die Hütte, und auf der Schwelle saß der alte Fischer. Tair lief ihm in die Arme, und der Vater, der Tair für tot gehalten hatte, weinte vor Freude. Da sprach Tair: »Weine nicht mehr, Vater, nun sind wir da. Schau, ich habe meine gute Frau mitgebracht. Und wir wollen bis ans Ende unserer Tage bei dir bleiben und für dich sorgen.«

Und so lebten sie in der kleinen Fischerhütte. Und Tair fischte, und er sang, denn er war glücklich. Und sein Vater und seine Frau, die waren es auch. Seine Lieder aber sangen noch seine Kinder und Kindeskinder.

Märchen aus Turkmenien

DIE RABEN VON UDRÖST

Bei der Heimkunft begegnet es den nordländischen Fischern nicht selten, dass sie Strohhalme am Steuerruder hängend finden, oder Gerstenkörner in einem Fischmagen. Dann heißt es, sie wären über Udröst oder irgendein anderes Elfenland gesegelt, wovon die Sage in den Nordlanden geht. Diese Elfeninseln zeigen sich nur frommen Menschen oder Sonntagskindern, die auf dem Meere in Lebensgefahr sind, und tauchen auf, wo es sonst kein Land gibt. Die Unterirdischen, die hier wohnen, treiben Ackerbau und Viehzucht, Fischerei und Schifffahrt wie andere Leute, aber dort scheint die Sonne über grüneren Weiden und reicheren Äckern als an irgendeiner anderen Stelle in den Nordlanden, und glücklich der, welcher dorthin gelangt oder eine dieser sonnigen Inseln zu sehen bekommt; »er ist geborgen«, sagt der Nordländer. Vor Röst, auf der Südspitze der Lofoten, soll es ein solches Elfenland mit grünen Hügeln und gelben Gerstenäckern geben; dies heißt Udröst. Der Bauer auf Udröst hat seine Jacht wie andere Nordlandsmänner, bisweilen kommt er den Fischern oder Küstenschiffern unter vollen Segeln entgegen, und in dem Augenblicke, wo sie mit ihm zusammenzustoßen fürchten, ist er verschwunden.

Auf Värö, ganz nahe bei Röst, wohnte einmal ein armer Fischer, der hieß Isaak. Er besaß nichts als ein Boot und ein paar Ziegen, die seine Frau mit Fischabfällen und den Grashalmen, die sie auf den Felsen ringsumher sammeln konnte, notdürftig ernährte; aber die ganze Hütte hatte er voll hungriger Kinder. Dennoch war er stets zufrieden, wie unser Herr es fügte. Das Einzige, worüber er klagte, war, dass ihn sein Nachbar nie recht in Ruhe ließ; es war ein reicher Mann, der da meinte, er müsste alles besser haben als so ein armer Schlucker wie Isaak, und deshalb wollte er Isaak forthaben, damit er den Hafen bekommen könnte, den dieser vor seiner Hütte hatte.

Eines Tages war Isaak zum Fischen einige Meilen auf das Meer hinaus gefahren, da wälzte sich ein dichter Nebel auf ihn zu, und plötzlich brauste ein so gewaltiger Sturm daher, dass er alle Fische über Bord werfen musste, um das Boot zu erleichtern und sein Leben zu retten. Trotzdem war es nicht leicht, das Boot flott zu erhalten; aber er lenkte das Fahrzeug gar gewandt durch und über die Sturzwellen hin, die es jeden Augenblick zu verschlingen drohten. Als er fünf bis sechs Stunden immer in gleicher Weise gesegelt war, dachte er, dass er bald irgendwo Land treffen müsste. Aber Zeit auf Zeit verging, und der Sturm und der Nebel wurden schlimmer. Da kam ihm die Ahnung, dass er auf das Meer hinaus steuerte oder dass der Wind sich gedreht hätte, und zuletzt war er überzeugt, dass es so sein musste, denn er segelte und segelte, aber er erreichte kein Land.

Plötzlich hörte er vorn vor dem Steven ein hässliches Geschrei, und er glaubte nichts anderes, als dass es der Meermann wäre, der sein Sterbelied sänge. Er betete zu Gott für Weib und Kind, denn jetzt hielt er seine letzte Stunde für gekommen. Als er so dasaß und betete, sah er etwas Schwarzes schimmern, aber als er näherkam, waren es nur drei Raben, die saßen auf einem Stück Treibholz, und – husch! – war er an ihnen vorbei. So ging es nun gar weit und lange, und er wurde so durstig und so hungrig und müde, dass er sich gar keinen Rat wusste und fast mit dem Steuerruder in der Hand einschlief; aber plötzlich scharrte das Boot über den Strand und stieß auf.

Da riss Isaak die Augen nicht schlecht auf. Die Sonne brach durch den Nebel und warf ihre Strahlen über ein herrliches Land; die Hügel und Berge waren grün bis zum Gipfel hinauf, Äcker und Wiesen zogen sich daran empor, und er glaubte, einen Duft von Blumen und Gräsern einzuatmen, so süß, wie er ihn noch nie empfunden hatte.

»Gott sei Lob, jetzt bin ich geborgen; dies ist Udröst!«, sagte Isaak bei sich selbst. Gerade vor ihm lag ein Gerstenacker mit Ähren, so groß und voll, dass er nie etwas Ähnliches gesehen hatte, und durch diesen führte ein schmaler Pfad zu einer mit Rasen bedeckten Erdhütte hinauf, und oben auf der Hütte graste eine weiße Ziege mit vergoldeten Hörnern, und Euter hatte sie, so groß wie die größte Kuh. Vor der Tür saß ein kleiner Mann in blauem Anzuge auf einem Baumstumpf und schmauchte aus einer kurzen Pfeife. Er hatte einen langen Bart, so groß und lang, dass er weit auf die Brust hinabreichte.