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Barbara Stamer ist eine profunde Kennerin von Märchen, Mythen und Symbolkunde und hat zu diesen Themen bereits zahlreiche Publikationen herausgegeben.Als geheime Urkraft wurde die Erde einst als heilig verehrt. Die archaische Muttergottheit, die "Große Göttin" oder "Mutter Erde" gab es bei allen Völkern auf der Welt. In Mythen und Märchen findet sich dieser Glaube auch heute noch in Gestalt von Hexen und weisen Frauen, Schicksalsgöttinnen und z. B. der bekannten Märchenfigur Frau Holle. Von diesem Aspekt handeln die Märchen im ersten Teil des Buches. Weitere Themenbereiche sind die Erde als heilende (Kräuter, Brunnen), verderbenbringende oder schützende Kraft, Erdgeister (Zwerge, Erdmännlein) und Erdtiere (Kuh, Kröte, Schlange, Spinne).In ihrem Nachwort geht die Herausgeberin auf die vielfältigen Bezüge zwischen Mythen und Märchen ein.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Über dieses Buch
Als geheime Urkraft des Lebens, als fruchttragende Gebärerin wurde die Erde einst als heilig verehrt. Von den vier Urelementen sind die Mythen und Märchen, die sich um die Erde ranken, den heutigen Menschen vielleicht noch am ehesten präsent. Hexenfiguren und weise Frauen, die Schicksalsgöttinnen oder die hochkomplexe Märchengestalt der Frau Holle sind in den Volksglauben abgesunkene Ausformungen der archaischen Muttergottheit schlechthin, der »Großen Göttin«, »Magna Mater«, »Mutter Erde«, die es bei allen Völkern auf der ganzen Welt gab.
Märchen, die diese Aspekte widerspiegeln, bilden den ersten Teil dieses Bandes. Die Erde als selbsttätige Kraft, also mit ihrer heilenden (Kräuter, Brunnen), verderbenbringenden oder schützenden Wirkung, wird ausführlich behandelt. Außerdem gibt es viele Märchenbeispiele zu den der Erde zugeordneten Erdgeistern (Zwerge, Erdmännlein) und Erdtieren (Kuh, Kröte, Schlange, Spinne).
In ihrem Nachwort geht die Herausgeberin auf die vielfältigen Bezüge zwischen Mythen und Märchen ein, die archetypische Urbilder von Mythos und Religion, von den Grundvorstellungen des Lebens schlechthin enthalten.
Über die Herausgeberin
Barbara Stamer, Jahrgang 1945, studierte Anglistik und Germanistik und lebt als Gymnasialrätin mit ihrer Familie bei Tübingen. Sie hat sich als Autorin und Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Märchen, Mythen und Symbolkunde – auch im Bereich der pädagogischen Märchenliteratur – einen Namen gemacht.
Im Königsfurt-Urania Verlag sind ihre Märchenbände »Schicksalsmärchen«, »Katzenmärchen« und »Märchen von Nixen und Wasserfrauen« erschienen.
Herausgegeben undmit einem Nachwort versehenvon Barbara Stamer
Mit Originalscherenschnittenvon Hedwig Goller
Überarbeitete Sonderausgabe des Titels »Märchen von der Erde«,herausgegeben von Barbara Stamer, 1998.
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
E-Book-Ausgabe
2015 Krummwisch bei Kiel
© 2015 by Königsfurt-Urania Verlag GmbHD-24796 Krummwisch
www.koenigsfurt-urania.com
Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff, Seedorf,
unter Verwendung der folgenden Motive
ドングリの発芽 © paylessimages - Fotolia.com und
»Stillleben mit Früchten, Kirschblütenzweig
und Schmetterling« von Maria Sibylla Merian
Satz: Stefan Hose, Götheby-Holm
Lektorat: Claudia Lazar, Kiel
ISBN 978-3-86826-320-6
Für Uwe und Carmen
Das Märchen personifiziert die Erdmutter, die »Terra Mater«. Als Herrin über Himmel und Erde, als Regentin der Unterwelt und als Ursprung und Schöpferin allen Lebens tritt sie uns im Märchen gegenüber. Sie ist die geheimnisvolle Frau, die in einer Höhle schon viele Tausende von Jahren schläft und dennoch das Schicksal des Menschen kennt. Sie ist die Schicksals- und Lebensgöttin, denn sie schenkt Fruchtbarkeit durch ihre Gaben.
Vor langer, langer Zeit lebten einmal ein Mann und eine Frau, die hatten alles, was sie zum Leben brauchten, aber sie waren doch nicht glücklich, denn es fehlte ihnen, was sie sich am meisten wünschten, Kinder. Sie hatten nach und nach alles versucht, was zu Kindersegen verhelfen sollte, hatten Wallfahrten gemacht und Ärzte befragt, aber niemand konnte helfen, und der Schoß der Frau blieb verschlossen. Da gaben sie langsam die Hoffnung auf, ihre Wiege in Gebrauch zu nehmen, und lebten ihr Leben dahin, so gut es eben ging.
Eines Abends, als sie wie gewohnt beisammensaßen und sich von ihrem Tagwerk ausruhten, klopfte es an die Tür. »Wer ist da?«
»Ein armer Bettler. Habt ihr wohl zu essen?« − »Essen gibt es hier.«
»Und könntet ihr mich wohl auch über Nacht behalten?«
»Freilich! Du kannst bleiben, setz dich nur einstweilen an den Herd!«
Und die Frau ging und kochte ihm Suppe, Fleisch und Gemüse.
Während er aß, fragte der arme Mann: »Wie kommt es, dass ihr so ganz allein seid?«
»Gott gab uns keine Kinder.«
Da schüttelte der Alte den Kopf und meinte, es gebe doch für alles einen Rat, und es müsse doch auch dafür ein Mittel geben. Sie hätten schon alles ausprobiert, entgegneten Mann und Frau. »So lasst uns darüber schlafen«, sagte der Bettler, »kann sein, dass wir morgen klüger sind als heute.«
Am andern Morgen nach dem Frühstück nahm der Alte den Mann beiseite und sprach: »Mir ist heute Nacht ein guter Gedanke gekommen. Wenn du es so machst, wie ich dir sage, werdet ihr sicher Kinder haben. Merke also auf: Wenn du gegen das Gebirge gehst, kommst du in einen großen Wald. Durch den gehst du hindurch, dann siehst du einen hohen Berg, dort steigst du hinauf. Auf halber Höhe aber liegt eine Höhle, aus der fließt eine Quelle. In die Höhle gehst du hinein; du musst aber ein Gefäß mit Honig und einen Wachsstock mitnehmen, sonst töten dich die Bienen, die in der Höhle sind. Drinnen findest du eine Frau, die hat dreierlei Haare: schwarze, rote und weiße. Wecke die Frau – sie schläft schon viele Tausend Jahre in der Höhle. Sie wird dir bestimmt helfen können.«
Da bedankte sich der Mann bei dem Alten, füllte ein Gefäß mit Honig, nahm einen Wachsstock und machte sich auf den Weg. Er musste einige Tage wandern, endlich kam er zu dem Berg, stieg hinauf: richtig! Da war eine große Höhle, und aus der floss eine Quelle. Der Mann schaute hinein, da sah er eine Frau, die lag wie tot da und war ganz von Bienen bedeckt.
Schnell stellte er den Honig und das Wachs an den Eingang der Höhle, da kamen auch schon die Bienen angeflogen. Sie summten zornig, weil sie in ihrer Ruhe gestört waren. Aber als sie den Honig und das Wachs sahen, machten sie sich darüber her und ließen unsern Mann in Frieden. Der ging behutsam in die Höhle hinein und berührte die Frau. Da schlug sie die Augen auf, besah ernst und eindringlich den Mann und sagte: »Ich weiß schon, was du willst. Und da du ein guter Mensch bist und meinen Bienen Honig und Wachs gebracht hast, sollst du haben, was du wünschest. Hier gebe ich dir einen Apfel und eine Birne, wenn deine Frau den Apfel isst, wird sie einen Sohn gebären, verspeist sie jedoch die Birne, so wird sie ein Mädchen bekommen. Nun zupfe mir noch ein Haar aus jeder meiner Strähnen: ein schwarzes, ein rotes und ein weißes. Das schenke ich deinem ältesten Kind zum Angebinde. Es soll die Haare als Kette tragen, so wird es Glück haben.«
Der Mann bedankte sich, raufte die drei Haare aus, je ein schwarzes, ein rotes und ein weißes, und kehrte nach Hause zurück.
»Du bist aber lange ausgeblieben«, sagte seine Gattin. »Was bringst du da Schönes?«
»Hier ist ein Apfel, wenn du den isst, wirst du einen Sohn gebären; und hier ist eine Birne, wenn du die verspeist, bekommst du eine Tochter.«
»Ach, das wird so wenig helfen wie alles andere! Aber ich habe schon lange keine Birne mehr geschmeckt, gib sie mir, so will ich sie gleich essen.« Da gab ihr der Mann die Birne, die aß sie auf der Stelle. Den Apfel aber hoben sie auf.
Nun, ihr werdet es nicht glauben, nach neun Monaten bekam die Frau ein Mädchen, das war wunderhübsch. Die Eltern freuten sich ungemein und nannten das Mädchen Catalina. Das Mädchen wuchs sehr schnell und wurde von Tag zu Tag schöner. Als es einige Jahre alt war, fand die Mutter eines Tages den Apfel, und da sie sich nicht mehr an die ganze Geschichte erinnerte, aß sie ihn. Nach Ablauf der Zeit gebar sie einen Knaben, den nannte man Joan. Catalina freute sich über das kleine Brüderchen und spielte gern mit ihm. Die Eltern aber waren glücklich und stolz. So hatte die Bienenfrau, die schon viele Tausend Jahre in der Höhle schlief, der unfruchtbaren Frau dennoch Kindersegen beschert.
Märchen aus Spanien
Als Tjan-Bolpín aus dem Schloss vertrieben worden war, irrte er lange herum und kam schließlich zu einer alten Bäuerin, die ihn aufnahm und pflegte. Im nächsten Jahr konnte sie ihn schon als Ziegenhirten gebrauchen, und so ging nun Tjan-Bolpín jeden Tag mit seinen Ziegen in den Wald. Tjan-Bolpín wuchs heran und wurde groß und stark; er kletterte auch gut und holte manche Ziege, die sich verstiegen hatte, ohne Scheu von den Felsen herunter.
Nach einiger Zeit geschah es, dass man einen Schafhirten benötigte, und wie ehedem sein Vater, so wurde nun Tjan-Bolpín für diesen Dienst bestellt: »Heuer führen wir die Schafe unter den Sass de Salèi und in das Lastìes-Tal; der Schnee ist schon weggeschmolzen – geh hinauf, und schau dir das Gebiet gut an; dann komm wieder zu mir, und ich werde dich anstellen.«
Am nächsten Morgen wanderte Tjan-Bolpín längs des Antermónt-Baches bergauf und hielt eine kurze Rast in Mortíz, wo er Freunde hatte; dann ging er weiter bis zum Waldrand, über welchem die furchtbaren Wände des Sass de Salèi senkrecht in den Himmel starren. Tjan-Bolpín schaute eine Zeitlang zu diesen Felsen hinauf. Mitten in der riesigen Wand war ein Widòr, ein kleiner gartenähnlicher Anger, der ganz unzugänglich zu sein schien. Plötzlich zeigte sich auf dem Anger ein blau gekleidetes Mädchen; es trug einen Haufen Wäsche und breitete die einzelnen Stücke auf dem Gras aus. Dann verschwand es wieder; offenbar war es durch eine Kluft in den Berg zurückgekehrt.
Tjan-Bolpín hatte diesen Vorgang mit außerordentlicher Spannung beobachtet. Nun erfasste ihn ein unbezwingliches Verlangen, jene Behausung in den Felsen zu besuchen und ihre Bewohner kennenzulernen. Er machte sich sofort ans Werk, und nach siebenstündiger äußerst schwieriger Kletterei hatte er den Rand des Angers erreicht. Da bemerkte er mit Staunen, dass der Anger viel größer und schöner war, als man von unten zu ahnen vermochte; mehrere Gänge mit kunstvoll gewölbten Toren führten in den Berg hinein. Ein ganzer Palast schien sich da zu verbergen. Und das alles hing in schwindelnder Höhe an der ungeheuren, senkrechten Wand.
Während Tjan-Bolpín so herumschaute, war auf einmal wieder das blau gekleidete Mädchen da; es schien sehr verwundert zu sein und fragte ihn, wie er denn da heraufgekommen sei und was er da mache.
»Ich bin an den Felsen heraufgeklettert«, versetzte Tjan-Bolpín, »und es freut mich sehr, Eure Behausung gesehen zu haben, denn ich finde sie ausnehmend schön.«
Das Mädchen wollte nun wissen, was er für ein Mensch sei.
»Ich bin eine Hirte«, entgegnete Tjan-Bolpín. »Lasst Eure Hand anschauen«, sagte sie.
Er hielt ihr die Rechte hin. Sie nahm sie und betrachtete sie genau. Dabei schien sie in großes Erstaunen zu geraten.
»Noch nie habe ich eine Hand gesehen wie die Eure«, bemerkte sie. Und sie deutete auf seine Handfläche, wobei sie weiterredete:
»Diese Hand ist voller Gegensätze – hier habt Ihr eine Fuchslinie und hier eine Hundelinie; hier habt Ihr aber auch eine Prinzenlinie – und hier«, sie stockte einen Augenblick vor Überraschung, »hier habt Ihr gar eine Sonnenlinie! Ihr ahnt es nicht, was Ihr für ein Glückskind seid! Gleich werde ich Dòna Kenìna rufen.«
»Wer ist Dòna Kenìna?«, fragte Tjan-Bolpín.
»Dòna Kenìna ist die Herrin dieses Palastes und des ganzen Berges«, entgegnete das Mädchen, »sie will niemanden sehen, doch sagte sie, ich solle sie rufen, wenn einmal ein Mann käme, der die Sonnenlinie trüge, denn der Mann mit der Sonnenlinie sei ihr zum Gemahl bestimmt.«
Darob geriet nun Tjan-Bolpín in sichtliche Verwunderung. Das Mädchen bemerkte es und fuhr fort: »Ihr werdet Euch noch viel mehr wundern, wenn Ihr erst Dòna Kenìna vor Euch erblickt, denn es ist die schönste Frau weit und breit durch viele Länder.«
Nun entfernte sich das Mädchen, um die Herrin zu rufen. Als diese aber erschien, verschlug es dem Hirten die Rede; so unvergleichlich und überwältigend war der Anblick von Dòna Kenìna. Sie lächelte, als sie die Verlegenheit von Tjan-Bolpín erkannte; zugleich gab sie ihm die Hand, führte ihn in den Palast und lud ihn ein dazubleiben.
In dem Palast von Dòna Kenìna waren viele Merkwürdigkeiten zu sehen. Am seltsamsten, aber auch am schönsten erschienen Tjan-Bolpín die großen silbernen Behälter, die überall herumstanden und mit Erde gefüllt waren; aus diesen Behältern sprossen Blumen von einer Größe und Farbenpracht, wie sie Tjan-Bolpín noch nirgends kennengelernt hatte. Sonderbar waren auch die vielen runden Öffnungen in den Zimmerdecken und Gewölben, die gar keinen Sinn und Zweck zu haben schienen; jedenfalls vermochte Tjan-Bolpín nicht zu erkennen, wozu diese Öffnungen dienen sollten. Schaute man durch eine solche Öffnung in die Höhe, so erblickte man ganz oben am Gipfel des Berges die vereisten Felsen und darüber den blauen Himmel. Tjan-Bolpín dachte, wenn sich einmal Wind erhöbe, würde er durch den ganzen Palast hindurchwehen wie durch einen Rauchfang; aber seltsamerweise war es immer windstill.
Eines Tages wurde die Hochzeit von Tjan-Bolpín und Dòna Kenìna gefeiert. Wenn es meine Bekannten wüssten, dachte Tjan-Bolpín, wie würden sie mich beneiden. In der Folgezeit saß er oft stundenlang draußen auf dem Anger und schaute hinunter in das waldverdunkelte Tal von Mortíz und auf die grüne Flur von Canazei; eine unklare Erinnerung war ihm auch an die Zeit der Gefangenschaft im Hundezwinger und an den Tod seiner Mutter geblieben. Nun fühlte er sich dem Elend entronnen und pries den Tag, an dem er den Weg zu Dòna Kenìna gefunden hatte. So lebte er lange herrlich und in Freuden.
Eines Nachts hatte Tjan-Bolpín einen sonderbaren Traum; er glaubte, von einer Lawine erdrückt zu werden; plötzlich teilte sich die Lawine, Dòna Kenìna stand vor ihm und zog ihn an der Hand aus dem Schnee; der Schnee aber bedeckte sich alsbald mit den herrlichsten Blumen, ähnlich jenen, die aus den silbernen Behältern wuchsen. Am Morgen erzählte Tjan-Bolpín diesen Traum seiner Gattin, und weil er wusste, dass sie sehr verständig war, so meinte er, sie könne vielleicht den Sinn des Traumes deuten. Aber Dòna Kenìna erwiderte schnell mit einem gewissen Unmut:
»Du warst zu leicht zugedeckt und hast gefroren; das darf nicht wieder geschehen, sonst wirst du krank.«
Es dauerte nicht lange, da hatte Tjan-Bolpín wieder einen ähnlichen Traum von Schnee und Kälte, und es fror ihn derartig, dass er erwachte. Der Vollmond erhellte das Gemach, und in diesem Licht sah nun Tjan-Bolpín etwas ganz Merkwürdiges: Das Bett, in dem er lag, und ebenso jenes seiner Frau bestand aus frischem, kaltem Schnee. Tjan-Bolpín betastete, nicht ohne ein gewisses Grauen, den frostigen Schneehaufen und wollte herausfahren. Aber plötzlich erwachte auch Dòna Kenìna, hielt ihm schleunigst eine Hand vor die Augen und sagte: »Schlaf, Männchen, schlaf!«
Augenblicklich sank er zurück und verfiel in einen tiefen, bleiernen Schlaf.
Es war schon sonnenheller Morgen, als Tjan-Bolpín wieder wach wurde. Sofort begann er mit seiner Gattin über den nächtlichen Vorfall zu sprechen. Aber Dòna Kenìna lachte ihn aus und wollte ihn glauben machen, dass er das alles nur geträumt habe. Da ahnte Tjan-Bolpín, es müsse in dem Palast von Dòna Kenìna allerlei Geheimnisse geben, die sie ihm zu verbergen trachte, und er nahm sich vor, künftig nichts mehr zu sagen, sondern nur zu beobachten und sich selbst seine Gedanken zu machen.
Darüber verstrich geraume Zeit.
Aber in einer Vollmondnacht kam die furchtbare Kälte wieder. Tjan-Bolpín erwachte und fand sich abermals in einem Schneehaufen. Diesmal versuchte er leise herauszukriechen. Dabei schaute er in dem Gemache umher und bemerkte, dass auch die großen silbernen Blumenbehälter mit Eis und Schnee gefüllt waren. Plötzlich erhob sich ein mächtiges Brausen, das immer mehr anschwoll und den ganzen Palast erzittern ließ. Doch da erwachte auch Dòna Kenìna und wiederum sprach sie dieselben Worte und wiederum fühlte sich Tjan-Bolpín von schwerem Schlafe überwältigt.
Am nächsten Morgen aber zeigte sich alles unverändert: Das Gemach war ruhig und warm, und in den silbernen Behältern blühten die schönen, bunten Blumen. Tjan-Bolpín sagte kein Wort, doch er fühlte sich seit jener Zeit in dem prunkvollen Palast nicht mehr recht wohl. So kam es, dass Erinnerungen und Wünsche in ihm auflebten, an die er schon lange nicht gedacht hatte.
An einem schönen Abend, als drüben auf der Pordòi-Wand die letzten Lichter lohten, sagte Tjan-Bolpín zu seiner Gattin, dass er gerne wieder einmal nach Mortíz und Canazei hinabgehen möchte, um seine Freunde zu besuchen. Dòna Kenìna schien davon sehr peinlich überrascht zu sein, und sie bemühte sich alsbald, ihm diesen Gedanken auszureden. Das gelang ihr auch anfangs. Aber Tjan-Bolpín kam wieder darauf zurück. Als Dòna Kenìna eingesehen hatte, dass sie ihn ziehen lassen müsse, da ergriff sie seine Hand und sprach zu ihm:
»Ich weiß schon, warum du verstimmt bist; es missfällt dir, dass ich dir keinen Aufschluss über die Geheimnisse gebe, die du hier bemerkt hast; aber glaube mir, wenn ich dich im Unklaren ließ, so geschah es nur aus Liebe zu dir; die Geheimnisse in meinem Hause hier sind sehr einfacher Art; ich aber freute mich so sehr über dein Staunen und über deine Unbefangenheit; weißt du erst einmal, wie selbstverständlich diese vermeintlichen Geheimnisse sind, so wirst du dich ernüchtert fühlen, und davor wollte ich dich bewahren … Was nun deinen Gang ins Tal anbetrifft, so lasse ich dich gehen, wenn du durchaus willst, ich muss dir aber sagen, dass du wenig Freude daran haben wirst, denn deine Altersgenossen sind längst alle tot.«
Tjan-Bolpín machte ein erschrecktes Gesicht, und Dòna Kenìna fuhr fort: »Sie sind alle tot, denn du bist schon viel länger hier bei mir, als du denkst.«
Da bemerkte Tjan-Bolpín: »Ich kam zu Beginn des Sommers, und es ist noch immer Sommer, also kann ich höchstens zwei Monate lang hier sein.«
»Du irrst dich, mein Lieber!«, versetzte Dòna Kenìna, »denn jede Nacht, die du hier verbracht hast, zählt für ein Jahr; wir schlafen stets neun Monde lang und sind nur im Sommer wach, darum scheint es dir immer Sommer zu sein.«
Tjan-Bolpín erstaunte und dachte an den Schnee, den er nachts gesehen hatte; er bat aber Dòna Kenìna, ihn dennoch den Gang ins Tal machen zu lassen.
»Geh nur«, sagte sie, »wenn du so großes Verlangen danach hast, und nimm diesen Ring.«
Sie gab ihm einen Ring und bemerkte noch: »Sollte dich irgendein Zauber bedrohen oder solltest du den Weg zu mir nicht zurückfinden können, so wirf diesen Ring in die Luft, und ich werde sofort an deiner Seite sein.« Mit diesen Worten entließ sie ihn.
Als Tjan-Bolpín ins Tal kam, wurde ihm bald klar, dass Dòna Kenìna die volle Wahrheit gesprochen hatte. Viele Veränderungen zeigten sich, neue Häuser waren entstanden, von seinen Freunden konnte er nicht einen einzigen mehr finden, und die Lebenden kannten ihn nicht. Nur ein Großmütterchen sagte, sie habe in ihrer Jugend wiederholt von alten Leuten erzählen gehört, ein Hirte namens Tjan-Bolpín sei einst im Frühsommer auf den Berg hinaufgegangen und nie wieder zurückgekehrt; man habe ihn auch gesucht, aber ganz vergeblich. Das war die einzige Erinnerung, die sich erhalten hatte. Tjan-Bolpín fühlte sich als Fremdling, und er sah ein, dass es für ihn das Beste wäre, unverzüglich zu Dòna Kenìna zurückzukehren. Er machte sich daher auf den Weg nach Mortíz. Es war aber gerade Feiertag, und so hatten sich in Mortíz viele junge Leute zusammengefunden: meist Mäher und Recherinnen, die auf den benachbarten Bergwiesen die Heuarbeit erledigten.
Als sie Tjan-Bolpín vorübergehen sahen, riefen sie ihm zu, er möge doch zu ihnen kommen und in ihrer Gesellschaft den Nachmittag verbringen. Tjan-Bolpín tat das und unterhielt sich mit ihnen einige Stunden lang. Es entstand um ihn herum ein Kreis von jungen Männern, und sie fingen an, von schönen Frauen zu sprechen. Wer aber eine Braut hatte oder jung verheiratet war, der behauptete, seine Auserwählte sei die schönste im ganzen Tal. Darüber kam es zu einem lebhaften Meinungsaustausch. Einige schlugen vor, man solle einen Schönheitswettbewerb veranstalten, nämlich die Bräute und jungen Frauen herbeirufen und dann entscheiden, welche die schönste sei. Und schon fingen andere an, Wetten abzuschließen. Tjan-Bolpín hatte eine Zeitlang schweigend zugehört, nun aber wollte er sich entfernen. Da fasste ihn einer am Arm und meinte, er solle doch bleiben und mitwetten. Als er sah, dass Tjan-Bolpín nicht mochte, frug er ihn, ob er keine Braut habe. Auf Tjan-Bolpíns Antwort, dass er längst verheiratet sei, entstand Verwunderung.
»So jung und schon verheiratet«, hieß es. Man wollte wissen, wo er seine Frau habe.
»Oben auf dem Berg«, erwiderte Tjan-Bolpín. Und er wies hinauf zum Sass de Salèi.
»So hole sie doch!«, riefen mehrere. »Nein, nein, das tue ich nicht!«, versetzte Tjan-Bolpín.
Da sprach plötzlich jemand im Hintergrund mit höhnischer Stimme: »Er wird schon wissen, warum!«
Ob dieser boshaften Bemerkung lachten alle ringsumher. Tjan-Bolpín aber machte eine abweisende Bewegung und sagte mit Geringschätzung:
»Ihr Armseligen! Seid froh, wenn meine Frau nicht kommt, denn da wären eure Wetten ohne Ausnahme verunglückt.«
Diese Worte riefen allgemeine Empörung hervor, besonders bei den anwesenden Mädchen. Man schrie durcheinander, nannte Tjan-Bolpín einen unverschämten Prahlhans und reizte ihn so lange, bis er seine anfängliche Ruhe verlor. So kam es, dass er plötzlich den Ring vom Finger zog und in die Luft warf.
Die Wirkung war verblüffend, denn augenblicklich stand Dòna Kenìna in ihrer strahlenden Schönheit an seiner Seite. Alle starrten sie an, alle vergaßen ihre Wetten, und alle verstummten.
Dòna Kenìna aber schien sehr ungehalten zu sein, denn sie sprach zu Tjan-Bolpín: »Wenn du solchen Unfug treibst und mich rufst, um mich zur Schau zu stellen, so werde ich dir den Ring wegnehmen!«
Das tat sie auch wirklich und entfernte sich. Tjan-Bolpín eilte ihr nach und wollte sie besänftigen. Aber sie entschwand bald seinen Blicken. Er stieg nun langsam bergan, erreichte den Fuß des Sass de Salèi und gedachte an der Wand hinaufzuklettern, wie er es das erste Mal getan hatte. Doch es wollte ihm nicht gelingen, und bei Anbruch der Nacht war er noch nicht über Baumeshöhe hinausgekommen. Er stieg ab und verbrachte die Nacht in einem Tobià, einer Heuhütte, um am nächsten Morgen den Kletterversuch zu wiederholen. Aber was er auch tat und wie oft er auch von verschiedenen Stellen die Felsen anging, es war ihm nicht mehr möglich, den Palast von Dòna Kenìna zu erreichen.
Als Tjan-Bolpín erkannt hatte, dass alle seine Bemühungen vergeblich seien, wanderte er in den Wäldern und auf den Hochweiden der Umgebung herum, stets von der Hoffnung beseelt, irgendein Wesen zu finden, das ihm sagen würde, wie er zu Dòna Kenìna wieder zurückgelangen könnte.
Bei Sturm und Nebel traf er eines Abends drei wilde Gestalten, die »Tarluyères«, Feuergeister, die, wenn sie das Feuer schleudern, auf dem Snigolà, einem Zaubermantel, durch die Luft fliegen.
Es gelang ihm, den Snigolà zu stehlen, er hing ihn sich um, und schon ging es in sausender Fahrt durch die Luft. Überall konnte er mit dem Zaubermantel hinfliegen, da er aber den Namen des Eispalastes der Dòna Kenìna nicht kannte, fand er den Weg dorthin nicht. Neun Monde waren vergangen, und er hatte große Sehnsucht nach Dòna Kenìna.
In dunklen Felsenklüften traf er eines Tages das kluge Völkchen der »Morkyes«, sie zeigten ihm den Weg zu dem Sturmriesen, der im Frühjahr immer zum Palast der Dòna Kenìna fliege, den man aber nur hoch oben in den schroffen Felsenwänden in tobendem Gewitter finden könne.
Die Nacht brach herein, das Gewitter war furchtbar, es donnerte ringsum in den Felsen. Tjan-Bolpín ließ sich jedoch nicht abhalten, schnell stieg er bergan und kletterte auf den Felsen, den die »Morkyes« ihm genannt hatten. Überall troff der Regen herab, der Sturm brauste, und tiefe Dunkelheit umgab den Berg. So gelangte er an eine senkrechte Kante, um welche der Sturm brauste. Hier konnte er nicht mehr weiter. Viele Wolken trieben vorbei, verbargen den Mond und schleuderten Hagel gegen die Felsen. Erst bei grauendem Morgen wurde es besser; es war hier die sogenannte Costa dal Vent, das heißt Wind-Ecke, eine hochgelegene Stelle an der Stirnseite des Sass de Pordòi. Als Tjan-Bolpín weiterkletterte, geriet er bald in eine Ghèba, eine dichte Wolkenbank, die an der windgeschützten Seite der Felskante hing. Hier fand er mitten im Gelände eine hölzerne Tür – sehr groß und ungeschlacht, aus abgebrochenen Baumstämmen zusammengefügt. Nur mit äußerster Anstrengung vermochte Tjan-Bolpín diese schwere Türe zu öffnen; da sah er eine geräumige Höhle, und in der Höhle stand eine Riesin. Sie machte gerade Feuer auf dem Herd und blies hinein, dass die Funken stoben. Als Tjan-Bolpín so unvermutet eintrat, wandte sich die Riesin um, starrte ihn an und rief: »Was willst du hier, kleiner Mensch? – Wenn mein Mann kommt und dich hier findet, so reißt er dich in Stücke!«
»Wer ist dein Mann?«, fragte Tjan-Bolpín.
»Mein Mann ist der Sturmriese«, sagte das Weib, »er hat heute die ganze Nacht schwer gearbeitet und wird gleich kommen.«
Sie hatte kaum diese Worte gesprochen, da hörte man auch schon ein heftiges Brausen, das allmählich näher kam.
»Schnell, schnell, verstecke dich!«, rief die Frau. Tjan-Bolpín befolgte den Rat und stellte sich hinter den Holzstoß; die Frau aber hing noch Tücher auf, um ihn ganz zu verbergen.
Gleich darauf trat der Riese in die Höhle. Sogleich schaute er sich um und fragte argwöhnisch: »Da riecht es nach Menschenfleisch; war ein Mensch hier oder hast du einen versteckt?«
Und weil die Frau nicht mit der Sprache herausrücken wollte, so fing er an, in der Höhle herumzusuchen. Als Tjan-Bolpín das bemerkte, sprang er heraus und stellte sich vor den Riesen hin. Dieser grinste ihn an. Tjan-Bolpín aber sprach: »Ich weiß, dass du der Sturmriese bist, und weil ich auch gerne bei Hochgewitter, bei Schnee und Hagel draußen bin, so möchte ich als Gehilfe in deine Dienste treten.«
Ob dieses Anerbietens begann der Riese laut zu lachen. Dann sagte er geringschätzig: »Du willst in meine Dienste treten, du elendes Menschlein! So wisse denn: Wer mit mir arbeiten will, der muss vor allem fliegen können.«
»Ich fliege besser als ein Vogel«, erwiderte Tjan-Bolpín.
»Wenn dem so ist«, versetzte der Riese, »werde ich dich gleich mitnehmen. Die nächste Fahrt mache ich zum Palast von Dòna Kenìna.«
Als Tjan-Bolpín diese Worte hörte, gab es ihm einen Riss; doch seine anfängliche Freude verwandelte sich schnell in Bestürzung, denn der Riese fügte hinzu: »Zu dieser Fahrt kann ich jedoch meinen Gehilfen nicht mitnehmen.«
»Warum nicht?«, fragte die Frau.
»Weil Dòna Kenìna mir ausdrücklich gesagt hat, dass sie Ruhe wünsche und so wenig als möglich fremde Leute in ihrem Palast sehen wolle.«
Die Frau fragte nun weiter, was das denn für Arbeit sei, die in dem Palaste von Dòna Kenìna besorgt werden müsse.
»Dort gibt es viel Arbeit«, entgegnete der Riese, »denn wenn ich dorthin komme, ist der ganze Palast voll Eis und Schnee; ich aber muss dafür sorgen, dass alles auftaut, dass die Schmelzwässer abrinnen und dass der Palast wieder sauber und trocken wird.«
Tjan-Bolpín hätte auch gerne etwas gefragt, doch schien ihm, dass es besser sei, einstweilen zuzuwarten. Der Riese aber meinte, nun wollten sie schlafen gehen, und er wies auch dem Gehilfen ein Plätzchen im Hintergrund der Höhle an, wo er sich ausruhen könne. Tjan-Bolpín legte sich nieder und schlief nach einiger Zeit ein. Als er erwachte, stand die Riesin mit einer Fackel vor ihm und flüsterte ihm zu:
»Steh gleich auf und mach dich flugbereit; mein Mann ist im Begriff, zu Dòna Kenìna zu fliegen; häng dich an seine Ferse, da merkt er nichts und nimmt dich mit; wenn ihr dann zurückkehrt, erzählst du mir, was du auf dieser Fahrt gesehen hast.«
