Maria Angela Astorch (1592-1665) -  - E-Book

Maria Angela Astorch (1592-1665) E-Book

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Beschreibung

Kaum jemand in der deutschsprachigen franziskanischen Familie kennt die Katalanin Sr. Maria Angela Astorch OSCCap (1592-1665). Im kürzlich erschienenen Ergänzungsband des Franziskanischen Propriums steht bei der Quellenangabe zu ihr lediglich: "unveröffentlichtes Manuskript des Archivs der Generalpostulatur des Kapuzinerordens". Im ersten Teil findet sich Lázaro Iriartes Biografie zu Maria Angela Astorch, die dem historisch-kritischen Interesse Rechnung trägt und mit zahlreichen Zitaten aus den Schriften der Seligen angereichert ist, ins Deutsche übertragen; der zweite Teil bietet ergänzend in Auslese aus den Kapiteln VI und VII der kritischen Edition die sogenannten "opúsculos espirituales" (kleine spirituelle Werke) und die "cartas" (Briefe). Sie geben Zeugnis von Astorchs eigenständiger, ihrer Zeit gemäßer Gestalt des Ordenscharismas der Klarissen. Somit gehört sie und ihre Texte zum geistlichen Familienerbe - das hier einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht wird!

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Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Vorbemerkung

Vorwort

Abkürzungen

Chronologie des Lebens der seligen M. Angela Astorch

Leben der seligen Maria Angela Astorch

Vorwort

Das frühreife Waisenmädchen

Mit elf Jahren in die Klausur

Jugendlicher Eifer

Novizenmeisterin in der Gründung von Saragossa

Mystikerin des Breviers

Christus der Blutbräutigam

Mystische Erhebungen

Die Liebeswunde des Herzens

Menschliche Züge von Sr. Maria Angela

Mutter und Dienerin der Schwestern

Konstitutionen von 1627

Apostolische Wohltätigkeit

Katalonien, „meine betrübte Heimat“

Gründung von Murcia

Leitung der Gründung

Hin zur Umgestaltung aus Liebe

Leiden und Prüfungen

Die dem Evangelium entsprechenden Ideale der Gründerin

Letzte heroische Entäußerung

Tod und Verherrlichung

Schriften der seligen Maria Angela Astorch

Wie ich begann, Latein zu verstehen

Regel und Konstitutionen der göttlichen Liebe für den, der sie beobachten möchte

„Heiliger Berg der Barmherzigkeit“

Geistliche Auslegung von Psalm 44

Der Schleier meines Geschicks, der als Gruß dienen soll, um das göttliche Kind mit geistlichem Schmuck zu umhüllen; in diesem Jahr 1641

Andacht zu den Fünf Wunden unseres Herrn Jesus Christus

Litanei zur heiligen Jungfrau Klara, unserer Mutter

Briefe

Register

Register der Orte, Länder usw.

Register der Personen

Register der Schriftstellen

Literatur

Vorbemerkung

Kaum jemand in der deutschsprachigen franziskanischen Familie kennt die von Papst Johannes Paul II. am 23. Mai 1982 seliggesprochene Katalanin Sr. Maria Angela Astorch OSCCap (1592–1665).

Der neue Ergänzungsband des Franziskanischen Propriums hat dankenswerter Weise diese bedeutende Frau aufgenommen. Allerdings steht bei der Quellenangabe zu ihr lediglich: „unveröffentlichtes Manuskript des Archivs der Generalpostulatur des Kapuzinerordens“.

Das rechtfertigt an sich schon eine Herausgabe ihrer Schriften und ihrer Biographie. Die spanische Klarisse Sr. María Victoria Triviño OSC hat 1992 in der Reihe „Bibliothek christlicher Autoren“ (BAC) einen Band „Escritoras Clarisas Españolas“ herausgegeben, in dem sie die Selige als „una de las más afortunadas de nuestras escritoras“ bezeichnet.

Astorchs Schriften zeigen eine eigenständige, ihrer Zeit gemäße Gestalt des Ordenscharismas der Klarissen und gehören damit zum geistlichen Familienerbe!

Die „spanische Angela“ ist trotz ihres „barocken Gewandes“ unserem Empfinden näher als ihre mystischen Mitschwestern aus dem Mittelalter. Selber hoch gebildet und im Austausch mit Adeligen und Hochgestellten aus Klerus und Gesellschaft ihrer Zeit, verfiel sie nie einem elitären Dünkel. Sie bemühte sich als Leiterin ihrer Gemeinschaft kreativ um egalitäre Strukturen und vertrat geradezu moderne Ansichten über die Gleichwertigkeit und Einmaligkeit ihrer Mitmenschen, unabhängig von sozialer Herkunft, Rang und Namen.

Überzeugt von der Notwendigkeit spiritueller und intellektueller Bildung, suchte die langjährige Gründungsschwester und Äbtissin der Kapuzinerinnenklöster von Saragossa und Murcia immer wieder nach entsprechender Unterstützung im Ordens- und Weltklerus. Sie scheute die damit verbundenen Spannungen und Schwierigkeiten nicht und konfrontierte diverse Interventionen seitens der spanischen Inquisition mit ihrer authentischen mystischen Begabung. Diese kleine und kluge Frau vermochte trotz ihrer hohen Sensibilität solchen Herausforderungen die Stirn zu bieten.

Als Mitglied des sich ausbreitenden Kapuzinerinnenordens im Spanien der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts verstand es Maria Angela, ihre Berufung und Sendung als eine Tochter der hl. Klara von Assisi im mystischen Leib der Kirche treu als adiutrix und sublevatrix (vgl. 2 Agn 4) zu verwirklichen und selber geistliche Töchter und Enkelinnen zu formen. Maria Angelas „Gehorsams-Aufzeichnungen“ (cuentas de conciencia) und Abhandlungen, von denen einige hier ins Deutsche übertragen sind, zeugen davon und können – nicht nur für Klarissen und Kapuzinerinnen – als Anregung und Ansporn für das eigene Leben und Denken nützlich sein!

Wir stoßen in Maria Angelas Leben und in ihren Reflexionen auf eine vielleicht nicht erwartete Zusammengehörigkeit von „Mystik“ und „Politik“: Diese Katalanin lebte ein „urkatholisches“ Verständnis von Kirche als dem lebendigen geistlichen Schatzhaus der Heilsökonomie, in das man mit seinem Leben „einzahlt“ und von dem man durch die Gemeinschaft der Heiligen auch „ausbezahlt bekommt“ – in rechter Sorge um das eigene wie das fremde Seelenheil.

Das Leben als Klarisse-Kapuzinerin gestaltete sich für Maria Angela zutiefst als „geistliche Sozialarbeit“. Sie war keine Weltfremde, sondern entwickelte eine fruchtbare geistige Mutterschaft innerhalb und außerhalb der Klausur. Als Kontemplative stand und wirkte sie am Puls ihrer Zeit. Davon zeugen ihre – bisweilen auch sperrigen – Texte!

Der erste Teil des Buches bietet eine Übertragung von Lázaro Iriartes Biografie zu Maria Angela Astorch; sie will dem historisch-kritischen Interesse Rechnung tragen und geht darum auch auf ihre Zeit ein und auf die Frage, welche Schriften wirklich von ihr sind. Diese werden dann auch häufig wörtlich zitiert. Man muss bedenken, dass diese Biografie noch vor der kritischen Edition von Astorchs Gesammeltem Werk erschienen ist. Iriarte wollte sie darum oft selbst zu Wort kommen lassen.

Um Wiederholungen zu vermeiden, bringt der zweite Teil nicht alle Schriften Maria Angelas, sondern nur mehr eine Auslese. Aus den Kapiteln VI und VII der kritischen Edition wurden die „opúsculos espirituales“ und die „cartas“ ausgewählt, also die spirituellen kleinen Werke und die Briefe; sie werden hier erstmals ins Deutsche übertragen.

Zu diesem Zweck hat ein Frauenteam ehrenamtlich gearbeitet: Sr. Monica Benedetta Umiker OSC in Perugia, Johanna Bosch-Brasacchio in Grottone, Elisabeth Zacherl und Susanne Ernst in Salzburg. Zu besonderem Dank verpflichtet sind wir Mauro Papalini in Bosco (Perugia), Michael Ernst in Salzburg und Leonhard Lehmann OFMCap in Rom für Rat und Unterstützung, dem Letztgenannten vor allem für die wissenschaftliche Betreuung dieses Projektes bis zu seiner Emeritierung im Juli 2019.

Salzburg, am 19. Jänner 2019,

dem Gedenktag der hl. Eustochia Calafato OSC

Susanne Ernst

Vorwort

Maria Angela Astorch hat es von Kindheit an ins Kloster gezogen; sie wurde darin glücklich und machte auch andere froh. Das spürt man aus ihrer Autobiographie und anderen Schriften, die hier erstmals auf Deutsch vorliegen. In Spanien hat es die Klarisse schon 1985 geschafft, in die angesehene Reihe der Biblioteca de Autores Cristianos (BAC) aufgenommen zu werden. Dabei hatte die Schwester weder studiert noch war sie von Adel. Sie hatte nur schon als Kind einen unbändigen Hunger nach Büchern, vor allem solchen auf Latein, und gern hörte sie Geschichten, vor allem solche von Heiligen. Dass sie Latein verstand, nannte sie eine Gnade; sie war darin Autodidakt und lernte es immer besser, je länger sie das Brevier betete und die Liturgie mitfeierte. Papst Johannes Paul II. nannte sie in seiner Ansprache bei der Seligsprechung am 23. Mai 1982 in Rom eine „Mystikerin des Breviers“. In der Tat ist der geistliche Weg der neuen Seligen ganz vom Hören und Lesen der Bibel und vom täglich mit innerer Anteilnahme vollzogenen Chorgebet geprägt. Und dies in einer Zeit, da die biblisch-liturgische Spiritualität auch in Klöstern nicht im Vordergrund stand, sondern von Privatandachten und zahlreichen gemeinsamen religiösen Übungen überdeckt war.

Die Katalanin war aber auch eine Mystikerin der Tat, denn sie war so sehr vom missionarischen Geist erfüllt, dass sie die in Barcelona begonnene Reform des Klarissenordens 1609 nach Saragossa brachte, wo sie neun Jahre lang die Novizinnen unterrichtete, bis sie mit 34 Jahren zur Äbtissin gewählt wurde. 1629 erhielt sie die von ihr entworfenen Konstitutionen bestätigt. In der Pfingstwoche 1645 brach sie dann nochmals auf und zog mit vier Begleiterinnen nach Murcia, wo sie wieder ein Kloster gründete, das nach Mutter Maria Angelas Tod die Wiege für weitere Neugründungen in Spanien und Mexiko wurde. Trotz der Zurückgezogenheit in Klausur blieb Maria Angela innerlich und äußerlich unterwegs. Dass sie Spanien vom Norden bis Süden durchquerte, bedeutet auch, dass sie Katalanisch und Kastilisch sprach und schrieb – und im Kloster am liebsten Latein. Das verwunderte den Klerus. Der Erzbischof von Saragossa ließ sie prüfen. Die Kommission legte ihr drei Bibelverse vor, mit denen sie eine Predigt entwerfen und dann halten sollte. Einer der Prüfer kommentierte das Ergebnis so: „Schade, dass sie eine Frau ist und nicht geweiht werden kann! Was wäre das für ein Prediger!“ Als Äbtissin riet sie den Schwestern, im Kloster die Welt hinter sich zu lassen, aber nicht die Kultur.

Umso erfreulicher ist es nun, dass jemand „aus der Welt“ eine Blüte „in der Klausur“ entdeckt hat: Frau Susanne Ernst hat 2012 in dieser Reihe zusammen mit zwei anderen Frauen schon die Klarisse Katharina Vigri von Bologna (1413–1463) dem deutschsprachigen Publikum bekannt gemacht. Sie hat aus dem Schrifttum der heiligen Klara Leit-Gedanken (Direktorien) für die Advents- und Fastenzeit zusammengestellt, die dankbar angenommen werden. Und nun macht sie öffentlich, was lange in Archiven verborgen und erst seit den 1980er Jahren auf Spanisch oder Italienisch zu lesen war. Ihr ist für die Auswahl der Texte, für deren Übersetzung und für ihre sparsamen Kommentare oder Überleitungen zu danken.

Gern schreibe ich dieses Vorwort aus zwei Gründen: 1.) weil ich als Mitglied der Werkstatt Franziskanische Forschung gebeten wurde, das Vorhaben der Publikation wissenschaftlich zu begleiten; 2.) weil ich die drei Klöster in Barcelona, Saragossa und Murcia, wo Schwester Maria Angela Astorch gelebt hat, im Auftrag des Generalministers der Kapuziner persönlich besucht und mich in ihre Schriften vertieft habe. Darum freue ich mich jetzt, dass dieser lange verborgene Schatz nun auch den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich wird. Die Katalanin las und zitierte die große Teresa von Avila, wird ihr gegenüber jedoch die kleine Angela Astorch bleiben. Möge ihre menschliche Wärme und gesunde Frömmigkeit auch in unsere Zeit hineinwirken.

Münster, am 15. Oktober 2019,

dem Festtag der hl. Teresa von Avila

Leonhard Lehmann OFMCap

Abkürzungen

Namen und Abkürzungen der biblischen Bücher aus:

Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe Stuttgart 2016.

Vat

Meditation zum Vaterunser

GebKr

Gebet vor dem Kreuzbild von San Damiano

WFreud

Das Diktat von der wahren Freude

Fior

Die Blümlein des hl. Franziskus (Fioretti)

1-4 Agn

1.– 4. Brief Klaras an Agnes von Böhmen

KlReg

Regel der hl. Klara

ThB

Legende der auserwählten Jungfrau St. Klara (Codex Thennenbach 4)

LebKl

Thomas von Celano, Leben der hl. Klara

FrKl

„Freu dich, Klara“ (Eine mittelhochdeutsche Reimlegende)

ProKl

Der Heiligsprechungsprozess der hl. Klara

Anm. d. Übers.

Anmerkung des Übersetzers

Bd.

Band

c.

Kolumne (Spalte)

ca.

circa

CIC

Codex Iuris Canonici

ed.

ediert

ehrw.

ehrwürdige(r)

f./ ff.

folgende(r)

fol.

folio, folii (Blatt, Blätter)

Hrsg.

Herausgeber

hrsg.

herausgegeben

hl.

heilig

Jh.

Jahrhundert

KKK

Katechismus der Katholischen Kirche

Nr.(n)

Nummer(n)

P.

Pater

PL

Patrologia Latina

Sr.

Schwester

u.a.

unter anderem

vgl.

vergleiche

wörtl.

wörtlich

Statue der seligen Angela Astorch in der

Kapelle des neuen Kapuzinerinnenklosters

in Murcia (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Angela_Astorch.html; 27.5.2021)

Chronologie des Lebens der seligen Maria Angela Astorch

1592

1. September

Geburt in Barcelona.

3. September

Taufe auf die Namen Jerónima María Inés in der Pfarrkirche Santa Maria del Pino.

1593

Juli

Tod der Mutter.

1597

21. Mai

Tod des Vaters. Sie wird der Amme Apollonia anvertraut.

1599

Für tot gehalten, kommt sie durch die Fürbitte der Gründerin der Kapuzinerinnen von Barcelona wieder zum Leben.

1601-1603

Schulische Ausbildung.

1602

Firmung in der Pfarrkirche San Jaime.

1603

16. September

Klostereintritt mit 11 Jahren bei den Kapuzinerinnen von Barcelona; sie erhält den Namen Maria Angela.

1608

7. September

Beginn des kanonischen Noviziats.

1609

8. September

Profess.

1612

Mitglied im Rat der Gemeinschaft.

1614

19. Mai

Abreise zur Gründung von Saragossa.

24. Mai

Ankunft in Saragossa und Einweihung des Klosters.

1614-1623

Novizenmeisterin in Saragossa.

1623-1626

Meisterin der Jungprofessen.

1626-1632

Äbtissin für zweimal drei Jahresperioden.

1626

21. Oktober

Feierlicher Hochzeitsvertrag mit Christus und Gelübde der „Regel der göttlichen Liebe“.

1627

28. August

Breve von Papst Urban VIII. zur Genehmigung der Konstitutionen der Kapuzinerinnen von Saragossa auf Ansuchen von Maria Angela.

1629

Beginn des Klosterneubaus.

1633-1636

Äbtissin zum zweiten Mal.

1639-1642

Äbtissin zum dritten Mal.

1640

Ausbruch des katalonischen Krieges. Ständige Sorge Maria Angelas um ihre Heimat.

1641

7. September

Sie unterstellt sich der Leitung von Don Alejo de Boxadós.

1642

Bittgesuch von Boxadós im Namen von Maria Angela um die königliche Autorisierung für die Gründung von Murcia.

1644

3. Dezember

Königliche Urkunde der Erlaubnis zur Gründung.

1645

9. Juni

Abreise zur Gründung von Murcia.

28. Juni

Ankunft in Murcia.

29. Juni

Einweihung des Klosters „Verehrung des Allerheiligsten Sakramentes“.

1648

April – September

Pest in Murcia. Sie erhält im Gebet die Zusage, dass keine der Ordensfrauen sterben wird.

1651

14. Oktober

Große Überschwemmung; die Kapuzinerinnen müssen das Kloster verlassen.

25. Oktober

Notunterkunft in Las Ermitas.

1652

22. Oktober

Rückkehr ins Kloster.

1653

7. November

Neue Überschwemmung; wieder nach Las Ermitas.

1654

22. November

Endgültige Rückkehr in das wiedererrichtete Kloster.

1656

Mai

Tod von Don Alejo Boxadós.

1661

Maria Angela tritt vom Äbtissinnen-Amt zurück; sie wird dement und geistig wie ein Kind, wie sie es vom Herrn erbeten hatte.

1665

2. Dezember

Heimgang im 73. Lebens- und 57. Ordensjahr.

1668-1670

Diözesanprozess zur Seligsprechung.

1733

Umfangreiche Biographie von Luis Ignacio Zevallos.

1759-1771

Zweiter Diözesanprozess.

1773

3. April

Dekret der Approbation der Schriften der Dienerin Gottes.

1776

19. Juni

Zweites Dekret der Approbation der Schriften der Dienerin Gottes.

1850

29. September

Dekret über die heroischen Tugendgrade der Dienerin Gottes.

1890-1892

Diözesanprozess über die wunderbare Heilung von Carmen Hidalgo.

1924

11. Juni

Die Hl. Kongregation erklärt die Gültigkeit des Prozesses.

1926

18. Juni

Positives Gutachten der Ärzte.

1979

Der Generalpostulator der Kapuziner greift den Prozess wieder auf, indem er sich auf die Gültigkeit des früheren Wunders stützt und eine neue Befragung von Ärzten anregt.

1980

21. Februar

Einstimmig positives Gutachten der Ärzte.

1981

10. November

Die Vollversammlung der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse anerkennt die Gültigkeit des Wunders.

1982

11. Februar

In Anwesenheit des Heiligen Vaters wird das Dekret verlesen, das den Wundercharakter der Heilung anerkennt. Die Seligsprechung wird für den 23. Mai festgelegt.

1982

23. Mai

Feierliche Seligsprechung von Maria Angela Astorch auf dem Petersplatz in Rom durch Papst Johannes Paul II.

Lázaro Iriarte OFMCap

Selige Maria Angela Astorch

Klarisse-Kapuzinerin (1592–1665)

Mystikerin des Breviers

Übertragen von Susanne Ernst1

Vorwort

Schwester Maria Angela Astorch bietet unserer Generation eine nützliche Botschaft, um das Leben in seiner Tiefe besser zu erfassen und die göttliche Dimension unserer Existenz zu entdecken. Es handelt sich um eine authentische, auf die Liebe Gottes hin geöffnete Mitteilung. Beschrieben wird ein Weg, den Maria Angela als „mein innerer Weg“ bezeichnet. Dieser wechselt zwischen göttlichem Licht und reinigendem Schatten, was Wegweisung und Ansporn für viele Seelen sein kann.

Es gab eine Zeit, da war Sr. Maria Angela sehr bekannt. In Murcia, wo sich in ihren letzten zehn Lebensjahren der Ruf der Heiligkeit verbreitete, dauert die Verehrung der „Gründerin“ immer noch an, und viele Murcianer erbitten ihre Fürsprache.

Die Hauptquellen dieser Biographie sind Maria Angelas eigene Schriften, speziell die auf Anordnung ihrer Beichtväter entstandenen Aufzeichnungen. Sie wurden gesammelt und bis zehn Jahre vor ihrem Tod auf Anordnung von Don Alejo de Boxadós fortgeführt. Leider wurden Maria Angelas Originale aufgrund von Feuchtigkeit im Haus eines Laien während des Spanischen Bürgerkrieges (Juli 1936 – April 1939) zerstört. Die Kapuzinerinnen von Murcia hatten ihm die Handschriften anvertraut, als sie im Jahr 1936 das Kloster aufgeben mussten. Glücklicherweise wird in Rom im Archiv der Generalpostulatur des Kapuzinerordens eine authentische Kopie aufbewahrt, die dem Original entspricht.

Über diese autobiographischen Aufzeichnungen hinaus, bieten Maria Angelas geistliche Schriften besonders Interessantes. Sie finden sich zur Gänze in dieser Handschrift von Rom. Weitere Schriften sind möglicherweise unwiederbringlich verloren. Schließlich gibt es ihre Briefe und Gesuche; fünfzehn davon zählen zu den 1776 bestätigten Originalen. Weitere sieben Briefe sind kürzlich im Kloster der Kapuzinerinnen von Calatayud gefunden worden, und es ist leicht möglich, dass noch mehr zutage treten.

Ferner gibt es die Unterlagen des Diözesanen Informationsprozesses, der von 1668 bis 1670 stattgefunden hat. Sie enthalten auch Aussagen der Ordensfrauen und weiterer Personen, die die Dienerin Gottes aus der Nähe kannten. Es wird hier jene Kopie benutzt, die bei den Kapuzinerinnen von Murcia aufbewahrt wird.

Die wichtigste Quelle aus historischer Sicht bildet darüber hinaus der Informationsprozess von 1759–1771, ferner die verschiedenen apostolischen Prozesse des Jahres 1789. Das Summarium wurde 1836 gedruckt.

Unter den veröffentlichten Quellen ist von erstrangigem Interesse die Vita der Gründerin der Kapuzinerinnen von Barcelona, Angela Serafina Prat, die im Jahr 1622 von dem Jesuiten Paolo Fons verfasst wurde. Sie enthält wertvolle Nachrichten zu Sr. Maria Angela Astorch, da diese Vita Aufzeichnungen von ihrer leiblichen Schwester Isabel Astorch verwendet. Eine weitere Quelle aus erster Hand sind die Aufzeichnungen des hochverdienten Beichtvaters der Kapuzinerinnen von Barcelona, Monsignore Martín García. Der Gelehrte Nicolás Torrecilla bediente sich dieser Aufzeichnungen für sein interessantes Werk über die Ursprünge der Kapuzinerinnen, das anlässlich der Gründung von Murcia2 herausgegeben wurde. Wir verdanken es dem fleißigen Autor Ignacio Torradeflot Cornet, sowohl das Buch von Pater Fons als auch eine reiche Dokumentation über die Ursprünge und die Ausbreitung der Kapuzinerinnen in Spanien in Händen halten zu können.

Leider sind alle drei Klosterarchive, die aus erster Hand Informationen hätten liefern können, in kriegerischen Tagen verschwunden: jenes von Saragossa während der Napoleonischen Belagerung 1808 und bei der Revolution von 1868; jenes von Barcelona im Jahr 1909 während der „tragischen Woche“ und das von Murcia bei der Revolution von 1936.

Die einzige heute noch vorhandene Biographie über Maria Angela Astorch stammt vom Jesuiten Luis Ignacio Zevallos. Die etwa sechshundert Seiten starke Vita wurde im Jahr 1733 gedruckt. Der Autor ordnete sorgfältig und objektiv die vielen Informationen, sowohl aus dem Informationsprozess wie aus den handschriftlichen Aufzeichnungen der Dienerin Gottes, indem er viele Teile daraus (wenn auch mit einer gewissen Freiheit) abschrieb. Wenn etwas von ihm stammt, dann die unglaubliche Fülle und der jener Epoche entsprechende pompöse Stil. Die Geschichte des Klosters der Kapuzinerinnen von Murcia ist ein weiteres Werk von ihm. Er hielt sich dort auf, um Informationen über die Gründerin zu sammeln.

Heutzutage findet man mehr oder weniger ausführliche biographische Notizen in diversen Handbüchern und Nachschlagewerken, auch auf internationaler Ebene.

Soweit möglich, wurde versucht, der vorliegenden Arbeit einen autobiographischen Charakter zu geben, indem nicht nur die Informationen verwendet wurden, die Maria Angela in ihren Schriften bietet, sondern sie auch selber zu Wort kommt. So kann, wer dieses Buch liest, wichtige Abschnitte ihrer eigenen Schriften kennenlernen.3

Maria Angela schreibt mystische Prosa, die der bekannten geistlichen Literatur Spaniens ebenbürtig ist. Wenn man Werke der hl. Teresa von Ávila, des hl. Johannes vom Kreuz, eines Tomas de Jesús oder anderer Mystiker liest, welche auf Anordnung von Beichtvätern geschrieben haben, so findet sich hier ein gewisses Maß an ähnlicher Begrifflichkeit, deren Gestalt wohl biblischer und patristischer Herkunft ist. Die Selige schreibt in einem fließenden, der Zeit entsprechenden ausdruckstarken Kastilisch; dass darin auch katalanische Ausdrücke vorkommen, verleiht ihrem Werk nur noch mehr Authentizität. Die katalanische Vokalisation schafft bei der Transkription einige Schwierigkeiten. Obwohl die katalanisch-spanische Kapuzinerin Autodidaktin ist, besitzt sie dank ihrer Begabung und Leidenschaft für die Literatur eine umfassende Bildung. Sie drückt sich in einem einfachen, natürlichen, bisweilen eleganten Stil aus. Maria Angela erweist sich als eine selbständige, originelle Persönlichkeit, die vor allem durch das Wort Gottes und den Rhythmus und Reichtum der Liturgie geprägt ist. Sie ist eine wahre „Tochter der Kirche“, wie sie selber zu wiederholen pflegt. Diese Besonderheiten mögen genügen, um die Aktualität dieser mystischen Kapuzinerin des spanischen siebzehnten Jahrhunderts anzuzeigen.

1 Die deutsche Übertragung entspricht im Wesentlichen dem spanischen Original: Iriarte, Lázaro: Beata María Ángela Astorch. Clarisa Capuchina (1592–1665). La mística del Breviario. Valencia 1982, unter Berücksichtigung der gekürzten italienischen Version: Iriarte, Lázaro: Beata Maria Angela Astorch. Clarissa Cappuccina (1592–1665). Roma 1982. Die Seligsprechung Maria Angelas erfolgte am 23. Mai 1982 durch den mittlerweile heiligen Papst Johannes Paul II.

2 Das Original von Martín García, bis vor kurzem im Kloster der Kapuzinerinnen in Saragossa aufbewahrt, scheint verloren gegangen zu sein, ausgenommen ein Fragment, das die mystischen Gnaden von Sr. Isabel Astorch betrifft. Die Kopie aus der Hand ihrer leiblichen Schwester Maria Angela existiert im Archiv der Kapuzinerinnen von Murcia.

3 L. Iriarte schreibt an dieser Stelle: „Es ist zu hoffen, dass ihr Werk Mein innerer Weg (Mi camino interior) möglichst bald in einer vollständigen Edition bekannt gemacht wird.“ Das geschah 1985: Beata María Angela Astorch (1592–1665). In: Mi camino interior. Relatos autobiográficos – Cuentas de espíritu – Opúsculos espirituales – Cartas, edición preparada por Lázaro Iriarte, Madrid 1985; im Folgenden abgekürzt mit Mi camino interior. 2017 erschien in italienischer Teilübersetzung: Iriarte, Lázaro: Beata Maria Angela Astorch. L’Autobiografia, gli Opuscoli spirituali, le Lettere, Traduzione di Mauro Papalini. Rom 2017; im Folgenden abgekürzt mit Autobiografia.

1. Das frühreife Waisenmädchen

Cristóbal Astorch und seine Frau Catalina waren ein gesellschaftlich gut situiertes nobles Ehepaar aus Barcelona. Sie hatten als „herkömmliche Christen“ (cristianos viejos), im Unterschied zu den sogenannten Neuchristen der damaligen spanischen Gesellschaft4 einen vortrefflichen Ruf. Der Vater entstammte den Astorch von Tortosa und bekleidete ein wichtiges öffentliches Amt. Die Mutter kam aus Perpignan und galt als eine Dame von aufrichtiger Frömmigkeit. Mit Sondererlaubnis ging sie täglich zur heiligen Kommunion und pflegte das innere Gebet unter Anleitung eines heiligen und gelehrten Unbeschuhten Karmeliten namens Domingo de Ursola. Das Paar hatte vier Kinder. Isabel, die Älteste, wurde im Jahr 1579 geboren. Eine gründliche Ausbildung erhielt sie bei den Ordensfrauen, die „Comendadoras de Santiago“ hießen. Daraufhin wurde sie ein Mitglied der Gruppe um Mutter Angela Serafina Prat, der Gründerin der ersten Gemeinschaft von Kapuzinerinnen in Barcelona. Der Zweitälteste, Juan José, starb im Alter von acht Jahren. Der dritte, Cristóbal, legte Gelübde im Orden der Diener Mariens5 ab und verzichtete auf sein Ältestenrecht zugunsten der Kapelle von Santa Madrona, der Stadtpatronin.6

Die letzte war Jerónima María Inés, geboren am 1. September 1592. Sie wurde zwei Tage später in der Pfarrkirche Santa Maria del Pino getauft 7. Das Mädchen war erst zehn Monate alt, als ihre Mutter starb. Das ist das erste, was sie aus ihrem Leben in Erinnerung ruft, zusammen mit der ersten übernatürlichen Gnade, die sie von Gott erhielt. Sie schreibt:

Die Mutter hatte mich sehr lieb und zeigte mir bei ihrem Sterben ganz große Zuneigung. Sie fragte nur nach mir, dass man mich zu ihr bringe; nach meinen Geschwistern fragte sie nicht.8

Der Vater, der sie vergötterte, wollte sie der Obhut einer Amme anvertrauen, die ihr wie eine echte Mutter alles Notwendige zukommen ließ. Sie hieß Apollonia und wohnte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Barcelona. Nach der Ammenzeit kehrte die kleine Jerónima ins väterliche Haus zurück. Nur für kurze Zeit, denn ihr Vater, Herr Cristóbal, starb bald darauf und ließ sie als Waise zurück. Sie war damals fünf oder sechs Jahre alt. Sie schrieb später:

Ich liebte ihn zärtlich, doch Gott unser Herr schien auf mich eifersüchtig zu sein und nahm ihn mir weg. Vaters Wunsch, mich zu erfreuen, war so groß, und die Liebe, die ich zu ihm hegte, war so stark, dass ich glaube, wäre er am Leben geblieben, wäre ich sicher nicht Ordensfrau geworden. Gepriesen sei Gott, der ihn mir nahm, um mich ganz zu der Seinen zu machen.9

Sie kehrte darauf unter die Obhut von Apollonia zurück. Sie schreibt über sie in dankbarer Erinnerung:

Sie liebte mich mit einer überaus starken Liebe, und so auch das ganze Dorf. Ich war die Freude und das Ergötzen von allen.10

Das Waisenmädchen wuchs in aller Unschuld gesund heran und war sehr lebhaft. Sie liebte die Wahrheit so sehr, dass kein Zweifel aufkam, wenn sie etwas sagte. Sie berichtet:

Es geschah mir, dass ich einen Tag lang verstimmt war, nur deshalb, weil man mir in einer Sache, in der ich gefragt wurde, nicht geglaubt hatte.

Meine Beschäftigungen waren: mit den Vögeln zu spielen, von denen ich viele schöne besaß, und am Abend im Mondschein an die frische Luft zu einsamen Orten zwischen den Bäumen des Waldes zu gehen. Eines Tages bat ich meine Amme, mich auf einen Berg zu begleiten. Ich freute mich, so viele riesige Bäume zu sehen, wie es die Pinien sind. Nach diesem Aufstieg war ich wegen der schönen Aussicht und der Abgeschiedenheit sehr glücklich.11

Als Siebenjährige hatte sie eines Tages bittere Mandeln gegessen; „bitter“ genannt, weil sie giftig sind. Sie wurde so krank, dass man ihren Tod fürchtete und bereits Vorkehrungen für die Beerdigung traf. In ihren Erinnerungen schreibt sie wiederholt den Umstand, dass sie am Leben blieb, der Fürbitte von Mutter Serafina Prat zu. Sie erzählt, sie habe von der verehrten Gründerin selbst gehört, dass diese, in Ekstase entrückt, ihre Seele schon in den Armen der Muttergottes sah.12 Sie fährt fort:

Seit damals, und ich war nicht älter als sieben Jahre, entwickelte sich vorzeitig meine Verstandestätigkeit, wie ich es Personen, die mich kannten, sagen hörte. Meine Kindheit endete mit sieben Jahren. Danach war ich bereits eine vernünftige und nicht wenig erfahrene Frau, sehr geduldig, maßvoll, still und wahrheitsliebend.13

Wie wir noch sehen werden, wird diese bemerkenswerte Frühreife aus ihr eine jener außergewöhnlichen Persönlichkeiten machen, die tief und klar sind, und zugleich anziehend und aufwühlend, ohne das zu beabsichtigen.

Nach vollendetem neunten Lebensjahr musste sie sich auf Anordnung ihrer Verwandten von ihrer geliebten Amme trennen. Sie schreibt:

Bereits in dieser Zeit kannte ich die gesamte christliche Glaubenslehre, so dass ich sie einem sechsjährigen Kind vermitteln konnte, das in das Haus eines meiner Verwandten kam.14

Innerhalb von zwei Jahren lernte sie lesen, schreiben und Handarbeiten verrichten. So kam es, dass sich in ihr ein unersättlicher Hunger nach Büchern entwickelte, vor allem nach lateinischen. Sie bezeugt selbst, dass der Lehrer verblüfft war, als er ihre Schnelligkeit im Auffassen und im Behalten feststellte.15

Maria Angela macht in ihren Aufzeichnungen keine Bemerkung über ihre erste heilige Kommunion. Sie erinnert sich hingegen an ihre Firmung, die sie im Alter von zehn Jahren aus der Hand des Bischofs Don Alonso Coloma in der Kirche des hl. Jakobus empfangen hatte. Sie hatte bereits drei Taufnamen, denen bei der Firmung nach damaligem Brauch noch ein vierter hinzugefügt wurde, nämlich Eulalia, aus Verehrung zur heiligen Märtyrerin, deren sterbliche Überreste in der Kathedrale von Barcelona verehrt werden.16

2. Mit elf Jahren Eintritt in die Klausur

Ein Kloster von Kapuzinerinnen entsteht

Die Reform der Klarissen-Kapuzinerinnen, die im Jahr 1535 in Neapel durch die adelige Katalanin Maria Lorenza Longo begonnen hatte, breitete sich in Italien rasch aus. In Barcelona geht die Gründung von Klarissen-Kapuzinerinnen auf das tugendhafte Leben von Angela Serafina Prat, gebürtig aus Manresa, zurück. Ausgerichtet am Ideal der Kapuzinerreform und unter geistlicher Leitung der Kapuziner, versuchte sie die Kontemplation mit Werken der Nächstenliebe zu verbinden. Die Kapuziner waren 1578 nach Barcelona gekommen und hatten sich schnell in Katalonien, in Valencia und in Aragonien ausgebreitet. Als Angela Serafina nach Barcelona kam, schloss sich ihr eine beachtliche Zahl junger Frauen an, die sie in ihrem karitativen Wirken tatkräftig unterstützten, besonders im Jahr 1589, als die Pest wütete. Eine der ersten war Isabel Astorch, die sich stark an Angela Serafina orientierte.17

In der Hoffnung, für diese Gemeinschaft in Barcelona Ordensfrauen aus Granada oder einem italienischen Kloster als Gründerinnen zu bekommen, beschloss man, der Gruppe eine rechtliche Form zu geben. Die Gelegenheit bot sich für Angela Serafina im Mai 1599, als König Philipp III. frisch vermählt mit Königin Margareta von Österreich nach Barcelona zu Besuch kam. Sie erlangten vom Nuntius Camilo Gaetani, der den königlichen Hof begleitete, ein Errichtungsdekret mit Datum vom 26. desselben Monats. Am 7. Juni setzte der Nuntius persönlich dieses Dekret in Kraft.18

Am 6. Juli wurde Angela Serafina mit ihren zehn Gefährtinnen unter dem Patronat des Königs und des Stadtrates, sowie in Assistenz sämtlicher Autoritäten, mit dem Habit der Kapuzinerinnen bekleidet. In einem provisorischen Kloster wurde die Gemeinschaft kanonisch errichtet und der hl. Margarita la Real geweiht; die junge Königin wurde aus Dankbarkeit Schutzherrin der Neugründung. Darum nannte sich später die Gründerin des Klosters Sr. Angela Serafina Margarita.

Wie das Errichtungsdekret von Nuntius Gaetani ausweist, wurde das Kloster in Barcelona unter der Regel der Minderbrüder des hl. Franziskus, genannt Kapuziner, und im Habit und in der Lebensweise der Kapuzinerinnen von Rom und Granada, in strenger und unverbrüchlicher Klausur errichtet, wobei die Schwestern der Jurisdiktion und der Leitung der Kapuzinerbrüder unterstellt wurden.

Wegen dieser Klausel, die auf Bitte der Gründerin eingefügt worden war, reagierte die zentrale Ordensleitung der Kapuziner in Rom sogleich ablehnend. Es gab nämlich in den Kapuziner-Konstitutionen eine Norm, die untersagte, für Schwesterngemeinschaften rechtlich oder pastoral Verantwortung zu übernehmen. Es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, bis hin zu einer Intervention bei König Philipp III., um von Papst Klemens VII. ein Breve zu erlangen. Dieses war mit dem Datum vom 27. September 1601 unterzeichnet und stellte die Neugründung unter die Leitung des Diözesanoberen. Ein weiteres Breve vom 22. Dezember 1604 bestätigte die Gründung und änderte auf diesem Weg das Dekret des Nuntius. Angela Serafina ließ nicht ab, gegen diese Entfernung von den Kapuzinern Widerstand zu leisten.

Die Gruppe hatte nun das Noviziat begonnen, in Erwartung der Ablegung von Gelübden als Kapuzinerinnen. Die Gründerin bat das blühende Kloster von Mailand um Hilfe. Dieses Bemühen blieb jedoch erfolglos, so sehr sie auch um Unterstützung bei Erzbischof Karl Borromäus und König Philipp III. angesucht hatte.

Schließlich legte Sr. Angela Serafina am 7. April 1602 ihre Gelübde als eine Klarissen-Kapuzinerin vor dem Bischof Don Alonso Coloma ab, welcher durch ein Reskript der Ordenskongregation bevollmächtigt war. Am 12. August desselben Jahres legten die zehn Novizinnen in die Hände jener, die nun „Äbtissin“ war, rechtmäßig ihre Gelübde ab. Am 15. September übersiedelte die Gemeinschaft in einer Prozession in ein altes, in Montalegre gelegenes Kloster, um so in einem passenderen Gebäude zu wohnen.

Ein weiteres erinnerungswürdiges Datum war der 2. Februar 1603, als Don Alonso Coloma den Neuprofessen die Regel der hl. Klara und die Konstitutionen der Kapuzinerinnen überreichte. Es war der Text für das Mutterkloster (Protomonastero) Santa Maria di Gerusalemme in Neapel mit Anpassungen für Santa Prassede in Rom sowie für Mailand. Die Übersetzung ins Katalanische erfolgte noch im selben Jahr durch Don Francisco Broquetas, den Beichtvater der Gemeinschaft.19

Kapuzinerin aus eigenem Wunsch und Willen

Die kleine Jerónima sehnte sich danach, sich mit ihrer Schwester und der ganzen Gruppe, die vor ihren Mitbürgern als Heldinnen galten, zu vereinen. Doch sie war noch ein Kind und zu jung für den in der Klararegel vorgesehenen Fall, wo junge Frauen vorzeitig aufgenommen werden können. Jeder vernünftige Mensch hätte es für verrückt gehalten, sie im Kindesalter ein Leben in völliger Klausur führen und eine strenge Buße auf sich nehmen zu sehen, die bis an die Grenze des Erträglichen reichte.

Genau das war es aber, was sie faszinierte. Den Bedenken der Verwandten und Bekannten entgegnete sie:

Ich weiß, dass ich Ordensfrau werden muss. […] Selbst wenn ich wüsste, dass am Tag danach mein Körper von Kopf bis Fuß eine einzige Wunde wäre, könnte mich das nicht abhalten, in die Klausur einzutreten.20

Eines Tages wurde sie zum Kolleg Bethlehem der Jesuiten gerufen. Dort wurde ihre Berufung auf Verlangen des Bischofs geprüft. Das Ergebnis war positiv. Die Geistlichen entdeckten bei der Kleinen in Bezug auf ihr Alter eine überdurchschnittliche Reife. Sie erhielt die Erlaubnis und konnte es nicht erwarten, in die Klausur einzutreten. Sie erinnert sich genau:

Als ich elf Jahre alt war, trat ich am 16. September des Jahres 1603, an der Vigil zum Fest der Stigmata meines seraphischen Vaters in den Orden der Kapuzinerinnen ein, nach meinem Wunsch und Willen. […] Es führte mich Herr Bischof Don Alonso Coloma ein. An der Pforte kniete ich mich ihm zu Füßen und bat ihn um seinen Segen. Dann übergab er mich meiner heiligen Mutter und Gründerin Angela Serafina, die ich aufs innigste liebte.21

Hinter ihr schloss sich die Klosterpforte mit einem „Konzert“ von Schlüsseln und Schlössern. Die Schwestern sahen sie entschlossen weitergehen. Unter ihrem Arm trug sie die sechs Bände des Breviers, die sie sich kurz vorher hatte kaufen lassen. Sie war mit dem Latein des offiziellen Gebetes der Kirche bereits vertraut. Das sollte von nun an ihre geistliche Nahrung und der Ausgangspunkt ihrer mystischen Erhebungen sein.22

Nachdem sie sich in den rauen Stoff des Habits gekleidet und mit dem Schleier der Aspirantinnen bedeckt fand, war sie außer sich vor Freude. Ich bin bereits mit dem franziskanischen Habit der Schwestern zur Welt gekommen23, schreibt sie später, wobei sie auf eine Besonderheit bei ihrer Geburt anspielt, die sie von ihrer leiblichen Schwester erfuhr. Nie hätte sie an eine andere Bestimmung denken können. Ihr Name wurde in Maria Angela geändert, eine liebevolle Geste der heiligen Gründerin.

Mutter Angela Serafina hegte tatsächlich eine große Bewunderung für ihre Kleine – so sehr, dass Sr. Isabel meinte, sie darauf hinweisen zu müssen, dass ihrer kleinen Schwester solch eine Verwöhnung schaden könnte. Die Mutter antwortete ihr:

Ich tue es, weil es mir die Muttergottes so gezeigt und mir gesagt hat, dass sie eine große und vollkommene Ordensfrau sein wird.24

Maria Angela bemerkte diese Zärtlichkeiten hingegen nicht. Anderseits fehlte auch das Gegengewicht nicht, durch subtile Feindseligkeiten, die ihrem Geist eine besondere Prüfung abverlangen sollten. Sie beschreibt selbst die erste Erfahrung des Klausurlebens.25 Die Ordensfrauen schienen ihr alle heilig zu sein, so dass sie ihnen gegenüber eine große Verehrung empfand. Wenn sie die Schwestern im Refektorium in so großer Armut und Abtötung sitzen sah, erschienen sie ihr wie Wüstenheilige. In ihrem Herzen wollte sie dem nacheifern, soweit sie diese Abtötungen und Bußübungen erfassen konnte. Das ging so weit, dass sie die Bußwerkzeuge verstecken musste, da sie eine Aufpasserin bekam.26

Die Tatsache, „die Kleine“ des Hauses zu sein, und ihre natürliche und geistige Frühreife, brachten ihr Unannehmlichkeiten. Ihre Augen waren bemerkenswert mit ihrem unschuldigen und tiefen Ausdruck.27

Ein heiliger Seelenführer und eine unreife Novizenmeisterin

Als geistlichen Begleiter hatte Maria Angela für die ersten Schritte ihres Gebetslebens den Beichtvater der Gemeinschaft, Don Martín García, einen ganz heiligen Mann von strenger Buße. Er stammte aus Aragonien, geboren in Pina. Er verzichtete auf ein kirchliches Gehalt und auf sein Erbe und wählte das Eremitendasein. Nachdem er in verschiedenen Einöden gelebt hatte, kam er nach Marseille, wo er sich zehn Jahre lang im Massif de la Sainte-Baume in die Grotte der heiligen Maria Magdalena zurückzog. Zurückgekehrt nach Spanien, wollte er eine der Eremitagen von Montserrat bewohnen, erhielt aber von den zuständigen Mönchen keine Erlaubnis. So ging er nach Barcelona, um seine Wünsche dem Bischof darzulegen. Damals traf es sich zufällig, dass er die Kapuzinerinnen kennenlernte, bei denen er dann blieb, da er vom Geist angetan war, der diese Gemeinschaft beseelte. Die Schwestern bestellten ihn zum Beichtvater. Von da an lebte er mit einem Gefährten eng an das Kloster angeschlossen in höchster Armut und Zurückgezogenheit. Das geschah kurz nachdem Maria Angela in die Klausur eingetreten war.

Die Gründerin fand in ihm einen anspruchslosen Mitarbeiter, sei es für die geistliche Ausbildung der Schwestern, sei es bei der Erledigung von Klosterangelegenheiten und bei weiteren Gründungen. Die feurige Aspirantin vertraute sich ihm mit einer Fügsamkeit an, die über das Kindliche hinausging. Sie setzte ganz genau das in die Tat um, was er ihr als Lebensplan vorschlug. Pünktlich berichtete sie ihm wöchentlich ihre Fortschritte und die Schwierigkeiten, die ihr begegneten. Sie verbarg ihm nichts von ihrem Inneren, und die ganze Unterweisung dieses Vaters grub sich wie ein Siegel ins Wachs ihrer Seele und ihrer Kräfte ein.

Tatsächlich konnte sie noch im Alter die Betrachtungspunkte wörtlich niederschreiben, die er sie auswendig lernen ließ, und die für eine jede Woche in tägliche Abschnitte unterteilt waren. Das Gleiche setzte sie in Saragossa für ihre Novizinnen fort.28

Wir verstehen, und sie sagt es selber, dass es für sie schmerzlich war, als Don Martín am Ende des Jahres 1607 nach Rom abreiste. Es waren einige Fragen zu klären, welche die kanonische Situation der Gründung offengelassen hatte. Dies war vor allem im Interesse von Mutter Angela Serafina, die eine verbindliche Zugehörigkeit zum Klarissenorden sowie zur Reform der Kapuzinerinnen wollte; das Kloster von Barcelona war ursprünglich nicht dem normalen „modus vivendi“ anderer Gründungen gefolgt. Der hilfsbereite Eremit gab sich Mühe, vom Papst zu erhalten, was die Gründerin wünschte. Er kehrte mit einem Breve vom 26. April 1608 aus Rom zurück, kraft dessen das Kloster zur hl. Margarita fortwährend bestätigt und approbiert blieb. Das Breve regulierte all das, was angesichts der Gründung mangelhaft war, mit allen Gnaden und Privilegien wie bei anderen Klarissenklöstern. Die Schwestern blieben jedoch dem Diözesanoberen unterstellt.

Maria Angela nahm sich die ekstatische Gründerin als lebendiges Vorbild und auch ihre eigene leibliche Schwester, Isabel, die von Gott ebenso mit mystischen Gnaden ausgestattet war. Don Martín begann diese aufzuzeichnen.

Als Novizenmeisterin hatte sie in den ersten beiden Jahren Sr. Victoria Fábregas, die „Erstgeborene“ von Mutter Angela Serafina. Sie war streng und fordernd, doch gleichzeitig auch reich an Sanftmut und geistlicher Erfahrung. Sie verstand es, das Vertrauen von Maria Angela zu gewinnen.

Die Schwester, die auf sie folgte, war hingegen für ein so delikates Amt nicht geeignet. Sie war meinem Naturell und meinem Zustand sehr fremd, bemerkt Maria Angela. Unreif und eifersüchtig, missfiel ihr alles, was den anderen an der Kleinen gefiel, vor allem der Gründerin. Sie versäumte keine Gelegenheit, sie zu demütigen und schlecht zu behandeln, ja sogar eigenhändig zu schlagen. Ob sie im Chor durch ihre wohlklingende und harmonische Stimme auffiel, ob sie sich durch ihre Kenntnis der liturgischen Texte auszeichnete, durch ihre bescheidene Art, durch ihr Denken wie eine Erwachsene oder ihr tugendhaftes Handeln […], all das trug dem geduldigen Mädchen Schimpf und Schande ein.

Es gab Augenblicke, in denen Maria Angela, die alles im Schweigen ertrug, meinte, ihre Berufung würde wanken, da sie in diesen Kreislauf von Unterdrückung und Befehlen geraten war – wie sie sagt – mit denen jene Dienerin Gottes sie pausenlos verfolgte. Sie, die die Freiheit des Geistes so sehr liebte und die Herzlichkeit und Offenheit so sehr benötigte, schreibt: Meine Seele war frei von jedem feindlichen Empfinden ihr gegenüber.

Das zeigte sie auch in einer vielsagenden Situation. Man weiß nicht, ob es aufgrund dieser inneren Spannungen oder aus einem anderen Grund war, warum Maria Angela krank wurde, so sehr, dass sie dem Tod nahe war. Nach einem Herzstillstand kam sie wieder zu Bewusstsein und bemerkte die ganze Gemeinschaft rund um ihr Bett. Ihr gegenüber standen beide Novizenmeisterinnen, die frühere und die spätere. Sie schreibt:

Der Herr ließ mich sogleich verstehen, dass es eine gute Gelegenheit war, mein Inneres und mein gutes Gewissen zu zeigen. Als ich die Augen öffnete, heftete ich sie auf die zweite Novizenmeisterin und schenkte ihr ein Lächeln. Diese erwiderte es. Das erweckte bei den Mitschwestern Erstaunen, und eine schaute die andere an. Dennoch war es für mich immer schwer, mit dieser Dienerin Gottes zu leben, deren Befindlichkeit und Gemüt so anders war als das meine.29

Endlich entschloss sich Mutter Angela Serafina, diese Meisterin zu ersetzen. Sie ernannte an ihrer Stelle Sr. Isabel Astorch.

Bereits beim Eintritt in das Kloster verursachte die Leidenschaft Maria Angelas für das Brevier und ihr Verlangen, Bücher auf Latein zu lesen, ihr besonders viel Leid, unabhängig vom Verhalten jener „Dienerin Gottes“. Meine größte Befriedigung war, mich […] von lateinischen […] Büchern umgeben zu sehen.30 Sie war noch ein Kind und vergnügte sich manchmal, Breviere und Stundenbücher an sich zu nehmen, welche die Schwestern im Chor gebrauchten. Das ging so weit, dass sie die Bücher zwischen die Zähne presste, als wolle sie diese verschlingen. Als Sr. Victoria, ihre erste Meisterin, ihr die sechs Bände des Breviers wegnahm, also genau den Schatz, an dem sie am meisten hing, war das für sie ein großer Kummer, der sie heftig weinen ließ.

Niemand vermochte zu verstehen, woher sie diese Kenntnis der kirchlichen Sprache hatte. Der gute Don Martín war überrascht und fürchtete um die Demut seiner „kleinen Tochter“. Er ordnete an, ihr alle Bücher auf Latein wegzunehmen. Erfolglos verbot er ihr, biblische Texte auf Latein zu gebrauchen, wenn sie mit ihm im Beichtstuhl sprach. Sie sprudelten aus ihr heraus, ohne dass sie sich helfen konnte. Diese Leidenschaft verursachte ihr, die ein fließendes Latein sprach, ständige Demütigungen und öffentliche Ermahnungen, die sie aber freudig hinnahm.31

In der Zwischenzeit wurde die Gründung stabil. Am 28. August 1604 war die Gemeinschaft in einer Prozession in das Haus von Riera Alta zurückgekehrt, das nun besser für die Bedürfnisse des Klosterlebens ausgestattet war. Als neue Berufungen hinzukamen, begann man sogleich das endgültige Kloster am selben Ort zu errichten.

Im September desselben Jahres legten weitere sieben Novizinnen ihre Gelübde ab, darunter die adelige Witwe Catalina de Lara, gebürtig aus Granada, Herrin der Herzogtümer von Maqueda. Ihr Sohn trat bei den Kapuzinern ein. Er war Page des Herzogs, während dieser Vizekönig von Katalonien war. Diese Sr. Catalina sollte der Einrichtung viel Glanz verleihen. Während des Noviziats war sie die Hauptfigur einer der vielen erbaulichen Episoden, die dann der Nachwelt als Klosteranekdoten hinterlassen wurden.

Eines Tages befahl ihr die Gründerin, Sr. Angela Serafina, den dürren Zweig eines Orangenbaumes in die Erde zu pflanzen und ihn zu begießen, damit er wieder grüne. Die Anweisung widerstrebte ihrem Ehrgefühl und ihrer Vernunft, doch sie gehorchte, ohne auf diese inneren Stimmen zu hören. Alle sahen, wie das Holz wieder zum Leben kam, und zu seiner Zeit Blätter und Früchte hervorbrachte. Sie verpflanzten ihn beim Umzug in den Klostergarten und nannten ihn den „Baum des Gehorsams“. Dieser war dann für viele Jahre eine ständige Lektion über den Wert des bereiten und einfachen Gehorsams, vor allem für die Novizinnen.32

Wir wissen nicht, was die geheime Reaktion von Maria Angela zu dieser Erziehungsmethode war. Es ist jedoch sicher, dass sie solche Maßnahmen später nie bei ihren eigenen Novizinnen anwandte.

4 Zur Situation der Konfessionen und Religionen im damaligen Spanien: Delgado, Mariano: Das Spanische Jahrhundert (1492–1659). Politik – Religion – Wirtschaft – Kultur. Darmstadt 2017, 22f.; im Folgenden abgekürzt mit Delgado, Das Spanische Jahrhundert.

5 Die einzige deutsche Kurzbiographie über Angela Astorch bezeichnet diesen Orden mit „Serviten Mariä vom Fuße des Kreuzes“, vgl. Lechner, Peter: Leben der Heiligen aus dem Orden der Kapuziner, Bd.3. München 1865, 300; im Folgenden abgekürzt mit Lechner, Leben der ehrwürdigen Dienerin.

Das Ältestenrecht (Majorat) bezeichnet die Erbfolge, nach der allein der nächste männliche Verwandte, und bei gleichem Verwandtschaftsgrad der Älteste zur Erbschaft berufen ist. Der Erbe zahlte den jüngeren Söhnen und den Töchtern des Erblassers allenfalls einen geringen Unterhalt. Cristóbal, der durch den frühen Tod seines Bruders zu Besitz kam, stiftete diesen offenbar der Kapelle Santa Madrona.

Die Serviten kamen im Jahr 1576 in die Stadt. Der Stadtrat überließ ihnen 1581 die Kapelle Santa Madrona am Abhang von Montjuïch (Hausberg von Barcelona). Die Serviten mussten 1618 von dort weiterziehen. 1626 haben die Serviten das Klosterheiligtum del Buen Suceso (des guten Erfolgs) im Stadtzentrum erbaut; das wissen wir dank der Aufzeichnungen von Cristóbal Astorch. Die Kapelle Santa Madrona war zuvor für die Kapuziner bestimmt gewesen, die 1578 aus Italien gekommen waren und dort eine Einsiedelei bewohnten. Nach einigen Monaten verließen sie diese wieder, um in der sogenannten „Wüste von Sarriá“ ihr erstes spanisches Kloster zu gründen. Im Jahr 1619 hatten sie sich dann in Santa Madrona nochmals auf Wunsch des Stadtrates niedergelassen. vgl. Basili de Rubí: Un segle de vida caputxina a Catalunya. Barcelona 1977, 51–73; 330–340.

7 Die im Folgenden mit Escritos bezeichneten Blätter beziehen sich auf die Kopie in der Generalpostulatur in Rom, angefertigt in den Jahren 1832–1833: Escritos de la Venerable María Angela Astorch; vgl. Escritos, fol. 265v–266v; Informationsprozess von 1688/70: Summarium, fol. 72, 187, 234, 428; und von 1770/71: fol. 102 (Taufurkunde), 194, 475, 690; Zevallos, Luis Ignacio: Vida y virtudes, favores del cielo, milagros y prodigios, de la Ven. Madre Sor María Angela Astorch (sic), religiosa capuchina, natural de Barcelona: fundadora en la ciudad de Murcia de su ilustre Convento de Capuchinas, de la Exaltación del Santíssimo Sacramento. Madrid 1733, 2–7; im Folgenden abgekürzt Zevallos, Vida.

8 Discurso de mi vida 3. In: Mi camino interior, 27; Autobiografia, 39.

9 Discurso 4. In: Mi camino interior, 28; Autobiografia, 40.

10 Discurso 4. In: Mi camino interior, 28; Autobiografia, 41.

11 Discurso 4. In: Mi camino interior, 29; Autobiografia, 41.

12Escritos, fol. 18v, 29v–30r, 55r, 267v–268v; Zevallos, Vida, 7–9. Es ist sehr verwunderlich, dass Isabel Astorch in der Vida der Mutter Angela Serafina das Wunder der „Auferstehung“ ihrer Schwester nicht erwähnt, da sie sonst viele wunderbare Ereignisse erzählt, um die Heiligkeit ihrer Gründerin glaubwürdig zu machen, zumindest im Text bei Pater Fons. Zamora nennt diesen Vorfall mit den bitteren Mandeln eine Skandalgeschichte: Zamora, Germán: Maria Angela Astorch tra azione e contemplazione, in: Santi e Santità nell’Ordine Cappuccino, a cura di Mariano D’Alatri, vol. 3. Roma 1982, 452; im Folgenden abgekürzt Zamora, Maria Angela. Bei Lechner ist diese Episode als Totenerweckung beschrieben: „Als sie am Orte angelangt waren, fühlte sich die ehrwürdige Mutter hinsichtlich der im Sarg liegenden Leiche innerlich angetrieben, um die Erweckung zu beten“ (Lechner, Leben der ehrwürdigen Dienerin, 301).

13 Discurso 8. In: Mi camino interior, 33; Autobiografia, 48.

14 Discurso 8. In: Mi camino interior, 33; Autobiografia, 48.

15 Maria Angela schrieb am 14. Januar 1642 ihrem damaligen Beichtvater Don Alejo de Boxadós „wie das Verstehen des Lateins begann“; vgl. Relatos autobiográficos 35–37. In: Mi camino interior, 59–63; Autobiografia 92–98.

16Escritos, fol. 268v. Die Urkunde wurde trotz der Nachforschungen von 1758 in den Pfarr- und Diözesanregistern von Barcelona nicht gefunden.

17 Bis dahin gab es nur ein Kloster von Kapuzinerinnen – damals unter der Drittordensregel des hl. Franziskus – das 1588 in Granada durch die Initiative von Sr. Lucia de Ureña errichtet worden war. Diese Kapuzinerinnen nahmen dann 1625 die Regel der hl. Klara an.

18 Hier zeigt sich exemplarisch die Einbettung von Klostergründungen in die Kirchenpolitik der spanischen Könige der damaligen Zeit; vgl. Delgado, Das Spanische Jahrhundert, 15–17.

19 So bezeugt es Isabel Astorch; vgl. Torradeflot Cornet, Ignacio: Crónicas de la Orden de las monjas Capuchinas en España, Parte I, 161f. y II, 373. Manresa 1907, 1909; im Folgenden abgekürzt: Torradeflot, Crónicas. Er sagt nichts über eine erste Übersetzung ins Katalanische; doch gibt es verschiedene Exemplare einer Übersetzung von 1644: Regla segona del gloriós Pare Sant Francesch, donada a la gloriosa Santa Clara […] Ab las necessarias declaracions […] per lo Sr. Don Alonso Coloma, bisbe de Barcelona, donadas a las Monjas Caputxinas […] Barcelona, por Gabriel Nogués. Any 1644. Zur Gründung vgl. Torradeflot, Crónicas, I, 1–134; II, 135–142; Pou y Martí, José Maria: Primera fundación de las capuchinas en España. In: Archivio Iberico-Americano 7 (1917) 463–466; Basili de Rubí, Un segle, 283–286.

20 Discurso 9. In: Mi camino interior, 33f.; Autobiografia, 49; bereits übersetzt bei Lehmann, Leonhard: Maria Angela Astorch (1592–1665): Mystikerin des Breviers und der Tat. In: WiWei 63 (2000) 259–273, hier 261; im Folgenden abgekürzt Lehmann, Maria Angela.

21 Discurso 9. In: Mi camino interior, 33–34; Autobiografia, 49f.

22 Es handelt sich um das Breviarium Romanum, so genannt von Papst Pius V., möglicherweise in der ursprünglichen Edition von Madrid aus dem Jahr 1601.

23 Discurso 2. In: Mi camino interior, 25; Autobiografia, 36.

24 Zeugenaussage von Sr. Ursula Micaela Morata; vgl. Traslado, fol. 26v. Dasselbe berichtet Isabel Astorch ohne jedoch den Namen der Kleinen zu nennen; vgl. Torradeflot, Crónicas I, 179.

25 Bei Lechner, Leben der ehrwürdigen Dienerin, 303f., wird die damalige „Erziehungsmethode von Novizinnen“ genauer beschrieben; wir beurteilen heute solche Methoden der Abtötung als unmenschlich und haben kein Verständnis mehr dafür.

26 Vgl. Escritos, fol. 86v, 135v, 269r; vgl. Discurso 10–14. In: Mi camino interior, 34–38.

27 „Es war ein sehr schönes Kind mit Augen, die wie Sterne zu leuchten schienen“, schreibt Lechner, Leben der ehrwürdigen Dienerin, 300.

28Escritos, fol. 2r, 240r, 270–273; vgl. Practica Espiritual, 579–604; Pratica Spirituale, Autobiografia, 128–168. Bzgl. Don Martín García vgl. Torrecilla, Nicolás: La primera y penitentisima Religíon de Madres Capuchinas en España, fundada por la Reverenda y Venerable Madre sor Angela Margarita Serafina en la Ciudad de Barcelona […]. Murcia 1646, fol. 5v–6v; im Folgenden abgekürzt: Torrecilla, La primera.

29 Discurso 16. In: Mi camino interior, 41; Autobiografia, 63.

30 Relatos autobiográficos 35. In: Mi camino interior, 59.

31 Vgl. Escritos, fol. 99v–100r.

32 Pater Fons sah diesen Baum im Jahr 1621 „frisch, üppig und schön“. Er trug beinahe zwei Jahrhunderte lang Lebenszeichen, doch die Kälte des besonders harten Winters von 1794 dörrte ihn aus. Der Baumstumpf wurde als „Reliquie“ aufbewahrt. Um die Erinnerung an ihn zu bewahren, hatten die Schwestern die gute Idee, die Kerne der letzten Orangen, die er gab, auszusäen. So wuchs ein zweiter „Baum des Gehorsams“ im Kloster von Barcelona und weitere, die von der Gärtnerin des Klosters von Gerona gezüchtet wurden, wo er auch heute noch voller Kraft am Leben ist. Auch in den Klöstern von Mataró und von Manresa gab es „Söhne und Enkel“ des ersten Baumes. Vgl. Torradeflot, Crónicas, I, 223f., 427–429. Die deutschsprachige klarianische Tradition kennt zwei weitere Zeugnisse von „Baumtraditionen“; das eine stammt aus dem Klarissenkloster St. Elisabeth in Brixen, aufgeschrieben durch den Provinzchronisten Justus Redn (1651–1728); vgl. Schneider, Johannes: Kirschen im Winter, Kostproben aus dem Leben der hl. Klara von Assisi. Salzburg 2005, 150f.; das andere entstammt dem Sondergut einer frühneuhochdeutschen Lebensbeschreibung der hl. Klara in der Handschrift Thennenbach 4: hier ist die hl. Klara die Protagonistin, die auf Geheiß des Papstes einen dürren Zweig in die Erde stecken muss, worauf dieser zu blühen beginnt; vgl. ThB 4, 4,1–19: KQ 1481f.; mit Farbbild bei Lehmann, Leonhard: Klara von Assisi – eine neue Lebensform. Werl 1993, 24–27 (Abb. 12).

3. Jugendlicher Eifer

„Meisterin ihrer selbst“ unter der Führung von Sr. Isabel

Fünf Jahre musste Maria Angela als Aspirantin zubringen, jedoch im Stand einer Novizin. Das ist eine lange Wartezeit für ein Mädchen, das sich nach der vollen Weihe an Gott sehnt. Nachdem die Konstitutionen der Kapuzinerinnen die Zulassung zur Profess vor dem achtzehnten Lebensjahr verboten hatten, war dies nicht anders möglich. Der Profess musste zudem noch ein kanonisches Jahr Noviziat vorangehen.

Vom Konventskapitel zugelassen, begann Maria Angela das Noviziat am 7. September 1608. Als Novizenmeisterin hatte sie ihre leibliche Schwester. Der Frühling meines Geistes33 nannte sie dieses Jahr intensiver Kontemplation und Askese. Johannes den Evangelisten wählte sie zum Fürsprecher und Begleiter.

Unter der steten Führung des väterlichen und anspruchsvollen Beichtvaters Don Martín García und der geliebten und verehrten Sr. Isabel, die in den Wegen des Heiligen Geistes erfahren war, schritt sie voran in der Entdeckung der göttlichen Geheimnisse. Zugleich reifte sie als Frau.

Manche Maßnahmen der Schwester hinterließen einen bleibenden Eindruck, und Sr. Maria Angela wird sie später nachahmen. Die wichtigste davon war, das Gewissen für die persönliche Verantwortung zu entwickeln, was ganz modern wirkt. Sr. Maria Angela schrieb dazu Folgendes auf:

Es trat meine verehrte Mutter und Schwester in das Amt der Novizenmeisterin. Geistlich und klug wie sie war, übte sie ihre Aufgabe mit großer Liebe und Weisheit aus. Die Novizinnen waren sehr zufrieden. Alle liebten sie sehr. Sie fanden bei ihr Trost und Erleichterung. Bei allen herrschte Freude und Zufriedenheit.

Es gab fünf bis sieben Novizinnen. Wie es mir damals erging, erinnere ich mich nicht mehr. Sie sagen, ich sei unauffällig gewesen. Das Noviziat war so geordnet, dass jede der Novizinnen wusste, was sie zu tun hatte. Demnach lehrte sie ihnen das Gebet, die Betrachtung, die Gewissensprüfung, die Übung der Gegenwart Gottes, die innere und äußere Abtötung, damit jede langsam dahin gelange, ihrem Eigenwillen zu entsagen und in diesem Punkt Meisterin ihrer selbst zu werden, so als wäre die Novizenmeisterin nicht da, damit sie diese Eigenverantwortung immer mehr übernehmen konnten.

Sie sagte ihnen, dass die Abtötung durch Akte der Liebe verrichtet werden müsse, doch wenn der Widerstand heftig sei, dann durch Gewaltakte und mit Entschiedenheit. […] Sie unterwies sie über die Art, in Gottes Gegenwart zu leben und demütig, gehorsam und geduldig zu sein, einander zu ertragen und der Muttergottes und bestimmten Heiligen sehr hingegeben zu sein […].34

Sr. Isabel zeigte sich den anderen Novizinnen gegenüber voll liebender Sorge, während sie ihrer leiblichen Schwester gegenüber zurückhaltend und trocken war:

Ich war mehr die Arbeitssklavin des Noviziates und Dienerin aller ihrer Novizinnen. Sie befahl mir mit solcher Strenge, dass sie mir nie einen Augenblick der Ermutigung gewährte, oder mir wenigstens eine Erklärung ihrer Handlungsweise gab. Sie verhielt sich zu mir wie die vorhergehende Meisterin.

Ihre Sorge mir gegenüber bestand darin zu erfahren, welchen inneren Kummer und welche Versuchungen ich hatte. Fand sie mich willig, bürdete sie mir noch Schwereres und Verdrießlicheres auf.35

In jenem Jahr fehlte es nicht an Leid und Versuchungen, was dazu diente, ihren Geist zu reinigen. Die größte Versuchung war, die wachsende Gründung, die streng, franziskanisch beseelt, fleißig und jugendlich war, zu verlassen, um in einen anderen Orden mit einem mehr monastischen und feierlichen Rhythmus einzutreten, zum Beispiel bei den Dominikanerinnen des Klosters von Los Angeles. Es stellte mir der Teufel – erklärt sie – den Rückzug und die Ruhe einer Zelle vor Augen, wo ich mich besser dem Gebet und dem Lesen geistlicher Bücher hingeben könnte.36

Aufgrund ihrer höheren Bildung und Reife wurde ihr aufgetragen, die Mitschwestern des Noviziates zu unterrichten. Das verlangte von ihr ein gewisses Maß an Abtötung. Sie nannten sie die „kleine Lehrerin“ (maestrita).37 Es war ihre Aufgabe, ihnen verschiedene Arbeiten beizubringen, ferner den Katechismus, das Lesen, Singen, den Gebrauch der liturgischen Bücher, die Zeremonien im Chor, die Art und Weise, die Bußübungen durchzuführen, und sogar, sie in die Formen grundlegender Frömmigkeit einzuführen.

Es gab Momente, da fürchtete sie um ihre Treue zum Herrn, denn sie wollte nicht bevorzugt sein. Ich wäre lieber eine untergebene Laienschwester gewesen, um mehr Ruhe im Orden zu haben, schreibt sie später.38 Sie weinte, weil es ihr nicht gestattet wurde. Dies wünschte sie nicht nur aus Demut, sondern auch, weil sie aufgrund ihrer dem Evangelium entsprechenden Einstellung eine Diskriminierung von Schwestern, die auf dieselbe Regel Profess ablegen, ablehnte.

Profess

Die jahrelange Wartezeit veranlasste sie, die Profess als ihr letztes Lebensziel zu sehen und damit dessen Sinn erfüllt zu haben. Während dem letzten Jahr meines Noviziates – schreibt sie – wünschte ich und bat den Herrn, dass er mir gewähre, noch am Tag meiner Profess zu sterben.39

Sie hatte eines Nachts einen Traum, den sie als Bestätigung dieses Wunsches verstand. Diesen teilte sie ihrer Schwester mit, und Isabel wiederum Mutter Angela Serafina. Die heilige Gründerin rief Maria Angela, tröstete und ermahnte sie gleichzeitig, wobei sie ihr befahl, solche Dinge nicht zu denken. Die Profess sei nicht das Lebensende, sondern der Ausgangspunkt auf dem Weg zu Gott.40

Untröstlich beweinte Maria Angela mit allen vierundzwanzig Schwestern der Gemeinschaft den Tod der ehrwürdigen Mutter Angela Serafina am 24. Dezember des Jahres 1608. Wenige Tage davor, am 8. Dezember, hatte diese die Profess-Schwestern zum Kapitel in ihre Zelle rufen lassen und sie um die Zustimmung zur Profess von Sr. Maria Angela gebeten. Sie wollte nicht aus diesem Leben scheiden, ohne sich der Zukunft dieser Novizin, die ihr Liebling war und auf die sie große Stücke hielt, zu versichern.41

Ein anderer Traum, den Maria Angela Monate später hatte, bestätigte ihr, was die Profess für sie bedeuten würde. Es war eine innere Erfahrung der Gegenwart der Heiligsten Dreifaltigkeit. Auf sehr deutliche Weise zeigte sich ihr die Gestalt Jesu Christi (im eigenen Alter):

Als sehr galanter ungefähr Sechzehnjähriger, anmutig und schön, mit fröhlicher Miene und sanften Augen. […] Sein Gesicht war weiß und rosig, die Haare dunkelblond und etwas gekraust, die Augen groß, fröhlich und strahlend wie zwei Sterne oder Edelsteine, seine Kleidung farbenprächtig. […] Meine Seele war vor allem in seine schönen Augen verliebt. Seither blieb ich den Augen Jesu Christi leidenschaftlich hingegeben.42

Und sie fühlte sich in den liebevollen Blick ihres geliebten Erlösers eingehüllt.43

Am Ende des kanonischen Probejahrs legte Maria Angela am 8. September 1609 in die Hände von Sr. Catalina de Lara, die der Gründerin als Äbtissin nachgefolgt war, als Schwester „mit schwarzem Schleier“44 die Profess ab. Sie schreibt:

Ich legte die Profess mit höchster Freude ab und festen Entschlüssen, heilig zu sein und eine Seele des Gebetes. Dem widmete ich mich wirklich sehr, wie auch der inneren und äußeren Abtötung und vielen Bußübungen. 45