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In der Familie Arnold Roseners, des Eigentümers einer Kaffeehaus-Konditorei, bereitet man sich vor, um Weihnachten zu feiern. Auf eine überraschende Weise werden es unvergessliche Weihnachten. Die Ereignisse spielen sich in der Kulturstadt Weimar der 1880 ab. Die Tochter der Familie, Marie, am Tag der Wintersonnenwende, vier Jahre alt geworden ist, singt ein Weihnachtslied vor. Ihr Gesang lässt eine vielversprechende, schillernde Karriere als Sängerin erwarten. Zwölf Jahre später wird es der 16-jährigen Marie möglich, ihren Traum zu verwirklichen, als sie in den von Franz Liszt gegründete Musikschule aufgenommen wird. Von da an fängt für sie das Leben einer jungen Frau mit festlichen Tanzabenden und Verabredungen mit jungen Männern an. Marie - Die Blume mit weißen Flügeln, ist ein altmodischer Roman mit romantischen und tragischen Wendungen und das erste Buch dieser Serie.
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Sieh Marie,
was ich dir bringe,
Blume mit der weißen Schwinge.
Auf des Stromes stillen Wogen
kam sie träumerisch gezogen
Henrik Ibsen
Med en vandlilje
Eine Unterhaltung am Fliederweg
Der Fall Heinke
Ottilies und Goethes Ehe
Verschwiegene Geheimnisse
Das Schimmern des Sonnenuntergangs
Die Zeit verdeckt – heilt nicht
Die kleine, große Stadt
Die Töchter der Schönauers
Der Weg durch den Schnee
Die Mädchen von Sophienstift
Minna und Arnold
Charlotte und Marie
Zuhause am Fliederweg
Vetter Werther
Unvergessliche Weihnachten
Der zugeschneite Weg
Die Schülerin der Franz-Liszt Musikschule
Die Zwerchfellatmung
Die Blume mit weißen Flügeln
Der Ball
Das junge Komponistengenie Wieland
Ich wandle durch die Au
Aus dem Buch der Lieder von Robert Wieland
Poeten und Musen
Neue Liebe
Mir träumte einst vom wilden Liebesglühn
Neid
Widmungen
Warum nicht Wilhelm?
Beim Spaziergang
Maries Held
Die Liebe des Poeten
Auf Flügeln des Gesangs
Der Osterball
Der seltsame Garten
Eine Primel und ein Blaufalter
Die Cafégehilfin
Ein wandernder Student
Die Großmutter weiß alles
Die Rückkehr des Verlorenen
In Goethes Haus
Der Fingerabdruck des Virtuosen
War ich mal ein Anderer?
Im Gartencafé
Du bleibst – ich gehe
Pläne
Der Blaufalter
Im Park an der Ilm
Das Cafékonzert
Im Banne der Lieder
Wenn die Seerose blüht
Clara
Charlotte
Die Stunde der Wahrheit
Wilhelm
Minna Rosener bügelt weiße Gardinen in der Küche. Sie legt den sorgfältig gebügelten Vorhang auf die Rückenlehne eines Stuhls und greift zum nächsten. Sie seufzt kaum hörbar. Es gibt noch so viel zu tun!
Aber an Weihnachten ist es üblich, und eine richtige Hausfrau kann es nicht vermeiden, dass alle Zimmer gereinigt und die Regalbretter der Kästen in der Küche und des Wäscheschranks frisch mit Papier bezogen werden müssen um die Dekorationsbänder für die Bretterkanten nicht zu vergessen. Man muss das Silbergeschirr polieren, Pfefferkuchen backen, den Schinken braten, und was man alles noch tun muss, damit das Haus fast wie neu aussieht und niemand einen Grund zum Tadel hat.
Minnas gehetzte Geschäftigkeit wird durch ein Klingeln an der Tür unterbrochen. An der Tür steht in ihrer weißen Schürze die Nachbarsfrau, Frau Moltke.
− Entschuldigung, wenn ich so reinplatze, aber könntest du mir etwas Zimt ausleihen? Ich bin gerade beim Backen und habe keine Zeit in den Laden zu gehen.
− Aber natürlich. Wieviel brauchst du denn? Arnold hat fast einen vollen Sack von der Bäckerei gebracht.
− Das dachte ich mir. Vielleicht gibst du mir etwas in ein kleines Beutelchen. Ich bringe ihn dir zurück sobald ich die Zeit dazu habe.
− Nein, lass mal, du bekommst ihn als Weihnachtsgeschenk. Aber du wirst es wohl nicht so eilig haben, dass du nicht ein paar Tassen Kaffee mit der Großmutter trinken könntest? Sie hat oft nach dir gefragt.
− Die Magd wird schon darum kümmern, dass das Gebäck nicht verbrennt.
Warum hast du, Minna, gar keine Haushaltshilfe?
− Arnold hat es mir auch schon vorgeschlagen, aber ich will nicht. So eine kleine Familie wie diese kann ich auch alleine versorgen.
Im Wohnzimmer sitzt an ihrem gewohnten Platz im Schaukelstuhl die alte Frau Gertrude Rosener. Die halbfertige Stickarbeit liegt unter den Händen auf dem schwarzen Kleid. Die Augen sind halb verschlossen. Es scheint als ob sie in ihren Erinnerungen versunken wäre. Das ist in letzter Zeit immer öfter passiert.
− Ich schlafe nicht. Ich lasse meine Augen nur etwas ausruhen, erklärt die alte Frau.
− Es ist immer so schön dich zu sehen, liebe Ernestine. Du solltest öfter vorbeikommen. Die Kinder, Marie und Charlotte, sind keine guten Gesprächspartner obwohl sie sehr gerne die Erinnerungen einer alten Frau anhören.
− Setzt dich und mach es dir bequem. Ich rieche den Duft eines frischgebackenen Zopfes. Ja, die Minna, die scheut keine Mühe wegen den Weihnachten. Und es ist ja auch das größte Fest des Jahres. Wenn ich die aufgeregte Erwartung der Kinder sehe, spüre ich selbst die zauberhafte Stimmung der Weihnachtszeit erneut. Ich weiß nicht, wie viele Weihnachten ich noch erleben werde. Ich bin schon so alt, dass ich schon dahingehen könnte.
− Du und alt! Frau Moltke sagt genau das, was sie denkt ihre Nachbarin hören zu wollen. – Ich glaube, dass ich keine andere kenne deren Gehirn so gut funktionieren würde als das deine.
− Das soll ich glauben! Auf jeden Fall erinnere ich mich wie an den gestrigen Tag wie Ottilie von Pogwisch den August von Goethe, den Sohn des großen Dichters, Johann Wolfgang von Goethe, heiraten wollte.
− Es war ja nicht gerade Liebe. Ottilie war in den Preußischen Offizier Ferdinand Heinke, den Adjutanten des Majors Kleist, verliebt, den sie über Adele Schopenhauer kennen gelernt hatte. Auch Adele war in Heinke verliebt, aber da Ottilie viel schöner als sie war, bevorzugte Heinke diese.
− Warum hat sie dann Ferdinand Heinke nicht geheiratet, wundert sich Frau Moltke.
− Heinke hatte nicht die Absicht Ottilie zu heiraten. Er hatte versprochen Charlotte Werner aus Breslau zu heiraten. Sie schrieben einander Briefe. Ottilie wusste nichts davon.
Den 31-jährigen Heinke hatte es nach Weimar geschlagen als der Rest des deutschen Heeres nach den Kämpfen gegen Napoleon nach Hause gekommen war. Der Offizier, der für seine Tapferkeit ausgezeichnet worden war, hatte die Pflegeaufsicht der Soldaten in einem Weimarer Krankenhaus aufgetragen bekommen.
Abends wollte der junge Mann wahrscheinlich die traurigen Dinge vergessen und hat sich deswegen mit den einheimischen Jugendlichen ausgiebig amüsiert. Die Jugendlichen der besseren Familien von Weimar hatten ein recht bequemes Leben, sie konnten ihre Freizeitgestaltung frei wählen, ausgehen und sich nach Herzens Lust amüsieren.
− Die junge Ottilie stand bei jeder Gesellschaft im Mittelpunkt. Sie war bildhübsch, kultiviert, amüsant und enthusiastisch. Sie hatte große, blaue Augen und goldblondes Haar, beschreibt Gertrude Rosener die junge Ottilie. – Ein so hübsches Mädchen konnte man einfach nicht übersehen.
Der Charme des Adelsmädchens Ottilie von Pogwisch wurde noch grösser dadurch, dass sie eine gute Allgemeinbildung hatte. Sie war sprachgewandt, sie hatte Schreibtalent und auch eine schöne Altstimme.
Dank diesen Eigenschaften hatte sie schon als Kind einen Eindruck auf den Dichter Goethe gemacht, als Ottilie und ihre Schwester Ulrike das Haus Frauenplan mit ihrer Mutter, der ersten Hofdame des Hofes, Henriette von Pogwisch, besuchten. Beide Familien hatten viel miteinander zu tun, und so hatte Ottilie schon seit ihrer Kindheit den einzigen Sohn des Dichters, August, gekannt.
Ottilie hatte sich sofort in den schönen Offizier verliebt. Das auffallende Flirten des Mädchens ließ dem Rätselraten keinen Platz. Heinke zeigte sich in Begleitung des Mädchens im Theater, in Festen und gemeinsamen Spaziergängen.
Als Heinke erneut zur Kampfeinheit einberufen wurde, brach er überraschenderweise gerne auf. Man meinte, dass er Angst hatte, sich zu sehr an die bis auf beide Ohren verliebte, besitzergreifende Ottilie zu binden. Auf der Abschiedsparty hörte Ottilie zum ersten Mal den Namen der zukünftigen Frau von Heinke erwähnt.
− Es wurde wie gewöhnlich gefeiert. Es wurden gelacht, getanzt und Gläser erhoben. Ottilie war es nicht leicht, sich mit den anderen zu amüsieren. Die Tränen des Mädchens wollten einfach kein Ende nehmen, als sie mit ihrer großen Liebe allein geblieben war. Ottilie war total verzweifelt. Es war furchtbar.
Gertrude Rosener schaudert es noch immer bei der Erinnerung an die bittere Abschiedsstimmung.
Als Gertrude Rosener Ottilie von Pogwisch kennen lernte, war sie erst ein heranwachsendes Mädchen, während Ottilie bereits schon im Alter von einem jungen Fräulein war. Aus irgendeinem Grunde hatte Ottilie Gertrude Schönauer als ihre Vertrauensperson ausgewählt.
Die Familie des Apothekers Schönauer hatte sich durch Friedrich Schiller und den Verleger Frommann aus Jena mit Goethe angefreundet. Gertrude und ihre Zwillingsschwester Elfi wurden oft als Gäste an den Abendgesellschaften in Goethes Haus, Frauenplan, gesehen.
Gertrude meinte, dass das Vertrauensverhältnis vermutlich auf den Altersunterschied zurückzuführen war. Vielleicht war es einfacher, über seine Gefühle zu jemand jüngeren zu sprechen als zum Beispiel zu der gleichaltrigen Adele Schopenhauer, obwohl diese die beste Freundin von Ottilie war. Adele war aber irgendwie auch eine Konkurrentin.
Adele hatte schon immer gewusst, dass sie in den Augen der Männer weniger attraktiv wirkte als ihre überlegene Freundin und hatte gleich am Anfang aufgegeben, Heinke erobern zu wollen.
Die Vorteile von Adele waren ihre Herzensgüte und brillante Intelligenz, die sie von ihrer Mutter, Johanna Schopenhauer, die einen Literatursalon leitete, geerbt hatte und welche Eigenschaft sie mit ihrem Bruder Arthur, den angehenden Philosophen, teilte.
− Heinke war jedoch nicht ganz für den Abschied bereit, weil er schon nach einer Woche nach Weimar zurückkehrte um das neue Jahr zu feiern. Ottilie bekam wieder Hoffnung.
Der Offizier im Heiratsalter war gehindert einen Heiratsantrag zu machen, durch die Gepflogenheit, dass die Adeligen und Bürgerlichen nur mit ihresgleichen heiraten sollten.
Danach verschwand Heinke endgültig aus Ottilies Leben und hinterließ eine Sehnsucht, die nie nachließ.
− Der Schwester, Ulrike, ist all das erspart geblieben. Wahrscheinlich hat sie nicht einmal vom Heiraten geträumt, denkt Ernestine Moltke. – Möglicherweise machte das Schicksal ihrer Schwester ihr Angst. Ihr Leben wurde viel bescheidener als dasjenige ihrer Schwester, die vermutlich auch später nicht das erreicht hatte, was sie sich gewünscht hatte.
Während Minna die Diskussion über die Heiratssorgen von den Töchtern der Pogwisch durch die Türspalte hört, stellt sie das Bügeleisen zur Seite um durchs Küchenfenster nach draußen zu gucken, was die Töchter der Familie, Charlotte und Marie, draußen im Hof machen.
Sieh mal an, der Schneefall, der am Morgen angefangen hat, ist stärker geworden! Die Kinder versuchen eifrig Schneebälle aus dem Pappschnee zu formen. Die stolzen Ergebnisse haben sie auf dem Schnee in eine Reihe gestellt.
Frau Moltke bohrt weiter: – Und dann hat sie August, den Sohn von Johann Wolfgang von Goethe, geheiratet?
− Ottilie gefiel der Gedanke unverheiratet zu bleiben nicht. Sie fing an über die Möglichkeit nachzudenken, August zu heiraten. August war interessiert und Ottilie konnte sich durchaus vorstellen, mit August verheiratet zu sein.
Die Weimarer schätzten August von Goethe nicht gerade, und sie wunderten sich darüber, dass die zwei miteinander ausgingen.
− Ich weiß, dass Ottilie schon immer vom Goethes Haus am Frauenplan angetan war, sagt Gertrude Rosener. – Der Gedanke, die erste Dame des Hauses zu werden, begann sich hinter der Meinungsänderung zu zeigen.
Frau Moltke weiß mehr: – Ich habe gehört, dass Goethe selbst in die begabte Ottilie verliebt war. Aber es schien passender, das Mädchen mit seinem Sohn zu verheiraten, weil er selbst ja schon Christiane Vulpius geheiratet hatte. Die niveaulose Christiane konnte man mit der geistreichen Ottilie ja gar nicht vergleichen.
− Henriette, die Mutter von Ottilie, war gegen die Heirat, verrät Gertrude Rosener. – Henriette geradezu verabscheute Goethe. Aber Henriette hatte schlussendlich nicht das Sagen, weil Goethe eine sehr einflussreiche Person in Weimar war. Wer hätte sich gegen ihn widersetzen können. Zumal auch Ottilie bereit war, den Schritt in das ihr bewusste Unbekannte zu wagen.
Henriette war eine Angehörige einer alten, vornehmen Danziger Adelsfamilie, Henckel von Donnersmarck, viel vornehmer als der spätadelige von Goethe, und sie war stolz darauf.
Aber Ihr Stolz hatte einen großen Riss bekommen, als sie, nach Ermahnen ihrer Mutter, der Gräfin Eleonore Luise Ottilie Henckel von Donnersmarck, sich von ihrem Mann, Major Wilhelm Julius von Pogwisch, der beim Spielen sein großes Vermögen verloren hatte, scheiden lassen musste.
Henriette war gezwungen, als Hofdame der Herzogin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es gelang Ihr eine Wohnung in dem Mansardenstockwerk des Gebäudes, das der Hof gehörte, zu bekommen. Dort wohnte sie mit ihren zwei Töchtern, Ottilie und Ulrike.
Beide Töchter, Ottilie und Ulrike, mussten unter die Haube. Es war auf einer Art schmeichelhaft, dass gerade ihre Tochter für die bemerkenswerteste Familie der Stadt gut genug war.
Gertrude Rosener seufzt. Obwohl Ottilies Herz gebrochen war, spielte sie ihre Rolle als Verlobte und Braut recht überzeugend, und niemand, außer mir und Adele Schopenhauer, wusste, was in ihr vorging.
− Ottilie hat nie aufgehört, Heinke zu lieben und sie hat den Rest ihres Lebens um das verlorene Glück getrauert, gibt Gertrude Rosener preis.
− Du warst, glaube ich, auch nicht gerade ein Bewunderer Goethes, bemerkt Ernestine Moltke.
− Ich kann nicht bestreiten, dass er sehr liebenswürdig mir gegenüber war. Ich fühlte mich in der Familie immer willkommen. Als Ottilies Freundin war Goethe gegenüber alle Freundinnen von Ottilie immer freundlich. Ich vermute, dass er mit dieser Haltung uns bloß als Bewunderer gewinnen wollte. Meiner Meinung nach war er recht eitel und von seinem Ruf und sich selbst sehr fasziniert.
− Ich denke, er war damals von Marianne von Willemer sehr angetan, bemerkt Ernestine Moltke scharf.
− Er war alle Augenblicke von irgendwen sehr angetan, aber zu der Zeit war er ja schon relativ alt und Willemer gehörte der Vergangenheit an, quittiert Gertrude Rosener.
− Allerdings die in Frankfurt wohnhafte Willemer unterhielt freundschaftliche Beziehungen zur Familie Goethe. Als der alte Goethe spezielle Geschenke für seine Enkelkinder von Frankfurt bekommen wollte, hat er sich immer an Marianne wenden können.
− Ich frage jetzt ganz direkt, hat er dir jemals irgendwelche indiskreten Vorschläge gemacht?
− Ich war nicht sein Frauentyp. Und ich hätte ihn auch nicht gewollt. Ich weiß zwar nicht, ob es gut von mir war, Ludwig Rosener zu heiraten. Er war immerhin ein Verwaltungsratsmitglied und der Meinung meiner Eltern nach ein ernst zu nehmender Kandidat. Ich habe ihn auf meiner Art geliebt. Er war auch nicht gerade einfach zu behandeln.
− Ich weiß. Ich habe davon gehört, sagt Frau Moltke.
− Redet man denn immer noch über die alte Sache, wundert sich Gertrude Rosener.
− Aber nein. Alle wissen, dass es sich um einen Unfall handelte. Zurzeit fragt man sich nur, ob Liszt doch noch Fürstin Sayn-Wittgenstein heiratet, weiß Frau Moltke.
− Na sowas! Liszt ist sogar viel älter als ich. Sind sie nicht schon vor vielen Jahren auseinandergegangen, wundert sich die alte Frau.
− Ja, natürlich. Die Fürstin fühlt sich beim Papst wohl. Liszt kann den Mann nicht ausstehen. Aber die Moralvorschriften! Was sind das für Moralvorschriften, die einem erlauben fünfzig Jahre jüngere Frauen zu betatschen?
− Adelheid von Schorn, die auch eine Studentin von Liszt ist, lobt die merkwürdige Anziehungskraft von Liszt. „Wenn er einem in die Augen schaut und auf die Hand küsst, schaudert es einem den Rücken herunter.“ Es fragt sich nur wohin.
− Das wundert mich jetzt aber, weil Adelheid schon immer sehr vernünftig war. Auf der anderen Seite wiederum sehr gefühlsvoll, bemerkt Gertrude Rosener. – Aber das ist alles Vergangenheit, Ottilie ist auch schon seit acht Jahren tot.
Frau Moltke kann die Schwiegertochter des großen Dichters nicht in Frieden in ihrem Grab ruhen lassen, sondern hinterfragt weiter.
− Ich erinnere mich ganz gut, als Ottilie nach ihren Wanderjahren in den 1870 Jahren nach Weimar zurückgekehrt war, erklärt Getrude Rosener. – Deutschland war ihr wieder gut genug, als der Krieg gegen Frankreich gesiegt und Elsass-Lothringen zurückerobert war. Die nationalistisch orientierte Ottilie überschäumte vor Patriotismus.
Damals war Ottilie schon älter, sowie ihre Schwester Ulrike, mit der sie sich in dem obersten Stockwerk des Hauses von Goethe sesshaft hatte machen können und wo sie schon während ihrer Ehe gewohnt hatte.
− Als ich sie besucht habe, war sie sehr erfreut und stellte Fragen wie in den jungen Jahren. Ihr Haar war hübsch in Locken gelegt als bei jungen Mädchen, nur die Farbe der Haare war hellgrau geworden. Es war nicht schwer merken zu können, dass das Sprechen ihr Schwierigkeiten bereitete, weil sie unter vielerlei Beschwerden litt, unter anderem unter schmerzenden Gesichtsmuskeln.
Gertrude Rosener beschreibt die Einrichtung des Heims von Ottilie:
− In einem Wohnzimmer, Salon genannt, hat sie ihre Gäste in Empfang genommen. Dort hatte Sie ihre Erinnerungen an die Vergangenheit gesammelt. Sie besaß antike Gegenstände, Lampen und Vasen aus dem Nachlass ihrer Freundin aus England, der Kunstsammlerin Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Da waren Biedermeiermöbel aus Wien. An der Wand hing ein Portrait von dem alten Goethe und dem Enkelsohn Walther von Stieler gemalt. Ein Bild von dem für Ottilie sehr lieben Herzogen Urbino hing an der Wand. Ein kleines Bild von ihrem Ehemann August war oberhalb der Eingangstür aufgehängt.
− Hat sie nicht ab und zu die Teeabende gehalten? fragt Frau Moltke. – Die uralte Hausdienerin, Wilhelmine Bachstein, die schon in Goethes Zeiten als 13-jährige zum Haus gekommen war, hat Tee zubereitet. Essen wurde nicht angeboten, nur zwei Sorten Kekse.
Frau Moltke wundert sich über die bescheidene Verpflegung.
− Sie konnten sich nicht anderes leisten, erklärt die alte Frau.
− Ich weiß, dass es immer erst spät, nachdem die Gäste gegangen waren, gegessen wurde.
− Anscheinend waren es nicht sehr viele Gäste, nimmt Frau Moltke an.
− Nebst der Schwester Ulrike war fast immer der Sohn Walther bei der Teegesellschaft dabei und zum Schluss Alvina Frommann, erinnert sich Gertrude Rosener.
− Sie war die Tochter eines angesehenen Verlegers aus Jena. Goethe war ein oft gesehener Gast in der Familie und er hatte die Freundlichkeit der Familie genießen dürfen. Alvina wollte nun dasselbe zurückgeben, als sie in die kleine Stube an der Deinharzgasse in Weimar umgezogen war, um dort ihre alten Tage zu verbringen.
− Goethe besuchte die Frommans nicht wegen Alvina, sondern er war von der Pflegetochter der Familie, Minna Herzlieb, so entzückt, erklärt Gertrude Rosener. Minna war ganz bezaubernd, große, dunkle Augen, dichtes, lockiges Haar und ein liebliches Wesen.
Alvina war eine der noch lebenden letzten Jugendfreunde von Ottilie. Ottilies beste Freundin, Adele Schopenhauer war einem Leberkrebs schon vor ein paar Jahrzehnte erlegen.
Gertrude Rosener kannte natürlich Alvina Frommann, weil sie oft gleichzeitig mit Alvina in Goethes Haus zu Besuch war.
− Sie hatte in Berlin Kunst studiert, herrliche Blumenbilder gemalt und später auch Bücher illustriert. Alvina war eine beliebte Zeichenlehrerin. Die berühmteste Schülerin war die Deutsche Kaiserin Augusta, die Schwester von Großherzog von Weimar, Carl Alexander. Die Kaiserin war Alvinas Freundin bis ihr Lebensende.
Ernestine Moltke meint, dass Alvina nicht zu viele männliche Bewunderer gehabt hatte, weil sie hässlich und dumm war.
− Sie war nicht dumm, korrigiert die alte Frau. – Ihre Schönheit lag darin, dass sie so herzensgut war. Ihre Liebe war nicht nur auf ihre Arbeit, sondern auch auf ihre Familie, Freunde und Halbschwester Minna Herzlieb gerichtet, die später im Leben dann vom Gemüt instabil wurde und ihrem Ehemann und ihren Nächsten viel Kummer bereitete.
− Goethes Enkelsöhne, Walter und Wolfgang, hatten Tante-Alvina sehr gern, sowie auch Tante-Ulrike, welche beiden immer dann um die Buben kümmerten, wenn Ottilie fort war.
Großherzog Carl Alexander hatte die Familie Goethe nicht vergessen. Er war ständig in Kontakt mit Walther Goethe, seinem ehemaligen Kamerad aus der Kindheit und schloss sich öfters der Teegesellschaft von Ottilie an. Auf Ottilies Tee-Party genoss er die leise, zivilisierte Unterhaltung. Über düstere Sachen, Krieg, Krankheiten und ähnlichem redete man nicht, sondern über fröhlichen Dinge, gemeinsame Erinnerungen.
− Warum ist die Ehe mit August misslungen, will Frau Moltke wissen.
− Ist es denn nicht vornehm, die Schwiegertochter eines großen Dichters zu werden und in einem schönen Haus zu wohnen, welches der Mittelpunkt der ganzen Stadt war, solange der dichter lebte? Und Ottilie mit ihren Kindern konnte auch von Wolfgang von Goethes Genialität und Größe profitieren.
− Weil die Ehe nicht auf Liebe beruhte, wiederholt Gertrude Rosener. – Ottilie kaum verstand selbst, nach dem sie August geheiratet hatte, dass sie sich eingebildet hatte, mit dem Vater Goethe verheiratet zu sein. Ottilie hatte seit ihrer Kindheit den großen Goethe vergöttert. Sie konnte den Wunsch kaum widerstehen, unter gleichem Dach mit dem Dichter zu wohnen, den sie verehrte.
Ottilies Entscheidung wurde dadurch begünstigt, dass Goethes Frau Christiane in der Zeit, in der die Hochzeit geplant wurde, verstarb. Ottilie brauchte nicht mehr über die Eigenschaft der Hausdame mit der befürchteten Christiane zu wetteifern.
Als die Trauerzeit vorbei war, heirateten die miteinander Verlobten. Am Datum der Heirat waren es genau drei Jahren seit Ottilie und Heinke auseinandergegangen waren.
– Ottilie dachte, dass die Ehe mit August sehr wohl gelingen würde und am Anfang sah es auch danach aus. August bemühte sich in jeder Hinsicht, die Wünsche seiner Frau zu erfüllen, erzählt Gertrude Rosener.
– Er hatte dafür gesorgt, dass alle dreizehn Zimmer des Mansardenstockwerks in dem Haus renoviert worden waren. Die waren geradezu luxuriös geworden.
August war tüchtig und pflichtbewusst. Er schaffte die Arbeit als Hofbeamter, die sein Vater ihm besorgt hatte, mit Bravour und eine Zeitlang arbeitete er auch als literarischer Sekretär für seinen Vater. August versuchte ein guter Vater für seine drei Kinder, Walther, Wolfgang und Alma, zu sein.
Ottilie konnte all das nicht schätzen, sondern sie sehnte sich nach großer, alles verschlingender Leidenschaft, ein Ziel der Bewunderung zu sein. Sie war es gewöhnt und danach dürstete es ihr das ganze Leben lang. Auch August hatte auf das Verlangen seines Vaters hin seine Jugendliebe aufgeben müssen. Das nagte ihn ständig. Ottilie war nicht die einzige „Märtyrerin der Liebe“ in der Familie.
− Ferdinand Heinke war verloren. In dem Familienkreis von Goethe hatten sich schon in den ersten Jahren der Ehe die stattlichen, jungen Engländer, Charles Sterling und Charles des Voeux, eingenistet, mit denen Ottilie ganz offen flirtete und deren Bewunderung sie angelte. Ottilie plante, sich von August scheiden zu lassen, aber die Mutter versuchte, ihre flatterhafte Tochter an der Ehe festzuhalten. Als eine geschiedene Frau wäre sie mittellos geblieben.
August wollte nicht von der Seite das Getue seiner Frau beobachten und da gab es schon Streitigkeiten. Ottilie fand ihren realistischen, pedantischen Mann langweilig.
Ottilie hatte den „Langweiler“ August geheiratet, obwohl ihre kluge Freundin, Adele Schopenhauer, sie davor gewarnt hatte und gesagt hatte, dass die Ehe zweier so verschiedenen Personen nicht gelingen kann. „Von der Liebe versteht August gar nichts“.
August von Goethe war kein großer Liebhaber, aber er war verantwortungsbewusst und leistete viele Arbeitsstunden im Dienste des Hofes. Auf dieser Weise wollte er seinem Vater, der ihm die Arbeit besorgt hatte, zeigen, dass er seines Vertrauens würdig war.
Zu viel Arbeit und vermehrter Alkoholkonsum wurden August zum Verhängnis. Als junger Mann hatte er noch einigermaßen plausibel ausgesehen, aber während der Ehe wurden seine Gesichtszüge und Körper immer schlaffer, so dass er auch nicht mehr äußerlich seiner Frau gefiel, die von den Engländern geblendet worden war.
August war schon krank und überanstrengt, als der alte Goethe ihm gestattete nach Italien zu gehen um sich dort zu erholen. August hatte schon lange die Fußspuren seines Vaters folgen wollen.
− Ottilie war darüber froh, dass August nach Italien gegangen war.
Insgeheimen wünschte sie sich, dass August nicht mehr zurückkommen würde, gibt Gertrude Rosener preis. – Ottilies Wunsch ging auch in Erfüllung.
August von Goethe starb in Rom, wo er in dem protestantischen Friedhof beigesetzt wurde. Als die Habseligkeiten von August später nach Weimar überbracht wurden, musste Ottilie zu ihrer Überraschung feststellen, dass zum Zeitpunkt des plötzlichen Todes war Ottilies Geliebter, Charles Sterling, bei August gewesen.
Der Tod seines einzigen Sohnes war für den alten Goethe eine schwere Erfahrung. Als Trost blieben die drei Enkelkinder, die Enkelsöhne Walther und Wolfgang und die Enkelin Alma.
− Im Unterbewusstsein gebar Ottilie ihre Kinder dem Vater-Goethe, welchen Ausdruck sie seit ihrer Kindheit dem verehrten Dichter gegeben hatte, meint Gertrude Rosener.
− Mit leuchtenden Augen hat Ottilie erzählt, wie zufrieden „Vater“ ausgesehen hatte, als nach der Geburt von Walther der erste Gratulant, Ministerpräsident Christian Gottlob Voigt, seine Glückwunschrede mit folgenden Worten beendet hatte: In welchem das große Erbteil Ihres Namens perennieren soll“.
− Goethe war ein rührend beispielhafter Großvater, erzählt Gertrude Rosener. – Er hatte immer Zeit für seine Enkel. Er diskutierte mit den Kindern wie mit seinesgleichen und machte mit ihnen lange Spaziergänge. Die Buben durften mit ihren Kameraden frei im Haus und Garten herumtollen. Die Kinder schienen auch seine Schreibtätigkeit nicht zu stören. Er hatte sogar für Wolfgang einen kleinen Arbeitstisch in seinem Arbeitszimmer zimmern lassen.
Alles deutet darauf hin, dass Frau Moltke nicht gerade eine der größten Bewunderer des Dichters Goethe und schon gar nicht von Ottilie von Goethe war.
− Als Christiane starb, führte Ottilie den Haushalt in Goethes Haus. Die Voraussetzungen dafür erfüllte sie nicht, denn sie war in Haushaltung nicht interessiert. Der alte Mann tat einem Leid, denn Ottilies Verwandten und Bekannten besetzten das Haus so, dass dem Dichter nur eine kleine Ecke für seine Arbeit frei war.
Gertrude Rosener erklärt, dass Goethe die Mängel seiner Schwägerin wohl bemerkt hatte, obwohl er nichts darüber sagte.
− Er konnte nicht verstehen, warum Ottilie ständig neue Kleider kaufen musste. Ottilie gefielen farbenfrohe, exotische Kleider, die sie sehr gut tragen konnte, weil sie zierlich gebaut war. Ottilie hatte gar keine Ahnung vom Geld und Haushalten. Sie war interessiert in Feste, Kleider, Bewunderung. Und Goethe hatte ja auch gemerkt, wie das Verhältnis zwischen August und Ottilie kühler geworden war und wie seine Schwiegertochter mit anderen Männern flirtete.
− Die ersichtlichen Mängel von Christiane Vulpius schienen Goethe auch nicht damals zu stören, bemerkt Frau Moltke. – In Frauenplan war Platz nur für ein Genie.
− Christiane Vulpius litt wohl darunter, dass die Weimarer Elite sie vermied, weiß die alte Frau Rosener.
− Höhnisch wurde gesagt, dass Christiane nichts Anderes zu der Ehe gebracht hatte, als ihre üppigen Locken. Für die Leute war es schwierig zu verstehen, dass ein Genie wie Goethe ein Mädchen, das er im Park von Ilm getroffen hatte und das in der Kunstblumenfabrik von Bertuchi gearbeitet hatte, zu seiner Lebensgefährtin machen würde.
Arme Christiane musste regelrechte Diskriminierung erfahren. Sie war ein notwendiges Übel, das man auszustehen versuchte. Aber die Wahrheit ist, dass Christiane die fürsorglichste und liebevollste Gemahlin war, die man sich vorstellen kann.
− Das ist wahr, stimmt Ernestine Moltke zu. – Wenn die anderen Frauen Goethes Musen waren, war Christiane doch vermutlich seine einzig wahre Liebe im praktischen Leben.
− Ich kann mir vorstellen, wie es dem Sohn August vorgekommen sein muss, in einer Familie zu leben, in der die Elternteile nicht miteinander verheiratet waren, klagt Gertrude Rosener. – August war schon siebzehn, als Goethe sich in der Sakristei der Jakobskirche mit Christiane hat verheiraten lassen.
− Als er am nächsten Tag zu dem literarischen Salon von Johanna Schopenhauer ging, hat Goethe stolz Christiane als seine Frau vorgestellt. Johanna nahm sie gut an. Erst dann sahen die anderen sich auch gezwungen, Christiane als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptieren.
− Ottilie kümmerte sich um den alten Dichter gut, versichert Gertrude Rosener. – Dafür konnte man sie nicht kritisieren. Als Ottilie später über ihr Leben nachdachte, sagte sie, dass es ihre Berufung gewesen war, für das Wohlergehen des Dichters in allerlei Hinsicht zu sorgen.
Für Goethe war es auf jeden Fall wichtig, dass Ottilie ihm vorlas, leistete ihm und seinen Gästen Gesellschaft. Und in diesen Dingen war die Schwägerin glänzend. Sie war sprachgewandt und gebildet und genoss die intelligente Unterhaltung.
Im Haus Frauenplan waren ständig Gäste. Gegen Ende seines Lebens war Goethe auch im Ausland berühmt. Viele wollten Geschenke bringen und Schätzungen über ihre Werke bei ihm einholen. Ottilie war als Gastgeberin in ihrem Element. Sie war interessiert in Angelegenheiten der Gäste und konnte mit ihnen diskutieren.
Mit der Zeit entwickelte sich Goethe ein besonderes, förmliches, offizielles Ich und ein privates Ich. Er reichte niemals die Hand solchen Gästen, die er nicht mochte, aber konnte sehr freundlich gegenüber diejenigen sein, mit denen er interessante Diskussionen führen und neue Sachen lernen konnte.
Schon als Gertrude Rosener erst ein heranwachsendes Mädchen und kein bedeutender Gast war, erinnerte sie sich daran, dass Goethe sie immer interessiert gefragt hat, was sie gemacht hat und was sie gerade überlegte. Er war auch an dem Klavierunterricht des Mädchens interessiert und wollte manchmal eine Probe des Fortschritts anhören.
− Seine Neugierde und Wissensdurst waren unersättlich, aber oftmals ist er einfach von Weimar fortgegangen, um mit seinen Gedanken allein zu sein.
Als der alte Goethe verstorben war, fühlte sich Ottilie frei zu heiraten. Sie reiste in Deutschland und Italien herum und beschloss schließlich sich endgültig in Wien niederzusetzen.
− Die Engländer, die Ottilie bevorzugt hatte, rückten wieder in den Vordergrund. Von Zeit zu Zeit hatte Ottilie viele männliche Verehrer, und man suchte den Kontakt mit ihr, erklärt Gertrude Rosener.
− Sie hatte eine merkwürdige Macht, Männer anzuziehen und auf der anderen Seite sie zum Davonfliehen zu bringen. Eine Heirat kam mit keinem von ihnen in Frage, denn alle zogen sie sich zurück, weil sie einen schwachen Charakter hatten und sie sich durch Ottilies verlangendes, besitzergreifendes Verhalten zu sehr eingeengt fühlten. In ihrem Inneren war sie jedoch immer allein.
Frau Moltke spricht nun leiser um die Richtigkeit eines alten Gerüchts zu fragen.
− Ich weiß nicht, ob es wahr ist, und natürlich ist es das nicht, aber in Weimar ging ein Gerücht um, dass Ottilie in Wien ein uneheliches Kind zur Welt brachte. Das war nach Augusts Tod. Das wäre ja ein ziemlich großer Skandal in Weimar gewesen, aber nur die wenigsten wussten davon. Du kanntest ja Ottilie und bestimmt weißt du, was an der Geschichte wahr ist und was nur boshaftes Geschwätz?
Gertrude Rosener scheint zu überlegen. Es sieht aus, als ob sie auf die Frage gar keine Antwort geben wollte.
− Es liegt nicht an mir zu verurteilen. Aber die Sache ist die, dass Ottilie ihr ganzes Leben nach der richtigen Liebe gesucht hatte. Demzufolge ist es durchaus möglich, dass so etwas passierte.
Ernestine Moltke lässt nicht locker: Falls sie ein Kind hatte, hier in Weimar hat man es nicht gesehen?
− Ich schätze, man kann über die Sache schon reden, räumt Gertrude Rosener ein. – Ottilie gebar in Wien ein Kind für einen Engländer, der aber die Verantwortung dafür nicht tragen wollte. Und Ottilie war danach auch nicht mehr interessiert. Ich glaube, der Mann war Captain Story, mit dem Ottilie zu der Zeit in Frankfurt ein Verhältnis hatte.
− Das war vielleicht ein Theater! Mit Hilfe von ihrer guten englischen Freundinnen konnte Ottilie alles ziemlich lang so zu arrangieren, dass die Geburt und die wirkliche Herkunft des Kindes geheim gehalten werden konnten.
Das Kind wurde auf den Namen Anna Sibylle Poiwitsch getauft, nach den Vornamen Ottilies Freundinnen, der Schriftstellerin Anna Jameson und der Archäologin Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Weil Ottilie nicht daran denken konnte, mit einem Kleinkind nach Weimar zurückzukehren, wurde das Kind bei Pflege-Eltern in Wien in Obhut gelassen.
Ottilies Bekannter, ein Arzt namens Romeo Seligman, der wahrscheinlich bei der Geburt geholfen hatte, schrieb Ottilie Briefe und berichtete ihr, wie es dem Kind geht. Nach sechzehn Monate kündigte Seligman an, dass das Kind gestorben sei. Anna Sibylle wurde in Wien im Friedhof von Währingen beerdigt.
Gertrude Rosener versucht das Thema zu wechseln.
− Ottilie war schon in den letzten Jahren in Weimar vom Tod gekennzeichnet. Sie hatte ein Herzleiden, zufolge dessen Flüssigkeit im Herzbeutel anstaute. Wenn man sie aus bestimmten Winkel beobachtete, sah es aus, als ob die Zeit keinerlei Spuren hinterlassen hätte. Wahrscheinlich wegen der Lebendigkeit auf ihrem Gesicht und in ihrer Gestik. Ottilie hatte ihre gute Haltung bewahrt.
− Ottilies Schwester Ulrike war weiß wie eine Wachspuppe. Auf ihrer runzeliger Art war sie aber immer noch schön. Sie hörte immer schweigend die Diskussionen anderer. Wohl aus dem Grund, dass sie nicht besonders intelligent war und war ihren mühsamen sächsischen Dialekt nicht losgeworden.
− Ging Heinke zurück zum Krieg? War er umgekommen? Hat Ottilie nie wieder Ferdinand Heinke getroffen? Frau Moltke versucht über das Schicksal des preußischen Offiziers in der späteren Phase Klarheit zu schaffen.
− Ihre Wege haben sich kaum mehr gekreuzt, meint Gertrude Rosener.
− Aber ich weiß, das Ottilie die Liebe ihrer Jugend und ihres ganzen Lebens nie vergessen hat. Der Schmerz ist blank in ihren Gedichten zu lesen, die sie nach dem Abschied geschrieben hat. Ich glaube, dass Ottilies letzter Gedanke war Ferdinand Heinke.
Ferdinand Heinke starb im Jahr 1857, rund zwanzig Jahre vor Ottilie von Goethe. Heinke lebte ein bürgerliches Leben als ein Beamter in Breslau nachdem er vom Krieg nach Hause gekommen war. Er arbeitete als Polizeipräsident, Theaterintendant und Rektor der Universität. Er hatte neun Kinder.
− Es wurde Heinke vermutlich niemals bewusst, wie viel er für Ottilie bedeutet hatte, sagt Gertrude Rosener.
− Ottilie erzählte mir, dass sie das Grab von August zwanzig Jahre nach dessen Tod besucht hatte. Als sie den Grabstein angesehen hatte, hatte sie sich gefragt, ob sie in ihrer Ehe richtig gehandelt hatte.
− Sie hatte zugeben müssen, dass wenn sie August treu gewesen wäre und sich bemüht hätte eine gute Ehefrau und liebende Mutter für ihre Kinder zu sein, wäre ihr Leben anders verlaufen, und sie hätte nicht zwanzig Jahre ihres Lebens verschwendet das Unerreichbare nachzujagen.
– Es war wohl ein Zeichen einer Entschuldigung, dass Ottilie, nachdem sie als eine alte Frau in ihr ehemaliges, gemeinsames Heim zurückgekehrt war, ein Bild von August oberhalb der Tür aufgehängt hatte, als ob sie zeigen wollte, dass August der wirkliche Herr des Hauses war, erzählt die alte Frau.
Als Ottilie schon alles hat aufgeben müssen, das sich nach einer Liebe Sehnen, das Reisen und viele Freunde und auch die ehemaligen Ziele ihrer Liebe gestorben waren, stellte sie doch fest, dass ihr Leben, trotz all dem Kummer und den Krisen, abwechslungsreich und interessant gewesen war. Sie entsann sich ihrer schönsten Momente und lernte besser die Schwächen ihres Charakters und die zahlreichen Fehler, die sie begangen hatte, zu verstehen, erzählt die alte Frau.
− Obwohl unangenehme Dinge in den späten Jahren nicht an Ottilies Teegesellschaften besprochen wurden, lag über Alles doch eine Wehmut. Es war, als ob man die letzten Takte von Beethovens Schicksalssinfonie gelebt hätte.
Die alte Frau seufzt, und die Hände, mit denen sie Ihre Erzählung begleitet hat, lässt sie in den Schoss fallen, wie die letzten Töne von Beethovens Sinfonie.
Im Wohnzimmer herrscht tiefe Stille. Nur das rhythmische, dumpfe Ticken von dem Pendel des Standuhrkastens erklingt im Raum.
Aber binnen kurzer Zeit öffnet Frau Moltke die Unterhaltung erneut:
− Die Söhne, Wolf und Walther, heirateten dann also nicht. Sie wohnen wieder in Goethes Haus in Weimar. Man sieht sie aber nicht oft in der Stadt. Und wenn, geht Walther mit gesenktem Kopf dicht an den Häuserwänden entlang als ob er mit den Menschen nichts zu tun haben wollte.
− Vielleicht schämen sie sich, dass sie nicht das Gleiche erreicht haben als ihr Großvater, erklärt die alte Frau Rosener. – Wenn sie nicht die Söhne des großen Stolzes von Deutschland wären, könnte man sie sehr wohl erfolgreich bezeichnen. Ich weiß, dass sie alles so gut gemacht haben als sie konnten, aber die Anforderungen an sie haben ihre Kräfte überstritten.
− Walther leidet an einer heimtückischen Nervenkrankheit. Wenn er sich wegen irgendetwas anstrengen muss, wie zum Beispiel fertig Stellen von einer Komposition oder eines Buches, fängt sein Gesicht an zu schmerzen so, dass er die Gesichtsmuskeln nicht bewegen kann. Er soll auch starke Schmerzen im Brust haben. Dies hat Frau Moltke so gehört.
− Ich kann gut verstehen, dass er keinen Menschen sehen will, bemerkt Frau Rosener. – Walther hat es nie überwunden, dass er kein großer Komponist geworden ist.
Der alte Goethe hatte Walther eine große Karriere als Komponist vorausgesagt, als er seine Werke am Großvater vorstellte. Beide Enkel von Goethe waren als Kind schon sehr am Theater interessiert und zu Hause organisierte man Spielaufführungen. Die Buben sahen mit ihrem Großvater Aufführungen im Theater an und Goethe wollte die Meinung der Buben über die Vorstellung hören. Alle Familienmitglieder waren überzeugt davon, dass Musik würde die Lebensaufgabe für Walther werden. Und aus dem Grund war auch der musikliebende Walther darüber ganz sicher.
Umso grösser war die Enttäuschung, als Walther die Prüfung nicht geschafft hat, in welcher ein Komitee von Sachkundigen seine musikalischen Fähigkeiten prüften zu dem Zeitpunkt, als entschieden werden sollte, ob er sich auf das Musikstudium konzentrieren soll oder in einem allgemeinbildenden Gymnasium weiter in die Schule gehen soll. Ottilie hatte man zu verstehen gegeben, dass ein Musikstudium nur eine Zeit- und Geldverschwendung wäre. Ottilie war trotzdem noch von der Begabung ihres Sohnes überzeugt.
Nach Ottilies mehrmaligem Bitten erklärte sich Felix Mendelssohn bereit, den jungen Walther Goethe zu unterrichten. Mendelssohn war für mehrere Wochen vom alten Goethe eingeladen gewesen und war in der Zeit schon zu dem Schluss gekommen, dass der Enkelsohn Goethes musikalisch nicht sehr begabt war. Weil Mendelssohn sich gegenüber der Familie Goethe irgendwie zu Dank verpflichtet fühlte, war er schließlich damit einverstanden, dass Walther zu ihm nach Leipzig kommen würde.
Felix Mendelssohn empfand das Unterrichten von Walther von Goethe als eine übermäßige Belastung. Er war ein strenger, sogar zorniger Lehrer. Wegen Walthers Klavierspielen brüllte er an, dass „sogar ein zehnjähriger spielt besser“. Walther hatte elementare Mängel, nicht einmal den Generalbass hat der junge Mann beherrscht. Walther beschuldigte seine ehemaligen Lehrer.
Kein einziger angesehener Verleger wollte Walthers Kompositionen drucken. Franz Liszt sagte geradeaus zu Ottilie, als diese durch ihn Walthers Kompositionen in die Öffentlichkeit bringen wollte, dass er der Sache nichts tun kann.
Ein anderer alter Familienbekannter, Carl Loewe, war etwas freundlicher und ermutigte Walther Goethe sich zu bemühen seine romantische Oper, Anselmo Lanza, an der Weimarer Oper aufgeführt zu bekommen. Dank Ottilies Beziehungen die Oper wurde angenommen und die Aufführung war am 15. Oktober 1839. Walther war damals einundzwanzig Jahre alt.
− Die ganze Verwandtschaft war anwesend. Auch ich hatte eine Einladung bekommen, erzählt Gertrude Rosener. Interesse war groß. Die Aufführung bekam scheinbar begeisterten Applaus. Ottilie offerierte ein Abendessen für vierzig Gäste.
Die Enttäuschung war zerschmetternd, als ein Kritiker eines angesehenen Musikblattes höhnisch schrieb, dass der Name des großen Großvaters für den Applaus sorgte, änderte aber nichts an der Tatsache, dass der Komponist untalentiert ist.
− Walther war schockiert, erzählt die alte Frau Rosener. – Er schrieb an Adele Schopenhauer, die beim Libretto der Oper geholfen hatte und auch bei der Vorführung dabei war, dass er sein Gesicht nicht mehr an den Weimarer Straßen zeigen könne und hoffte, dass sein Name ein anderer als Goethe wäre.
− Was meintest du dazu? Frau Moltke will eine unparteiische Meinung hören.
− Ich war natürlich sehr interessiert zu hören, was Walther zustande gebracht hatte. Eine ziemlich nichtssagende Aufführung. Die Komposition war melodisch arm, es gab nichts Neues oder Originelles zu hören. Ich glaube, ich gähnte mehrmals.
− Ich glaube nicht, dass Walther sich vor der Aufführung sehr selbstsicher fühlte nachdem er so viele Rückschläge hatte erleben müssen. Walther aufrichtig liebte Musik, das weiß ich, und ein öffentlicher Niederschlag war ein harter Schlag für sein bereits schwaches Selbstwertgefühl.
− Man muss aber doch recht genial sein um mit einundzwanzig Jahren eine vollständige Oper komponieren zu können, bemerkt Frau Moltke. Egal wie der Name lautet.
Frau Moltke will etwas sagen, aber die heikle Sache möglichst taktvoll zu formulieren schient ihr schwer zu fallen:
− Ist da etwas dran, dass Walther mehr an Männern als Frauen interessiert ist? Einem hartnäckigen Gerücht nach soll er ein Verhältnis mit Robert Schumann gehabt haben. Schwer zu glauben, denn war Schumann nicht leidenschaftlich in Clara Wieck verliebt?
Gertrude Rosener hat niemals von dergleichen sprechen hören obwohl die erotische Anziehungskraft zwischen Männern nicht ein komplett ausgeschlossenes Gesprächsthema in den Weimarer Kreisen war.
− Darauf habe ich keine Antwort. Ich habe Robert Schumann nie getroffen, obwohl er oftmals bei dem Herzogen und Liszt zur Gast war und erst recht war ich nicht dabei, wie eine Fliege an der Decke sozusagen, ungesehen, als Schumann und Walther Goethe sich trafen.
− Ich weiß, dass Walther einmal nach Wien geeilt ist um Schumann zu treffen, aber er war schon abgereist. Nach Ottilies Brief zu beurteilen, war Walther unendlich enttäuscht gewesen. Schuman war bestimmt zum Teil dafür verantwortlich, dass Walther nach Wien umziehen wollte. Er wohnte auch eine Zeit lang in jener Stadt der Komponisten und fand einen Lehrer, der gnädiger war als Mendelssohn.
− Wolf hingegen war mit anderen Dingen belästigt worden, bemerkt Frau Moltke. Derzeit sieht er kaum noch etwas. Er musste das unfertige Manuskript vom Verleger zurückverlangen.
Gertrude Rosener seufzt:
− Sie hatten kein einfaches Leben, obwohl beide Söhne eine ausgezeichnete humanistische Bildung und eine gute Grundlage fürs Leben hatten, erklärt Gertrude Rosener. – Sie beide wussten aber wie sie den Namen ihres Großvaters ausnutzen konnten. Trotzdem sind viele Dinge wegen Krankheiten unerfüllt geblieben. Ottilie sagte, dass Wolf einmal geklagt hätte: „Ich sterbe, bevor ich überhaupt geboren bin.“
− Wolf hat aber trotz seiner Krankheit vieles fertiggebracht, sagt Frau Moltke. Doktorarbeit, Botschafter in Rom, Freiherrentitel vom Großherzog verliehen.
− Sie brauchten den Titel Freiherr schon lange bevor er verliehen worden war, enthüllt Gertrude Rosener. − Und Ottilie machte das Leben der Kinder auch nicht gerade leichter.
Ottilie verschwendete durch ihre Gedankenlosigkeit das ganze Geld der Familie. Sie wohnte mal in Wien, mal in Frankfurt oder Heidelberg und kehrte immer wieder nach Italien, von dem sie den alten Goethe hat erzählen hören und sie auch selbst ständig neue Eindrücke sammelte.
Sie kaufte teure Kunstgegenstände, bewirtschaftete ihre Gäste, die immer sie umringten, egal wo sie sich gerade befand. Sie verkehrte mit den Adeligen, Fürsten, Künstler und anderen Berühmtheiten. Mit ihr reiste ab und an ein Familienmitglied mit. Oftmals auf der Reise war ihre gute Freundin, die englische Schriftstellerin Anna Jameson.
Ottilies Verschwendung und ständige Verschuldung hatte schon vor der Heirat angefangen. Ottilie musste sich immer Gedanken machen, woher sie Geld bekommen würde. Sie verkaufte Eigentum der Familie Goethe, lieh von ihren Freunden, ihrer Mutter und Großmutter und schließlich von der Bank aus. In Weimar wusste man ganz genau, dass Goethes Schwiegertochter tief in den Schulden steckte.
Sie hatte in Rom einen Sarkophag, der ein Vermögen gekostet hatte, für ihre Tochter Alma bestellt, aber die Fertigstellung des Denkmals verzögerte sich des Geldes wegen und schließlich wurde es bescheidener als geplant.
− Als ob man damit hätte etwas gutmachen können, seufzt Gertrude Rosener. – Ich denke, Alma hat es bedrückt, dass sie wegen Ottilies Verständnislosigkeit von Weimar nach Wien, weg von ihren Freunden, hatte umziehen müssen.
Sie hatte gerade ihr Debüt in dem Weimarer Hof gegeben und der Großherzog selber hatte sie zum ersten Tanz aufgefordert, aber dann kam die unglückliche Reise nach Österreich. Alma wurde plötzlich krank und man konnte nichts mehr machen.
– Es ist so traurig, als sechszehnjährige, noch voller Lebensfreude und Zukunftspläne, sterben zu müssen.
Dieses alte Ereignis brachte Gertrude Rosener immer zum Weinen. Sie erinnerte sich an die fröhliche Alma, die ihrer Mutter sehr ähnelte, sie hatte den gleichen Charme, aber war vom Charakter her stabiler und mit Weimar und ihr Heim in Frauenplan mehr verbunden.
Alma Goethes plötzlicher Tod unter Umständen, die den Weimarer nicht bekannt waren, und in Allgemeinen das Wissen darüber, dass Ottilie große Schulden hatte, verursachten eine Welle von Gerüchten, die behaupteten, dass Goethes Schwiegertochter zusammen mit ihrem Geliebten ihre Tochter vergiftet hätte, damit sie den Erbteil der Tochter in ihre Hände bekommen würde.
− Am eifrigsten verbreitete Annette von Droste-Hüllschoff den Tratsch, sagt Frau Moltke. − Vielleicht verstand sie die ungewöhnliche Tragik der Sache, entfachte den Opernkomponisten in ihr. In den Opern stirbt man ja immer an Gift, lacht Gertrude Rosener.
− Aber in Weimar glaubte man wirklich, dass es so war. Und das Gerücht wurde dadurch nicht weniger glaubhaft, dass zum Todeszeitpunkt beider Mädchen einer der ehemaligen Geliebten von Ottilie, Romeo Seligman, als Arzt tätig war.
Danach lebte Annette noch sieben Jahre und wurde nur einundfünfzig Jahre alt. Sie war im gleichen Jahr als Ottilie geboren. Sie war eine talentierte Komponistin, obwohl die geplanten vier Opern von ihr nie fertig wurden.
− Ich habe sie ihre eigene Komposition, das Lied des Harfners aus Goethes „Wilhelm Meister“ singen hören, erzählt Gertrude Rosener. – „Wer nie sein Brot mit Tränen aß, kennt euch nicht.“ Wie wahr der Satz doch ist. Sie sang es so eindrucksvoll.
Natürlich hatte Ottilie ihre Tochter nicht vergiftet, sie war auch nicht mit Seligman nach Paris geflüchtet, was man auch tratschte. Sie war tief unglücklich und dachte, dass sie sich nie mehr erholen kann; sie hatte ja ihre beiden Töchter im Währinger Friedhof in Wien beisetzen lassen müssen.
− Sie ruhen jedoch nicht nebeneinander. Ottilie plante, dass Almas Überreste in die Erde ihrer Heimat in das Familiengrab von Goethe zurückgebracht werden sollten, aber sie wollte, dass kein Weimarer von ihrem außerehelichen Kind jemals Bescheid wissen würde.
− Und nun können sie sich nicht leisten, das Goethe-Haus instand zu halten, weiß Frau Moltke.
− Das Untergeschoss ist vermietet. Wolf hat das Zimmer seines Vaters im Obergeschoss. Walther wohnt im Gästehaus. Er hat darauf bestanden, dass er seinen Diener aus der Kindheitszeit behalten durfte. Es scheint, dass er nichts ohne die Ratschläge und Fürsorge seines Dieners machen kann. Nur das Urbino- und Deckenzimmer werden benutzt. Sie leben wie Gefangene in dem eigenen Haus.
Der alte Goethe war in seine Enkelkinder vernarrt. Man wunderte sich, dass das was er seinem Sohn August abgeschlagen hatte, erlaubte er seinen Enkeln. Die Buben erlebten eine aktive und glückliche Kindheit.
− Als Goethe starb, kam es den Buben bestimmt vor, als ob der Boden unter den Füssen weggezogen worden wäre, meint Gertrude Rosener. – Für den Großvater waren sie ganz besondere Kinder, lebten ein spezielles Leben mit ihrem Großvater in einem Haus, das den Mittelpunkt der Stadt verkörperte.
− Meiner Meinung nach änderten sich die Buben ersichtlich nachdem der Dichter verstorben war, erinnert sich die alte Frau. − Der lebendige Walther wurde scheu und zurückgezogen. Wolfgang wurde kränklich. Einmal musste er seinen Schulbesuch für ein ganzes Jahr wegen Krankheit abbrechen. Walther überstand die Beerdigung seines Vaters tapfer, aber Wolf konnte gar nicht zu den Anlässen der Beerdigung kommen.
− Die Buben vermissten die Zeit, in der sie die ganze ungeteilte Liebe ihres Großvaters bekommen haben. Schon bevor Walther volljährig und als das älteste Kind, der Eigentümer des Hauses Frauenplan, geworden war, konnte er es nicht ausstehen, dass fremde Leute in seinem und seines Großvaters Heim ein und ausgingen. Die Türen der Zimmer wurden verschlossen. Obwohl die Erben von Goethe unter Geldmangel litten, haben sie nicht erlaubt irgendetwas aus dem Nachlass Goethes zu verkaufen.
− Und Ottilie machte das Leben der Buben nicht einfacher. Um ehrlich zu sein, muss man sagen, dass die Buben der Mutter nichts abschlagen konnten. Sie hätten wohl ein wenig Ottilies Verschwendungssucht bremsen können. Das wäre echte Liebe gewesen. Gertrude Rosener hat eine feste Meinung darüber.
− Die Leute irren sich, wenn sie glauben, dass die Kinder nach dem Tod von August ihn nicht vermisst hätten. Für Ottilie war Augusts Tod vermutlich eine Erleichterung, aber ich weiß, dass Walther, Wolf und Alma die Liebe und Fürsorge ihres Vaters, die zwei Jahre vor dem Ableben ihres Großvaters von Ihnen weggerissen wurden, sehr geschätzt haben. Es scheint, als ob die Buben immer noch ihre Jugendzeit weiterleben.
− Ich sollte die Buben einmal besuchen gehen. Es ist ja nicht weit, sagte Gertrude Rosener. – Minna wird mir bestimmt da behilflich sein. Für die armen Buben würde überall hingehen. Aber ich weiß nicht, ob sie mich überhaupt sehen wollen. Sie sind die letzten noch lebenden Erben von Goethe. Ich kann mir nicht denken, dass keine von beiden noch die Kraft hat zu heiraten. Wolf hat ja einen Versuch gemacht aber die Braut war katholisch. Unsere lutherische Kirche lässt sowas nicht zu, dass die Sünden mit Geld verziehen werden.
− Goethe ist nicht mehr in Mode, sagt Frau Moltke. – Es ist bestimmt schwer, Goethes Vermächtnis zu bewahren, wenn es niemanden interessiert.
− Aber für Walther und Wolf scheint es wichtig. Und das war es für Ottilie auch, bemerkt die alte Frau Rosener.
− Das Alte verschwindet niemals ganz. Das Neue wird bloß darauf gebaut, es verdeckt und versteckt, aber irgendwo tief drinnen ist das Alte noch vorhanden. Oft ist es nur zu beängstigend zurückzublicken, weil der Misserfolg aus der Nähe betrachtet zu bitter ist.
Ernestine Moltke fragt sich, was Gertrude eigentlich damit sagen will? Spricht sie von Ottilie Goethe oder vielleicht von sich selbst?
− In einem Menschen sind alle Alter vorhanden, wenn man den Mut dazu hat, sich in sie hinein zu versetzen, fährt Gertrude Rosener fort. – Aber man muss die Tatsachen akzeptieren. So war ich, das bin ich geworden. Ich bin nicht mehr das junge Mädchen mit rosa Wangen, das die Männer mit Bewunderung angeschaut haben. Ich bin alt und runzelig und interessiere niemanden mehr.
Ernestine Moltke fällt kein Wort der Trost ein. Wenn sie etwas einfallsarmes wie „so geht es uns allen“, sagen würde, würde es ihr auch nicht helfen. Darum sagt sie nichts.
− Am traurigsten finde ich, dass man die Toten nicht lebendig machen kann. Du kannst mit ihnen nicht sprechen, Antworten bekommen, physische Nähe spüren. Die verlorenen Lieben sind für ewig vergangen.
− So ist es, räumt Ernestine Moltke ein.
− Ich verstehe Menschen ganz gut, die Enttäuschungen in der Liebe haben erleben müssen. Ich verstehe Ottilie und August sehr gut, denn ich weiß, wie es sich anfühlt, sagt Gertrude Rosener.
− Die erste Liebe ist so ein starkes Erlebnis, dass einem alles andere danach lau und nebensächlich und bloß wie ein Trostpreis vorkommt. Ich weiß sehr wohl, wie eine Sehnsucht an einem Menschen nagt und ihn zum Zerbrechen bringen kann.
− Je älter man wird, desto öfter fragt man sich, wer bin ich eigentlich und warum bin ich hier, warum ist alles wie durch die Hände zerronnen. Die größte Angst eines alten Menschen ist, dass er sich selbst verliert, in eine Bedeutungslosigkeit versinkt.
Frau Moltke versucht ihre in eine plötzliche Melancholie geratene Freundin zu erheitern:
− Wenn du dich selbst damit meinst; niemand findet dich eine Bedeutungslosigkeit. Du hast Lebensweisheit durch deine Erfahrungen. Für dein Alter siehst du gut aus. Und du hast die Erinnerungen aller glücklichen Momente. Sind die denn ohne Bedeutung?
− Alles in Allem ist es ein magerer Trost. Ich würde sehr gerne all die Weisheit durch meine Erfahrungen gegen einen einzigen glühenden Moment im Leben eintauschen. Dann, wenn man einen Menschen getroffen hat, mit dem man ein Gefühl starker Zusammengehörigkeit und körperlicher Vereinigung spürt.
Ein glückliches Lächeln erhellt das Gesicht der alten Frau. Ernestine Moltke sieht in dem Augenblick die junge, verliebte Gertrude Schönauer vor sich.
− Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugend zurückerinnere, bin ich wieder die Person, die ich damals war, stark, vital, gefühlsvoll, sagt Gertrude Rosener. – Ich habe mein Ich wiedergefunden.
Frau Moltke sieht ihre Gesprächspartnerin verwundert an. Obwohl sie sich schon seit langem kennen, hat Gertrude Rosener niemals etwas über ihre Jugendliebe erzählt, worüber sie vermutlich gerade spricht.
− Willst du damit sagen, dass du auch eine Jugendliebe gehabt hast, genau wie Ottilie von Goethe?
− Ich mache mir nichts daraus darüber zu reden, lacht Gertrude Rosener.
Es ist viel einfacher über andere Menschen zu sprechen. Warum über sowas sprechen, wovon die anderen Leute doch nichts verstehen. Ich habe meine Gefühle, mein Glück und meinen Verlust immer für mich behalten. Wenn man über die Liebe spricht, verliert sie ihre Faszination, der Zauber vergeht. Die Trauer und Sehnsucht jedoch nicht.
− Enthülle doch wenigstens etwas, sagt Ernestine Moltke. – Ich gebe zu, dass ich sehr neugierig bin.
− Andererseits, was würde es schon ausmachen, wenn ich es auch erzählen würde:
− Es kam einmal ein junger Student nach Weimar, der an Geschichte interessiert war und der für seine Arbeit Leute befragte, die Schiller gekannt hatten. Auch meine Eltern. Von Anfang an fühlten wir uns zueinander sehr hingezogen. Es waren beidseitig große Gefühle.
– In seinem letzten Brief schrieb er, dass er in die Universität von Wien aufgenommen worden war. Dann hörten die Briefe auf. Ich fand heraus, dass er mit einer Expedition nach Nubien gereist war um Geld fürs Studium zu verdienen… Er kam nie zurück.
− Und dann hast du Ludwig Rosener geheiratet?
− Nicht sofort. Ich versuchte überall Informationen über ihn zu bekommen. Die Ungewissheit war schrecklich. Es schien, dass niemand recht wusste, was mit ihm passiert war. Gelegentlich dachte ich, dass er vor der Stärke unserer Gefühle geflohen war. Aber ich weiß, dass es nicht wahr ist. Ihm muss etwas passiert sein.
− Wie kann man nach so etwas sein Leben weiterleben? Frau Moltke wundert sich.
− Ich musste ganz einfach. Ich war ein junger Mensch und wollte meine Jugendzeit nicht mit Trauern verbringen. Aber ich konnte mich nicht mit den Gleichaltrigen über irgendetwas freuen. Ich traf einige junge Männer, aber ich schaffte es nicht, mich für sie zu begeistern. Über meinen Verlust wollte ich mit niemandem reden. Ich vermute, dass die Leute ihn verdächtigten, mein Vertrauen missbraucht zu haben. Ich wusste, dass dies nicht der Fall war. Ein solcher Mensch war er nicht.
Ernestine Moltke hält den Atem an. Sie scheint nicht zu wissen, was zu sagen. Und das kommt ziemlich selten vor.
Gertrude Rosener unterbricht die Stille:
− Dann kam Ludwig Rosener. Irgendwie wollte ich Ordnung in mein Chaos. Er brachte bürgerliche Sicherheit in mein Leben. Aber mein inneres Leben behielt ich für mich. Ich war schon immer zu neugierig auf das Leben gewesen, als dass ich freiwillig darauf verzichtet hätte. Auch dann, wenn alles zusammenzufallen drohte, war ich neugierig herauszufinden, was so einem Menschen noch passieren kann. Das Leben ist zu interessant, als dass ich mir die Leere des Todes wünschen würde.
− Wenn ich keinen anderen Grund habe, aber wenigstens will ich leben um zu sehen, wie die Kinder von Minna und Arnold erwachsen werden. Was wird aus meinem kleinen Weizenbretzel Charlotte, was aus der eigenständigen Marie.
− Hübsche, herzige Kinder, lobt Frau Moltke.
Minna hat die Unterhaltung durch den Türspalt mitgehört. Sie hatte gar nicht gewusst, dass Ottilie, die Schwiegertochter des großen Dichters, ein uneheliches Kind gehabt hatte. Und das wussten auch kaum andere Leute. Alle sprachen immer nur von dem Dichter und kritisierten seine Frauengeschichten.
Aber die Großmutter? Minna hatte schon immer geahnt, dass Ludwig Rosener nicht die erste Liebe der jungen Gertrude Rosener hat sein können. Aber so eine Tragödie…
Als sie nun ihren Namen genannt hört, erinnert sie sich, dass sie noch rechtzeitig zum Marktplatz eilen muss bevor sie zumachen und am besten wäre es, wenn sie noch kurz bei der „Goldenen Brezel“ vorbeischauen würde, um Arnold an Maries Geburtstag zu erinnern. Sie eilt in die Diele um sich den grünen Mantel und die dazu passende Mütze mit Pelzkanten anzuziehen.
− Entschuldigt, wenn ich unterbreche, aber ich muss mich beeilen um noch Gemüse vom Marktplatz einzukaufen, einen Abstecher beim Fleischer Schindler zu machen und wahrscheinlich gehe ich noch bei der „Goldenen Brezel“ vorbei. Ich rufe die Kinder heim. Weihnachten ist für Kinder verdorben, wenn sie sich erkälten.
− Du meine Güte, das Gebäck verbrennt auf dem Blech! Ich muss schnell nach Hause rennen.
Von ihrer Verpflichtung getrieben, steht Frau Moltke ersichtlich widerwillig auf, denn sie wäre neugierig noch ein paar Sachen aufzuklären, die in ihrem Kopf herumkreisen.
− Wie die Zeit mit dir schnell vergeht, liebe Gertrude. So interessante Sachen. Ich hoffe, du ärgerst dich nicht. Auf Wiedersehen Gertrude, Adieu Minna. Und vielen Dank fürs ausleihen!
Gertrude Rosener schließt wieder die Augen. Sie wundert sich auch selbst, warum ihre Gedanken in letzter Zeit immer wieder in die Vergangenheit zurückkehren. Je weiter sie zeitlich in sie hineindrängt, desto näher scheinen sie an sie heranzukommen.
Vermutlich darum, weil das gegenwärtige Leben ziemlich eintönig ist. Ein großer Teil von Menschen in ihrem Alter ist gestorben. Ihr ältester Sohn, Ernst, lebt schon seit langem in Berlin, und sie selbst wohnt bei der Familie seines jüngeren Sohnes Arnold und seiner Frau Minna in Weimar.
Die Familie des Apothekers Schönauer war in den ersten Jahren der 1800er Jahren von der benachbarten Stadt Jena nach Weimar, der Verwaltungsstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach in Thüringen, umgezogen. Gertrude und Elfi sind nach dem Umzug geboren.
Die Familie Schönauer hatte in Jena zu Goethes und Schillers Bekanntenkreis gehört, als Schiller an der Universität von Jena als Professor der Literatur tätig war. Der Umgang mit Schiller und seiner Frau Caroline wurde auch dann noch aufrechterhalten, als Schiller nach Fertigstellung seines großen Theaterstückes, Don Carlos, 1787 nach Weimar umgesiedelt war, weil der alte Dichter Wieland ihm Arbeit in der Redaktion der Literaturzeitschrift „Deutscher Merkur“ angeboten hatte.
Die Töchter der Schönauers hatten Schiller nie getroffen, aber sie hatten viel von ihren Eltern von ihm gehört. An Goethe erinnerten sich die Mädchen aber seit ihrer Kindheit, obwohl die Bekanntschaft einen persönlicheren Charakter bekommen hatte nachdem Gertrude Schönauer Ottilie von Pogwisch, die zukünftige Frau von Goethes Sohn, kennen gelernt hatte.
Als Gertrude Schönauer den jüngeren Hofrat Ludwig Rosener heiratete, geriet sie immer intensiver in Verbindung mit dem Gesellschaftsleben und der Tradition der Kleinstadt sowie dem Adel und der Elite, den Regierungsbeamten, den Gelehrten und der bürgerlichen Mittelschicht um den Hof herum, der an der Ilm, dem Fluss, der die Stadt durchfließt, gelegen war.
Die Grenzen waren fließend zwischen den oberen Schichten der Gesellschaft. Der gesellschaftliche Umgang war rege: Theateraufführungen, Literaturabende, Teegesellschaften, Bälle, Spielabende, Veranstaltungen fürs Schlittschuhlaufen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Jagdfeste.
Das gewöhnliche Volk, zu dem die Handwerker, Gesellen, Fahrer, Hausbediensteten, an der Stadtgrenze wohnhaften und von der Landwirtschaft lebenden Leute gehörten, war ein sehr gemischter Bevölkerungsteil, der einen eigenen, oftmals dürftigen Alltag lebte.
Die Menschen wussten jedoch genau, was gerade passierte und welche die Gesprächsthemen des Tages waren, denn in einer Kleinstadt sind die Entfernungen gering und Informationen verbreiten sich schnell.
Weimar war vor allem eine Regierungsstadt. Zu einer richtigen Industriestadt wurde sie nicht. Als der Übersetzer und Schriftsteller Friedrich Justin Bertuch 1773 mit siebenundzwanzig Jahren in seine Geburtsstadt zurückkehrte, gefiel ihm das schäbige Erscheinungsbild der Stadt nicht.
Als Bertuch wohlhabender wurde, hat er ein Gebäude im Zentrum der Stadt bauen lassen, welches der Bühnenautor Friedrich Schiller 1787 in seinem Brief an den Dichter Körner mit folgenden Worten beschrieb: „das schönste Haus der Stadt, nobel eingerichtet.“
Als das Haus erweitert und noch um 1800 herum mit neuen Räumen ausgestattet wurde, brachten die Geschäfte von Bertuch Räumlichkeiten und Arbeitsplätze für verschiedene Geschäftsbereiche, die er startete. Mit der Zeit wurde das Unternehmen Bertuchs, „Des Landes-Industrie Comptoir“, ein bedeutender Arbeitgeber. Nach Bertuchs Tod wurde der Betrieb innerhalb der Familie durch die Heirat seiner Tochter weitergeführt.
Zu Bertuchs Errungenschaften gehörte die hochklassige Zeichenschule, eine Schule für handwerkliche Kunstfertigkeit, in der sowohl Kunstmalerei als auch Gestaltung unterrichtet wurden. Unter den Schülern waren die später berühmt gewordenen Kunstmaler Friedrich Preller und Caspar David Friedrich.
Schon in den 1700er Jahren hatte eine Kunstblumenfabrik, die mit ihren anfänglich 10 Mitarbeitern zu einem Arbeitsplatz mit 100 Mitarbeitern gewachsen war, ihren Betrieb gestartet. Unter den 10 ersten Mitarbeitern war Christiane Vulpius, die zukünftige Lebenspartnerin von Goethe.
In dem Haus war auch eine Buch- und Kupferdruckerei untergebracht. Tageszeitungen, Kunstzeitschriften, und Bücher wurden dort gedruckt sowie Deutschlands erste Modepublikation, Journal des Luxus und der Moden, die den Lesern Wissen über die Mode und das Einrichten berichtete. Später änderte der Name der Zeitschrift, der Inhalt wurde erweitert und die Menschen erhielten durch Bilder und Texte auch Informationen über neue Erfindungen.
Die Position und der Titel eines Großherzogs wurden von Generation zu Generation übertragen. Nach Großherzog Karl August und seiner Witwe, Anna Amalia, wurde die Herrschaft auf Carl Friedrich und Maria Paulowna übertragen. Nach ihnen kamen Carl Alexander und Prinzessin Sophie von Hessen.
Weil die angeheirateten Prinzessinnen vom Ausland kamen und Maria Paulowna ein Mitglied Russlands kaiserlicher Familie war, wurden seltene Gäste und festliche Spektakel an den Bällen, Verlobungsfeierlichkeiten, Hochzeiten und Beerdigungen gesehen.
In der Familie ging auch das Interesse an Kultur weiter. Anna Amalia und Maria Paulowna komponierten zu ihrem eigenen Vergnügen und ihre Werke, wie z.B. Opern, wurden im Hof aufgeführt.
Das Großherzogliche Hoftheater, das Goethe und Schiller gegründet hatten, stieg zu einem nationalen Monument auf. Dort wurde Theater gespielt, getanzt, ein Orchester spielte dort; das alles zog von überall in der Welt Komponisten, Dirigenten, Musiker, Sänger und Tänzer in die Stadt.
Auch Wissenschaftler verschiedener Gebiete, Schriftsteller und Gelehrte als Vertreter der unterschiedlichsten geistigen Werte besuchten Goethe häufig, der nahezu den Status eines Gottes erreicht hatte.
Liebeskummer spielte dabei eine große Rolle als der junge Goethe 1775 in das damals bedeutungslose Herzogtum kam. In Straßburg hatte er sich entlobt, litt unter der Trennung und versuchte den aufrührenden Gefühlen zu entfliehen.
Schon in Straßburg hatte er den Dichter und Philosophen, Johann Gottfried Herder, den Kenner der Lieder von Homeros und Ossian, kennen gelernt und hatte dem jungen Mann Türen in eine neue Welt geöffnet.
Der auf Liebe und Leidenschaft anfällige, junge Goethe war aus dem richtigen Holz geschnitzt als Anreger für eine bestimmte Art der Dichtkunst, „Sturm und Drang“, die später zu einem festen Begriff wurde und zu der sein Freund Friedrich Schiller seinen Beitrag geleistet hat.
