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Marie hat Glück als sie ihre Fähigkeiten in der Rolle Susannas, der Braut, in der Oper Figaros Hochzeit von Mozart im Nationaltheater Weimar unter Beweis stellen darf. Der Tag der Premiere wird recht bedeutsam, nicht nur für Marie selbst, sondern auch für ihre Schwester Charlotte. Auf Empfehlung des Komponisten Richard Strauß wird Marie als Chorsängerin während den Wagner Festspielen in Bayreuth engagiert. In dieser Zeit sieht die angehende Sängerin imposante Opernaufführungen, lernt viele hervorragende Künstler und Künstlerinnen kennen und lernt Neues dazu. Ihr Erfolg als Figaros Braut ebnet ihr den Weg zu der Rolle der Braut Zerlina in Don Giovanni von Mozart. Auf der Premiere gerät Marie in einen Skandal, der die Zuschauer empört. Wer eilt herbei, um den Ruf der jungen Frau zu retten? Der berühmte Komponist Edvard Grieg kommt überraschend, um das Erstkonzert von Marie zu besuchen. Das Zusammentreffen des norwegischen Komponisten und der jungen Sängerin sowie die Diskussionen zwischen ihnen bewertet ein Kritiker des Buches als ein echtes Lesevergnügen. Das Leben birgt Überraschungen. Die junge Marie muss feststellen, dass morgen alles anders sein kann. Die zwei ersten Marie-Bücher wurden unter den drei Besten in dem Kalle-Päätalo-Wettbewerb im Jahr 2013 platziert. Einen besonderen Dank erhielt die Autorin für ihre guten Kenntnisse über die klassische Musik.
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Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2019
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MIT EINER WASSERLILIE
Sieh, Marie, was ich dir bringe,
eine Blume mit weißen Flügeln.
Getragen von stillen Strömen
schwamm traumschwer sie in den Frühling.
Willst Du sie deinem Heim verbinden,
befestige sie an deiner Brust, Marie.
Unter ihren Blättern wird sodann eine tiefe,
stille Woge sich verbergen.
Hüte dich, Kind, vor den Strömen des Teiches,
gefährlich ist es, dort zu träumen!
Der Neck, der tut nur so, als schlafe er,
Lilien spielen über ihm.
Kind, dein Busen ist der Strom des Teiches,
gefährlich ist es, dort zu träumen
Lilien spielen über ihm,
der Neck, der tut nur so, als schlafe er.
Med en vandlilje
Henrik Ibsen
Deutsche Übersetzung: Uwe Englert
Licht in die Finsternis
Liebeslieder für eine verstorbene
Die Berliner Luft
Das Perlenfest
Geistige Nahrung
Vielleicht doch Marie
Darstellerin für Susannas Rolle wird gesucht
In Erwartung
Nerven unter Druck
Susanna schließt den Bund der Ehe
Die wichtigen Worte
Die Primel
Neuigkeiten
Vertraute Namen
Bräute
Post aus dem Norden
Das Gesangsfest der Jugend
Sehnsucht
Rückkehr zu den Ufern der Ilm
Den Sommer genießen
Überraschende Einladung
Die Studienreise zum Wagner-Heiligtum
Strauß und die Braut Pauline
Siegfried Wagner
Die Despotin Cosima
Marie hatte ein unwirkliches Gefühl
Elsa und der Schwanenritter
Vertraute Atmosphäre
Wagner legte seine Hand auf mein Herz
Das Ende von Wagners Gönner
Parsifal machte keinen Eindruck
Ein zorniger Kritiker
Als Gastschülerin bei Lehmann
Wunderbare Stunden in München
Der Wanderer
Gefrorne Lippen
Wer ist er?
Bittere Abschiedstränen
Zu gelber Mond
Überraschungsbesuch in Charlottenburg
In den Weingärten der Jugendzeit
Unsicherheit – Neid
Kindereien
Die verführte Braut
Der letzte Trick
Die beste Kritik
Ein blaues Stündchen
Nachspiel
Ein überraschender Besuch
Wilhelm – was hast du nur angestellt?
Die Hochzeit des Jahrzehntes
Glück und Wehmut
Du bist meine Herzallerliebste
Liebeshunger
Die junge Ehefrau
Erstes Weihnachten
Die junge Hausfrau
Künstlerbeziehungen
Zärtlichkeiten und Verdächtigungen
Ein Puppenhaus
Zwei Geliebte
Andeutungen in der Nacht
Zwei leichtfertige Frauenzimmer
Die Notwendigkeit aufzugeben
Zu stolz
Ein unerwarteter, ersehnter Gast
Das Frühlingserwachen
Eine glückliche Leidende
Der Bote aus den norwegischen Fjorden
Am Flussufer
Unerwartete Tränen
Der Vorhang fällt
Marie betrachtete wie die Schneeflöckchen in der Dämmerung durch die Luft hinunter tanzten. Die weißen Flocken glitzerten in weichen, wolligen Sternlein im Lichte der Straßenlaternen und brachten Trost in die Finsternis, in das schwarze Loch, in das das Leben wieder einmal seine unschuldigen Opfer zu stürzen drohte. Am Ende der Dunkelheit sah Marie jedoch Licht. Bald wäre Weihnachten, Maries Geburtstag, die Wintersonnenwende, und der Tag würde sich wieder in Richtung Licht wenden.
Marie putzte ihre Schuhe mit dem Besen, den die Mutter vor die Tür gestellt hatte, sammelte den Mut und trat in den dunklen Flur ein. Im Erdgeschoss war niemand.
Lag Charlotte in ihrem Bett und weinte? Der Vater war über die Nachricht bestimmt nicht erfreut gewesen. Marie schlich die Treppe hoch ins Obergeschoss. Aus dem Zimmer des Vaters und der Mutter war auch kein Ton zu hören. Vielleicht waren sie schon ins Bett gegangen. Es war ja immerhin schon bald Mitternacht.
Minna Rosener hatte sich schon hingelegt, konnte aber nicht einschlafen. Sie selbst war ja fast gleich alt wie Charlotte gewesen, als sie ihr erstes Kind bekommen hatte. Waren wirklich schon zwanzig Jahre seither vergangen? Minna erinnerte sich, was für ein Gefühl von Glück und Erstaunen sie erfüllt hatte, als sie ihr Erstgeborenes, die Charlotte, das erste Mal auf dem Arm gehalten hatte. Habe ich wirklich neues Leben zur Welt gebracht? Bald würde Charlotte das Gleiche erfahren.
Als Marie die Zimmertüre aufmachte, sah sie Charlotte in ihrem Bett schlafen. Ihr Mund war offen, wie bei einem kleinen Kind. Die herausstehende Oberlippe verstärkte noch die kindische Wirkung. Charlotte sah aber nicht unglücklich aus. Ein leichtes Lächeln war auf ihrem Gesicht eher zu sehen. Die vollen Wangen des jungen Mädchens waren von der frischen Luft rötlich gefärbt. Der Haarzopf im Nacken war halb aufgegangen. Marie dachte, dass ihre Schwester eigentlich recht angenehm aussah. Sie war keine Schönheit, aber hübsch auf ihre unschuldige, naive Weise.
Womöglich war der Vater doch nicht wütend mit ihrer Tochter geworden. Oder die Mutter hatte die Sachlage sehr geschickt beibringen können. Marie hätte ihre Schwester nach den Geschehnissen fragen wollen, aber sie wollte diese jetzt nicht wecken. Charlotte sah nun ganz anders aus, als am Abend zuvor, als Marie sie trostlos schluchzend vorgefunden hatte. Was war wohl der Grund für die Veränderung? Es war, als ob eine große Last von den Schultern des Mädchens abgenommen worden wäre.
Marie zog sich in das weiße Nachthemd um und legte sich neben Charlotte nieder. Ihre Füße fühlten sich kalt an. Marie beschloss aus der Küche eine Wärmeflasche zu holen. Diese Methode hatte Großmutter Gertrude ihr gelehrt, damit sie sich etwas zusätzliche Wärme schaffen konnte.
Arnold Rosener saß auf dem Küchenstuhl und stützte den Kopf in seine Hände. Er schien streng über etwas nachzudenken. Zuerst bemerkte er gar nicht, dass Marie hereinkam. Als Arnold Rosener hörte, dass ein Kessel aufgestellt wurde, hob er den Kopf hoch. Er starrte seine Tochter nur an, ohne ein Wort zu sagen. Normalerweise ein so ruhiger Mann sah nun merklich fassungslos aus.
– Vater, wir schaffen es dadurch, dass wir unsere Würde bewahren. Wir müssen Charlotte unterstützen, nicht noch mehr belasten. Sie hat es sonst schon schwer genug, sagte Marie.
– Was passiert nun mit meinem Kaffeehaus? Ich werde bestimmt Kunden verlieren, sobald die Sache überall bekannt wird. Wenn es nicht schon passiert ist, jammerte Arnold.
– Sollen die doch gehen, wenn sie so kleinkariert denken, sagte Marie.
– Aber wovon leben wir dann? Der Vater ließ den Kopf wieder auf seine Hände sinken.
– Natürlich könnten wir sie für eine Weile wegschicken. Aber Charlotte würde es nicht aushalten. Als Kind hat sie auch immer geweint, wenn sie Angst hatte allein bleiben zu müssen.
Marie versuchte ihren Vater zu trösten: – Vater. Noch ist gar nichts passiert. Und vielleicht kümmern sich die Leute gar nicht darum. Das ist doch nicht das erste Mal, dass so was in Weimar passiert.
– Ich hätte gewollt, dass meine Töchter zur rechten Zeit ehrenvoll verheiratet sind. Es ist das Beste, was einer jungen Frau passieren kann. Und nun diese Schande…
– Lieber Vater. Gehe jetzt schlafen. Am Morgen sieht alles anders aus. Ich jedenfalls freue mich auf die Geburt des Kindes. Wie auf ein neues Schwesterchen oder Brüderchen.
– Ja, wirklich. Das Kind könnte genauso gut Minnas sein. Aber das wird es nicht sein…
– Vater, ich bitte dich. Geh jetzt schlafen. Sonst magst du morgen nicht aufstehen. Wer wird dann das Gebäck backen? Ohne frisches Gebäck wirst du vermutlich, über kurz oder lang, deine Kunden verlieren.
– Du hast Recht Marie. Du warst schon immer so vernünftig, ganz anders als Charlotte. Wir hätten über sie besser wachen müssen, dann wäre so etwas nicht passiert, aber Minna hat dem Mädchen viel zu viel Freiheit gegeben.
Das stimmte. Alle hatten ihren Blick auf Marie gerichtet. Was würde aus der begabten Tochter noch werden? Charlotte war auf eine Art eine Nebensache geworden. Es war nichts Besonderes an Charlotte. Sie hatte schon immer einen schüchternen, etwas tollpatschigen Eindruck auf die Menschen gemacht.
Marie eilte nach oben. Die Wasserflasche wärmte angenehm die Füße. Marie hörte den friedlichen Atem von Charlotte. Als Charlotte die Nähe ihrer Schwester spürte, drückte sie sich fest an Maries Seite. Als ob sie plötzlich große Dankbarkeit und Zärtlichkeit ihrer Schwester gegenüber gespürt hätte.
– Marie, Danke für deine Unterstützung, flüsterte Charlotte.
– Ich werde eine gute Mutter werden.
– Ganz bestimmt, versicherte Marie.
So nahe einander waren sie sich nicht mehr seit ihrer Kindheit gewesen. Und wieder fielen die schönen Erinnerungen Marie ein.
Wie sie als Kinder sich an Großmutters Seite gekuschelt hatten. Wie die Großmutter ihnen Geschichten über ihre eigene Kindheit erzählt hatte, über die Jahre, die die Zeit in ihrer Erinnerung vergoldet hatte.
Obwohl die Großmutter einen strengen Vater und eine disziplinierte elterliche Erziehung gehabt hatte, hatte ihr Vater auch zärtliche Gefühle ihr gegenüber gezeigt, natürlich auf seine etwas plumpe Art. Von den Schilderungen der Großmutter hatte sich, damals und auch später, eine ganze Galerie von Menschen aufgetan, von ganz normalen Menschen bis hin zu Künstlern, Menschen, die in dem Hof ein und ausgingen. Es gab Skandale, Zusammenkünfte und Trennungen. Das ist das Muster des Lebens, das sich von Generation zu Generation wiederholt.
Die Großmutter! Was wird wohl die Großmutter sagen, wenn sie die Neuigkeit über Charlotte hört? Ihr kleines Zopfmädchen, ihr Weizenbrezel, wie sie Charlotte zu nennen pflegte, wird bald Mutter.
Als Marie beim Fenster hinausblickte, bemerkte sie, dass es immer noch schneite. Weiße Schneeflocken klebten am Fensterbrett. Hinter dem Fenster schimmerte ein Ahornbaum von oben bis unten in einem weißen Kleid gekleidet.
Robert Wieland hatte Trauerarbeit geleistet indem er eine Gesangserie als Andenken für Claras Tod komponiert hatte, obgleich es eine sehr traurige Arbeit gewesen war. Er hatte jegliche Tränen auf das Notenpapier vergossen. Die Tinte hatte sich wegen den Tränen zu blauen Flecken um die Noten herum verbreitet, zu blauen Blumen der Trauer.
Aber wer würde die Gesangserie, die für eine Sopranstimme geschrieben wurde, singen? Marie Rosener kaum. Noch weniger Nanette Strobl. Vielleicht Elisabeth Acker, deren engelsähnlicher Sopran sehr gut zu der Gesangserie passen würde.
Er hatte den Gedanken jedoch aufgegeben, denn bloß die Tatsache, dass man eine nette Stimme hat, würde nicht ausreichen, die Verzweiflung der fünf Lieder zu interpretieren, welche sich aber am Schluss in einer zeitlosen Vergänglichkeit zeigt. Marie wäre die Einzige, die die Nuancen des Schmerzes in den Liedern zum Ausdruck bringen könnte.
– Marie, würdest du, Marie, diese Gesangserie einmal ansehen? Sie ist traurig, aber…
– Ja, natürlich, sagte Marie. Robert, das sieht ja ausgezeichnet aus! Das Beste, das du jemals gemacht hast.
– Versuche es mal zu singen. Sing, Marie. Ich begleite dich, sagte Robert.
– Ich weiß nicht, ob ich kann. Ich fange bestimmt an zu weinen. Und eine Künstlerin darf nicht weinen. Das Publikum soll weinen, nicht die Darstellerin. Ich kannte Clara zu gut, um so zu tun, als ob ich eine Außenstehende wäre. Aber vielleicht kann ich es irgendwann mal singen. Später eben, wenn das Ereignis nicht mehr so frisch ist. Obwohl ich nicht glaube, dass ich es jemals vergessen kann.
– Ich auch nicht. Und ich weiß nicht, was für ein Recht ich haben sollte zu leben, wenn Clara…
Die Stimme Robert Wielands zerbrach.
– Weine nicht Robert. Es war ja nicht deine Schuld. Clara hat dich bestimmt falsch verstanden. In ihrer Verzweiflung konnte sie die Angelegenheit nicht klarsehen.
– Sie hat die Sache schon ganz richtig verstanden. Ich habe sie verlassen, kaltblütig. Obwohl ich ihr nichts gesagt habe, hat sie schon gewusst, worum es da ging. Ich habe ihr den Rücken gekehrt. Und Clara war doch…
– Lieber Robert, wir sind aber nicht tot. Wir müssen trotz allem weiterleben.
Vielleicht werde ich doch die Lieder singen. Ich bin es Clara schuldig.
Robert Wieland wischte sich die Tränen ab. Wie gut Marie doch ihre Worte wählen konnte.
Er setzte sich an sein braunes Blüthner-Klavier. Die Melodie des ersten Liedes füllte das Zimmer mit einer Art ätherischer Düfte. Als ob Clara über die Blumen auf einer sommerlichen Wiese ginge, ihre Gedanken bei ihrem Geliebten, dem jungen Mann, in den sie so leidenschaftlich verliebt war und der sie auch sehr liebte.
Ich wandere im süßen Schlaf,
im Schosse der Sommerblumen,
im Dunste der Abendluft.
Es singt die Nachtigall,
so schön wie mein Geliebter…
Die Blüten groß und duftig,
tun sich auf wie nie zuvor.
Was wohl liebe ich nun mehr,
Glockenblume, Hahnenfuß,
oder Teichrose in dem Fluss…
Am meisten jedoch liebe ich,
ihm…
– Oh, Robert, wie schön! Und nicht nur schön, sondern es ist dir gelungen, das Lied in ein besonderes, expressives, bläuliches Licht einzuhüllen. Das ist ganz anders als deine bisherigen Arbeiten. Diese Gesangserie will ich singen. Irgendwann…vielleicht schon bald…
– Es wäre auch nicht passend diese Lieder jetzt vorzutragen, sagte Robert.
– Darf ich die Noten mit nach Hause nehmen? Ich studiere die ganze Serie.
Dann singe ich sie für dich. Aber nur für dich.
– Das würde mich sehr freuen. Ich bin dir auch sonst dankbar, dass du mich nicht verlassen hast. Nach all dem, was ich getan habe.
– Mir hast du nichts Böses angetan, Robert. Und hör schon auf, dich selbst zu beschuldigen. Ich bin sicher, wenn Clara im Himmel dieses Lied hört, wird sie verstehen und dir verzeihen.
– Ich glaube nicht an den Himmel und somit auch nicht an Vergebung. Ich brauche es nicht einmal. Man muss Unerledigtes in diesem Leben zu Ende bringen. Und das habe ich nicht gemacht. Ich hätte Clara erklären müssen, dass meine Liebe zu ihr erloschen war, dass ich mich in eine andere verliebt hatte. Aber das habe ich nicht getan. Clara musste allein leiden und sich in ihrer erdrückten Gemütsverfassung Gedanken machen, was eigentlich passiert sei. Niemand hat sie unterstützt oder auf sie gehört. Wenn ich gewusst hätte, dass Clara zusammenbricht, hätte ich mich natürlich anders verhalten. Aber das ist bloß Besserwisserei und ändert die Tatsachen nicht.
– Apropos Himmel, ich gebe zu, dass ich manchmal vieles beschönige, gab Marie zu.
– Natürlich war das falsch von dir. Das Gerede vom Verständnis und von der Vergebung des Himmels ist Beschönigung der Tatsachen. Der Himmel ist eine von der Kirche erschaffene Erzeugung über das Leben nach dem Tode. Auf diese Weise tröstet man Kinder, sagte Marie.
Nach einer Gedenkpause setzte sie fort.
– Ich glaube an eine Art universalen Geist, in dem Alles Eins ist und doch voneinander getrennt. In dieser Dimension ist alles auf das höchste Niveau gehoben. Das Wissen, die Kunst, die Moral. Da herrscht absolute Gerechtigkeit. Dort wird all das Unrecht, das wir hier erleiden müssen, wiedergutgemacht. Ich spüre das ganz stark.
– Hier irren wir herum ohne echtes Wissen, wir erfahren Ungerechtigkeiten und tun auch selbst Unrecht, weil wir blind sind und von unseren Leidenschaften getrieben werden. Dort wird alles klar, und wir sehen wieder deutlich. Deswegen sollten wir in diesem Leben nicht mit uns selbst so streng sein.
– Was du sagst, ist richtig, Marie. – Von wo kommen bloß alle deine Weisheiten? Du kannst immer alles in dem richtigen Ausmaß schildern.
– Weil ich an die endgültige Gerechtigkeit glaube, fürchte ich in diesem Leben eigentlich gar nichts, weil ich weiß, dass Gerechtigkeit schlussendlich doch gewinnt.
– Hast du nicht einmal Angst vor dem Tod, wunderte sich Wieland.
– Doch, das habe ich, musste Marie zugeben. – Die Angst entspringt aber aus der Befürchtung, dass ich womöglich sterben würde ohne gelebt und alle meine Aufgaben erledigt zu haben.
– Die Großmutter sagt, dass der Tod als physikalischer Hergang eine gewaltsame Erniedrigung des Menschen ist, setzte Marie fort. – Der Tod ist eine Erniedrigung der Menschheit und ein großes Unrecht und etwas, das wir nicht verdient haben.
– Das Glück beim jung sterben zu müssen, ist, dass man dann gerade voll im Leben steht, überlegte Wieland. – Die Leute behalten diesen Menschen so in Erinnerung. Die schlechte Seite ist, dass so vieles unerfahren bleibt. Ob Freude oder Trauer. Ich weiß nicht, ob Clara sterben wollte, oder ob es ein Unfall war. Aber sie hinterließ schöne Erinnerungen. Clara hatte nichts Niederträchtiges oder Hässliches an sich.
– Ja, richtig. Clara war wirklich schön, und ich hätte ihr auch richtiges Glück gegönnt, sagte Marie.
– Die Großmutter sagt, dass die Weisheit mit dem Alter zunimmt, aber der Körper vor dem endgültigen Zusammenbruch zerfällt. Nur die wenigsten sterben als schöne, gesunde und glückliche Menschen und tun es noch gerne. Der Tod ist ein Feind, der aus dem Hinterhalt seine Beute belauert. Es ist ein ungleicher Kampf.
– Andererseits würde ich gerne sterben, wenn ich sicher sein könnte, dass ich in der anderen Dimension alle für mich wichtigen, schon verstorbenen Menschen antreffen würde, sagte Wieland.
– Das ist auch mein Wunsch, dann ist der Tod eines lieben Menschen leichter zu ertragen, stimmte Marie zu.
– Ich begreife nicht, warum alles, was mit der Ewigkeit oder mit dem Tod zu tun hat, so ein großes Mysterium ist, wunderte sie.
– Falls es Gott gibt, und er wirklich das Beste für den Menschen wünscht, müsste er sich nicht verstecken und sich nicht so mysteriös zeigen.
– Das Unwissen beschattet unser ganzes Leben. Weil wir nicht wissen, wo und warum wir existieren und wohin wir gehen, halten wir leidenschaftlich das Leben fest im Griff, und befürchten die ganze Zeit, dass wir es verlieren.
– Wenn wir lieben, sind wir bedrückt, weil wir auch in den glücklichen Stunden Angst vor dem Verlust haben. Und auch in dem Moment spüren wir gewissermaßen Verlust, weil wir die Freude dann nicht voll genießen können.
– Du glaubst also an eine Art metaphysische Wahrheit des Universums, versucht Wieland klarzustellen. – Auch bei mir blitzt es manchmal so auf. Als ich diese Lieder für Clara komponiert habe, habe ich eine Art unsichtbare Verbindung zu Clara gespürt, als ob ich zu ihr gesprochen hätte, als ob sie gelächelt, verstanden und mir verziehen hätte, weil ich sie im Grunde doch geliebt habe. Wohin soll die Liebe verschwunden sein? Ich war nahezu vor Glück in Verzückung geraten.
– Robert, wir besprechen jetzt schwierige Sachen, sagte Marie. – Im Moment kann ich nur das sagen, dass ich über diese Liederserie, die du komponiert hast, überglücklich bin.
– Das bin ich auch, sagte Robert. – Ich wünsche wirklich, dass gerade du sie vorführst. Dann, wenn der richtige Zeitpunkt da ist.
Marie eilte von der Wagnergasse nach Hause. Ihr Herz war mit leiser Dankbarkeit gefüllt. Obwohl das auslösende Geschehnis für die Lieder so traurig gewesen war, hatte das Ganze doch etwas sehr Schönes an sich.
Bei der Vorstellung des Anblicks, wie Clara leblos mittendrin zwischen den Seerosen ruht, fiel Marie ein Gemälde ein, in dem die ertrunkene Ophelia auf der Wasseroberfläche treibt.
Marie dachte, dass, falls sie irgendwann die Liederserie vor dem Publikum vorführen kann, sie einen Schritt auf ihrem Weg zur Künstlerin vorwärtsgemacht hat. Sie hat ihre Gefühle in schwierigen Situationen zu kontrollieren, den Menschen auch in Trauer etwas Edelmütiges zu vermitteln gelernt, obwohl das eigene Herz zu brechen droht und sie innerlich bitter weinen muss.
Elisabeth Acker hatte Bettina, Caroline und Marie zu sich nach Berlin eingeladen, und es war offiziell beabsichtigt, dass alle bei Elisabeth zu Hause wohnen und gemeinsam in die Lindenoper gehen würden um die Oper Die Meistersinger von Nürnberg, komponiert von Richard Wagner und dirigiert von Carl Muck, zu besuchen. Mit der Einladung hatte Elisabeth die Hand an die Mädchen der Gegnerseite reichen wollen, obwohl das Eis schon im letzten Jahr im Frühling bei den Schülerproben teilweise schon gebrochen war.
Die Mädchen hatten jedoch ganz andere Pläne. Sie hatten mit Elisabeths Hilfe ein Zimmer in einer günstigen Pension in der Nähe des Bahnhofs an der Friedrichstrasse reserviert und hatten, weiß Gott, nicht die Absicht, die womöglich langweilige, oder zumindest lang andauernde Oper von Meistersinger zusehen zu gehen, sondern wollten Die schöne Helena von Jacques Offenbach im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater sehen, das etwas leichteres Programm anzubieten hatte.
Marie war mehr als entzückt von der Idee. Die Stimmung bei ihr zu Hause war trotz scheinbarem Optimismus noch bedrückend. Der Tod von Clara hatte schon einen zweiten, anhaltenden Schatten in Maries Gemüt geworfen. Und die finsteren Abende halfen nicht gerade sich besser zu fühlen. Marie hatte allmählich angefangen sich nach etwas Abwechslung in der Alltagsroutine und dem kleinkarierten Kleinstadtleben zu sehnen.
– Adieu du langweilige Weimar! Adieu! Adieu du Bevormundung durch Tante von Schaun!
Bettina winkte fröhlich aus dem Waggonfenster als der Bahnsteig im Horizont verschwand.
– Ich bedaure es nicht im Geringsten, dass ich zu Hause gelogen habe, versicherte Marie.
– Die Großmutter hat vorgeschlagen, dass ich bei Onkel Ernst wohne. Ich habe nur gesagt, dass ich Elisabeth nicht enttäuschen kann, weil sie schon alles organisiert hat, damit wir bei ihnen zu Hause wohnen können.
– Meine Mutter hat sich gleich beruhigt, als ich ihr erzählt habe, dass der Vater von Elisabeth ein Apotheker, und die Familie recht angesehen sei, und ich im Stadtteil Tiergarten, was eine Garantie für Qualität sei, wohnen werde. Ich muss jedoch Onkel Ernst, seine um dreißig Jahre jüngere Frau und meine Kusinen besuchen gehen. Stell dir vor, sie haben fünf Kinder! Alle jünger als ich, obwohl der Onkel sogar älter ist als mein Vater.
Die Reise verging schnell, während die Mädchen miteinander plauderten und ihren Proviant verzehrten. Und auch die Landschaft, die sich durch das Fenster anbot, war interessant anzusehen.
In Thüringen war die Landschaft noch hügelig, wechselte aber dann zum langweiligen Flachland je näher man sich der Hauptstadt vom kaiserlichen Deutschland näherte.
Elisabeth hatte auch andere Sachen organisiert und so kam es, dass, außer Elisabeth, vier fröhliche Soldaten des kaiserlichen Alexander-Regiments am Bahnhof auf sie warteten. Als sie sich vorstellten, ließen sie die Fersen aneinander knallen, was die Mädchen ganz amüsant fanden.
Die Mädchen haben die jungen Männer, als sie außer Hörweite waren, die vier Idiotenclowns genannt, was recht hässlich war, denn die jungen Männer taten alles um einen guten Eindruck auf die Mädchen aus Weimar zu machen, deren allerlei Unterhaltung sie als eine ehrenvolle Aufgabe betrachteten.
Die jungen Männer hießen Alexander von Schwerin, ein dunkelhaariger, schwarzäugiger, junger, fast exotisch aussehender Mann mit einem Schnurrbart. Der Schnurrbart schien in der Armee nahezu obligatorisch zu sein, denn solch eine Kussbremse, wie die Mädchen ihn nannten, hatten auch die anderen drei Jungen, nämlich Friedrich Preller, Carl Knecht und Alfred Königstein.
Als erstes trugen die jungen Männer das Gepäck der Mädchen zu der kleinen Pension an der Dorotheenstraße. Die Mädchen meldeten sich dort an.
Die Eigentümerin, Frau Pressler, schien nachzudenken, ob die jungen Frauen zusammen mit den Offizieren wohnen gedachten, aber zu ihrer Erleichterung war dies doch nicht der Fall.
Sie war stets um den moralischen Ruf ihrer Pension besorgt und erlaubte kein unmoralisches Verhalten in ihren Räumlichkeiten, obwohl sie gerade Offizieren doch kleine Freuden gestatten würde. Sie war doch, wie alle Frauen, verrückt nach aller Art Soldatenpersönlichkeiten.
– Wo gehen wir jetzt hin, fragte Caroline nach dem sie die Türe der Pension zugedrückt haben.
– Wenn ihr Hunger habt, könnten wir natürlich am Unter den Linden etwas essen gehen, sagte Offizier Preller.
– Oh nein, gehen wir doch nicht gleich essen, hier gibt es doch so viel zu sehen, sagte Bettina.
– Wie wäre es mit Spazierengehen im Tiergarten, schlug Elisabeth vor.
– Ich möchte gern zum Café Kranzler am Kudamm. Ich habe davon gehört. Wir haben so wenig Zeit zur Verfügung, sagte Marie. – Unsere Zeit langt höchstens für einen Bruchteil davon, was es hier alles zu sehen gibt.
– Für mich reicht es schon, wenn ich frei atmen kann, eine andere Luft atmen, die Luft im herrlichen Berlin. Bettina atmete tief ein aber die Luft hatte noch keine Spur von Frühling. Es war in der Tat ziemlich rau, denn es war ja noch Winter. In ein paar Tagen würden die Schule und die Alltagsroutine losgehen. Diese waren die letzten freien Tage nach Weihnachten und das müsste man jetzt richtig ausnützen.
Und so verging der erste Tag beim Schlendern durch die Stadt. Es wurde auch viel Champagner getrunken und Kuchen gegessen, weniger etwas Rechtes zum Essen.
– La belle Helene, plapperte Alexander von Schwerin, der gleich Bettina für sein eigen hielt.
– Der Champagner steigt zu Kopf, lachte Bettina. – La belle vie, ach, das schöne Leben!
Die anderen Mädchen wurden von den restlichen Männern ausgewählt.
Caroline, die vermutlich nicht allzu viele Verehrer hatte, schien Carl Knecht zu interessieren. Caroline strahlte vor Glück und plante in ihrer Fantasie schon eine Fortsetzung für die Romanze.
Alfred Königstein war höflicherweise in Marie interessiert. Er schien nicht gerade viel über die verschiedenen Künste zu wissen, aber das störte Marie nicht, denn es war ganz nett mal Gedanken über was ganz anderes auszutauschen.
Königstein erzählte vom Leben in der Armee, welches einmal lustig war, ein anderes Mal wieder nicht so sehr, weil man gewisse Verhaltensweise von den Soldaten erwartete. Ihr Regiment hatte viel mit Kaiser Wilhelm zu tun und musste sich in vielen kaiserlichen Veranstaltungen repräsentieren.
– Oh, Kaiser Wilhelm. Wie ist er in Wirklichkeit? Marie war neugierig es zu wissen.
– Er ist ein sehr genauer Mann. Aber er kann auch sehr nett sein, ein volksverbundener Mensch. Er hat ein fabelhaftes Namensgedächtnis. Mich hat er mit dem Namen unter allen anderen erkannt, obwohl hunderte von uns da in der Reihe standen.
– Er hat die Gabe, mit allerlei Menschen zu diskutieren und die Redensart je nach Typ des Menschen zu ändern. Er redet gern mit mancherlei Menschen, fügte Friedrich Preller zur vorhergehenden Charakterbeschreibung hinzu.
Die schöne Helene hat sie nicht enttäuscht. Das Stück war eine lustige Vergnügung, von der man in der klassisch-strengen Gesangsstunden von Frau Fromme oder in dem großherzoglichen Theater in Weimar nur träumen konnte.
– Ich glaube, ich werde eine Operettensängerin, sagte Elisabeth. Wenn ich Frau Fromme losgeworden bin.
– Sag mal, Elisabeth, warum bist du nicht hiergeblieben, um zu studieren? Wenn ich es richtig verstanden habe, die Königliche Akademische Hochschule soll eine recht angesehene Lehranstalt sein, sagte Marie.
– Ja, das ist sie. Ich habe mich da beworben, wurde aber nicht aufgenommen. Weil ich doch eine Sängerin werden wollte, und weil man sagte, ich habe Talent, habe ich mich dann in Weimar beworben. Eigentlich bereue ich es nicht. Es schien mir nicht sehr verlokkend zu Hause wohnen zu müssen. In Weimar kontrolliert mich niemand und ich mach mir nichts daraus, was die Wirtin der Pension über mich denkt. Ich bin ihr in einem Wohnheim für Mädchen keine Rechenschaft schuldig. Junge Männer kann man dorthin nicht bringen, aber ich kann sie auch anderswo treffen, erklärte Elisabeth.
– Gehst du mit jemandem, wollte Caroline wissen.
– Auch wenn ich gehen würde, würde ich es dir nicht erzählen, du Fräulein Neugierig. Ich kann nur so viel verraten, dass ja, ich gehe mit jemandem. Mit wem denn? Über kurz oder lang wirst du es erfahren. Bis dahin sind meine Lippen versiegelt.
Nachdem sie die schöne Helena mit Genuss zugesehen hatten, wollten die Offiziere die Mädchen als Nachspeise sozusagen zu einem Tanzlokal bringen.
– Das Lokal ist zwar ziemlich volkstümlich, überhaupt nicht gediegen. Und genau daran liegt die Würze, sagte Alexander von Schwerin.
– Ich habe schon immer so ein Lokal besuchen wollen, begeisterte sich Bettina.
Die anderen Mädchen waren genauso angetan, denn niemand wollte schon nach Hause gehen.
– Wir sollen bis zum Schluss sündig bleiben, wenn wir uns schon auf diesen Weg begeben haben, sagte Marie zu Bettina. Du brauchst ja Franz nichts zu erzählen.
– Das werde ich bestimmt nicht tun. Ich werde bestimmt mein restliches Leben lang ihn ansehen. Bevor das so weit ist, will ich lieber noch ein wenig mich umblicken, als später mein sündloses Leben bereuen.
Das Tanzlokal lag in dem abgelegenen Stadtteil Kreuzberg, der offensichtlich eine Wohnsiedlung der unteren Schicht der Bevölkerung war. Aber der Tanzsaal schien unter allerlei Menschen beliebt zu sein. Da waren Arbeiter, Offiziere, Menschen, die aussahen und sich gaben wie Dienstmädchen, Herrengefolge und eine Dame aus besseren Kreisen mit ihrer Federboa in Gesellschaft eines Herrn. Polka schien die beliebteste Tanzart zu sein und es ging wild her wie in Sodom und Gomorrha, genau so wild, wie es die Mädchen von Berlin erwartet hatten.
In den frühen Morgenstunden begleiteten die Männer die Mädchen nach Hause. Einige Küsschen tauschte man wohl auf dem Weg nach Hause. Niemand hat sie gezählt.
Die Wirtin der Pension machte mit Wicklern auf dem Kopf die Türe auf und verschwand wieder in ihre Wohnung. Sie schien sich nicht allzu sehr darum zu kümmern, ob die Mädchen die jungen Männer hereinbeten würden. Vielleicht geschah das noch oft.
Die Mädchen schliefen sehr spät in den nächsten Tag hinein.
Um die Mittagszeit erstattete Marie Besuch bei der Familie ihres Onkels Ernst in Charlottenburg, so wie es im vornherein schon abgemacht war.
Die Familie wohnte in einem prächtigen, zweistöckigen Steinhaus in einer Gegend, die sehr wohlhabend wirkte.
– Du bist aber seit der letzten Begegnung sehr gewachsen, war die übliche Begrüßung, mit der die Verwandten normalerweise das Gespräch eröffneten und Frau Adelheid Rosener war da keine Ausnahme. Adelheid war eine schlanke, blondhaarige, neben Onkel Ernst recht jung wirkende Frau. Der Altersunterschied durfte über dreißig Jahre sein.
– Natürlich bin ich grösser geworden. Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, war ich zehn Jahre alt, antwortete Marie.
– Ja, tatsächlich, wie die Zeit schnell vergeht, stimmte Onkel Ernst zu.
– Meine liebe, alte Mutter hat geschrieben, dass du recht viel Erfolg in deiner Schule gehabt hast. Darüber sind wir sehr froh. Mein Bruder Arnold war schon immer recht musikalisch. Vererbung der Familie. Kinder kommt eure Kusine, die Marie, begrüßen! Sie ist uns von Weimar besuchen gekommen, sagte Onkel Ernst.
Die Kusinen und Vetter beugten sich oder machten einen Knicks in einer geraden Reihe stehend. In der Altersfolge: Anna, Ferdinand, Otto, Lise und Elisa.
Beim Mittagessen wurde über dies und jenes diskutiert. Marie erzählte was für einen großen Eindruck Café Kranzler, die Vorführung im Lindentheater und die Kunstschätze der Nationalgalerie auf sie gemacht hatten. Über Kreuzberg sagte sie nichts, obwohl das die interessanteste Erfahrung auf ihrer Reise nach Berlin gewesen war.
Am Nachmittag wollten die Mädchen noch bei Apotheker Acker im Tiergarten Kaffee trinken gehen bevor sie sich auf dem Heimweg machen würden. Die Mädchen statteten auch bei den Eltern Elisabeths einen Besuch ab, die die Studienkolleginnen ihrer Tochter kennen lernen wollten. Durch das Fenster des Raumes bot sich ein herrlicher Ausblick auf den Tiergarten, woraus man im Frühling und im Sommer Vogelgesang und das Brüllen von Löwen hören konnte.
Bettina, Marie und Caroline lobten Elisabeth zu ihren Eltern, wie viel diese gelernt hatte und was für eine schöne Stimme sie hatte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, sich in Weimar zu bewerben. Elisabeth hatte alle Möglichkeiten irgendwann in der Berliner Oper zu landen.
Am Abend trafen die Mädchen wieder ihre Offiziere, und diesmal machte man sich auf den Weg zum Kabarett am Unter den Linden und danach ging man noch in das vornehme Restaurant Königspark etwas essen, wo Marie das erste Mal in ihrem Leben russischen Kaviar kostete.
Am nächsten Vormittag begleiteten die edlen Offiziersherren die Mädchen zum Bahnhof, neue Treffen wurden abgemacht und übliche Höflichkeiten ausgetauscht. Zumindest Caroline traf später Offizier Knecht, denn dieser wurde mit ihr, Hand in Hand, am Perlentanzball der von Voigts gesehen.
Die meist erwartete Veranstaltung des Frühlings stand bevor; das Perlenfest im Hause des Kommerzienrats von Voigt. An diesem Fest pflegte man nebst dem Tanzen und Gespräche führen üblicherweise auch Vorführungen der Künstler der Stadt zu sehen und zu hören.
Die von Voigts hielten die Leute in Spannung in dem sie die Einladungen in letzter Minute verschickten. Marie rechnete nicht einmal mit einer Einladung, aber Robert Wieland erhielt eine. Die Einladung galt auch für seine Begleiterin. Das kam einem etwas merkwürdig vor, denn die von Voigts wussten doch, dass die Braut Wielands im Herbst verstorben war.
Marie stimmte zu, Wieland zu begleiten, weil sie auf jeden Fall in der Lage sein müssten, ihr Leben wie gewohnt weiter zu leben, unabhängig davon, was die Leute über sie denken mochten.
Was man auch immer von Robert Wieland denken würde, in Weimar war es schwierig, ihn einfach zu übergehen, wenn man die Gästelisten für verschiedene Veranstaltungen plante. Das Haus, in dem die angesehene Familie Wieland in Weimar gewohnt hatte, stand noch neben dem traditionellen Hotel Elephant am Rande des Marktplatzes. Eine Sehenswürdigkeit des historischen Friedhofs war das Familiengrab der Wielands.
Das wärmte das Herz des jungen Wielands der neuen Generation nicht sonderlich, sondern war für ihn nur ein Relikt aus der alten, staubigen Geschichte dieser Stadt.
Die Damen konkurrierten um die Ansehnlichkeit ihrer Kleider. Marie musste sich wieder auf ihre Mutter verlassen. Die Erwartung solcher Feste hatte auch den Reiz, dass man die eigene Kleidung planen und die Kleidung der anderen Gäste enträtseln konnte.
Nach langem hin und her entschied sich Marie für ein warm braunes Samtkleid. Das Kleid hatte große, seidene Maschen in den Falten der Saumkante. Es nahm mehrere Stunden in Anspruch eine große Rosette aus Samt stabil auf den Kopf in die Mitte der kleinen Zöpfchen zu befestigen. Großmutter Gertrud erteilte ihre Ratschläge, die Minna und Charlotte so gut wie möglich zu befolgen versuchten.
Als Anleitung für die Haarpracht diente Großmutters alte Zeichnung. Die gleiche Kreation soll eine junge Adelsfrau namens Maria aus Wien getragen haben.
Als die Familie sich mit der Haarkreation schwermachte, kam Wieland, um seine Begleitung abzuholen.
– Falls Maries Kleid kein Aufsehen erregt, die Haarpracht tut es auf jeden Fall, lachte Wieland.
Er plauderte einen Moment lang mit Maries Eltern. Diese wünschten sich, dass der junge Mann sie wieder öfter mal bei sich zu Hause besuchen würde. Es war so niedlich zwei so talentierte Menschen musizieren zu hören. Es füllte das Haus mit erfrischender Fröhlichkeit.
– Fröhlichkeit ist genau das, was wir in diesen düsteren Zeiten brauchen, sagte Minna.
Robert Wieland gefiel es sehr, was er da hörte, denn auch er hatte die Musikstunden und die Diskussionen im Wohnzimmer der Roseners vermisst. Er versprach bei nächster Gelegenheit die Familie Rosener mit einem Besuch zu erfreuen.
Kommerzienrat Hans von Voigt, zusammen mit seiner blondhaarigen Gattin, gekleidet in altrosa, Emilie von Voigt, begrüßte die Gäste bevor sie sich in den großen Saal begaben. Für jeden fanden sie ein freundliches Wort.
– Komponist Wieland, wie schön, dass sie kommen konnten!
– Darf ich Ihnen meine Begleiterin vorstellen? Womöglich kennen Sie Fräulein Marie Rosener schon?
– Marie Rosener? Aber sicher doch. Schön, dass Sie auch kommen konnten. Könnten wir darauf hoffen, dass Sie uns heute Abend etwas vorführen?
Marie lächelte. – Sehr gerne. Ich muss es aber noch mit meinem Begleiter, Robert Wieland, besprechen. Wir haben uns gar nicht darauf vorbereitet.
Bettina kam mit ihrem Vetter, Wilhelm von Schaun, zum Tanzball. Sie strahlte wie eine Rose in ihrem dunkelroten Kleid neben dem großen, dunkelhaarigen Wilhelm.
Hanna von Kügelgen zeigte sich in Begleitung mit einem für Marie ganz unbekannten jungen Mann.
Eduard Schuster, ein Cellist und Pianist, schien der Kavalier von Anna Liebknecht, gekleidet in blau, zu sein. Marie hatte vorher schon oft festgestellt, dass Anna sich jedes Mal das passende Kleid ausgesucht hatte. Sie hatte sich einige, zum Kleid passende, blaue Blümchen in die blonden Haare gesteckt.
Den imposantesten Eintritt und das größte Aufsehen erregte der Koloraturstern Nanette Strobl beim Betreten des Saals. Sie war in leuchtend grünen Seidensamt gekleidet. Das Kleid schwang wie eine grüne Wiese voll von Leben um sie herum.
Ihre Mandelaugen leuchteten wie Edelsteine in ihrem schönen Gesicht. Ihre aufrechte, zierliche Haltung strahlte Stolz aus wie bei einer Königin.
In Nanettes Begleitung war der neue Heldentenor der Weimarer Oper, Moritz Gautenberg.
Auch der Rektor der Musikschule, Professor Müller und seine Frau schienen anwesend zu sein. Er nickte leicht in Roberts und Maries Richtung als er sie bemerkte.
Marie hatte seit der Aufnahmeprüfung nur wenig mit ihm zu tun gehabt. Sie war ja bloß eine der zweihundert Studierenden in der Schule.
Als die Franz-Liszt Musikschule immer mehr Berühmtheit erlangte, stieg auch die Anzahl der Bewerber jedes Jahr. Marie war jedoch sicher darüber, dass Rektor Müller ihren, als auch den Erfolg der anderen Schüler, ganz genau verfolgt hatte. Studierende, die keinen Fortschritt vorweisen konnten, mussten die Schule verlassen. Der Fleiß wurde hochgeschätzt, auch wenn man kein Genie war.
Wäre Robert Wieland kein Genie gewesen, hätte er zumindest aufgrund seiner Tüchtigkeit nicht in der Schule bleiben dürfen. Wieland hatte – zumindest bis anhin – so gut wie keine Prüfungen abgelegt. Er kam zur Schule wann es ihm gefiel und ging wann er wollte.
Wäre er nicht von Natur aus so talentiert und ein Nachkomme des berühmten Dichters Wieland gewesen, stünde er bei Dr. Müller nicht so in seiner Gunst und dieser würde bei Wielands Gleichgültigkeit gegenüber dem Studium das Auge nicht dermaßen zudrücken.
– Willkommen meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich heiße sie alle herzlich willkommen zu unserem traditionellen Perlenfest, womit wir den Frühling einläuten wollen.
Kommerzienrat von Voigt stand zusammen mit seiner eleganten Frau in der Mitte des großen Festsaals und eröffnete den Empfang. Emilie von Voigt war die Schwester des Hofrats von Schaun, eine mütterlich wirkende, blonde Frau mit runden Backen.
Marie dachte darüber nach, wem von den beiden Elternteilen Helmut von Voigt mehr ähnelte. Seine dunklen Haare und seine Nase hatte er von seinem Vater, aber sonst ähnelte er keinem der beiden.
– Zum Beginn wäre es doch angebracht auch etwas geistige Nahrung und Aufmunterung für die Seele zu bekommen. Bitte bedient euch und genießt die Gaben auf dem Tisch! Lasst uns nun unsere Gläser auf die glückliche Erwartung des Frühlings erheben!
Als alle Gäste ihr sprudelndes Getränk und das Frühlingserwarten sein dreifaches Es lebe hoch erhalten hatten, verstummten die Stimmen, um den Kunstdarstellungen des Abends zuzuhören.
– In unserer Stadt gab es schon immer viele angesehene, talentierte Künstler, und es sind neue, viel versprechende Künstler im Anmarsch, sprach Kommerzienrat von Voigt zu seinen Gästen.
– Ich schlage vor, wir fangen mit den Jüngeren an. Ich freue mich Ihnen die junge Sängerin, Anna Liebknecht, vorstellen zu dürfen. Sie wird von Eduard Schuster begleitet.
Marie war etwas überrascht. Ganz großartig für Anna, die jetzt auf diese Weise Publizität für ihr Können bekommen würde.
Im Publikum hatte Marie auch ihre Lehrerin, Emmy Fromme mit ihrem Mann, dem Apotheker Becker, entdeckt. Ihre aufmerksamen Augen waren nun auf Anna Liebknecht gerichtet. Ihrem Gesichtsausdruck konnte man entnehmen, dass sie sich wünschte, dass Anna ihrer Lehrerin Ehre machen würde.
Anna Liebknecht verkündete, dass sie das Lied Lachen und Weinen von Franz Schubert singen werde.
Marie hatte Anna das gleiche Lied schon in der Schule singen hören. Es war nicht zu schwierig in Bezug auf Annas Talent. Das Lied bewegte sich leicht spielerisch nur im Mittelregister. Eine hervorragende Wahl für das Anfangslied.
Wohlwollender Beifall zauberte der jungen Darstellerin gleich ein schwaches Lächeln auf ihr Gesicht.
Als nächstes Lied verkündete Anna das Lied von Suleika von Schubert, für welches der Text gemeinsam von Goethes Liebling Marianne von Willemer und von dem verliebten Goethe stammte.
Was bedeutet die Bewegung?
Bringt der Ost mir frohe Kunde
seiner Schwingen frische Regung
Kühlt des Herzens tiefe Wunde.
Wieland wiederholte in seinen Gedanken die Worte des Liedes. Wird Clara wohl als Ostwind kommen, um mir zu verzeihen und meine brennenden Wunden abzukühlen?
Der Klavierspieler, Eduard Schuster, der dabei war, sich im Liederbegleiten zu spezialisieren, trug auch seinen Teil an das gelungene Schlussergebnis bei.
Marie spürte, genau wie ihre Lehrerin, Frau Fromme, Erleichterung für Anna als diese ihre Aufgabe, so ein anspruchsvolles Lied zu singen, mit Bravour gemeistert hatte. Alle wussten, wie schwer es ist, als Erstes singen zu müssen.
Anna hatte eine gute Stimme, aber was sie auch sang, wirkte irgendwie alltäglich. Sie sollte lernen sich zu entspannen, wodurch auch ihre Stimme freien Lauf nehmen und die unnötige Vorsicht in ihrer Interpretation verschwinden würde.
Die nächste Darstellerin schien selbst Emmy Fromme zu sein.
Frau Fromme segelte in ihrem kräftig violetten Seidenkleid vor das Klavier mit einer stattlichen Figur wie ein mächtiges Schiff im Lichte der untergehenden Sonne. Sie war recht groß. Frau Frommes Stimme übertrug laut und deutlich den ganzen Saal.
– Ich singe euch eine Arie aus der Oper Der fliegende Holländer.
Johohoe! Johohoe! Johohoe!
Marie erschrak beinahe als sie Frau Fromme anfangen hörte. Die Senta könnte wohl ein wenig beherrschter ertönen.
Betet zum Himmel, dass bald ein Weib
Treue ihm halt!
Diese Stelle schrie Frau Fromme mit einer ungeheuren Leidenschaft. Es klang etwas komisch, weil es sich eher um ein Gebet handelte, als um eine Wunschäußerung. Die Aufführung war aber alles in allem recht plausibel.
Wegen ihres Alters war Frau Fromme nicht mehr ideal als Senta, aber wenn Marie sie so singen hörte, konnte sie gut verstehen, dass Frau Fromme in ihrer Jugend in Bayreuth eine recht beeindruckende Erscheinung gewesen war.
Der ständige Begleiter Frau Frommes am Klavier, Fritz Bamberg, der Pianist, sah recht unscheinbar neben ihr aus. Vor allem weil Bamberg in so einer krummen Stellung spielte, dass sein rötliches Gesicht praktisch auf der Tastatur des Klaviers lag. Offenbar war er ziemlich kurzsichtig.
Marie erinnerte sich, dass Sentas Arie nicht höher als bis zu dem Ton G reichte. Die Höhe der Töne ist nicht unbedingt das Schwierigste bei den Arien von Wagner, sondern, dass man sich ununterbrochen zwischen den Grenzbereichen der Stimme bewegt, so dass die Stimme recht ausdauernd sein muss. Und diese Ausdauer der Stimme, die Wagners Arien verlangen, haben die ganz jungen Frauen noch nicht. Die kommt mit der Zeit, wenn überhaupt.
Sentas Rolle ist eine recht interessante Rolle. Die junge Frau hat aufreizende Leidenschaft in sich aber auch eine Art noble, monumentale Größe. Marie sehnte herbei, dass sie einmal Rollen von Wagners ergiebigen Frauengestalten singen könnte. Einzelne Arien hatte sie schon geprobt, aber eine ganze Oper zu singen wäre für ihre Stimme ein Selbstmord.
Sehr zu Maries Enttäuschung lieferte Frau Fromme keine weiteren Beweise von ihrem Wagner-Können.
Die als nächstes Auftretende übertraf dann alle anderen. Sie war niemand anders als der Koloraturstern Nanette Strobl. Als erstes führte sie ein Rezitativ und eine Arie aus der Oper Linda di Chamounix von Gaetano Donizetti auf Italienisch auf, wie denn sonst. Auch sie wurde von Eduard Schuster begleitet.
Ah! Tardai troppo –
O luce di quest’anima.
– Ah, wie lange zögere ich. Wie blühend strahlt das Licht dieser Seele, flüsterte Marie zu Robert Wieland. Sie war in so einer Ekstase, dass sie gar nicht bemerkte, wie heftig sie die Hand dessen drückte.
Marie wusste nicht die ganze Wahrheit, was zwischen dem Komponisten Wieland und dem Koloraturstern passiert war. Über das Thema hatte Nanette keine Gedanken austauschen wollen. Aber irgendetwas Gravierendes muss es gewesen sein, weil Nanette dem jungen Komponisten so plötzlich den Rücken gekehrt hatte.
Nanette hatte erstaunlich kaltschnäuzig die weiteren Annäherungsversuche Wielands abgewehrt. Marie konnte mit gutem Grund daran glauben, dass es sich nun um eine Tragödie Robert Wielands handelte. Sich unglücklich in jemand zu verlieben und keine Gegenliebe zu erhalten. Er musste jetzt genau das Gleiche durchmachen, was er Clara angetan hatte.
Als er während des Abends nun verstohlen Nanette und den Herzensbrecher-Sänger Gautenberg beobachtete, wurde ihm zumindest ein Teil dieses Mysteriums langsam klar. Die Gestik des Paares, wenn sie sich miteinander unterhielten, zeigte solch eine Zusammengehörigkeit, dass sie miteinander ein Verhältnis haben mussten. Wie ernst es war, war schwer einzuschätzen.
Wie es dem auch sei, der junge Wieland litt enorm in seinem unglücklichen Zustand, in den das Leben ihn so unerwartet und grausam hineingeworfen hatte.
Als Robert den festen Händedruck Maries spürte, dachte er nun, dass er seine Gefühle doch erneut zu Marie Rosener lenken sollte.
Andere Gäste, die sie für mitschuldig an Claras hoffnungsloser Tat hielten, hatten bemerkt, dass die Gesangstudentin und der Komponist zusammen zum Fest gekommen waren.
Marie hatte keine Ahnung, was die Leute um sie herum dachten. Ihre Gedanken waren nun gänzlich auf Nanette Strobl fokussiert, die zur Begeisterung aller noch eine zweite, hochschwierige italienische Arie sang. Auch mit diesem Arie bezauberte ihre feine Belcanto Technik und ihre strahlende Stimme die Anwesenden.
Marie war überglücklich als sie Nanettes Gesang zuhörte. Die dunklen Augen Nanettes strahlten wie die Perlen, die aus ihrem Mund in einer Kette herauspurzelten während sie als Amina das Rezitativ und die Cavatine der Oper Die Schlafwandlerin von Vincenzo Bellini sang.
Oh, wie heiter ist mir heute
der neue Tag aufgegangen!
Marie hatte im Herbst das Studium mit Nanette Strobl fortgesetzt und im Frühling lernte sie weiterhin mit ihr, geheim vor Frau Fromme. Sie hatte viele neue Sachen gelernt, insbesondere italienische Belcanto-Technik, wie man die Muskeln in den Rippen und den ganzen Körper für die Bildung hoher Töne benutzt und diese mit Leichtigkeit noch höher hebt.
Vorläufig hatte Marie das Frischgelernte noch nicht zeigen können, schon deswegen nicht, weil die Mädchen des zweiten Jahreskurses zumindest bis anhin noch keine italienischen Arien gesungen hatten. Frau Fromme war eine überzeugte Fürsprecherin der beständigen, deutschen Doktrin. Marie hatte ihre Begabung in der italienischen Opernwelt bei Nanette und bei sich zu Hause ausprobiert.
Marie tanzte ein paar Male mit Helmuth von Voigt und mit Wilhelm von Schaun. Aus irgendeinem Grund wirkten beide merkwürdig schweigsam.
Helmuth klagte über die Hektik bei der Arbeit. Er war dem Vernehmen nach sogar ein zu populärer Arzt geworden. Jetzt, als die Stadt einen jungen Facharzt für Frauenkrankheiten bekommen hatte, hatten die Beschwerden der Frauen erstaunlicherweise zugenommen.
– Vielleicht leidest du unter Mangel an Liebe, versuchte Marie zu scherzen, aber das schien den von Voigt nicht zu erheitern. Es könnte doch sein, dass er es mit Elisabeth Acker gerade nicht so guthatte, weil er nicht in ihrer Begleitung war.
Womöglich litt Wilhelm unter der gleichen Krankheit, weil er so gut wie nichts sagte. Marie hatte keine Lust künstlich das Gespräch aufrechtzuerhalten. Sie hätte aber zu gerne Wilhelm direkt fragen wollen, ob er nächstens zu heiraten plante, weil er das Tempo seines Studiums in Jena beschleunigt hatte. Das war jedenfalls Bettinas Einschätzung.
Marie konnte nicht so richtig daran glauben, dass der Grund für das beschleunigte Tempo beim Studium eine mögliche Heirat gewesen wäre. Wilhelm hatte Marie erzählt, dass Vater von Schaun ihm den Geldhahn zudrehen würde, falls sein Sohn nicht bald mit dem Studium fertig werden würde.
Oder seine Mutter drängte ihn dazu. Möglicherweise hatte Caroline von Schaun Angst, dass ihr Sohn an die falschen Frauen geraten würde und hatte deswegen zu stärkeren Mitteln gegriffen.
Wilhelm selbst schien es überhaupt nicht eilig mit dem Studium zu haben. Er schien sich in Jena wohlzufühlen, wo er seine eigenen Sachen außerhalb des ewigen Gemeckers seiner Mutter und der Forderungen seines Vaters machen konnte.
Als Marie von Bettina wissen wollte, wer wohl die Auserwählte von Wilhelm war, konnte sie nicht antworten, aber sie vermutete, dass einer der beiden Dauerfavoritinnen, entweder Wilhelmine Schlegel oder Hanna von Kügelgen, die in Frage stehende Person sei, es sei denn, es gab noch eine geheimnisvolle Person für ein Techtelmechtel in Jena.
Die Berührung der Hand Wilhelms, die Erinnerung an die Küsse, als Wilhelm sein Leben riskierend Marie die erste Seerose des Frühlings aus dem Wasser geholt hatte, war ein gemeinsames Geheimnis, worüber man den Außenstehenden nichts preisgeben musste. Marie hatte nicht einmal mit Bettina darüber gesprochen.
Marie konnte sich nicht vorstellen, dass Wilhelm sich auf die gleiche Weise mit Wilhelmine verhalten würde. So „trocken“ und „künstlich“ wie Wilhelmine war. So eine Frau würde Wilhelm wohl kaum reizen. Eher würde sie Wilhelms Mutter gefallen, die genauso trocken war. Hanna würde ihn vermutlich auch nicht zu solch einem romantischen Verhalten verleiten.
Marie fiel es schwer zu glauben, dass Wilhelm eines der beiden Mädchen zu heiraten plante. Die geheimnisvolle Person wiederum war ein vollkommenes Rätsel. Sollte Bettina mit den Behauptungen rechthaben, gefiel es Marie nicht, obgleich die Beschreibung Techtelmechtel Bettinas sie amüsierte.
Tief in ihrem Inneren wollte Marie an die Ehrlichkeit Wilhelms glauben, an die Echtheit des geheimen Verhältnisses der beiden, aber das Gerede Bettinas über die möglichen Heiratspläne von Wilhelm schockierte sie.
Caroline Krüger hatte den ganzen Abend glücklich an den Armen des Offiziers, Carl Knecht, getanzt. Nun kamen sie und begrüßten Marie, um ihr die Grüße von ihrem Kavalier während des Berlin Aufenthaltes, Alfred Königstein, zu übermitteln. Dieser wünschte, dass die Mädchen wieder mal einen Besuch abstatten würden und er Fräulein Rosener wieder beim fröhlichen Beisammensein treffen würde.
Als Caroline gegangen war, fragte Wieland, was Caroline eigentlich gemeint habe und wer Alfred Königstein sei.
– Er ist bloß ein junger Offizier beim Regiment Kaiser Alexanders. Ich habe ihn während unserer Berlin-Reise kennengelernt. Wir haben in einem Lokal in Kreuzberg getanzt. Ich kenne ihn nicht näher. Die schnelle Erklärung machte Wieland kein bisschen weiser. Von einer Berlin-Reise hatte er nichts gehört.
– Wir waren dort eingeladen bei Elisabeth Acker. Eine Art Erholungsreise, erklärte Marie ohne weitere Details bekanntzugeben.
Die Diskussion wurde unterbrochen, als Professor Jacobi von Marie wissen wollte, was ihr Studium so machte.
– Jedenfalls habe ich das Niveau Nanette Strobls noch nicht erreicht. Aus mir wird wohl nie eine Koloratur.
– Sie ist eine Ausnahme. Alle können nicht Koloratursoprane werden. Die Beweglichkeit der Stimme ist oft angeboren. Aber ich würde es nicht für ganz unmöglich halten.
Marie war erleichtert, dass Professor Jacobi mit keinem Wort Clara erwähnte. Sie hätte selbst ganz gern über das Thema gesprochen, getraute sich aber nicht die Sache aufzunehmen. Wenn Professor Jacobi über Clara reden wollte, würde er bestimmt die Initiative dazu ergreifen.
Zu Robert Wieland sprach Professor Jacobi kein Wort. Er hatte schon früher ganz deutlich zu verstehen gegeben, dass er Robert Wieland für den Hauptschuldigen für das Schicksal seiner Tochter hielt. Da gab es nichts dazuzufügen.
Marie wunderte sich jedoch, ob Professor Jacobi sich selbst für ganz unschuldig hielt. Er war ja Claras Vater und Erzieher und hatte das Großwerden seiner Tochter von Kind an verfolgt. Dafür, dass Clara fast volljährig war, war sie doch recht naiv gewesen, als ob sie vollkommen unwissend über gewisse Tatsachen im Leben gewesen wäre. Und hätte man die Krankheit Claras nicht schon viel eher in Angriff nehmen können?
Marie sauste hin, um Nanette für ihren Gesang zu danken und zerrte ihren widerwilligen Begleiter hinter sich her. Nanette stellte ihnen Moritz Gautenberg vor. Er lächelte freundlich mit seinen braunen Augen, die gleich samtig waren wie die Stimme des Haupttenors der Oper.
– Fräulein Rosener. Ich habe sie im Schülerkonzert gehört. Ihr Auftritt hat mich sehr beeindruckt. Werden sie hier heute auftreten?
– Danke, aber mein Gesang ist nichts verglichen mit Nanettes. Ich wünschte ich könnte einmal so singen wie sie. Ich bin nur als Wielands Begleitung hier. Er hat eine Einladung für zwei Personen bekommen.
– Mariechen, du wirst immer besser werden. Ich unterrichte dich ja, sagte Nanette.
– Marie, es ist Zeit für uns nach Hause zu gehen. Robert Wieland unterbrach die Unterhaltung. Er beugte sich leicht in Nanettes Richtung.
– Aber Fräulein Rosener, wir haben doch abgemacht, dass wir heute Abend auch sie singen hören werden, sagte der Gastgeber des Abends, der Kommerzienrat von Voigt eilig als Marie und Wieland im Begriff waren aufzubrechen.
– Natürlich singst du, Marie, sagte Nanette.
– Aber ich habe doch gar nichts geübt, sagte Marie entsetzt.
– Hier, Marie. Wir haben doch Rosinas Kavatine gesungen. Nanette schnappte Gautenberg ihr Notenheft aus der Hand und reichte es Wieland.
– Darf ich bekannt geben, dass Sie singen, fragte von Voigt.
– Tun Sie das, bitte, sagte Wieland.
Der Herr des Hauses klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit seiner Gäste auf sich zu lenken. – Fräulein Rosener hat sich bereit erklärt uns etwas zu singen. Die Überraschung des Abends!
– Für mich ist das auch eine Überraschung. Ich bin nicht darauf vorbereitet, so hoffe ich für Verständnis. Ich singe euch Rosinas Kavatine aus der Oper der Barbier von Sevilla. Rosina fragt ihr pochendes Herz, was und wer ihre Gefühle ins Feuer bringen wird.
Una voce poco fa, si Lindoro mio sara…
Später spazierten Marie und Robert langsam durch die sternbeleuchtete Stadt.
– Der hell leuchtende Stern dort muss der Polarstern sein, sagte Robert.
– Er strahlt noch heller in Norwegen, im Land Edvard Griegs. Wenn ich nur einmal dorthin reisen könnte. Ich möchte so gern den Komponisten treffen, der für mich Musik komponiert, sagte Marie.
– Och, Marie. Wenn ich nur vergessen könnte, was ich Clara angetan habe.
