Marmeladensommer - Persephone Haasis - E-Book

Marmeladensommer E-Book

Persephone Haasis

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Beschreibung

Sommer, Sonne, Seeromantik - Herzkino zum Lesen

Glitzernd liegt der Bodensee vor ihr. Nur mit einem alten Foto von einem Obsthof ist Emmi, die in Frankfurt ein Catering-Unternehmen führt, hierhergekommen, um ihren Vater zu finden. Sie nimmt ein Zimmer in einer kleinen Pension am See, die einem netten älteren Ehepaar gehört. Auch wenn deren Sohn Oliver, der im Ort eine Segelschule betreibt, anfangs wenig angetan ist von der wasserscheuen Großstädterin, hilft er Emmi bei ihrer Suche. Tatsächlich finden sie ihren Vater, dessen idyllischer Bio-Obsthof leider wirtschaftlich vor dem Aus steht. Emmi will unbedingt helfen und beginnt aus dem Obst nach ihren Rezepten Marmeladen zu kochen. Besonders dem smarten Hotelbesitzer Tim gefallen die Marmeladen – und die hübsche Marmeladenköchin. Und so steht Emmi nun nicht nur mit jeder Menge Obst in der kleinen Küche der Pension, sondern auch zwischen zwei Männern …

So schmeckt der Sommer: mit verführerischen Marmeladenrezepten!

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Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Glitzernd liegt der Bodensee vor ihr. Nur mit einem alten Foto von einem Obsthof ist Emmi, die in Frankfurt ein Catering-Unternehmen führt, hierhergekommen, um ihren Vater zu finden. Sie nimmt ein Zimmer in einer kleinen Pension am See, die einem netten älteren Ehepaar gehört. Auch wenn deren Sohn Oliver, der im Ort eine Segelschule betreibt, anfangs wenig angetan ist von der wasserscheuen Großstädterin, hilft er Emmi bei ihrer Suche. Tatsächlich finden sie ihren Vater, dessen idyllischer Bio-Obsthof leider wirtschaftlich vor dem Aus steht. Emmi will unbedingt helfen und beginnt aus dem Obst nach ihren Rezepten Marmeladen zu kochen. Besonders dem smarten Hotelbesitzer Tim gefallen die Marmeladen – und die hübsche Marmeladenköchin. Und so steht Emmi nun nicht nur mit jeder Menge Obst in der kleinen Küche der Pension, sondern auch zwischen zwei Männern …

Persephone Haasis, geboren 1989, hat Kreatives Schreiben, Literaturwissenschaft und -vermittlung in Hildesheim und Bamberg studiert. Sie liebt den Sommer und hat als Kind mit ihrer Mutter jedes Jahr unzählige Gläschen mit Marmelade eingekocht. In ihrem vierten Roman »Marmeladensommer« erzählt sie von genau diesem Gefühl – und natürlich von einer bezaubernden Liebesgeschichte, die auf einem idyllischen Obsthof am Bodensee spielt. Persephone Haasis lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort im Pfälzerwald und genießt die regelmäßigen Ausflüge an den Bodensee, die sie auch zu diesem Roman inspiriert haben.

»Persephone Haasis’ Bücher vermitteln Sinnlichkeit und Lebenslust.« Freundin

Außerdem von Persephone Haasis lieferbar:

Das Glück schmeckt honigsüß

Küsse im Aprikosenhain

Ein Sommer voller Himbeereis

www.penguin-verlag.de

Persephone Haasis

Marmeladensommer

Roman

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Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2025 der Originalausgabe by Persephone Haasis und Penguin Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Lisa Wolf

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagabbildung: www.buerosued.de

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-27229-6V002

www.penguin-verlag.de

Prolog

Es wirkte, als hätte ein Maler seinen Pinsel in ein Wasserglas getaucht, als die Sonne hinter den Bergen versank und den Himmel und das Wasser zu einer Mischung aus Karmesin und Apricot färbte. Leuchtend wie ein glühender Ball schickte sie ihre letzten Strahlen über den See, der sich glatt wie Glas zu ihren Füßen ausbreitete. Sie hörte das leise Rauschen der Blätter über sich, spürte, wie der Wind mit ihrem Rocksaum spielte, sich in ihren Haaren verfing und dann weiterwanderte, um über die Halme zu ihren Füßen zu streifen und sich auf- und davonzumachen. In diesem Moment wünschte sich Maren, sie könnte es ihm gleichtun. Sie stellte sich vor, sie wäre leicht wie der Wind, frei, ungebunden. Doch das war sie nicht. Ihr Blick wanderte wieder auf die Wasseroberfläche, die sich jetzt in ein Farbenspiel aus Magnolienrot und Zitrin wandelte. Wieder fuhr ein Windstoß durch das Gras, ließ einen Halm ihr Bein kitzeln, doch die Natur und deren beeindruckendes Schauspiel am Himmel konnte sie nicht von ihren Sorgen ablenken. Schwer wog die Last der Entscheidung auf ihren Schultern, schwer fühlte sich jeder Atemzug an, den sie tat. Auf ihrer Wange lag eine Träne, eine einzelne, von der sie vermutete, dass sie jetzt in der Abendsonne glitzerte wie der erste Stern, der sich heimlich an den admiralblauen Himmel gestohlen hatte. Dieses Mal musste der Wind sie trocknen, denn er würde es nicht tun. Sie hatte es ihm sagen wollen, hatte ihm erzählen wollen, dass sich ihr Leben, ihrer beider Leben, von einem Moment auf den anderen geändert hatte. Dass sie ihre Zukunft neu überdenken wollte. Doch er hatte bereits neu angefangen, ohne sie. Immer wieder ging ihr das Gespräch durch den Kopf, das sie mit angehört hatte und das doch nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen war. Eine wie sie könne man nicht heiraten, in eine wie sie sich nicht Hals über Kopf verlieben, und schon gar nicht alles für sie aufgeben. Daran hatte er sich gehalten, wie sie schmerzlich hatte feststellen müssen. Dabei hatte sie gedacht, er wäre bereit dazu, wenn sie nur … Ja, wenn. Jetzt konnte sie nicht mehr. Letztes Mal hätte sie es ihm sagen können. Damals waren sie hier gewesen, an der gleichen Stelle, zusammen. Jetzt war sie allein. So, wie sie es immer sein würde, wenn sie diesen Schritt ging. Und irgendwie doch nicht. Ihre Hand wanderte an ihren Bauch.

»Emilia hat mir geraten, zu gehen und dich mitzunehmen«, hatte er ihr letztes Mal ins Ohr geraunt.

»Das geht nicht«, hatte sie gesagt.

»Warum?«

»Weil du hierhergehörst.«

Da hatte er sie nur an sich gezogen, fest in seine Arme geschlossen und sie gehalten. Sie hatte den Wellen zugehört, die sich zu ihren Füßen überschlugen und auf das Ufer hin ausliefen, seinem Atem gelauscht, der langsam und gleichmäßig gegangen war. Sie hatte jeden Atemstoß gespürt, wie er warm und sanft über ihre Haut gestrichen hatte, dicht an ihrem Hals, wie er ihre kleinen feinen Härchen dazu gebracht hatte, sich aufzustellen. Emilia. Seine Großmutter, von der er ihr einmal erzählt hatte, an einem Nachmittag am See. Emilia, die auch ihr geraten hatte, um ihn zu kämpfen. Aber konnte sie das denn noch, jetzt, wo er sich für eine andere Frau entschieden hatte? Sie hatte ihre Chance verspielt.

Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick über das ruhige Wasser gleiten, bis hinüber zu den Ausläufern der Schweiz. Ob sie dorthin gehen sollte? Doch es zog sie zurück, zurück nach Hause, zurück zu ihren Eltern, zu ihrer Mutter, der sie erklären musste, was passiert war, und auf deren Unterstützung sie hoffte. Tintenblau war das Wasser, ebenso der Himmel, über den sich nun wie Stecknadeln kleine silberne Sprenkel erstreckten. Ein letztes Mal sog sie die klare, kühle Seeluft in ihre Lungen, schloss die Augen, und ließ sie wieder entweichen. Sie öffnete sie wieder, spürte, wie Wehmut in ihr emporkroch wie die Schwärze, die sich langsam um sie legte. Es wurde Zeit, zu gehen. Wenn sie am nächsten Tag im Morgengrauen den ersten Zug erwischen wollte, musste sie heute noch ihre Koffer packen. Und ihr Entschluss stand fest. Gedankenverloren ließ sie ihre Hand noch einmal auf ihren Bauch wandern, fuhr mit einer so zärtlichen Geste darüber, als berührte sie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Dann riss sie sich endgültig los, bahnte sich durch das wadenhohe Gras einen Pfad zurück zum asphaltierten Weg.

Emmi, dachte sie im Weggehen. Wenn es ein Mädchen wird, nenne ich sie Emmi.

1.

Für Emmi war es ein Morgen wie jeder andere. Sie saß im Büro der Catering-Firma ihrer Mutter, das sich in der hübschen alten Stadtvilla mitten im Frankfurter Westend befand. Früher war es einmal das Dienstbotenzimmer gewesen. Ein halbhohes Sprossenfenster öffnete den Blick nach hinten in den Garten und ließ nachmittags die Sonne hinein, erfüllte so den Raum mit angenehmer Wärme und Licht. Emmi arbeitete gern hier, sie liebte das Flair des Hauses, das sich noch vereinzelt in den ein oder anderen Stücken fand. So auch im alten Dielenboden, den sie abgeschliffen und neu geölt hatten. Er war zwar nicht so herrschaftlich wie die anderen Böden des Hauses, doch Emmi stellte sich immer wieder vor, wer hier wohl vor ihr über das knarzende Parkett gelaufen war. Sonst war von dem ehemaligen Dienstbotenzimmer kaum etwas geblieben. Den dunkel gehaltenen Raum hatten sie hell gestrichen, die Eichenvertäfelung, die die Hälfte der unteren Wand eingenommen hatte, war weißen, deckenhohen Regalen gewichen, die in ihrer Schlichtheit in den Hintergrund traten und Ordner, Deko und Büromaterial beheimateten. In der Mitte des Raumes standen sich zwei Schreibtische gegenüber. Emmis stammte zusammen mit dem Sekretär an der gegenüberliegenden Wand aus dem Herrenzimmer des Hauses. Er war aus rötlichem Kirschholz und bot mit seinen vielen Fächern und Schubladen allerlei Ablagemöglichkeiten für Stifte, Broschüren, Notizblöcke und was Emmi sonst noch so für ihre Arbeit benötigte. Der andere, der ihrer Freundin Lea gehörte, die in der Firma für die Buchhaltung zuständig war, war aus Glas und besaß keinerlei Schnickschnack. Sie hatte ihre Sachen in einem Rollcontainer aus Metall unterhalb des Tisches verstaut, praktisch und organisiert, so war ihre Freundin. Emmi hingegen mochte es, alten Dingen neues Leben einzuhauchen. Sie schätzte eine Verbindung aus Tradition und Moderne, mochte die Atmosphäre, die von einem antiken Möbelstück ausging oder von alten Geschichten oder Rezepten wie denen ihrer Mutter.

Da sie wie jeden Morgen noch etwas früh dran war, entschied sie sich dazu, einen kleinen Spaziergang durch den Garten zu machen, ihre kleine Oase inmitten der lauten Stadt. Emmi trat auf den Flur und nahm von dort die hintere Tür, die mit drei Stufen nach unten führte. Auch dies war früher einmal die Treppe der Dienstboten gewesen. Der Hauptausgang befand sich im großen Salon, den sie als Saal für Feste und Feierlichkeiten vermieteten. Von dort gelangte man über mehrere Flügeltüren auf die neu angelegte Terrasse, auf der man die Feste auch nach draußen verlegen konnte. Der Garten war nicht riesig, doch für den Cocktailempfang einer mittelgroßen Gesellschaft durchaus ausreichend.

Für das kommende Wochenende hatten sie eine Hochzeit eingeplant, die sie mit einem Drei-Gänge-Menü und anschließendem Kuchenbüfett ausrichten wollten. Emmi hatte die Gänge mit dem Hochzeitspaar abgesprochen, und ihre Mutter hatte Vorschläge für die unterschiedlichen Kuchen und Torten gemacht. Sogar die Hochzeitstorte hatten sie bei ihnen in Auftrag gegeben. Gestern Abend hatte Maren damit begonnen, die Bögen aus Biskuit zu backen, die später das zweistöckige Kunstwerk verzieren sollten.

Emmi lief den kleinen Hügel zur Terrasse hinauf, ein gewohnter Weg, wenn sie beim Catering draußen half, nur balancierte sie dann Tabletts mit Häppchen oder gekühlte Erfrischungen wie Aperol Spritz. Sie blieb auf der Terrasse stehen und genoss die Aussicht über die frisch gemähte Wiese, die akkurat gestutzte Thuja, die das Grundstück umsäumte, den kleinen Brunnen zur Linken und rechts das Blumenbeet, in das sie Wildblumen für Bienen und Schmetterlinge gesät hatten und das mit einer halbhohen Sandsteinmauer eingesäumt war. Auch heute flatterte und brummte es, als Emmi die breiten sandfarbenen Steinstufen nach unten nahm, zu deren beiden Seiten Buchskugeln in großen Pflanzkübeln standen. In lauen Sommernächten zauberten die Lichterketten ein stimmungsvolles Ambiente, und Emmi hatte sich ein ums andere Mal ausgemalt, wie sie hier, unter einem blinkenden Sternenhimmel, zusammen mit Christopher ihr Jawort feierte.

Schnell schob Emmi den Gedanken beiseite, ehe er sich zu sehr in ihr Herz bohrte. Um sich ein wenig abzulenken, pflückte sie einen Strauß aus weißer Schafgarbe, lilablauer Wegwarte, Margeriten mit ihren leuchtend gelben Blütenstempeln und roter Lichtnelke, den sie auf ihren Schreibtisch stellte. So erfüllt machte sie ihre Arbeit gleich noch lieber. Emmi entsperrte ihr Smartphone und ging die Einkaufsliste durch, auf die sie und ihre Mutter gemeinsam Zugriff hatten. Früher, als Maren das Unternehmen allein leitete, hatten es noch handschriftliche Zettel getan, doch jetzt, seit Emmi vor vier Jahren nach ihrer Ausbildung zur Köchin mit in die Chefetage eingestiegen war, griffen sie auf digitale Notizzettel und Einkaufslisten zurück.

Denn während Maren, ebenfalls gelernte Köchin mit jahrelanger Erfahrung, leidenschaftlich gern in der Küche stand und die Gerichte zauberte, war Emmi dazu übergangen, sich um alles Organisatorische zu kümmern. Für zwei ambitionierte Köchinnen konnte die Küche schnell zu eng werden. Deshalb hatte sie sich dafür entschieden, lieber alles im Hintergrund zu organisieren und ihrer Mutter die Hauptarbeit am Herd zu überlassen, auch wenn sie selbst gerne gekocht hätte. Emmi machte die Termine mit den Kunden aus, beantwortete Anfragen per E-Mail, erstellte Flyer, Menüpläne, Speisekarten, besorgte sogar die Tischdeko und, was ihr Steckenpferd war, betreute den Internetauftritt. Ganz besonders liebte sie ihren Foodblog, den sie seit einigen Jahren betrieb. Dort postete sie nicht nur Impressionen aus der Küche, wenn sie ein Fest vorbereiteten, sondern auch das ein oder andere Rezept ihrer Mutter, was bei den Leuten großen Anklang fand und nicht selten dazu führte, dass sie eine weitere Buchung für eine Großveranstaltung erhielten.

»Guten Morgen«, flötete eine Stimme, und Emmi blickte von ihrem Smartphone auf. Es war Lea, die gerade ins Büro gerauscht kam.

»Entschuldige die Verspätung. Bei meinem Sohn hat es heute Morgen wieder länger gedauert.« Sie verdrehte seufzend die Augen. »Da fehlt dann doch die Unterstützung von seinem Papa. Alleinerziehend ist es leider nicht so einfach. Und mein Kleiner will morgens nicht aus dem Bett und abends nicht hinein.«

Emmi schmunzelte.

»Das ist gar nicht so lustig. Eigentlich wollte ich gestern Abend noch die Abrechnung fertig machen, aber ich bin nicht mehr dazu gekommen.«

»Kein Problem. Dann kann ich dir auch gleich noch die Quittungen für den letzten Einkauf geben.« Emmi nahm die schwarze Ledergeldbörse aus dem Einkaufskorb, in der sie auch die Belege aufbewahrte, und überreichte sie Lea.

Ihre Freundin setzte sich ihr gegenüber an den Schreibtisch und fuhr den Rechner hoch.

»Die Chefs von der Firmenfeier letztes Wochenende waren übrigens so begeistert von euch, dass sie ein saftiges Trinkgeld überwiesen haben.«

Emmi lehnte sich zur Seite, um an den beiden Bildschirmen vorbeizugucken, die Rücken an Rücken auf den Schreibtischen standen. »Oder von Mamas Petit Fours.«

Lea lachte. »Oder von deiner Mutter selbst.«

»O ja.« Emmi verdrehte die Augen. »Der mit den kurzen grauen Haaren hat ja nichts unversucht gelassen, um mit ihr zu flirten. Aber da beißt er bei meiner Mama auf Granit.«

»Warum eigentlich?«, fragte Lea.

Darauf wusste Emmi auch keine Antwort. »Irgendwie hat sie sich nie nach einem Partner gesehnt, jedenfalls war da nie ein Mann an ihrer Seite. Die Catering-Firma ist ihr Ein und Alles. Die hat sie sich ja selbst aufgebaut.«

»Und dein Vater?«, fragte Lea.

Bisher hatte sie mit Lea nie über das Thema gesprochen. Wie oft hatte sie ihre Mutter danach gefragt, doch nie hatte sie eine Antwort darauf erhalten. Maren hatte sich ausgeschwiegen, hatte Emmi anfangs in den Arm genommen und auf ihrem Schoß gewiegt, als sie noch klein war, doch je älter sie wurde, desto größer wurde auch die Distanz bei diesem Thema zwischen ihnen. Und war dort früher noch eine wohltuende Nähe, die die Lücke wenigstens ein bisschen gefüllt hatte, die Emmi so oft in ihrem Herzen gespürt hatte, begann sie stattdessen zu rebellieren. Als sie ein Teenager gewesen war, war es einmal zu einem sehr heftigen Streit mit lauten Worten gekommen. Schließlich hatte Emmi mit tränenüberströmtem Gesicht ihre Zimmertür ins Schloss geworfen, hastig ein paar Sachen in ihren Seesack gestopft, war aus dem Fenster geklettert und zu ihrer Freundin geflüchtet. Dort hatte sie für die Nacht einen Unterschlupf gefunden, bei Tiefkühlpizza und einer Flasche entsetzlichem Rotwein aus dem Discounter schüttete sie ihr Herz aus und war spät in der Nacht erschöpft und mit vom Weinen geröteten Augen auf der dunkelblauen Klappcouch mit einem Kissen im Arm eingeschlafen. Seitdem war das Thema um Emmis Vater im Hause Gehring nie mehr zur Sprache gekommen.

Emmi schüttelte den Kopf, zum einen, um die unguten Erinnerungen loszuwerden, aber auch, um die Frage ihrer Freundin zu beantworten.

»Das heißt, du weißt nicht, wer dein Vater ist?«

»Nein«, sagte Emmi halblaut.

Lea blickte sie fassungslos an. »Du kennst weder seinen Namen, noch weißt du, woher er kommt? Ob sich deine Eltern mal geliebt haben oder ob deine Mutter ihm überhaupt erzählt hat, dass es dich gibt?«

»Nein, nichts.« Wieder spürte Emmi diesen Stich, der sich still, aber beharrlich in ihr Herz bohrte wie Marens Küchenschere, wenn sie ein Loch in den Saftkarton gegenüber der Öffnung hineinstach, damit sie beim Ausschenken nichts verschüttete.

»Oh, Emmi …« Leas Augen waren voller Mitleid. Sie streckte die Hand über die Schreibtische nach der Hand ihrer Freundin aus und drückte sie sanft. »Wenn ich irgendwas für dich tun kann …«

»Danke.« Emmi versuchte sich in einem Lächeln – und dass ihre Freundin sich so um sie sorgte, rührte sie tatsächlich. »Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Ich kenne es ja nicht anders.«

»Aber wenn du doch mal reden magst, dann melde dich.«

Emmi nickte. Das Smartphone neben ihr brummte, und Lea zog die Hand zurück. »Eine Nachricht von meiner Mutter«, sagte Emmi nach einem kurzen Blick darauf. »Sie braucht die Tortenbehälter aus dem Keller. Ich hole sie ihr eben.«

»Alles klar, ich muss auch gleich noch mal los.«

Emmi verließ das Büro und trat auf den langen, hellen Flur der Jugendstilvilla. Hier, im vorderen Bereich waren neben dem Büro die Küche und Abstellräume untergebracht. Früher war dieser komplette Bereich der Dienstbotentrakt gewesen. Man erkannte es auch heute noch an dem Schachbrett-gemusterten Fliesenboden, der lange nicht so vornehm wirkte wie der hintere Teil der Villa, in dem sich zwei große Räume befanden, ausgelegt mit cremefarbenem Fischgrätparkett, die früher einmal als Esszimmer und Salon gedient hatten und heute für die Feierlichkeiten genutzt wurden. Emmi bemerkte die beiden großen Kisten, die neben dem antiken Sideboard aus Mahagoni standen, ebenfalls ein Überbleibsel des Mobiliars, das ein Antiquitätenhändler für sie aufgearbeitet hatte und das hier seiner neuen Bestimmung nachkam, die Tischwäsche zu verwahren. Lea war vor der Arbeit also bereits bei der Reinigung vorbeigefahren und hatte die fertigen Sachen abgeholt. Emmi würde die Tischdecken, Stoffservietten und Schürzen mit ihrem Logo – ein Kochlöffel und Schneebesen, die sich kreuzten und von einem verschlungenen Blumenkranz kreisförmig umrankt waren – später wegräumen. Sie lief über die schwarz-weißen Fliesen auf die Kellertür zu. Als sie auf Höhe der Küchentür stand, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Sie überlegte, ob sie in die Küche gehen und sie nach der Anzahl der Tortenbehälter fragen sollte, zögerte aber.

»Ciao! Come ti chiami? – Wie heißt du?« Und nach einer kurzen Pause: »Mi chiamo Maren.«

Emmi verdrehte die Augen. Seit einem Catering-Auftrag an der Volkshochschule war Maren besessen davon, Italienisch zu lernen. Leider fehlte ihr für Abendkurse wegen der vielen Abendveranstaltungen, für die sie gebucht wurden, die Zeit, weshalb sie sich fest in den Kopf gesetzt hatte, das Ganze nun per Headset beim Kochen mit einem Online-Sprachkurs zu verwirklichen. Dazu sang im Hintergrund Charlie Rich »Behind Closed Doors«, und Emmi beschloss, dass das auch so bleiben würde, nahm die Hand wieder von der Klinke und ließ die Tür geschlossen. Sie würde einfach ein paar der Boxen hochbringen. Wenn es notwendig war, könnte sie ja noch einmal laufen. Emmi schloss die weiße Kassettentür auf und drehte das Licht an. Die alte Holztreppe, die so herrlich geknarzt hatte, war durch eine Betontreppe mit Eisengeländer ersetzt worden. Hier galt es, die Zweckmäßigkeit und Sicherheit im Auge zu behalten. Auch sonst war von dem ehemaligen dunklen Keller, der anfangs nach Kartoffeln und Kohle gerochen hatte, wenig übrig geblieben. Die einst unverputzten Wände waren nun weiß gekalkt, und davor standen helle, einfache Holzregale, in denen sie Warmhaltewannen aus Edelstahl, Brennpasten für die Stövchen, Styroporkisten, Kuchenbehälter und weiteres Zubehör aufbewahrten, das sie für ihr Catering brauchten. An der Wand gegenüber befand sich ein Vorratsregal mit eingemachtem Obst, Gemüse, Nudeln, Mehl und sonstigen Lebensmitteln, daneben surrten zwei Gefrierschränke, eine Glasvitrine für Torten und ein weiterer Kühlschrank. Ein altes Küchenbüfett in Lindgrün diente ihnen als Stauraum für die Deko. Eine Schublade klemmte, von einer der drei Türen im unteren Bereich war der Knauf abgerissen, und der Schlüssel fehlte ganz, aber Emmi war das Teil sofort ans Herz gewachsen, als sie es in den Räumen der Villa damals gesehen hatte, und auch wenn das Büfett seine besten Tage längst hinter sich hatte und sich eine Restaurierung nicht mehr lohnte, hatte es so wenigstens bleiben dürfen und im Keller seinen Platz gefunden. Emmi holte drei Tortenbehälter aus dem Regal und stellte sie auf die zweitunterste Stufe der Betontreppe. Sie beschloss, einen Blick auf die Dekorationen zu werfen, vielleicht könnte sie gleich noch etwas mit nach oben nehmen. Die anstehende Feier stand unter dem Motto »nachhaltige Vintage-Hochzeit«, und so nahm Emmi ein altes Buch mit Sütterlinschrift und vielen Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Schrank. Das hatte sie einmal auf einem Flohmarkt gekauft. Wenn man die Seiten heraustrennte und aneinanderlegte, würden sie einen schönen Tischläufer ergeben. Dazu wählte sie die halbhohen Glaswindlichte aus, in die sie Kerzen stellen wollte. Sie setzte weiße Stumpenkerzen auf die Einkaufsliste in ihrem Smartphone und suchte weiter. Aus der Spitzenborte ließe sich sicherlich auch etwas machen, sie hielt eine Jutekordel, aus der sie Schleifchen binden wollte, daneben und dazu die Herzen und Untersetzer aus Birkenholz. Das sähe bestimmt nett aus zu den Blumenarrangements aus weißen Rosen, Eukalyptusblättern und heimischen Wiesenblumen. Jetzt musste sie nur noch die Holzuntersetzer finden. Emmi zerrte an der klemmenden Schublade, hebelte mit einem Trick die Tür ohne Knauf auf, doch sie fand die Schachtel mit der Holzdekoration nicht. Wann hatten sie sie zuletzt benutzt? Wenn sie sich richtig erinnerte, im Herbst letzten Jahres bei einem achtzigsten Geburtstag. Das war schon eine Weile her, vielleicht also im oberen Bereich? Emmi angelte nach den Schachteln, die oben auf dem Küchenbüfett gestapelt waren. Sie musste sich auf Zehenspitzen stellen, um daranzukommen, als plötzlich ein Holzkästchen scheppernd neben ihr auf dem Boden aufschlug. O verdammt! Hoffentlich war nichts kaputtgegangen. Emmi kniete sich neben die Sachen, die herausgefallen waren, auf den Boden. Vergilbtes Papier, ein nicht verschlossener Briefumschlag, der keine Beschriftung trug, aus dem jedoch ein handgeschriebener Bogen Papier herausgerutscht war, eine goldene Anstecknadel mit einem Kochlöffel, ein paar Fotos. Sie nahm das Holzkästchen, auf dem mehrere Kakaobohnen eingraviert waren, darunter der Schriftzug einer Schokoladenmanufaktur, die Emmi nicht kannte, und sammelte die Sachen wieder ein. Sie warf einen Blick auf die Fotos, die mittlerweile einen Rotstich hatten. Eines zeigte einen kleinen Hafen, Boote dümpelten auf dem Wasser, zwischen den Bojen schwammen ein paar Enten, im Vordergrund war ein Baum zu sehen, dessen Blätter den oberen Bildrand säumten. Es musste ein sonniger Tag gewesen sein, die Baumkrone warf ihren Schatten auf den gekiesten Weg der Promenade, im Hintergrund zogen ein paar Wolken über den ansonsten strahlend blauen Himmel. Schwer zu sagen, wo das Foto aufgenommen worden war. An der Küste, möglicherweise in Italien? Kam daher vielleicht Marens Wunsch, Italienisch zu lernen? Das nächste Foto zeigte ihre Mutter als junge Frau an einem steinigen Ufer. Es war naturbelassen, im Hintergrund sah man etwas Gras, am Horizont machte Emmi einen Segler aus. Das Gras bog sich im Wind, und auch der Rock von Marens geblümtem Kleid flatterte heftig, genauso wie ihre dunklen Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Jetzt trug sie das Haar kurz, so fand sie es praktischer. Die Frau auf dem Bild hielt ihren Strohhut mit breiter Krempe fest und lachte in die Kamera, die Füße in den letzten Ausläufern der schäumenden Wellen. Möglicherweise eine Urlaubserinnerung. Emmi überlegte, doch Maren hatte ihr nie etwas von einem solchen Urlaub erzählt, und seit Emmi denken konnte, hatten sie Ausflüge mit dem Rad in die nähere Umgebung unternommen, bis auf das eine Mal, als sie an der Nordsee gewesen waren. Da war Emmi acht Jahre alt gewesen. Ob sie deshalb dorthin gereist waren, weil Maren einer alten Erinnerung hatte nachspüren wollen? Einem Gefühl von damals?

Emmi sah sich das nächste Foto an, auf dem ein weißes Fachwerkhaus mit dunklem Dach zu sehen war. Das große Scheunentor war geschlossen, rechts neben dem Tor lag ein Stapel geschichtetes Holz, und auf den zwei Stufen, die zur Tür hinaufführten, erkannte Emmi einen Mann. Sie kniff die Augen zusammen, um ihn sich genauer anzuschauen. Sie kannte ihn nicht. Wer war er? Links am Bildrand sah sie einen Traktor, rechts direkt an das Haupthaus gebaut einen Schuppen aus Holzlatten mit stark abfallendem Dach, davor eine Holzkiste, auf der irgendetwas mit »Bio« stand. Der Rest des Wortes war abgeschnitten.

Emmi spürte eine seltsame Wärme, die sie durchfloss, in ihr aufstieg wie Teewasser, das sich erst ganz langsam erwärmte und dann mit einem Mal plötzlich zu sprudeln begann. Wo war das? War sie schon einmal als Kind dort gewesen? Sie konnte sich nicht erinnern. Trotzdem war da dieses eigentümliche Gefühl, das sie plötzlich ergriffen hatte. Mit den Fingerspitzen fuhr sie über das Fachwerkhaus, verharrte dann neben dem Mann. »Wer bist du?«, murmelte sie.

Ohne weiter darüber nachzudenken, steckte sie das Foto in ihre Hosentasche. Sie hob das vergilbte Papier auf, Marens Ausbildungszeugnis ihrer Kochschule. Es trug einen Stempel von Langenargen am Bodensee. Maren hatte ihr von ihrer Ausbildung dort erzählt, als Emmi sich überlegt hatte, in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Doch weil ihre Mutter da das Unternehmen schon gegründet hatte und Emmi bereits damals eine unabkömmliche Hilfe gewesen war, hatte sie sich selbst für eine Kochausbildung in der Nähe entschieden. Jetzt konnte Emmi auch ein weiteres Foto zuordnen, das ihre Mutter vor einem Schloss zeigte. Das musste Schloss Montfort sein. Die Anstecknadel war bestimmt ein Geschenk für die bestandene Abschlussprüfung. Emmi drehte den goldenen Kochlöffel vorsichtig zwischen den Fingern. Wieso bewahrte ihre Mutter ihn unten im Keller auf? Bedeutete er ihr nichts? Sie legte ihn ebenfalls in das Kästchen zurück und griff nach dem Briefumschlag, um das zusammengefaltete Blatt wieder hineinzuschieben, das ein Stück weit herausgerutscht war. Emmi erblickte eine Handschrift, die sie nicht kannte. Klein, aber weit auseinander waren die Zeilen mit dünnen Kugelschreiberbuchstaben gefüllt. Ihr Blick blieb an der Überschrift hängen: Meine liebste Maren … Emmi durchrieselte es heiß und kalt. War das ein Brief von ihrem Vater? Jedenfalls war er von einem Mann, der ihre Mutter sehr geliebt haben musste. Doch wieso hatte sie ihn hier hinunter verbannt? Emmi überlegte, ob sie den Brief lesen sollte, ob sie so vielleicht mehr über ihren Vater erfuhr oder immerhin über den einen Mann, der Maren sehr geliebt haben musste, entschied sich dann aber dagegen. Es kam ihr zu persönlich vor, als hätte sie ein Tagebuch aufgeschlagen, ein Dokument aus längst vergangener Zeit. Auch wenn es ihr vielleicht endlich sagen konnte, woher sie kam, wer sie war, welcher Teil ihr fehlte, um sich endlich vollständig zu fühlen, kam es ihr falsch vor. Wenn sie Antworten haben wollte, dann gab es nur eine Möglichkeit: Sie musste mit ihrer Mutter sprechen.

Emmi legte auch den Brief zurück in das Holzkästchen, schloss den Deckel und trug es zusammen mit den Tortenbehältern nach oben. Mit dem Ellbogen öffnete sie die Tür zur Küche, in der Maren noch immer Italienisch lernte.

»Quanto dura il viaggio?«

Emmi stellte geräuschvoll die Tortenbehälter auf den Küchentisch. Maren drehte sich zu ihr um. Ein strahlendes Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht, kleine Lachfältchen umrahmten ihre leuchtenden braunen Augen.

»Ah, Emmi, prima! Danke! Oder besser gesagt: Grazie mille!«

Doch Emmi ließ sich nicht von dem fröhlichen Ton ihrer Mutter anstecken. »Wer ist das?«, fragte sie kühl und hielt ihr das Foto von dem Mann, der vor dem Hof stand, unter die Nase.

In Marens Blick veränderte sich für einen Sekundenbruchteil etwas, doch dann wirbelte sie schon wieder herum und rührte mit dem Schneebesen den Vanillepudding auf dem Herd.

»Ich muss aufpassen, sonst zieht er eine Haut. Das kann ich für die Buttercreme gar nicht gebrauchen.«

»Wer ist das?«, wiederholte Emmi mit fester Stimme. Sie war entschlossen, sich nicht von ihrer Mutter abbringen zu lassen. Dieses Mal nicht! »Kennst du diesen Mann?« Und als Maren ihr auch darauf keine Antwort gab, nahm sie allen Mut zusammen: »Ist das mein Vater?«

Maren hatte ihr den Rücken zugewandt und versenkte ein Stück Butter im Pudding. Gleich darauf war das gleichmäßige Schaben ihres Schneebesens im Edelstahltopf zu hören. »Ich habe gerade so viel zu tun, ich kann jetzt nicht«, sagte sie.

Emmi spürte, wie Wut in ihr hochkroch. Fest presste sie die Lippen zusammen, hielt ihrer Mutter das Bild direkt vor die Nase. »Wer ist das?«, fragte sie noch einmal, doch sie hatte Mühe, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten.

Maren drehte sich zu ihr um, ihr Blick war eiskalt.

»Warum sprichst du nicht mit mir darüber?«

»Weil es Dinge aus der Vergangenheit sind. Das ist vorbei, Emmi.« Maren zog mit einer nachdrücklichen Geste den Topf vom Herd und stellte ihn auf der Arbeitsplatte ab, um weiterrühren zu können.

»Aber für mich haben sie noch immer eine Bedeutung! Wo wurde das Foto aufgenommen?«

»Das weiß ich nicht mehr.«

»Du lügst!« In Emmis Augen traten Tränen, doch sie blinzelte sie entschlossen weg. Wieso konnte Maren ihr nichts darüber erzählen? Was war damals passiert, dass sie sich so sehr in Schweigen hüllte?

»Es reicht jetzt, Emmi!« Marens Stimme war schneidend. Sie nahm Emmi das Foto und das Holzkästchen aus der Hand, legte das Bild in die Kiste zurück, schloss den Deckel und stellte sie in einen der Oberschränke ihrer Küche. »Das Thema ist hiermit beendet.«

Emmi schnaubte. »Und jetzt? Willst du mich auf mein Zimmer schicken wie damals? Damit du mich los bist und mit mir alle Sorgen?«

»Was weißt du schon von meinen Sorgen!« Maren sah sie mit funkelnden Augen an. »Für mich sind diese Dinge vorbei.«

»Aber für mich nicht!«, rief Emmi. Sie fühlte sich so entsetzlich hilflos. Endlich hatte sie einen kleinen Anhaltspunkt, wer ihr Vater sein könnte, doch ihre Mutter blockte ab. Warum? »Ich will es wenigstens verstehen.«

Doch Maren sah sie nur eiskalt an und schwieg.

Emmi wäre am liebsten auf ihr Zimmer gerannt und hätte die Tür hinter sich zugeknallt, aber für so eine Reaktion war sie natürlich zu alt. Stumm schüttelte sie den Kopf und verließ die Küche. Sie hoffte, dass Lea noch im Büro war, doch ihre Freundin war anscheinend schon wieder unterwegs. Also setzte sich Emmi an ihren Schreibtisch, warf einen Blick auf den Sommerblumenstrauß, der sie heute Morgen noch mit so viel Freude erfüllt hatte. Dann griff sie nach ihrem Handy und schrieb Lea eine Nachricht, mit der Bitte, sich heute Abend mit ihr zu treffen.

2.

»Und sie hat dir nichts gesagt?«, fragte Lea, als sie abends zusammensaßen und sie die Weinflasche entkorkte.

Emmi schüttelte den Kopf. »Sie hat sich ausgeschwiegen wie immer.« Sie reichte ihrer Freundin eines der Gläser, die auf dem niedrigen Couchtisch standen, und Lea schenkte den Weißwein ein.

»Hast du denn noch mal nach dem Kästchen gesehen?«

Emmi zögerte. Auf ihre Nachricht am Nachmittag hatte Lea natürlich sofort reagiert und sie sorgenvoll gefragt, ob alles in Ordnung sei. Da hatte Emmi ihr von ihrem Fund berichtet. In einem unbeobachteten Moment, als Maren ins Kühlhaus gegangen war, hatte Emmi sich wieder in die Küche geschlichen und das Foto in ihre Hosentasche gesteckt. Aber als sie nach Feierabend noch einmal in dem Oberschrank nachgesehen hatte, war das Kästchen natürlich verschwunden.

»Also, noch mal von vorne: Was weißt du?«, überlegte Lea laut. »Deine Mutter hat ihre Ausbildung am Bodensee gemacht, das Zeugnis wurde in Langenargen ausgestellt. Es gibt einige Bilder von einem See oder einem Meer, und dieses hier von einem Hof, vor dem dieser Mann steht, von dem du glaubst, dass es dein Vater sein könnte.«

Emmi nickte und warf einen Blick auf das Foto, das zwischen ihnen auf dem Couchtisch lag. »Mamas Reaktion war so heftig, da muss einfach etwas dahinterstecken. Und das ist die einzige Erklärung, die mir einfällt. Außerdem war da noch der Brief, den ich nicht gelesen habe.«

»Zu schade, dann hätten wir wenigstens seinen Namen gehabt.« Lea nippte nachdenklich an ihrem Wein. »Aber theoretisch reichen uns diese Informationen doch auch aus. Oder nicht?«

»Was meinst du?«

»Na, um ihn zu suchen.«

Emmis Augen weiteten sich. »Wie stellst du dir das vor? Soll ich jetzt nach Langenargen fahren und jeden möglichen Hof dort abklappern?«

Lea zuckte nur mit den Schultern.

»Das geht nicht, Lea, meine Mutter braucht mich. Jetzt, im Juli, stehen noch zwei Veranstaltungen an. Da kann ich nicht einfach mal ein paar Tage verschwinden. Außerdem, was denkst du, würde sie sagen, wenn sie erfährt, dass ich an den Bodensee gefahren bin, um meinen Vater zu suchen?«

»Was interessiert uns das? Hat sie sich Gedanken darüber gemacht, wie es dir geht, wenn sie dir alles verschweigt?« Lea sah sie mit festem Blick an, ihr Gesicht umrahmt von den schwarzen Locken, die noch immer leicht wippten, weil sie so energisch gesprochen hatte. »Also!« Sie griff nach ihrem Smartphone und tippte darauf herum. »Wir sind ja nur ein paar Tage weg, allerhöchstens eine Woche … Und abgesehen davon hast du bereits alles bis ins kleinste Detail organisiert, und den Rest können unsere Springer übernehmen.«

»Wir?«, wiederholte Emmi.

»Na klar. Oder glaubst du etwa, ich lasse meine beste Freundin allein fahren? Außerdem wollte ich schon immer mal an den Bodensee.«

»Kannst du deinen Sohn denn so lange allein lassen?«

»Also sein Papa würde Maximilian so lange nehmen. Ich habe gerade gefragt. Er schreibt, dass er kommende Woche Zeit hat, sich um ihn zu kümmern.« Lea tippte auf ihrem Smartphone herum. »Oh, sieh mal, hier gibt es eine nette Übernachtungsmöglichkeit.« Sie hielt ihr das Display unter die Nase. »Eine kleine Ferienwohnung mit zwei Einzelbetten, fünf Gehminuten zum Schloss Montfort. Von dort können wir optimal Erkundigungen anstellen.«

Emmi wischte die Bilder durch. Das angebotene Zimmer war zwar winzig klein, sah aber ansonsten wirklich nett aus, und der Preis war akzeptabel.

»Wenn wir fahren, zahle ich«, sagte sie entschieden, denn sie wusste, dass das Geld bei ihrer Freundin noch immer nicht so locker saß, auch wenn ihre Mutter sie gut bezahlte. »Schließlich bin ich ja verantwortlich für die Reise.«

»Also schön.« Lea tippte wieder auf ihrem Smartphone herum.

»Und wie kommen wir hin?«, fragte Emmi. »Ich kann wohl kaum Mamas Auto entführen, wenn wir beide schon so lange ausfallen.«

»Wenn wir am späten Nachmittag mit dem Zug starten, sind wir gegen neun Uhr abends dort. Das ist auch die günstigste Verbindung, und wir müssen nur einmal umsteigen.«

»Hm, und wenn wir dort sind?«

»Moment.« Lea trank einen Schluck Wein. »Also, die Unterkunft bietet einen Fahrradverleih an. Ansonsten gibt es ein Bodenseeticket, das man für die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann. Ich habe gerade mal die Preise verglichen. Mit einem Leihauto sind wir deutlich teurer dran.«

»Okay, das klingt gut.«

»Soll ich buchen?« Lea blickte sie herausfordernd an.

Emmi zögerte. Sollten sie das wirklich machen? Es wäre schon sehr waghalsig, einfach draufloszufahren. Die Hinweise waren dünn, eine Aussicht auf Erfolg nicht gegeben, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Andererseits hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Anhaltspunkt, wer ihr Vater sein könnte, und die Sehnsucht, ihn endlich kennenzulernen, war groß. Sie presste die Lippen aufeinander, schwenkte den Weißwein in ihrem Glas und beobachtete die Flüssigkeit dabei, wie sie träge wieder im Glasinneren entlang nach unten lief. Wie gern würde sie wissen, wer er war. Bisher war er immer nur eine schemenhafte Gestalt in ihrem Leben gewesen. Hatte sie viel mit ihm gemeinsam, oder waren sie grundverschieden? Es kribbelte in ihr, wenn sie darüber nachdachte, dass sie es womöglich bald herausfinden könnte. Andererseits überkam sie ein unglaublich schlechtes Gewissen, wenn sie daran dachte, dass sie ihre Mutter im Stich lassen würde. Doch Lea hatte schon recht, Maren hatte es die letzten Jahre auch nicht gekümmert, wie es Emmi mit ihrer Entscheidung gegangen war. Warum also sollte sie jetzt Rücksicht auf ihre Mutter nehmen? Oder verheimlichte Maren ihr etwas? War damals etwas vorgefallen, was sie so entsetzlich verletzt hatte, dass sie Gründe hatte, wieso sie so eisern schwieg? Hatte ihr Vater sie womöglich sitzen lassen? Oder ihr gesagt, dass er das Kind gar nicht wollte? Emmis Gedanken wirbelten wie wild durcheinander. Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Sie setzte ihr Weinglas an den Mund und trank es in einem Zug leer.

»Buchen«, sagte sie dann entschlossen.

Emmis Foodblog

Feels-like-home-Marmelade

Erdbeer-Rhabarber-Marmelade ist, als würde man zu Hause ankommen

Zutaten:

500 g Rhabarber

1 kg reife Erdbeeren

5 EL Saft einer Zitrone

Mark einer Vanilleschote

750 g Gelierzucker 2:1

Zubereitung:

Die Erdbeeren waschen und vierteln.

Rhabarber schälen und klein schneiden.

Das Mark einer Vanilleschote herauskratzen.

½ Zitrone auspressen.

Rhabarber, 1 EL Wasser und 5 EL Zitronensaft in einem Topf aufkochen lassen.

Erdbeeren, Gelierzucker und das Mark der Vanille hinzugeben und ebenfalls aufkochen lassen.

Ist der Gelierzucker geschmolzen, die Marmelade mit einem Mixstab pürieren.

3 – 4 Minuten bei mittlerer Hitze köcheln lassen und dabei gut umrühren.

Mit Marens Trick testen, ob die Marmelade »Nasen« bildet.

Ist die gewünschte Konsistenz erreicht, in sterilisierte Gläser füllen und verschließen.

Als ich das Croissant mit der roten, körnigen Marmelade bestrich, habe ich es schon gespürt, dieses Gefühl von Ankommen, sich geborgen fühlen, zu Hause sein. Früher gab es Erdbeermarmelade meistens bei meiner Oma. Wir haben sie zusammen gekocht, nachdem wir die Beeren in ihrem Garten in der warmen Mittagssonne gepflückt hatten. Vier Reihen hatte sie, acht Beete. Und daneben den Rhabarber. Die Erinnerung daran ist so süß wie die Marmelade selbst. Mein Opa hat damals mit seinem Strohhut auf dem Kopf die Beete für das Gemüse umgegraben, und nach getaner Arbeit saßen Oma und er zusammen im Garten und haben ein Schälchen mit frischem Rhabarberkompott verputzt, während es für mich immer noch eine Prise Zucker und einen Klecks Schlagsahne obendrauf gab. Ich habe mich nie wieder so geborgen gefühlt in dem Haus am Stadtrand von Wiesbaden, auch nicht in der Jugendstilvilla in Frankfurt, die Mama für uns gekauft hat, als Oma gestorben ist und Opa ins Seniorenheim musste, weil sie nicht mehr in dem Haus leben wollte, wo all das passiert ist. Und jetzt sitze ich hier, in der Essecke einer kleinen gemütlichen Pension mit Blick auf die offene Küche, und fühle mich wie damals, als ich klein war.

3.

Emmi kam sich wie eine Verräterin vor, als sie noch am selben Abend ihren Koffer packte. Sie hatte das Gefühl, wieder an jenen Abend zurückversetzt worden zu sein, als sie sich als Teenager von zu Hause weggeschlichen hatte. In der Nacht schlief sie kaum, ihre Gedanken ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Würde sie ihren Vater finden? Wie war er? Wie würde er darauf reagieren, wenn er erfuhr, dass er eine Tochter hatte? Oder wusste er womöglich von ihr, wollte jedoch nichts mit ihr zu tun haben? War das der Grund, wieso Maren so beharrlich schwieg? Versuchte sie, ihre Tochter davor zu schützen, genauso verletzt zu werden wie sie selbst damals? Emmi drehte sich von einer Seite auf die andere. Und was, wenn sie gar nichts herausfand? Wenn diese dünne Spur, die sie hatten, ins Leere lief? Vielleicht wohnte er gar nicht mehr dort oder war schon verstorben? Ein dicker Kloß bildete sich in Emmis Hals, und sie versuchte abzuwägen, welche Option wohl am schlimmsten für sie war; wenn ihr Vater nichts mit ihr zu tun haben wollte, wenn sie überhaupt keine Hinweise fand oder wenn sie zu spät war. Sie seufzte tief. Genau genommen waren alle drei Möglichkeiten grauenvoll. Emmi blickte auf die Uhr. Vier Uhr dreißig. Sie könnte sich also noch anderthalb Stunden im Bett herumwälzen und versuchen zu schlafen, oder sie stand auf.

Entschlossen schlug Emmi die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Sie nahm eine schnelle Dusche, kochte sich einen Kaffee und bestrich sich eine Scheibe Brot mit Marmelade. Kirschmarmelade, ihre Lieblingssorte. Sie hatte sie letzten Sommer zusammen mit ihrer Mutter eingekocht. Emmi erinnerte sich noch gut, wie sie auf den schlanken weißen Küchenstühlen aus dem Designerladen gesessen und die Stiele von den Kirschen gezupft hatten. Es war selten, dass sie so viel Zeit zum Lachen und Scherzen hatten, und vielleicht spürte Emmi deshalb dieses seltsame Gefühl in sich aufsteigen, wenn sie in das Marmeladenbrot biss, das mit samtigem Weinrot überzogen war. Wenn sie gemeinsam kochten, schienen ihre Differenzen kurz vergessen. Dann waren sie einander verbunden, doch Maren war eine raumeinnehmende Persönlichkeit, sich den Herd mit ihr zu teilen, fiel Emmi schwer. Für zwei Köchinnen gab es einfach keinen Platz in Marens Küche. Den Gedanken, dass ihre Melancholie an ihrer bevorstehenden Fahrt lag, wollte Emmi lieber nicht aufkommen lassen.

Emmi stellte die Marmelade in den Kühlschrank zurück, spülte den Teller und ging die breiten, hellen Steinstufen des privaten Wohnbereichs ins Erdgeschoss hinunter. Wie die ganze Villa war auch der Flur hier geschmackvoll und modern eingerichtet, doch wirklich zu Hause hatte sich Emmi hier nie gefühlt. Im Gegenteil, alles wirkte eher ein wenig kühl und zweckmäßig, ganz anders als die Räumlichkeiten der Villa, vielleicht ein bisschen wie ihre Mutter selbst, die Entscheidungen pragmatisch traf und sich nicht von Emotionen leiten ließ. Trotzdem vermisste Emmi oftmals etwas Wärme oder Nähe in ihrem Leben. Gerade seit ihre letzte Beziehung vor zwei Jahren in die Brüche gegangen war. Es war eine ruhige Trennung gewesen, ohne Streit, ohne Komplikationen. Emmi und Christopher waren sich einig, dass ihrer Beziehung das Besondere fehlte, das Funkeln. Irgendwann war alles in einen tristen, grauen Alltag übergangen, und sosehr beide auch versucht hatten, dem entgegenzuwirken, es hatte nichts geholfen. Schließlich gestand Christopher ihr, dass er sich neu verliebt hatte, und wo wenigstens ein leiser Herzschmerz bei Emmi hätte sein sollen, spürte sie stattdessen tief in ihrem Inneren Erleichterung.

Sie einigten sich, dass Emmi die gemeinsame Wohnung verließ und wieder bei ihrer Mutter in die große Villa zog, hatten ihre gemeinsamen Besitztümer friedlich getrennt und konnten sich nun noch immer begrüßen oder ein freundschaftliches Gespräch führen. Emmi hatte zwar kein großes Interesse daran, dankbar war sie dennoch für diese Entwicklung. Ob sie jetzt noch an die Liebe glaubte, wusste sie selbst nicht. Zu oft hatte sie in ihrem Umfeld gesehen, wie Beziehungen endeten, trotzdem fand sie die Vorstellung schön, sich einmal so richtig zu verlieben, das Herz wild klopfen und die Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern zu fühlen, aber womöglich war das alles nur eine Erfindung kluger Serien- und Filmautoren. Mit Mitte zwanzig war sie, was das anging, inzwischen wohl auch ein Stückchen pragmatischer geworden, auch wenn sie sich manchmal doch noch vorstellte, dass ihr Leben wie im Film verlaufen könnte: Sie, nachdem sie nach unzähligen Höhen und Tiefen die Liebe ihres Lebens gefunden und das Geheimnis um ihren Vater gelüftet hatte, würde glücklich in die Arme ihres Liebsten laufen, bei Regen und überaus kitschiger Musik würden sie sich leidenschaftlich küssen, ehe der Abspann über die Bildfläche lief und unzählige Namen davon zeugten, wer alles am Mitwirken ihres Happy Ends beteiligt war. Aber das Leben war kein Film und Emmi keine Protagonistin. Der Alltag lief weiter, und sie war drauf und dran, ihre Mutter im Stich zu lassen, um einer vagen Hoffnung auf eine Erklärung zu ihrem Vater hinterherzujagen. Um sich nicht ganz so schlecht zu fühlen, organisierte sie vormittags noch zwei Aushilfen, damit Maren bei der bevorstehenden Hochzeit und der Einweihungsparty, die ein paar Tage später stattfand und für die sie als Partyservice gebucht worden waren, genügend Unterstützung hatte. Maren würde heute den ganzen Tag beschäftigt sein. Sie verzierte die Torten für die Hochzeit, führte noch ein Beratungsgespräch für eine Jubiläumsfeier und wollte am späten Nachmittag beim Supermarkt vorbei, um die restlichen Zutaten für das Hochzeitsmenü zu kaufen. Sie würde erst gegen Abend wieder in der Villa eintreffen, wenn Emmi schon gegangen war. Emmi bearbeitete die Kundenanfrage für eine Taufe und schickte ihre Infobroschüre mit Preisliste heraus. Sie recherchierte im Internet, um ein Angebot für einen neuen Kühlschrank einzuholen, und öffnete dem Lieferanten die Tür, der zweimal die Woche frühmorgens die frischen Lebensmittel brachte. Maren bezog diese nicht vom Großmarkt, sondern unterstützte einen regionalen Händler, der ihr die Ware im Gegenzug direkt lieferte.

Emmi schielte wieder auf die Uhr. Noch zwei Stunden. Sie merkte, wie Nervosität in ihr aufstieg.

Endlich kam Lea von ihrem Termin beim Finanzamt zurück.

»Du siehst gestresst aus«, stellte Emmi fest.

»Das bin ich.« Sie öffnete den Kühlschrank auf der Suche nach etwas zu trinken, seufzte und nahm sich einen Orangensaft heraus.

Emmi griff nach der Saftpackung und stellte sie in das Türfach zurück. »Der ist fürs Wochenende reserviert«, sagte sie. »Du brauchst etwas anderes für deine Nerven.« Sie griff nach drei Orangen, presste sie aus und verteilte den Orangensaft auf zwei Gläser. Dazu gab sie den Saft einer Zitrone. Aus einem anderen Kühlschrank holte sie eine Flasche mit Bügelverschluss, in der sich eine pinkfarbene Flüssigkeit befand. Marens berühmter Himbeer-Minz-Sirup. Diesen mischte sie mit den anderen Säften, goss alles mit etwas Mineralwasser auf, gab ein paar Eiswürfel in die Gläser und garnierte den Rand mit einem Schnitz Orange und einem kleinen Büschel Minzblätter. Zum Schluss steckte sie noch zwei Glastrinkhalme hinein.

»Danke«, sagte Lea, als Emmi ihr ein Glas reichte. Sie probierte und verdrehte genießerisch die Augen. »Himmlisch!«, seufzte sie glücklich. »Das lässt mich gleich vergessen, dass dieser blöde Finanzbeamte mich geschlagene zwanzig Minuten nach einem Buchungsbeleg hat suchen lassen, den er selbst einfach nur wieder falsch abgeheftet hat.«

Emmi kicherte. Sie trank ebenfalls einen Schluck von der Limonade. Es stimmte, sie schmeckte köstlich, so frisch und spritzig, nicht zu süß, aber doch fruchtig genug, um sie als Sommergetränk bei einer Firmenfeier zu reichen oder als alkoholfreien Aperitif bei einem Sektempfang anzubieten.

Lea zog noch einmal an ihrem Trinkhalm. »Im Ernst, Emmi, wieso machst du so etwas nicht beruflich? Du könntest Maren in der Küche unterstützen und neue Rezepte kreieren. Zusammen wärt ihr sicherlich unschlagbar.«

Das brachte Emmi zum Lachen. »Nein, das haben wir bereits hinter uns, und glaub mir, es ist nicht gut gegangen. Wir standen regelmäßig kurz vor Mord und Totschlag, wenn wir beide uns eine Küche geteilt haben. Während meiner Ausbildungszeit habe ich es ein paarmal versucht. Ich dachte, ich könnte mir ein paar Tricks und Handgriffe abgucken, aber in den Augen meiner Mutter habe ich die Zwiebeln falsch gewürfelt, die Kartoffeln zu langsam geschält und die Crème brûlée verkehrt herum gerührt.«

Jetzt musste auch Lea lachen. »Das kann ich mir bei Maren nur zu gut vorstellen«, gab sie zu. »Aber Spaß hätte es dir gemacht, oder?«

Emmi nickte zögernd. »Trotzdem wäre das mit Mama und mir zusammen in einer Küche nicht gut gegangen, und das, was ich jetzt mache, mache ich auch wirklich gern. Über die Rezepte auf meinem Blog zu schreiben, den ganzen Internetauftritt und die Deko für die Feiern zu organisieren, gefällt mir mindestens genauso gut, wie mir selbst Rezepte auszudenken. Ich brauche einfach etwas Kreatives. Den ganzen Tag nur mit Zahlen zu jonglieren, wie du es in deinem Job machst, wäre für mich viel zu schnöde.«

»Hey, so erbärmlich ist das nicht, wie du es gerade darstellst«, erwiderte Lea mit gespielter Empörung. »Immerhin halte ich damit euer Unternehmen am Laufen. Und du glaubst gar nicht, wie sehr es mich erfüllt, wenn am Ende bei meiner Tabelle schwarze Zahlen stehen statt rote.«

»Wofür Mama und ich dir im Übrigen sehr dankbar sind!« Emmi zwinkerte ihrer Freundin zu.

»Mach dich nur lustig.« Lea grinste. »Aber apropos Zahlen …« Sie sah auf ihre Armbanduhr. »Wir müssen los, wenn wir rechtzeitig am Bahnhof sein wollen.« Im selben Moment gab ihre Smartwatch ein Signal von sich. »Die Erinnerung, dass wir zu S-Bahn müssen.«

Emmi schluckte. Jetzt wurde es ernst. Sie stellte die leeren Gläser in die Spülmaschine, griff nach dem Karoblock, auf dem sich Maren Notizen zu neuen Rezepten machte, und schrieb ihrer Mutter eine kurze Nachricht. Ganz ohne sich zu verabschieden, wollte sie doch nicht aufbrechen. Sie überlegte, den aufgeschlagenen Block einfach auf dem Tisch der Sitzecke liegen zu lassen, entschied sich dann aber dagegen. Das war ihr dann doch zu unpersönlich. Also riss sie das Blatt aus dem Block und heftete es mit einem der Magnete zwischen die Fotos, die Maren an den Kühlschrank gepinnt hatte. Emmi war jedes Mal überrascht, wenn sie die Bilder sah. Einige zeigten ihre Mutter neben Geschäftsinhabern auf erfolgreichen Firmenfeiern, für die sie das Catering geliefert hatte. Doch dann gab es da auch die privaten Bilder von ihr und Emmi, eines von einer gemeinsamen Radtour und sogar ein Bild von ihrem Nordseeurlaub vor siebzehn Jahren. Emmi seufzte. Wie gern würde sie solche Erlebnisse wiederholen, doch ihnen fehlte dazu schlicht die Zeit, und Maren war nicht bereit, in ihrer Catering-Firma kürzerzutreten.

Lea hatte ihre Reise minutiös durchgetaktet. Zahlen waren in jeglicher Hinsicht ihre Stärke. Emmi hatte sich nicht einmal um die Tickets kümmern müssen, Lea hatte sämtliche Buchungsbestätigungen auf ihrem Smartphone. Um sich zu revanchieren, hatte Emmi für ihr leibliches Wohl gesorgt. Sie hatte Brote belegt und Obst klein geschnitten, hatte ihnen beiden eine Trinkflasche mit Infused Water gefüllt, dieses Mal mit Mango-, Limetten- und Kokosstückchen, die in der klaren Flüssigkeit schwammen und ihren Geschmack abgaben und dabei auch noch hübsch anzusehen waren.

Obwohl sie vier Stunden unterwegs waren, verging für Emmi die Zeit wie im Flug. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie so sehr mit ihren Gedanken beschäftigt war. Immer wieder fragte sie sich, ob ihre Reise wohl Erfolg haben würde und wie ihre Mutter auf die Nachricht, dass sie beide ein paar Tage weg waren, reagierte. Endlich erreichten sie den Bahnhof von Langenargen. Im Vergleich zum Bahnhof in Frankfurt, wo die beiden abgefahren waren, war er mit seinen zwei Gleisen winzig, doch Emmi störte das nicht. Sie mochte das rötliche Haus mit seinen Rundbogenfenstern im Erdgeschoss, und sie fragte sich, ob ihre Mutter hier während ihrer Ausbildung gewesen war. Hatte sie Heimweh gehabt und war oft nach Hause gefahren? Oder hatte sie hier vielleicht ihren Vater getroffen? Womöglich hatte es an einem der beiden Gleise auch eine herzzerreißende Abschiedsszene gegeben, als Maren endgültig gegangen war? Oder hatte sie vielleicht sehnsüchtig gewartet, ob ihr Liebster noch kam, war aber bitterlich enttäuscht worden? Emmi sah die Szene genau vor sich – und gleichzeitig sich selbst, wie sie mit Popcorn im Kino saß und mit der jungen Protagonistin – Maren Gehring, angehende Köchin – mitfieberte, ob sie einander nicht doch bekommen würden. Herzzerreißende Musik, natürlich nur instrumental, oder vielleicht leise Gitarrensounds und dazu ein süßer, junger Sänger, der von seiner ersten verlorenen Liebe sang.

Emmi seufzte, und für einen kurzen Moment überkam sie das Gefühl, es vielleicht nie zu erfahren, wenn ihre Mutter sich weiterhin in Schweigen hüllte und sie ihren Vater nicht fand. Ein leiser Stich durchzog ihr Herz. Sie wollte endlich wissen, was damals passiert war, warum sie keinen Vater in ihrem Leben hatte.

»Sollen wir uns ein Taxi nehmen, oder willst du die paar Meter laufen?«, fragte Lea, der Emmis Schweigen aufgefallen sein musste.

»Ist es weit?«, fragte Emmi.

»Zehn Minuten, schätze ich.«

»Dann lass uns gerne zu Fuß gehen. Ein bisschen Bewegung nach dem langen Sitzen tut uns bestimmt gut.« Außerdem würde sie so vielleicht auf andere Gedanken kommen.

»Alles klar!« Lea tippte auf ihrem Smartphone herum und deutete in eine Richtung. »Da lang!«, sagte sie und griff nach ihrem Koffer.

Emmi folgte ihr, wieder einmal dankbar, dass sich ihre Freundin um alles kümmerte. Sie liefen durch Straßen mit kleinen Häusern, und Emmi war überrascht, wie sehr ihr der Ort gefiel. Alles war viel überschaubarer als in Frankfurt, gemütlicher irgendwie. Dennoch wurde sie die Gedanken nicht los, ob auch ihre Mutter diese Straße entlanggegangen war, ob sie einmal vor genau diesem Schaufenster gestanden hatte, ob sie bei diesem Bäcker morgens ihre Brötchen gekauft hatte.

»Da ist es«, sagte Lea und deutete auf ein sandsteinfarbenes Haus. Über der Tür war ein weißes Schild angebracht, auf dem Ferienwohnungen zu vermieten stand. Darunter hing ein Schild, das man von Hand daran befestigen konnte, Belegt stand darauf. Auch die anderen Gästezimmer, an denen sie vorbeigelaufen waren, hatten rote Verweise auf ihren Aushängeschildern gehabt. Anscheinend war dies hier ein beliebter Ferienort. Emmi war froh, dass Lea etwas für sie gebucht hatte. Sie beobachtete eine Familie mit zwei kleinen Mädchen, die mit ihrem Auto vor dem Haus auf den Gehweg gefahren waren. Der Vater hob eines aus dem Kindersitz, während das andere verschlafen seine Augen rieb und nach der Hand der Mutter tastete.

Lea war bereits vorangegangen und meldete sie am Tresen an.

»Sie haben die kleine Ferienwohnung gebucht, richtig?«, erkundigte sich ein Mann mittleren Alters, der hinter dem Tresen stand.

»Genau.« Lea schob ihm ihr Smartphone mit der Buchungsnummer zu.

»Vielen Dank.« Er drehte sich um und hängte den Schlüssel vom Schlüsselbrett ab. »Das Zimmer befindet sich hinten links. Frühstück können Sie sich selbst machen. Es gibt eine kleine Kochnische. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«

»Perfekt, danke schön.« Lea griff nach dem Schlüssel und wollte gerade ihren Koffer wieder aufnehmen, als der Vater mit seiner Familie an den Tresen trat und sich nach einem Zimmer erkundigte.

»Leider haben wir nichts mehr frei«, bedauerte der Gastwirt.

Emmi hörte die Mutter seufzen, und das kleine Mädchen, das seine Arme um den Nacken des Vaters geschlungen hatte, hob den Kopf von seiner Schulter.

»Dann müssen wir weiterfahren, Papi?«, fragte es mit dünner Stimme.

»Ich fürchte, ja.«

»Das ist jetzt schon die fünfte Unterkunft, bei der wir waren«, jammerte das ältere Mädchen. Es hatte einen Pferdeschwanz, aus dem sich einige Haarsträhnen gelöst hatten, und Emmi tippte darauf, dass es im Auto schon geschlafen hatte. »Bruno und ich wollen ins Bett!« Es drückte seinen Teddy fester an sich.

»Ich weiß«, sagte der Vater. »Wir suchen einfach weiter. Bestimmt finden wir was Passendes. Spätestens in Friedrichshafen gibt es sicherlich ein Hotel, wenn in Eriskirch nichts frei ist.«

Die beiden Freundinnen tauschten einen Blick.

»Sie können unsere Ferienwohnung haben«, sagte Emmi da aus einem Impuls heraus.

»Was?« Lea sah sie mit weit geöffneten Augen an.

Emmi machte eine rasche Kopfbewegung in Richtung der beiden Mädchen. »Nehmen Sie unser Zimmer«, sagte sie. »Das ist doch sicher kein Problem, oder?«, fragte sie dann an den Gastwirt gewandt.

»Äh, also … na ja … Das Zimmer ist ziemlich klein, aber wenn die beiden Mädchen auf dem Sofa schlafen können …« Er kratzte sich am Kopf.

»Vielen Dank.« Der Mutter war deutlich anzusehen, wie erleichtert sie war.

»Und das ist wirklich in Ordnung für Sie?«, fragte der Vater an Lea und Emmi gewandt.