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Warmherzig und entschleunigend – ein Roman, der einfach nur guttut »Bei uns geht es nicht darum, möglichst viele Dinge in immer kürzerer Zeit zu erledigen, sondern sich den Dingen mit vollständiger Hingabe und Aufmerksamkeit zuzuwenden. Weniger ist mehr, mehr ist weniger.« In Redu, einem kleinen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, wird die Zeit als Freund und nicht als Gegner empfunden: Umgeben von ausgedehnten Wäldern, rauschenden Flüssen und steilen Anhöhen gibt es hier lediglich einen Fernseher, während das Internet nur eine Stunde am Tag verfügbar ist. Dass der Kirchturm windschief in den Himmel ragt und man sein baldiges Herabstürzen befürchten muss, stört die 390 Einwohner ebenso wenig wie die gehörig aus dem Takt geratene Turmuhr. Eine Begegnung, die alles verändern wird Als die junge Französin Marie kurzentschlossen ihr Leben in Paris hinter sich lässt und zu einer Reise mit unbekanntem Ziel aufbricht, ahnt sie nicht, dass sie bald an diesem bemerkenswerten Ort ankommen wird. Im Zug begegnet sie Jónína, einer Isländerin, die Menschen mit ungewöhnlicher Klarheit zu lesen vermag und somit auch Maries Situation schnell erfasst. Sie nimmt Marie mit zu sich nach Hause, nach Redu, wo sie eine kleine Buchhandlung betreibt. Eine Gemeinschaft, liebenswert und verschroben Mit jedem Tag fühlt sich Marie in Redu wohler. Hier lernt sie nicht nur neue Seiten des Lebens, sondern auch sich selbst kennen. Und sie trifft auf eine ganz besondere Gemeinschaft. Wenn eine Freundschaft zur Rettung wird Als der Frühling vollends Einzug hält, wird nicht nur die Natur zu neuer Blüte erweckt, sondern es werden Veränderungen in Gang gesetzt, denen sich selbst die mürrische Mathilde nicht entziehen kann … Ein wohltuender, mutmachender Roman über die heilende Kraft der Gemeinschaft und das, was im Leben wirklich zählt.
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ein Dorf, umgeben von Bergen und Wäldern.
Eine Gemeinschaft, liebenswert und verschroben.
Eine Freundschaft, die zur Rettung wird.
In Redu, einem kleinen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, wird die Zeit als Freund und nicht als Gegner empfunden: Umgeben von ausgedehnten Wäldern, rauschenden Flüssen und steilen Anhöhen gibt es hier lediglich einen Fernseher, während das Internet nur eine Stunde am Tag verfügbar ist. Dass der Kirchturm windschief in den Himmel ragt und man sein baldiges Herabstürzen befürchten muss, stört die 390 Einwohner ebenso wenig wie die gehörig aus dem Takt geratene Turmuhr. Als dann jedoch die junge Französin Marie ins Dorf kommt und der Frühling Einzug hält, wird nicht nur die Natur zu neuem Leben erweckt. Selbst die mürrische Mathilde kann sich dieser Veränderung nicht entziehen.
Torsten Woywod
Roman
Für Nele
»Bücher verändern uns. Bücher retten uns.
Ich weiß das, weil ich es selbst erlebt habe.«
Elif Shafak
»Die Natur ist kein Ort, den man besucht.
Sie ist unser Zuhause.«
Gary Snyder
In einer Zeit, in der wir uns immer häufiger mit der Frage konfrontiert sehen, ob die Welt allmählich aus den Fugen gerät oder ob es nur unser eigenes Bild der Welt ist, das zusehends ins Wanken gerät, dürfen wir all das Gute nicht aus den Augen verlieren, das weiterhin existiert.
Deshalb erscheint es mir lohnender denn je, Geschichten, die eben davon zeugen, mehr Raum und Gehör zu schenken.
Geschichten, die Mut machen, und Geschichten, die Trost spenden. Geschichten, die zum Nachdenken anregen, und Geschichten, die Hoffnung geben. Geschichten, die kleine Alltagsfluchten ermöglichen, und Geschichten, die einfach nur guttun.
Genau solch eine Geschichte möchte ich im Folgenden gerne mit Ihnen teilen.
Ich widme sie allen Buchhändler*innen auf dieser Welt, die tagtäglich mit viel Verve und Vehemenz für all das Vorgenannte eintreten – und ohne die es (auch) diese Geschichte nicht gäbe.
Dafür gilt ihnen mein herzlichster Dank und die größtmögliche Wertschätzung.
»Dieser Jahreszeit wohnt besonders viel Schönes inne, findest du nicht, Marie?«
Thomas deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf die Frontscheibe seines Lieferwagens. Obwohl seine Bemerkung vermutlich nur auf die unmittelbare Umgebung und ihr direktes Blickfeld abzielte, bemerkte Marie mit jeder fortschreitenden Sekunde, während derer die Frage in ihrem Kopf nachhallte, auf wie vielen Ebenen sie diese bejahen wollte. Und wie sehr diese Erkenntnis sowohl ihr Herz als auch ihren Kopf in Bewegung versetzte.
Hitze stieg in ihr auf.
Freude. Unsicherheit.
Ein unbestimmtes Glücksempfinden.
Was ging hier vor?
Sie nickte Thomas hastig zu, der ihr im Gegenzug ein warmes, aufrichtiges Lächeln schenkte. Er gehörte zweifellos zu jenen Menschen, bei denen vor allem die Augen für derartige Aufgaben zuständig waren. Von den Wirren seiner Brauen und den tiefen Lachfältchen eines geschätzten Dreivierteljahrhunderts eingefasst, strahlten diese eine natürliche Güte aus, wie sie heutzutage nur noch sehr selten anzutreffen war.
Schon seit geraumer Zeit durchquerten sie ein nicht enden wollendes Waldstück. Die schmale Asphaltstraße, auf der sie entlangfuhren, führte kurvenreich durch hügeliges Terrain. Meterhohe Bäume, die Marie damals noch keiner Gattung zuordnen konnte, säumten ihren Weg, auf dem tatsächlich nur sie unterwegs zu sein schienen. Niemand kam ihnen entgegen, niemand folgte ihnen. Die vorherrschenden Brauntöne der Natur hatten bereits merkliche Einsprengsel von zartem bis etwas kräftigerem Grün erfahren, die den Übergang zum Frühling einläuteten.
Wie recht er doch hat, dachte sie, während die tief stehende Sonne immer wieder hinter den dichten Baumreihen hervorblitzte. Alles Schöne scheint in dieser Jahreszeit zu wohnen. Zumindest hier und jetzt, wo jede ihrer Sinneswahrnehmungen ein Versprechen auf bevorstehende Veränderungen war, empfand sie es so.
Als Marie ihren Blick für einen Moment von der vorbeiziehenden Landschaft abwandte, begegnete sie im Innenspiegel Jónínas blassblauen Augen. Die alte Isländerin, auf die sie vor wenigen Stunden im Zug getroffen war, saß auf dem Rücksitz des Lieferwagens, mit dem sie nun zu dritt durch die belgischen Ardennen fuhren. Jónína, Thomas und Marie.
Wie genau es zu dieser Entwicklung hatte kommen können, war Marie selbst noch immer ein Rätsel – wie überhaupt alles an dieser Situation rätselhafte bis wundersame Züge trug.
Das Ganze hatte am frühen Morgen dieses sechsten Märztages seinen Anfang genommen, als sie, Marie Ledoux, zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht ihrem Kopf, sondern einem unbestimmten Gefühl gefolgt war und am Pariser Gare du Nord ein Ticket für den TGV gekauft hatte.
Da sie kein konkretes Reiseziel verfolgte, hatte Marie eine Fahrkarte bis zu jener Station gelöst, die ihr als Erstes in den Sinn gekommen war, wenn es darum ging, nicht nur ihre Heimatstadt Paris, sondern ganz Frankreich auf möglichst direktem Wege hinter sich zu lassen. So war die Wahl auf Brüssel gefallen.
Die damit verbundene Zugfahrt sollte vor allem einem Zweck dienen: Abstand schaffen zu alledem, was geschehen war – sowohl gedanklich als auch räumlich.
Dass die belgische Hauptstadt nur den Aspekt der räumlichen Distanz würde erfüllen können, hatte Marie dann jedoch schon kurz nach ihrer Ankunft dort festgestellt. Der Trubel und der Lärm, der sowohl im Bahnhof als auch auf den Straßen und in den Gassen Brüssels vorgeherrscht hatte, waren ihr zuwider gewesen, weshalb sie sich für eine sofortige Weiterreise entschieden hatte – und dafür einen Zug auswählte, der weniger schnell und weniger modern anmutete als ein TGV oder Eurostar. Dies kam für Marie dem indirekten Versprechen gleich, dass der Zug abgelegenere Orte ansteuern würde.
Und tatsächlich: Auf die Millionenmetropolen Paris und Brüssel folgten nun Halte in Ottignies und Gembloux, bis Marie mit ihrer Zufallsbekanntschaft die Provinz Belgiens erreicht hatte. Dort verkehrten derart selten Busse, dass Jónína und sie am Bahnhof von Libramont abgeholt werden mussten. Und da waren sie nun – irgendwo auf dem Weg zwischen Abholung und Ankunft.
Thomas, der genau dafür verantwortlich zeichnete, war Marie zunächst nur als »der Bäcker von Redu« vorgestellt worden – ganz so, als ob Jónína und er ein eher distanziertes Verhältnis pflegten.
Doch das vertraut anmutende Schweigen, das anschließend Einzug hielt, ließ Marie schnell zu dem Schluss kommen, dass die Bekanntschaft der beiden weit in die Vergangenheit zurückreichen musste. Sie schien sogar eine Freundschaft zu verbinden, sodass es keiner großen Worte bedurfte, um einander zu verstehen. Ihre Blicke und Gesten genügten. Selbst Situationen wie diese, in der Jónína mit Marie einen Überraschungsgast im Schlepptau hatte, waren offenbar von dieser wortlosen Verständigung eingeschlossen. Die Tatsache, dass Thomas die Rolle des Chauffeurs übernommen und auch zuvor geduldig auf den verspäteten Zug gewartet hatte, um Jónína und sie einzusammeln, schien Marie ein weiterer Beweis dieser Freundschaft zu sein.
Marie schloss einen tiefen Atemzug lang ihre Augen, bevor sie erneut in den Innenspiegel blickte.
Jónína wirkte versonnen, ohne dem Hier und Jetzt entrückt zu sein – ganz so, als würde sie auf eine angenehme Art in sich ruhen.
Ihre Haut wurde von so vielen Falten und Linien durchzogen, dass diese gut und gerne als kartografisches Abbild eines langen und vermutlich sehr erfüllten Lebens verstanden werden konnten. Der Blick der Isländerin war außergewöhnlich wach und durchdringend – und immer dann, wenn sie zu sprechen begann, umspielte eine leichte Schalkhaftigkeit ihre Mundpartie.
Inzwischen empfand Marie eine ungeheure Wärme, Dankbarkeit und Vertrautheit, wenn sie Jónína ansah – und das, obwohl sie einander kaum länger als ein paar Stunden kannten.
Sie war gewiss niemand, der man einen Hang zur Plauderei nachsagen konnte, obwohl die Welt der Worte die ihre war.
Aber Jónína zog es vor, die Worte zu denken, zu lesen und zu schreiben, anstatt in inflationärer Weise mit ihnen um sich zu werfen.
Der Drang zu reden, um Stille oder Unsicherheiten zu überbrücken, war bei ihr schlichtweg nicht existent. Ausgeprägte Geschwätzigkeit war ihr ein Graus.
Stattdessen empfand sie Sprechen als etwas Zweckmäßiges, das sie äußerst wohldosiert einsetzte, um seinem Wert stets gerecht zu werden.
Wenn sie eine Frage stellte, dann nur aus aufrichtigem Interesse an einer Antwort und an ihrem Gegenüber. Wenn sie etwas sagte, dann einzig und allein deshalb, weil es ihr notwendig erschien, auf diese Weise etwas zum Ausdruck zu bringen.
Und da Jónína ihre Worte stets mit Bedacht wählte, traf sie mit dem, was sie sagte, oftmals zielgenau ins Schwarze.
So hatte es sich auch im Zug zugetragen, als sie Marie begegnet war.
»Was wiegt so schwer auf deiner Seele?«
Mit dieser Frage, die in der Geschichte der Menschheit vermutlich nur dieses eine Mal den Auftakt einer Bekanntschaft darstellte, hatte sie das Gespräch eröffnet.
Zuvor hatten die beiden Frauen sich für einige Minuten schweigend gegenübergesessen.
Jónína war sofort die tiefe, melancholische Note aufgefallen, die Maries Augenpartie anhaftete. Schatten umspielten ihre Lider, als wären sie von Sorgen und Kraftlosigkeit umwölkt. Jónína war dieser Ausdruck sehr vertraut – zu oft hatte sie ihn in letzter Zeit im Spiegel an sich selbst begutachten können.
Die junge Frau hatte insgesamt etwas Ruheloses an sich. Ihr häufiges Blinzeln deutete auf eine gewisse Müdigkeit hin, und wenn sich ihre Augen direkt trafen, glaubte Jónína, direkt in das Innere ihres Gegenübers blicken zu können: Sie sah ein Gedankenkarussell, das sich ohne Unterlass drehte und das sie selbst nur allzu gut kannte. Welchen Widrigkeiten versuchte die Frau still und tapfer zu trotzen? Vermutlich hatte sie sich bis hierhin durch einen ordentlichen Sturm kämpfen müssen. Einen jener Stürme, die das Leben manchmal bereithielt.
Während andere sich langsam an heikle Themen und entsprechende Fragen herantasteten, ging Jónína gerne sofort in die Vollen. Sie verfügte über ein seismografisches Gespür für innere Angelegenheiten, auf das sie sich verlassen konnte. So hatte gleich ihre erste Frage bewirkt, dass Maries Fassade zum Einstürzen gekommen und eine tosende Welle an Emotionen in der jungen Frau losgebrochen war. Sieben Worte, die an anderer Stelle als übergriffig empfunden worden wären, schafften hier eine unmittelbare Nähe.
Marie weinte, weinte, weinte.
Obwohl Jónína gleich zu Beginn ihrer Begegnung gespürt hatte, dass irgendetwas im Argen lag, überraschte sie die Heftigkeit dieses Gefühlsausbruchs.
Zugleich gab er ihr jedoch die Gewissheit, dass alles Weitere keine Frage des Vertrauens, sondern vor allem eine Frage des Timings sein würde. Doch wie nur sollte sie fortfahren?
»Pardon«, sagte sie schließlich und räusperte ich. »Ich heiße Jónína.«
»Marie«, erwiderte die Frau und gab ihr die Hand, als handelte es sich um eine Entschuldigung.
Jónína antwortete mit einem freundlichen Lächeln. Tief in sich verspürte sie derweil einen dumpfen Stich, der ihre eigenen Sorgen, die sie mit dieser Reise verband, umgehend in den Hintergrund rückte.
Sie wartete und schwieg für einige Augenblicke, um der jungen Frau die Möglichkeit zu geben, sich mit der doch sehr ungewöhnlichen Situation zu arrangieren.
»Tut mir leid, liebe Marie. Ich wollte dir nicht zu nahe treten, das war mein Fehler, nicht deiner. Wobei ich eigentlich gar nicht von einem Fehler sprechen möchte, im Gegenteil. Nennen wir es eine ausgesprochen direkte Art des Kennenlernens, wodurch die Karten gleich offen auf dem Tisch liegen. Uns erwarten also weder Versteckspiele noch Täuschungsmanöver. Umso mehr freue ich mich darüber, deine Bekanntschaft zu machen.«
Marie nickte. Ihre Lippen veränderten dabei zaghaft ihre Form und entschieden sich schließlich dafür, die Andeutung eines Lächelns zu werden.
Wieder rahmte Jónína das Gesagte mit einem Moment der Stille ein.
»Wir kennen uns noch nicht, Marie. Ich möchte dir aber dennoch sagen, dass dir nichts von alledem unangenehm sein sollte. Uns alle beschäftigen manchmal Dinge, die für andere unsichtbar sind.«
Sie schluckte kurz und musterte ihr Gegenüber, bevor sie fortfuhr.
»Es ist doch so: Im Großen und Ganzen ähnelt unser aller Leben einem Puzzle mit unbekanntem Motiv, wobei die Anzahl der Teile von Mensch zu Mensch variiert. Die Ränder, die Höhen und die Tiefen sind relativ schnell auszumachen, aber um den Raum dazwischen zu füllen, kannst du auf keinerlei Anleitungen und Hinweise zurückgreifen. Du musst Dinge ausprobieren, anpassen und neu anordnen. Irgendwann spürst du Zusammenhänge auf und erfreust dich an all den Feinheiten, die im Verborgenen darauf gewartet haben, entdeckt zu werden.«
Jónína dachte kurz darüber nach, wie sie ihren Gedanken, der ihr noch nicht präzise genug erschien, sinnvoll zu Ende bringen konnte. Dann ergänzte sie: »Und manchmal finden gewisse Dinge einfach zusammen. Ganz egal, ob durch Zufall oder Vorbestimmung. Jetzt, da wir uns hier begegnet sind, könnten wir einfach dasitzen und schweigend aus dem Fenster schauen. Wir könnten ebenso gut über das Wetter fachsimpeln. Oder wir könnten über Bücher sprechen, was ich eindeutig bevorzugen würde. Ich richte mich da vollkommen nach dir.«
Marie zögerte. »Was hat es mit den Büchern auf sich?«
»Bücher sind mein Leben«, antwortete Jónína. »Und das nicht nur, weil ich eine kleine Buchhandlung betreibe. Eine von mir sehr geschätzte Autorin formulierte es einst wie folgt: ›Bücher verändern uns, Bücher retten uns. Ich weiß das, weil ich es selbst erlebt habe.‹«
»Elif Shafak«, entgegnete Marie postwendend.
Jetzt war sie es, die für einen Moment der Stille sorgte, in die sich Jónínas stumme Verwunderung ergoss.
Dass Marie dieses Zitat seiner Autorin zuordnen konnte, war für die Isländerin eine Überraschung. Noch mehr überraschte sie jedoch, dass sie auf Maries Gesicht keinen Ausdruck der Freude erkennen konnte. Stattdessen glaubte sie erneut den Anflug eines inneren Ringens in Maries Augen zu erkennen.
»Anscheinend ist dir die Sache mit dem Puzzeln nicht allzu fremd«, sagte Jónína schließlich. »Und die Sache mit den Büchern erst recht nicht.«
»Ich mag Puzzle«, antwortete Marie. »Und es gab auch eine Zeit, in der ich Bücher mochte. Genau genommen sogar viel mehr als das. Zuletzt hat sich unser Verhältnis jedoch als eher ambivalent erwiesen.«
Und dann erzählte sie Jónína alles.
»Du bist also Bäcker?«, fragte sie Thomas, obwohl sie die Antwort längst kannte.
Nicht nur, dass Jónínas gegenseitige Vorstellung am Bahnhof diese Information beinhaltet hatte und der Lieferwagen, in dem sie unterwegs waren, an den Außenseiten sowie am Heck mit der Aufschrift »La boulangerie« beklebt war. Die Bestätigung lag noch dazu in der Luft und betörte Marie seit dem Einstieg in Libramont: Ein herrliches Aroma umgab sie im Innenraum des Wagens. Es roch nach Hefe. Leicht süßlich, herzhaft und mit einer dezenten Rosmarinnote versehen. Nie zuvor hatte sie darüber nachgedacht, wonach frisch gebackenes Brot eigentlich roch. Oder aus wie vielen Noten sich ein Duft zusammensetzte. Doch dieser Geruch wirkte auf eine intensive Weise unverfälscht. Natürlich. Und noch dazu anregend, inspirierend. Er brachte ihre Sinne zum Blühen.
»Der beste von ganz Redu«, antwortete Jónína von der Rückbank.
»Und noch dazu der einzige«, ergänzte Thomas augenblicklich, als versuchte er, einen bösen Fluch abzuwenden.
»Thomas ist der ungeschlagene Meister der Bescheidenheit.« Jónína schien eine ausgewogene Mischung aus Gereiztheit und Spott in ihre Stimme legen zu wollen, während sie Marie über den Innenspiegel zuzwinkerte. »Einst ist er um die halbe Welt gereist, um seine Backkünste, für die er später mehrfach ausgezeichnet wurde, zu perfektionieren. Doch irgendwann ist er zurückgekehrt, um die Welt in unserem Dorf zu versammeln. Was für ein unverschämtes Glück wir doch haben!«
»Die halbe Welt …«, wollte Thomas erneut abwiegeln – doch dieser Versuch wurde sofort im Keim erstickt.
»Papperlapapp«, fiel Jónína ihm lachend ins Wort. »Wie wäre es, wenn wir auf der Kuppe einen Halt einlegen?«
Offensichtlich dankbar für den abrupten Themenwechsel, kam Thomas dieser Bitte gerne nach. Als sie den höchsten Punkt der Steigung erreicht hatten, brachte er den Wagen auf dem schmalen Bankett neben der Straße zum Stehen. Dort stiegen sie aus und folgten Jónína, die zielsicher zwischen den Bäumen und Sträuchern hindurchsteuerte.
Der Waldboden war weich und mit Unmengen an Laub und Tannennadeln bedeckt, während unter dieser Schicht das Leben des neuen Jahres erwachte. Davon zeugte ein erdiger Geruch, dem eine leicht modrige Note innewohnte.
Es war ein Duft, der Abschied und Neuanfang vereinte.
Diese Erkenntnis rührte Marie in der Projektion auf ihr eigenes Leben. Es braucht Abschiede, um Neuanfänge zu erleben, dachte sie, während sie hintereinander durch das Geäst liefen.
Natürlich war es viel zu früh, um dieser Reise einen derlei tiefgreifenden Charakter zuzuschreiben, aber der bloße Gedanke daran schenkte ihr bereits ein wenig Zuversicht.
Als sie sich all die Geschehnisse der letzten Stunden vergegenwärtigte, überkam sie eine Gänsehaut.
Tieftraurig hatte sie an jenem Morgen die Flucht aus Paris angetreten. Es war ein Akt der Verzweiflung gewesen, um der großen, lärmenden Stadt zu entkommen, die ihr in den vergangenen Jahren, vor allem jedoch in den zurückliegenden Tagen, viel zu viel abverlangt hatte. Maries Leben hatte einen Kipppunkt erreicht – und ihr Kräftehaushalt ebenso. Deshalb hatte sie den Entschluss getroffen, Paris für mindestens einen Monat den Rücken zu kehren. Und das sofort. Wahrscheinlich eine Kurzschlussreaktion, wie Marie sich selbst eingestehen musste. Gleichzeitig wusste sie keinen anderen Ausweg, denn ihre Gedanken waren immerzu in Bewegung. Rastlos und unbeholfen zugleich.
Im Zug nach Libramont hatte Jónína dann mit einer einzigen Frage einen weiteren Kipppunkt herbeigeführt. Marie war im Erwachsenenalter noch nie eine Person gewesen, die sich schnell oder gar vielen Menschen anvertraute. Dafür hatte sie das Leben zu früh gelehrt, dass keine Verbindung von garantierter Dauer war. Deshalb machte Marie alles mit sich selbst aus. Wie sollte es auch anders sein bei einem Menschen, der seit seinem neunzehnten Lebensjahr – mehr oder weniger – auf sich alleine gestellt war? Auch ihre Flucht hatte sie ausschließlich mit sich selbst ausgemacht – und ihre beste Freundin Nicole erst einbezogen, als der Entschluss längst gefasst und in der Umsetzung begriffen war.
Doch dann war sie Jónína begegnet, der Frau mit den eisblauen Augen und den messerscharfen Fragen. Bereits nach der ersten war alles aus ihr herausgebrochen. Im Rückblick fühlte Marie sich an einen Zeitungsartikel erinnert, den sie vor Kurzem gelesen hatte: In einem Gletscher am Südpol war ein Riss beobachtet worden, der sich nicht – wie sonst üblich – über mehrere Jahre, sondern innerhalb weniger Minuten so tief ins antarktische Schelfeis gefressen hatte, dass das Eis schließlich ganz brach und einen gewaltigen Eisberg freigab, der gefährlich schlingernd auf den Ozean hinaustrieb. So ähnlich war es auch ihr ergangen, nur eben auf eine gute Art. Dies war zweifellos ihrer isländischen Reisebegleitung zu verdanken, die äußerst behutsam mit dem riesigen Klotz aus Sorgen umzugehen wusste, der nun zwischen ihnen trieb.
»Ich würde dich sehr gerne einladen«, hatte Jónína zu ihr gesagt, nachdem Marie sich alles von der Seele geredet hatte.
»Und ja: Mir ist durchaus bewusst, wie verrückt das klingt. Das tut es selbst für mich. Doch gleichzeitig habe ich das unbestimmte Gefühl, dass dir das Dorf, in dem ich lebe, ausgesprochen gut gefallen könnte. Womöglich sogar mehr als das, aber ich möchte ungern zu viel versprechen.«
Marie hatte nicht sofort etwas erwidern können, sondern erst einmal ihren Blick abgewandt, um nicht Gefahr zu laufen, ein weiteres Mal in Tränen auszubrechen. Ein unmögliches Unterfangen.
»Wenn ich eines gelernt habe in all den Jahren, die jetzt hinter mir liegen, dann vor allem das: Manchmal lohnt es sich, seinem Impuls zu folgen. Du musst nur tief in dich hineinhorchen, liebe Marie. Keine Sorge, ich werde dir nicht böse sein, wenn du ablehnst. Es könnte jedoch passieren, dass ich in diesem Fall mein Alter zu meinem Vorteil nutze und einen plötzlichen Schwächeanfall vortäusche, damit du mich ins Dorf begleitest. Aber ein solches Drama wollen wir beide doch nicht, oder?«
Jónína hatte sich theatralisch eine Hand an die Stirn gehalten und die Augen verdreht, sodass Marie gar nicht anders konnte, als loszuprusten.
Während draußen der Wald vorbeigezogen war, der die Bahntrasse seit ihrer Abfahrt in Rochefort-Jemelle umgab, hatte Marie eine wohlige Wärme in sich aufsteigen gespürt.
Ihre Wangen hatten geglüht und ihr Herz auch. Wie sich herausstellte, war dies der letzte Halt vor Libramont, wo sie eine halbe Stunde später aussteigen sollten. Gemeinsam. Und ohne dass ein vorgetäuschter Schwächeanfall vonnöten gewesen wäre.
Bei dem Gedanken daran lächelte Marie beseelt.
Kurz darauf hatten sie eine Lichtung erreicht.
Die Aussicht, die sich von dort aus bot, war einfach atemberaubend: So weit das Auge reichte, waren ringsum Bäume und Berge zu sehen. Irgendwo in der Ferne bahnte sich ein Fluss, dessen gleichmäßiges Rauschen bis auf die Anhöhe hinaufgetragen wurde, seinen Weg durch die Landschaft. Ansonsten herrschte Stille vor – zumindest nahm Marie es so wahr. Keine dröhnenden Motoren, keine lärmenden Menschen. Es mutete beinahe surreal an. Surreal schön.
Die junge Französin konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal an einem Ort gewesen war, der eine solche Ruhe ausgestrahlt hatte. Wahrscheinlich noch nie. Sie liebte alles an dieser Szenerie, weshalb sie kurzzeitig ihre Augen schloss, um sich das Abbild dessen, was sie gerade gesehen hatte, ganz tief einzuprägen – verbunden mit der vagen, traumgleichen Hoffnung, sich möglichst lange daran zurückerinnern zu können.
Als Marie die Lider wieder öffnete, fiel ihr Blick in das Tal, das nun von der wärmenden Nachmittagssonne geflutet und in ein Meer aus weichem Licht getaucht wurde. Sie erkannte ein kleines Dorf, dessen Häuser sich bis hinauf an die Ausläufer des Talkessels schmiegten. In der Mitte ragte ein offenbar etwas schief geratener Kirchturm empor, der im Sonnenlicht glühte.
»Das ist Redu«, sagte Jónína, die Maries Blicken und Gedanken ein weiteres Mal gefolgt zu sein schien. »Heimat vieler Tausend Bücher, Zuhause weniger Hundert Menschen und womöglich auch Schauplatz der einen oder anderen im ersten Moment kurios anmutenden Begebenheit. Vor allem aber ist es der schönste Ort, an dem ich jemals gewesen bin.«
Für einen kurzen Moment dachte Marie darüber nach, eine Rückfrage zu stellen – verwarf diesen Gedanken dann aber ebenso schnell wieder, wie er gekommen war. Zeit für Fragen, Antworten und eigene Entdeckungen schien hier ohnehin im Überfluss vorhanden zu sein.
Stattdessen genoss sie die Ruhe und die Aussicht, die sich ihr boten und die immer mehr wie eine Bestärkung des zuletzt Gesagten wirkten.
Es war wirklich atemberaubend schön.
Ein feiner, süßlicher Duft, der vom Austreiben des ersten Birkengrüns zeugte, lag in der Luft. Kaum merklich, nicht aufdringlich, aber dennoch allgegenwärtig.
Jónína stand für viele Minuten schweigend auf der Lichtung und nahm alles auf, was in ihrer Umgebung geschah – wie eine Kamera mit offener Blende. Dabei wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihre Wahlheimat vermisst hatte, obwohl sie gerade einmal vier Tage fort gewesen war. Die Weite der Landschaft, die Gesellschaft ihrer Freundinnen und Freunde, die Vielfalt der Natur und nicht zuletzt auch der Zauber der Stille – das alles hatte ihr gefehlt. Gerade jetzt, da der Frühling Einzug hielt.
»Hörst du das? Ist es nicht wunderbar?«, fragte sie schließlich an Marie gewandt. »Jedes Mal, wenn ich in der Stadt war und anschließend hierher zurückkehre, fühle ich mich an meinen ersten Besuch erinnert. Damals, vor vielen Jahrzehnten, traute ich meinen Ohren kaum. Der allgemeine Geräuschpegel lag um ein Vielfaches unter dem, was ich gewohnt war. Im ersten Moment fühlte es sich gar so an, als hätte jemand eine Lärmschutzmauer vor meinen Ohren errichtet. Ich nenne dieses Phänomen seitdem ›die ohrenbetäubende Stille‹. Sobald dein Gehör sich damit arrangiert hat, erlebst du ein vollkommen neues Gefühl von Akustik. Wenn im Dorf beispielsweise jemand Holz hackt, kannst du es bis hier oben hören. Wenn jemand seinen Rasen mäht, ebenso.«
Jónína verstummte für einen kurzen Moment, bevor sie fortfuhr.
»Und hörst du das? Dieser Vogel pfeift praktischerweise seinen Namen: Zilpzalp, Zilpzalp …«
Marie lauschte und nickte der Isländerin versonnen zu. »Ja, stimmt, nun höre ich es auch.«
Jónína sah, wie es in Marie arbeitete.
»Gerade habe ich auch über diese wundersame Stille nachgedacht, die ich aus Paris nicht kenne. Wie sie sich äußert und was sie mit einem anstellt. Sie verändert die Wahrnehmung. Der Gesang der Vögel fügt sich derart harmonisch in die Gesamtkulisse ein, dass er mir beinahe entgangen wäre. Zu Beginn habe ich nur Stille wahrgenommen. Aber nun, da sich mein Gehör allmählich den Gegebenheiten anpasst, stelle ich fest, dass da mehr ist als bloße Ruhe. Die Vögel sorgen für eine Art schmuckvolle Verzierung der Stille. Und äußerst melodiös ist sie obendrein.«
»Es ist einfach herrlich«, sagte Jónína, bevor sie schließlich die Weiterfahrt antraten.
Zur Überraschung der Isländerin war es Thomas, der im Lieferwagen den Gesprächsfaden wieder aufnahm.
Genau genommen betätigte er sich allerdings nur als Stichwortgeber: »La Rue des Chênes«, warf er vielsagend in den Innenraum – und überließ es dann Jónína, die Steilvorlage zu verwandeln.
»Bitte entschuldige, Marie. Wie du vielleicht schon bemerkt hast, sind wir keine erfahrenen Tourguides. Das spiegelt sich unter anderem in der etwas verknappten Kommunikation der einen oder anderen hier anwesenden Person wider.« Sie knuffte in die Rückseite von Thomas’ Fahrersitz.
»Ich versuche mich aber gerne an einer Übersetzung. Was Thomas mit seinem Anfall von Geschwätzigkeit sagen wollte, ist Folgendes: Hier gibt es nicht nur Vögel, die ihren Namen pfeifen, sondern auch Bäume, die so massiv auftreten, dass ganze Landstraßen nach ihnen benannt werden. Die Rue des Chênes wird, wie der Name bereits vermuten lässt, von unzähligen Eichen gesäumt, deren Kronen bald schon die gesamte Breite des Asphalts überspannen werden. Warte nur ab, bis sie vollständig ausgetrieben haben. Dann vermitteln sie einem das Gefühl, durch einen Waldtunnel zu fahren. Es ist aber keineswegs so, als gäbe es hier nur Eichen. Die Ardennen sind üppig und vielfältig bewaldet – und sowohl das Land als auch die Leute haben die eine oder andere Geschichte zu erzählen …«
Jónína brach den Satz unvermittelt ab und bemühte sich gleichzeitig, das Ganze wie eine geheimnisvolle Andeutung klingen zu lassen, womit sie die Gefühlsregung überspielen wollte, die mit einem Mal von ihr Besitz ergriff.
Mit ihrer letzten Äußerung hatte die Isländerin nämlich unbeabsichtigt eine melancholische Saite in sich zum Klingen gebracht, wodurch es schwer bis unmöglich geworden wäre, den angerissenen Gedanken mit klarer Stimme zu Ende zu führen. Stattdessen dachte sie darüber nach, wie sich wohl ihre eigene Geschichte entwickeln würde. Sie hatte längst aufgehört, ihre Aufenthalte in Brüssel zu zählen, die jedes Mal – obwohl sie mittlerweile einem festen Turnus folgten – eine neuerliche Reise ins Ungewisse darstellten.
Nach einigen Sekunden hatte sie sich wieder gefangen und die aufkommende Besorgnis verdrängt. Und ohne es zu wissen, beruhigte Marie Jónína auf zusätzliche Weise: Während die junge Frau aus dem Fenster blickte, schien sie in einem fort über die vorbeirauschende Natur zu staunen.
Als die Bewaldung, die sie kilometerlang begleitet hatte, in einer Talsenke allmählich an Dichte verlor, hing Marie noch immer ihren Gedanken nach.
Birken, Buchen, Eschen, Fichten, Lärchen, Linden, Erlen …
Mit jeder Baumart, die Jónína derart mühelos im Vorbeifahren benannt hatte, als wären es ihre Kinder, realisierte Marie, wie wenig sie eigentlich über die Natur wusste.
In weiten Teilen war sie ihr bis heute ein Rätsel geblieben, was nicht etwa daran lag, dass Marie die Natur bewusst gemieden hatte – sie hatte in ihrem Alltag jedoch nicht allzu viele Berührungspunkte mit ihr. Wie viel Zeit verbrachte sie in Paris schon unter freiem Himmel? Wenn sie nicht gerade in der Uni war, saß sie in der Métro oder wartete auf die nächste U-Bahn. Auch ihre beiden Nebenjobs als Büroassistenz in einer Werbeagentur und als Kellnerin im Bistro hatten nie viel Zeit für ausgedehnte Waldspaziergänge gelassen. Gleiches galt für ihre Besuche im Krankenhaus.
Diesem Gedanken und der damit verbundenen Erinnerung wollte Marie in dieser Situation jedoch keinen weiteren Raum gewähren, weshalb sie ihn schnell und weit von sich schob.
Stattdessen dachte sie über jene Male nach, im Zuge derer sie doch einmal zu Fuß innerhalb von Paris unterwegs gewesen war. Wenn sie auf diese Weise von einem Ort zum anderen eilte, fehlte Marie im Gedränge und der damit verbundenen Hektik oftmals die Muße, ihre Umwelt zu betrachten und zu genießen. Das Blau des Himmels, die ersten Blüten der Pflanzen und Sträucher, das Laub des Herbstes … all das nahm sie nie bewusst wahr, wie Marie sich in diesem Moment eingestehen musste.
Auch die Parks der Stadt wussten leider nicht mit der Aussicht auf ein entspanntes Verweilen zu locken. Hier gab es zwar Natur, aber auch viel Lärm und Tourismus.
Für Urlaube hingegen, sofern sie diese überhaupt in Erwägung zog, hatte sie stets auf Metropolen gesetzt, die mit unzähligen Sehenswürdigkeiten aufwarteten.
Dass dieses Verhalten nicht nur widersprüchlich, sondern geradezu grotesk war, ging Marie erst jetzt auf.
Doch nun war es so weit: Die ahnungslose Großstädterin fand sich auf dem Land wieder – und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur, dass sie kaum einen der von Jónína genannten Bäume zuordnen konnte – von einigen Arten hörte sie heute gar zum ersten Mal.
So durfte es unmöglich weitergehen, beschloss Marie. Sie wollte mehr über all das erfahren, was sie umgab.
Inzwischen war der Wald einem Dorf gewichen. Entzückende kleine Häuschen, die Jónína als Gîtes bezeichnete, flankierten zu beiden Seiten die Straßen und Gassen des Ortes.
Sie waren aus grauem oder beigem Bruchstein gefertigt und vermittelten Marie das Gefühl, von einer märchenhaften Szenerie in die nächste zu geraten: vom Zauberwald hinein in ein Dorf, das ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein schien.
Am liebsten hätte sie in diesem Moment ihr Handy gezückt, um die wunderschöne Kulisse einzufangen, doch Marie unterdrückte diesen Impuls ebenso schnell wieder, wie er gekommen war. Es kam ihr unpassend vor, vielleicht sogar unhöflich, wenn sie ihren Begleitern auf diese Weise das Gefühl vermittelte, dass das, was ihre Heimat war, außerhalb von Maries Vorstellungskraft lag.
Natürlich war es ebenso gut möglich, dass das Hervorholen eines Handys und das Auslösen der Kamera von ihren Mitreisenden als Kompliment verstanden wurde, doch Marie war nicht gewillt, irgendein Risiko einzugehen, das für Missverständnisse im Miteinander sorgen könnte.
Darüber hinaus war ihr das Bild von Jónína, wie diese kurz zuvor auf der Lichtung gestanden und ihre Umgebung vollständig in sich aufgesogen hatte, derart eindrücklich im Gedächtnis geblieben, dass Marie es ihr nun gleichtun und sich ausschließlich auf die eigenen Sinneswahrnehmungen konzentrieren wollte. Der Versuch, ein digitales Abbild zu erschaffen, barg nämlich zweifellos auch immer die Gefahr, dem Augenblick etwas von seiner Faszination zu nehmen. Stattdessen wandte sie sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit dem Blick aus dem Fenster zu. Einfach surreal schön, kam es ihr daraufhin ein weiteres Mal in den Sinn.
Die Stromversorgung innerhalb des Dorfes erfolgte oberirdisch, was ein immenses Gewirr an Leitungen zur Folge hatte, die von Haus zu Haus führten und einander sogar oftmals kreuzten.
Was Marie auf der Durchfahrt des pittoresken Örtchens jedoch am meisten imponierte, waren die vielen Buchhandlungen und Antiquariate. Vor ihren Eingängen waren reich dekorierte Büchertische, –truhen und -wände aufgebaut, die sie an die Auslagen der Pariser Bouquinisten erinnerten. Im Gegensatz zur Hauptstadt wirkte das Dorf jedoch wie ausgestorben.
Der Anblick der Librairies sorgte zugleich aber auch für eine Assoziation, die Marie in dieser Situation doppelt ungelegen kam. Während sie sich auf die Gegenwart fokussieren wollte, weckten Bücher die Erinnerung an einen schmerzhaften Verlust aus der jüngsten Vergangenheit, an den Marie gerade nicht denken wollte.
Zum Glück sorgte in diesem Moment eine weitere Beobachtung für Ablenkung. Marie fiel nämlich auf, dass den meisten Häusern üppige Gärten vorgelagert waren, denen die Sonne und Wärme des jungen Jahres schon überraschend ansehnliche Farbakzente beschert hatte. Überall blühte es rot, blau, weiß und violett. Inmitten dieser überwältigenden Farbenpracht entdeckte Marie eine Pflanze, die sogar sie identifizieren konnte: An den Sträuchern hingen unzählige Haselkätzchen, die gerade jetzt von einem erdigen Braunton in ein leuchtendes Goldgelb überzugehen schienen und feingliedrig-schmuckvoll eine Reminiszenz an eine frühere Buchlektüre darstellten.
Was für ein schöner Zufall, dachte Marie, als sie sich dessen bewusst wurde. Nachdem sie dies zunächst nur auf den Buchtitel bezogen hatte, galt es für die zugehörige Geschichte umso mehr. Mit jedem Stück der Handlung, die nach und nach in ihrem Gedächtnis erwachte, schlug Maries Herz ein winziges bisschen schneller, denn soweit sie sich erinnern konnte, hatte die Pflanze in George Simenons Roman Es gibt noch Haselnußsträucher als Symbol der Hoffnung gegolten. Zuvor hatte der Protagonist einen schweren Verlust erlitten, woraufhin er von Paris aufs Land geflüchtet war. Ein bisschen Hoffnung konnte auch Marie gut gebrauchen.
Eine Steigung, die auf eine Linkskurve folgte, führte schließlich zu einem Plateau hinauf, das Marie als das Zentrum des Ortes ausmachte. Nachdem der Lieferwagen zu Beginn des Anstiegs noch kurz gebockt hatte, brummte er nun die Anhöhe hinauf, wo Thomas einen Parkplatz hinter der Kirche ansteuerte.
Als sie ausgestiegen waren und Marie gerade die Beifahrertür zuschlagen wollte, ertönte der Glockenschlag, und sie sah nach oben: Es war Punkt 16:30 Uhr.
Als sie ihren Blick schon wieder abwenden wollte, blieb er am oberen Teil des Turms hängen.
Nachdem sie aus der Ferne bereits wahrgenommen hatte, dass dieser windschief gen Himmel gerichtet war, stellte sie nun bei genauerer Betrachtung fest, dass die Kirchturmspitze den Eindruck einer äußerst behelfsmäßigen Montage vermittelte. Die Schindeln wirkten hier deutlich matter, während sich unterhalb der holzgerahmten Schallfenster eine deutliche Naht abzeichnete. Es machte fast den Anschein, als sei die Spitze des Glockenturms nachträglich montiert worden, nachdem sie ursprünglich eine andere Kirche geschmückt hatte. Sie saß dermaßen schief auf dem Korpus, dass man ihr baldiges Herabstürzen befürchten musste.
Doch damit nicht genug. Die beiden Ziffernblätter der Kirchturmuhr, die Marie aus ihrer Position nun genau sehen konnte, zeigten unterschiedliche Zeiten an.
Während es auf dem einen Blatt genau 16:30 Uhr war, wiesen die Zeiger auf der danebenliegenden Seite 16:25 Uhr aus.
Wie konnte das sein?
»Das ist eine längere Geschichte«, schien Jónína ein weiteres Mal ihre Gedanken gelesen zu haben.
Marie fragte sich, wie die Isländerin das machte. Was genau befähigte sie dazu, scheinbar mühelos in ihr Inneres zu blicken? War Jónína mit einer besonderen Gabe gesegnet? Oder war allein ihre Lebenserfahrung dafür verantwortlich? Vielleicht ein bisschen von beidem. Was auch immer es war: Jónínas Intuition arbeitete deutlich präziser als das hiesige Uhrwerk.
Womöglich war das Ganze aber auch darauf zurückzuführen, dass Maries Sorgen so offensichtlich waren? Unsicher fuhr die junge Französin mit der Hand über ihre Stirn und durch ihre Haare, bevor Jónína ihren Gedanken fortsetzte.
»Hier gehen die Uhren seit jeher etwas anders, was inzwischen sogar wortwörtlich verstanden werden darf. Unsere Kirchturmuhr schenkt jedem eine zweite Chance, pünktlich zu sein. Denn seien wir ehrlich: Wir sind das Warten gewohnt. Wer mit nur einer Busverbindung pro Tag auskommen muss, hat unweigerlich ein anderes Zeitgefühl. Die allgemein vorherrschende Entwicklung, alles sofort haben zu können und auch zu wollen, ist eines der größten Luxusprobleme der Gegenwart. Zumindest nehme ich es so wahr.«
Marie schenkte der Isländerin ein halb freundliches, halb verlegenes Lächeln.
»Ich verstehe, was du meinst, aber hat ein gewisser Komfort nicht auch eine praktische Seite?«
»Natürlich, Marie. Die will ich auch gar nicht bestreiten. Wenn es um lebensnotwendige Dinge wie Medikamente und deren Verfügbarkeit geht, bin ich ganz deiner Meinung. Was aber, wenn irgendwann niemand mehr bereit ist zu warten? Nicht umsonst heißt es doch: Vorfreude ist die schönste Freude. Wo kämen wir hin, wenn sich jede nur denkbare Form des Wartens von jetzt auf gleich abkürzen ließe, als würde man einen Lichtschalter umlegen? Der wahre Luxus besteht darin, Dingen beim Werden und Entstehen zusehen zu dürfen. Schau dich nur um: Der Frühling kommt, und auch mit siebenundsiebzig Jahren habe ich eine kindliche Freude daran, Neues zu entdecken. Neues im Kleinen und Großen. Ich möchte keinen Frühling per Expresslieferung.«
Jónínas Wangen waren leicht gerötet, während sie die Lippen so fest aufeinanderpresste, dass sie mit einem Mal ganz schmal erschienen. Es schien ihr ein ernstes Anliegen zu sein. Auch Thomas hatte eine Meinung zu diesem Thema, die er auf seine ganz eigene Weise zum Ausdruck brachte: Er nickte nachdrücklich, um Jónínas Äußerungen beizupflichten.
Marie ließ das Gesagte in sich nachklingen. Mit diesem Punkt hatte sie sich noch nie befasst, denn in ihrem Alltag waren Expresslieferungen selbstverständlich, wenn sie wieder einmal bis abends in Vorlesungen saß und nicht daran gedacht hatte, für den nächsten Tag einzukaufen. Aber ja, die viel zu vollen Straßen in Paris wurden eben auch von Lieferdiensten verursacht. Wie oft wurde ein einzelnes Produkt über Hunderte von Kilometern zu jemandem nach Hause chauffiert, obwohl es der Laden um die Ecke sogar vorrätig hatte?
»Sehr wahrscheinlich hast du recht«, sagte sie schließlich an Jónína gerichtet. »Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich dir beipflichten. Auch ich habe schon Wartezeiten abgekürzt – nicht etwa, weil es notwendig gewesen wäre, sondern aus reiner Bequemlichkeit.«
»Tut mir leid, wenn ich mich da ein wenig in Rage geredet habe«, antwortete Jónína. Dabei senkte sie kurz den Kopf, als suchte sie nach dem passenden Ausdruck, um das Gesagte fortzusetzen. »Das war keinesfalls gegen dich gerichtet«, fügte sie schließlich an, »sondern einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass ich gerade wieder in der Großstadt zu Besuch war. Vielleicht bin ich als Unternehmerin in dieser Hinsicht auch etwas sensibel. Die Kurzsichtigkeit des einen ist für den anderen manchmal existenziell. Warum muss man sich zum Beispiel einen Roman im Internet bestellen und bis 22 Uhr nach Hause liefern lassen, wenn man ihn am nächsten Morgen auch bequem in der Buchhandlung vor Ort abholen kann – und daheim sowieso noch unzählige ungelesene Bücher im Regal stehen hat? Die Tragweite solcher Entscheidungen wird den meisten leider erst dann bewusst, wenn ein weiterer Laden schließen muss, den man seit der Kindheit kannte.«
Wieder brauchte Marie einen Moment, um ihre Gedanken zu sortieren. Über dem Kirchturm zogen Vögel ihre Bahnen. Sie hatten schmale, sichelförmige Flügel und gegabelte Schwanzfedern, mit denen sie geschmeidig durch die Luft glitten und dem Kirchturm mehr als einmal sehr nahe kamen.
Wenn doch nur alle Vögel ihren Namen pfeifen könnten, dachte Marie halb lächelnd, halb bedauernd – und war sich im nächsten Moment nicht sicher, ob sie sich damit ein weiteres Mal der eigenen Bequemlichkeit überführt hatte.
Während Marie bewunderte, wie die Sonne im blauschwarzen Gefieder der Vögel schimmerte, sprach Jónína weiter.
»Oder liege ich damit komplett falsch? Bitte sag doch auch mal was, Thomas!«
Für den Bäcker schien die Einbeziehung in das Gespräch ebenso plötzlich zu kommen wie für Marie. Er war ihren Blicken gen Himmel gefolgt und lächelte nun ähnlich verlegen wie ein Schuljunge, der im Unterricht beim Träumen ertappt worden war. Marie war sich nicht einmal sicher, ob Thomas ihrer Diskussion überhaupt gefolgt war.
»Doch, doch«, brummte er schließlich. »Ich bin da vollkommen bei dir, Jónína.«
»Sagenhaft!«, entgegnete die Isländerin. »Vielen Dank für diese abermals sehr erschöpfende Antwort, werter Herr!«
Sie schüttelte den Kopf, wobei Marie ihr sofort ansah, dass sie Thomas mit ihrer gespielten Empörung aufziehen wollte.
»Dann sage ich eben noch etwas – und zwar etwas ganz Wesentliches: Hier im Dorf wird die Zeit als Freund und nicht als Gegner empfunden. Bei uns geht es nicht darum, möglichst viele Dinge in immer kürzerer Zeit zu erledigen, sondern sich den Dingen mit vollständiger Hingabe und Aufmerksamkeit zuzuwenden. Weniger ist mehr, mehr ist weniger.«
Die Isländerin setzte zu einem Lächeln an, das sie augenblicklich jünger wirken ließ. Marie erwiderte es.
Als aus dem Hintergrund plötzlich jemand Jónínas Namen rief und dabei jeden Vokal in die Länge zog, strahlte die Isländerin schließlich über das ganze Gesicht.
Eine Frau, die Marie auf Ende fünfzig schätzte, kam aus einer oberhalb des Platzes verlaufenden Straße auf sie zugerannt.
Sie hatte wirre Korkenzieherlocken, die im Rhythmus ihrer Schritte auf und ab wippten und damit eine gewisse Fröhlichkeit verströmten. Dieses Bild wurde von der bunt besprenkelten Schürze abgerundet, die die Frau trug.
»Das ist Louise«, klinkte Thomas sich nun ungefragt im Flüsterton ein, während Jónína der Frau ein paar Schritte entgegenlief. »Sie betreibt den Tante-Emma-Laden ›Fruits et Légumes‹, der in der gesamten Region für seine hausgemachten Fruchtmarmeladen bekannt ist.«
Marie reagierte mit einem freundlichen Nicken und lächelte leise in sich hinein. Dadurch, dass der Bäcker einerseits keine erkennbaren Ambitionen zeigte, selbst an ihrem Gespräch teilzunehmen, sich auf der anderen Seite aber durchaus darum sorgte, dass es niemandem an etwas mangelte – und seien es bloße Hintergrundinformationen –, kam er ihr vor wie ein Souffleur.
»Wie geht es dir?«, fragte Louise und legte Jónína dabei sanft eine Hand auf die Schulter. »Und wen hast du uns da mitgebracht?«, purzelte es aus ihr heraus, nachdem sie Marie erblickt hatte.
Noch bevor Jónína eine der Fragen beantworten konnte, war das Dorf mit einem Mal zum Leben erwacht. Was das Läuten der Glocken zuvor nicht vermocht hatte, vollbrachte Louises Ausruf der Freude im Handumdrehen.
Aus allen Richtungen strömten Menschen in Richtung des Kirchplatzes. Sie lachten und drückten Jónína herzlich, sodass Marie sich allmählich fragte, wie lange die Isländerin dem Dorf wohl den Rücken gekehrt hatte.
Thomas und sie wurden dabei mehr und mehr zu Statisten, wobei Marie diese Rolle schon immer gefallen hatte: Erst einmal alles mit einer gewissen Ruhe und Distanz auf sich wirken zu lassen, erleichterte ihr die Einordnung von neuen Dingen.
Auf diese Weise entging ihr auch nicht, dass nach ein paar Minuten eine Bewohnerin den Platz kreuzte, die sich nicht von der Woge allgemeiner Ausgelassenheit mitreißen ließ. Die alte Frau war in einen abgetragenen Mantel gekleidet, der ebenso aschgrau anmutete wie ihr struppiges Haar. Selbst ihre Haut wirkte ein wenig fahl, was angesichts der tief stehenden Sonne eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war.
Die alte Frau nickte wortlos und unbestimmt in Richtung des Trubels und bog in ein kleines Gässchen ab, das sie kurz darauf verschluckte.
Marie schaute zunächst Jónína an, die von vielen glücklichen Gesichtern und einem entsprechenden Stimmengewirr umgeben war. Dann fiel ihr Blick auf Thomas.
»Die Frau sah so traurig aus«, rutschte es ihr schließlich heraus. Im nächsten Augenblick fragte sie sich, ob es ihr überhaupt zustand, Bewertungen dieser Art vorzunehmen. Ausgerechnet sie, die Hals über Kopf aus ihrem alten Leben geflohen war und anscheinend so viel Traurigkeit ausstrahlte, dass sie in der Bahn von einer wildfremden Frau angesprochen worden war. Vielleicht war genau das aber auch der Grund, warum sie nun dieser Eindruck beschlich. Erkennen traurige Menschen einander schneller?
Thomas nickte und kombinierte den Ausdruck seiner Zustimmung mit einem etwas hilflosen Achselzucken.
»Das«, setzte er dann doch zu einer Erwiderung an, »war Mathilde.« Thomas blickte in Richtung der Gasse, in die die Frau soeben entschwunden war. »Mit ihr verbindet sich eine weitere lange und noch dazu äußerst komplizierte Geschichte, die eng mit anderen Eigenheiten dieses Dorfes verknüpft ist. Vor allem mit jener Geschichte, auf die Jónína bereits zu sprechen kam. Vielleicht redest du bei Gelegenheit mit ihr darüber? Sie ist eindeutig die bessere Erzählerin von uns beiden.«
Marie blickte gedankenvoll zur anderen Seite des Kirchplatzes, wo das Gemeindehaus der Ortschaft beheimatet war.
Dass sie jedoch nicht allzu tief in ihren Gedanken versinken konnte, war einer weiteren Begegnung zuzuschreiben, die recht stürmisch ausfiel: Ein dunkelbrauner Labrador war plötzlich aufgetaucht und leckte hingebungsvoll an Maries Händen, während er freudig auf der Stelle tanzte.
Sie ist eine verdammt gute Beobachterin, notierte Jónína in Gedanken, nachdem sie Marie aus den Augenwinkeln verfolgt und auch ihre Bemerkung in Richtung Thomas vernommen hatte. Umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, in welcher Situation sie sich befindet. Darüber hinaus hatte sie gleich mehrfach verstohlen auf ihr Handy geblickt, sodass sie dem regen Treiben auf dem Kirchplatz gar nicht mit voller Aufmerksamkeit beigewohnt haben kann.
Nachdem immer mehr Leute aufgetaucht waren, um Jónína zu begrüßen, zu drücken und mit guten Wünschen auszustatten, flachte der Trubel nun allmählich ab.
Jónína empfand eine tiefe Rührung und Dankbarkeit in Bezug auf den Empfang, der ihr von den Bewohnerinnen und Bewohnern Redus bereitet worden war, obwohl ihre Abwesenheit gerade einmal vier Tage angedauert hatte. Dass ihr bei der Rückkehr ins »beau village« dennoch eine solch aufrichtige Herzlichkeit entgegenschlug, zeigte Jónína einmal mehr, was sie an diesem Dorf hatte – zugleich aber auch, welchen Stellenwert sie selbst genoss. Schon fast ihr halbes Leben war sie nun schon hier und hatte seitdem nicht nur viele innige Beziehungen geknüpft, sondern die Geschicke des Bücherdorfs auch federführend geleitet.
Nach all der Freude verspürte Jónína nun aber auch eine bleierne Müdigkeit, die zunehmend Besitz von ihr ergriff. Sie war das viele Stehen nicht mehr gewohnt, nachdem sie die Tage in Brüssel überwiegend im Liegen und Sitzen zugebracht hatte.
»Danke fürs Abholen, Thomas«, winkte sie dem Bäcker zu, der umgehend schaltete und schnell das Gepäck aus dem Lieferwagen holte. »Kommst du mit, Marie?«
Während Thomas mit den beiden Rollkoffern bereits in die Rue Neuve eingebogen war, wo Jónína nicht nur lebte, sondern auch arbeitete, hatte die junge Frau sich erneut ihrem Handy zugewandt, das sie nun verlegen in ihre Hosentasche zurückgleiten ließ.
»Ich werde mich gleich hinlegen, um nach all der Aufregung ein wenig Kraft zu tanken. Zuvor würde ich dir aber gerne noch zeigen, wo du unterkommen kannst.«
Marie nickte und lief ihnen hinterher, woraufhin sich auch der Hund an ihre Fersen heftete.
