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Dieses Heft beinhaltet die nach 1856 niedergeschriebenen Erinnerungen des damaligen Generalmajors von Schreibershofen. Er nahm an den Feldzügen von 1806, 1809, 1812, 1813, 1814 und 1815 als Adjutant, Offizier im Generalstab und Kommandeur teil.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2021
Beiträge zur sächsischen Militärgeschichte zwischen 1793 und 1815
Heft 68
Abb. 1 Maximilian von Scheibershofen (Bestand 12 778 Akte 1)
Einleitung
1805
1806
1807 -1808
1809
Feldzug von 1809
1810 -1811
1812
1813
1813 -1814
1815
„Die umstehenden Erinnerungen habe ich niedergeschrieben, weil es mir Vergnügen machte, mich dabei recht lebhaft in vergangene Zeiten zu versetzen und mit interessanten Situationen, die ich erlebt und interessante Personen, mit denen ich in Berührung gekommen, wieder zu vergegenwärtigen. - das Manuskript ist keineswegs für die Öffentlichkeit bestimmt und macht keinen Anspruch auf literarischen Wert."
Ich fühle mich zugegebener Maßen schuldig, mit der Wiedergabe der militärischen Erlebnisse diesen Wunsch nicht gänzlich respektiert zu haben. Ich fühle mich aber dadurch exkulpiert, dass ich einen weiteren Zeitzeugen zu Wort kommen lassen kann, der die damalige Zeit nicht durch die Brille im Hier und Jetzt sozialisierter Historiker sondern durch ein Originalokular wieder ein wenig besser zu verstehen hilft.
Günther Joseph Karl Maximilian von Schreibershofen (bis 1812 Schreiber von Schreibershofen) wurde in Neustadt an der Orla am 07.08.1785 als Sohn eines pensionierten Hauptmanns geboren1.
Die Eckpunkte seiner militärischen Laufbahn waren: Kadett (01.06.1797); Fähndrich (03.02.1803), Sousleutnant (18.09.1807), Premierleutnant (1809) im Regiment Bevilaqua; 24.02.1810 Kapitän (Adjoint Generalstab Division Zeschau); 05.12.1812 Major im Generalstab.; 1822 Oberstleutnant. Am 02.12.1850 als Generalmajor und Kommandant des Kadettenkorps pensioniert, starb er am 24.12.1881 als General der Infanterie zu Dresden.
Seine Erinnerungen umfassen den Zeitraum von 1785 bis 1856. Wiedergegeben werden in diesem Heft die mit dem Militär in Verbindung stehenden Jahre 1805 bis 1815. Alles was in diesem Zeitraum einen nicht militärischen Bezug hatte, wurde (den eingangs erwähnten Wunsch respektierend) weggelassen, insofern dies, ohne den Zusammenhang zu stören, möglich war.
Verfasst wurden diese Erinnerungen zwischen 1856 (Ende der Aufzeichnungen) und 1881 (Tod), wohl auf Basis von Tagebuchaufzeichnungen.
Dem geneigten Leser wünsche ich eine interessante Lektüre.
Insofern Sie Anmerkungen, Ergänzungen oder sonstige Informationen zu Herrn von Schreibershofen aus dieser Zeit haben, so können Sie gern unter
Kontakt zu mir aufnehmen.
Eilenburg im Februar 2021
Ihr
Jörg Titze
1 Sein älterer Bruder Eberhardt diente gleichfalls in der Armee und stand beim Infanterie-Regiment Prinz Clemens (11.01.1807 Sousleutnant, 07.05.1809 Premierleutnant). 1812 stand er als Capitain bei der I. Halb-Invaliden-Kompanie.
In diesem Jahr traf mein Regiment die Reihe ein Bataillon und eine Grenadierkompanie nach Dresden abzusenden und daselbst ein Jahr lang, vom 1sten Juni an, nebst einem Bon Churfürst und einem Bon Prinz Clemens, den Garnisonsdienst zu verrichten. Jedes Infanterie-Regiment kam immer das vierte Jahr an die Reihe. Jede der 10 Kompanien gab die Hälfte der Offiziere und Mannschaften dazu. Ich ward dem Dresdner Bataillon zugeteilt und freute mich sehr, ein Jahr lang Leipzig mit Dresden vertauschen zu können, um so mehr als der gemeinschaftliche Dienst in der Residenz mit den anderen Regimentern das Gute hatte, Einseitigkeit zu vermeiden, Emulation zu bewirken und kameradschaftlichen Geist zu beleben.
Ende Mai ward der Marsch unter Kommando des Major v.Könitz - eines beschränkten, ängstlichen Mannes - angetreten. Nach altem Herkommen war nach 2 Marschtagen ein Rasttag, wobei ich nach Kalbitz bei Wendisch Luppa ins Quartier kam. Da ich hier nur ohngefähr 3 Meilen von Döbeln, wo mein Onkel Bredow jetzt als Oberstleutnant stand und von dem nah dabei gelegenen Gärtitz, den Polenz'schen Stammgut, dass die Familie seit kurzem bewohnte, entfernt war, so beschloss ich, sie zu besuchen, verschaffte mir ein Mietpferd und trabte auf dem, aus einer Spezialkarte ersehenen nächsten Weg, gleich nach dem Einrücken in Kalbitz, nach Gärtitz, wo ich sehr ermüdet von dem Vormittags-Marsch und Nachmittags-Ritt ankam, aber durch die freundlichste Aufnahme und ein gutes Souper für meine Anstrengung belohnt ward. Am andern Morgen - es war Sonntag - besuchte ich Bredows von dem nur 20 Minuten entfernten Döbeln, vernahm vom Onkel, dass er ganz unerwartet von einem Verwandten in Preußen eine bedeutende Erbschaft gemacht, bereits um den Abschied angehalten habe und sich in der Niederlausitz, seiner Geburtsprovinz, ankaufen wolle. Von Bredows begleitet kehrte ich Mittags zu Polenzens nach Gärtitz zurück und kam Abends noch Zeit genug in meinem Rastquartier an, um in Luppa an einem improvisierten Ball teilzunehmen, der, zu Ehren einer Menge hübscher Mädchen - Töchter von Förstern, Pfarren, Einwohnern pp. - in der Schankstube bei der Beleuchtung von zwei Inseltlichtern stattfand.
Vor dem Einrücken in Dresden kantonierte das Bataillon acht Tage in den schön gelegenen Dörfern zwischen der Elbe und den Plauenschen Grunde. Mein Quartier, so wie das des mir Freund gewordenen Leutnants v.Schlotheim, war in Pesterwitz, wo wir uns der reizenden Umgebung und Aussicht erfreuten. Eines Abends ward ich aber in diesem Genuss unerwartet gestört. Eine Ordonnanz brachte mir den Befehl, mich zu dem Adjutanten v.Leonhardi nach Cotta in Arrest zu begeben, weil mich der Major v.Könitz, dem ich in Dresden begegnet war, mit einer unprobemäßigen kleinen Zopfschleife erblickt hatte. Der „probemäßige", veraltete, unschöne Anzug war damals der Hauptgegenstand des Augenmerks der meisten unserer Stabsoffiziere. Der Churfürst selbst rügte es, wenn er bei Hof eine Abweichung vom alten Schnitt pp. bemerkte. In meinem Arrest bei Leonhardi befand ich mich übrigens sehr wohl und ward am nächsten Tag entlassen.
In Dresden bekam das Bataillon Ryssel seine Quartiere - meist sehr schlechte - in der Wilsdruffer Vorstadt und in Poppitz. Ich nahm das meine im Goldenen Stern mit einem Kameraden gemeinschaftlich, der nur für Bier und Tabak Sinn hatte.
Während des Sommers, so wie im nächsten Frühjahr ward auf der Sandwüste am Blasewitzer Tännicht, die jetzt schönstens kultiviert und bekannt ist, viel exerziert. Der weite Marsch von Poppitz aus dorthin und das mit gewaltigem Laufen verbundene Schützen-Exerzieren im tiefen Sande waren, zumal bei großer Hitze, sehr anstrengend, aber ich ertrug die Ermüdung gern, da ich mit dem grünen Federbusch, der die Schützen auszeichnete, an der Spitze dieser Truppe marschieren konnte, die auf dem Marsch die Avantgarde bildete. Der übrige Garnisonsdienst bestand im täglichen Beiwohnen der Wachparade um 11 Uhr auf dem Judenhofe, der Bataillonsinspektion und im Beziehen der Wache, die mich gewöhnlich am 12ten Tag, im See- oder Wildauschen Torposten, traf.
Das Dresdner Garnisonsjahr ward von allen Offizieren möglichst benutzt, um von den Annehmlichkeiten, welche die Haupt- und Residenzstadt, die schöne Umgebung und die Vereinigung mit Kameraden anderer Regimenter darboten, zu profitieren. Im Sommer wurden oft Gondelfahrten mit Musik nach Loschwitz, Pillnitz pp. und andere Landpartien unternommen. Das noch jetzt florierende Bad nebst Sommertheater vereinigte an Courattagen, namentlich Sonntags, ein zahlreiches elegantes Publikum, unter dem die Offiziere nicht fehlten. Die der Garde und Garde du Corps, letztere auf schönen englischen Pferden ankommend, glänzten durch ihre schönen Uniformen in der bunten Menge. Die vielen schönen Männern, Frauen und Mädchen, die man hier vereinigt fand, würde die jetzige Generation mit Verwunderung betrachten. Das gut besetzte Theater - durch deutsche und italienische Oper - gewährte, bei den geringen Entree-Preisen, jeden Abend eine genussreiche Unterhaltung. Im Winter fehlte es den Tanzlustigen - zu denen ich gehörte - nicht an Bällen. Die Lasina-Bälle, die wöchentlich einmal von 6 bis 10 Uhr statt fanden, nicht luxuriert und kostspielig, aber eine permanente Vereinigung waren, boten auch denen Offiziers, die sich nicht in die Ball-Salons der Gesandten pp. einführen ließen, Gelegenheit, die höhere Gesellschaft kennen zu lernen.
Um den Sinn der italienischen Opern zu verstehen, nahm ich (mit dem Leutnant v.Charpentier von der Garde) Unterricht im Italienischen und bei meinem alten guten Abbé Sansslet, der von Leipzig wieder nach Dresden gezogen war, setzte ich die Übungen im Französischen fort. Der Maler Hess, rühmlich bekannt durch den „Kosakenmarsch durch Prag" und das Gefecht von Prinz Clemens Chevauxlegers bei Kaiserslautern, gab Abbildungen der sächsischen Armee nach lebenden Modellen heraus. Als ein solches führte ich ihm einen Grenadier meines Regiments zu und verschaffte ihm noch einige Kavalleristen für seinen Zweck, dafür war er so dankbar, dass er mir Unterricht im Zeichnen nach Gipsmodellen gab. Dieses, sowie die Fortsetzung seiner Armeeblätter, ward aber leider bald unterbrochen. Er und sein Bruder, ein famoser Bonvivant, waren Besitzer des Hotel de Pologne und bankerott geworden. Mein armer Maler musste Dresden verlassen, um Wechselarrest zu entgehen.
Zu Ende des Sommers, wurde in Preußen und Sachsen zu einem Krieg, in Gemeinschaft mit Österreich und Russland , gegen Frankreich gerüstet. Im Herbst begannen die Durchmärsche durch Dresden der aus Schlesien nach der Fränkischen Grenze marschierenden Truppen und zugleich die Zusammenziehung von 20.000 Mann Sachsen an der Elster und Saale. Mein Bataillon ward nicht zum mobilen Korps bestimmt, aber die beiden andern Batailions, Churfürst und Clemens, verließen die Dresdner Garnison und wurden durch 2 Bons von Sänger und Low ersetzt. Die Durchmärsche belebten Dresden und boten für den Militär manches Interessante dar. Unter anderen exerzierte die leichte Infanterie-Brigade Pelet, auf dem Platze zwischen der Brücke und dem Schloss , bloß nach Hörner-Signalen, vor dem, auf dem Balkon befindlichen Kurfürsten.
Der schmähliche Vertrag, den Preußen mit Frankreich in Wien abschloss und der Frieden nach der Schacht von Austerlitz, führten die Truppen, meistenteils in kleinmütiger Stimmung, zurück in ihre Garnisonen.
Als die russische Hauptarmee bis Mähren vorgerückt war, begab sich der Kaiser Alexander zu derselben und verweilte von Berlin kommend, wo er am Grabe Friedrichs des Großen dem preuß: König zuvor treue Freundschaft geschworen hatte, einen Tag in Dresden als Gast des Kurfürsten. Seine schöne, imposante Erscheinung und sein verbindliches Benehmen erwarben ihm den allgemeinsten und lebhaftesten Beifall. Man erblickte ihn schon als Sieger - und wenige Tage danach langte die Nachricht von der Schlacht von Austerlitz an.
Die Besatzung der Festung Königstein, die gewöhnlich aus einer Halb-Invaliden Kompanie und Artilleristen bestand, erhielt bei der Mobilmachung der Armee Verstärkung. Unter diesen befand sich mein Bruder, bei einem Besuche, den ich ihm dort machte, lernte ich einen interessanten alten, lebenslustigen Veteranen, den Generalleutnant v.Boblick, Gouverneur der Festung, kennen. Er ladete mich zu seinem Diner ein, das er durch Heiterkeit belebte.
Am 1. Juni (1806) trat wieder der Wechsel der Dresdner Garnison ein, der mich nach Leipzig zurück führte, wo ich, an der Stelle des verstorbenen Generals v.Ryssel einen neuen Regimentschef in der Person des Generals v.Bünau fand. Schon im nächsten Winter nahm er den Abschied und der General v.Bevilaqua trat an seine Stelle.
Preußen erntete die Früchte seiner auswärtigen Politik vom vorigen Jahr. Der Besitz von Hannover, den es durch selbige erhalten, war zweifelhaft. Krieg mit Frankreich schien unvermeidlich. Es stützte sich auf die Allianz mit Russland und in Deutschland auf die Höfe von Sachsen und Kurhessen. - Während der Unterhandlungen mit Frankreich ward die preußische und sächsische Armee mobil gemacht und großenteils an der Saale konzentriert. Die Avantgarde ging bis Eisenach vor.
Das sächsische Korps, 20.000 Mann stark unter Kommando des Generals der Kavallerie v.Zezschwitz senior, vereinigte sich mit der so genannten schlesischen Armee, die der Fürst Hohenlohe kommandierte.
Die preußische Hauptarmee kommandierte der Herzog von Braunschweig, bei dem sich der König befand. - Historisch bekannt ist die Unentschlossenheit und Verwirrung, die in Betreff des Operationsplans herrschte, das planlose Hin- und Herziehen der Truppen, der Mangel an Verpflegungsanstalten und an Ausrüstung aller Art. - Unerwartet erschien der Feind, dem man nach Franken entgegen gehen wollte, an der oberen Saale, schlug am 8., 9. und 10. Oktober die Avantgarde der Hohenlohschen Armee bei Saalburg, Schleiz und Saalfeld und war auf dem rechten Saaleufer bereits im Rücken der preußischen Armee, als noch der Herzog von Braunschweig bei Weimar stand. Dieser war nun genötigt mit umgekehrter Front eine Stellung bei Auerstädt zu nehmen und Hohenlohe war bei Jena aufgestellt. Am 14. Oktober ward letzterer von der französischen Hauptarmee unter Napoleon, und die preußische Hauptarmee vom Korps des Marschall Davout so total geschlagen, dass Napoleon ohne Aufenthalt bis Polen, wo bei Pultusk ihm Russen entgegen traten, vordringen konnte.
Nach dieser Übersicht des kurzen sächsischen Feldzugs komme ich auf die persönlichen Erlebnisse zurück.
Beim Eintritt der Mobilmachung ward ich vom 1sten Bataillon, das die Bestimmung erhielt im Lande - in Leipzig - zu bleiben, zu meiner großen Freude zu dem 2ten, mobilen versetzt. - Ehe dieses von Eilenburg ausrückte, wäre ich beim Baden in der Mulde ertrunken, wenn mich nicht Leonhardi und Sperl, die mit mir badeten und schwimmen konnten, gerettet hätten, als ich schon bewusstlos war.
Ein merkwürdig alberne Ordre mit der Weisung nach Dresden aufzubrechen und, wenn fremde Truppen den Marsch hindern wollten, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, erging an alle im Südwesten Sachsen garnisonierenden Regimenter. Während des, noch im vollsten Frieden angetretenen Marsches nach Dresden kam der Befehl, halt zu machen und die Ausrüstung der Truppen zu vollenden. - Welche Nachrichten oder Betrachtungen obige Ordre veranlasst hatte, ist unbekannt geblieben. - Mein Bataillon machte bei Grimma halt und bezog dort Kantonierungsquartiere.
Die Sorge für meine Feldausrüstung bestand hauptsächlich in der Anschaffung eines Reitpferdes, das ich auch glücklich in einem ausgemusterten Polen des Regiments Prinz Clemens Chev.leg. für 50 Taler akquirierte. Jeder Infanterie-Offizier erhielt eine Ration für ein Reitpferd, und Packpferde für den Transport der Zelte wurden vom Staat geliefert, für je 2 Subalterne war ein Packpferd bestimmt. - Zur Abholung der Munition von Torgau ward ich nebst einigen Unteroffizieren kommandiert. Auf diesem Zuge kam mir mein Reitpferd bereits sehr zu statten.
Der Marsch aus der Kantonierung bei Grimma zur Konzentrierung an der Saale ging über Gera bis in die Gegend von Klosterlausnitz, wo wieder eine Ordre Stillstand gebot. Nach einigen Tagen marschierten wir weiter über Roda und Orlamünde bis Großkochberg und Umgebung, während sich das Gros des sächsischen Korps bei Mittelpöllnitz vereinigte. 3 Bataillons und 1 Kavallerie-Regiment (Prinz Johann) wurden der, bei Saalburg und Schleiz zur Beobachtung der Hohen Straße aufgestellten Avantgarde unter General v.Tauenzien und 6 Bataillons nebst dem Husaren-Regiment und 1 Batterie der, in und bei Rudolstadt stehenden Avantgarde des Prinzen Louis Ferdinand zugeteilt. Als am 8ten und 9ten Oktober ersterer bei Saalburg und Schleiz von den Franzosen angegriffen und bis Mittelpöllnitz zurück geworfen worden war, erhielt mein Bataillon am 9ten Abends Befehl, sofort nach Kahla zurück zu marschieren. Mich traf dieser Befehl in Kochberg, wo ich bei Streif einen Besuch machte.
Nach einem unbehaglichen Nachtmarsch kamen wir am 10ten früh in Kahla an und fanden hier das Hauptquartier des Fürsten Hohenlohe, unseres Kommandierenden.
Kanonendonner, der aus der Richtung von Saalfeld deutlich hörbar war, veranlasste die Aufstellung des Bataillons auf die Saalfelder Straße. - Prinz Louis war früh dem, gegen Saalfeld vorrückenden Feind, die Schwarza und Saale hinter sich lassend, bis an den Fuß des dortigen Gebirges entgegen gegangen. Die große Übermacht der Franzosen, der schlecht gewählte Kampfplatz und die Unerfahrenheit der alliierten Truppen führten eine völlige Niederlage und Auflösung des kleinen Korps herbei. Der Prinz büßte sein Unternehmen mit dem Leben. Ein großer Teil der Flüchtlinge ward in Kahla gesammelt.
Am anderen Morgen marschierten wir mit dem Hauptquartier nach Jena, wohin auch das sächsische Korps von Mittelpöllnitz aufbrach. Unterwegs verlangte der, im Generalstab des Fürsten Hohenlohe angestellte sächs: Oberst v.Gutschmidt einen berittenen Offizier meines Bataillons, der em von Roda kommenden General v.Biela mit seiner Division den Befehl bringen sollte, ohne Aufenthalt nach Jena zu marschieren. Mich traf die Reihe dieses Ordonnanzrittes. Auf den Höhen von Lobstädt hörte ich unter mir im Saaletal ein mir unbegreifliches Gewehrfeuer. Um mich darüber aufzuklären ritt ich darauf zu und fand, dass versprengte oder fortgelaufene Mannschaften, meist von der Brigade Pellet, die bei Saalfeld nicht lange standgehalten hatte, zuchtlos ihre Munition verschoss.
Obgleich das, was man bisher vom Anfang des Feldzuges gesehen und gehört hatte, keine günstigen Erwartungen erwecken konnte, so versicherte mir doch ein preuß: Major im Generalstab, v. Möllendorf, dem ich begegnete, dass die Franzosen uns den Sieg leicht machten, indem sie in die Thüringer Ebenen gekommen wären, wo sie eine schmähliche Niederlage erleiden würden.
Dagegen war der alte General v.Biela, dem ich den erhaltenen Befehl überbrachte und den Ausgang des Saalfelder Affaire mitteilte, sichtlich bestürzt und entfernt von Zuversicht zu unserer Kriegsführung.
Als ich in Jena dem Obersten v.Gutschmidt meldete, dass ich meinen Auftrag vollzogen, stattete der Adjutant des Prinzen Louis, v.Nostitz, dem Fürsten Hohenlohe Bericht über das Ende seines Chefs ab. - Ein Unteroffizier vom 10ten Husaren Regiment hatte ihn durch einen Stich in die Brust getötet.
Mein Bataillon stand seitwärts der gegen Weimar aufsteigenden Straße, die Schnecke genannt, an den Weinbergen aufgestellt, wo wir einen merkwürdigen, aber sehr niederschlagenden Anblick hatten. Die vor uns, gegen Weimar hin, teils schon in Position stehenden, teils marschierenden Truppen kamen, von einem panischen Schrecken ergriffen, in voller Flucht den Berg herab und waren erst vor Jena wieder zum Stehen zu bringen. Ein bei Saalfeld blessierter und versprengter Reiter, bei den vordersten Truppen eintreffend und ihnen zurufend: Die Franzosen kommen! soll die Veranlassung dieses Umkehrens gewesen sein. Die größte Verwirrung bezeigten die Stück- und Fuhrwerksknechte (Trainsoldaten existierten noch nicht), die die Stränge durchschnitten, Geschütze und Wagen stehen ließen und davon ritten. In und bei Jena ist die Verwirrung unter dem dort angehäuften Fuhrwerken grenzenlos gewesen. Mehrere Truppenabteilungen kamen dadurch um ihre Equipage und Zelte.
Am 12ten Oktober rückten wir in die Stellung, die das Hohenlohsche Korps auf den gegen Weimar hin gelegenen Höhen, Front gegen Jena, einnahm, während die Hauptarmee sich bei Hassenhausen und Auerstädt, Front nach Kösen und Naumburg, aufstellte.
Mein Bataillon ward nun erst mit 3 anderen zu einer Brigade der Division Niesemeuschel vereinigt, die den äußersten rechten Flügel bildete, und schlug das Zeltlager an der Weimarschen Chaussee auf. Schon 2 Tage waren wir ohne Verpflegung geblieben. Am dritten Fasttage half ein Vorspannbauer, der fortgelaufen war und einen Ochsen im Stich gelassen hatte, aus der misslichsten Not. Das Tier ward geschlachtet und lieferte eine gute Mahlzeit.
Am 13ten fand ein Tirailleurgefecht mit den, sich von Jena auf unsern Höhen nähernden Franzosen statt.
In der Nacht zum 14ten, die an die „der Lützner Aktion" vorhergehende von Wallenstein erinnerte, hörte man, außer dem Anrufen der Feldwachen und dem Gang der Patrouillen, ein dumpfes Getön von der feindlichen Seite, längs des Isserstädter Grundes, wo Napoleon Wege machen und Geschütze auffahren ließ.
Früh, im dicksten Nebel, begann der Angriff auf unser Zentrum, ganz unerwartet für den Fürst Hohenlohe, der nicht glauben wollte, dass mehr als eine französische Avantgarde uns gegenüber stehe. Bis gegen 11 Uhr standen wir ungefähr in unserer Aufstellung auf dem Schnecken-Plateau und hörten nur das Gewehr- und Geschützfeuer der übrigen Schlachtlinie. Als sich aber der Nebel lichtete, erhielt die Division Niesemeuschel den Befehl, an den Isserstädter Grund vorzugehen und dessen Rand nebst der Chaussee zu halten. Hier ward lange ein Tirailleurgefecht mit dem andringenden Feind - Infanterie vom Neyschen Korps - unterhalten, bis die große Überlegenheit unseres Gegners und gegen unsern rechten Flügel anrückende Massen zum Zurückgehen und zu der Aufstellung neben der Chaussee nötigte, wo wir anfangs nur von den feindlichen Batterien, die jetzt auf dem Plateau auffuhren, beschossen wurden. Während uns der, sich nach der Richtung von Weimar entfernende Kanonendonner zu unserer Linken verriet, dass nur der rechte Flügel noch seinen Posten behauptete, aber ganz isoliert war, sahen wir in unserm Rücken Kavallerie auf uns zu kommen, die wir erst für preußische hielten, aber als sie näher kam, an den Fahnen und Roßschweifen für feindliche erkannt ward. Schnell wurden nur teils Karrees, teils Kolonnen formiert, aber diese von der angreifenden Kavallerie auf allen Seiten durchbrochen und nach kurzem aber blutigen Kampfe zu Gefangenen gemacht. Die französische Infanterie, die uns gegenüber gestanden hatte, beim Angriff der Kavallerie laufend herbei kam und sich mit ihr vereinigte, half sehr, dies für uns unglückliche Resultat herbei zu führen.
Mein Bataillon hatte 75 Tote und Verwundete inkl. 5 Offiziere. Der Kommandant, Oberstleutnant v.Gablenz, blieb, durch Säbelhiebe schwer am Kopf verwundet, auf dem Schlachtfeld liegen.
