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Wissenschaft und Glaube - Dilemma oder Ergänzung? Die Broschüre "Mehr als Sternenstaub" möchte einen Weg aufzeigen, wie ein Umgang mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und christlichem Glauben möglich ist. Es gibt praktische Hilfestellungen für die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen - und für Familien, die mit diesen Fragen konfrontiert werden.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Wissenschaftler haben herausgefunden: Die Elemente, aus denen wir Menschen gebaut sind – unter ihnen Kohlenstoff als wichtigstes – sind vor Jahrmilliarden in heute erloschenen Sternen entstanden. In der Tat: Wir sind Sternenstaub.
Und doch sind wir auch viel mehr: kunstvoll geformte Wesen, die Sterne beobachten, lieben, beten, lachen oder spielen können – und die sich Gedanken darüber machen, was dieses „Mehr“ bedeutet, das uns vom Sternenstaub abhebt.
Diese Broschüre möchte zeigen, wie ein guter Umgang mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hilfreich sein kann in der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – und für Familien, die den christlichen Glauben leben und mit diesen Fragen konfrontiert werden.
Das Thema wird von unterschiedlichen Personen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und erklärt. Ergänzt wird die Broschüre mit praktisch erprobten Tipps für den Alltag, in dem wir stehen: als Jugendmitarbeiterin oder Jugendmitarbeiter, Eltern, Grosseltern, Lehrperson…
Ziel ist die Entwicklung hin zu einem mündigen Glauben, bei dem wissenschaftliche Erkenntnisse weder als Bedrohung noch als „Erklärung für alles“ angesehen werden, vielmehr als Bereicherung und Anlass zum Lob Gottes in Worten und Empfindungen einer neuen Generation.
Stefan Weller und Beat Bachmann
Juni 2015
« Gott bildete den Menschen aus Staub »
Gen 2,7
Webablage, Stand Juni 2015:
‚Ausflug ins Weltall‘, Seite →: Web-Links zu den Bildern ‚Literaturtipps‘, Seite → ff und die Web-Links zu den Literaturtipps ‚Übernachtung im Freien‘, Seite →: Text Hiob in geeigneter Sprache, interpretiert von A. Benz ‚Ein Weihnachtsspiel‘, S. 52: ganzer Text/Dialog; Web-Link zum Bild des Kometen McNaught „Sieben Sätze über Glauben und Wissenschaft - und Erläuterungen/ Erklärungen zu den sieben Thesen“, Seite →Aphorismen zu Naturwissenschaft und Glaube Der ökumenische Arbeitskreis Glaube und Wissenschaft - ein Positionspapier Aus den Sozialen Grundsätzen der EMK - Absatz FInfos zur Web-Ablage auf Seite →
Zum Bild auf der Umschlagseite: „Flammarions Holzschnitt“. Das Bild soll vermutlich darstellen, wie eine Person das mittelalterliche Weltbild durchbricht. (Aus Camille Flammarion: L‘Atmosphère - Météorologie Populaire. Paris 1888.
Original S/W, Kolorit: Heikenwaelder Hugo, Wien 1998 - www.heikenwaelder.at)
Wissenschaft verändert Weltbilder
Zweierlei Wahrnehmungen
Schöpfungsglaube und Wissenschaft
Anregungen zum Lesen von Genesis 1 – 2
Weltschau von Teilhard de Chardin
Die Bibel heute verstehen
Das Quadrilateral als Weg des Verstehens
Metaphern entwickeln
Gymnasialer Unterricht – ein Minenfeld?
Tipps für die Praxis – Ideen für die Auseinandersetzung mit dem Thema
Aus den sozialen Grundsätzen der EMK
Literatur-Empfehlungen
Schöpfung - ein Gedicht von Kurt Marti
Die Naturwissenschaften haben unser Bild von der Welt und von uns selbst verändert. Der Blick ins Weltall eröffnet bisher unvorstellbare Räume. Die Erkundung der Erde lässt eine Entwicklung in Zeitspannen von Jahrmilliarden erkennen.
Anders als die Menschen früherer Zeiten empfinden wir uns weder als Mittelpunkt der Welt noch als von der Tierwelt losgelöste Wesen. Wir sind Randbewohner der Milchstrasse und teilen 99% unserer Gene mit den nächsten tierischen Verwandten. Wir waren nicht plötzlich da, sondern sind in einem langen Evolutionsprozess aus dem Tierreich hervorgegangen. Diese Einsichten gehören heute zum allgemeinen Schulwissen.
Verbreitet ist auch die Meinung, solche naturwissenschaftlich begründeten Aussagen würden dem Glauben an Gott und den Aussagen der Bibel widersprechen. Wird dort nicht von einem direkten Schöpfungsakt Gottes, ja der Erschaffung der Erde in sieben Tagen gesprochen? Ist das nicht unvereinbar mit einer langen natürlichen Entwicklung, in der ein Eingriff von aussen gar nicht notwendig ist? Religiöse und naturwissenschaftliche Weltbetrachtung scheinen sich gegenseitig auszuschliessen.
Dies mag nicht der einzige Grund sein, warum sich heute viele, gerade junge Menschen, vom Glauben abwenden, aber doch ein wesentlicher. Nicht selten wird als Grund für solch eine Abwendung geäussert: „Ich habe eher eine wissenschaftliche Weltsicht.“ Und wer möchte schon als unwissenschaftlich angesehen werden?
Gläubige Menschen gehen mit diesem Problem unterschiedlich um. Ein verbreiteter Lösungsversuch geht davon aus, dass sich die widersprüchlichen Aussagen der heiligen Schriften und der Naturwissenschaften über die Entstehung der Welt irgendwie in Übereinstimmung bringen lassen. Die unterschiedlichen Harmonisierungsversuche lassen sich in dem Begriff Kreationismus1 zusammenfassen.
Extreme Kreationisten lehnen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse ab, welche dem Text der Bibel bzw. ihrer Interpretation davon widersprechen. Die Vernunft muss sich der religiösen Autorität beugen – es bleibt dabei, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde und die Stammbäume der Bibel nur ein Alter der Erde von weniger als zehntausend Jahren zulassen.
Die Evolutionstheorie wird aus prinzipiellen Gründen abgelehnt.
Diese kreationistische Position trägt Züge einer Ideologie, in der alles Wissen, das nicht dem eigenen System der Überzeugungen entspricht, ignoriert oder abgelehnt wird. Das kann insbesondere in entwicklungspsychologischer und psycho-hygienischer Sicht negative Folgen haben: Man lebt in innerer Zerrissenheit zwischen der Ablehnung der Naturwissenschaften und der gleichzeitigen täglichen Nutzung ihrer Erkenntnisse – sozusagen in zwei Welten, der des Glaubens und der realen. Man hält die Erde für eine Scheibe und reist doch mit dem Flugzeug um die Welt…2
Weniger extreme Kreationisten machen unterschiedliche Versuche, aktuelle wissenschaftliche Einsichten zu respektieren und mit den Aussagen der Bibel zu harmonisieren. Sie möchten auf der Höhe der Zeit bleiben, gleichzeitig aber nachweisen, dass biblische Aussagen mit der Wissenschaft kompatibel sind, aktuelle Erkenntnisse sogar bestätigen und über das Weltbild ihrer Zeit hinaus wegweisend für die Naturwissenschaften bleiben.3
Wo die Wissenschaft biblischen Aussagen widerspricht, versuchen sie, Argumente zu sammeln, die die Aussagen der Wissenschaft entkräften.4
Ein Foto, das unser Weltbild verändert hat: „Earthrise“ – „Erdaufgang“, aufgenommen von William Anders am 24. 12. 1968 während der Umkreisung des Mondes mit Apollo 8.
Das Problem all dieser Harmonisierungsversuche besteht darin, dass sie sowohl von der grossen Mehrheit der Naturwissenschaftler als auch der Theologen abgelehnt werden, weil sie weder den Texten der Bibel noch den Naturwissenschaften wirklich gerecht werden. Nach der biblischen Darstellung von Genesis 1, 14ff. wurden beispielsweise Sonne, Mond und Sterne erst geschaffen, nachdem (!) bereits grünes Kraut und Bäume auf der Erde wuchsen – eine Vorstellung, die zwar dem altorientalischen Weltbild entspricht, aber mit den heutigen Erkenntnissen über das Sonnensystem völlig unvereinbar ist.
Es wäre theologisch unverantwortlich, würde man diese eindeutige Aussage des Textes einfach „weginterpretieren“. Eine Harmonisierung ist hier und in vielen anderen Fällen schlicht nicht möglich.5
Die verschiedenen Spielarten des Kreationismus treffen sich ausserdem in der kritischen Beurteilung bzw. Ablehnung der Evolutionstheorie. Der Grund dafür ist ein prinzipieller: Für Veränderungs– bzw. Entwicklungsvorgänge in der Natur wie auch für das Auftreten von völlig Neuem (z.B. neuen Arten) bietet die Evolutionstheorie Erklärungen, in denen ein Eingreifen Gottes nicht notwendig ist.
Es geht also nicht um einen naturwissenschaftlichen Diskurs, sondern um die Verteidigung der Vorstellung, dass Gott für die Erklärung der Welt notwendig sei. Eine spezielle Position nimmt dabei eine weitere Spielart des Kreationismus ein: die Bewegung des „intelligent design“, welche das direkte schöpferische Eingreifen Gottes in evolutionäre Vorgänge mit wissenschaftlichen Methoden nachweisen möchte. 6
Wir, die Mitglieder des ökumenischen Arbeitskreises „Glaube und Wissenschaft“ und die Takano–Fach-stelle der Evangelisch-methodistischen Kirche, sind der Auffassung, dass der Kreationismus und die damit verbundenen Harmonisierungsversuche zwischen Bibel und Naturwissenschaft nicht sinnvoll sind und gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sogar schädlich werden können. 7
« Es sollte kein unüberbrückbarer Zwiespalt zwischen dem allgemein herrschenden Weltbild und dem religiösen Weltbild entstehen. »
Udo Rauchfleisch,
Schweizer Psychotherapeut
Es sind vor allem folgende theologische Einsichten, die uns andere Wege gehen lassen:
Wie auch bezüglich anderer Bereiche (z.B. in der Ethik, bei der Rolle der Frau) verstehen wir die Bibel nicht als zeitloses Buch, unabhängig von der Kultur und den Weltbildern der jeweiligen Entstehungszeit. Bereits in der Bibel selbst werden Aussagen in den Kategorien und Vorstellungen unterschiedlicher Weltbilder gemacht.
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