Mehrheit oder Wahrheit - Eine Politsatire - Jürgen Dittberner - E-Book

Mehrheit oder Wahrheit - Eine Politsatire E-Book

Jürgen Dittberner

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Beschreibung

Die Ministerpräsidentin hat die Basis verloren. Sie erklärt nun, sie verzichte freiwillig auf ihr Amt. Doch kann sie ihre Nachfolge in ihrem Sinne regeln? Die zunächst favorisierten Minister können sich nicht durchsetzen, obwohl sie zu umfangreichen Kompromissen bereit sind. Nachteilig ist dabei weniger, dass der eine in einer schwulen Ehe lebt - viel hellhöriger reagiert die Öffentlichkeit auf den Umstand, dass ihm der Führerschein entzogen wird. Es stellt sich schließlich heraus, dass nur der in der bundesrepublikanischen Politik obsiegen kann, der nicht nur die fürs erfolgreiche Intrigieren nötige Gerissenheit und Erfahrung mitbringt, sondern der sich auch die nötigen Informationen aus den entsprechenden Quellen zu beschaffen weiß … Jürgen Dittberner, Politikwissenschaftler und selbst Ex-Politiker und somit intimer Kenner des Berliner Polit-Betriebs, entführt die Leser seines satirischen Polit-Thrillers in eine packende Halbwelt der Intrigen um Ämter, Macht und Einfluss, voller Bezüge zu Geschehnissen in der Politik in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Da ist der Plagiator, der nicht zu Unrecht meint, mit einem Doktor viel besser reüssieren zu können; der echte Professor, den die Langeweile im akademischen Alltagsbetrieb in den viel aufregenderen Politikbetrieb treibt; da sind die Diskussionen um Volksentscheidungen über die richtige Parkraumbewirtschaftung - und weitere Berichte und Meldungen aus Absurdistan. Es wird deutlich: So abschreckend der Polit-Betrieb für den einen zu sein scheint, so sehr ist das Intrigen-Spinnen Lebenselixier für den anderen. Ein polit-literarischer Genuss.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Edition Noëma, Stuttgart

Die Namen der hier erwähnten Personen sind frei erfunden.

Auftretende Ähnlichkeiten sind reiner Zufall.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Hinze beim Bürgeramt
Zwei wollen aufsteigen
Eine hört auf
In der Uni: Zwei tüfteln
Theile und Schnabel in den USA
Hinkel pocht an
Geld schmiert die Politik
Werkstatt der Examensarbeiten
Zwei Rathäuser für die Weststadt
Im "Fils"
Auf zu Professor Schweizer
Schnabels Kindheit
Kürbissuppe und Kabinettsposten
Die "Theile-Bande" berät
"Tosca" und das Ehepaar Hinkel
Der Zweck heiligt die Mittel
Mehrheit ohne Mehrheit
Das Gedenken nicht vergessen
Dutschke und Vütter
Einst am "Karlsbad"
Die Roadmap
Freiheit!
Hinkel fühlt sich sicher
Ordinarienherrlichkeit
Patt
Vorbei
Der Deal
Schnabels Wonnezeit
Freiburger Nachtleben
Überall Charaktermasken
Warnschuss
Frauenpower
Frau Theile will keinen Fouché
Die Gerüchteküche wird heiß
Eine nicht vergessene Begebenheit
Zuckermann kopiert Zuckermann
Wieder siegt die Umweltpolizei
Professor Schweizer doziert
Beobachtungen
Kiezprobleme
Platz 1!
Umwelt geht nicht mit Wirtschaft
Die neue Wohnung: Frank-Walthers Rettung
Weltsichten der Geschwister
Keine Pappe
Die Entscheidung
Wesselmänner und Events
In die Schublade mit der Wahrheit!
Fernseh-Inszenierung Wahlabend
Düstere Aussichten für die Kleinen
Es geht wieder los

Vorwort

Mit 75 Jahren sei es gestattet, zurückzuschauen. Vieles in diesem Buch Geschilderte sind Szenen aus dem langen Film eines Lebens. Teilweise sind diese etwas verblasst und verwackelt – sie liegen ja so lange zurück. Teilweise stammen sie aus meiner Einbildung – oder habe ich sie geträumt? Immer aber haben sie etwas mit der Realität zu tun, denn diese ist der Nährboden, über dem alles wächst. Manchmal spiegeln die Szenen sogar die Wirklichkeit wider – sie muss da wohl sehr beeindruckend gewesen sein.

Der Nährboden liegt auf vielen Feldern meines Lebens: dem Institut, der Fachhochschule, der Universität, der Gedenkstätten-Stiftung, der Partei, der Kommunalpolitik, dem Stadtstaat und dem Flächenstaat. Zusammengefasst sind das die Bereiche Politik und Wissenschaft.

In der Wissenschaft ist die Wahrheit ein großer Wert. Um sie heraus zu bekommen, werden Projekte ausgetüftelt, Hypothesen gebildet; es wird falsifiziert und verifiziert. Doch je mehr man sich vertieft, desto häufiger erkennt man, dass eine alte Weisheit stimmt: Zu jeder These gibt es eine Antithese.

In der Politik geht es um die Mehrheit. Wer die Mehrheit hat, ist Sieger.The winner takes it all.Doch was ist, wenn die Mehrheit von heute zum Gestern und irrelevant wird? Dann heißt es erneut:"Auf in den Kampf!"Oft lässt sich solches nicht wiederholen. Irgendwann langweilt das.

Mehrheit und Wahrheit wandeln sich mit der Zeit. Dabei sind Politik und Wissenschaft aufeinander eifersüchtig. Beide glauben, die Nase vorn zu haben. Doch nichts steht für immer fest; nichts können wir Schwarz auf Weiß nach Hause tragen. Alles geht immer weiter.

So ist der vorliegende Text ein Zwischenbericht. Einmal war dies ein Anfang und jenes ein Ende. Aber wo ist der ursprüngliche Anfang, und was wird zukünftig sein? Exposés oder Abstimmungen helfen nicht, solche Fragen zu beantworten.

Hülfe die Fantasie, wäre es schön.

Meinem Sohn, Dipl.-Ing. Jan Dittberner, danke ich für die Unterstützung.

Jürgen Dittberner

Berlin 2015

Hinze beim Bürgeramt

Die Straßen waren mit Schlaglöchern übersät. Die Schulen boten schon von außen ein Bild des Zerfalls. Die Kindergärten waren hingewürfelte zweistöckige Betonklötze; die Wände mit hässlichen Graffitis beschmiert. Die Bahn fuhr auf Verschleiß; die Fahrpläne konnte sie nicht einhalten, und Personal auf den Bahnhöfen gab es schon lange nicht mehr. Auf den Fluren der Ämter sah es aus wie in der Dritten Welt.

Die Bankenpaläste strahlten. Unzählbar viele Büros waren zu sehen, alle unbesetzt. Jedes hatte einen Schreib- und Besprechungstisch, ein Telefon, einen Computer mit allem Drum und Dran. An den Decken leuchteten taghelle Lampen. Alles schien ausschließlich aus Glas und Stahl errichtet zu sein.Am Boulevard lockten Edelrestaurants mit Champagner, Hummern, Kaviar, mediterraner Küche und den besten Weinen. Die Geschäfte hießen"Butiken"oder"Shops". Sie vertrieben die Produkte weltbekannter Marken. Auch sie waren strahlend hell erleuchtet, und in ihnen warteten gestylte Verkaufssklaven vergeblich auf Kundschaft. Die Hotels hatten eigene Auffahrten, und livrierte Angestellte rissen die Autotüren eintreffender Gäste auf.

Im Regierungsviertel standen riesige Gebäude, auch sie aus Glas und Stahl und hell erleuchtet. Sie beherbergten das Parlament, Ministerien, Ämter, Botschaften und Verbände. Menschen im Businessoutfit, teilweise mit Akten unterm Arm, wieselten von Tür zu Tür. Schwere Wagen fuhren vor und wieder davon. Touristen standen da und bestaunten die Szenen.

Nicht weit entfernt standen bunt angemalte Plattenbaukolosse. Zwischen ihnen waren fantasielos angelegte Grünanlagen. Die Kolosse hatten nummerierte Eingänge; daran befanden sich jeweils Batterien von Namenschildern. In den Hausfluren roch es nach Kohl und Knoblauch. Aus einigen Wohnungen drang Kindergeschrei, aus anderen Erwachsenenstimmen. In einem Koloss war ein Supermarkt. Ständig betraten Menschen diesen Laden, bewaffnet mit fahrbaren Einkaufswagen, und ständig verließen andere die Stätte mit von Waren gefüllten Wagen, oft verpackt in Plastiktüren. Viele der Einkäufer verstauten ihre Sachen in Autos und fuhren davon.

Noch weiter außerhalb standen Einfamilienhäuser, größere und kleine. Mal waren die Gärten dazu gepflegt,'mal nicht. Einige Häuser waren schmuck verputzt und gestrichen, bei anderen fiel der Putz von den Wänden. Die Straßen hier hießen"Maikäferweg"oder"Rotkehlchenzeile"– etwas weiter entfernt"Straße 15"oder"Straße 11".

Dann hörte die Stadt auf. Man sah eine sanft hügelige Landschaft mit Feldern und ein paar Waldstücken. Ab und zu ragten Kirchturmspitzen hervor. Immer zeigten gelbe Schilder an den Straßen, wie man dahin gelangt. Um Kirchen herum lagen menschenleere Dörfer, in denen alles Gemeindeleben erstorben war. In den Häusern der Dörfer wohnten jetzt Menschen, die anderswo arbeiteten und einkauften.

Hinrich Hinze fuhr mit seiner Familie–Frauund zwei Kinder–zumBürgeramt. Das hatte wochentags von 11 bis 15 Uhr geöffnet und erledigte hauptsächlich Pass- und Führerscheinangelegenheiten. Das Amt war in einem heruntergekommenen Gebäude untergebracht. Offenbar handelte es sich um eine ehemalige Poststelle. Neben der Treppe dorthin war eine Betonrampe mit einem Stahlgeländer. Auf der zweiten Rampe konnte man Kinderwagen oder Fahrräder abstellen. Hinter der Eingangstür zogen die Bürger Nummern und setzten sich auf eine der Bänke im langen Flur. Nun mussten sie warten. Als Hinze kam, wurde gerade die Nummer"13"aufgerufen. Hinze zog die"27". Die Kinder wurden quengelig, die Frau schlechtgelaunt, da hörte Hinze nach etwa drei Stunden eine barsche Männerstimme, die"Nummer 27: Zimmer 5!"befahl. Der Aufgerufene eilte zum"Zimmer 5". Dort gab er seine Unterlagen ab – gezahlt hatte er schon. Ihm wurde nun mitgeteilt, dass er seinen Pass – den er haben wollte – in drei Wochen abholen könne. Ein kleiner Zettel wurde ihm in die Hand gedrückt, damit alles seine Ordnung habe. Schon rief der Sachbearbeiter:"Nr. 30: Zimmer 5!"Die Nummern 28 und 29 hatten Kollegen bearbeitet, die in anderen Zimmern saßen.

Am anderen Morgen saß Hinrich Hinze in der"Großen Runde"der Ministerpräsidentin, denn er arbeitete als Pressesprecher seiner Chefin Margarete Theile. Dem Range nach war Hinze"Regierungsrat". Er wurde nach"A 13 plus Ministerialzulage"bezahlt und hatte somit etwa den StandardeinesStudienrates. Die Ministerpräsidentin berichtete von der Wirtschaftslage des Landes, die nicht rosig sei. Vor allem gäbe es zu viele Arbeitslose, besonders bei Jugendlichen."Ich bin zwar Kulturpolitikerin, aber ich glaube, wir sollten eine offensive Wirtschaftspolitik betreiben. Mehr Beschäftigungsprogramme! Aber da will meine Partei ja nicht ran."Für Hinze war das Stichwort gefallen:"Ja, Beschäftigungsprogramme! Sie wollen das Richtige, Frau Ministerpräsidentin. Wenn ich mir den Zustand unserer Straßen, unserer Schulen und Kitas sowie die ständigen Mängel bei der Bahn ansehe, dann, so finde ich, sollten wir da Geld reinstecken. Unsere Wohnblocks sind schrecklich, die Dörfer tot. Gestern war ich im Bürgeramt: Drei Stunden musste ich da warten. Unmöglich! Da überall muss Geld hin, dann geht es wieder bergauf mit unserer Wirtschaft."Frau Theile antwortete resigniert:"Wahrscheinlich haben Sie recht, Hinze. Aber meine Partei sieht das nicht so. Gestern gerade hat der Vorstand wieder eine Sparliste beschlossen. Ich habe gesagt:'Ich mache da nicht mit!'Also werde ich nicht kandidieren. Soll der Neumann das machen, der ist ebenfalls für Beschäftigungsprogramme. Und wenn sie den nicht wollen, muss eben Stein ran. Der fährt sowieso eine Linie, wie die Partei sie will. Also Stein oder Neumann: Das ist mein politisches Vermächtnis!"

Lange schon war in der Partei Unzufriedenheit mit Frau Theile zu spüren. Es wurde fraglicher und fraglicher, ob sie überhaupt noch die Mehrheit hinter sich hatte. Gerade hatte sie – aus ihrem kulturpolitischen Verständnis heraus – denVorschlag in die Debatte geworfen, dass an den öffentlichen Schulen parallel zum christlichen islamischer Religionsunterricht von im Lande ausgebildeten Pädagogen erteilt werden sollte. Damit wollte sie zu einer Beruhigung der nervös gewordenen Ausländerdebatte beitragen. Doch in der Politik war sie mit diesem Konzept abgeblitzt. Sie sah darin einen Affront gegen ihr Amt, zumal ihre eigene Partei sie überhaupt nicht unterstützt hatte.

Kurzum: Unter der Decke kursierten seit Monaten Rücktrittsgerüchte. Nun wollte die Ministerpräsidentin tatsächlich abtreten. Vielleicht war es schon zu spät, denn sie hatte offensichtlich nicht mehr den Einfluss, ihre Nachfolge klar zu regeln. Oder drückte sie sich um eine letzte Entscheidung? So schlug sie zwei Kandidaten, die Minister Marc Stein und Sven Neumann vor und überließ die Auswahl anderen. Dennoch waren Hinrich Hinze und die Kollegen in der Großen Runde überrascht von der Eindeutigkeit der Erklärung der Ministerpräsidentin. Es sauste in den Köpfen der Mitarbeiter. Alle Karriereplanungen mussten neu überdacht werden.

Zwei wollen aufsteigen

Marc Stein war etwas dicklich. Als er noch"nur"Abgeordneter war, trug er ausgebeulte Jeans, schlumpige Pullover und ungebügelte Hemden. Nun war er Minister und hatte seine Garderobe – wie er es sah–aufgebessert. Er trug enge, meist beigefarbene Anzüge und braune Krawatten, darunter Hemden in einem grünlichen Ton. Der Form war Genüge getan. Eleganz mochte oder wollte er nicht verbreiten.

Stein war blond und hatte einen watscheligen Gang. Sein Gesicht war unstrukturiert dicklich wie sein ganzer Körper. Die blasse Brille, die er trug, ließ seinen Typ nicht interessanter erscheinen. Seit Stein Minister war, hatte er stets kleine Stapel von Akten bei sich, meist rote, manchmal auch grüne. Zu seiner Ausstattung gehörte ebenfalls ein Kugelschreiber. So angetan, pendelte er bei Sitzungen auch des"hohen Hauses"vor und in der Regierungsbank, beugte sich über die Schulter der Regierungschefin, kniete – umständlich mit einem Aktendeckel jonglierend – vor einer Kollegin nieder, wechselte gelegentlich in die Niederungen des Plenums, um mit Partei-"freunden"etwas zu besprechen und Vertreter anderer Parteien freundlich zu grüßen.

Stein war mit seinen 37 Jahren aufstrebend. Er wollte noch weiter hinauf auf der Leiter des Prestiges. Regierungschef, das war sein Ziel. Dass er das werden könnte, war möglich, denn die"Amtierende"würde aufhören–"aus Altersgründen", wie allgemein gesagt wurde –"weil sie keine Mehrheit für ihre Politik mehr hat", wie es aus den Kulissen raunte. So wieselte Stein von Funktionsträger zu Funktionsträger, auf sich aufmerksam machend, denn"Das Eisen muss jetzt geschmiedet werden!"Das ließ der Minister seine Vertrauten immer wieder wissen.

Die Presse – von Insidern"Journaille"genannt – schätzte Stein als sachlich, kompetent und durchsetzungsstark ein.Sein Privatleben schien einigermaßen bunt zu sein – kurz: Er war ministrabel. Dieses Urteil war einhellig, ob es sich um Klatschjournalisten, seriöse Schreiber, Konservative oder Liberale handelte. Stein war das wichtig. Er fand, dass diese Zustimmung daher käme, dass er die Journalisten regelmäßig mit ihnen gemäßen Informationen"bediente"und dass er die Journaille alle halbe Jahre zu"Schweinebacke"– einem Lokal, das eigentlich"Fils"hieß – einlud. Die Rechnung für das Essen und die vielen von den Journalisten geschluckten Getränke bezahlte Stein aus dem, was er seine"Privatschatulle"nannte: Darin war er sehr korrekt.

Kasimir Ehlert war ein großer schlanker Mann, der seine dunklen Haare halblang trug. Am liebsten kleidete er sich lässig mit gut sitzenden dunkeln Hosen, Stoffschuhen, einem weißen Hemd und einem salopp darüber geworfenen dunkelblauen Pullover. Sein Teint war stets braun. Er hatte ein indianerhaftes Aussehen. An der Universität, wo er als Professor für Soziologie und Politologie arbeitete, wirkte er anziehend auf die Frauen unter den Kommilitonen. Aber von Ehlert kam nichts zurück, denn erstens war er sehr korrekt,achtete die Konventionen,und zweitens war er schwul. Seit einem Jahr war er mit Marc Stein verheiratet. Dieser hatte sich entschlossen, sein Leben"in Ordnung"zu bringen, nachdem er Minister geworden war. So hielt Stein bei seinem langjährigen Freund Ehlert einesAbendsim"Fils"um dessen Hand an. Ehlert hatte"Ja"gesagt. So saßen sie bald–derdickliche und körperlich ungelenke Stein mit dem schlanken und eleganten Ehlert–voreiner Standesbeamtin und ließen die Zeremonie über sich ergehen, an deren Ende sie vor dem Gesetz ein Paar waren.

Ihre gemeinsame Fünfzimmerwohnung im viergeschossigen Wohnhaus am Boulevard behielten sie. Am Türschild stand korrekt"Stein-Ehlert". Aber in der Politik und an der Uni behielten die Partner ihre bisherigen Namen ohne Bindestriche bei, damit es keine Irritationen gäbe, wie beide betonten. In der Wohnung hatten Marc und Kasimir je ein Arbeitszimmer. Das von Marc war eingerichtet wie eine preußische Amtsstube; in Kasimirs Raum schien alles zu schweben; die weiße Couch, der weiße Tisch, die weißen Stühle. Im Esszimmer war eine große Tafel aufgebaut, an der 20 Personen bequem Platz finden konnten. Alles war in hellbraun gehalten – der Tisch, die Stühle, die rundum an den WändenplatziertenAnrichten, gefülltmitedlem Porzellan und silbernem Besteck. Das Schlafzimmer wurde dominiert von einem aus schwarzem Edelholz gefertigten Himmelbett. Gegenüber stand ein gewaltiger Kleiderschrank. Das Gästezimmer war schlicht eingerichtet wie in einem Sanatorium oder in einer Jugendherberge. In der Küche wurden Rohkostsalate hergestellt, Käseplatten drapiert, Rindfleisch von Demeter zubereitet. Eigentlich war die Küche das Kommunikationszentrum des Paares Stein-Ehlert. An einer Wand aufgereiht standen die Herde, der Kühlschrank, die Tiefkühltruhe, die Spüle, der Müllschlucker und Ablagen. Alle diese Gerätschaften nahmen die untere Hälfte der Wand ein. Darüber waren diverse Küchengeräte wie Kellen und Schöpflöffel angebracht, ein Regal mit unendlich vielen Gewürzen,und eine Reihe bestand aus Kochbüchern, teilweise schon sehr verwrast und zerflettert. Die Küche hatte ein großes Fenster und einen Tisch mit vier Stühlen daran. Neben dem Tisch war eine Vitrine montiert, in der sich Geschirr und Besteck befanden. Neben der Eingangstür thronte auf einer Anrichte ein Radio, dasimmer auf"Kulturstation"eingestellt war. In der Anrichte lagerten diverse Flaschen italienischen Rotweins, von denen täglich eine"geköpft"wurde.

Stein war gegen 18 Uhr aus dem Ministerium gekommen. Ehlert war schon zu Hause und hockte in der Küche – ein mobiles Telefon auf dem Tisch – vor einem Stapel Seminararbeiten, die er zu bewerten hatte, denn das Semester neigte sich dem Ende zu.

"N'abend! Schöner Mist, diese vielen Arbeiten. Muss ich alle durchsehen und bewerten. Und wenn einer'ne drei kriegt, macht er gleich'n Aufstand. Haben alle viel zu hohe Erwartungen."–"Na, mit'ner drei kriegste ja auch nichts: Keinen Job sowieso und nicht'mal'n Praktikumsplatz. Sind eigentlich nicht die Studies, die spinnen, sondern die Arbeitgeber, Behörden und so."–"Trotzdem: Ich muss das Geschreibsel bewerten. Und hinterher gibt’s noch Ärger.", brummte Ehlert.

Stein hatte ganz andere Sorgen:"Du, ich muss heute Abend zu'ner Parteiversammlung. Da kommt der Neumann und hält ein Referat über'Perspektiven für morgen'oder so. Ich muss da hin. Der Kerl will die Theile beerben, und das will ich verhindern. Der kann das doch gar nicht."–"Ich komm'aber nicht mit. Dieser Berg hier soll weg."Ehlert verwies auf die noch ungelesenen Seminararbeiten.–"Ich kann aber den Neumann nicht allein lassen", entschuldigte sich Stein.

Sven Neumann war ein Kabinettskollege von Stein. Er war für Umweltschutz zuständig, während Stein das traditionelle Gebiet Wirtschaft beackerte. Immer wieder gerieten sie im Kabinett aneinander. Sprach sich Stein für eine wirtschaftliche Fördermaßnahe aus, kamen aus dem"Hause Neumann"Bedenken"aus umweltpolitischer Sicht". Da munitionierten die Mitarbeiter den"Kollegen"Neumann gerne so gut, dass Steinsche Fördermaßnahmen gar nicht über das Stadium der Mitzeichnung hinauskamen. Wollte dagegen Neumann strengere Kriterien bei der Produktion von Küchengeräten zum Wohle der Umwelt einführen, schossen Stein und seine Mitarbeiter dieses Projekt ab, weil die Wirtschaft es nicht finanzieren könne.

Manchmal kam es zum"Chefgespräch"bei der Ministerpräsidentin Margarete Theile. Die war über sechzig und von sehr gepflegtem Äußerem. In ihrem stets mit frischen Blumen geschmückten und durch Rundumverglasung offenen Arbeitszimmer geziemte es sich, verhalten zu reden, denn Frau Theile zelebrierte den Anspruch, dass hier das Zentrum der Macht sei. Darin waren sich Stein und Neumann aber einig: Frau Theile war keine starke Politikerin mehr. Sie war verbraucht und musste nach Meinung einer Mehrheit in ihrer Partei"weg". Auch die Minister sahen es so. Die Opposition und die Ministerpräsidentin selber wussten ebenfalls: Nach der nächsten Wahl würde Schluss sein.

Nun saßen sie wie Schuljungen bei der"alten Theile"auf der Couch. Ein Machtwort von ihr, die sich doch eigentlich weder für die Wirtschaft noch für die Umwelt interessierte, sondern für die Kultur, hätte weder der eine noch der andere ertragen können. Also schlugen sie ihrer Chefin artig vor, die Sache"bilateral"zu klären. Frau Theile war froh, das lästige Problem vom Hals zu haben. Sie orderte bei ihrer ebenfalls eleganten Vorzimmerdame zwei Tassen Tee für die"netten Kollegen"und entließ sie bald.

Neumann und Stein einigten sich über den eigentlichen Streitpunkt nie. Die Ministerpräsidentin wollte davon sowieso nichts wissen.

"Wenn der Neumann heute nicht Paroli kriegt, sammelt er wieder ein paar Punkte. Ich muss nachher da hin, um mitzudiskutieren.", wiederholte sich Stein."Dann geh doch.""Ich nehm'mir das neueste Paper von der Bauer mit. Die ist so'ne richtige Antipodin zu Neumann und seiner ganzen Bande."

Dr. rer. pol. Felicitas Bauer war Referatsleiterin im Wirtschaftsministerium. Mit sehr gutem Erfolg hatte sie Volkswirtschaftslehre zuerst in Berlin und dann in Köln studiert, danach zwei Jahre in London gelebt. Sie war 38 Jahre alt, hatte kurzgeschnittene schwarze Haare, braune Augen und breite Backenknochen. Ihr Markenzeichen war, dass sie stets rot mit schwarz abgesetzte Kostüme trug, dazu rote Schuhe. Sie war attraktiv, nicht verheiratet, lebte aber mit einem Partner zusammen, der Naturwissenschaftler war und irgendeine höhere Position in der chemischen Industrie bekleidete. Als sie vor zwei Jahren ihr zweites Kind, einen Sohn, zur Welt gebracht hatte, erschien sie bereits vier Tage nach der Geburt im Büro. Felicitas Bauer hatte etwas Fundamentalistisches. Für sie hieß es: Der Wirtschaft müsse soviel Freiheit wie möglich gewährt werden. Dann könne sie sich am besten entfalten. Inbrünstig schrieb sie gegen die Pläne des Umweltministeriums an und munitionierte ihren Minister Stein ständig gegen seinen Kollegen Neumann.

"Ja, mach das, nimm die Bauer-Papiere mit und sieh zu, dass Sven kein Terrain gewinnt. Wenn es demnächst zu Abstimmungen'Stein gegen Neumann'kommt, werde auch ich dabei sein, dann zählt ja jede Stimme. Aber heute kommt es nur auf die Stimmung an.", schlaumeierte Ehlert und vertiefte sich wieder in die Seminararbeiten.

So machte sich Stein auf den Weg zu seiner Partei.

Derweil saß Sven Neumann noch in seinem Büro und durchforstete eine Suchmaschine, ob sich etwas Originelles für seinen Vortrag bei der Partei finden ließe. Er gab die Stichworte"Umwelt","Partei", auch"ökologische Zukunft"ein, aber richtig Verwertbares fand er nicht. Da betrat sein Persönlicher Referent Dirk Noth das Ministerzimmer:"In zehn Minuten musst Du los. Kallenberg"– das war der Fahrer von Neumann –"wartet im Hof. Wahrscheinlich wird es sich der Sven nicht nehmen lassen, zu kommen. Er will Dir die Butter vom Brot nehmen. Aber Du machst das schon. Erstens siehst Du besser aus, zweites kannst Du besser reden und drittens hast Du fachlich mehr drauf. Dass Stein immer noch den Stallgeruch der Partei verbreitet, weil er die Ochsentour hinter sich hat, zählt doch heute nicht mehr.""Ja, ja."

Bei dem Hinweis auf sein Aussehen musste Neumann daran denken, wie es ihm einmal hintertragen wurde, wie ein vermeintlich treuer"Parteifreund"bei Frau Theile gegen ihn gehetzt hatte. Die Ministerpräsidentin habe diese Unterredung mit den Worten:"Aber er hat doch so schöne blaue Augen!", beendet.

Neumann fühlte sich wohl."Ich werde einfach Dein Paper für den Vortrag nehmen.", sagte Neumann zu Noth, verließ sein Büro–die"Beletage"des Hauses–und fläzte sich in den Dienstwagen. Der zurückgebliebene"Persönliche"hatte diese Worte seines Chefs mit Freude vernommen, wähnte er sich doch seinem Ziel, von Neumann bald zum Abteilungsleiter ernannt zu werden, ein Stück näher.

"Die Partei", das war heute der Parteitag. Delegierte aus Orts- und Bezirksverbänden trafen sich im Sitzungssaal 1138 der Staatskanzlei. Insgesamt waren es rund zweihundert Personen, die sich versammelten. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung trafen die ersten Teilnehmer ein. Sie rotteten sich zu verschiedenen Gruppen zusammen. Manche gingen zu den Kollegen, die sie aus ihrem Verband kannten, andere scharten sich beim"linken"Flügel, einige versammelten sich in"rechten"Grüppchen – die nannten sich selber"Realisten". Auch die Frauenbewegten – vereinzelt waren Männer darunter–begrüßten sich herzlich. Die"Senioren"schwärmten von früher, und die"Entschiedenen Christen"verbargen ihre Abneigung gegen die Anwesenheit so vieler Ungläubiger. Die Säufer aller Richtungen zischten an einer Theke erst'mal einige Bierchen.

Dann begann der Parteitag. Fünf Minuten vor dem offiziellem Beginn erschienen förmlich gekleidete Parteimitglieder, die viele der bereits Anwesenden mit Handschlag begrüßten: Das waren die Mitglieder des Vorstandes. Danach nahmen die Delegierten wie eine Schulklasse Platz. Auf dem"Präsidium"in Front zu ihnen, thronten die Vorständler und holten allerlei Papiere aus ihren Aktentaschen oder Collegemappen. Neben dem Rednerpult saß die Vorsitzende, Frau Dr. Irene Nuhr-Meyer, die auch Abgeordnete war. Die erste Reihe der Schulklasse blieb leer. Auf drei Stühlen lagen große weiße Zettel, auf denen mit Kugelschreiber geschrieben stand"Frau MP Margarete Theile","Herr M Marc Stein"und schließlich"Herr M Sven Neumann".

Neumann, der Referent des Abends, erschien pünktlich um sieben Uhr im Saal. Er warf einen Blick auf die reservierten Plätze und murmelte:"Natürlich auch Stein – zum Stänkern". Da erschien der"werte Kollege". Zwei Gesichter strahlten:"Hallo Sven!"–"Hallo Marc!"Küsschen links, Küsschen rechts."Schön, dass Du da bist. Das wird die Diskussion nach meinem Vortrag befeuern."–"Na, nu übertreib'mal nicht!"Da brandete Beifall auf, ohne dass die Versammlung eröffnet war. Die Ministerpräsidentin betrat den Saal. Sie begrüßte freundlich Frau Nuhr-Meyer, schritt auf ihre Minister zu und sagte zu Neumann:

"Ich bin gekommen, weil ich etwas lernen will."–"Ich auch.", heuchelte der daneben stehende Stein, und die drei nahmen Platz, nachdem sie die Zettel unter ihre Stühle gelegt hatten.

Nuhr-Meyer begab sich zum Rednerpult, es wurde ruhig im Saal:"Ich eröffne den 15. Parteitag und begrüße unsere Ministerpräsidentin.–Die Tagesordnung ist ihnen zugegangen. Gibt es dazu Wortmeldungen? Keine. Gut, dann verfahren wir so.

Den'Bericht des Vorstandes'mache ich kurz: Es sind noch acht Monate bis zu Wahl. Uns stehen für Werbemaßnahmen 965.240 € zur Verfügung, davon etwa ein Drittel aus Mitgliedsbeiträgen, liebe Parteimitglieder. Wir haben beschlossen, uns eine Werbekonzeption von einer Agentur erarbeiten zu lassen. Das kostet natürlich'was: 500.000 €. Dazu kommen 10.000 für jeden Verband. Davon können wir Stände machen, Schnickschnack kaufen usw..

Gibtes dazu Wortmeldungen? – Das ist nicht der Fall.–Dann kommen wir zum Hauptpunkt unserer heutigen Tagesordnung: Referat und Diskussion von und mit Umweltminister Sven Neumann:'Perspektiven für morgen'. Bitte, Herr Neumann!"

Drei Stunden später kam Neumann zu Hause an. Er hatte diesmal darauf verzichtet,"anschließend mit den Parteifreunden noch ein Bierchen zu trinken."Erstens hatte sein Lebenspartner Geburtstag – es war der 36. – und zweitens hatten Stein und andere Diskutanten ihm die Lust ausgetrieben. Nach seinem Vortrag, in dem er ökologische Standards auch in der Warenproduktion gefordert hatte, hielt"Kollege"Stein quasi das Gegenreferat, in dem er unter anderen polemisierte – so sah es Neumann jedenfalls–es würde"keine Umweltpolizei"gebraucht. Im Gegenteil: Die Wirtschaftsdynamik würde dadurch nur ausgebremst.

Das Wort von der"Umweltpolizei"griffen in der folgenden Debatte fast alle Diskutanten auf, und auch Frau Theile spielte in ihrem Schlusswort darauf an, indem sie ausführte:"Unsere Unternehmer sind von sich aus daran interessiert, die Umwelt zu schützen. Damit repressiven Maßnahmen reinzugehen, ist vielleicht etwas blauäugig..."Neumann fragte sich einen Augenblick lang, ob die Chefin auf ihr seinerzeitiges Urteil über sein Äußeres anspielte, da wurde er von Frau Nuhr-Meyer zum"Endstatement"aufgefordert. Dem Minister ging die"Umweltpolizei"nicht aus dem Kopf, und so hörte er sich sagen, natürlich wolle er Umweltschutz nicht mit dem Gummiknüppel durchsetzen. Im Innern aber dachte er"Scheiße, jetzt hat mir der Marc mit seiner blöden Polizei einen reingewürgt."

So war es. Stein schien eine Schlacht gewonnen zu haben im Krieg der beiden um die Theile-Nachfolge.

In seiner von den Eltern geerbten Villa am Stadtrand empfing Neumann eine andere Welt als in der Partei. Sein Mann, der Galerist Fei Freidank, hatte im Salon den Tisch gedeckt, Blumen arrangiert, Kerzen angezündet, die Sibelius-Kassette aufgelegt und servierte nun aus Anlass seines Geburtstages ein erlesenes Drei-Gänge-Menümit dazu ausgewählten Weinen. Neumann erhob sein Glas, stieß feierlich mit Freidank an:"Auf Dein Wohl, mein Lieber. Und auf unsere Ehe."

Neumann und Freidank hatten vor einiger Zeit geheiratet–in hellen Anzügen mit großen roten Blumen im Revers, angetan mit Panamahüten und unter lautem Gejohle einer bunten Gästeschar. In der standesamtlichen Zeremonie zuvor, hatte die Oberamtsrätin Kunze nicht die rechten Worte gefunden, um diese beiden auf den Ehestand vorzubereiten. Homosexuelle Ehen, wie sie jetzt nach dem Gesetz möglich waren, hatte sie bis dahin noch nicht beurkundet. Ihre Standardrede vor bisexuellen Paaren mit den kleinen Witzchen über die erwarteten lieben Kinderlein wollte sie diesmal nicht halten. So wich sie aus und philosophierte über die Pflichten des verbleibenden Partners nach dem Tod des anderen. Das hob die Stimmung nicht gerade. Doch das war schnell vergessen und draußen vor dem Standesamt sowie nachher beim Fest war die Fröhlichkeit allgegenwärtig. Natürlich waren auch Marc und Kasimir dabei.

Marc und Sven, die Minister, hatten sich früher sehr gemocht. Marc war da Abgeordneter, stellvertretender Vorsitzender seiner Fraktion und Sven einer der"wissenschaftlichen"Mitarbeiter. Sven betreute unter anderem die Ausschüsse für Wirtschaft und für Finanzen, und Marc war Haushalts- und Wirtschaftssprecher seiner Fraktion. So hatten Marc und Sven viel miteinander zu tun. Sven begleitete Marc oft zu Abendveranstaltungen, und sie kamen sich näher. Einmal saßen sie nach einer Podiumsdiskussion im etwas tutigen Restaurant"Küchenbord"beisammen, hatten Wein, Schnecken und Salat bestellt. Da ergriff Marc die Hand von Sven, und hinterher wurde es eine zärtliche Nacht.

Sven und Marc blieben zusammen, bis Kasimir auftauchte und Sven verdrängte. Kasimir war der Professor –"Prof"wie sie sagte–von Marcs jüngerer Schwester Lina, die an seinem Lehrstuhl eine Assistentenstelle innehatte. Bei der Doktorfete von Lina hatten sie sich getroffen. Zwischen beiden funkte es sofort. Lina merkte gar nicht, was sie da gestiftet hatte. Sie war glücklich über ihren Doktortitel und konnte nicht genug davon bekommen, mit ihren Assisten-tenkollegen auch der anderen Lehrstühle bei Jazzmusik, Frascati, Wasser und Salzgebäck zu fachsimpeln.Marcund Kasimir aber mieteten die Wohnung am Boulevard, wurden schließlich ein Paar und gingen lange vor Sven und Fei zum Standesamt. Da war Marc gerade Minister geworden.

Den Laufpass hatte Marc Stein dem Sven Neumann vorher gegeben–schon, als er Kasimir Ehlert kennen gelernt hatte. Der Abgeordnete und der Fraktionsassistent blieben jedoch Freunde, nicht nur weil sie der gleichen Partei angehörten. So lud Marc"den lieben Sven"zu seiner Hochzeit ein. Wie das Leben spielt, lernte Sven – nun allerdings schon Staatssekretär im Umweltministerium – auf dieser Hochzeit Fei Freidank, seinen künftigen Mann, kennen.

An Feis Geburtstagsabend kam Neumann von der verunglückten Parteiversammlung nicht los."Ich hätte wissen müssen, dass er mich mit seiner blöden Umweltpolizei lächerlich macht. Die Parteimitglieder durchschauen das doch nicht. Sie freuen sich über den Gag und denken nicht daran, dass Stein bloß die Theile beerben will."–"Das willst Du doch auch.", sprachFreidank und sah gedankenverloren vor sich hin. Er nahm versonnen ein Schlückchen aus dem Weinglas."Eine Schlacht ist verloren, jedoch der Krieg nicht!"–Neumann lächelte Freidank zu. Der erhob sein Glas zum"Salute".

Eine hört auf

Margarete Theile betrat 7.30 Uhr wie an jeden Arbeitstag ihr Büro. Der Pressesprecher Hinrich Hinze, die"Persönliche"Christiane Krause, der Staatssekretär Dr. Siegfried Bernstein-Mösberger sowie die beiden Sekretärinnen Ulrike Harder und Lia Schulze-Festerberger saßen bereits am großen weißen Konferenztisch. Kaffeetassen, eine Kaffeekanne und Tellerchen mit Gebäck – alles Edelporzellan aus der Produktion der staatlichen Manufaktur – standen bereit. Margarete Theile hatte ihr Büro in Pastellfarben einrichten lassen: mit blass-lila Leder bezogenen Stühlen, einem rosa-rosenfarbenen Schreibtisch, mattgrünen Stoffvorhängen, einem den gesamten Raum ausfüllenden Kelim-Teppich und dem ebenfalls rosa-rosenfarbenen Konferenztisch. Der Papierkorb war beige. Kräftige Farben in dieses Ambiente brachten zwei abstrakte Bilder an den Wänden – Gemälde des bekannten und viel geehrten Malers Volker Zuckermann, Mitglied der Akademie der Schönen Künste. Dann war da noch jeden Tag ein neuer Blumenstrauß auf dem Schreibtisch, den die Verwaltung der Ministerpräsidentin frisch auf den Tisch stellte – das stand ihr zu. Auf dem Schreibtisch waren zudem mindestens 20 Fotos drapiert: Sie zeigten Frau Theile mit anderen Personen – meist händeschüttelnden Politikern.

Der Stab der Ministerpräsidentin war zur"Frühlage"versammelt, die würde 30 Minuten währen. Zu den persönlichen Mitarbeitern von Frau Theile zählten auch ihr Fahrer Karl Prosch und ihr Sicherheitsbeamter, Polizeihauptmeister Peter Souchon. Der Redenschreiber Leo Weiß gehörte ebenfalls dazu, befand sich aber mit seiner Freundin auf einer griechischen Ägäis-Insel im Urlaub. Die"Lage"begann wie immer damit, dass Pressesprecher Hinze einen Überblick gab über die aktuellen Erwähnungen von Frau Theile in den Medien. Nach seinem Bericht fügte Hinze an:"Darf ich noch etwas sagen, Frau Ministerpräsidentin? Wenn ich wie heute jeden Tag in der U-Bahn sitze und sehe, wie all die Leute ein und dieselbe Boulevardzeitung lesen, dann bin ich gegen das allgemeine Wahlrecht!"– Frau Theile schmunzelte.

Doch das wurde schnell abgehakt. Christiane Krause kam auf den gestrigen Abend zu sprechen, an dem"Sven", also Umweltminister Neumann ein Referat vor der Partei gehalten hatte:"Marc hat Sven durch den Kakao gezogen und die Delegierten haben sich darüber gefreut. Dabei wollen beide nur Deinen Posten!", entrüstete sich Christiane Krause:"Ich finde, Du solltest diesen Machos einen Strich durch die Rechnung machen und zumindest Irene zur Kronprinzessin erklären. Das Zeug hat sie."Gemeint war Frau Dr. Irene Nuhr-Meyer, die Vorsitzende der Partei."Wieso sollen wir für einen Mann räumen? Wir können doch mit gender mainstreaming argumentieren. Da kommen wir bei der Partei glatt durch."–"Hm...", meldete sich der Staatssekretär."Mit gender mainstreaming ist das so eine Sache. Anstelle der Geschlechtergerechtigkeit ist es neuerdings in,'queer'zu sein, also weder betont männlich noch betont weiblich: Schwul ist queer, auch lesbisch, sado-macho oder was weiß ich?"Bernstein-Mösberger schaute etwas verlegen in die Runde und sah die Ministerpräsidentin fragend an. Doch die beschied:"Gender, queer, schwul und was weiß ich. Ich will und kann auch nicht mehr. Marc und Sven sind die besten weit und breit, und einer von beiden muss es nach mir machen. Was die beiden privat tun, interessiert doch niemanden."Die"Persönliche"und der Staatssekretär schwiegen. Spekulierte doch die"Persönliche"auf Frau Nuhr-Meyer. Dann – so hoffte die Referentin–würde sie auf den Staatssekretärsposten kommen, und davon hielt Bernstein-Mösberger, der daswusste, nicht viel.

"Also, was steht heute an?", ging die Chefin zur Tagesordnung über. Christiane Krause leierte herunter:"8.30 Uhr Koalitionsrunde, 9 Uhr Kabinettssitzung, 12 Uhr Empfang für den polnischen Wojowoden, 14 Uhr Besuch im Altersheim'Golde Zeit', 15 Uhr Büroarbeit, 16 Uhr Begrüßungsrede bei den Automatenherstellern, 17 Uhr vertrauliches Gespräch mit den Vorsitzenden der Fraktionen, 19 Uhr Eröffnung der Festakademie der Wissenschaften und 20 Uhr Parteivorstand. Ende offen."Frau Theile erhob sich und stöhnte:"Kann mir jemand sagen, warum ich mich danach für vier weitere Jahre reißen soll?"

Die"Lage"war beendet. Die Ministerpräsidentin eilte in den"Festsaal", um die Koalitions-"freunde"vom kleineren Partner zu treffen. Diesen erklärte sie, dass ihre eigene Partei nach der Wahl die stärkste bleiben werde. Umfragen bestätigten dies. Aber zur absoluten Mehrheit würde es nicht reichen, und so würde es wieder zu einer Koalition kommen müssen. Der Regierungsauftrag werde sicher erneut an ihre Partei gehen, und da sie nicht mehr kandidiere, werde entweder Stein oder Neumann die neue Koalition führen. Wer von den beiden, das lege ihre Partei rechtzeitig fest.

Die kleinere Regierungspartei wurde geleitet von Harry-Peter Loch, stellvertretender Ministerpräsident. Der antwortete, ob es überhaupt zu einer erneuten Koalition komme, hänge schließlich vom Wahlergebnis ab. Ein Parteitag seiner Partei werde über Personalien mitentscheiden.

"Das werden wir ja dann sehen.", entgegnete die Ministerpräsidentin kühl und fuhr fort:"Der Messeaufstockung gleich im Kabinett werdet Ihr doch zustimmen? Zumindest haben das Eure Leute signalisiert."–"Ja, ja", kam die Replik. Mit der"Messeaufstockung"war die Erhöhung der jährlichen Zuwendung an die Messegesellschaft um 2 Millionen € gemeint. Dem Wirtschaftsminister winkte ein Erfolg.

Im Kabinettsaß die Regierung um einen ovalen Tisch. Das Kabinett bestand aus zwölf Ministern. Neben der Chefin Theile sowie Stein und Neumann als Minister waren das noch weitere fünf Minister der großen Partei und vier der kleinen. Die kleine Partei besetzte das Finanzressort. Minister war hier der stets eine Fliege tragende Otto Bamberger. Ihm wurde nachgesagt, dass seine Frau schwer reich und er ein gefürchteter Schürzenjäger sei. In der Stadt bewohnte er eine Villa mit sieben Zimmern. In seiner Heimatprovinz aber residierte er in einem Herrenhaus mit Butler, Köchin, Putzfrau, Gärtner und privatem Chauffeur.

Dann war da noch Rosa Herbel-Liemann, die das Ministerium für Familie, Frauen und Jugend führte und ebenfalls der kleinen Partei angehörte. Sie war 35 Jahre alt und hatte drei Kinder: ein sechs-jähriges Mädchen und zwei Buben, die drei und zwei Jahre alt waren. Ihr Mann, Dr. med. Karl-Heinz Liemann, war Orthopäde am Universitätsklinikum. Beide hatten vor fünf Jahren für 450.000€ ein Einfamilienhaus am Stadtrand gekauft, in dem sie nun zu fünft wohnten. Die Bank hatte damals ein Darlehen über 300.000 € gewährt. Dafür zahlten die beiden Zinsen und Tilgung. Sie sahen es so, dass beide arbeiten mussten, um einen gewissen Lebensstandard zu haben.

Harry-Peter Loch selbst war Justizminister. Als Rechtsanwalt hielt sich der 62-jährige Jurist für sein Amt gut qualifiziert. Seine Frau war vor sieben Jahren bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Seitdem lebte der ältere Herr mit seiner dreißigjährigen Tochter in einer bescheidenen Altbauwohnung.

Die Ministerin für Soziales und Integration hieß Aische Hüklen. Sie hatte einen"Migrationsintergrund". Ihre Berufung war seinerzeit als beachtenswert durch die Medien gegangen. Frau Hüklen war Kind anatolischer Einwanderer, die in Deutschland einen Obst- und Gemüseladen betrieben. Bevor sie in das Kabinett für die kleine Partei berufen wurde, arbeitete sie in einer Millionenstadt als Anwältin. Mit ihrem klaren und perfekten Deutsch, in ihrem Businessanzug, der weißen Bluse und denschwarzen Haaren hatte die zierliche Frau Eindruck gemacht. Ihre Eltern waren mächtig stolz auf sie, und bei jedem ihrer Besuche im anatolischen Heimatdorf versammelte sich die ganze Großfamilie. Alle Vettern und Nichten, Tanten und Onkel wollten wissen, wie Aische in Deutschland Karriere machte.

Zu den starken Persönlichkeiten im Kabinett gehörte Friedrich Hansen, der Innen- und Polizeiminister. Er gehörte der großen Partei an, war einst Vertragsfußballer gewesen und war mit seinen 46 Jahren immer noch eine stattliche sportliche Erscheinung. Über sein Familienleben wusste man wenig, nur dass seine Frau Studienrätin für Deutsch und Geschichte war und dass seine beiden Kinder – ein Mädchen und ein Junge – im Ausland Wirtschaftslehre studierten. Die große Partei stellte auch die Minister für Wissenschaft und Kultur (Prof. Dr. Paul Sawatzki), Städtebau und Landschaftsplanung (Erika Venle), Verbraucherschutz (Emil Rettig) und Bauen (Kurt Weidenknecht).

Alle Minister waren versammelt. Sie saßen um den ovalen Tisch herum auf hellbraunen Lederstühlen. Der Stuhl der Frau Theile war etwas höher als die der anderen; es war der"Chefsessel". In der Mitte des großen Tisches stand eine kunstvoll gearbeitete Uhr, die von einem Vorgänger Frau Theiles stammte. Neben der Ministerpräsidentin hatte Dr. Siegfried Bernstein-Mösberger Platz genommen. Er war Chef der Staatskanzlei ("CdS") und legte seiner Chefin die jeweils aktuellen Aktenmappen vor.

Heute gab es 23 Tagesordnungspunkte. Frau Theile sagte:"Morgen! 1 bis 7 im Block, 9 bis 12 dito und 16 bis 23 ebenfalls. Als 24 kommt noch ein ATO."Die Tagesordnungspunkte"im Block"hatten tags zuvor die Staatssekretäre der Minister abgesegnet. Sie waren unstrittig und daher schon verabschiedet."8 ist die Messeaufstockung. Gibt's da was?", fragte Frau Theile und erforschte über die Oberränder ihrer Brille die Runde."Die kleine Partei zieht mit, nicht wahr Kollege Loch?"Der Stellvertreter nickte."Also, was is'noch?"Die Ministerpräsidentin wollte die Sache schnell vom Tisch haben. Doch Sven Neumann, der Umweltminister, meldete sich."Mein Haus kann da nicht mitziehen. Hier handelt es sich um eine verkappte Industrieförderung zu Lasten des Umweltschutzes."–"Also, das ist doch Unsinn, Herr Kollege."In diesem förmlichen Rahmen siezten sich Stein und Neumann."Der Finanzminister hat schließlich mitgezeichnet, und in der Vorlage steht ausdrücklich:'Finanzierung aus dem eigenen Ressort'."Stein sah zu Bamberger hinüber, doch der Finanzminister hatte sich in seinen Aktenberg vergraben. Auch die übrigen Kabinettsmitglieder schienen den Vorgang zu ignorieren. Da vernahm Stein die Stimme der Chefin:"Abgesetzt."

Bei sich dachte Stein:"Dieser Mistkerl. Das zahle ich dem Sven heim."Er war sich sicher, dass es nur um ihre Rivalität und überhaupt nicht um die Sache ging. Dr. Siegfried Bernstein-Mösberger protokollierte alles und fand in seinem Innern, dass es nicht gut sei, wie die beiden Rivalen sich um die Nachfolge der Ministerpräsidentin aufführten.

Die anderen Vorlagen wurden beschlossen, und schließlich verkündete Margarete Theile:"ATO: Ich setze Sie offiziell davon in Kenntnis, dass ich nach der bevorstehenden Wahl mein Amt als Ministerpräsidentin aufgeben werde. Ich gehe davon aus, dass die große Partei wieder die Regierung führen wird. Sie wird entscheiden, wer mein Nachfolger wird: Kollege Stein oder Kollege Neumann. Harry-Peter Loch weiß das und ist einverstanden."Ganz so sah das der stellvertretende Ministerpräsident nicht. Hansen lächelte kurz auf. Aber als Loch etwas Relativierendes sagen wollte, hatte Frau Theile schon die Sitzung geschlossen.

Jeder der Anwesenden wusste:"ATO"heißt"Außerhalb der Tagesordnung". Hierüber sollte die Presse nicht informiert werden. Aber jeder wusste auch: Nur hierüber würde die"Journaille"erfahren. Die Ministerpräsidentin hatte es so beabsichtigt. Sie wollte, dass in der Öffentlichkeit"festgezurrt"würde, dass sie aufhöre und Stein oder Neumann an ihre Stelle treten würden. Dass es mit dem zweiten Teil dieser Zukunftsplanung Schwierigkeiten geben würde, konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. In dem Moment, als sie die Kabinettssitzung schloss, hatte der Finanzminister Otto Bamberger vor sich hin gemurmelt:"Kronprinzenfragen sind immer unangenehm."

Seine unmittelbaren Nachbarn konnten es hören.

In der Uni: Zwei tüfteln

Lina Stein las es anderntags in der Zeitung:"Theile tritt ab: Stein oder Neumann soll folgen". Zusätzlich zur Meldung gab es im Blatt einen kurzen Kommentar."Das ist geschmacklos! Sind die Wähler völlig unwichtig? Sie müssen doch wohl zuerst entscheiden, und nicht die Politiker. Frau Theile hat da wohl etwas übersehen."Der Vorsitzende der anderen großen Partei, Heinz-Peter Corbeau wurde mit dem Ausspruch zitiert"Frau Theile will Politik nach Gutsherrenart. Wenn sie da nicht die Rechnung ohne den Wirt macht!"

"Wieder'mal typisch: Die da oben schieben sich die Posten zu. Dabei ist es doch egal, ob Stein oder der Neumann es wird. Es ist immer das gleiche. Unten wird abkassiert und oben ausgeschüttet. Und wenn die andere große Partei rankommt, ändert sich auch nichts. Jetzt versprechen sie alles Mögliche, aber nachher wollen sie das nicht wahrhaben, ignorieren es einfach."Linas Kollege Frank, bürgerlich Dr. Frank-Walther Hellersberg, sagte das alles irgendwie nebenher, denn eigentlich interessierte es ihn nicht sehr. Doch plötzlich schien er wach zu werden:"Sag mal: Ist dieser Wirtschaftstyp, der Stein, nicht Dein Bruder? Ist Dir das nicht peinlich?"–"Nö, eigentlich nicht. Und unser Ehlert ist sein Mann – also mit dem ist er verheiratet!"Frank hatte das alles natürlich gewusst, aber er wollte Lina aufziehen. So fragte er nur zurück:"Wie hältst Du das eigentlich aus? Ich meine, so nach der Arbeit."–"Ich finde, was die beiden machen, ist deren Ding. Ich bin nicht die Gouvernante vom Marc."–"Aber die Schwägerin vom Ehlert bist Du schon. Hilft Dir das eigentlich?"

Jetzt ärgerte sich Lina doch. Sie fand, dass sie eine gute Wissenschaftlerin war und glaubte, dass Frank das wisse. So hatte sie neulich für Ehlert eine Doktorarbeit gegengecheckt, von der dieser ganz begeistert war. Dabei musste sie feststellen, dass die Arbeit in weiten Teilen abgekupfert war. Sie empfahl Ehlert, die Arbeit nicht anzunehmen. An diesen Rat hielt sich der Professor, denn er wollte nicht riskieren, vor der Prüfungskommission als Trottel dazustehen. Lina hatte den geklauten Text zuvor zufällig im Original gelesen, ihr Chef hingegen überhaupt nicht. Frank wusste von der Geschichte. In Assistentenkreisen spottete er daraufhin über den"blöden Ehlert"und lobte Lina, die dahinter gekommen war.

Nun aber bemühte sich Frank, einzulenken:"Wie der Ehlert nicht einmal die Literatur seines Fachs kennt, so kennt sich Dein werter Bruder auch nicht mit der Wirtschaft aus. Er will das Geld knapp halten und macht damit immer mehr Menschen arbeitslos. Anstatt nach Keynes Beschäftigungsprogramme aufzulegen, spart er die Wirtschaft kaputt. Er sollte seinen Hut nehmen."

Die politische Ausrichtung ihres Bruders war auch Lina suspekt, und ihr Ärger über Frank verflog etwas."Da hast Du leider recht. Ich habe Marc schon oft bearbeitet, dass er'was gegen die hohe Arbeitslosigkeit tun soll. Aber dann lacht er nur:'Das ist Politik, davon verstehst Du nichts, Schwesterchen! Bleib Du lieber bei Deiner Wissenschaft. Da ist zwei mal zwei eben einfach vier.'So geht das mit ihm."– Doch dann begehrte Lina auf:"Aber der Neumann mit seinen Beschäftigungsprogrammen ist auch nicht viel besser. Der redet von Umweltschutz und will doch nur seine Leute unterbringen. Alles andere ist dem egal."–"Weswegen es der Theile auch egal ist, wer von beiden ihr nachfolgt. Beide sind ihr gleich recht und doch wieder nicht. Einen richtigen Keynesianer hat sie eben nicht. Der Hansen ist vielleicht einer, aber den mag die Theile nun'mal persönlich nicht leiden.", plauderte Frank.–"Na ja, ich werde diesmal wohl die andere große Partei wählen.", gab Lina kleinlaut zu. – Doch selbst darauf wollte Frank sich nicht einlassen:"Ich weiß überhaupt noch nicht, ob ich wählen gehe."

Der politische Diskurs der beiden Assistenten war zuende. Sie wandten sich, wie sie fanden, einer wichtigeren Aufgabe zu: der Vorbereitung einer gemeinsamen Lehrveranstaltung. Es sollte eine Übung werden, mit der sie die"Studies"auf Prüfungen bei Ehlert präparieren wollten. Prof. Ehlert plante, eine Vorlesung über"Die frühe französische Soziologie des 19. Jahrhunderts"zu halten und hatte sich dazu von Lina Stein und Frank-Walther Hellersberg einige Exzerpte ausarbeiten lassen. Das brachte die beiden"Assis"auf die Idee, eine Übung über Auguste Comte, den Namensgeber ihres Fachs, anzubieten. Die Übung sollte über das ganze Semester laufen und montags von 12 bis 14 Uhr zwei Stunden im Anschluss an die Ehlert-Vorlesung stattfinden. Es standen ihnen also 12 Doppelstunden zur Verfügung. Während die Vorlesung Ehlerts"offen für Hörer aller Fakultäten"sein sollte und daher im großen Hörsaal 101 geplant war, wollten die Assistenten Stein und Hellersberg ihre Übung nur für"Soziologie- und Politologie-Studenten im Hauptstudium"zulassen:"Anmeldung in den Sprechstunden von Frau Dr. Stein oder Herrn Dr. Hellersberg". Die beiden meldeten bei der Universitätsverwaltung dafür den Seminarraum 10 A an.

Lina Stein und Frank-Walther Hellersberg gedachten, die Publikationen Comtes in kleine Häppchen einzuteilen und die Studenten zu bitten, darüber kurze Referate zu halten. Sie erwarteten nicht nur Inhaltsangaben, sondern auch Stellungnahmen der Kommilitonen zu den jeweiligen Texten. Das alles sollte von ihnen bewertet und in"Leistungsscheinen"benotet werden.

Der Raum 10 A bot 50 Sitzplätze, aber nach Lage der Dinge konnten nur 20 Referate gehalten werden. Bis zu 30 Studenten müssten dann eben ohne Referat teilnehmen. Ihnen könnte ein"Teilnehmerschein", der allerdings beim Prüfungsamt nicht viel Wert war, ausgestellt werden.

Aber nun hatten sich vier Wochen vor Semesterbeginn bereits über 100 Studenten angemeldet, und alle wollten Leistungsscheine!

Um zu beraten, was geschehen solle, saßen die beiden zusammen. Er fand sie übrigens ziemlich attraktiv, wie sie da saß in ihrem engen roten Kleid, den kurz geschnittenen schwarzen Haaren, den schwarzen Pumps und der dunklen"Intellektuellenbrille". Er betrachtete sie ein kurzes Weilchen. Sie tat, als ob sie das nicht merkte und kam zur akademischen Sache:"Wir könnten die Übung ja teilen. Das gäbe mehr Kapazität. Aber unser gemeinsames Publikationsprojekt müssten wir dann vergessen."Nach Beendigung der Übung planten sie nämlich eine gemeinsame Publikation über Auguste Comte. So etwas brauchte man für die Publikationsliste, die bei künftigen Berufungsverfahren wichtig sein würde. Hier an der Universität hatten die beiden Zeitverträge, und sie mussten sehen, dass sie rechtzeitig Verlängerungen oder gar Professorenstellen ergatterten, um nicht arbeitslos zu werden.

"Ich schlage vor, wir halten die Übung zweimal. Und lassen pro Sitzung drei Referate zu. So kommen wir auf 72 Leistungsscheine.", schlug Lina vor.–"Müssen wir da nicht den Ehlert fragen?", warf Frank ein. Lina bemerkte:"Weiß nicht. Der stimmt sowieso zu, ist ihm doch egal. Aber ich kann ihn ja informieren."–Etwas gebremst war Frank einverstanden. Einerseits scheute er die Mehrarbeit, die auf ihn zukommen würde. Andererseits lockte ihn die Aussicht, vier statt zwei Stunden pro Woche mit Lina beruflich zusammensein zu"müssen"