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Eine Liebe zwischen Stolz und Sehnsucht … England, 1887. Die junge Lillian »Lily« Bede steht vor einer immensen Herausforderung: Ein Freund ihrer Mutter, der reiche Horatio Thorne hat ihr seinen gesamten Besitz hinterlassen – unter einer Voraussetzung: Fünf Jahre lang soll sie sein Estate erfolgreich verwalten – versagt sie jedoch, geht alles an seinen Neffen Avery, ein leichtsinniger Abenteurer, der sich in der ganzen Welt herumtreibt. Schnell ist Lily klar, dass jeder von ihrem Versagen ausgeht – der Wettstreit soll Avery zur Räson bringen. Doch da hat der alte Thorne sich verkalkuliert: Lily wird alles daransetzen, sich zu beweisen und siegreich aus der bitteren Rivalität mit Avery hervorzugehen. Nur hat sie nicht damit gerechnet, dass ein würdiger Gegner auch zarte Gefühle erwecken kann … Ein Highlight des historischen Liebesromans – Fans von Julia Quinn werden begeistert sein!
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2025
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England, 1887. Die junge Lillian »Lily« Bede steht vor einer immensen Herausforderung: Ein Freund ihrer Mutter, der reiche Horatio Thorne hat ihr seinen gesamten Besitz hinterlassen – unter einer Voraussetzung: Fünf Jahre lang soll sie sein Estate erfolgreich verwalten – versagt sie jedoch, geht alles an seinen Neffen Avery, ein leichtsinniger Abenteurer, der sich in der ganzen Welt herumtreibt. Schnell ist Lily klar, dass jeder von ihrem Versagen ausgeht – der Wettstreit soll Avery zur Räson bringen. Doch da hat der alte Thorne sich verkalkuliert: Lily wird alles daransetzen, sich zu beweisen und siegreich aus der bitteren Rivalität mit Avery hervorzugehen. Nur hat sie nicht damit gerechnet, dass ein würdiger Gegner auch zarte Gefühle erwecken kann …
eBook-Neuausgabe Oktober 2025
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1998 unter dem Originaltitel »My Dearest Enemy« bei Dell Publishing, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2000 unter dem Titel »Süße Unterwerfung« bei Droemer.
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1998 by Connie Brockway
Published by arrangement with Dell Publishing, a division of Random House Inc., New York, New York, U.S.A.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2000 bei Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: A&K Buchcover, Duisburg, unter Verwendung eines Bildmotives von shutterstock/Visual Storyteller, Shutterstock KI, depositphotos/1xpert
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-384-4
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Connie Brockway
Roman
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter
Die Nachricht von Horatio Algernon Thornes Tod war von einem Brief des Verstorbenen begleitet.
Avery James Thorne,
Bloomsbury, London
1. März 1887
Avery,
mein Arzt hat mir gesagt, daß ich nicht mehr lange zu leben habe und meine Angelegenheiten in Ordnung bringen soll. Dies möchte ich hiermit tun. Ich werde sicherstellen, daß Dich dieser Brief erreicht, bevor mein Testament verlesen wird, um Dich vorab über den Inhalt des Dokuments zu informieren. Du solltest mir dankbar sein, daß mein Familiensinn mir diese Höflichkeit aufdrängt, zumal Du in dieser Art von Entgegenkommen ja offensichtlich wenig Erfahrung hast.
Vermutlich hast Du angenommen, daß Du nach meinem Tod als einziger männlicher Verwandter Deines Cousins Bernard zu seinem Vormund ernannt wirst. In dieser Annahme irrst Du Dich, und ich werde Dir auch sagen, warum.
Erstens – und das ist der Hauptgrund! – bist Du Deinem Vater zu ähnlich. Trotz all meiner Bemühungen, die charakterlichen Parallelen zu ihm auszumerzen, bist Du verantwortungslos, aggressiv und widerspenstig geblieben. Die letzten beiden Eigenschaften hätten Dir vielleicht gut zu Gesicht gestanden, wenn Du, wie ich in meiner Jugend, robust und kräftig gewesen wärest, denn dann hätte man aus Dir einen guten Anführer machen können. Leider jedoch läßt Deine körperliche Verfassung zu wünschen übrig, und kein Mensch nimmt freiwillig Befehle von einem Schwächling entgegen.
Meiner Ansicht nach würdest Du Bernard ein schlechtes Beispiel geben, zumal er inzwischen dieselbe Neigung zur körperlichen Schwäche zeigt. Glaub nicht, daß ich vergessen habe, wie oft Du Deine Krankheit als Ausrede vorgeschoben hast, Dich in der Schule auf die Krankenstation einweisen zu lassen, oder wie oft Du Deine Lehrer dazu gedrängt hast, Briefe zu schreiben, in denen sie darum baten, Dich während des Semesters beurlauben zu können. Es ist nur allzu wahrscheinlich, daß Bernard durch Deine Erziehung ebenso verweichlichen würde, und als Erbe eines großen Vermögens muß er solche Neigungen überwinden.
Daher habe ich Vermögensverwalter, die ich schon seit Jahren kenne, für die Vormundschaft bestimmt.
Und nun zu Dir, Avery. Wie ich bereits sagte, bin ich mir meiner familiären Pflichten durchaus bewußt. Die nächsten fünf Jahre wirst Du einen gewissen Geldbetrag erhalten, der entweder ebenfalls von den oben erwähnten Treuhändern kommt oder aber von Miss Lillian Bede, die nach meinem Tod Mill House verwalten und nach Ablauf der fünf Jahre das Anwesen erben wird, sofern es unter ihrer Leitung einen vernünftigen Gewinn erzielt. Sollte letzteres nicht der Fall sein, erbst Du es.
Warum ich diese Verfügungen erlassen habe, braucht Dich nicht zu interessieren. Mill House gehört mir, und ich kann damit tun, was immer ich möchte. Da es jedoch sein kann, daß Du Dich an meine Andeutung erinnerst, Du könntest vielleicht eines Tages das Anwesen erben, möchte ich Dich als Gentleman, der ich bin, darüber informieren, daß ich nicht vergessen habe, was Du möglicherweise als Versprechen betrachtet hast. Und ich denke auch noch immer, daß Du es erben wirst. Schließlich ist Miss Bede nur eine neunzehnjährige Frau, die im Grunde genommen scheitern muß, und wenn es Dich in Deinem männlichen Stolz trifft, daß Dein Rivale weiblich ist, und anstachelt, dann ist es nur gut.
Betrachte diese fünf Jahre als Zeit, in der Du Dich – hoffentlich – Deines Erbes als würdig erweist. Obwohl ich kaum glaube, daß Du lange über den Verlust einer so gewaltigen Verantwortung jammern wirst. Wahrscheinlich bist Du – im Gegenteil – nur froh, einen derartigen zeitlichen Aufschub zu bekommen. Dein Erbe scheint Dir genauso gleichgültig zu sein wie Dein Cousin.
Nach Ablauf der fünf Jahre wirst Du zu Bernards gesetzlichem Vormund ernannt. Ich kann Dir nur empfehlen, Dich bis dahin in Bescheidenheit, Sparsamkeit und Familiensinn zu üben.
Horatio Algernon Thorne
»Und ich empfehle dir, zur Hölle zu gehen!« Avery stieß sich von dem zerkratzten Schreibtisch ab, der an einer Wand seiner Mietwohnung stand. Sein Blick glitt über die wenigen, zusammengewürfelten Möbelstücke, deren beste Zeiten schon lange vorbei waren. Er hatte diese Behausung bisher nur deswegen ertragen können, weil er gewußt hatte, daß er eines Tages ein Anwesen besitzen würde. Eines Tages würde ihm Mill House gehören.
Vor fünfzehn Jahren, eine Woche, nachdem eine Grippeepidemie seine Eltern dahingerafft hatte, war er in Devon angekommen, um seinen Vormund – seinen Onkel Horatio – kennenzulernen. Damals war Avery sieben gewesen.
Er konnte sich noch daran erinnern, wie sie von der Zypressenallee auf die Auffahrt eingebogen waren. Er hatte den Kopf aus dem Fenster gesteckt, um einen Blick auf das steinerne, bernsteinfarbene Herrenhaus zu werfen, und hatte sich augenblicklich unsterblich verliebt.
Horatio, den Averys ehrfürchtige Bewunderung amüsierte und der damals noch nichts von dessen »intolerabler Schwächelei« gewußt hatte, hatte ihm das Haus in einem – für ihn ganz untypischen – Anfall von Spontaneität versprochen. Horatio konnte sich eine solche Laune erlauben. Mill House bedeutete ihm nichts; es war nur ein weiteres Haus auf dem Land, das er von seinem Vater geerbt hatte.
Obwohl Avery danach nicht oft zu Besuch kam – zweimal in den Weihnachtsferien und einmal für zwei Wochen in einem unvergeßlichen Herbst –, vergaß er das Bild von Mill House niemals. Und während der langen Tage, die er in Harrows Krankenzimmer lag, verdrängte er die Schmerzen, indem er im Geiste durch die Flure des Anwesens wanderte.
Er hatte den größten Teil seines Lebens darauf gewartet.
Wie der ergebenste aller Verehrer hatte er es im Stillen bewundert und begehrt, ohne jemals das Ausmaß seiner Leidenschaft zu enthüllen, damit man sie nicht eines Tages gegen ihn verwenden konnte. Und nun sollte diese sorgsam zur Schau gestellte Gleichgültigkeit ihm zum Verhängnis werden? Sein Haus ging an irgendeine neunzehnjährige Suffragette!
Seine Finger schlossen sich um den Briefumschlag, und seine Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. Um seine körperliche Unzulänglichkeit auszugleichen, hatte er sich schon vor langer Zeit einen seelischen Panzer zugelegt. Er hatte gelernt, Niederlagen wie der Gentleman, der zu werden er anstrebte, hinzunehmen: Jeden körperlichen oder emotionalen Hieb, den sein Vormund, seine Schulkameraden oder das Schicksal ihm versetzte, parierte er mit eiserner Würde und beißendem Spott. Dies hatte ihm zumindest den Respekt seiner Mitschüler eingebracht.
Tatsächlich hatte er die Lehrer oft gebeten, Horatio nicht mitzuteilen, wenn es mit seiner Gesundheit wieder einmal nicht zum Besten stand. Er hatte nur allzugut gewußt, welchen Abscheu sein Vormund empfinden würde. Doch wie er Horatios Brief entnehmen konnte, waren seine Wünsche nicht immer erfüllt worden.
Alles, was er je besessen hatte, waren ein scharfer Verstand, sein Status als Gentleman und das Versprechen auf ein Haus gewesen. Und nun war sein Erbe also »zeitlich aufgeschoben«, sein Haus ging an diese ... diese Lillian Bede!
Er kannte den Namen der Frau; er hatte einmal ein Bild von ihr in irgendeiner Zeitung gesehen. Ein großes Mädchen mit schwarzbraunen Haaren und dem Aussehen einer Zigeunerin. Der Liebling der Suffragetten!
Wie hatte dieses kleine Biest sich bei Horatio einschmeicheln können? Und wieso hatte sie eine so verrückte Herausforderung angenommen? Zweifellos stimmte es, was Horatio geschrieben hatte: Kein Mädchen konnte Mill House über fünf Jahre hinweg verwalten. Jedenfalls nicht erfolgreich.
Fünf Jahre! Avery ließ seinen Kopf gegen die Rückenlehne des Drehstuhls sinken und stieß sich mit dem Fuß ab. Der Stuhl schwang langsam herum, während Avery versuchte, sich zu beruhigen. Doch es nützte nichts; in seinem Inneren brodelte der Zorn. Fünf verdammte Jahre! Er hatte es satt! Mit peinlicher Sorgfalt zerriß er den Brief in kleine Fetzen. Der Stolz war ein kostspieliges Gut, aber in diesem Fall war er das einzige Gut, das er besaß. Er öffnete die schmale Hand, sah zu, wie die Papierfetzen auf den Boden rieselten, und wußte, was er zu tun hatte.
Die dunkle Walnußtür zum Heiligtum der Rechtsanwälte Gilchrist und Goode krachte laut gegen die Wand, als Lily Bede hinausgestürmt kam. Der Schweiß, der ihre Handfläche bedeckte, wurde von dem dicken Umschlag in ihrer Hand aufgesogen.
Sie blickte sich um. Niemand folgte ihr, weder die reizende Witwe, noch der dürre kleine Junge, noch die gutaussehende Tochter mittleren Alters. Wahrscheinlich saßen sie noch immer mit offenen Mündern um den Tisch der Anwälte herum. Nur eine einzige Person, die von den Bedingungen in Horatio Algernon Thornes Testament betroffen war, hatte gefehlt: Avery Thorne, der vermeintliche Erbe von Mill House und – sofern sie diesen bizarren letzten Willen akzeptierte – ihr ... Schutzbefohlener?
Bei dem Gedanken begannen Lilys Knie zu zittern.
Sie entdeckte eine kleine Bank neben dem offenen Fenster und ließ sich dankbar auf die harte Oberfläche sinken. Heute morgen noch hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die Miete für ihr schäbiges kleines Dachzimmer aufbringen sollte. Heute nachmittag bot man ihr ein Herrenhaus an!
Und etwas, das mit einer Vormundschaft für einen erwachsenen Mann vergleichbar war.
Das Schwindelgefühl kehrte zurück. Wer hätte so etwas ahnen können? Sie hatte Horatio Thorne nur ein einziges Mal getroffen; es war vor drei Jahren nach dem frühzeitigen Tod ihrer Eltern gewesen. Der dünnlippige, finster dreinschauende Mann war, so hatte er ihr gesagt, aus Respekt vor seiner geliebten, verschiedenen Frau – Lilys Tante – gekommen, um Lily finanzielle Hilfe anzubieten.
Mittellos, wie sie damals gewesen war, hatte Lily ihren Stolz hinuntergeschluckt und sein Geld dazu genutzt, um auf eines der neuen Frauencolleges zu gehen. Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte, hatte sie feststellen müssen, daß eine höhere Ausbildung nicht zwingend in eine bessere Anstellung mündete. Tatsächlich hatte sie überhaupt keine Anstellung gefunden. Als sie die überraschende Aufforderung erhalten hatte, zur Verlesung von Horatios Testament zu erscheinen, war sie beschämend erleichtert gewesen.
Sie hatte auf eine kleine Hinterlassenschaft gehofft. Stattdessen hatte man ihr eine unglaubliche Herausforderung geboten. Sie betrachtete den Umschlag in ihren Händen. Warum? Sie riß ihn auf und zog einige Blätter heraus.
1. März 1887
Miss Bede,
wie Sie wissen, war ich mit dem Schwager meiner Frau, Ihrem Vater, nicht einverstanden. Er hätte die Beziehung zu Ihrer Mutter durch eine Ehe legal machen und Sie auf diese Art legitimieren müssen. Aus Respekt vor meiner lieben Frau versuche ich, wenigstens einen Teil dieses Unrechts wieder gutzumachen, indem ich Sie finanziell unterstütze.
Nun stellen Sie sich mein Entsetzen und meine Enttäuschung vor, als ich Ihren Namen in der Zeitung las! In dem Artikel über diese sogenannte Frauenbewegung wurden Sie zitiert, wie Sie sich über die »legale Sklaverei, die Ehe genannt wird« ausließen.
In Anbetracht der Situation, in der Sie sich befinden, hätte ich gedacht, daß ausgerechnet Sie die heilige Institution, die Frauen Schutz bietet, unterstützen würden. Und was Ihre Behauptung angeht, daß Frauen in der Lage seien, alles zu tun, was auch ein Mann könne – nur besser! –, so kann ich nur sagen: Dummes Geschwätz! Leider weiß ich nur allzugut, wie sinnlos es ist, jungen, starrköpfigen Menschen etwas beibringen zu wollen. Daher biete ich Ihnen stattdessen an, Ihre Lektion durch eigene Erfahrung zu lernen.
Ich gebe Ihnen die Chance, Ihre kühne Behauptung zu beweisen, indem Sie Mill House zu einem gewinnbringenden Unternehmen machen. Wenn Sie nach Ablauf von fünf Jahren einen Erfolg zu verzeichnen haben, werden Sie das Anwesen und alles, was dazugehört, erben. Damit hätten Sie erreicht, was Sie wollten, und könnten ein Leben führen, das von jeglichem männlichen Einfluß vollkommen frei wäre. Sollten Sie jedoch scheitern, geht das Haus an meinen Neffen, Avery Thorne.
Avery Thorne ist momentan genauso ungeeignet, das Anwesen zu verwalten, wie Sie, wenn er auch – so sollte es zumindest sein – die männlichen Qualitäten besitzt, die dazu notwendig sind. Unglücklicherweise hat er diese Qualitäten noch nicht demonstriert, weswegen dieses Angebot an Sie zustande kommen konnte.
Avery fehlt Selbstdisziplin und Bescheidenheit. Indem ich Sie für seinen finanziellen Unterhalt verantwortlich mache, hoffe ich, beide Charaktereigenschaften hervorbringen zu können.
Sollten Sie nun bereits einsehen, daß Sie im Unrecht sind, können Sie selbstverständlich ohne weiteres zurücktreten. Avery wird Mill House erben, während ich Sie mit einer stattlichen jährlichen Summe unterstütze, sobald Sie öffentlich zugestanden haben, daß der Platz einer Frau im Haus in der Obhut eines Mannes ist. Sollte Ihr Name jedoch jemals wieder mit diesen Suffragetten-Weibsbildern in Verbindung gebracht werden, werden Sie augenblicklich enterbt.
Hochachtungsvoll
Horatio Algernon Thorne
Lily knüllte den Brief zu einer kleinen Kugel zusammen, was ihr eine gewisse Befriedigung verschaffte. Dieser selbstgerechte, aufgeblasene ...! Ihre Lippen preßten sich zu einer dünnen Linie zusammen, Blut stieg ihr in die Wangen. Wie konnte er es wagen, über ihre Familie zu urteilen? Mochte sie auch ein Bastard sein, so hatten ihre Eltern sie wenigstens vor solch frömmelnden Snobs wie Horatio Thorne beschützt! Und was die Ehe betraf – die Ehe war wahrlich kein Garant für Sicherheit, Geborgenheit oder Glück. Diese Institution garantierte einzig und allein, daß eine Frau ganz legal zur Leibeigenen eines Mannes wurde, dessen Launen und Aggressionen sie ausgeliefert war. Selbst ihr eigener Bruder und ihre Schwester ... sie unterdrückte den schmerzlichen Gedanken und konzentrierte sich wieder auf das Hier und Jetzt.
Sie konnte Horatios Vorschlag natürlich nicht annehmen. Es überraschte sie, daß es dem alten Fuchs gelungen war, ein solches Testament zu legalisieren. Voraussichtlich würde es jemand anfechten. Horatios Tochter? Die verwitwete Schwägerin? Ganz sicher dieser Avery Thorne.
Aber, dachte sie, während sich ihre Eingeweide erneut in Hoffnung und dumpfer Vorahnung zusammenzogen, wenn es nun niemand anfocht ...? Wenn sie tatsächlich als Verwalterin des Anwesens eingesetzt wurde und es erfolgreich führte ...
Der Gedanke war verführerisch. Sie würde sich keine Sorgen mehr zu machen brauchen, wann sie das nächste Mal etwas zu essen haben würde oder ob sie die Miete zahlen könnte. Beinahe noch faszinierender war die Aussicht, Leute kennenlernen zu können, die dieselben Überzeugungen und Ideen hatten wie sie. Vielleicht würde sie sogar einen Mann treffen, der ihr nicht das Herz stehlen und ihr dafür Unterdrückung bieten wollte. Ihr Lächeln schwand. Sie benahm sich wie ein albernes Mädchen. Natürlich würde jemand das Testament anfechten.
Ein Schatten fiel über den Umschlag, den sie noch immer in der Hand hielt. Der Duft von Veilchen drang in ihre Nase. Sie blickte auf.
Horatios Schwiegertochter, Evelyn Thorne, stand schweigend vor ihr im Sonnenlicht, das durch das Fenster hereindrang. Ihre verschränkten Hände bebten. Im hellen Licht wirkte sie leichenblaß, ihr blondes Haar war wie ausgeblichen, so daß Lily unwillkürlich an einen Geist denken mußte.
»Sie möchten doch sicher Ihre Sachen holen«, begann Evelyn mit leiser, stockender Stimme. »Sie können nach dem Fahrer schicken. Das heißt, wenn es Ihnen richtig erscheint!«
Verständnislos starrte Lily die Frau an.
Ein zögerndes Lächeln huschte über Evelyns Gesicht. »Sie kommen doch nach Mill House, nicht wahr?« Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Es wäre eine Verschwendung, zwei Wohnsitze zu unterhalten!«
Lily, die nur Abneigung erwartet hatte, konnte der Freundlichkeit der Frau nicht widerstehen. Ein reuiges Lächeln erschien auf ihren Lippen. »Man kann mein gemietetes Zimmer sicherlich nicht als Wohnsitz bezeichnen, Mrs. Thorne.«
Evelyns Wangen färbten sich rot.
»Verzeihen Sie mir«, sagte Lily und erhob sich. Sie überragte Evelyn um einen ganzen Kopf, und nun, da sie so dicht vor ihr stand, konnte sie ein feines Netz aus Fältchen in den Winkeln der schönen grauen Augen erkennen. Evelyn war offenbar älter, als Lily zuerst angenommen hatte. Sie mußte etwa Mitte Dreißig sein.
Lily stopfte den Brief in ihre Rocktasche. »Ich bin zum Scheitern verurteilt, Mrs. Thorne. Die Bedingungen, die Ihr Schwiegervater gestellt hat, sind unmöglich zu erfüllen. Ich habe keine Ahnung, wie man ein solches Anwesen verwaltet.«
»Ich verstehe«, erwiderte Evelyn. »Ich möchte mir nicht anmaßen, mich einzumischen, aber wenn ich eine Vermutung wagen dürfte, würde ich sagen, daß Mill House nach einem bestehenden System geführt wird.« Sie schluckte.
Lily musterte Evelyn nachdenklich. Sie hatte recht. Es war anzunehmen, daß der Betrieb des Hauses mit Horatios Tod nicht einfach zum Stillstand gekommen war. Wenn sie nur die Zeit hatte, herauszufinden, wie dort die Dinge liefen ...
»Aber was ist mit Mr. Thornes Tochter? Sie sieht aus wie eine überaus fähige Frau. Muß sie sich nicht dagegen sträuben, wenn eine Fremde in ihr Haus kommt und die Leitung übernimmt? Insbesondere, wenn es sich um eine so unerfahrene Fremde handelt, wie ich es bin?«
»Francesca?« Evelyns Augen weiteten sich. »Sie hat das Haus immer nur als eine vorübergehende Unterkunft betrachtet! Ich kann Ihnen versichern, daß es Francesca nicht kümmert, wer in diesem Haus wohnt oder das Land verwaltet. Im Übrigen hat Horatio ihr, wie auch mir und meinem Sohn, großzügige Mittel hinterlassen.«
»Nun, dann bleibt auf jeden Fall noch Mr. Avery Thorne«, fügte Lily hinzu. »Mill House hätte sein Eigentum sein sollen. Er wird zweifellos das Testament anfechten. Er braucht doch nur vor Gericht zu gehen und sein Recht einzuklagen. Ganz zu schweigen davon, daß man ihn als Mann ohnehin für fähiger halten wird. Er ...«
»Er ist nach Afrika abgereist, Miss Bede«, unterbrach Evelyn sie sanft. »Letzten Freitag.«
»Was?«
»Wir haben einen Brief von ihm erhalten. Er will die nächsten fünf Jahre mit Reisen verbringen.«
»Reisen«, wiederholte Lily lahm.
»Ja. Er ... er schrieb, wie, ähm ... enttäuscht er von dem Testament sei und daß er davon ausginge, daß er nach seiner Rückkehr Mill House für sich beanspruchen könne.« Evelyn streckte ihre Hand aus. »Er wird das Testament auf keinen Fall anfechten. Nun denn, denken Sie nicht, daß Sie zu Hause angenehmer wohnen werden, bis wir wissen, was er vorhat?«
»Zu Hause?« Lily konnte nicht glauben, daß Avery Thorne seinen Anspruch auf Mill House kampflos aufgegeben hatte. Aber vielleicht bedeutete ihm das Haus nichts. Vielleicht brauchte er es nicht so verzweifelt wie sie.
Evelyn errötete wieder, und ihre Lider flatterten. »Ich ... wir werden die Örtlichkeit natürlich räumen. Sobald Sie es wünschen.«
»Nein!« Lily war schockiert. »Bitte. Selbst wenn ich mich dazu entschließen sollte, die Bedingungen des Testaments anzunehmen, könnte ich niemals verlangen, daß Sie ausziehen!«
»Oh, wir können uns im Stadthaus niederlassen. Es ist sehr ... sehr schön. Und ziemlich prächtig.«
»Aber doch nicht Ihr Zuhause!«
»Nun, ich könnte niemals mehr in Ruhe in Mill House leben, wenn ich wüßte, daß Sie es deswegen nicht annehmen!« Evelyns glatte Stirn zog sich in Falten, in ihrer Stimme lag ein Hauch von Eigensinn. »Ich nehme an ...« Sie warf Lily einen beinahe angstvollen Blick zu. »Ich meine, falls wir uns an den Kosten beteiligen, könnten wir ja vielleicht ...«
»Ja?« hakte Lily nach.
»Könnten wir ja vielleicht alle dort wohnen?«
Lily starrte sie an.
»Zu Hause«, präzisierte Evelyn.
Zu Hause.
Der Ausdruck weckte eine heftige Sehnsucht in Lily. Sie hatte noch nie ein Heim gehabt. Bisher hatte sie in gemieteten Wohnungen oder Hütten gelebt.
Welche Möglichkeiten hatte sie? Wenn sie sich zu einem Thema, zu dem sie eine ausgesprochen unpopuläre Meinung hatte, bedeckt hielt, konnte sie viele Jahre lang sorglos leben. Oder sie konnte eine einmalige Chance ergreifen!
»Ja«, erwiderte sie leise. »Ich denke, das ist möglich. Aber zuerst muß ich ein paar Angelegenheiten regeln! Ich werde Ende der Woche in Mill House eintreffen.«
Sie hätte es ohnehin niemals geschafft, nichts mehr zum Thema Sklaverei in der Ehe zu sagen.
DEVON, ENGLAND,
SEPTEMBER 1887
»Wir sind fastda, Miss Bede«, sagte der Fahrer mit einem Augenzwinkern, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Pferd zuwandte.
Lily befahl sich, nicht mit offenem Mund zu staunen. Schließlich hatte sie schon zuvor Herrenhäuser gesehen. Eine ganze Reihe von Bekannten ihres Vaters besaßen stattliche Anwesen. Doch dann mußte sie lächeln. Natürlich hatte sie noch nie ein Anwesen gesehen, daß eines Tages ihr gehören könnte.
Der Einspänner bog aus der Zypressenallee in die Auffahrt, und sie vergaß ihre guten Vorsätze. Mit offenem Mund starrte sie das Gebäude an.
Mill House war wunderschön. Nur hundert Jahre alt, war es aus hiesigem braunem Stein erbaut worden. Die handgehauenen Blöcke leuchteten im warmen Morgenlicht wie Kleehonig. Der schlichte, über eine Treppe zu erreichende Eingang war von hohen Fenstern flankiert, deren makellos schimmernde Scheiben den blauen Himmel widerspiegelten.
Ganz im bäuerlichen Stil der Gegend gehalten, war das Gebäude weder von einem Garten noch von Bäumen umgeben. Nur eine einzige, alte Zypresse ragte an einer Hausecke auf. Durch eine grüne Grasfläche, die mit Wiesenfrauenmantel und Schlüsselblumen gesprenkelt war, floß ein kleiner plätschernder Bach, dessen steile Ufer moosbedeckt waren. Lily entdeckte einen Arbeiter, der ein Feld pflügte. Sie schloß die Augen und sog tief die Luft ein. Der satte Duft frisch umgegrabener Erde durchzog die Luft. Wundervoll.
Der Kutscher brachte den Wagen zum Stehen, sprang von seinem Sitz und kam zu ihr, um ihr aus der Kutsche zu helfen. Wie aufs Stichwort öffnete sich die Eingangstür, und ein ernst dreinblickender Mann mittleren Alters erschien. Sein Gesicht wirkte bäuerlich, sein graues Haar war ein drahtiges Dickicht.
In der dämmrigen Halle hinter ihm hatte sich eine scheinbar endlose Reihe von Leuten versammelt: junge, alte, in der Mehrzahl Frauen, einige junge Burschen, manche mit Schürzen, andere in grobe Stoffe gekleidet: Dienstboten.
Ihre Eltern hatten nie mehr als ein Dienstmädchen gehabt, das nur stundenweise kam.
Lily stieg die Außentreppe hinauf, und der ältere Mann hastete ihr entgegen. »Erlauben Sie mir, mich vorzustellen, Miss Bede. Ich bin Jacob Flowers.«
»Und welche Position bekleiden Sie, Mr. Flowers?«, »Ich bin der Butler. Ich überwache das Hauspersonal, Miss«, erwiderte er. Er deutete mit der Hand auf die Reihe von Dienern. »Dieses Personal, um genau zu sein. Darf ich sie Ihnen vorstellen?«
Lily, die sich der zahlreichen Augenpaare, die sie fixierten, nur allzu bewußt war, konnte nur nicken. Mr. Flowers bedeutete ihr, voranzugehen. Namen hagelten auf Lily herab, während sie an den Dienern vorbeigingen, die hastig knicksten oder sich verbeugten. Lily wurde unwillkürlich an die Blechfigürchen in einer Schießbude erinnert, die von Schrotkugeln getroffen nach hinten wegklappten.
Als sie bei der letzten Küchenmagd – einem jungen Mädchen mit Apfelbäckchen und einer verdächtig strammsitzenden Schürze – angekommen waren, war Lily schwindelig.
»Wie viele?« fragte sie.
»Neunundzwanzig, Miss Bede«, verkündete Mr. Flowers stolz. »Wobei das Außenpersonal noch nicht mitgezählt ist. Allerdings« – sein mißbilligender Blick fiel auf das schwangere Mädchen –, »werden wir bald nur noch achtundzwanzig sein.«
»So viele Leute kümmern sich um ein einziges Haus?« fragte sie. »Was machen sie denn alle?« Rauhe Hände, der Geruch von Lauge und schwarze Flecken von Holzkohle beantworteten teilweise ihre Frage, aber Lily konnte sich nicht vorstellen, wozu die sechs großen, makellos gekleideten, jungen Männer mit den weißen Handschuhen da waren. »Was haben denn sie zu tun?«
»Sie tragen Silbertabletts und holen Pakete aus der Stadt.« Auf Lilys überraschten Blick fügte er hinzu: »Sie bedienen bei Dinnerpartys, halten die Kutschpferde und senken den Kerzenleuchter in der Eingangshalle. Natürlich ziehen sie ihn auch hinauf!«
»Natürlich«, murmelte Lily. Sie blickte erneut die Reihe entlang. Alle Gesichter waren ihr zugewandt; manche waren verschlossen, manche zeigten Neugierde, manche den ihr vertrauten, furchtlosen Blick, der deutlich besagte: ›Glaub ja nicht, daß du etwas Besseres bist, Zigeunermädchen!‹
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Panisch suchte sie in ihrem Kopf nach etwas, was sie sagen konnte.
»In den nächsten Wochen«, begann sie schließlich mit zitternder Stimme, »werden sich einige Dinge in Mill House ändern. Diejenigen, deren Aufgaben ich für überflüssig halte, werden entlassen. Selbstverständlich mit besten Empfehlungsschreiben!«
»Was meinen Sie mit ›überflüssig‹?« erklang eine Stimme.
»Ich meine die Angestellten, deren Fähigkeiten im schlichten Alltag dieses Anwesens nicht benötigt werden.«
»Keine Angst, Peg. Für ein Talent, wie du es hast, wird immer jemand Bedarf haben«, rief eine männliche Stimme, der Gelächter folgte.
Lily sah den jungen Mann ruhig an. »Du gehst.«
»Was? Aber Sie können doch nicht –«
»Ich kann. Du stehst nicht mehr in meinen Diensten.«
Eine lange Minute starrten er und sie einander wortlos an. Sie dankte Gott dafür, daß ihre Röcke ihre zittrigen Knie verbargen. Schließlich stieß der Bursche einen erstickten Fluch aus, trat aus der Reihe und stampfte aus der noch immer offenen Tür hinaus. Der Rest der Dienstboten starrte ihm ungläubig hinterher.
»Von nun an wird in diesem Haus, in meinem Haus, die Arbeit einer jeden Frau sehr ernst genommen. Und jede Magd bekommt die gleiche Wertschätzung wie die Höhergestellten.«
»Na, na, wir wollen es ja nicht gleich übertreiben«, brummelte die kleine, weißhaarige Köchin, die den passenden Namen Mrs. Kettle – Kessel – trug.
»Ich will, daß Mill House Gewinn erwirtschaftet – und das nicht nur um meinetwillen, sondern auch im Namen jeder anderen Frau. Denn wenn eine Frau wie ich, die weder Stand, noch Namen, noch Adel besitzt, nur durch ihre eigenen Talente und harte Arbeit ein Anwesen von dieser Größe bekommen kann, dann könnt ihr ähnlich viel erreichen.
Ich sage es euch direkt – ich brauche eure Hilfe! Ich kann es nicht allein schaffen. Aber wenn einer von euch sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlt oder mir nicht seine uneingeschränkte Loyalität zusichern kann, dann ist hier kein Platz für ihn.«
»Ich stehe auf Ihrer Seite, Miss«, sagte das schwangere Mädchen mit bebender Stimme.
»Fein!« erwiderte Lily. »Ihr anderen, denkt über das, was ich gesagt habe, nach. Überlegt, wie eure Zukunft aussehen soll, und am Ende der Woche schauen wir weiter. Ihr könnt jetzt gehen.«
Die Reihe löste sich augenblicklich auf. Die Diener huschten auseinander, verschwanden in Fluren, hinter Zimmertüren und gingen Treppen hinauf, bis Lily mit Mr. Flowers allein war.
»Ich mißbillige das«, sagte er mit finster zusammengezogenen Brauen. »Ich muß Ihnen wirklich sagen, daß ich dieses kommunistische Vorgehen in meinem Haushalt nicht gutheißen kann!«
Lily begegnete seinem Blick, ohne zu blinzeln, und atmete tief ein. »Das ist nicht Ihr Haushalt, Mr. Flowers, sondern meiner. Aber da Sie meine Person und mein ... Vorgehen nicht mögen, sind Sie doch sicher nur allzu froh, wenn Sie hören, daß ich keinen Butler brauche.«
»Bitte?«
»Sie sind entlassen, Mr. Flowers.«
Einen Moment lang glaubte sie, daß er widersprechen würde, doch er wandte sich nur um und stürmte davon. Lily schloß die Augen, als ihre Knie vor Erleichterung nachzugeben drohten. Sie war selbst überrascht von ihrem unverfrorenen Auftreten.
»Meine Stimme haben Sie«, ertönte eine kehlige, weibliche Stimme ganz in ihrer Nähe. »Wenn ich denn wählen dürfte.«
Das Blut schoß ihr in die Wangen. Sie öffnete die Augen, um Horatios Tochter, die ältliche Jungfer Francesca, neben sich zu entdecken.
Allerdings gab es wohl niemanden, der weniger nach einer ältlichen Jungfer aussah. Ihr aschblondes Haar lockte sich über den blassen Augen mit den schweren Lidern und reichte bis an die Winkel ihres Mundes, dessen Lippen so gleichmäßig rosig waren, daß sie nicht natürlich sein konnten. Auch ihre Kleidung entsprach nicht dem Stand der Jungfer: Ihr pfauenblauer Taftrock raschelte sinnlich, als sie näher an Lily herantrat.
»Ich bin Francesca Thorne«, sagte sie. »Es ist schade, daß Evie nicht hier ist, um Sie zu begrüßen, aber sie ist gestern nach Eton gerufen worden. Bernard geht es nicht gut – seine Lungen, mal wieder. Allerdings besteht kein Grund zur Sorge, denn solange er sich ruhig verhält, wird er bald wieder genesen sein. Falls Sie es noch nicht bemerkt haben – Evie hat eine ausgesprochen beruhigende Wirkung auf andere.«
Lily nickte.
»Sie bat mich. Sie anständig zu begrüßen«, fuhr Francesca fort. »Ich begrüße Sie, Miss Bede.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.
»Miss Thorne, es tut mir leid, wenn ich mit der Tür ins Haus gefallen bin –«
»Nennen Sie mich Francesca«, unterbrach sie die Frau. »Ich muß zugeben, daß ich entschlossen war, nach Paris abzureisen, aber nach dieser Vorstellung ...« Wieder lächelte sie. »Nun, ich denke, ich bleibe lieber noch ein bißchen. Sie haben doch nichts dagegen?«
»Selbstverständlich nicht.« Lily musterte verstohlen Francescas modische Frisur und ihr teures Kleid.
»Machen Sie sich über mich und meinen kleinen Dienstbotenstab keine Gedanken«, sagte Francesca, der Lilys Blick nicht entgangen war. »Vater hat immer gern geglaubt, daß ich ganz von ihm und seinem Geld abhänge, doch er hat sich getäuscht.« Sie zuckte die Achseln. »Mit Evelyn ist das allerdings eine andere Geschichte. Nachdem ihr Mann gestorben ist, hat sie ihre Sachen gepackt, Bernard genommen und alle Zelte abgebrochen. Seitdem lebt sie hier. Natürlich können Sie sie jederzeit vor die Tür setzen.«
Ehrlich schockiert fuhr Lily zurück. »Aber nein! Das würde ich niemals tun!«
»So? Wieso nicht?« fragte Francesca. »Männer tun das schließlich ständig.«
»Was nur ein weiteres Argument dafür ist, daß es Frauen ohne Männer bessergeht!«
»Gnade, o Herr, sie war es, die es gesagt hat!« Francesca preßte die Hände an die Brust und verdrehte die Augen zum Himmel. »Möge ich von himmlischer Rache verschont werden! Kommen Sie, Miss Bede. Ich habe mir Tee in mein Zimmer oben bringen lassen. Hier entlang, bitte.«
Lily folgte Francesca, während ihr aufmerksamer Blick das wunderschöne Beiwerk, das das Haus schmückte, in sich aufnahm: hier ein Orientteppich, dort ein Malachittischchen mit Intarsien, eine kostbare Sèvres-Vase voller bronzefarbener Chrysanthemen. Trotz Francescas spöttischen Bemerkungen ließen sich die Dinge besser an, als Lily erwartet hatte. Nun hatte sie mittlerweile beinahe jeden kennengelernt, der von Horatio Thornes Testament betroffen war, und niemand schien Ärger machen zu wollen. Niemand, außer –
»Außer Avery Thorne«, murmelte sie. Sie hatte in den vergangenen Tagen sehr viel über den möglichen Erben von Mill House nachgedacht. Die Gedanken hatten ihr Unbehagen bereitet, weil sich stets ihr schlechtes Gewissen meldete. Und Schuldgefühle mündeten leicht in dumpfe Vorahnungen, wie sie festgestellt hatte. »Er hat irgendetwas vor. Ich weiß es.«
»Bitte? Ich habe Sie nicht verstanden, Miss Bede«, sagte Francesca.
»Ich glaube, daß Avery Thorne irgendetwas unternehmen wird, um mir meinen Anspruch auf Mill House streitig zu machen.« Sie verfluchte ihre Angewohnheit, ihre Gedanken laut auszusprechen.
Francesca schien allerdings keinen Anstoß daran zu nehmen.
»Und wie kommen Sie darauf?«
Lily überlegte, ob sie Ausflüchte machen sollte, verwarf diese Idee aber wieder. Diese Frau konnte ihr vielleicht helfen, Avery Thorne zu begreifen. »Sein Bedürfnis, nicht einfach die Welt zu sehen, sondern gleich den unzugänglichsten Teil davon«, erklärte sie. »Ich glaube, daß er mich dazu bringen will, Mill House zu verlieren, indem er sich außerhalb meiner Reichweite aufhält.« Francesca sah sie überrascht an. »Wie das?«
»Indem er es so aussehen läßt, als ob ich in meiner Aufgabe als sein Vormund versage, da ich es ja offensichtlich nicht schaffe, ihm während der nächsten fünf Jahre einen angemessenen Lebensstandard zu bieten. Indem er es mir unmöglich macht, ihm die Rente, die ich laut Testament an ihn zu zahlen habe, auszuhändigen.« Lily faltete die Hände vor dem Körper und lächelte grimmig. »Aber er wird damit nichts erreichen. Meine Eltern hatten überall auf der Welt Freunde. Ich kann Ihnen versichern, daß Avery Thorne sein Geld bekommt, sofern er sich auch nur einen Tagesmarsch entfernt von einem dieser Leute aufhält.«
»Ich glaube, Sie irren sich.« Francesca klang aufrichtig. »Avery ist nicht der Typ, der Ränke schmiedet.«
Sie seufzte wehmütig. »Er würde niemals etwas Hinterhältiges tun. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hält Avery an der Meinung fest, daß er der Inbegriff des Gentlemans ist. Er ist es nicht, denn er hat so gut wie gar keine gesellschaftliche Erfahrung, und das merkt man, manchmal sogar in recht traurigem Maße. Im Grunde genommen hat sein Verständnis vom Wesen eines Gentlemans mit Ehre, nicht mit Etikette zu tun – obwohl er wohl der erste wäre, der das heftig bestreiten würde.«
»Er ist ein Mann, Miss Thorne, und als solcher«, belehrte Lily Francesca, »ist er in der Lage, alles zu tun, was der Erreichung seiner Ziele dient!«
Lily sah zufrieden, daß Francesca beschwichtigend die Hände hochhielt. Natürlich – solch unbestreitbarer Logik konnte schließlich niemand widersprechen.
Dann fiel ihr etwas ein. »Verzeihen Sie, Miss Thorne, daß ich so unsensibel mit der Tatsache umgehe, daß ich hier in Ihr Haus eingedrungen bin. Es muß Ihnen ja so vorkommen, als wäre es der Preis in einem Wettstreit, und ich muß sagen, Sie bewahren wirklich bewundernswerte Würde.«
Francesca fuhr herum. »Oje, aber gar nicht. Es ist und war auch nie mein Zuhause. Auch nicht wirklich Evies. Wie ich schon sagte, ist sie erst hier eingezogen, nachdem ihr Mann gestorben ist.«
»Das tut mir leid.«
»Damit sind Sie die einzige.« Francesca hakte sich bei Lily unter und führte sie die geschwungene Treppe hinauf. »Mein lieber Bruder hat jahrelang versucht, der armen Evie ein Kind zu machen – ein männliches Kind, versteht sich. Als er hörte, daß er es geschafft hatte, trank der gute Gerald sich auf der Stelle einen Vollrausch an, befahl, seinen Hengst zu satteln – ein Mann, der einen Sohn gezeugt hat, kann ja schließlich keinen Wallach reiten, nicht wahr? – und stob davon, um der ganzen Nachbarschaft Bescheid zu sagen. Er brach sich das Genick und war tot, bevor das erste Geschrei seines Sohnes verstummt war.«
»Aber das ist ja furchtbar!« rief Lily.
»Gerald war ein unerträgliches Ungeheuer. Evie erholt sich noch immer von den Nachwirkungen der Ehe mit ihm. Besser, Sie hören es von mir als von den Dienern. Oje – jetzt habe ich Sie schockiert, richtig?«
»Nicht wirklich, nein«, antwortete Lily.
Sie hatte diese Geschichte so oder so ähnlich schon dutzendmal gehört. Kaum eine Frau ließ sich scheiden, weil ihr Gewalt angetan worden war. Beweisen ließ es sich höchstens, wenn sie sichtbar entstellt worden war. Und die wenigsten Frauen wollten ihren Mann verlassen, da es meistens bedeutete, auch die Kinder verlassen zu müssen. So wie ihre Mutter ihre Kinder verlassen hatte.
Lily hob trotzig das Kinn. Es war lange her, daß sie an ihre Halbgeschwister gedacht hatte.
Francesca musterte sie neugierig, doch Lily ließ sich nicht zu einer Äußerung hinreißen. Inzwischen waren sie oben angekommen und standen auf dem Treppenabsatz, von dem Korridore in alle Richtungen abzugehen schienen.
»Hier beginnt der große Rundgang«, sagte Francesca und verfiel plötzlich in einen aufgesetzten Akzent. »Mill House besitzt zweiundzwanzig Zimmer. Oder auch mehr. Oder vielleicht auch weniger, ich habe sie nämlich nie gezählt. Ganz sicher weiß ich allerdings, daß es acht Schlafzimmer gibt. Ich habe in jedem irgendwann einmal geschlafen.« Ihr Blick war absichtlich anzüglich.
Lily erwiderte den Blick mit einer gewissen Gleichmut. Trotz der gewissenhaften Versuche ihrer Mutter, sie behütet aufwachsen zu lassen, war sie doch in einer recht lockeren Gesellschaft groß geworden. Francesca würde sich mehr Mühe geben müssen, wenn sie sie schockieren wollte. »Dann können Sie mir ja vielleicht sagen, welches die bequemste Matratze hat.«
Francescas überraschte Miene löste sich in lautem Gelächter auf. »Ja. Ich werde definitiv noch eine Weile bleiben.«
Die ältere Frau führte sie durch einen Bogendurchgang in eine kleine Galerie. Den Fenstern gegenüber hingen eine Reihe Porträts, deren abgebildete Personen sich alle durch unwahrscheinlich blaugrüne Augen und sinnliche Lippen auszeichneten.
Sie hielten vor einem nicht besonders alten Ölgemälde an, das einen Jugendlichen mit einer Figur wie eine Vogelscheuche zeigte. Er hatte die Thorne-Augen und die Thorne-Lippen und eine große Nase, die aussah, als wäre sie einmal gebrochen gewesen. Der Maler hatte ihn in einer klassischen aristokratischen Pose dargestellt: Die große, knochige Hand ruhte auf der Hüfte, ein Bein war vorgestellt. Sehr unvorteilhaft, wie Lily fand, denn diese Haltung betonte nur, wie mager seine Waden und wie knorrig die Handgelenke aussahen.
»Wer ist das?« fragte Lily.
»Das ist der einzige Thorne, dem wirklich etwas an Mill House liegt. Das ist Avery Thorne.«
Dieser dürre Junge mit der riesigen Nase war Avery Thorne? Das war der zweite Anwärter auf Mill House?
»Das Bild ist vor fünf Jahren gemalt worden«, fuhr Francesca fort. »Damals war er siebzehn. Ich habe ihn seit einigen Jahren nicht gesehen, aber ich habe gehört, daß er etwas Fleisch angesetzt hat.«
»Aha. Ist er ... ist er klug? Ich meine, er wirkt irgendwie so ... so störrisch –« Lily brach abrupt ab und wurde puterrot.
»Na, hören Sie mal.« Francesca kicherte. »Wir reden hier über meinen lieben Cousin. Aber um Ihre Frage zu beantworten, ja, sofern man das aus der unregelmäßigen Korrespondenz, die er mit meinem Vater geführt hat, schließen kann, dann ist er klug. Ziemlich sogar.« Lily betrachtete das Porträt aufmerksam. Die offenbar einmal gebrochene Nase schien in der falschen Position zusammengewachsen zu sein. Seine Augen lagen zu tief, und sein Mund wirkte ... höhnisch.
Plötzlich erkannte sie, daß ihr Urteil über Avery Thorne deswegen so ausgesprochen negativ ausfiel, weil sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollte. Immerhin versuchte sie, ihm sein Erbe streitig zu machen! Andererseits – wozu sollte sie ein schlechtes Gewissen haben? Er war ein Mann, und als solcher hatte er unzählige Möglichkeiten, seine Zukunft zu sichern. Sie hatte nur eine. Und das war diese.
KONGO IN FRANZÖSISCH-
ÄQUATORIAL-AFRIKA,
MÄRZ 1888
Avery beschleunigte seinen Schritt, während er nach den Moskitos schlug, die seinen Nacken malträtierten. So weit im Inneren des Landes hatten diese verdammten Insekten die Größe von Singvögeln! Er zog den dicken Stumpen zwischen die Zähne und stieß eine bläuliche Rauchwolke aus. Vielleicht würde das ja einige der weniger entschlossenen Blutsauger verscheuchen. Als er das Lager betrat, schaute sein ehemaliger Schulkamerad, Karl Dhurmann, von dem übelriechenden Eintopf, in dem er rührte, auf. John Neigl, der amerikanische Anführer der Expedition, saß an den Stamm eines Mahagonibaums gelehnt. Trotz der Hitze war er in dicke Decken eingewickelt; sein Körper zitterte, und seine Augen waren halb geschlossen.
Vor sechs Wochen hatte ihn die Malaria erwischt. Sein eingefallenes Gesicht hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem des kräftigen, jungen Mannes, der die Expedition anfangs geleitet hatte. Zum Glück waren sie nur noch zehn Meilen von Stanleyville entfernt, wo Avery für John eine Passage zurück nach Europa gebucht hatte. »Wie steht es, Alter?« fragte Avery.
»Großartig, wirklich«, preßte John zwischen seinen klappernden Zähnen hervor. »Hast du alles geregelt? Fahre ich nach Hause?«
»Ja«, antwortete Avery. »Du fährst nach Hause.« Als er sah, wie die Anspannung aus Johns ausgezehrtem Gesicht wich, fragte Avery sich unwillkürlich, wohin man ihn verfrachtet hätte, wenn er an dem Fieber erkrankt wäre; schließlich gab es für ihn kein Zuhause, keinen Hafen, in den er rechtmäßig einlaufen konnte und willkommen geheißen werden würde.
Noch nicht.
»Aber das sind noch nicht alle Neuigkeiten«, fuhr er fort, während er ein Päckchen aus der Tasche zog. »Ich habe etwas aus England bekommen.«
»Vom wem ist das denn?« fragte John, und Avery bemerkte erfreut, daß ein Funken Interesse in Johns stumpfen Augen aufflackerte.
Als Antwort riß Avery die Verpackung auf. Ein Umschlag, auf dem mit energischer Handschrift sein Name geschrieben war, fiel heraus. Auf der Rückseite stand »Lillian Bede, Mill House, Devon, England«.
»Es ist von dieser Frau.«
»Welcher Frau?« mischte Karl sich neugierig ein. »Du kennst doch gar keine Frauen. Du bist kein Frauentyp – warst es nie! Es sei denn, du hast immer schon ein Doppelleben geführt. Einerseits der kränkelnde, streitsüchtige Schüler, andererseits ein echter weltmännischer Ladykiller.«
»Würd’ mich nicht überraschen«, murmelte John. »Unser Avery hat etwas von einem menschlichen Chamäleon.« Sein verschwitztes Gesicht glänzte im Licht der Lampe.
»Diese gottverdammte Reise scheint ihm überhaupt nichts auszumachen. Mir widerstrebt es ja, euch beide daran zu erinnern, aber ich bin eigentlich der kraftstrotzende, rauhbeinige Leiter dieser Truppe. Averys Rolle war die des schwindsüchtigen, klug-zynischen Chronisten unseres Unternehmens.«
Avery zuckte voller Unbehagen die Schultern. Die Wahrheit schmeckte bittersüß. Er hätte niemals gedacht, daß er sich auf ein so gefährliches Unternehmen einlassen würde. Ganz gewiß hätte er sich nicht träumen lassen, daß er dabei aufblühte!
»Ich bin sicher, daß die Dinge in die richtige Ordnung geraten, sobald du wieder auf den Füßen bist, John.« Da er es vorzog, das Thema zu wechseln, hielt er den Brief hoch. »Ich möchte bloß wissen, wie, zum Teufel, es ihr gelungen ist, mir diesen Brief zukommen zu lassen!«
»Frauen haben ihre Tricks«, sagte Karl düster. Er schabte den Rest des Fleisches aus der Dose, ließ es in den geschwärzten Topf plumpsen und leckte dann die Klinge seines Messers ab.
»Bringt man euch da, wo du herkommst, nicht wenigstens die grundlegenden Tischmanieren bei?« fragte John pikiert.
Karls einzige Antwort war das Klacken der Taschenuhr, als er den Deckel aufschnappen ließ und ihn anschließend wieder zudrückte. Wie er behauptete, erinnerte diese Uhr ihn daran, daß keine einzige Stunde selbstverständlich, kein Morgen gesichert war. Und daß Name, Familie und Heim – alles, was ein Mann besaß – von einem Moment zum anderen verloren sein konnte.
Ein Bürgerkrieg hatte Karls Land – und seine gesamte adelige Familie – vernichtet.
Als hätte er Averys Gedanken gelesen und sein Mitleid gespürt, sagte Karl, ohne aufzublicken: »Warum liest du diesen verdammten Brief nicht endlich?«
Avery schnitt den Umschlag auf, blies in die Öffnung und drehte den Brief dann um. Achtzehn Zehnpfundnoten flatterten zu Boden. »Was, zum Teufel– ?«
»Vielleicht gibt der Brief Aufschluß«, sagte John drängend. »So ist es«, erwiderte Avery und begann, vorzulesen.
Mr. Thorne, man hat mir versichert, daß jeder, der den Kongo bereist, irgendwann einen Ort namens Stanley- ville erreicht, und daß dieser Brief auf diese Art und Weise in Ihre Hände gelangt.
Vielleicht könnten Sie mich in Zukunft informieren, wohin ich meine Briefe schicken soll. Zweifellos ist Ihnen nicht klar, daß ich die Bedingungen, die an mein Erbe geknüpft sind, nicht erfüllen kann, wenn ich Ihnen nicht regelmäßig Geld überweise, so daß ich dadurch das Haus verlieren könnte.
Wie konnte dieses Biest es wagen, seine Ehrenhaftigkeit in Frage zu stellen? Was war das – wollte sie ihn herausfordern? Augenscheinlich war sie der irrigen Meinung, daß sie dieses unerträgliche Spiel, das Horatio ihnen allen aufgezwungen hatte, gewinnen konnte!
Natürlich bin ich sicher, daß Ihre Unerreichbarkeit nur ein reiner Zufall ist. Selbstverständlich wollen Sie damit nicht versuchen, sich meiner Reichweite zu entziehen.
»Dieses mißtrauische, gemeine ... Weib!« entfuhr es Avery, was ihm einen überraschten Blick von Karl einbrachte. »Hört euch das an ...«
Aber man kann ja nicht vorsichtig genug sein, wenn man es mit Männern zu tun hat!
»... Männer!« Avery zog die Brauen hoch. »Ich bin ein Gentleman! Aber wahrscheinlich hat eine Frau, die wie Miss Bede mit diesen unsäglichen Suffragetten paktiert, kaum eine Chance, mit Gentlemen umzugehen, so daß sie vermutlich gar nicht bemerkt, wenn sie einem begegnet!«
Karl starrte ihn verwirrt an. »So kann man es natürlich auch sehen«, murmelte er.
»Ich möchte gar nicht wissen, was du damit meinst!«
»Gut«, meinte Karl. »Und was diesen Brief betrifft ...« Auffordernd ließ er seine Stimme verebben.
Avery las weiter:
Denn ich werde Ihnen Ihr Geld zukommen lassen. Doch nun zum Geschäftlichen: Ich bin die Rechnungen durchgegangen, die Sie durch Ihre Flucht aus London offengelassen haben.
»Flucht aus London! Dieses unerträgliche Weibsstück legt es so dar, als wäre ich feige davongelaufen!«
Ein pfeifendes Lachen entrang sich Johns Kehle. »Ich schwöre, ich habe mich lange nicht mehr so köstlich amüsiert! Endlich einmal eine Frau, die deinem beißenden Sarkasmus etwas entgegenzusetzen hat!«
Avery ignorierte diese Bemerkung großzügig. Der Mann war ja schließlich krank. Er wendete das Blatt Papier.
Ich bin die Rechnungen durchgegangen, die Sie durch Ihre Flucht aus London offengelassen haben, und habe sie bezahlt. Zweifellos liegt es an meinen plebejischen Vorfahren, daß ich bei der Begleichung von fünfzig Pfund für ein Jagdjackett beinahe eine Herzattacke bekommen habe. Bitte, Sir, befriedigen Sie meine Neugier. Kann man nicht auch in einer, sagen wir, ganz einfachen Jacke jagen? Oder nimmt der Fuchs Anstoß daran?
Ich denke, es versteht sich von selbst, daß ich solche Rechnungen in Zukunft nicht mehr bezahlen werde. Ich habe beschlossen, Ihnen einen vierteljährlichen Betrag von hundertachtzig Pfund zu bewilligen. Anbei die erste Zahlung.
Sollten Sie finden, daß es für Ihre Bedürfnisse nicht ausreicht, dann schlage ich vor, daß Sie lernen, weniger zu bedürfen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Lillian Bede
Postscriptum: Falls Sie Weihnachten in Mill House verbringen möchten, sind Sie herzlich eingeladen. Ihre Reise nach Afrika hat die Phantasie Ihres Cousins Bernard mächtig angestachelt.
»Was für eine wundervolle Frau«, verkündete Karl. »Ich schwöre, ich werde um ihre Hand anhalten, sobald ich zurück in England bin.«
Avery warf seinem Freund einen Blick zu und zog eine Augenbraue hoch. »Unsinn. Sie ist überhaupt nicht dein Typ.«
»Woher willst du das wissen?«
»Weil du, Karl, wie jeder Mann mit gesundem Menschenverstand weibliche, warmherzige Typen bevorzugst, und das ist sie nicht. Ich habe in einem dieser unsäglichen sozialistischen Schmierblätter ein Bild von ihr gesehen. Sie kann man bestenfalls als mageres, hohlwangiges Vettelchen bezeichnen!«
»Vettelchen?« John legte fragend den Kopf schief.
»Vettelchen. Hauptwort. Jemand, der noch den Status der Vettel erreichen will. Die gute alte britische Vettel«, belehrte Avery ihn.
»Aber es kann doch sein, daß die Zeitung sie absichtlich häßlich dargestellt hat«, gab John zurück. Avery entdeckte das frisch erwachte Interesse in den Mienen seiner beiden Freunde und sandte ein stilles Dankgebet an Lily Bede.
»John, mein Alter, eine schöne Frau bekommt alles, was sie will, und das allein wegen der Gleichmäßigkeit ihrer Züge, der zufälligen Pigmentierung ihrer Augen oder der Beschaffenheit ihres Haars. Wenn es sich zudem um eine kluge Frau handelt, dann braucht sie der Natur nur noch nachzuhelfen, indem sie ihre Lippen dazu bringt, sich häufiger zu einem Lächeln zu verziehen als zu einem mißbilligenden Ausdruck. Beide Faktoren zusammengenommen werden dafür sorgen, daß sie ein Leben lang umsorgt, verwöhnt und verhätschelt wird.«
»Was willst du damit sagen?« fragte Karl.
»Ich will damit sagen, daß Miss Bede – wie ihr Brief vermuten läßt – offenbar eine intelligente, wenn auch eine ärgerliche Frau ist. Aber würde sie auch nur annähernd gut aussehen, hätte sie diese Tatsache längst dazu genutzt, sich einen Mann zu suchen.«
John wirkte nicht überzeugt. »Vielleicht hat der Zeichner sie häßlich dargestellt, weil er ihre Ansichten nicht mochte.«
»Genau. Ihre Ansichten. Was meine Theorie bezüglich ihres Aussehens nur stützt. Denn fragen Sie sich selbst, Gentlemen« – er lächelte, um seinen Freunden zu zeigen, wie geduldig er auf ihre offensichtliche Unkenntnis reagierte –, »haben Sie je eine hübsche Suffragette gesehen?«
DEVON, ENGLAND,
AUGUST 1888
Lily sprang in die Luft, schlang ihre Arme um die Knie und schlug mit der Kehrseite zuerst in der Mitte des Mühlenteiches auf. Die hochspritzende Fontäne war gewaltig. Lachend kam sie wieder an die Wasseroberfläche und schüttelte ihr Haar, so daß Millionen glitzernder Wassertröpfchen auf den Teich niederregneten.
Bernard saß am Ufer und sah ihr fasziniert zu.
»Jetzt du, alter Kumpel!« rief Lily und winkte dem Jungen auffordernd zu.
»Ich glaube, ich warte lieber, bis ich besser schwimmen kann«, meinte Bernard unschlüssig.
Lily zog die Nase kraus. »Du kannst ganz wunderbar schwimmen.«
Das fahle Gesicht des Jungen leuchtete erfreut auf, und Lily war froh, daß sie die Idee gehabt hatte, Evelyns manchmal zu aufmerksame Fürsorge zu umgehen, um dem Jungen das Schwimmen beizubringen.
Das Kind zweier Nonkonformisten zu sein, hatte Vorteile, dachte Lily, während sie auf dem Rücken im Teich trieb und auf Bernard wartete. Schwimmen zu können, gehörte ganz entschieden dazu.
Einen Moment später hörte sie, wie Bernard ins Wasser kam. Ein lautes Luftschnappen, ein Keuchen – sie wartete. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, bis sie seinen Atem hörte, der gleichmäßig und frei von dem fürchterlichen Pfeifen und Rasseln war, das manchmal seine Lungen belastete.
»Finden Sie wirklich, daß ich gut schwimme?« fragte er schüchtern, während er an ihre Seite paddelte.
»Aber ja«, wiederholte Lily. Sie drehte sich auf den Bauch und trat Wasser. »Ich wette, keiner von den Jungs aus der Schule kann so gut wie du schwimmen.« Sie grinste spitzbübisch. »Wenn sie überhaupt schwimmen können. Immerhin ist das nicht gerade ein Zeitvertreib, den man mit Gentlemen in Verbindung bringen würde.«
»Also, mir gefällt es«, erklärte Bernard. »Und ich bin ein Gentleman ... nicht wahr?«
»Ganz bestimmt.«
Seine eben noch besorgte Miene drückte Erleichterung aus.
»Ist es denn so wichtig, ein Gentleman zu sein, Bernard?« Sein schmales Gesicht verzog sich zu einer schockierten Miene. »Aber natürlich. Ich bin ein Thorne. Das ist mein Erbe. Es ist ... englisch. Ohne Gentlemen wäre die Welt ein unzivilisierter Ort.«
»Wer sagt das?« fragte Lily neckend.
Bernard ging nicht darauf ein. Offensichtlich war dies ein sehr ernstes Thema. »Avery Thorne.«
