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Ein Gentleman voller Mysterien – und eine Lady, die sie aufzudecken weiß … England, 1878: Earl Hart Moreland gibt auf seinem Landsitz und inmitten der besseren Gesellschaft Londons ganz das Bild des traditionsbewussten Aristokraten ab – bis auf einmal Mercy Coltrane, eine bildhübsche und charmante Amerikanerin, auf seiner Türschwelle steht und droht, seine finstersten Geheimnisse zu verraten: Denn vor Jahren war der Earl nicht mehr als ein wilder Revolverheld in Texas. Nun braucht sie seine Hilfe und beginnt ein Spiel mit dem Feuer. Der Preis für ihr Schweigen? Hart soll ihr helfen, ihren Bruder ausfindig zu machen, der in größter Lebensgefahr schwebt … Ein Historical Romance Highlight mit einer Prise Mystery und Abenteuer für Fans von Lisa Kleypas!
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2025
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England, 1878: Earl Hart Moreland gibt auf seinem Landsitz und inmitten der besseren Gesellschaft Londons ganz das Bild des traditionsbewussten Aristokraten ab – bis auf einmal Mercy Coltrane, eine bildhübsche und charmante Amerikanerin, auf seiner Türschwelle steht und droht, seine finstersten Geheimnisse zu verraten: Denn vor Jahren war der Earl nicht mehr als ein wilder Revolverheld in Texas. Nun braucht sie seine Hilfe und beginnt ein Spiel mit dem Feuer. Der Preis für ihr Schweigen? Hart soll ihr helfen, ihren Bruder ausfindig zu machen, der in größter Lebensgefahr schwebt …
eBook-Neuausgabe Januar 2026
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1996 unter dem Originaltitel »A Dangerous Man« bei Bantam Doubleday Dell Publishing Group, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 unter dem Titel »Der Kuss eines Fremden« bei Droemer Knaur.
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1996 by Connie Brockway
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1998 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: A&K Buchcover, Duisburg, unter Verwendung eines Bildmotives von depositphotos/Byrdyak, depositphotos/1xpert, depositphotos/Konstanttin, Shutterstock KI
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-185-7
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Connie Brockway
Roman
Aus dem Amerikanischen von Jutta Suthau
NORD-TEXAS, 1872
»Knallhart, was?« höhnte der Bandit.
»Na klar.« Der »Duke« zielte auf den Kopf des Mannes, doch das war nicht leicht. Das junge Mädchen schlug weiter um sich, während der Ganove sie in der obszönen Parodie einer Umarmung festhielt. Duke knirschte mit den Zähnen, seine Hand schloß sich um den Kolben seines Revolvers, mit dem er zu zielen versuchte, während der Kopf des Schurken immer wieder hinter dem des Mädchens verschwand.
»Im Augenblick siehst du nicht ganz so knallhart aus, Duke«, knurrte der Mann.
»Was du nicht sagst«, gab Duke mit leiser Stimme wie geistesabwesend zurück.
Über den schmutzigen Unterarm hinweg, der ihren Mund verdeckte, sahen ihn die großen, grünen Augen des Mädchens an; sie weinte hemmungslos. Aber wenn er sich nicht ganz täuschte, dann waren es Tränen der Wut, nicht der Panik.
Das Mädel hatte Courage, das mußte er ihr lassen.
»Genau!« krächzte der Kerl. »Denk dran, Duke. Was ich sage! Ich! Ich habe die Oberhand hier, das solltest du lieber nicht vergessen.«
Mit enormer Erleichterung, die er sich niemals hätte anmerken lassen, sah Duke, daß das Mädchen allmählich müde wurde. Sie mußte nur ein paar Sekunden stillhalten, mehr brauchte er nicht.
»Ich denk’ dran. Nur laß sie endlich los.«
»Wofür hältst du mich eigentlich? Für beschränkt?« fragte der Bandit und riß den Kopf des Mädchens wütend an den seinen heran. Sie stöhnte.
»Nein. Natürlich nicht.«
»Das ist gut. Das ist gut, du Scheißengländer! Du bist der Dumme! Du! Es wird dir schwerfallen, bei deinem Boss das Kopfgeld abzukassieren, das er dir schuldet, wenn du ihm sagen mußt, daß seine Kleine entführt worden ist, was?« sagte er und wich in Richtung Tür zurück. Er zog das federleichte Mädchen an sich heran, um sie als Schutzschild zu benutzen. Sie wußte genau, was das zu bedeuten hatte, und versuchte verzweifelt, sich ihm zu entwinden.
»Mist«, zischte Duke leidenschaftslos. Noch ein paar Schritte, und sie wären verschwunden. Dann konnte sich das Mädchen vom Leben verabschieden – wenn sie überhaupt noch leben wollte, nach dem, was dieser Mann ihr antun würde.
»Genau.« Ein häßliches Grinsen entstellte das dreckige Gesicht des Kerls. »Genau, du hast Mist gebaut.«
»Du kommst hier nicht raus«, sagte Duke leise. Er bluffte, damit der andere einen Fehler machte. Das hatten sie nämlich alle gemeinsam, diese harten Kerle, die wollten immer reden. Und im Augenblick war Reden das einzige, worin Duke überlegen war.
»Von wegen nicht rauskommen. Ich hab’ hier ’ne nette kleine Lebensversicherung. Die einzige kleine Tochter deines Arbeitgebers. Ist sie nicht reizend?« Er lachte, während das Mädchen sich wieder wand und nach ihm trat. Er legte seinen Kopf in ihre Halsbeuge und behielt Dukes Revolver genau im Auge. »Na ja, vielleicht ist sie ja doch nicht so reizend. Aber sie wird dich davon abhalten, mir zu folgen, stimmt’s?«
Er zog sie mit sich, während er sich allmählich der Tür näherte. »Laß die Knarre fallen, Duke.« Noch ein paar Schritte, und sie wären weg.
Würde er die Waffe fallen lassen, wären sie beide tot. Er wußte es, und dieser Mann wußte es auch. »Nein.«
Das schäbige Grinsen des Banditen erstarb. »Ich hab’ gesagt, laß sie fallen.«
»Und ich hab’ nein gesagt.«
Es blieb ihm nur eine einzige Möglichkeit: er mußte den Schutzschild loswerden. Es war ein Risiko, aber er hatte keine Wahl.
Ohne mit der Wimper zu zucken, schoß Duke.
Die Wucht der Kugel ließ das Mädchen rückwärts gegen den Kerl taumeln und warf sie beide gegen die geschlossene Tür. Mit einem Stöhnen fiel das Mädchen in Ohnmacht, entglitt dem Griff des Banditen und sank zu Boden. Ungläubig starrte der auf das Blut, das aus der Schulter des Mädchens hervorquoll.
»Du hast auf sie geschossen!« staunte er. »Du bist wirklich ein verdammter Hurenso–«
»Genau«, sagte Duke und gab ihm den Kopfschuß.
BERKSHIRE COUNTY, ENGLAND, 1878
»Bei Gott, ist das schön, dich wiederzusehen, Perth!« Ein großer, schlaksiger junger Mann begrüßte Hart Moreland, Earl of Perth, überschwänglich, und sprang die Stufen des prachtvollen Landhauses der Actons hinunter. Etwas atemlos gesellte er sich zu Perth.
Hart antwortete mit einem Nicken auf die Begrüßung seines Schwagers Richard Whitcombe, Viscount Claredon. Er zog seine weichen Glacéhandschuhe aus und ließ seinen Blick über das Durcheinander im Hof schweifen. Obwohl das Landhaus der Actons gleich westlich von London lag, zu Pferd eine knappe Stunde entfernt, erweckte das Gepäck, das sich in der Auffahrt stapelte, den Eindruck, als ob das Anwesen am Ende der Welt läge.
Weitere Gäste des Hauses trafen ein. Landauer und Droschken setzten ihre elegant mit Juwelen, Bändern und Rüschen geschmückten Insassen auf den prächtigen, ausladenden Stufen ab, die zu der rosafarbenen Granitfassade führten. Er kannte niemanden von den Gästen. Nicht, daß er es erwartet hätte. Trotz seines adeligen Standes hatte er wenig Kontakt zur englischen Gesellschaft.
»Fanny wird sich freuen, wenn sie sieht, daß du schon hier bist«, fuhr Richard fort. »Wir haben dich seit unserer Hochzeit nicht mehr gesehen – das ist schon fast ein Jahr her. Und ich weiß, daß Beryl und Henley entzückt sein werden, wenn sie kommen, und Annabelle ebenso. Deine drei Schwestern vergöttern dich.«
»Brave Mädchen«, unterbrach ihn Hart. »Und wo steckt denn nun Beryl?«
»Anscheinend mußte Henley wegen irgendeiner politischen Versammlung in der Stadt bleiben.«
»Annabelle ist bei ihnen?« fragte Hart streng.
»Natürlich«, versicherte ihm Richard. »Beryl sorgt dafür, daß das Nesthäkchen der Familie wohlbehütet bleibt, da kannst du ganz sicher sein. Zu behütet, wenn du mich fragst. Das Kind ist so scheu wie eine Scheunenkatze.«
»Richard«, meinte Hart kühl, »ich bin überzeugt, daß deine saloppe Ausdrucksweise nicht respektlos gemeint ist, aber es wäre mir sehr lieb, wenn du davon Abstand nehmen könntest, Annabelle mit einer Scheunen- oder sonstigen Katze zu vergleichen.«
Richards freundliches Gesicht wurde ernst. Vielleicht, dachte Hart, war er zu streng mit dem jungen Viscount. Seine Rüge würde Richard – der in seiner Gesellschaft schon immer etwas nervös gewirkt hatte – sicherlich nicht helfen, sich zu entspannen. Aber wenn die nächsten Wochen so verlaufen sollten, wie er es geplant hatte, dann war es unabdingbar, daß Annabelle nur im besten Licht erschien, so daß der Duke of Acton in ihr eine bezaubernde junge Frau sehen mußte, die dem Titel einer Duchess alle Ehre machen würde.
»Natürlich, Perth. Ich wollte niemanden beleidigen«, entschuldigte sich Richard, der sich auf die Lippen biß und verzweifelt nach einem anderen Gesprächsthema suchte. Das wäre allerdings nicht nötig gewesen. Perth fühlte sich mit dem Schweigen ganz wohl.
»Ich hatte gehört, daß du wieder in London bist, aber ich muß sagen, ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen. Ehrlich gesagt, wundert es mich, daß ich selbst hier bin. Ziemlich erlesene Gesellschaft für einen Landedelmann wie mich. Ich kann mir nicht vorstellen, warum Fanny und ich eingeladen wurden. Und du erst! Ich hätte nicht gedacht, daß du für diese Landhausgesellschaften zu haben wärst.«
»Bin ich auch nicht«, erwiderte Hart knapp. »Beryl schrieb mir nach Paris und bat mich zu kommen. Anscheinend will Acton seiner Werbung um Annabelle Nachdruck verleihen. Beryl glaubt, diese Gesellschaft sei arrangiert worden, um ihre Verlobung bekanntzugeben.«
»Wirklich?« fragte Richard und strahlte glücklich. »Das ist ja schön für unsere Annabelle.«
Hart ignorierte Richards Enthusiasmus. »Mir fällt es schwer zu glauben, daß Seine Hoheit Schritte unternimmt, ohne zuerst mit mir als Familienoberhaupt zu sprechen.« Hart gab durch einen Blick zu verstehen, was er von diesem Versäumnis hielt.
Richard trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Na ja, Perth, es ist allgemein bekannt, daß du gründliche Nachforschungen über Acton hast anstellen lassen, bevor du ihn auch nur ins Haus gelassen hast, um Annabelle zu sehen. Mit mir bist du ebenso verfahren. Ich schätze, unserem Henley ging es genauso. Deshalb wurde dein Einverständnis vorausgesetzt. Und Acton ist einer der begehrtesten Junggesellen der Gesellschaft – natürlich mit deiner Ausnahme.«
»Mag Annabelle ihn gern?« fragte er und ignorierte Richards schelmische Bemerkung.
»Also – also, ich denke schon, ja«, meinte Richard, während er über diese Frage nachdachte. »Ich glaube, sie hat ihn recht gern. Ich war in dieser Saison nicht viel in Gesellschaft, aber als Fanny und ich in der Stadt waren, schien Annabelle in Actons Begleitung recht vergnügt zu sein.«
Hart nickte besänftigt und schickte sich an, die Treppe hinaufzugehen. Sein Schwager tat es ihm gleich.
»Wo ist deine Frau?« fragte Hart plötzlich.
»Ah, Fanny wird sofort herunterkommen, wenn sie hört, daß du da bist. Sie fühlt sich nicht ganz wohl und wollte sich vor dem Dinner noch etwas ausruhen.«
»Sie fühlt sich nicht wohl?« Hart blieb stehen und wandte Richard einen kühlen, forschenden Blick zu. Der Viscount zog unbehaglich die Schultern hoch, wie ein junger Hund, der gescholten worden war, ohne recht zu wissen, weswegen. Richards Ehrfurcht brachte Hart zur Verzweiflung, doch dann sah er überrascht, daß der jüngere Mann errötete.
»Ich kann es dir genausogut sagen«, meinte Richard. »Obwohl Fanny es eigentlich selber tun wollte. Fanny wird umfangreicher.«
»Umfangreicher.«
»Sie ... An Ostern wird sie mir einen Erben schenken.« Richard hob sein Kinn in unverhohlenem Stolz.
Echte Freude blitzte in Hart auf. Ein Kind. Das Baby seiner Schwester. Doch plötzlich spürte er quälenden Neid. Er unterdrückte dieses unwürdige Gefühl wie alles, was er nicht fühlen wollte. »Herzlichen Glückwunsch«, sagte er aufrichtig.
»Danke. Wir ... wir freuen uns riesig!«
Hart mußte fast lächeln über Richards freudige Erregung. Aber es war nicht seine Art zu lächeln, deshalb bot er Richard statt dessen die Hand, die dieser mit seinen riesigen Pranken packte und begeistert schüttelte. Dann gingen sie weiter die Treppe hinauf.
Im großen und ganzen war Hart zufrieden mit den Gatten seiner beiden Schwestern. Richard war nicht nur der Erbe eines beachtlichen Anwesens, sondern, viel wichtiger, ein ernsthafter junger Mann, der sich mit Hingabe seinem Familienanwesen, seinen Farmen und seiner Geflügelzucht widmete. Er war vielleicht nicht sehr gebildet, aber er hatte ein freundliches Wesen und wünschte sich vor allem ein Haus voller Kinder – Qualitäten, die ihn zum perfekten Ehemann für die häusliche, kinderliebe Fanny machten.
Henley Wrexhall, Beryls Ehemann, führte keinen Titel im Namen, aber er war ein aufstrebender junger Abgeordneter und hatte gerade zum zweiten Mal einen Sitz im Unterhaus errungen. Da er klug und scharfsinnig war und sein Ehrgeiz durch seine praktische Art gemäßigt wurde, war er ein ausgezeichneter Gefährte für Harts älteste Schwester Beryl, deren kultivierte Umgangsformen und Ambitionen der Gattin eines Politikers bestens zu Gesicht standen.
So blieb nur noch Annabelle, seine jüngste Schwester. Einen Mann für Annabelle zu finden, hatte eine etwas umsichtigere Wahl verlangt. Denn es war unklar, welche Ansprüche Annabelle an einen Ehemann stellte.
Sie war sittsam, liebenswürdig und charmant, aber wofür sie sich begeisterte, war Hart ein Rätsel, genauso wie ihre Ziele und Hoffnungen. Sie war zehn Jahre jünger als er, und mit Ausnahme seltener Besuche hatte er nicht miterlebt, wie sie heranwuchs. Er kannte Annabelle nicht so gut wie seine beiden anderen Schwestern. Es war ein Glück, daß sie Acton mochte. Wenn sie gar glaubte, in ihn verliebt zu sein – um so besser. Und noch besser, dachte er streng, wenn Acton in sie verliebt war.
Durch die massiven Flügeltüren am Ende der Treppe betrat Hart das Haus. Die große Diele war voller Gäste – Ladys, die ihre Schmuckkästchen umklammerten, blickten finster ihre Hausmädchen an, und Gentlemen liefen durcheinander, während sie dem Heer der Kammerdiener Anweisungen wegen der Berge von Gepäck erteilten.
»Wie groß ist denn die Gesellschaft?« fragte Hart Richard.
»Eine richtige Versammlung. Ich glaube, es sind über dreißig Gäste. Baron Coffey mit seinen Söhnen ist hier, einige Verwandte von Acton, irgendein alter Major a. D., der Bruder der Herzoginwitwe, ich glaube, er heißt Sotbey. Die Marchants werden erwartet und noch ein paar andere.« Richard zuckte mit den Schultern.
»Aha.«
»Ich habe einen meiner Jungs, äh, Bediensteten mitgebracht, um dir seine Dienste als Kammerdiener während deines Aufenthaltes hier anzubieten, Perth«, sagte Richard schüchtern.
Hart unterdrückte den aufsteigenden Ärger. Richard konnte nicht wissen, wie unangenehm diese freundliche Geste Hart an seine Schwächen erinnerte. Einen Kammerdiener, der miterlebte, wie er die Kontrolle über sich verlor? Niemals! »Danke, aber ich komme ganz gut allein zurecht, wie sonst auch.«
»Oh, natürlich«, erwiderte Richard verlegen. »Ich fürchte, es wird ein wenig dauern, bis die Zimmerverteilung geregelt ist. Die Herzoginwitwe ist in der Empfangshalle. Sie hat ein Büfett für die Ankömmlinge arrangiert. Möchtest du mich vielleicht dorthin begleiten?« Richard wies mit der Hand in die Richtung.
Hart nickte, nahm sich jedoch einen Augenblick Zeit, um sich beiläufig die prächtige Eingangshalle anzusehen, vom glänzenden – wenn auch jetzt mit Schmutz befleckten – schwarzweißen Marmorfußboden bis zu den Wandteppichen aus der berühmten Manufaktur von Beauvais, die über dem Absatz der wuchtigen Flügeltreppe hingen. Es war ein sehr gepflegtes Haus. An den strahlendweißen Wänden gab es keine verräterischen dunklen Flecken, die auf den Verkauf eines teuren Gemäldes hingewiesen hätten. Aufwendige Silberkandelaber und erlesene Porzellanschüsseln, angefüllt mit Chrysanthemen, drängten sich auf glänzenden Ebenholztischen.
Sehr gut, dachte er und ließ Richard in den Salon vorausgehen, Acton weiß seinen Wohlstand zu erhalten.
»Ist Acton hier?« fragte er. »Ich möchte ihn kennenlernen.«
»Du kennst ihn noch gar nicht?« fragte Richard überrascht.
»Es ist nicht nötig, einen Mann zu sehen, um seinen Wert einschätzen zu können. Tatsächlich können einen Vermutungen, die sich auf die äußere Erscheinung gründen, manchmal unangemessen beeinflussen. Ich nehme an, er ist von untadeliger Erscheinung?«
»Aber ja, vollkommen untadelig.«
Hart nickte und ließ den Blick über die versammelten Gäste schweifen. »Du mußt ihn mir zeigen. Die ältere Dame in dem rubinroten Kleid ist die Herzoginwitwe?«
»Ja.«
»Wärst du so freundlich, mich vorzustellen?«
Richard, der gerade nach dem Gebäck auf dem von einem Diener präsentierten Silbertablett greifen wollte, zog rasch seine Hand zurück. »Natürlich.«
Richard führte Hart durch das Gedränge von gereizt und erschöpft wirkenden Reisenden. Sie standen in Grüppchen beieinander, trieben Konversation, nippten an ihrer Limonade, knabberten Toast und Gebäck und warteten ungeduldig darauf, ihre Zimmer zugeteilt zu bekommen, damit sie sich vor den abendlichen Festlichkeiten frisch machen und ausruhen konnten.
Der wackere alte Mann mit dem angegrauten Backenbart und der steifen Haltung mußte der Major a. D. sein. Der große, ausgezehrt wirkende Herr mit dem üppigen, silberfarbenen Haarschopf, der von zwei ebenso mageren jungen Männern flankiert wurde, war gewiß Baron Coffey.
Plötzlich ertönte eine laute, gebieterische Stimme. Der Diener vor ihnen erschrak und drehte sich zu schnell um. Das Tablett, das er trug, stieß an Harts Ellbogen, und die Champagnerflöten rutschten über die glatte silbrige Oberfläche. Reflexartig ergriff Hart das Tablett mit der einen Hand und fing mit der anderen den aus dem Gleichgewicht geratenen Bediensteten am Ellbogen auf.
»Passen Sie auf, Mann«, herrschte er den verwirrten Diener an. Hart wischte die Weintropfen von seinem Ärmel und richtete sich wieder auf. Er spürte ein Augenpaar auf sich ruhen und blickte sich um.
Eine Frau in graubrauner Reitkleidung am anderen Ende des Raumes betrachtete ihn. Ungeniert zeigte sie sich amüsiert. Ihr Gesicht – eine reizende Komposition aus großen, dunklen Augen, schlanker Nase und vollen, empfindsamen Lippen – strahlte vor Heiterkeit. Die Farbe ihres Haares konnte er nicht erkennen, da es unter einem kurzen, schwarzen Schleier verborgen war, der vom Rand des modischen Hutes flatterte, der keck auf ihrem Kopf saß. Er stand auch zu weit weg, um die Farbe ihrer eindrucksvollen Augen zu erkennen. Ihm wurde plötzlich bewußt, daß er sie ebenso, wie sie ihn, mit seinem Blick fixierte.
Welch schamlose Kreatur. Sie gab nicht einmal vor, nicht hinzusehen. Sie hielt kühn seinem Blick stand. Anscheinend fehlte dieser Dame trotz ihres liebreizenden Gesichts jeglicher Sinn für Sittsamkeit.
Noch eine Sekunde lang hafteten ihre Blicke aneinander, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem jungen Mann an ihrer Seite zu – einem der Erben des Barons, nach seiner hochaufgeschossenen Erscheinung zu urteilen. Der Staub, mit dem die schwarzen Falten am Saum ihres schwungvollen Rocks bepudert waren, zeigte, daß sie eine ebenso lange und beschwerliche Reise hinter sich hatte wie die übrigen Gäste. Wie brachte sie es dann fertig, so frisch auszusehen?
Der Mann neben ihr neigte sich näher zu ihr. Sie sah ihn an, hörte aufmerksam zu und lachte schließlich. Ihre Lippen teilten sich und ihre Augenwinkel bekamen Fältchen. Hart beobachtete sie – gleichgültig, wie er sich selbst einredete. Seinen Schwestern war beigebracht worden, sittsam zu lachen, ein musikalischer Triller mit geschlossenem Mund. Der Mund dieser Frau öffnete sich und enthüllte ebenmäßige, weiße Zähne, ein Grübchen ...
»Hart?«
Aus seinen Beobachtungen plötzlich aufgeschreckt, sah Hart Richard an.
»Wollen wir?« Richard winkte ihn zur Herzoginwitwe.
»Geh du vor«, forderte Hart ihn auf und warf noch einen letzten Blick zurück auf die unbekannte Frau.
Sie sah ihn wieder an, und als sie bemerkte, daß auch er sie anschaute, täuschte sie Schockiertheit vor, als hätte sie seine Gedanken über ihre mangelhaften Umgangsformen erraten und fände es amüsant. Sie warf spielerisch ihren Kopf zurück, schürzte die Lippen und machte ein vorwurfsvolles ts ts in seine Richtung.
Wie konnte sie es wagen, sich über ihn lustig zu machen? Sie mit Nichtachtung strafend, drehte Hart sich um und folgte Richard, der sich einen Weg durch die Menge gebahnt hatte.
Richard stand neben der Herzoginwitwe und wartete auf ihn. Sie war eine kleine, uralte Frau, faltig und weißhaarig, mit tiefliegenden, glanzlosen Augen unter hauchdünnen Lidern. Schwache Kreise von Rouge belebten ihre bläßlichen Wangen, und der rosarote Lippenstift konnte die gealterten, schmalgewordenen Lippen nicht verbergen.
Richard räusperte sich. »Eure Hoheit, darf ich Ihnen Hart Moreland, Earl of Perth, vorstellen?«
»Perth, wie liebenswürdig von Ihnen, zu kommen«, begrüßte ihn die Herzoginwitwe in einem krächzenden Sopran. »Wir freuen uns sehr, daß Sie unserer Einladung gefolgt sind. Nach dem, was mein Sohn mir erzählt, wird diese Ehre anscheinend nur wenigen zuteil.«
Ihre höflichen Worte waren nicht frei von Ironie, und sofort korrigierte Hart seine Einschätzung ihrer Person. Sie mochte wie eine uralte Porzellanpuppe aussehen, aber sie besaß Intelligenz. Sie würde eine achtbare Gegnerin abgeben – und eine noch würdigere Fürsprecherin.
»Die Ehre ist ganz meinerseits, gnädige Frau.«
Sie erlaubte ihm, ihre beringte, mit auffälligen Venen durchzogene Hand an seine Lippen zu führen. »Ihre junge Schwester ist uns recht ans Herz gewachsen, Perth.«
»Das freut mich zu hören. Ich hoffe, sie hat sich liebenswürdig gezeigt?« fragte er und war sich der Antwort sicher.
»Sehr liebenswürdig. Aber wie könnte man an einer so angenehmen jungen Dame nicht Gefallen finden?«
»Allerdings. Ich bin erfreut.«
Sie wollte gerade noch eine Bemerkung machen, als etwas Aufregung beim Eingang sie ablenkte.
»Also bitte!« Ihre dünnen Lippen preßten sich noch enger zusammen und verschmierten ihren Lippenstift. »Die Gräfin Marchant, zweifellos. Sie verlangt sofortige Aufmerksamkeit. Ich denke, ich sollte lieber tun, was ich kann, um ihre verletzte Eitelkeit zu besänftigen. Sie entschuldigen mich, Gentlemen.« Hart und Richard machten eine ruckartige Verbeugung, als sie sich entfernte.
Hart richtete sich langsam auf, während er über die verschleierte Bemerkung der Herzoginwitwe zu seiner gesellschaftlichen Abgeschiedenheit nachdachte. Er war vorsichtig gewesen, immer umsichtig und behutsam, immer korrekt. In den vergangenen fünf Jahren hatte er sein Leben so geführt, daß sich kein einziger Aspekt seines Verhaltens negativ auf seine Schwestern oder ihre Zukunft auswirken konnte.
Richard war unruhig und nervös, reckte seinen Hals hierhin und dorthin, während er sich umsah, und dann beugte er sich näher zu Hart. »Wer ist sie?« fragte er.
»Wer?«
»Die Frau, die du vorhin so angestarrt hast.«
Hart reckte sich, und sein Blick folgte dem Richards dahin, wo die elegant gekleidete Frau in der sich ständig bewegenden, stetig wachsenden Menschenmenge auftauchte und verschwand. Sie bewegt sich zu rasch, dachte er.
Sie untermalte ihre Worte mit lebhaften Gesten ihrer blassen Hände, ihr Kopf wandte sich hierhin und dorthin – flüchtige, muntere Bewegungen –, während sie den Umstehenden zuhörte und antwortete. Und doch, räumte er ein, war da nichts Unangenehmes in ihrer Eile. Sie war so graziös wie eine Tänzerin. Nein, nicht so künstlich wie bei einem Tanz. Sie glich eher einem leichtfüßigen Waldgeschöpf. Einem Beutetier, ergänzte er streng, zu leichtfertig, um die Gefahr zu erkennen, und deshalb fröhlich im Wald herumhüpfend. Es beunruhigte ihn, daß er so linkisch gewesen war, sich erwischen zu lassen, als er die Frau anstarrte. Wenn sogar Richard sein Interesse bemerkt hatte, dann mußten ihm ja fast die Augen aus dem Kopf gefallen sein.
»Also?« ermunterte ihn Richard.
»Ich weiß nicht, wer sie ist«, preßte er hervor.
»Du weißt es nicht?« fragte Richard.
»Nein«, gab Hart zurück. »Ich weiß, es war unschicklich von mir, sie so ... aufmerksam zu beobachten« – er weigerte sich, den Ausdruck starren zu gebrauchen –, »aber ich erhebe nicht den Anspruch, jede Frau zu kennen, die ich zufällig ein paar Sekunden betrachte.«
Richard winkte ab. »Nein. Nein. Nicht weil du sie angestiert hast, dachte ich, du kennst sie. Sie ist so hübsch wie ein neugeborenes Fohlen. Himmel, ich würde sie selber anglotzen, wenn ich Fanny nicht so ergeben wäre.«
Irgendwie, dachte Hart, mußte er Fanny davon überzeugen, Richard seinen ländlichen Jargon abzugewöhnen.
»... Nein, weil sie ständig nach dir fragte, seit sie heute morgen ankam.«
»Was?«
Richard nickte nachdrücklich. »Es ist wahr. Ich hab’ selber gehört, wie sie die Herzoginwitwe fragte: ›Ist Lord Perth schon eingetroffen?‹ Fanny erzählte, sie habe sie noch eine andere Dame und einen Herrn fragen hören.«
»Wer ist sie denn eigentlich?«
Richard machte sich keine Mühe, seinen flehenden Blick zur Decke zu verbergen. »Ich weiß es ja eben nicht. Deshalb habe ich doch dich gefragt.«
Hart runzelte die Stirn. »Na gut, wenn die Dame so erpicht darauf ist, meine Bekanntschaft zu machen, dann darf ich sie nicht warten lassen.«
»Zu spät, alter Junge.« Richard klopfte ihm auf die Schulter. »Sie ist gerade gegangen. Na ja, du wirst sie noch früh genug kennenlernen. Wahrscheinlich ist sie die Tochter irgendeines Krösus oder die Ehefrau eines deiner alten Kavallerie-Kameraden.«
Ehefrau. Sie sah nicht wie eine Ehefrau aus. Aus irgendeinem Grunde war dieser Gedanke sogar unangenehmer als die Vorstellung, daß eine wildfremde Frau nach ihm fragte. »Wir können genausogut das Geheimnis genießen, solange es besteht«, fuhr Richard fort und ignorierte fröhlich Harts finsteren Blick.
»Ich«, preßte Hart hervor, »mag keine Geheimnisse.«
»Sie ist Amerikanerin«, verkündete Richard triumphierend, als er nach einer kurzen Runde durch den Raum an Harts Seite zurückkehrte.
Die abendlichen Festlichkeiten hatten begonnen. Hart war eine Viertelstunde eher aus seinem Gästezimmer heruntergekommen, da der Gedanke an die unbekannte Frau ihn dazu angetrieben hatte.
Er gab nicht vor, Richards Bemerkung nicht verstanden zu haben. »Nun, das erklärt ihr Benehmen«, meinte er.
»Wie das?«
Hart zuckte mit den Schultern. »Amerikanische Frauen sind unbeherrscht, impulsiv, eigensinnig.«
Richards freundliche Miene nahm einen nachdenklichen, bekümmerten Ausdruck an. »Ich finde nicht, daß sie zu solch einer Einschätzung Anlaß gegeben hätte ...«
»Wie ist ihr Name?« unterbrach ihn Hart. Er hatte Erfahrung mit amerikanischen Frauen – der gutmütige Richard nicht.
»Ich weiß es nicht. Die wenigen Leute, die ich gut genug kenne, um sie danach zu fragen, tappen wie wir im dunkeln. Ich kann ja schlecht einen Fremden nach einer Fremden fragen, oder? Das würde dreist erscheinen. Wenn Annabelle eine Herzogin werden soll, dann fange ich lieber an, mich korrekt zu benehmen.«
»Was hast du herausgefunden?«
»Auf Geheiß der Herzoginwitwe war sie anscheinend in letzter Minute auf die Gästeliste gesetzt worden. Das ist zur Zeit sehr beliebt, weißt du. Amerikanische Mädels adoptieren und sie in der Gesellschaft als Anstandsdame begleiten und herumführen. Das ist der letzte Schrei.«
»Das wußte ich gar nicht.«
»Jedenfalls, die Sache ist die, keiner der Männer, die ich kenne, ist ihr bisher vorgestellt worden. Sie warten alle noch auf dieses Privileg. Bezauberndes kleines Ding.«
»Aha«, sagte Hart und verbannte die Amerikanerin aus seinen Gedanken. »Kommt Fanny nicht herunter?«
Richard wurde etwas rot. »Sie kann nicht. Dieses Erben-Produzieren verursacht ihr großes Unwohlsein. Armes kleines Ding.«
Hart betrachtete Richard sorgfältig, um herauszufinden, ob Richard versuchte, einen Scherz auf Kosten seiner Schwester zu machen. Fanny war zwar gutaussehend und lieb, aber in keiner Weise »klein«. Sie war groß und drall und rund. »Ich bin sicher, sie wird es überleben«, sagte Hart.
»Oh, zweifellos, zweifellos. Ich wünschte mir nur, sie müßte sich nicht so elend fühlen. Arme alte Fanny«, antwortete Richard traurig. »Hör mal, da ist ja deine geheimnisvolle Frau.«
Hart schaute auf. Ein paar Meter weiter stand »seine« Frau auf der Schwelle des Raumes.
Dunkelrot. Ihr Haar hatte ein tiefes, dunkles Rot. Die Farbe eines Rothirschfells im Herbst, voll, lebenssprühend und glänzend. Das prächtige, tannengrüne Kleid, das sie trug, wirkte wie eine Hintergrundfolie dafür. Ihre Locken fielen über den weichen Samt wie seltene Streifen glänzenden Granats, der als Schmuckstein präsentiert wird.
Sie wandte sich um, und ihr Blick traf den seinen. Sie hätten genausogut allein sein können. Blattgrün und golden, dachte er, glitzerten ihre Augen wie ein von der Sonne gesprenkelter Weiher im Wald. Bernsteinfarbenes Funkeln eingebettet in dunkle, mahagonifarbene Wimpern – geschwungene, lange Wimpern, so dicht, daß sie aus einiger Entfernung ihre Augen hatten dunkel erscheinen lassen.
Sie hielt inne und hob ihr Kinn über den glänzenden seidenen Netzschal, den sie um ihre Schultern geschlungen trug. Es war nur ein kleiner Moment, aber er ließ ihren schlanken Hals länger aussehen. Er erweckte in einem Mann den Wunsch, seine Länge mit den Händen zu messen.
»Da die Herzoginwitwe als ihre Anstandsdame fungiert und sie noch nicht hier ist«, flüsterte Richard, »fürchte ich, wir müssen einfach warten, bis wir vorgestellt werden können.«
Hart hätte gedacht, er hätte inzwischen einige Übung im Warten. Jahrelang hatte er trainiert, geduldig zu sein, niemals voreilig zu handeln, immer auf den günstigsten Augenblick zu warten. Aber jetzt wollte er nicht auf die Herzoginwitwe warten. Die Frau flirtete mit ihm, sie ließ absichtlich ihren Blick über ihn streifen, eine Art Prüfung, auf die eine Frage in Form einer dunklen, hochgezogenen Braue folgte.
»Verdammt«, murmelte er, »irgend jemand muß doch wissen, wie das Mädel heißt.«
»Stimmt. Aber ich habe sie noch nie gesehen. Acton und ich bewegen uns kaum in der gleichen Gesellschaft, weißt du. Vielleicht weiß Beryl etwas.«
»Und wo zum Kuckuck sind denn nun Beryl und Annabelle?«
»Sie haben sich verspätet«, erklärte Richard. »Ich hatte es dir schon sagen wollen. Eine Nachricht wartete in meinem Zimmer auf mich, sie werden erst morgen ankommen.«
Keine Fanny, keine Beryl, keine Annabelle. Er könnte genausogut wieder in sein Zimmer hinaufgehen und sich den nicht enden wollenden Abend der forschenden Blicke und Vermutungen ersparen, die sein kurzes Erscheinen in der englischen Gesellschaft ein jedes Mal hervorrief.
Aber dann könnte er auch nicht das Geheimnis um die Amerikanerin lüften.
Mit dieser eigenartigen, leicht fließenden Behendigkeit ging sie an ihm vorbei zur Bibliothek. Dort blieb sie stehen, wandte sich um und sah ihm direkt in die Augen. Sie hob eine Hand und streifte mit ihr am Rand ihres Schals entlang nach vorne, eine offene Einladung, ihr zu folgen. Allein.
Schnell und diskret ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Zufrieden darüber, daß niemand sie beobachtete, blickte sie ihn erneut unwiderstehlich an, schlüpfte in die dunkle Bibliothek und zog die Tür hinter sich zu.
Harts Augen verengten sich. Manche Frauen, die ihn sich unsinnigerweise als eine Art kaltblütigen Eunuchen vorstellten und sich durch dieses Bild herausgefordert fühlten, testeten gelegentlich seine angebliche Gefühllosigkeit. Er war sich der Ironie bewußt. In diesem Augenblick reagierte sein Körper so aggressiv wie der eines brünstigen Hirschbocks. Er war erstaunt über die Stärke seines Begehrens. Es war Jahre her, daß ein drängendes sexuelles Verlangen ihm die Kontrolle über seine Gedanken und seinen Körper entzogen hatte.
»Ich glaube, ich hole mir einen Teller mit einer Kleinigkeit für Fanny«, verkündete Richard. Sein Ton war ganz unschuldig. »Etwas Vanillepudding oder Toast und Tee. Entschuldigst du mich?« Er wartete keine Antwort ab, sondern ließ Hart stehen, der die Tür der Bibliothek eingehend betrachtete.
Er hielt es nicht einmal eine Minute aus, bis er zu ihr ging.
Er sagte sich, er würde herausfinden, woher sie ihn kannte. Aber es war mehr als das. Es gab etwas an ihrer Kühnheit, das seinen Puls beschleunigte. Irgendeine urgewaltige Anziehung, die seinen betäubten Körper plötzlich erwachen ließ. Wenn sie auf ein Rendezvous erpicht sein sollte, dann würde er vielleicht dieses Mal seine Abwehrhaltung aufgeben und ihr den Gefallen tun.
Schließlich war sie offensichtlich eine amerikanische Abenteurerin. Sie könnte seinem Ruf oder, noch wichtiger, den Erwartungen seiner Schwestern nicht ernsthaft schaden. Ein kurzes Vergnügen – das sie höchstwahrscheinlich nicht ausplaudern würde –, und sie wäre wieder auf dem Rückweg nach New York, Boston oder San Francisco, oder woher sie sonst kommen mochte, und er hätte diesen ungewohnten Drang in seinen Lenden befriedigt.
Er öffnete die Tür, trat ein und schloß sie sofort wieder. Er wollte keinen Tumult. Er war schon aufgewühlt genug.
Sie stand neben dem Fenster. Das Gaslicht von den Wandleuchtern ließ sepiabraune Lichtreflexe in ihrem Haar aufblitzen und brachte die seidige Wölbung ihrer Wange zum glänzen. Sie richtete sich auf, als er nähertrat, und zog ihren Schal enger um sich, als ob ihr kalt wäre. Ihre grüngoldenen Augen fesselten seinen Blick.
»Sie kennen mich?« fragte er.
»Ja.« Es war eindeutig eine Amerikanerin. Sie hatte eine rauhe, tiefe Stimme. Ihre samtenen Lippen bebten. Zitterte sie vor Erregung – oder hatte sie Angst? Abrupt blieb er stehen, enttäuscht und plötzlich uninteressiert. Es war wieder nur ein Spiel. Dies hier war kein echtes Begehren, keine wirkliche Anziehung. Er war nur eine Herausforderung, die sie sich gestellt hatte.
»Sie wollen etwas von mir.«
»Ja.«
»Und was?« Er wollte, daß sie es selbst aussprach.
Sie schluckte und atmete tief ein. Ihre Hände, die den Schal an ihrem Hals umklammerten, sahen weiß aus.
»Ihre ... Hilfe.«
Er schloß die Augen. Ihre Stimme verriet Angst, nicht Leidenschaft.
»Warum?«
»Ihr Ruf, ich will ...«
Also, das war ehrlich. »Nein«, widersprach er leise. »Sie können nicht wollen. Sie haben gar keine Ahnung, was wollen wirklich heißt.«
Ihre helle Gesichtsfarbe wurde noch blasser. Ihre Verzweiflung rief sein Mitgefühl hervor. Sie hatte nichts getan, was ein Dutzend Frauen in den letzten fünf Jahren nicht auch getan hatten. Sie konnte nichts dafür, daß sie ihn erregt hatte, wo ihn die anderen kaltgelassen hatten.
»Gehen Sie«, sagte er. Er wollte sie nicht hören, wollte nicht sehen, wie sie versuchte, sich mit ihrem armseligen Schal gegen seine legendäre Kälte zu schützen. »Gehen Sie jetzt. Sagen Sie sich, es ist den Preis nicht wert. Sagen Sie sich, ich bin so kaltblütig wie eine Schlange. Sagen Sie alles, was Sie wollen. Verbuchen Sie es als Erfahrung.«
»Ich verstehe nicht ganz.«
Sie machte ein finsteres Gesicht – aber nicht die kleinste Falte erschien auf ihrer glatten Stirn. Vollkommenheit.
»Gehen Sie einfach«, forderte er sie auf, während seine Frustration im gleichen Maße wuchs wie sein ungestilltes Verlangen. »Bitte.«
»Ich gehe nicht. Noch nicht. Nicht bevor ...«
In Sekundenschnelle war er bei ihr, so flink und geräuschlos, daß ihr der Atem stockte. Sie hob ihre Hände, um ihn abzuwehren, aber er ergriff ihre Handgelenke und zog mit einem Ruck ihr Gesicht ganz nah an das seine heran.
Er fluchte, angewidert von seiner impulsiven Brutalität. Er hatte noch niemals körperliche Kraft angewandt, um einen schwachen Menschen wie sie zu beherrschen. Es rief in ihm Übelkeit und Wut hervor. Und es ärgerte ihn noch mehr, daß ihr anscheinend nicht klar war, wie schwach sie war, wie mühelos er eines der zarten Handgelenke in seinen Händen brechen und sich nehmen konnte, was sie so leichtsinnig anbot.
»Nicht bevor was?« fragte er mit absichtlich klangloser Stimme. »Bevor Sie nicht ein bißchen Nervenkitzel bekommen haben?«
»Nein!« rief sie aus und wand sich in seinem Griff. Er konnte sie nicht loslassen. Noch nicht. Aus dieser Nähe konnte er eine weiße Narbe auf einer ihrer seidenen Wangen sehen und jeden ihrer erregten Atemzüge spüren. Da stand er, bleich vor Verlangen, sich selbst verleugnend aus keinem anderen Grund als einer falschen Vorstellung von Anstand.
Er hatte gedacht – Gott stehe ihm bei –, er hatte geglaubt, sie wolle ihn. Aus irgendeinem verwerflichen Grund tat es weh, daß es nicht so war.
»Nicht bevor was?« fragte er fordernd und schüttelte sie ein wenig.
Ärger blitzte in ihren Augen auf. Sie bleckte die Zähne, und mit einem kleinen wilden Knurren riß sie sich herum und entkam seinem Griff. Ihr Schal verfing sich in seinem Siegelring und wurde von ihren Schultern gerissen. In der plötzlichen Stille schwebte das glänzende Netz zwischen ihnen zu Boden wie das verlorene Federkleid eines vom Pfeil getroffenen Vogels. Er starrte sie an.
Ein paar Zentimeter über ihrem großzügigen Ausschnitt, unterhalb des Schultergelenks, zeigte sich auf ihrer Haut eine kreisrunde, alte Narbe, so groß wie ein Penny.
Er hörte ihre Stimme wie aus weiter Ferne.
»Nicht bevor Sie sich angehört haben, was ich zu sagen habe – Duke.«
»Mercy Coltrane.«
»Sie wissen noch meinen Namen«, staunte Mercy. Sein von Natur aus sinnlicher Mund verzog sich fast zu einem Lächeln. Fast. Aber sofort nahm er wieder seinen distanzierten, leidenschaftslosen Ausdruck an.
»Na ja, so viele junge Mädchen habe ich nun auch wieder nicht angeschossen«, gab er zu bedenken. Seine Stimme klang genauso, wie sie sie in Erinnerung hatte: ein ruhiger Bariton, mit einem vornehmen aristokratischen Akzent.
»Oh, natürlich nicht«, sagte sie und ging auf die Knie, um ihren Schal aufzuheben. Sie sah zu ihm auf. Seine magere Gestalt ragte bewegungslos im schwachen Schimmer der Wandleuchter über ihr auf. Ein dunkler Mann, fast ein Phantom, dachte sie.
Es war für sie unmöglich zu erkennen, wie er es aufnahm, daß sie ihn wiedererkannt hatte. Sein gelassener Gesichtsausdruck verriet absolut nichts. Als sie sich anschickte aufzustehen, bückte er sich und hob sie mühelos an den Ellbogen hoch. Ohne um Erlaubnis zu fragen, drehte er ihre Hand um und betrachtete ihr Handgelenk.
»Habe ich Ihnen weh getan?«
»Himmel, nein«, antwortete Mercy. Sein Griff war fest, aber keineswegs schmerzhaft gewesen. Er hatte seine Kraft sehr gut unter Kontrolle. Aber einfach alles an dem Mann schien auf unmenschliche Weise beherrscht zu sein.
Durch ihre Antwort beruhigt, fiel er wieder in aufmerksames Schweigen und wartete mit außergewöhnlicher Geduld darauf, daß sie sprach.
»Ich hatte nicht geglaubt, daß Sie es sind«, murmelte sie und betrachtete ihn eingehend. Als »Duke« hatte er sein Haar im Westernstil lang getragen. Außerdem hatte ein Vollbart sein Gesicht vor den Präriewinden geschützt. Jetzt war sein Haar kurzgeschnitten und streifte nur noch den Kragen seines makellos weißen Hemdes – dickes Haar, braun wie Nerzfell. Und sein kantiger Unterkiefer war glattrasiert, ein breites, leicht gespaltenes Kinn.
»... daß ich es bin?« unterbrach er ihre Betrachtungen.
»In London. Ich sah Sie, als Sie an der Viktoria-Station aus dem Zug stiegen. Ich dachte erst, Sie seien es, aber als ich den Kofferträger fragte, erklärte er, es sei der Earl of Perth.«
»Der bin ich.«
»Sie sind auch Duke, der bezahlte Killer meines Vaters.«
»Der war ich.«
Sie lächelte, und er trat einen Schritt zurück, als ob ihn ihr Lächeln durcheinanderbrachte. »Na ja«, meinte sie, »Sie können meine Verwirrung bestimmt verstehen. Zuerst war ich tatsächlich sicher gewesen, ich hätte mich getäuscht.«
»Aha. Und darf ich fragen, was Sie veranlaßte, Ihre Meinung zu ändern?«
»Ihre Augen.«
»Meine Augen«, sagte er skeptisch. »Ach, kommen Sie, Miss Coltrane! Sie haben mich nur ein paarmal gesehen, als ich für Ihren Vater ... arbeitete. Glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen abnehme, Sie hätten mich an meinen Augen erkannt?«
Sein Ton war überheblich, und sein gnadenlos abweisendes Verhalten provozierte sie allmählich. »Ich bin der Meinung«, erklärte sie arrogant, »daß jeder Mensch sich an das erinnern würde, was er für seinen letzten Augenblick hielt. Wenn dieser vermeintlich letzte Anblick die Augen des Mannes sind, von dem man glaubt, getötet worden zu sein, hinterläßt er einen recht nachhaltigen Eindruck.«
Sein Gesicht blieb ruhig, unberührt von ihrem hitzigen Sarkasmus. Sie ertappte sich bei der völlig unangebrachten Überlegung, wie er wohl lächelnd aussehen würde. Er war viel jünger, als sie ihn in Erinnerung hatte – sicherlich war er nicht einmal zehn Jahre älter als sie. Und trotz seiner Größe war er nicht der Hüne in Bluejeans und staubiger Westernjacke und mit dem Cowboyhut tief im Gesicht, an den sie sich erinnerte. Aber seine blaßblaugrünen Augen, zu hell, um sie türkis zu nennen, waren dieselben – wie die Gefühlskälte in ihnen.
Ein kühler Luftzug erzeugte eine Gänsehaut auf ihren bloßen Armen, und sie wickelte ihren Schal enger um ihren Körper.
»Verzeihen Sie, wenn ich Ihr Gedächtnis angezweifelt habe.« Sein Tonfall verriet mehr Verachtung als Bedauern.
»Sie sind entschuldigt«, gab sie kurz zurück und ermahnte sich selbst, ihr Temperament zu zügeln. Sie mußte ihm begreiflich machen, wie wichtig es für sie gewesen war, ihn zu finden und ihm zu folgen. »Wie dem auch sei, ich fragte nach Ihnen. Einige Wochen zuvor hatte ich in London die Herzoginwitwe Acton kennengelernt. Wir hatten bereits Bekanntschaft geschlossen, und ich hing in der Luft. Meine Anstandsdame, Lady Timmons, hatte auf der Überfahrt einen Unfall gehabt und mußte – muß – sich erst wieder erholen. Als ich erfuhr, daß Lady Acton in der Zwischensaison eine Gesellschaft geben würde – ein Fest, zu dem Sie erwartet wurden –, habe ich mir ganz unverfroren eine Einladung besorgt.«
»Und warum?«
»Weil ich Ihre Hilfe benötige.«
Die leichte Spannung, die ihn unbeweglich dastehen ließ, wuchs. »Hilfe.«
»Ja. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich war, Sie zu sehen. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich mich wenden sollte, wen ich um Hilfe bitten konnte«, fuhr sie fort. »Als ich Sie erkannte, war es wie eine Gebetserhörung.«
Sein Mund verzog sich zu einem grimmigen Lächeln. »Ich bezweifle, daß der Himmel auch nur irgend etwas zu tun hat mit Dingen, die mich betreffen. Weswegen, darf ich fragen, brauchen Sie Hilfe?«
Sie holte tief Luft. »Wegen meines Bruders.«
Er hob eine seiner dunklen, schrägen Augenbrauen.
»William. Will. Sie haben ihn nie kennengelernt, er war in Boston auf der Schule, als Sie auf der Ranch arbeiteten.«
»Ich habe nie auf der Ranch gearbeitet«, erinnerte er sie und wirkte immer distanzierter. »Ich durchstreifte das Umland und spürte die Feinde Ihres Vaters auf.«
Da war ein Hauch von Selbstanklage in seinem Tonfall, den sie nicht verstand.
»Auf unsere Ranch-Mitarbeiter war geschossen worden«, gab sie zurück.
Er zuckte mit den Schultern. »Weiter – Sie sprachen gerade von Ihrem Bruder. Er sollte damals auf die Ranch zurückkehren, genau wie Sie. Das war doch der Grund dafür, daß Sie dort waren: Ihr Vater mußte Sie und Ihren Bruder aus dem Internat nehmen, um mein Honorar zu bezahlen?«
»Ja«, bestätigte Mercy. Sie hatte keine Lust, diesem gleichgültigen Aristokraten die Geschichte ihres Bruders zu erklären, aber ihr fiel kein anderes Mittel ein, wie sie sich seine Hilfe sichern konnte. »Er kam nicht nach Hause. Er blieb bei Verwandten unserer Mutter im Osten. Texas, die Ranch – unser Leben dort hatte er nie gemocht.«
»Tatsächlich. Sieh mal einer an«, warf Hart spöttisch ein. »Ich konnte seine Abneigung nie verstehen«, gab sie zu.
»Vielleicht hat sie etwas mit Läusen zu tun ... oder Flöhen ... oder mit hinterhältigen Sandstürmen, die einen blenden, die Haut vom Gesicht scheuern und einem die Kehle mit Sand verstopfen. Oder mit Nächten, so kalt, daß es einen schmerzt, die Augen offenzuhalten. Oder mit einem Land, das mit Menschen bevölkert ist, die einem um den Preis eines lahmen Maultiers den Hinterkopf wegschießen würden.«
Sie starrte ihn an. Sie hörte echte, glühende Emotionen in seiner Stimme.
»Es hat Ihnen nicht sehr gefallen.«
Er gab ein kurzes, krächzendes Lachen von sich. »Sie, Miss Coltrane, sind eine Meisterin des Understatements. Nein, es hat mir nicht sehr gefallen.«
»Aber Sie haben doch sicher gesehen, wie prachtvoll, wie ...«
»Sie wollten mir von Ihrem Bruder erzählen.«
Mercy erschrak. »Ja«, sagte sie leise. »Entschuldigen Sie, aber wenn jemand meine Heimat schlechtmacht, dann möchte ich ...«
»Das ist das Problem mit Euch Amerikanern. Ihr wollt etwas, und Ihr müßt es haben, egal, wie Ihr es kriegt. Sie wollen etwas von mir, also mißachten Sie Sitte und Anstand, gefährden nicht nur Ihren eigenen Ruf, sondern auch den Ihrer Gastgeberin, und bitten mich hier zu einem Rendezvous.«
»Das hier ist kein Rendezvous!«
»Versuchen Sie, das den Leuten zu erklären, die Sie hier eintreten sahen«, hielt er dagegen. »Nein. Sie müssen Ihren Willen durchsetzen. Schließlich ›wollen‹ Sie etwas. Also zum Teufel mit den Folgen. Sie haben keinerlei Sinn für Sittsamkeit. Wenn Sie schon so entschlossen sind, sich zu besorgen, was Sie wollen, warum können Sie das nicht mit weiblicher Liebenswürdigkeit und sanften Worten tun?«
»Mit weiblicher List und Tücke meinen Sie?« Hitzig stieß sie es hervor, und im nächsten Moment bedauerte sie ihren Temperamentsausbruch. Mit reiner Willenskraft erstickte sie den Drang, ihm einen angemessenen Dämpfer zu versetzen.
Sie würde nicht nachlassen. Und was immer auch dieser harte Mann von ihr denken mochte, sie brauchte seine Hilfe.
»Entschuldigung«, sagte er schroff. »Verzeihen Sie. Mein bedauernswerter Mangel an Manieren verrät meinen eigenen kurzen Aufenthalt in Ihrem Land.«
»Oh!«
»Also, ein für allemal, was habe ich mit Ihrem Bruder zu schaffen?«
Sie atmete tief ein. »Will ... er hatte immer sehr viel übrig für feine Gesellschaft, Kultur, für das, was er ›Zivilisation‹ nannte. Zumindest glaube ich das. Wir« – ihr Blick senkte sich das erste Mal in diesem Gespräch – »wir standen uns nicht sehr nahe. Es lag an mir. Ich habe ihn nie verstanden und es auch nicht versucht. Er konnte die Ranch nicht ausstehen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich liebte sie.«
Sie blickte auf. Warum erzählte sie ihm das? Vielleicht wegen seiner Gleichgültigkeit. Hier würde es kein Mitgefühl geben, falsches oder auch echtes. Aber es würde auch keine Verurteilung geben.
»Vor einem Jahr starb meine Mutter. Will und sie standen sich sehr nahe. Sie liebte ihn innig, und er sie. Er bat damals Vater darum, ihn nach England zu schicken. Er erklärte, er ertrüge es nicht, sich in dem Haus aufzuhalten, das ihn ständig an unsere Mutter erinnerte. Mein Vater stimmte zu. Will sollte drei Monate bleiben, aber aus drei Monaten wurden sechs und aus sechs neun.«
»Er ist seit neun Monaten hier?«
»Zehn«, gab Mercy zurück. »Seine Briefe nach Hause wurden immer spärlicher und ... veränderten sich. Die letzten waren kaum mehr als gekritzelte Bitten um Geld. Was er vorher schrieb, ließ durchblicken, daß er sich in schlechter Gesellschaft befand. Wir haben jetzt seit drei Monaten keinen Brief mehr von ihm erhalten.«
»Ach?«
»Mein Vater lehnte es ab, ihm noch mehr Geld zu schicken. Ich glaube, das ist der Grund dafür, daß er aufhörte, zu schreiben. Er wollte Vater bestrafen. Sie kamen nie gut miteinander aus.«
»Und Ihnen, die Sie kaum mehr als ein junges Mädchen sind, hat Ihr Vater jetzt erlaubt, hierherzukommen und nach ihm zu suchen?« fragte Hart.
»Nein.« Sofort verteidigte sie ihren Vater. »Nein, Vater glaubt, ich bin hier, um einen Ehemann zu finden.«
In seinen blauen Augen blitzte eine winzige Andeutung von Überraschung auf. »Wie bitte?«
»Einen Ehemann.« Sie spürte, wie sie errötete. Sie wäre nicht so offen gewesen, wenn nicht alles an ihrer Situation zielstrebige Offenheit erfordert hätte. Sie war nicht annähernd so ein ungehobeltes Geschöpf, wie er glaubte – und was zu verheimlichen er sich keinerlei Mühe machte.
»Meine Mutter, Gott hab’ sie selig, hatte sich schon immer vor allem anderen ein vornehmes Leben für uns gewünscht. Um ganz ehrlich zu sein – Sie brauchen nicht diesen Blick aufzusetzen, Sie haben es reichlich klargemacht, was Sie von meiner Offenheit halten –, sie wünschte sich, daß wir in die Aristokratie einheiraten würden. Ob es nun Mrs. Ascots Aristokratie in New York wäre oder Ihre englische Variante, hätte keinen Unterschied gemacht.«
Er schwieg, und sie sprach hastig weiter. »Mein Vater verehrte meine Mutter. Aus dem Grunde ließ er uns in Boston zur Schule gehen. Deshalb war er auch damit einverstanden, daß ich hierherkomme und mich von Lady Timmons begleiten lasse, nachdem wir sie letzten Winter in New York kennengelernt hatten und sie mir freundlicherweise ihre Unterstützung anbot. Vater stimmte zu, aber nur, weil Mutter es sich gewünscht hätte.«
»Ah ja, die praktischerweise verletzte Anstandsdame«, spöttelte er.
Sie mußte sich auf die Zunge beißen, sonst hätte sie ihn zum Teufel gewünscht. Wenigstens, sagte sie sich mit schwacher Hoffnung, wenigstens hört er mir zu. »Die Herzoginwitwe und Lady Timmons sind gute Freunde.«
»Aha. Ihr Vater denkt also, Sie sind hier, um die Hoffnungen Ihrer Mutter zu erfüllen.«
»Ja.«
»Aber in Wirklichkeit sind Sie hier, um Ihren Bruder zu finden.«
»Ja. Ich muß ihn finden. Vater hat damit gedroht, Will zu enterben. Ich muß die beiden wieder miteinander versöhnen.« Ihre Stimme fiel in Flüsterton. »Ich habe es unserer Mutter versprochen. Bevor sie starb, versprach ich ihr, ich würde dafür sorgen, daß Will und Vater sich versöhnen. Aber um das fertigzubringen, muß ich Will erst einmal finden. Ich möchte, daß Sie ihn finden.«
Er wandte sich in einer seltsamen, ungeduldigen Geste von ihr ab, und sie beobachtete ihn, als er wie ungläubig seinen Kopf schüttelte. Im Profil war seine gerade Nase groß und aggressiv. Sein angespannter Unterkiefer sah wie aus Stein gemeißelt aus.
»Da gibt es noch etwas«, sagte sie.
»Ja?« murmelte er.
»Will weiß, daß ich hier bin, ich weiß nicht woher, aber eine Woche nach meiner Ankunft erhielt ich eine Nachricht von ihm. Er bat um etwas Geld und deutete an, daß er in irgendwelchen finanziellen Schwierigkeiten steckte. Ich schickte ihm Geld, wie er gebeten hatte. Seitdem habe ich noch zwei Nachrichten bekommen, jede noch kürzer, als die zuvor, und in jeder bat er um eine noch größere Summe. Und jedesmal weigerte er sich, mich zu treffen.«
»Himmelherrgott«, fluchte Hart. Sie trat näher an ihn heran, die Rolle der Bittstellerin verabscheuend, aber unfähig, den bettelnden Ton aus ihrer Stimme zu nehmen. Sie brauchte ihn. Sie hatte jeden anderen Weg, der ihr einfiel, bereits ausprobiert.
»Ich habe die Nachrichten aufgehoben, und ich bin im Besitz von Briefen, die die Namen einiger Etablissements erwähnen. Sie können ...«
»Miss Coltrane!« Er drehte sich um. Seine Augen durchbohrten sie von oben herab. Eine Haarsträhne war in seine Stirn gefallen. Sie warf einen dunklen Schattenstreifen über sein mageres Gesicht. Sein Ausdruck war nicht zu deuten. »Was immer ich in der Vergangenheit gewesen bin, jetzt bin ich der Earl of Perth.«
»Das weiß ich. Ich weiß auch, daß sie einst Geld brauchten. Mein Vater ist finanziell vorwärtsgekommen, Mr. Perth ...«
»Hart Moreland, Lord Perth«, korrigierte er mechanisch. »Nennen Sie mich Perth. Oder Hart. Nicht Mr. Perth.«
»Ja, ja«, gab sie zurück. »Jedenfalls ist mein Vater ein überaus wohlhabender Mann und sehr großzügig mit meiner monatlichen Anweisung. Das Geld, das er mir gibt, brauche ich eigentlich nicht, folglich habe ich ein hübsches Sümmchen angehäuft.«
»O Gott«, murmelte er.
»Ihre gegenwärtige finanzielle Lage kenne ich zwar nicht, aber nachdem ich einige Zeit in den baufälligen Schlössern und Herrenhäusern verbracht habe, die Ihr Aristokraten erhalten zu müssen glaubt, kann ich nur annehmen, daß sie besser sein könnte. Ich bin bereit, Ihnen für Ihre Mühe eine stattliche Summe anzubieten.«
»O Gott«, stieß er noch einmal hervor.
Sie schluckte. »Sie brauchen niemanden umzubringen.«
Eine Sekunde lang schloß er die Augen, und als er sie öffnete, leuchteten sie blaugrün im Gaslicht auf. »Ich brauche niemanden umzubringen.« Seine Stimme klang bleiern.
