Beschreibung

Auf parfümiertem Papier erscheint, von der Öffentlichkeit unbemerkt, der Roman, der einen berühmten englischen Autor ins Verderben stürzen wird. ›Mein parfümierter Roman‹ ist die Geschichte eines perfekten literarischen Verbrechens.

Und in ›Betrachtungen eines Hausaffen werden die Schreibnöte einer Autorin aus höchst ungewöhnlicher Perspektive geschildert.

Zwei Geschichten über die schreibende Zunft von einem der raffiniertesten Erzähler unserer Zeit.

Limitierte Auflage, nur im Buchhandel erhältlich, so lange Vorrat reicht.

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Seitenzahl: 50


Ian McEwan

Mein parfümierter Roman

Zwei Stories über Schriftsteller

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork und Michael Walter

Diogenes

Mein parfümierter Roman

Von meinem Freund, dem einst gefeierten Schriftsteller Jocelyn Tarbet, werden Sie gehört haben, aber ich vermute, die Erinnerung an ihn verblasst allmählich. Die Zeit kann gnadenlos sein. Wahrscheinlich kommt Ihnen ein halbvergessener Skandal in den Sinn. Von mir, dem einst unbekannten Schriftsteller Parker Sparrow, werden Sie erst gehört haben, als mein Name öffentlich mit dem seinen in Verbindung gebracht wurde. Für einige wenige Kenner sind unsere Namen so fest miteinander verbunden wie die beiden Enden einer Wippe. Sein Aufstieg fiel mit meinem Abstieg zusammen, war aber nicht die Ursache. Und sein Abstieg war dann mein Triumph. Ich bestreite nicht, dass Unrecht geschah. Ich habe ein Leben gestohlen und gedenke nicht, es zurückzugeben. Sie können diese Zeilen als Geständnis lesen.

Um es vollumfänglich abzulegen, muss ich vierzig Jahre zurückgehen, in eine Zeit, als unsere Wege sich trafen und es so aussah, als würden sie, parallel verlaufend, uns wie selbstverständlich in eine gemeinsame Zukunft führen. Wir studierten an derselben Universität dasselbe Fach (Englische Literatur), veröffentlichten unsere ersten Erzählungen in Studentenzeitschriften, die Das Messer im Auge hießen oder so ähnlich. (Aber welcher Name könnte schon so ähnlich sein.) Wir waren ehrgeizig. Wir wollten Schriftsteller werden, berühmte Schriftsteller, ja große Schriftsteller. Wir fuhren zusammen in die Ferien und lasen die Texte des anderen, die wir großzügig lobten und brutal ehrlich kritisierten, wir schliefen mit den Freundinnen des anderen und liebäugelten mit einer homoerotischen Affäre. Heute bin ich dick und glatzköpfig, aber damals war ich rank und schlank und hatte lockiges Haar. Ich fand, ich sah wie Shelley aus. Jocelyn war groß, blond, muskulös und mit seinem markanten Kinn das Ebenbild eines arischen Herrenmenschen. Mit Politik hatte er aber nichts am Hut. Unsere Affäre war bloß zur Schau gestellte Bohème, mit der wir uns interessant machen wollten. Tatsächlich war uns beiden schon der Penis des anderen ein abstoßender Anblick. Im Grunde passierte nichts oder fast gar nichts, aber dass andere glaubten, wir trieben es miteinander, amüsierte uns.

All das stand unserer schriftstellerischen Freundschaft nicht im Wege. Wir empfanden uns nicht als Rivalen. Heute würde ich jedoch sagen, dass ich anfangs die Nase vorn hatte. Ich veröffentlichte als Erster eine Geschichte in einer seriösen, erwachsenen Literaturzeitschrift, der North London Review. Ich schloss, anders als Jocelyn, das Studium mit einem Einserexamen ab. Wir hielten derlei Dinge für bedeutungslos, und das waren sie letztlich auch. Wir zogen nach London und fanden beide in Brixton eine kleine Wohnung, nur ein paar Straßen voneinander entfernt. Ich veröffentlichte meine zweite Kurzgeschichte und war erleichtert, als seine erste erschien. Wir trafen uns weiterhin regelmäßig, wir betranken uns, lasen unsere Sachen und bewegten uns in denselben wohltuend bescheidenen literarischen Kreisen. Und fast gleichzeitig fingen wir an, sogar Rezensionen für namhafte Zeitungen zu schreiben.

Diese beiden Jahre nach dem Studium waren der Höhepunkt unserer brüderlichen Jugend. Wir wurden rasch erwachsen. Wir schrieben unsere ersten Romane, die viele Gemeinsamkeiten hatten: Sex, Chaos, ein wenig Endzeitstimmung, Gewalt, modische Verzweif‌lung und ziemlich gute Witze darüber, was zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau alles schiefgehen kann. Wir waren glücklich. Nichts stand uns im Weg.

Doch dann passierten zwei Dinge. Jocelyn schrieb hinter meinem Rücken ein Fernsehspiel. Das war unter unserer Würde, dachte ich damals. Wir lebten für die Literatur. Fernsehen war Schrott, Unterhaltung für die Massen. Das Drehbuch, das sofort mit zwei bekannten Schauspielern verfilmt wurde, thematisierte leidenschaftlich einen gesellschaftlichen Missstand – Obdachlosigkeit oder Arbeitslosigkeit –, über den ich Jocelyn noch nie hatte reden hören. Es war ein Erfolg. Man nahm ihn wahr, man sprach über ihn, wartete gespannt auf seinen ersten Roman. All das wäre unwichtig gewesen, wenn ich in dieser Zeit nicht Arabella kennengelernt hätte, eine englische Rose, eine blühende, üppige, ruhige, lustige Frau, mit der ich bis heute verheiratet bin. Ich hatte schon einige Freundinnen gehabt, aber bei Arabella blieb ich. Sie bot mir alles, was ich mir an Sex und Freundschaft und Abenteuer und Abwechslung nur wünschen konnte. Eine solche Leidenschaft allein hätte mich aber noch nicht von Jocelyn entfernt oder von meinen Zielen abgehalten. Ganz und gar nicht. Arabella war ihrem Wesen nach großzügig, offen, frei von Eifersucht, und Jocelyn war ihr auf Anhieb sympathisch.

Doch dann bekamen wir ein Kind, den kleinen Matt, und alles wurde anders. An seinem ersten Geburtstag heirateten Arabella und ich. Meine Einzimmerwohnung war bald zu klein, so dass wir umzogen, in den Südwesten Londons, und dann ein zweites Mal, noch weiter südwestlich. Bis Charing Cross waren es mit der Bahn zwanzig Minuten, aber davor lag ein Fußweg von fünfundzwanzig Minuten durch die Vororte. Von meinen Artikeln konnten wir nicht leben. Ich fand eine Teilzeitstelle als Dozent an einem College. Arabella wurde zu ihrer großen Freude erneut schwanger. Mein Job wurde in eine volle Stelle umgewandelt, und gleichzeitig erschien mein erster Roman. Es gab Anerkennung, es gab milde Verrisse. Sechs Wochen später kam Jocelyns erster Roman heraus – ein sofortiger Erfolg. Er lief nicht viel besser als meiner (damals spielten Verkaufszahlen kaum eine Rolle), doch sein Autor hatte schon einen gewissen Namen. Man hungerte nach einer neuen Stimme, und so schön wie Jocelyn Tarbet hätte ich nie singen können.

Seine äußere Erscheinung (arischer Herrenmensch ist unfair – sagen wir lieber eine Mischung aus Bruce Chatwin und Mick Jagger) war seinem Ruf ebenso förderlich wie sein enormer Verschleiß an interessanten Freundinnen und der zerbeulte MGA