Meine wahre Geschichte - Ellen Theis - E-Book

Meine wahre Geschichte E-Book

Ellen Theis

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Beschreibung

Wer Arbeitskollegen hat, braucht keine Feinde. Auf Anna-Maria und ihre Kollegin Marion trifft das zu. Da Anna-Maria die Neue ist, sucht sie den Fehler zunächst bei sich. Doch so einfach ist es nicht, auch die Chefs mischen sich je nach individuellem Interesse in die Geschehnisse ein. Als Marion tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, zeigen alle Indizien auf Anna-Maria. Sie wird verhaftet, einzig ihre Anwältin bemüht sich um sie. Anna-Maria weiß, dass sie es nicht war, deshalb erzählt sie ihre wahre Geschichte.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ellen Theis

Meine wahre Geschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Meine wahre Geschichte

Zeuge Martin Schuster, Geschäftsführer der Agentur i-punkt

Zeuge Wolfgang Obermühlen, Kompagnon

Zeuge Stefan Ohrwieser, Grafiker

Mein Bericht

Zeugin Nadine Schulze-Wiebert, Sekretärin und Empfangsdame

Mein Bericht

Zeuge Carsten Platze, Grafik-Design

Zeugin Sonja Schön, Art Director

Zeugin Vanessa Korbmacher, Praktikantin

Mein Bericht

Auszüge aus Marions Tagebuch

Mein Bericht

Zeuge Martin Schuster, Geschäftsführer der Agentur i-punkt

Zeuge Wolfgang Obermühlen, Kompagnon

Zeugin Nadine Schulze-Wiebert, Sekretärin und Empfangsdame

Mein Bericht

Zeugin Jutta Kammer, Freundin des Opfers

Mein Bericht

Zeuge Stefan Ohrwieser, Grafiker

Zeuge Carsten Platze, Grafiker

Mein Bericht

Zeuge Kriminalhauptkommissar Holger Meinkamp

Mein Bericht

Frau Rosens Bericht

Bericht meiner Vernehmung

Zeugin Elisabeth Fröster, Tierheilpraktikerin

Mein Bericht

Impressum neobooks

Meine wahre Geschichte

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen,

sondern die Meinung von den Dingen, die wir haben.

vgl. Epiktet, Philosoph der Antike

Mein Bericht

„Bitte erheben Sie sich!“, rief der Gerichtsdiener. Ein Rauschen und Raunen ging durch den Raum, alle erhoben sich. Auch meine Eltern waren an diesem ersten Prozesstag da und meine zweitälteste Schwester Monika. Sie nickten mir zu, lächelten. Meinem Vater konnte ich ansehen, dass er sich hier unwohl fühlte. Ein Gerichtssaal war nicht das, was er in seinem Leben jemals hätte besuchen wollen. Schon gar nicht als Vater der Angeklagten. Ich übrigens auch nicht. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich jemals auf einer Anklagebank sitzen würde, weil man mich des Mordes an meiner Arbeitskollegin Marion Friedrich bezichtigte, ich hätte der Person einen Vogel gezeigt und sie aus dem Büro gewiesen. Täte vermutlich jeder, der sich für einen ordentlichen Staatsbürger hält. Und das bin ich immer gewesen – eine Staatsbürgerin, die sich an die Regeln hält. Eine, die fristgerecht ihre Steuererklärung abgibt, nur manchmal falsch parkt und niemals etwas stehlen würde. Eine, die erst recht nicht jemanden umbringt. Was ich getan haben sollte. Das ist völliger Blödsinn. Aber angeblich konnte man es mir beweisen. Für mich war das unglaublich. Alles fing damit an, dass ich diese Stelle bekam.

*

Ich hatte mich bei der Agentur i-punkt beworben, weil die Anzeige sich so gut anhörte – Herausforderung, Organisationstalent, Spaß. Und weil meine Stelle als PR-Beauftragte auslief und ich eine neue brauchte. Also zögerte ich nicht lange, setzte mich an den Computer und stellte eine Bewerbung zusammen. Die ich ohne langes Nachdenken abschickte – mit einem Klick auf die Schaltfläche „Senden“. Klappt oder klappt nicht, dachte ich. Es klappte, sie luden mich ein. Ich erinnere mich noch genau an das Hin und Her, um einen Termin zu finden. Mein noch aktueller Arbeitgeber musste nicht wissen, dass ich mich um eine andere Stelle bemühte. Also wechselten der Chef Martin Schuster und ich einige Mails, um einen Termin für ein Vorstellungsgespräch zu finden. Seine Hartnäckigkeit hatte mich beeindruckt und ich hatte ein gutes Gefühl, als ich an der Tür des zweistöckigen Hauses klingelte. Das Klingelschild war abgenutzt, der Lack an der Zarge abgeplatzt. Dafür bot das Treppenhaus Kunst und Farbe. Auf jedem Treppenabsatz stand eine Skulptur aus Stein, aber ich widmete den Figuren kaum Aufmerksamkeit. Das knallige Rot des Treppengeländers hingegen gefiel mir. Und dann stand ich vor zwei Türen, beide verschlossen. Kein Schild, kein Hinweis, keine Klingel. Endstation? Mitnichten – es war ja der Anfang.

Marion Friedrich öffnete mir die Tür, ein breites Lächeln im Gesicht. Ihre grauen Locken fielen locker auf die Schultern, das Gesicht leuchtete im Schein der Lampe. Pummelig, war das erste Wort, das mir bei ihrem Anblick einfiel. Dann kam die Stimme und der Eindruck war sofort weg. Eine harte Altstimme, kein Pendant zur Figur. „Guten Tag, mein Name ist Marion Friedrich, Sie sind Frau Enkemann?! Wir gehen in den Besprechungsraum“, sagte sie, ohne auf eine Erwiderung von mir zu warten. Sie geleitete mich in einen großen, lichtdurchfluteten Raum mit einem ovalen Tisch und acht Stühlen, bot mir einen Platz an und verschwand gleich wieder. Ich legte meine Arbeitsmappe auf den Tisch, hängte meine Jacke über die Stuhllehne, ging zum Fenster, um mich von dem bevorstehenden Gespräch abzulenken. Draußen war alles grau, der Asphalt, die gegenüberliegenden Häuser, der Himmel – ein grauer Tag. Hatte ich die Chance auf ein Licht am Horizont?

„Frau Enkemann, das ist schön, dass Sie da sind!“

Ich drehte mich um und sah Martin Schuster, einen hochgewachsenen Mann in den 50ern, locker gekleidet in Jeans und Pullover. Hinter ihm betrat Marion Friedrich den Raum, trug ein Tablett mit Gläsern und eine Mappe unter den Arm geklemmt.

„Setzen Sie sich, Frau Enkemann, dürfen wir Ihnen ein Wasser anbieten?“ Der Chef zeigte auf den Stuhl, den ich schon belegt hatte, Marion verteilte die Gläser und schenkte Wasser ein. Dann ließ auch sie sich nieder und öffnete ihre Mappe. Martin Schuster begann das Gespräch und es verlief genau wie alle anderen, die ich schon erlebt hatte. Ich erzählte von mir, meinem Werdegang, schilderte meine Erfahrungen und das, was ich jetzt tat. Ich bemühte mich, mich so gut wie möglich zu verkaufen. Bei Martin Schuster hatte ich das Gefühl, dass er zuhörte und sich für mich interessierte. Anschließend war Marion an der Reihe. Sie sprach von dem Projekt, das sie betreute und das wichtig für das Bestehen der Agentur war. Im Wesentlichen ging es um die Pflege der Datenbank, das Einsetzen von Werbetexten und die Koordination von Kundenwünschen mit Freigaben und Druckanforderungen. Später wünschte ich mir oft, ich hätte jedes Wort von ihr auf Band aufgenommen. Dann hätte ich es mir anhören können, um sicher zu sein, dass ich nicht alles falsch machte. Aber davon wusste ich zu diesem Zeitpunkt ja nichts. Ich wollte diese Stelle und nicht diese Frau. Martin Schuster war für mich der Chef und damit der Entscheider. Dass Marion eine weit größere Macht besaß, erfuhr ich erst später. Ob ich auch bei Marion einen guten Eindruck hinterlassen hatte, habe ich mich nie gefragt. Vielleicht war ich für sie nur das geringste Übel unter allen Bewerbern. Das habe ich nie erfahren.

Als Martin Schuster mich anrief, um mir zu sagen, dass sie sich für mich entschieden hatten, wollte ich es im ersten Moment nicht glauben. Doch als wir anfingen, nach einem Termin für die Vertragsunterzeichnung zu suchen, kam die Botschaft auch in meinem Gehirn an: Ich hatte die Stelle! An diesem Abend lud ich meine Freunde und die Familie spontan zu einer Party ein. Meine Eltern waren froh, sagten aber ab, weil sie als Babysitter bei meiner ältesten Schwester eingeteilt waren. Ich sparte mir also den Anruf bei meiner Schwester Sabine und lud lediglich Monika, meine zweitälteste Schwester ein. Die freute sich und kam gern mit ihrem Andreas. Zusammen mit meinem Freundeskreis feierten wir die Zusage von Martin Schuster und stießen auf meine Zukunft in der Agentur i-punkt an.

Am ersten Tag war ich nervös. Ich war zu früh da, musste draußen im kalten Wind warten, bis jemand kam, der die Haustür aufschloss. Es war der Grafiker Stefan, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte. Ich sprach ihn einfach an, als er mit dem Schlüssel auf die Haustür zuging. Unkompliziert begrüßte er mich und nahm mich mit den Flur hinauf. Wieder sah ich auf die beiden Türen, die sich durch nichts unterschieden. Inzwischen wusste ich, dass es rechts zur Agentur hineinging und links ein Abstellraum hinter der Tür lag. Stefan ließ mich die Jacke aufhängen, führte mich durch die Räume bis zur Küche, die im hinteren Bereich lag. Ein schmaler Schlauch mit einer Einbauküche und dem Wesentlichen einer Büroausstattung: der Kaffeemaschine. Stefan bereitete den Kaffee vor und erklärte mir gleich die Grundregel: Wenn Kaffee da ist, bedient man sich – wer die Kanne leert, kocht gleich einen frischen Kaffee. Das Angenehme an dem Grafiker Stefan war, dass er ohne Unterlass plauderte. Er zeigte mir die Sitzplätze der Kolleginnen und Kollegen: Sonja Schön war Art Director und saß an der Fensterseite des Gemeinschaftsbüros. Ihr gegenüber saß Carsten Platze, ein junger Mann, der seit über einem Jahr in der Agentur arbeitete. Stefan meinte, er habe ihn angelernt und ihm die Grundzüge einer Homepage beigebracht. Ebenfalls in diesem Raum war die Praktikantin untergebracht, Vanessa, eine junge Frau Anfang Zwanzig. Sie wolle Medien-Designerin werden, sagte Stefan. Dann führte er mich zu seinem Arbeitsplatz, setzte sich und fuhr seinen Rechner hoch. Ich stand hinter ihm und wusste nicht so recht, was ich tun oder sagen sollte. In seinem Büro standen noch zwei Schreibtische, die ungenutzt aussahen. War einer der beiden mein Arbeitsplatz?

Nur wenige Minuten später hörte ich Schritte im Flur, der Chef bog um die Ecke.

„Frau Enkemann, schön, dass Sie schon da sind. Ich habe Sie draußen gesehen, musste aber erst mein Telefonat beenden und als Stefan kam, habe ich gedacht, dass er sich kümmert.“

Ich war ein wenig erstaunt, denn ich hatte Martin Schuster nicht gesehen.

„Hast du Frau Enkemann schon alles gezeigt?“, fragte er Stefan. Ohne die Antwort abzuwarten, wandte er sich an mich. „Also, um mal beim Wichtigsten anzufangen – wir duzen uns hier alle und es scheint mir sinnvoll, Sie beziehungsweise du schließt dich dem an. Ich bin Martin!“ Er streckte mir die Hand entgegen.

Ohne ein Wort nahm ich sie und schüttelte ihm die Hand.

„Gut, dann ist das geklärt. Das ist Stefan, Grafiker. Er macht in der Hauptsache die Zeitschrift des Wohlfahrtsvereins, sie kommt jedes Quartal raus. Und nebenbei die Bildauswahl für Homepages und anderes. Er kann eigentlich alles.“

Jetzt war es an mir, zu handeln. Ich streckte Stefan die Hand entgegen. „Wir haben uns ja schon kennengelernt, ich bin Anna-Maria.“

Stefan starrte auf meine Hand, dann sah er mich an. Seine langen Haare fielen ihm ins Gesicht und er pustete sie weg. Er grinste: „Du weißt ja, wo die Kaffeemaschine steht.“ Dann erst griff er nach meiner Hand und schüttelte sie vorsichtig.

Ich grinste ebenfalls.

„So, und hier ist dein Büro!“, sagte Martin Schuster und verließ das Zimmer von Stefan. Wir gingen in einen Raum, der vorn zur Straße zeigte und in dem nur zwei Arbeitsplätze eingerichtet waren. „Das ist Marions und dein Büro. Dein Schreibtisch!“ Er wies auf einen der Tische, auf dem ein Computer thronte. „Du kennst dich ja aus, fahr ihn erst einmal hoch, dann können wir uns über die Aufteilung unterhalten.“ Martin ließ mich stehen und verschwand in einem weiteren Raum, der offenbar das Chefbüro war.

Mit einem Gefühl aus Aufregung, Freude und Lampenfieber stellte ich meine Tasche in eine Ecke, startete den Computer und setzte mich auf meinen Schreibtischstuhl. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Hier würde ich ab jetzt meine Tage verbringen. Ich schaute auf eine Wand, an dem der obligatorische Bürokalender im Drei-Monate-Format hing. Darunter stand ein Drucker auf einem kleinen Schrank, hinter dessen Schranktüren vermutlich Toner und Papier untergebracht waren. Marions Schreibtisch stand parallel zu meinem, zeigte aber an die andere Wand. Sie saß quasi in meinem Rücken. Uns trennte ein weiterer Schreibtisch, den wir gemeinsam als Ablagefläche nutzen konnten. Wobei Marion an ihrer linken Seite zur Fensterfront noch eine ganze Reihe weiterer Tische hatte, die mit Ablagekörben und Zeitschriftenstapeln belegt waren. Nur am äußeren Ende dieser Tischreihe stand noch ein Computer, davor ein Stuhl. Das war vermutlich der Katzentisch, an dem ein Praktikant oder ein Auszubildender Platz hatte. Momentan schien es niemanden zu geben, denn der Arbeitsplatz war leer.

Nach und nach trafen weitere Menschen ein, ich hörte sie lediglich, denn niemand betrat Marions und mein Büro. Ich sah mir die Arbeitsoberfläche des Computers an und freute mich, dass das Gerät schon auf meinen Namen eingestellt war. Wenn mir jetzt noch jemand mein Kennwort verraten würde, könnte ich starten. Ich blickte auf dem Schreibtisch umher, in der Hoffnung, einen Klebezettel oder ähnliches zu finden. Stattdessen betrat Stefan das Büro.

„Kennwort?“, fragte er. „Ich bin sicher, du brauchst eins.“ Er schob sich neben mich und tippte auf meiner Tastatur. Automatisch rollte ich mit dem Schreibtischstuhl zur Seite und versuchte mich klein zu machen.

„Machen wir alle gleich. Also i-punkt und deine Initialen AME. Großbuchstaben für die Initialen, den Rest alles klein. Mit Bindestrich. Sicherheitsanforderungen erfüllt.“ Er tippte auf die Enter-Taste und der Startbildschirm löste sich auf in ein helles Blau mit verschiedenen Symbolen. „Den Rest erklärt dir Marion, ihr teilt euch ja das Projekt. Da mische ich mich jetzt nicht ein. Klick dich doch einfach mal durch, da findest du dich sicher zurecht. Ist ja nicht das erste Mal, stimmts?“

„Nee, natürlich nicht“, sagte ich und war froh, als er einen Schritt nach hinten trat.

„Marion müsste gleich kommen“, sagte er. „Hol dir doch erst mal einen Kaffee, der dürfte jetzt fertig sein.“

Ich gehorchte und lief hinter ihm her, um den Weg zur Kaffeeküche am hinteren Ende der Räumlichkeiten wiederzufinden. Im Großraumbüro saß ein junger, schlaksiger Mann an einem Schreibtisch und ich nahm an, dass es Carsten war.

„Hallo, ich bin Anna-Maria“, sagte ich und ging auf ihn zu.

„Ach, neu? Oh, du sitzt vorn bei Marion, nicht wahr? Da habe ich auch schon mal gesessen“, verriet er mir und lächelte. „Aber jetzt sitze ich hier. Ich bin für die Homepages zuständig. Manchmal auch für Flyer“, sagte er.

„Grafik?“, fragte ich, obwohl ich es schon wusste.

„Auch“, antwortete er. „Sonja kommt heute ein bisschen später. Aber Vanessa ist schon da. Sie bespricht mit Martin gerade ihren Praktikumsbericht.“ Er blickte auf seine Tastatur.

„Ja, ich geh dann mal einen Kaffee holen“, sagte ich und begab mich in die kleine Küche, in der es angenehm nach Kaffee duftete. Ich öffnete alle Schranktüren, bis ich die Tassen gefunden hatte und goss mir eine Tasse ein. Durfte ich jetzt meinen Kaffee neben der Tastatur abstellen oder galt absolutes Trinkverbot am Computer? Normalerweise hatte ich immer eine Wasserflasche in greifbarer Nähe. Aber vermutlich musste ich in dieser Agentur nichts mehr von zuhause mitbringen, auch das Mineralwasser nicht. Langsam ging ich mit meiner Tasse zurück und blieb hinter Carsten stehen. Ich sah auf seinen Bildschirm und überflog die Zeilen mit den kurzen Anweisungen.

„Kannst du Homepages?“, fragte Carsten mich.

„Nicht wirklich“, sagte ich rasch. „Ich habe vorwiegend Redaktionssysteme betreut und natürlich online-Portale.“

„Ach so“, sagte Carsten. „Ist aber nicht so schwer, ich kann dir das mal zeigen.“

„Wenn ich Zeit dafür habe, gerne!“, sagte ich und fragte mich, ob das auch zu meinen Aufgaben gehörte.

„Du machst doch Marions Projekt oder nicht?“

„Ja“, sagte ich kurz.

„Dann hast du Zeit“, meinte Carsten. „Vorher und hinterher. Mittendrin geht gar nichts.“

„Oh, du kennst die Aufgabe?“, fragte ich interessiert.

„Klar, kennen wir alle hier. Mehr oder weniger sind alle daran beteiligt. Auch Vanessa. Die macht immer die kleinen Texte. Also, die Bausteine einsetzen und so.“

„Ah ja“, sagte ich, als ob ich eine Ahnung hätte, worum es ging. Ich trank noch einen Schluck Kaffee.

„Auch nicht so schwer“, sagte Carsten.

„Ist sie hier?“, kam eine Stimme aus dem Durchgangsbüro von Stefan.

„Sie sucht dich“, sagte Carsten.

Ich hatte die markante Alt-Stimme schon einsortiert. Marion war also gekommen.

Nach der ersten Stunde Einweisung durch Marion schwirrte mir der Kopf. So viele Namen, Dateien, Festplatten – es würde eine Weile dauern, bis ich mir einen Überblick verschafft hatte. Immerhin hatte ich die Grundzüge des Projekts verstanden. Alle Franchise-Partner des Kunden wählten einen für ihre Kundschaft passenden Werbeauftritt aus einem feststehenden Angebot. Wir gestalteten die Broschüre mit den individuellen Angaben und Bildern und lieferten das fertige Ergebnis zum Kunden. Mit Hilfe einer neuen Datenbank sollten alle individuellen Angaben unkompliziert mit nur einem Klick eingefügt werden können. Beim nächsten Durchlauf des Projekts würde sich zeigen, ob die Datenbank das lieferte, was der Chef sich davon versprach. Marion war schon jetzt überzeugt, dass es nicht funktionieren würde und sie prophezeite mir einen erhöhten Arbeitsaufwand.

„Hier geht nichts raus, was der Kunde nicht auch freigegeben hat!“, sagte sie mit einer ziemlichen Vehemenz.

„Wir werden sehen, ob es klappt“, pflichtete ich ihr bei.

„Gut, dann kannst du ja schon mal einen Probeprospekt gestalten, such dir einfach einen Kunden aus und stelle einen Prospekt zusammen. Vielleicht die Variante mit neuen Auszubildenden, da musst du die meisten Fotos einfügen“, sagte sie und setzte sich an ihren Computer.

Mit Elan öffnete ich das Muster „Neue Auszubildende“ und machte ein neues Dokument daraus. Ich betitelte es mit „Versuch1“, änderte die Texte, setzte Bilder ein. Von Marion hörte ich nichts mehr, nur das Klicken von Tastatur und Maus.

*

Zeuge Martin Schuster, Geschäftsführer der Agentur i-punkt

„Herr Schuster, bitte erläutern Sie uns die Situation um die Einstellung und Entlassung von Frau Anna-Maria Enkemann“, sagte der Staatsanwalt. Er war ein hagerer Mann, dessen Gesicht von den Akne-Narben der Jugend gezeichnet war. Das Licht im Saal ließ die alten Narben unvorteilhaft aufleuchten.

Martin Schuster räusperte sich, dann setzte er sich betont aufrecht auf seinen Stuhl. „Ja, gerne. Ich habe Frau Enkemann als Unterstützung für ein bereits bestehendes Projekt eingestellt, das Frau Friedrich bearbeitet hat. Parallel dazu sollte sie die Neuentwicklung eines anderen Projektes begleiten und später federführend betreuen. Aber dies war noch im Anfangsstadium. Dann hat es in der Zusammenarbeit der beiden Frauen Probleme gegeben, die mein Kompagnon Herr Obermühlen durch die Kündigung von Frau Enkemann zu lösen versuchte. Dies führte zum Widerstand der Kolleginnen und Kollegen, daraufhin habe ich dafür gesorgt, dass Frau Friedrich entlassen wurde und Frau Enkemann wieder eingestellt.“

„Das klingt ein wenig nach Verwirrung“, meinte der Staatsanwalt und sah Herrn Schuster prüfend an. „Erst stellen Sie jemanden ein, Ihr Kompagnon …“, er machte eine Pause und blätterte in seinen Unterlagen. „Ihr Kompagnon“, wiederholte er, „Herr Wolfgang Obermühlen entlässt die Person und dann stellen Sie sie wieder ein und entlassen jemand anderen. Haben Sie und Herr Obermühlen ihre Kompetenzen nicht geregelt?“

Martin Schuster wurde ein wenig rot im Gesicht. „Doch, haben wir“, widersprach er. „Es hat ja auch jahrelang gut funktioniert!“, setzte er hinzu.

Der Staatsanwalt machte eine wegwerfende Geste. „Ist es richtig, dass es zwischen Ihnen und Frau Friedrich einen Streit wegen Frau Enkemann gegeben hat?!“

Der Agenturleiter seufzte. „Ja, das tut mir im Nachhinein natürlich leid. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass ich dafür gesorgt habe, dass Frau Friedrich mit der Kündigung keine Nachteile in Kauf nehmen musste. Ich habe bei dem Kunden, für den sie seit Jahren dieses Projekt gemanagt hat, ein gutes Wort für sie eingelegt. Frau Friedrich hätte bei dem Kunden anfangen können, mit derselben Aufgabe, die sie bei uns ausgeführt hat. Wir hätten das Projekt abgegeben und damit einen massiven Verlust in Kauf genommen.“

„Man kann also sagen, Sie haben alles getan, um Frau Friedrich loszuwerden?“, fragte der Staatsanwalt. Er beugte sich über den Tisch nach vorn, als wollte er Martin Schuster genauer unter die Lupe nehmen.

„Nein, natürlich nicht“, ärgerte sich Martin Schuster. „Ich wollte Frau Friedrich nicht so ohne Weiteres ins Nichts entlassen. Das wäre nicht fair gewesen.“

„Okay. Und der Streit? Worum ging es da?“

„Um einen Auftrag, bei dem die kreative Arbeit von Frau Enkemann nicht berücksichtigt wurde. Darauf hat mich ein Mitarbeiter aufmerksam gemacht und ich habe darüber mit Frau Friedrich gesprochen.“

„So laut, dass alle im Büro dies gehört haben?“, fragte der Staatsanwalt. Es klang, als könne er sich so etwas nicht vorstellen.

„Ja.“ Martin Schuster atmete laut aus. „Frau Friedrich hatte sich angewöhnt, ohne Rücksprache mit mir oder dem Art Director über Texte und Bilder zu entscheiden. Das war mir schon mehrfach aufgefallen, ich hatte sie bereits darauf hingewiesen und um Offenheit gebeten. Sie hat sich nicht daran gehalten. Wieder einmal.“

„Das heißt, Sie haben sich über Ihre Mitarbeiterin geärgert?“

„Ja.“ Martin Schuster fügte dem nichts hinzu und schwieg.

„Herr Schuster, als Arbeitgeber kennen Sie natürlich die Privatadressen Ihrer Mitarbeiter. Waren Sie jemals bei Frau Friedrich in der Wohnung?“

Der Agenturleiter sah den den Staatsanwalt irritiert an. „Wie meinen Sie das?“

„Haben Sie die Wohnung von Frau Friedrich jemals betreten?“

Martin Schuster dachte nach. „Ja, ich glaube vor ein paar Jahren mal. Da hatte sie uns eingeladen zu ihrem Geburtstag. Ein runder Geburtstag, der vierzigste, wenn ich mich nicht irre. Aber da waren wir nur kurz, meine Frau und ich.“

„Und seitdem nicht mehr?“

Der Agenturleiter schüttelte den Kopf. „Nein, warum sollte ich?“

„Korrekt“, sagte der Staatsanwalt. „Also, nicht Sie, sondern Ihr Kompagnon hat Frau Enkemann entlassen. Ist das richtig?“

Martin Schuster nickte. „Ja, das ist richtig.“

„Und Sie haben Frau Friedrich entlassen. Das war nicht Ihr Kompagnon.“

„Nein, das war er nicht. Nach der Entlassung von Frau Enkemann haben mein Kompagnon, Herr Obermühlen, und ich noch einmal die unterschiedlichen Aufgaben in der Agentur besprochen. Die Mitarbeiterführung obliegt mir.“

„Ach, und warum hat der Herr Obermühlen sich im Falle von Frau Enkemann nicht daran gehalten?“, fragte der Staatsanwalt. Er klang sehr interessiert.

Herr Schuster seufzte wieder. „Als Herr Obermühlen und ich die Agentur gründeten, haben wir gemeinsam Frau Friedrich eingestellt. Unsere erste Vollzeitkraft. Wir haben sie damals bei dem Zahnarzt von Herrn Obermühlen abgeworben, weil wir ihr medizinisches Fachwissen brauchten. Wir wollten fachkundige Texte für unsere Arbeit, kein inhaltsleeren Werbebotschaften. Wolfgang kannte Frau Friedrich gut und hat sie überzeugen können, bei uns anzufangen. Diese enge Bindung bestand auch nach dem Rückzug von Wolfgang Obermühlen noch. Frau Friedrich hat ihn angerufen, nachdem wir unseren Streit hatten. Deshalb hat er Frau Enkemann entlassen.“

„Womit Frau Friedrich Ihnen wiederum eine Niederlage in Ihrer Kompetenz beschert hat. Finden Sie das nicht ein bisschen viel?“ Er sah Herrn Schuster aufmerksam an. Der reagierte nicht. „Gut, Sie haben dann, wie wir schon gehört haben, Frau Friedrich einen roten Teppich ausgerollt, damit sie das Unternehmen verlässt. Das hat sie dann auch getan?“

„Nachdem Sie noch anderthalb Wochen lang geblieben ist, um ihre angefangenen Aufträge zu beenden und ihren Schreibtisch aufzuräumen. Das war eine sehr anstrengende Zeit für uns alle.“

„Aber eigentlich doch eine sehr umsichtige Mitarbeiterin oder nicht? Oder hätte Sie Ihrer Meinung nach alles stehen und liegen lassen sollen?“, fragte der Staatsanwalt.

Martin Schuster zuckte die Achseln. „Ich kann nur sagen, dass ich in dieser Zeit nicht sehr oft im Büro war. Außentermine, Kundenberatung“, setzte er hinzu.

„Ah ja. Dann werden wir Ihre Mitarbeiter dazu befragen. Mit dem Wiedereintritt von Frau Enkemann waren Sie dann zufrieden?“

„Ja“, sagte Martin Schuster. „Die Stimmung im Büro war gut. Entspannt. Es wurde wieder gelacht, man konnte sich frei bewegen.“

Zeuge Wolfgang Obermühlen, Kompagnon

„Herr Obermühlen, Sie haben Frau Friedrich gut gekannt. Bitte schildern Sie Ihren Eindruck von Frau Friedrich.“ Der Staatsanwalt musterte seinen Gegenüber.

Der alte Mann mit dem grauen Schnäuzer räusperte sich und streckte den Rücken, bevor er sprach. „Frau Friedrich war eine liebenswerte und freundliche Person. Sie war fachkundig und hatte einen außerordentlich guten Kontakt zum Großkunden.“ Seine Worte waren sachlich, aber das Zittern der Stimme war nicht zu überhören.

„Sie mochten Frau Friedrich?“, fragte der Staatsanwalt nach.

„Ja.“ Mehr als die einsilbige Antwort kam nicht.

„Was hat Frau Friedrich Ihnen gesagt, damit Sie Frau Enkemann entlassen?“, setzte der Staatsanwalt nach.